Denkmal im ständigen Wandel

Der Strom der Geschichte nimmt oft unerwartete Verläufe und mit ihnen ist auch die Denkmalskultur ebenso unerwarteten Veränderungen ausgesetzt. Richtig anschaulich kann man das am Fall des Denkmals für die drei Widerstände (Památník Tří odbojů) am náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz) im Stadtteil Nusle (Prag 4) studieren.

Es fängt schon damit an, dass der Platz, der den Namen des Generals trägt, der im Mai 1945 den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hier und hier) gegen die Nazis organisiert hatte, noch bis 1997 Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny) hieß, weil die bis 1989 regierenden Kommunisten den mutigen General zu bürgerlich fanden. Wie dem auch sei: Das Denkmal wurde eigentlich 1927 errichtet, um den Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken – vor allem den Legionären, die mit den Alliierten gegen die Habsburger und für die Unabhängigkeit gekämpft hatten. Damals hieß der Platz noch Jiráskovy sady (Jirásek Platz, nach dem Nationalhistoriker Alois Jirásek benannt).

In den 1980er Jahren fanden die Kommunisten, den Gefallenen des Ersten Weltkrieg und vor allem den – ebenfalls zu bürgerlichen – Legionären sei nun genug Gedenken zuteil geworden. Die dazugehörige Statue war bereits in den 1950er Jahren zerstört worden und nun wurde das Denkmal in eines zum Jubel über die „Befreiung“ durch die Rote Armee 1945 umgewandelt, ein Ereignis, dass viele Bürger eher ungut in Erinnerung hatten, weil es schließlich eine neuerliche, Jahrzehnte währende kommunistische Diktatur einläutete. Kurz: Man entfernte die Inschriften und nun standen dort Rotarmisten in Bronze, die Maschinenpistolen in den Händen hielten. Rundum war das Ganze mit Zitaten von Lenin gespickt.

1989 kam die Samtene Revolution und damit das Ende des Kommunismus. Schon Anfang 1990 waren die Rotarmisten und die Leninsprüche verschwunden. Aber es dauerte noch bis 1997, um eine Alternative zu schaffen. Die Architekten František Novotný und Jaroslav Suchan modifizierten das Denkmal noch einmal. Die Grundstruktur mit einem an den Hang gelehnten Brunnen blieb erhalten. Dafür prangt nun eine Inschrift mit den historischen Daten 1914 – 1918, 1939 – 1945, 1948 – 1989 daran. Die sollen daran erinnern, dass man sich zuerst gegen die Habsburgerherrschaft, dann gegen die Nazis, dann (besonders lange) gegen die Kommunisten auflehnen musste.

Möglicherweise, weil der Widerstand von 1914-18 etwas später (erste Verhaftungen erfolgten 1915; die Unabhängigkeit von Habsburg wurde als Thema erst 1917 einigermaßen aktuell) einsetzte, wird das Denkmal ab und zu auch nur Denkmal für drei Perioden der Unterdrückung der tschechischen Nation (Pomník tří období útlaku národa českého) genannt. Um entscheidende Epochen der Geschichte des Landes handelt es sich allemal. Da es über dem Platz thront und eine hübsche Aussicht erlaubt, kann man sich auf dem Denkmal mit seinen Bänken am plätschernden Wasser an Sonnentagen auch einmal ein wenig Ruhe gönnen, um über die ungeraden Verläufe der Geschichte nachzudenken. (DD)

Gefallen als der Krieg eigentlich vorbei war

Er fiel am 9. Mai 1945: Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Eigentlich hatte Nazideutschland am Tag zuvor kapituliert. Auch in Prag hatte sich die Wehrmacht bereits formell den Kommandeuren des Prager Aufstands ergeben. Aber ein immer sinnloseres Weiterkämpfen führte zu immer sinnloseren Opfern – auch als eigentlich alles hätte vorbei sein sollen.

Parallel zu den tschechischen Aufständischen hatte seit dem 6. März die Prager Operation der Roten Armee eingesetzt. Als erste Truppen, des unter dem Kommando von Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Heeres, das nun in Prag eintrat, gelangten Teile der 4. Panzerarmee unter Panzergeneral Dmitri Danilowitsch Leljuschenko als erste auf das Stadtgebiet. Es heißt, der Kommandant des ersten Panzer, der über die Statdtgrenze rollte, war ebenjener Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Sein Panzer wurde später auf einem Denkmal postiert, das nach dem Fall des Kommunismus, den er leider hier zu etablieren half, abgerissen wurde. Gontscharenko, der 1920 in dem ukrainischen Ort Susilino geboren wurde, und seit dem März 1944 Panzerkommandant war, sollte seine Heldentat nicht lange überleben.

