Der Luftschutzkeller, der einmal ein Bergwerk werden sollte

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Prager Zoo eine Herausforderung. Die Stadt blieb – mit einer schrecklichen Ausnahme – von Bombemangriffen weitgehend verschont. Aber es herrschte Not und niemand wusste, wie man die Tiere ernähren sollte. Und die ständige Angst vor dem Bombenangriff war real und begründet.

Obwohl sie in der Zeit des Reichsprotektorats, wie die Nazibesetzung genannt wurde, unter Schwierigkeiten den Betrieb aufrechterhalten mussten, gelangen den Mitarbeitern unter dem Direktor Jan Vlasák sogar einige außergewöhnliche zoologische Leistungen. Der Zoo schaffte es zum Beispiel als erster der Welt, einen Eisbären außerhalb der freien Natur zu züchten. Nebenbei unterstützte Vlasák noch Widerstandskämpfer unter seinen Mitarbeitern und organsierte im Mai 1945 die Bewaffnung der Aufständischen im Stadtteil Troja beim Prager Aufstand gegen die Nazis.

Und dann war da immer noch die Gefahr der Bombenangriffe, gegen die man wenigstens Besucher und Mitarbeiter schützen musste. Seit 2014 ist ein Teil dieser Bemühungen wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen. Im Jahre 1945 wurde in einem kleinem Stollen des an Felsenabhängen gebauten Zoos ein kleiner Lufschutzbunker eingerichtet. Er wurde nach den Erinnerungen von noch lebenden Augenzeugen rekonstruiert. Drinnen sieht man eine als Luftschutzhelfer verkleidete Schaufensterpuppe vor einer handbetrieben Alarmsirene (siehe großes Bild oben). Die Einrichtung des beengten Stollens besteht aus einfachen Holzbänken. Utensilien wie kleine Packungen mit Kaffee-Ersatz dürfen im Dunkel des Bunkers nicht fehlen.

Für den Luftschutzraum hatte man praktischerweise einen damals schon bestehenden Stollen nutzen können. Der war schon lange bekannt und es rankten sich Legenden um ihn – etwa, dass es sich um einen langen Geheimtunnel zum (gar nicht so) nahe gelegenen Schloss Troja oder zur noch entfernteren Kapelle des Weinbergs St. Klara handelte. Aber das waren nur Märchengeschichten. Indes, der Stollen ist in Wirklichkeit nur wenig mehr als 10 Meter tief. Im Ernstfall hätte er nur sehr wenigen Menschen Schutz geboten. Man kann froh sein, das hier kein Bombemangriff stattfand. Aber warum gab es da überhaupt einen alten Stollen?

Dokumente belegen, dass das Areal, auf dem 1931 der Zoo errichtet wurde, früher als eisenreiches Bergbaugebiet ins Auge gefasst wurde. Tatsächlich sind die Felsen hier außerordentlich eisen- und mineralhaltig. Um das Jahr 1856 ließen die damaligen Eigner, die Minenbesitzer Jan Bendelmayer und Florian Kubeška, den Stollen in den Fels treiben. Man fand dabei wohl aus rein wissenschaftlicher Sicht interessante Dinge, etwa ein nur hier vorkommendes Mineral namens Paracomquimbit. Das scheint aber nicht dazu getaugt zu haben, wirtschaftlich große Wellen zu schlagen. Das Projekt wurde aufgegeben. Und so blieb es letztlich bei einem kleinen Stollenansatz, über den sich dann später der Zoo ausbreitete. Den kann man nun betreten und/oder sich davor einige gut gemachte multimediale Schautafeln anschauen, die die kleine, aber interessante Geschichte des Luftschutzkellers, der einmal ein Bergwerk werden sollte, erzählen. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Der General des Aufstandes

Zum heutigen Jahrestag: Am 8. Mai 1945 – vor 76 Jahren – kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Prag. Sie kapitulierte nicht vor der bereits einmarschierenden Roten Armee, sondern vor den Bürgern, die drei Tage zuvor den großangelegten Prager Aufstand (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazityrannei gestartet hatten. Es war ihr nicht gelungen, den tapferen Widerstand der Tschechen zu brechen.

