Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Wo der Verräter wohnte

Vor 78 Jahren, am 27. Mai 1942, fand in Prag-Libeň das Attentat auf eine der finstersten Führungsfiguren des Dritten Reiches statt, den stellvertetenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich, der 8 Tage später seinen Verletzungen erlag.

Ausgeführt hatten das Attentat (Operation Anthropoid) aus England eingeflogene tschechoslowakische Fallschirmjäger, von denen es etliche Gruppen im Lande gab, die daran arbeiteten, das Attentat zu planen und den Widerstand gegen die Nazis im Lande mit aufzubauen. Einer dieser Fallschirmjäger war Karel Čurda. Er sollte seinen Mitstreitern zum Verhängnis werden.

Warum Čurda, dessen Namen in Tschechien zum Symbol des Verrätertums wurde, seine Kameraden an die Gestapo verriet, ist immer noch heiß diskutiert. Die gängige Erklärung ist, dass er aus Angst handelte, weil nach dem Attentat immer mehr Mitbeteiligte des Widerstandes verhaftet wurden, um dann meist samt ihrer Familien ausgelöscht zu werden. Die Nazis machten Ernst. Er hatte mitbekommen, wie die Nazis aus Rache für das Attentat die Bevölkerung der Dörfer Lidice und Ležáky ausgelöscht hatten. Und: Wer rechtzeitig – auch als Beteiligter – Tathinweise gab, konnte ungestraft davon kommen. Zudem hatten die Nazis eine hohe Belohnung versprochen (die er übrigens nie vollumfänglich ausgehändigt bekam).

Wie dem auch sei: Er meldete sich beim Hauptquartier der Gestapo in Prag und verriet einige der Familien, bei denen seine früheren Mitstreiter sicheren Unterschlupf fanden. So entdeckte die Gestapo das Versteck der Widerstandskämpfer in der Krypta der Kirche St. Kyrill und Method (früherer Beitrag hier), darunter die eigentlichen Attentäter Jan Kubiš und Jozef Gabčík. Nach einem langen Feuergefecht fanden sie alle ihren Märtyrertod für die Freiheit des Landes.

Die Gestapo bedankte sich bei Čurda und verschaffte ihm sicherheitshalber eine neue Identität als „Karl Jerhot“. Er heiratete eine deutsche Frau und bekam von den Nazis in der heutigen Francouzská 77/8 in Vinohrady (Prag 2) eine große moderne Wohnung spendiert. Er arbeitete weiterhin als Spitzel, aber mit immer geringerem Erfolg, da er immer mehr zum schweren Alkoholiker wurde. Nach dem Ende des Krieges verhaftete die Polizei ihn umgehend. Am 29. April 1947 wurde er im Gefängnis von Pankrác durch den Strang hingerichtet. Seine Frau wurde nach Österreich ausgewiesen.

An dem Haus in Vinohrady, wo er seine Zeit als Kollaborateur Karl Jerhot verbrachte, erinnert nichts mehr daran – wer möchte schon gerne in einem Haus mit beschädigtem Ruf leben und auch noch dauernd daran erinnert werden? Im Erdgeschoss befindet sich ein wohlsortierter kleiner Lebensmittelladen, der 24 Stunden offen hat und ob seiner hohen Qualität ebenfalls kein Negativimage bekommen sollte. So bleibt das Wissen um dieses Kapitel der Geschichte des Hauses zurecht etwas, das historisch Versierten, die spezielle Reiseführer nutzen, vorbehalten bleibt. Bei dem Haus handelt es sich um einen fünfstöckigen Mietsblock. Er wurde 1937/38 von dem Architekten Stanislav Brázda im damals modernen strengen funktionalistischen Stil erbaut. Es war also ein sehr neues und modernes Haus, in das „Jerhot“ damals einzog, und es dürfte allerlei Komfort geboten haben (Elektrizität, fließend Wasser etc.), den seinerzeit nicht jedes Haus in Prag bot. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)

Freiheitskämpfer der Nation

Eine Büste mit einer Gedenkplakette erinnert daran, dass er hier in diesem Haus in der Francouzská 436/36/Ecke Masaryka im Jahre 1890 geboren wurde: Alois Eliáš – ein Kriegsheld der Tschechoslowakischen Legion im Ersten Weltkrieg, ein während der Nazibesetzung zur Kollaboration Gezwungener, der seine Position nutzte, heimlich den Widerstand zu unterstützen, und der einzige Regierungschef, den Hitler hinrichten ließ.