Teile der Heeresgruppe Mitte der Nazitruppen waren aber noch intakt. Große Teile versuchten sich aus der sowjetischen Umklammerung zu befreien, um sich zu den amerikanischen Truppen durchzuschlagen, die bereits am 6. Mai Pilsen befreit hatten, und von denen man sich eine weniger grausame Kriegsgefangenschaft erwartete. Sie ahnten nicht, dass es ein Abkommen zwischen den USA und der UdSSR gab, dass die gefangenen deutschen Soldaten in der Zone festgehalten werden sollten, in der sie sich am Tag der Kapitulation befanden. Das heißt, die Amerikaner hätten selbst Soldaten, die sich zu ihnen durchgeschlagen hätten, wieder an die Rote Armee übergeben. Die ganze Metzelei war sinnlos und die Rote Armee schaffte es nach einigen harten Kämpfen, die Wehrmachtstruppen auf ihrem Marsch nach Westen aufzuhalten. Im Verlauf dieses traurigen Nachspiels des Krieges fiel auch Gontscharenko am 9. Mai einem Treffer eines deutschen Panzerabwehrgeschosses zum Opfer.

Schon im November 1947 wurde ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht, dort im Ortsteil Klárov, diekt neben der Kleinseite, wo es hinauf zur Burgstadt geht, gegenüber dem Haus in der U Bruských kasáren 132/3: Der Text (zweisprachig in Tschechisch und Russisch) lautet: „Hier fiel am 9.V.1945 einer der Helden der Roten Armee, Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko, Gardeleutnant der Panzerarmee von General Leljuschenko, im Alter von 25 Jahren.“ 1947, das war noch vor der Machtübernahme der Kommunisten 1948, nach der den Rotarmisten unzählige Denkmäler gesetzt wurden, während die eigenen Prager Aufständigen vergessen wurden. Damals dürfte man auch unter vielen Tschechen eine gewisse Dankbarkeit für den Soldaten empfunden haben, dessen Panzer als erster der Roten Armee in die Stadt eingerollt war, um die Nazis zu vertreiben.

Auch heute noch legen Menschen hier anscheinend nochab und an kleine Blumensträuße zum Gedenken hin, was in der Regel in Prag eher selten ist, wenn es um Rotarmisten geht. Die Prager haben da doch recht unangenehme Erinnerungen im Lauf der Gescichte gesammelt, was man auch heute noch an der sehr löblich geschlossenen Haltung zu Putins Überfall auf die Ukraine erkennt. Irgendjemand hat ein verwittertes Photo vor der Tafel aufgestellt, das Gontscharenko zusammen mit der Besatzung seines legendären Panzers zeigt. Der Moment eines Triumphs wird hier festgehalten, der für Gontscharenko allerdings nicht lange währen sollte.

Bei dem Denkmal selbst handelt es sich um eine einfach beschriftete steinerne Gedenktafel, die in einer von Betonplatten umrahmten Nische angebracht wurde. Die Nische befindet sich in einem Felsen, der durch die viel befahrene Straße U Bruských kasáren ein wenig abgeschnitten von normalem Besucherverkehr wirkt.

Die Felswand verdient vielleicht auch eine Erwähnung. Es handelt sich um keine natürliche Wand, sondern vielmehr um den senkrechten Durchstich den man für die Straße vorgenommen hatte. Die Schnittstelle legt allerdings eine interessante geologische Schichtformation frei. Und wie es der Zufall so will, befindet sich zwei Gebäude weiter der Sitz der Forschungseinrichtung für Geologische Untersuchungen (Česká geologická služba). Die Forscher dort haben es sich nehmen lassen, nur wenige Meter neben Gontscharenkos Gedenkort eine Tafel anzubringen, die über die Geologie hier zu informieren. Was man hier sieht ist nämlich die Felsformation, aus der Burgberg und Letná-Höhe (deshalb Letná Profil/Letenský Profil) bestehen. Sie hört auf den Namen Sandbium und ist etwa 458,4 bis 453 Millionen Jahre alt. Es ist schön, dass sich neuere Tafeln nicht mehr Krieg und Tod befassen müssen, sondern mit nüchterner Wissenschaft. (DD)

Komplizierte Geschichte einer Verbrüderung

Prominent vor dem Prager Hauptbahnhof auf dem Vrchlický Garten steht diese Skulptur zweier sich inniglich umarmender und küssender Männer, in die heutige Betrachter anscheinend gerne eine homoerotische Note hineininterpretieren. Aber darum geht es bei dem Denkmal der Verbrüderung (Sbratření) definitiv nicht.