Das lag nicht zuletzt an dem militärischen Geschick des Befehlshabers der Auständischen, General Karel Kutlvašr, dessen Denkmal in Prag wir hier vorstellen. Wie für die meisten Aufständischen war es für ihn nicht nur eine Frage des nationalen Stolzes, die Nazis militärisch zu besiegen, sondern auch ein (letztlich vergeblicher) Versuch die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit irgendwie aus dem Bann der kommunistischen Sowjetunion zu ziehen und wieder zu einem demokratischen Staat werden zu lassen.

Kutlvašr hatte im Ersten Weltkrieg bis 1920 tapfer in der Tschechoslowakischen Legion in Russland (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) gekämpft und es dort zum Regiments-Kommandanten gebracht. Er half der jungen Tschechoslowakischen Republik beim Aufbau ihres Militärs und wurde 1928 Brigadegeneral. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Republik 1939 gegen den Einmarsch der Nazitruppen militärisch vorgegangen, eine Idee, die die Regierung aber als aussichtslos verwarf. Konsequent schloss sich Kutlvašr daraufhin der Widerstandsgruppe Obrana národa (Verteidigung der Nation) an. Nur knapp entging er immer wieder der Verhaftung. Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde er durch das vom Dachverband der bürgerlichen Widerstandsgruppen, dem Tschechischen Nationalrat (Česká národní rada), einberufene Nationalkomittee zum militärischen Befehlhaber des geplanten Aufstandes im Mai ernannt.

Für seine Tapferkeit und sein Geschick bei der Führung des Aufstandes bekam er keinen Dank. Als die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen, waren sie zunächst daran interessiert das Erbe des als „bürgerlich“ eingestuften Aufstandes zu verdrängen oder zu verunglimpfen. In einem Schauprozess wurde Kutlvašr mit fabrizierten Beweisen wegen Hochverrats und Umsturzplänen zu lebenslanger Haft verurteilt. 1960 wurde er zwar vorzeitig freigelassen, war aber durch die Haftbedingungen so sehr gesundheitlich angeschlagen, dass er im Jahr darauf starb.

Während des Prager Frühlings von 1968 wurde er zwar postum vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen, aber nicht völlig rehabilitiert. Das geschah erst nach der Samtenen Revolution von 1989, die den kommunistischen Spuk beendete. Deshalb wurde sein Prager Denkmal – eine Plakette mit Büste – erst im Jahre 2000 eingeweiht. Es befindet sich am Rathaus (Táborská 500/30) des Stadtteils Nusle (Prag 4) mit Blick auf den náměstí Generála Kutlvašra (General Kutlvašr Platz), der schon1997 so benannt wurde. Unter den Kommunisten hieß er noch Platz der Pariser Kommune (náměstí Pařížské komuny). Während des Prager Aufstands fanden hier blutige Kämpfe statt. Gestaltet wurde das Denkmal von dem Bildhauer František Bartoš. Unter der Büste, die ihn in Uniform zeigt, steht ein Text, der Kutlvašrs Werdegang nun endlich gebührend würdigt. (DD)

Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Juwel des Kubismus

Wenn man ein schönes Beispiel für kubistische Architektur sucht, warum nicht das Portal dieses fünfstöckigen Hauses in der Polská 1751/56 und 58?

Das geschickt auf klassizistische Motive anspielende Portal, das trotzdem der abstrakten Modernität des Kubismus gehorcht, gehört zu einem fünfstöckigen Wohnhaus, das in den Jahren 1921/22 für eine Bau- und Einkaufsgenossenschaft gebaut wurde. Es passt sich harmonisch in die sonst recht streng funktionalistisch gehaltene Fassade des ganzen an. Entworfen und gebaut wurde es von den Architekten Viktor Lampl und Otto Ervin Fuchs, die zusammen die Architekturbüro und Baufirma Lampl und Fuchs betrieben. Sie galten damals als ausgesprochene Spezialisten für moderne Baustile wie Kubismus oder Art déco.