Nominell war die „Rest-Tschechei“, die Hitler 1939 unter Tolerierung der westlichen Alliierten besetzt hatte, kein erobertes Land, sondern ein eigener Staat mit eigener Regierung, der unter deutschem „Schutz“ stand, als Protektorat Böhmen und Mähren. In Wirklichkeit ließen die Nazis den demokratisch gesinnten Politikern, die die Regierungsämter bekleideten, kaum Spielräume. Es verlangte ihnen grausige Kompromisse ab, um vielleicht die Chance zu bekommen, Schlimmeres zu verhindern, aber das schien ihnen immer noch besser als das Land vollständig den Deutschen zu überlassen.

Alois Eliáš hatte im Ersten Weltkrieg in tschechischen Einheiten in der französischen Armee gekämpft, um seine böhmische Heimat von der Habsburgerherrschaft zu befreien. Er wurde danach einer der ersten Generäle in der neuen Tschechoslowakischen Republik. Es war also ein überzeugter tschechischer Patriot und Demokrat, der im April 1939 die entsetzliche Bürde auf sich nehmen musste, unter den Nazis Ministerpräsident zu werden. An echte Kollaboration dachte er dabei nie, eher an Wege, wie er das Amt nutzen konnte, um die Spielräume des Widerstands zu erweitern. Er und seine Regierung versuchten, Obstruktion zu betreiben, wo man konnte. Heimlich hielt er Kontakt zur Londoner Tschechoslowakischen Exilregierung  unter Präsident Beneš. Enge Verbindungen zur Widerstandsrganisation ÚVOD wurden geknüpft, was deren Effektivität stärkte. An einem Plan, nazi-treue Journalisten zu beseitigen, schien er ebenfalls beteiligt gewesen zu sein.

Die Gestapo kam der Sache jedoch schnell auf die Schliche und Eliáš wurde im September 1941 verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Vor einer Vollstreckung schreckten die Nazis jedoch zunächst zurück. Erst als am 4. Juni 1942 der stellvertretende Reichsprotekor  Reinhard Heydrich an den Folgen des Attentats gestorben war, ließen sie alle Hemmungen fallen. Summarische Massenhinrichtungen standen nun auf der Tagesordnung. Am 19. Juni wurde er auf dem berüchtigten Schießplatz von Kobylisy (früherer Beitrag hier) hingerichtet.

Als nach dem Krieg die Demokratie wieder hergestellt wurde, galt Eliáš zurecht als einer der großen Helden des Widerstandes, der unglaublichen Mut und das größtmögliche Opfer für seine Überzeugungen aufgebracht hatte. Deshalb wurde 1947 an seinem Geburtshaus im Stadtteil Vinohrady (Prag 2) die Plakette angebracht, die ihn als Freiheitskämpfer der Nation anpreist. Die Büste war ein Werk des Bildhauers Jan Kavan.

Ein Jahr später war es mit der Verehrung schon wieder vorbei, denn da hatten die Kommunisten bereits die nächste Runde des Totalitarismus eingeläutet. Die konnten mit einem bürgerlich-demokratischen Widerstandskämpfer wenig anfangen, zumal Eliáš mit der ÚVOD eine bewusst nicht-kommunistische Widerstandsgruppe unterstützt hatte. Die Büste blieb zwar, wo sie war, aber sonst verschwand das Andenken an ihn. Erst nach dem Ende der kommunistischen Schreckenszeit 1989 würdigte man ihn wieder angemessen. 1996 wurde er postum mit dem Orden des Weißen Löwen ausgezeichnet und 10 Jahre später wurde seine Urne auf dem Nationaldenkmal von Žižkov in allen Ehren mit einem Staatsbegräbnis beerdigt. (DD)

Erschütternder Ort

Es gibt Orte, bei denen einen das Gefühl von Grauen und Scham überkommt. Der Schießplatz von Kobylisy (Kobyliská střelnice) ist ein solcher Ort, wo jedermann brutal vor Augen geführt wird, welch einen Schrecken und welch ein Leid das nationalsozialistische Deutschland dereinst über dieses Land gebracht hat. Hier befand sich die zentrale Stelle für Massenerschießungen.