Denn schon die Tatsache, dass beide Männer offenkundig schwer bewaffnet sind und einer sogar eine Militäruniform trägt, zeigt, dass hier primär doch einem besonderen historischen Ereignis gedacht wird: dem Prager Aufstand (siehe auch hier), der heute vor 77 Jahren am 5. Mai 1945 begann. Während die Rote Armee schon auf Prag hin marschierte, begannen an diesem Tag vor allem auf Geheiß der bürgerlich-demokratischen Kräfte der Tschechoslowakei die Prager Bürger mit einem Aufstand gegen die Nazibesetzer. Ein Ziel des Aufstands war auch, den Lohn für den Sieg über Hitlers Armeen nicht alleine den Armeen Stalins zu überlassen. Tatsächlich kapitulierten die Deutschen am 8. Mai (heute ein Nationalfeiertag) vor General Karel Kutlvašr, dem Anführer des Aufstandes. Erst am 9. Mai zog die Rote Armee (nach verlustreichen Kämpfen) in Prag ein. Unter den Kommunisten wurde dieser Tag zum Nationalfeiertag des Siegs und man versuchte in den 1950er und 60er Jahren, das Andenken an den Aufstand zu verschweigen und zu unterdrücken.

Erst in den 1970er änderten die Kommunisten ihre Taktik. Von jetzt an vereinahmten (Beispiel hier) sie die Aufständischen für sich und interpretierten den Aufstand als ein freundschaftliches oder brüderliches Zusammenspiel von Prager Bürgern und Roter Armee. Aber wie passt das Denkmal vor dem Bahnhof in diesen geschichtlichen Ablauf? Der Künstler, der damals sehr bekannte Bildhauer Karel Pokorný, hatte den Auftrag für dieses Denkmal von 1947 bekommen – bevor die Kommunisten an die Macht kamen. Auftraggeber war ein Bürger der ostböhmischen Stadt Česká Třebová (früher auch: Böhmisch Trübau), wo auch das weit weniger bekannte Original der in Prag stehenden Skulptur steht, die – wie kaum jemand weiß – eine Kopie ist. Er war gerade von der Roten Armee aus einem deutschen Konzentrationslager befreit worden und hatte gesehen, wie Aufständische und Rote Armee die Nazis besiegten. Der Skulptur lag eine Photographie zugrunde, die der Photograph Karel Ludwig im Mai 1945 in Prag gemacht hatte, die einen aufständischen Arbeiter festhielt, der gerade vor Freude einen der einmarschierenden Offiziere der Roten Armee umarmte – im Sinne des Auftragsgebers eigentlich ein geeignetes Motiv, dass Pokorný dann künstlerlich verfremdet umsetzte.

Die Gestaltung des Denkmals vollendete Pokorný 1950 und im Jahr darauf wurde es aufgestellt. Da waren die Kommunisten schon längst an der Macht. Das Denkmal übernahm daher auch bereits Teile der sowjetischen Ikonographie, zum Beispiel, dass in Prag einmarschierende Soldaten immer einen Blumenstrauß als Friedenszeichen mit sich trugen. Auch sonst ließ sich Pokorný auf den sozialistischen Realismus ein, zu dessen Bannerträger er nun wurde. Man muss ihm aber zu Gute halten, dass er zuvor in der kurzen Zeit der demokratischen Regierung von 1946 bis 1948 deren Gedenkkultur für die demokratisches Seite des Prager Aufstandes wegweisend geprägt hatte – mit seinem Motiv der Schwurhand und dem Spruch „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu), worüber bereits hier berichtet wurde. Auch gehörte der Realismus in einer bürgerlichen Ausprägung als Zivilismus bereits in der (definitiv nicht-kommunistischen) Ersten Republik zu den prägenden Kunstströmungen (früherer Beitrag hier). Und schon damals war Pokorný einer der führenden Vertreter dieses Stils gewesen. Und er war nicht der einzige Künstler, der diesen Weg ging. Seine künstlerische Entwicklung war in gewisser Weise bereits vorgezeichnet und daher weniger mit Brüchen versehen, als man denken könnte. Das macht das Denkmal der Verbrüderung zu einem durchaus geschichts- und gedenkpolitisch komplexen Fall. (DD)

Ironie der Geschichte: Das Denkmal für die Studentenkolonie

Der heutige 17. November ist bekanntlich Nationalfeiertag in Tschechien, der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii). Für die Kommunisten bedeutete er im Jahre 1989 etwas, das sie anscheinend nicht einmal ansatzweise verstehen oder vorhersehen konnten. Das kleine Denkmal auf der Letnáhöhe ist jedenfalls zugleich ein würdiger Gedenkort für die kleinen Helden der Freiheit als auch ein Dokument von falscher Selbsteinschätzung der Mächtigen.