Beide Architekten waren jüdischer Herkunft. Fuchs wurde 1941 von den Nazis in ein Konzentrationslager in Łódź verschleppt. Sein genaues Todesdatum dort ist unbekannt. Lampl starb 1942 in Prag eines natürlichen Todes – kurz bevor man ihn für den Abtransport vorgesehen hatte. Seine Frau, sein Sohn und seine Geschwister wurden noch im selben Jahr von den Nazis ermordet. So erinnert dieses bemerkenswerte Juwel des Kubismus zugleich an eines der Schreckenszeiten der Menschheitsgeschichte. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Spannende Geschichte einer mysteriösen Villa

Ein wenig gespenstisch sieht die große Villa in der Na Pavím vrchu 1949/2 hoch über dem Park Santoška in Smíchov schon aus. Die Aussicht, die man hier über die Stadt genießen kann, ist atemberaubend. Aber irgendwie verleihen die großen Antennen, die das Gebäude hinter hohen Zäunen und Hecken geradezu wie ein Wald umgeben, dem Ganzen nicht so recht den Eindruck, dass es sich hier noch um einen Ort des müßigen Genießens der umgebenden Landschaft handelt.

Dabei hatte sich der ursprüngliche Eigner der Villa, der Industrielle und Bauunternehmer Otokar Kruliš-Randa, der das Gebäude in den späten 1920er Jahren bauen ließ (weshalb es oft als Krulišova-Villa bezeichnet wird), sicherlich so gedacht. Der war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein bibliophiler Büchersammler, ein Schachmeister (und Vorsitzender der Schachvereinigung der Tschechoslowakei) und eine zeitlang sogar Präsident des Böhmisch-Mährischen Industriellenverbandes. Während der Nazizeit legte er sich mit den neuen Machthabern des öfteren mutig an und musste sich 1940 schließlich von seinem Posten und aus der Villa zurückziehen. Stattdessen baute er seine renommierte Bibliothek in seinem neuen Anwesen im südböhmischen Defurovy Lažany auf.

Seine Prager Villa machte währenddessen harte Zeiten durch. Als im Mai 1945 der Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) begann, zog sich eine Einheit der SS hierher zurück und verteidigte sich zwei Tage lang verbissen bevor die Aufständischen endlich den wegen seiner Höhenlage strategisch wichtigen Punkt eroberten. Man hätte erwarten können, dass OtokarKruliš-Randa danach die Villa wieder in Stand setzen und friedlich bewohnen hätte können. Doch der wurde erst einmal von Denunzianten der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es folgte ein glänzender Freispruch. Der half aber nichts, denn 1948 kamen die Kommunisten an die Macht und verhafteten ihn trotzdem wieder. Der Mann war ja Kapitalist und somit per se schuldig – zumindest in den Augen der Kommunisten… Die Jahre 1949/50 verbrachte er im Arbeitslager. 1953 wurde er mit fabrizierten „Beweisen“ wieder verhaftet und zu elf Jahren Haft verurteilt, die er nicht überlebte. 1958 starb er im Gefängnis. Erst 1969 wurde er postum rehabilitiert.

Die Villa in Smíchov wurde von den Kommunisten folgerichtig 1948 verstaatlicht und zu sinistren Zwecken genutzt, d.h. sie wurde der Staatssicherheit übergeben. Hier residierte deren „6. Verwaltung“ (VI. správa), wie die High-Tech-Abteilung mit ihren großen Abhöranlagen genannt wurde. Vor allem wurde von hier der ausländische Funk- und Radiobetrieb abgehört. Kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ man das Gebäude umfassend renovieren, wobei man hauptsächlich politischen Gefangenen in Zwangsarbeit die schwersten Arbeiten überließ. Die wurden jeden Tag in Bussen aus dem Gefängnis hier hinauf gekarrt.

Ein wenig über alle diese Ereignisse erfährt man heute von einer Infotafel (nur in Tschechisch), die auf dem Aussichtplatz davor aufgestellt wurde. Versuche, das Gebäude nach dem Fall des Kommunismus einer völlig anderen Bestimmung zuzuführen, scheiterten. Die Villa gehört nunmehr dem Innenministerium, das hier ein „Funkkommunikations- und Messzentrum“ betreibt. Das soll jetzt aber die Demokratie im Lande beschützen und nicht mehr dem Totalitarismus dienen. Aber eins ist klar: Der erste Eindruck, dass sich hinter dem mysteriösen Erscheinungsbild der Villa aufdrängt, trügt nicht: Hinter dem Haus verbirgt sich tatsächlich eine spannende Historie. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)