Begonnen hatte die Einrichtung eigentlich als bloßer Übungsplatz der Armee des Habsburgerreichs im Jahre 1890. Das Areal lag damals außerhalb der Stadt Prag und unweit der heute zu Prag gehörenden Ortschaft Kobylisy. Die Anlage wurde nach dem Ende der Habsburgischen Monarchie 1918 nahtlos von der neuen Tschechoslowakischen Armee für militärische Schießübungen übernommen.

Im Grunde handelte es sich nur um eine große rechteckige Wallanlage, die aus Erdreich aufgeschüttet worden war. Zu Beginn war das ein hinreichender Schutz, nicht nur gegen herumirrende Kugeln, die die Rekruten auf die Zielscheiben abfeuerten, sondern auch gegen den Lärm. Darüberhinaus wurden neben oder in der Anlage einige hölzerne Nutzgebäude, etwa Pferdestelle, errichtet.

Mit der Zeit wuchs die Stadt und Kobylisy wurde von Prag eingemeindet. Als die Nazis 1939 einmarschierten, war das Areal drumherum bewohnt (heute ist es von Plattenbauten umrundet). Die Nazis störte das zunächst nicht, denn als sie den Übungsplatz zur Hinrichtungsmaschinerie umfunktionierten, dachten sie zuerst an den abschreckenden Effekt, den es haben könnte, wenn ihr Tun von der Bevölkerung in all seiner Brutalität wahrgenommen würde. Das führte jedoch zu trotzigen Widerstandsmanifestationen der Bevölkerung, die man noch als Arbeitspotential für die industrielle Rüstungsproduktion betrachtete, und „bei Laune“ halten wollte. Fortan wurde das Ganze möglichst ohne Publikum durchgeführt. Wenn größere Erschießungen stattfanden, wurden sogar bisweilen Lastwagen vor das Gelände gestellt, die laute Motorengeräusche machten, um den Lärm ein wenig zu überdecken.

Der Schießplatz war kein Teil des Genozidplans gegen die Juden, sondern diente (wie ab 1943 die Guillotine im Gefängnis von Pankrác) der Tötung von Widerständlern oder Racheaktionen gegen die Bevölkerung – insbesondere nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, dem „Schlächter von Prag“ im Jahre 1942. So wurden hier auch 26 Bürger des Dorfes Lidice erschossen. Die Bevölkerung des Dorfes wurde am 9. Juni 1942 als Vergeltung für den Tod Heydrich getötet; die 26 Bewohner waren zufällig zu diesem Zeitpunkt nicht dort gewesen und wurden nachträglich aufgegriffen und in Kobylisy erschossen.

Überhaupt erreichten die Hinrichtungen in Kobylisy ihren traurigen mengenmäßigen Höhepunkt in der Zeit nach Heydrichs verdientem Ende, d.h. in der Zeitraum von Mai bis Juli 1942. Zu den unzähligen Opfern gehörten unter anderem Bischof Gorazd, der die Heydrich-Attentäter in seiner Kirche versteckt hatte (siehe hier), der unter den Nazis als Ministerpräsident eingesetzte Alois Eliáš, der heimlich mit der Exilregierung Verbindungen geknüpft hatte, die Frauenrechtlerin Františka Plamínková oder der Schriftsteller Vladislav Vančura (siehe hier). Insgesamt wurden in den Jahren der Besetzung über 550 Menschen auf dem Schießplatz von den Nazis ermordet.