Man findet es an einem etwas abgelegenen Ort auf einer Grünanlage bei der Tramhaltestelle Špejchar an der großen ul. Milady Horákové in Prag 7 Bubeneč. Es wurde buchstäblich an dem Tag errichtet, an dem die Samtene Revolution das Schicksal derer politisch besiegelte, die es errichteten. Worum ging es? Am 17. November 1939 hatten Studenten in Prag massiv gegen die Nazibesetzung demonstriert. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen (siehe früheren Beitrag hier), blieb aber im Gedächtnis der Menschen als Freiheitsfanal bestehen. Obwohl es den meisten Demonstranten damals um Freiheit und Demokratie ging, versuchten die sich „antifaschistisch“ gerierenden Kommunisten nach ihrer Machtergreifung 1948, die Heldentat der Studenten für sich plakativ zu vereinnahmen. Der Ort hier schien genau der richtige zu sein.

Auf der Freifläche, wo heute das Denkmal steht, befand sich ab 1921 die Studentenkolonie Kolonka. Anfang der 1920er Jahre wuchs die Bevölkerung Prags und die Wohnungen wurden knapp. Das betraf vor allem auch die wachsende Zahl von Studenten, die zunehmend von Armut und Not betroffen war. Eine sehr engagierte Gruppe von Studenten gründete daraufhin eine Genossenschaft (die eine Art Vorläufer heutiger Studentenwerke war), die spezielle Wohnheime für Studenten bauen und betreiben wollte. Die Idee funktionierte. Es gab viele Spender, von denen Präsident Tomáš Garrigue Masaryk der prominenteste war. Schließlich gab es auch einen staatlichen Zuschuss für das Projekt. Der Architekt Miloš Vaněček entwarf eine Wohnanlage im kubistischen Stil, die von den Studenten größtenteils in Eigenarbeit errichtet wurde. Der Komplex wurde von den Studenten selbst verwaltet. Natürlich nahmen viele der Studenten am 17. November 1939 an den Demonstrationen gegen die Nazis teil. Die gnadenlose Antwort blieb nicht aus. SS-Einheiten stürmten das Areal, lösten die Kolonie gewaltsam auf, legten die Gebäude in Schutt und Asche und brachten vor allem die führenden Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde die Kolonie wieder aufgebaut und betrieben, aber sie war nur noch ein Teil des (sozialistischen) staatlichen Studentenwohnheimbetriebs. 1979 wich sie der Straßenbahnschleife, die sich jetzt hier befindet.

Mit dem Denkmal sollte seitens der regierenden Kommunisten der 50. Jahrestag der Proteste von 1939 gebührend gefeiert werden. Es handelt sich um eine Steinstele, deren Umrisse vage einer menschlichen Figur entsprechen. Darauf befindet sich die Inschrift: „1921 – 1939 . Zde stála studentská kolonie Kolonka. Bašta pokrokové inteligence. 17. listopad 1989“ (auf Deutsch: 1921 – 1939. Hier stand die Studentenkolonie Kolonka. Bastion der fortschrittlichen Intelligenz. 17. November 1989). Unter der Inschrift befindet sich eine Skizze des Grundrisses der Kolonie. Entworfen wurde das Denkmal von der Malerin Marie Hlobilová – Mrkvičková. Es ist im Stil der Gründungszeit der Kolonie gehalten und enthält immerhin keinerlei kommunistische Symbolik, die heute irgendwie störend wirken könnte. Es strahlt angemessene Würde aus.