Die Geschichte zweier Präsidenten

War es der Zufall, der es so wollte? Auf dem Friedhof Vinohrady (Vinohradský hřbitov) in Prag befinden sich die letzten Ruhestätten zweier Präsidenten, die beide gezwungen waren, sich mit den Schrecken eines totalitären Regimes auseinanderzusetzen, und die beide dabei einen unterschiedlichen Weg wählten: Václav Havel und Emil Hácha – sie beide mussten harte Gewissensentscheidungen treffen angesichts des ungehemmten Bösen, das ihnen gegenüberstand. Für den einen endete die Begegnung mit dem Bösen mit Ruhm, für den anderen mit einer Tragödie.

Václav Havel ist heute zweifellos der bekanntere von beiden. Und er ist derjenige, den die Menschen im Lande immer noch – fast ein Jahrzehnt nach seinem Tode – verehren und feiern. Sein Grab, das von dem bekannten Bildhauer Olbram Zoubek (frühere Beiträge hier und hier) gestaltet wurde, ist immer noch eine wahre Pilgerstätte und ständig mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Havel, der schon als Schüler wegen seiner bürgerlichen Herkunft schweren Repressalien seitens der Kommunisten ausgesetzt war, hatte sich früh dem Theater zugewandt. Seine Stücke, etwa Zahradní slavnost (Das Gartenfest) von 1963, standen in der Tradition des absurden Theaters, die ihm besonders geeignet schien, die echten Absurditäten des realexistierenden Sozialismus bloßzustellen. Als Vorsitzender eines von den Kommunisten unabhängigen Schriftstellerverbandes rückte er zur Zeit des Prager Frühlings von 1968 in die erste Reihe der Dissidenten auf. In der „Normalisierung“ genannten Zeit der Repression wurde er dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. Aber er gab nicht auf. Mit einigen Mitstreitern lancierte er die Charta 77, die zum zentralen Dokument der Opposition und am Ende die Grundlage der Samtene Revolution von 1989 wurde, die den kommunistischen Spuk beendete. Im Dezember 1989 wurde er der erste Präsident der neuen Demokratie und behielt diese Funktion auch nach der Trennung der Slowakei von Tschechien (1993) bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2003. Fortan setzte er sich für Menschenrechte in aller Welt und für die europäische Einigung ein. 2011 starb er – zurecht bewundert und verehrt von den Bürgern seines Landes und Menschen in aller Welt.

Das Grab Havels, in dem er zusammen mit seiner ersten Frau Olga ruht, liegt im Friedhof deshalb auch an prominentester Stelle, in den Arkaden der Kapelle des Heiligen Wenzel (Kaple svatého Václava). Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Familie Havel zum Großbürgertum der Stadt gehörte und hier schon lange ihre Familiengruft hatte, die jetzt noch einmal ausgebaut wurde. Neben dem Grab des Präsidenten befindet sich hier die Grabtafel seines Großvaters Václav Havel, eines bekannten Großunternehmers. Auch der Vater, ebenfalls Václav Havel mit Namen, liegt dort. Er war in den 1930er Jahren einer der Begründer der Barrandov Studios und damit der tschechoslowakischen Filmindustrie. Havel – das war in Prag von je her ein besonderer Name. Und Václav Havel, der große Dissident und Präsident, wurde zu einer Lichtgestalt in seinem Land und in der Welt.

Ganz anders steht es um das Grab von Emil Hácha. Es liegt abseits von den Wegen im hinteren Teil des Friedhofs und ein wenig versteckt hinter Büschen. Während der Zeit des Kommunismus durfte nicht einmal sein Name auf dem Stein stehen. Das hat sich geändert und ab und an legen Menschen hier doch einen Kranz nieder. Aber es sind nicht anähernd so viele wie bei Havel. Die Monstrosität, mit der Hácha sich auseinandersetzen musste, war nicht der Kommunismus, sondern der Nationalsozialismus, der mit der deutschen Besatzung 1939 kam.