Schon unmittelbar nach der Befreiung 1945 wurde hier der Opfer gedacht, indem man an der Nordseite des Areals ein große Kreuz mit einem Kranz aufstellte (das 1990 renoviert wurde). Aber erst 1978 erfolgte der systematische Ausbau zu einer Gedenkstätte. Vor dem Kreuz wurde auf einer großen Betonfläche die Bronzestatue mit der Figur einer verzweifelt liegenden Frauengestalt unter dem Titel Das unbezwungene Vaterland (Nepokořená vlast) des Bildhauers Miloš Zet aufgestellt. Die Fläche markiert die Stelle, wo die Nazis in einem kleinen Holzhaus die hölzernen Särge aufbewahrten, in die die Opfer nach der Ermordung abtransportiert wurden, um dann im Krematorium von Strašnice eingeäschert zu werden.

Überhaupt dominiert jetzt spätsozialistische, ja geradezu brutalistische Ästhetik. Besonders im Winter, als ich das Denkmal besuchte, ist die kalte und abweisende Betonkunst dieser Zeit tatsächlich ein durchaus angemessener künstlerischer Ausdruck für das Grauen, das hier einst geschehen war. Schon das kleine und sehr niedrige Betonportal, durch das man von außen die Wallanlage betritt, wirkt beklemmend.

Am anderen Ende sieht man das aus zwei rechtwinklig zueinander gesetzten großen senkrechten Betonwänden bestehende Denkmal selbst, das die Wände markiert, an denen die Opfer aufgereiht wurden, bevor die Kugeln der Schergen sie trafen. Die Entwürfe dazu stammen von den Architekten Luděk Todl und Josef Polák. Auf der dem Eingang zugewandten Seite steht der Schriftzug: „Zastav se na chvíli, krev naše vstoupila do této země, ale my se znovu vzpřímili“ (dt.: Verweilen Sie eine zeitlang, unser Blut ist in diesen Boden geronnen, aber wir sind wieder auferstanden). Es handelt sich um ein Gedicht des Poeten Miroslav Florian.

Auf der Wand links befindet sich ein Mosaik des Bildhauers Martin Sladký (siehe auch früheren Beitrag hier), das die eng verschlungen liegenden Toten vor der Mauer darstellt (siehe großes Bild oben). Nur in den Farben Grau und Weiß hat der Künstler das sehr zurückhaltend gestaltete Werk gehalten, was die Trauer unterstreicht, die man an solch einem Ort empfinden muss.

Davor stehen zu einer langen Wand aufgereiht bronzene Tafeln, auf denen nach Hinrichtungstagen aufgelistet die Namen der dort Hingerichteten stehen – jeweils mit dem Alter versehen, in dem sie den Tod fanden. Es fehlen einem dann die Worte, um die Erschütterung auszudrücken, die einen an diesem Ort befällt.

Die frei zugängliche Gedenkstätte wurde 2015 bis 2016 von der Statdtteilregierung des Bezirks 8 eingehend renoviert, wobei es zu keinen grundlegenden Veränderungen kam. Vielleicht ist es gerade der kalte Beton, der das Grauen so wirkungsvoll unterstreicht. Denn auch wenn die Ästhetik dem Standard der kommunistischen Zeit (allerdings ohne irgendwelche Insignien, die auf eine Vereinnahmung hindeuten!) entspricht, so gibt es wohl kaum einen so eindringlich gestalteten Ort in Prag, um sich der Schrecken der Nazizeit zu erinnern. Das stimmt wohl und der Besuch dort hinterlässt einen tiefen Eindruck. Nie wieder! – das ist keine hohle Phrase. (DD)

Vančura in Zbraslav

Die Kommunisten schlossen ihn 1929 aus der Partei aus, weil er sich nicht von Moskau gängeln lassen wollte, die Nazis richteten ihn 1942 hin: Der Schriftsteller Vladislav Vančura gehört gleich zu den Opfern beider Totalitarismen des 20. Jahrhunderts.

Vančuras in Tschechien bekanntestes Werk ist das 1931 erschienene Kinderbuch Kubula a Kuba Kubikula, das in deutscher Übertragung 1963 erstmals unter dem Titel Peterpetz und Peter Petermichel in die Buchläden kam. Es handelt sich um eine kleine Groteske über die beiden Bären Kuba Kubikula und dem etwas aufmüpfigen Kubula, dem die ihn ängstigende Hexe Barbucha erscheint, die aber nur verschwindet, wenn auch seine Angst schwindet.