Trotzdem war die damalige Intention die einer Vereinnahmung. Sie funktionierte aber nicht mehr. Wenn sich Totalitäre (Kommunisten) als Gegenspieler zu anderen Totalitären (Nazis) und als Verteidiger der Demokratie (wie es die Studenten waren) aufspielen, ist das in der Tat schon unglaubwürdig. Parallel zu der Errichtung des Denkmals erlaubten die Kommunisten auch noch Gedenkdemonstrationen zu den Ereignissen vom 17. November 1939, an denen dann aber auffallend viele recht aufmüpfige Studenten teilnahmen. Sie schlugen in eine große Protestaktion gegen die Kommunisten und ihr Unterdrückungsregime um und markierten den Beginn der Samtenen Revolution. Ganz im Geist der Studenten von 1939 kämpfte man nun für die Freiheit – während die Kommunisten ihnen zur gleichen Stunde noch auf dem Letná dieses Denkmal setzten. Das nennt man Ironie der Geschichte. (DD)

Der Luftschutzkeller, der einmal ein Bergwerk werden sollte

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Prager Zoo eine Herausforderung. Die Stadt blieb – mit einer schrecklichen Ausnahme – von Bombemangriffen weitgehend verschont. Aber es herrschte Not und niemand wusste, wie man die Tiere ernähren sollte. Und die ständige Angst vor dem Bombenangriff war real und begründet.

Obwohl sie in der Zeit des Reichsprotektorats, wie die Nazibesetzung genannt wurde, unter Schwierigkeiten den Betrieb aufrechterhalten mussten, gelangen den Mitarbeitern unter dem Direktor Jan Vlasák sogar einige außergewöhnliche zoologische Leistungen. Der Zoo schaffte es zum Beispiel als erster der Welt, einen Eisbären außerhalb der freien Natur zu züchten. Nebenbei unterstützte Vlasák noch Widerstandskämpfer unter seinen Mitarbeitern und organsierte im Mai 1945 die Bewaffnung der Aufständischen im Stadtteil Troja beim Prager Aufstand gegen die Nazis.

Und dann war da immer noch die Gefahr der Bombenangriffe, gegen die man wenigstens Besucher und Mitarbeiter schützen musste. Seit 2014 ist ein Teil dieser Bemühungen wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen. Im Jahre 1945 wurde in einem kleinem Stollen des an Felsenabhängen gebauten Zoos ein kleiner Lufschutzbunker eingerichtet. Er wurde nach den Erinnerungen von noch lebenden Augenzeugen rekonstruiert. Drinnen sieht man eine als Luftschutzhelfer verkleidete Schaufensterpuppe vor einer handbetrieben Alarmsirene (siehe großes Bild oben). Die Einrichtung des beengten Stollens besteht aus einfachen Holzbänken. Utensilien wie kleine Packungen mit Kaffee-Ersatz dürfen im Dunkel des Bunkers nicht fehlen.

Für den Luftschutzraum hatte man praktischerweise einen damals schon bestehenden Stollen nutzen können. Der war schon lange bekannt und es rankten sich Legenden um ihn – etwa, dass es sich um einen langen Geheimtunnel zum (gar nicht so) nahe gelegenen Schloss Troja oder zur noch entfernteren Kapelle des Weinbergs St. Klara handelte. Aber das waren nur Märchengeschichten. Indes, der Stollen ist in Wirklichkeit nur wenig mehr als 10 Meter tief. Im Ernstfall hätte er nur sehr wenigen Menschen Schutz geboten. Man kann froh sein, das hier kein Bombemangriff stattfand. Aber warum gab es da überhaupt einen alten Stollen?

Dokumente belegen, dass das Areal, auf dem 1931 der Zoo errichtet wurde, früher als eisenreiches Bergbaugebiet ins Auge gefasst wurde. Tatsächlich sind die Felsen hier außerordentlich eisen- und mineralhaltig. Um das Jahr 1856 ließen die damaligen Eigner, die Minenbesitzer Jan Bendelmayer und Florian Kubeška, den Stollen in den Fels treiben. Man fand dabei wohl aus rein wissenschaftlicher Sicht interessante Dinge, etwa ein nur hier vorkommendes Mineral namens Paracomquimbit. Das scheint aber nicht dazu getaugt zu haben, wirtschaftlich große Wellen zu schlagen. Das Projekt wurde aufgegeben. Und so blieb es letztlich bei einem kleinen Stollenansatz, über den sich dann später der Zoo ausbreitete. Den kann man nun betreten und/oder sich davor einige gut gemachte multimediale Schautafeln anschauen, die die kleine, aber interessante Geschichte des Luftschutzkellers, der einmal ein Bergwerk werden sollte, erzählen. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Der General des Aufstandes

Zum heutigen Jahrestag: Am 8. Mai 1945 – vor 76 Jahren – kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Prag. Sie kapitulierte nicht vor der bereits einmarschierenden Roten Armee, sondern vor den Bürgern, die drei Tage zuvor den großangelegten Prager Aufstand (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazityrannei gestartet hatten. Es war ihr nicht gelungen, den tapferen Widerstand der Tschechen zu brechen.