Die Tschechoslowakei war 1938 mit dem schändlichen Münchner Abkommen von seinen westlichen Alliierten Frankreich und Großbritannien im Stich gelassen worden und musste große Gebiete an Nazideutschland abtreten. Der bisherige Präsident, Edvard Beneš, trat zurück. Auf Hácha, ein anerkannter Jurist und überzeugter Demokrat, fiel nunmehr das schwere Los, Präsident einer untergehenden Republik zu werden. Am 14. März 1939 sorgte Hitler dafür, dass sich die Slowakei als Nazi-Vasallenstaat von der Tschechoslowakischen Republik abspaltete. Hácha wurde nach Berlin zitiert. Den bereits herzkranken Hácha ließ man zunächst stundenlang warten, während er einen schweren Herzschwächeanfall erlitt. Dann drohten Hitler und Göring ihm, Prag in Schutt und Asche zu bomben, wenn sich die Rest-Tschechei nicht umgehend als nur noch formell unabhängiges „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter den „Schutz“ Hitlers stellen würde. Wissend, dass niemand seinem (ohne Bündnispartner) nun militärisch schutzlosem Land helfen würde, gab er nach. Am nächsten Tag verwarf auch das Kabinett die Idee, einen aussichtslosen Kampf zu führen, und stimmte zu. Deutsche Panzer rollten nun durch die Straßen Prags.

Anfänglich versuchte Hácha noch, sein Amt so zu nutzen, dass er die Folge nder Nazidiktatur abmildern konnte. Er hielt zunächst noch geheimen Kontakt zum Widerstand. In der Folge wurde er aber immer mehr durch die Nazis isoliert und auch seine Gesundheit erlaubte ihm kaum mehr sein Amt zu führen. Die Nazis behielten ihn als ja tatsächlich gewählten Präsidenten nominell im Amte – auch mit dem Kalkül, dass die Westalliierten deshalb das Protektorat als Staat anerkannten und die eigentliche Exilregierung in London im Regen stehen ließen (als Folge des Münchner Abkommens). Machtlos und gedemütigt musste er zusehen, wie nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 die Mordmaschinerie der Nazis im Lande immer brutaler agiert. Er konnte nicht verhindern, dass die Nazis den von ihm benannten Ministerpräsidenten Alois Eliáš (siehe früherer Beiträge hier und hier) gnadenlos ermordeten. Die Nazis verfolgten Hácha nun mit Hohn, der Widerstand mit tiefem Misstrauen. Er galt als Kollaborateur. Und die braunen Machthaber spannten ihn immer wieder in ihre Propaganda ein. Er selbst war überzeugt, er habe die Tschechen 1939 vor einem Blutbad geschützt. Als im Mai 1945 die Nazis vertrieben wurden und die Rote Armee das Land besetzte, wurde Hácha verhaftet und ins Gefängnis von Pankrác gesteckt, wo er im Juni unter ungeklärten Umständen starb. Viele Tschechen glauben heute, dass man das Ende des bereits Todkranken damals vorsätzlich ein wenig „beschleunigte“.

Es ist schwer bei dem Vergleich zwischen Havel und Hácha, die nun so nahe beieinander in ihren Gräbern liegen, ein faires Urteil zu fällen. Havel hatte sich nicht kompromittiert. Der Erfolg der Samtenen Revolution krönte seinen Willen zum Widerstand, den er leistete. Er wurde zum Vorbild aller Freiheitsliebenden. Aber der Erfolg ist ein Kriterium, das man erst hinterher anlegen kann, und dass vorher nicht als Maßstab für die ethische Bewertung seiner Handlungen angeführt werden kann. Denn: Fundamentaler Widerstand, der nur Opfer erfordert, aber keine Besserung? Wäre das eine Option? Havel hatte Glück, dass er im wesentlichen sich selbst durch seine Taten gefährdete. Hácha war amtierender Präsident und verantwortlich für Millionen Menschen. Eine unbeugsame Haltung gegenüber Hitler hätte tausenden Unschuldigen das Leben kosten können. Was wäre gewesen, wenn Hácha tatsächlich durch Kollaboration unzähligen Menschen hätte helfen können? Die demokratische Regierung Dänemarks arbeitete nach der Besetzung des Landes pragmatisch mit den Nazis zusammen und es gelang ihr dabei, fast sämtliche Juden im Lande vor dem Holocaust zu retten – wofür man sie heute noch feiert. Hácha war dieser Erfolg nicht vergönnt, sondern nur tiefste Demütigung.