Unter seinen anderen, heute weit weniger bekannten Werken befinden sich sozialkritische, aber auch historische Romane. Eigentlich hatte er Medizin studiert und war 1921 in den Prager Stadtteil Zbraslav gezogen, um mit seiner Frau dort eine Praxis zu eröffnen. Im Jahr zuvor hatte er sich bereits einer kommunistischen Literatengruppe angeschlossen und begann sich politisch zu engagieren. Er mag sich erhofft haben, bei der (in der Tschechoslowakischen Republik legalen) Kommunistischen Partei (KSČ) gleichgesinnte Freigeister zu finden, aber ab 1925 wurde immer mehr klar, dass die Partei strikt von Moskau „auf Linie“ gebracht wurde – eine Entwicklung, die 1929 mit der Übernahme der Führung durch den Stalinisten und späteren Präsidenten Klement Gottwald ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Vančura protestierte zusammen mit sechs anderen Schriftstellern mit dem berühmten Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltungspolitik und wurde darob von linientreuen Kollegen öffentlich geschmäht (von denen einige nach der Machtübernahme der Kommunisten von 1948 selbst Opfer von Schauprozessen wurden). Der Ausschluss folgte umgehend.

1939 marschierten die Nazis in der Republik ein. Nicht nur literarisch leistete er Widerstand. etwa mit seinem Buch Obrazy z dějin národa českého (Bilder aus der Geschichte des tschechischen Volkes), das im gleichen Jahr erschien. Er schloss sich einer den Kommunisten nahestehenden Widerstandsgruppe, dem Národní revoluční výbor inteligence (Nationales Revolutionäres Geheimkomitee) an. Nach dem Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich, an dem er nicht beteiligt war, wurde er in seinem 1942 in seinem Haus in Zbraslav verhaftet und kurz darauf ohne Verfahren hingerichtet.

Nach dem Krieg wurden ihm posthum höchste Ehrungen zuteil – von den Demokraten bis 1948, von den Kommunisten danach. Und auch heute lebt sein Ruhm, primär als Autor des Kubula, fort. Was ihm im Leben verwehrt blieb, kam nun: allgemeine Anerkennung.

Auch in seinem heimischen Zbraslav wird er bis heute eingehend und eindringlich gewürdigt. Am Ende der nach ihm benannten Straße Vladislava Vančury steht direkt neben seiner vom Architekten Jaromír Krejcar 1926 im streng funktionalistischen Stil erbauten Villa (Nr. 635, zu sehen im Bild Mitte rechts) das im Jahre 1959 errichtete Denkmal. Die auf eine Sockel befindliche Büste des Schriftstellers ist das Werk des Bildhauer Karel Lidický. Es steht am Ende der Sackgasse direkt an jenem Waldabhang, an dem Vančura gerne spazieren ging, um sich inspirieren zu lassen.

Weiter oben kann mann einen hübschen kleinen achteckigen Altan, den Karlův stánek (Karls Stand), besichtigen. Der Aussichtspunkt (kleines Bild unten) wurde um 1850 im Neobarockstil erbaut und soll daran erinnern, dass Kaiser Karl IV. hier 1330 verweilte, um unten im Kloster das Grab seiner Mutter zu besuchen. Hier machte Vančura, so vermelden die Stadthistoriker, auf seinen Spaziergängen oft Rast, um die Aussicht über die Moldau zu genießen. (DD)

Das Denkmal für die Helden

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Am 27. Mai 1942 – heute vor 77 Jahren – unternahmen die beiden heimlich aus England eingeflogenen und mit dem Fallschirm im Feindesland  gelandeten tschechoslowakischen Offiziere Jozef Gabčík und Jan Kubiš ihr Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Der hatte in dem 1939 besetzten Land einer Terrorherrschaft ohne Beispiel errichtet. Heydrich erlag den Verletzungen eine Woche später. IMG_4624Er war der höchstrangige Nazi, der je einem Attentat zum Opfer fiel.