Das lag nicht zuletzt an dem militärischen Geschick des Befehlshabers der Auständischen, General Karel Kutlvašr, dessen Denkmal in Prag wir hier vorstellen. Wie für die meisten Aufständischen war es für ihn nicht nur eine Frage des nationalen Stolzes, die Nazis militärisch zu besiegen, sondern auch ein (letztlich vergeblicher) Versuch die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit irgendwie aus dem Bann der kommunistischen Sowjetunion zu ziehen und wieder zu einem demokratischen Staat werden zu lassen.

Kutlvašr hatte im Ersten Weltkrieg bis 1920 tapfer in der Tschechoslowakischen Legion in Russland (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) gekämpft und es dort zum Regiments-Kommandanten gebracht. Er half der jungen Tschechoslowakischen Republik beim Aufbau ihres Militärs und wurde 1928 Brigadegeneral. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Republik 1939 gegen den Einmarsch der Nazitruppen militärisch vorgegangen, eine Idee, die die Regierung aber als aussichtslos verwarf. Konsequent schloss sich Kutlvašr daraufhin der Widerstandsgruppe Obrana národa (Verteidigung der Nation) an. Nur knapp entging er immer wieder der Verhaftung. Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde er durch das vom Dachverband der bürgerlichen Widerstandsgruppen, dem Tschechischen Nationalrat (Česká národní rada), einberufene Nationalkomittee zum militärischen Befehlhaber des geplanten Aufstandes im Mai ernannt.

Für seine Tapferkeit und sein Geschick bei der Führung des Aufstandes bekam er keinen Dank. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, waren sie zunächst daran interessiert das Erbe des als „bürgerlich“ eingestuften Aufstandes zu verdrängen oder zu verunglimpfen. In einem Schauprozess wurde Kutlvašr mit fabrizierten Beweisen wegen Hochverrats und Umsturzplänen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1960 wurde er zwar vorzeitig freigelassen, war aber durch die Haftbedingungen so sehr gesundheitlich angeschlagen, dass er im Jahr darauf starb.

Während des Prager Frühlings von 1968 wurde er zwar postum vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen, aber nicht völlig rehabilitiert. Das geschah erst nach der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Deshalb wurde sein Prager Denkmal – eine Plakette mit Büste – erst im Jahre 2000 eingeweiht. Es befindet sich am Rathaus (Táborská 500/30) des Stadtteils Nusle (Prag 4) mit Blick auf den náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz), der schon1997 so benannt wurde. Unter den Kommunisten hieß er noch Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny). Während des Prager Aufstands fanden hier blutige Kämpfe statt. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Bildhauer František Bartoš. Unter der Büste, die ihn in Uniform zeigt, steht ein Text, der Kutlvašrs Werdegang nun endlich gebührend würdigt. (DD)

Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Juwel des Kubismus

Wenn man ein schönes Beispiel für kubistische Architektur sucht, warum nicht das Portal dieses fünfstöckigen Hauses in der Polská 1751/56 und 58?

Das geschickt auf klassizistische Motive anspielende Portal, das trotzdem der abstrakten Modernität des Kubismus gehorcht, gehört zu einem fünfstöckigen Wohnhaus, das in den Jahren 1921/22 für eine Bau- und Einkaufsgenossenschaft gebaut wurde. Es passt sich harmonisch in die sonst recht streng funktionalistisch gehaltene Fassade des ganzen an. Entworfen und gebaut wurde es von den Architekten Viktor Lampl und Otto Ervin Fuchs, die zusammen die Architekturbüro und Baufirma Lampl und Fuchs betrieben. Sie galten damals als ausgesprochene Spezialisten für moderne Baustile wie Kubismus oder Art déco.

Beide Architekten waren jüdischer Herkunft. Fuchs wurde 1941 von den Nazis in ein Konzentrationslager in Łódź verschleppt. Sein genaues Todesdatum dort ist unbekannt. Lampl starb 1942 in Prag eines natürlichen Todes – kurz bevor man ihn für den Abtransport vorgesehen hatte. Seine Frau, sein Sohn und seine Geschwister wurden noch im selben Jahr von den Nazis ermordet. So erinnert dieses bemerkenswerte Juwel des Kubismus zugleich an eine der Schreckenszeiten der Menschheitsgeschichte. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)