Die Geschichte der beiden Präsidenten auf dem Friedhof von Vinohrady lässt einen jedenfalls ins Grübeln kommen. (DD)

Wo der Verräter wohnte

Vor 78 Jahren, am 27. Mai 1942, fand in Prag-Libeň das Attentat auf eine der finstersten Führungsfiguren des Dritten Reiches statt, den stellvertetenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich, der 8 Tage später seinen Verletzungen erlag.

Ausgeführt hatten das Attentat (Operation Anthropoid) aus England eingeflogene tschechoslowakische Fallschirmjäger, von denen es etliche Gruppen im Lande gab, die daran arbeiteten, das Attentat zu planen und den Widerstand gegen die Nazis im Lande mit aufzubauen. Einer dieser Fallschirmjäger war Karel Čurda. Er sollte seinen Mitstreitern zum Verhängnis werden.

Warum Čurda, dessen Namen in Tschechien zum Symbol des Verrätertums wurde, seine Kameraden an die Gestapo verriet, ist immer noch heiß diskutiert. Die gängige Erklärung ist, dass er aus Angst handelte, weil nach dem Attentat immer mehr Mitbeteiligte des Widerstandes verhaftet wurden, um dann meist samt ihrer Familien ausgelöscht zu werden. Die Nazis machten Ernst. Er hatte mitbekommen, wie die Nazis aus Rache für das Attentat die Bevölkerung der Dörfer Lidice und Ležáky ausgelöscht hatten. Und: Wer rechtzeitig – auch als Beteiligter – Tathinweise gab, konnte ungestraft davon kommen. Zudem hatten die Nazis eine hohe Belohnung versprochen (die er übrigens nie vollumfänglich ausgehändigt bekam).

Wie dem auch sei: Er meldete sich beim Hauptquartier der Gestapo in Prag und verriet einige der Familien, bei denen seine früheren Mitstreiter sicheren Unterschlupf fanden. So entdeckte die Gestapo das Versteck der Widerstandskämpfer in der Krypta der Kirche St. Kyrill und Method (früherer Beitrag hier), darunter die eigentlichen Attentäter Jan Kubiš und Jozef Gabčík. Nach einem langen Feuergefecht fanden sie alle ihren Märtyrertod für die Freiheit des Landes.

Die Gestapo bedankte sich bei Čurda und verschaffte ihm sicherheitshalber eine neue Identität als „Karl Jerhot“. Er heiratete eine deutsche Frau und bekam von den Nazis in der heutigen Francouzská 77/8 in Vinohrady (Prag 2) eine große moderne Wohnung spendiert. Er arbeitete weiterhin als Spitzel, aber mit immer geringerem Erfolg, da er immer mehr zum schweren Alkoholiker wurde. Nach dem Ende des Krieges verhaftete die Polizei ihn umgehend. Am 29. April 1947 wurde er im Gefängnis von Pankrác durch den Strang hingerichtet. Seine Frau wurde nach Österreich ausgewiesen.

An dem Haus in Vinohrady, wo er seine Zeit als Kollaborateur Karl Jerhot verbrachte, erinnert nichts mehr daran – wer möchte schon gerne in einem Haus mit beschädigtem Ruf leben und auch noch dauernd daran erinnert werden? Im Erdgeschoss befindet sich ein wohlsortierter kleiner Lebensmittelladen, der 24 Stunden offen hat und ob seiner hohen Qualität ebenfalls kein Negativimage bekommen sollte. So bleibt das Wissen um dieses Kapitel der Geschichte des Hauses zurecht etwas, das historisch Versierten, die spezielle Reiseführer nutzen, vorbehalten bleibt. Bei dem Haus handelt es sich um einen fünfstöckigen Mietsblock. Er wurde 1937/38 von dem Architekten Stanislav Brázda im damals modernen strengen funktionalistischen Stil erbaut. Es war also ein sehr neues und modernes Haus, in das „Jerhot“ damals einzog, und es dürfte allerlei Komfort geboten haben (Elektrizität, fließend Wasser etc.), den seinerzeit nicht jedes Haus in Prag bot. (DD)