Den Kommunisten fiel die Ehrung dieser Helden des Widerstands nach dem Weltkrieg schwer, waren die beiden Attentäter doch von der im britischen Exil befindlichen bürgerlichen Regierung der Tschechoslowakei ins Land geschickt worden. Sie kämpften für die Freiheit des Landes und nicht für Unterdrückung unter neuem Vorzeichen. Man konnte aus ihnen schlichtweg keine kommunistischen Vorzeigehelden machen und verschwieg sie deshalb. Folglich dauerte es bis zur Samtenen Revolution von 1989 bis man die Tat gebührend würdigen konnte.

1989 begann man die Kirche, in der die beiden Attentäter und einige ihrer Mitstreiter zunächst Unterschlupf fanden, aber durch Verrat am 18. Juni 1942 nach langer Belagerung durch Nazitruppen den Heldentod erlitten, zum Nationaldenkmal auszubauen (wir berichteten hier). Auf ein großes Denkmal für die Helden musste man allerdings bis zu Jahr 2009 warten.

IMG_4634Es steht im Stadtteil Libeň (Prag 8), inmitten eines Autobahnzubringers. Das ist kein besonders schöner Ort, aber hier hatte 1942 das Attentat stattgefunden und die Autobahn gab es damals noch nicht. Dadurch fällt das Denkmal aber fast jedem Besucher Prags auf, dermit dem Auto von Norden aus in die Stadt kommt. Nähert man sich zu Fuß, kann man auf einer (leider nur in Tschechisch gehaltenen) Informationstafel etwas über Ablauf und Folgen des Attentats lernen.

Nach einer Ausschreibung im Jahr 2008 hatte die städtische Jury dem Team der Bildhauer David Moješčík und Michal Šmeral (Bronzeskulpturen) und Architekten Miroslava Tůmová und Jiří Gulbis (Sockel) den Zuschlag nach einem Wettbewerb gegeben, die das Werk im nächsten Jahr fertigstellten. Das Denkmal zeigt drei Menschen, die in waghalsiger Position auf dem hohen Sockel stehn, was die IMG_4630Gefahrensituation widerspiegelt, in der sich die Attentäter befanden. Zwei der Personen tragen die britische Uniform (wie die Attentäter sie im Exil getragen hatten), die dritte Person ist Zivilist, womit allen mutigen zivilen Widerstandskämpfern gedacht wird, die den Attentätern halfen und vielfach den Tod durch die Nazis fanden. Die Körperhaltung erinnert bewusst an Leonardos Darstellung vom Menschen als Maß aller Dinge, mit der er die Wissenschaft der Anthropometrie begründet hatte. Das wiederum spielt auf den Decknamen an, den die Geheimoperation damals trug: Anthropoid. Unter diesem Titel wurde die Geschichte des Attentats auch 2016 verfilmt. Der Grundriss des stählernen Sockels ist dreieckig und soll das blaue Dreieck in der tschechischen bzw. tschechoslowakischen Fahne symbolisieren.

DIe drei Skulpturen tragen übrigens nicht die Portraitzüge spezifischer Attentäter, sondern sind bewusst anonym gehalten. Damit wollte man auch alle die unbekannt gebliebenenen Helden ehren, die in den Jahren von 1939 bis 1945 im Widerstand gegen die Nazibesetzung ihr Leben ließen. (DD)

Gedenken an den Prager Aufstand

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Ab und zu sieht man an den Wänden Prager Häuser kleine Gedenktafeln, auf denen die Namen von Menschen verzeichnet sind, die im Frühjahr 1945 den Tod fanden, und die mit einer zum Schwur erhobenen Hand versehen sind. Unter der Hand stehen die Worte: „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu). Sie wurden zum Gedenken an die Opfer des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) angebracht. Die Geschichte dieses Schwurhandsymbols ist auch die Geschichte der Wirrnisse der Gedenkkultur der Nachkriegszeit, die den Helden des Aufstands nicht immer Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Unter den Kommunisten war es die offizielle Devise, dass Prag am 9. Mai 1945 von der Roten Armee befreit worden war. Tatsächlich hatten sich die deutschen Truppen aber schon am Vortag den aufständischen Pragern unter der Führung von General Karel Kutlvašr ergeben. Der Aufstand war am 5. Mai – also heute vor genau 74 Jahren – ausgebrochen und führte zu heftigen Kämpfen. Die Deutschen überlegten, ob sie darob nicht die ganze Stadt in Schutt und Asche legen sollten, mussten aber am Ende aufgeben, zumal sie bereits durch die anrückende Rote Armee unter Druck geraten waren.

IMG_3583Der Prager Aufstand war für viele Tschechoslowaken auch deshalb ein wichtiges Fanal, weil er den Willen bekräftigte, das Land nach der Nazibesetzung nicht unbedingt nach den Regeln Stalins wieder aufzubauen, sondern aus eigener Kraft und unter demokratischen Vorzeichen. Das gelang unter er Regierung Beneš noch einigermaßen und entsprechend wollte man auch des Aufstandes gedenken. Ende 1945 wurde eine Kommission eingesetzt, die eine entsprechende Denkmalskultur entwickeln sollte. Dabei kam man auf die Idee, dass neben den üblichen Denkmälern die Individualität der Opfer in den Vordergrund gestellt werden sollte. Das tat man, indem man an den Häusern der Opfer kleine Plaketten oder Tafeln anbrachte, die mit dem Namen und dem Todestag versehen war. Auch Kämpfern, deren Namen man nicht mehr feststellen konnte, wurden an dem Ort, an dem sie fielen, als „neznámý bojovník“ (Kämpfer ohne Namen) geehrt, wie man am großen Bild oben, eine Plakette in der Hybernská, sieht. Von dem akademischen Bildhauer Karel Pokorný stammte dann die Gestaltung der Schwurhand, die von der Jury der Kommission als zutiefst angemessen honoriert wurde.

IMG_3584Das ging nur bis zur kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 gut. Die Kommunisten versuchten den Prager Aufstand und die damit verbundene politische Botschaft durch einen geschickten Mix von Verschweigen und Unterdrücken (in den 1950er und 1960er Jahren) oder Einvernahme (vor allem ab den 1970er Jahren) zu neutralisieren. Es gab auch später noch Plaketten, aber eben ohne Schwurhand und ohne Motto, wie bei der rechts abgebildeten an der Ecke  Belgická/Uruguayská. Warum?

Kurz: Die Symbolik, die Pokorný gewählt hatte, widersprach dem kommunistischen Geist in fast allen ihren Aspekten. Zum einen war die Schwurhand eindeutig eine Anspielung auf die christliche Ikonographie. Der Spruch „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu) war zudem dem Werk des Dichters František Halas entnommen, der als Mitglied des demokratischen Widerstandes gegen die Nazis eine integere Figur war, aber von Anfang an nie aus seiner Abneigung gegen die Kommunisten einen Hehl gemacht hatte. Noch 1948 weigerte er sich, dem kommunistisch gleichgeschalteten Schrifstellerverband der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik beizutreten – ein mutiger Akt der Rebellion. Věrni zůstaneme war zudem auch der Name einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis, die bewusst nicht kommunistsich ausgerichtet war, und die im Jahre 1941 illegal ein Manifest zirkulierte, das unter dem Titel „Za svobodu, do nové ČSR“ (Für die Freiheit, zu einer neuen Tschechoslowakischen Republik) eine demokratische Zukunft für das Land einforderte.

Materialmangel in der kargen Zeit nach 1945 machte die allzu weite Verbreitung der Tafeln schwierig. Die meisten von ihnen wurden noch 1947 hergestellt und an den Gedenkorten angebracht. Gerade weil sie den Geist des Prager Aufstands so gut erfassten, veränderten die Kommunisten danach die Symbolik des Pokornýschen Kunstwerks und verbannten deren politische Aussage aus dem öffentlichen Raum. Immerhin zerstörten sie nicht bereits errichtete Plaketten. (DD)