Die Nähe zu Gott finden

An diesem Orte kann man die Nähe zu Gott finden. Nicht den, von dem Nietzsche behauptete, er sei tot, den man aber nirgendwo begraben findet. Nein, die Rede ist von Tschechiens bekanntestem Gott: Karel Gott. Und der liegt nachweislich auf dem Malvazinky Friedhof in Prag Smíchov. Vor genau drei Jahren, am 1. Oktober 2019, starb er.

Und er ist dort zweifellos der Publikumsmagnet. Obwohl mir keine offiziellen Statistiken bekannt sind, kann man getrost davon ausgehen, dass ein Großteil der Besucher dieses keineswegs zentral gelegenen Friedhofs seinetwegen hierhin kommt. Um das Grab befindet sich ein wahres Meer von Kränzen, Blumen (meist Rosen) und brennenden Grablichtern. Es ist eine echte Pilgerstätte geworden. Meist befinden sich kleinere Gruppen von Fans – in der Mehrzahl mittelalte Damen, deren Herzen er einst gewann – vor dem Grab, die andächtig vor dem Grab gedenken oder sich angeregt über Gott (und die Welt?) unterhalten. Aus Pietätsgründen habe ich die natürlich nicht photographiert. Ja, ob man seine Musik mag oder nicht: Karel Gott war der größte aller Gesangs-Stars im Lande. Er war eine Institution. Seine Fans gingen immer für ihn durch Dick und Dünn. Rund 30 Millionen Tonträger, so schätzt man, hat er zu Lebzeiten verkauft. Die Hälfte davon im eigenen Lande. Was bei so einem kleinen Land eine Menge ist. Und das sagt auch, dass er außerhalb ein Star der Mega-Dimension war. Das galt besonders für Deutschland (vor 1989 sowohl im Westen als auch im Osten), wo der sprachbegabte Gott schon früh als Deutsch sprechender und singender Schlagerstar reüssierte. Es begann 1967 mit Weißt Du wohin (eine Schnulzfassung des Schiwagoliedes). Und es folgte mehr. Man darf dabei auch nicht das Titellied der erfolgreichen Trickserie Biene Maja von 1975 vergessen. Aber eine Aufzählung der deutschen Riesenhits unterlassen wir hier lieber, da sie überhaupt nicht mehr enden würde. Gott war geradezu Stammgast in allen relevanten Showsendungen des Fernsehens. Schon 1975 wurde in Wuppertal der erste deutsche Fanclub gegründet, dem unzählige folgten.

Eigentlich hatte der in Pilsen Geborene Kunstmaler werden wollen, scheiterte aber an der Aufnahme in die Kunstakademie. Seine Eltern sahen mit Sorge, dass er wohl ein Leben führen wollte, dass der Kunst gewidmet sei, also brotlos werden würde. Auch wenn sich das nicht bewahrheiten sollte, gaben sie ihm den eigentlich klugen Tipp, erst einmal bei dem Prager Maschinenbaukonzern ČKD eine Lehre als Starkstromelektriker zu machen. Währenddessen trat er aber schon ab und an als Sänger in Bars und Tanzcafés auf und studierte sogar drei Jahre auf dem Prager Konservatorium Gesang. Er hatte Erfolg auf der Bühne, wurde entdeckt und brachte 1963 seine erste Single Měsíční řeka (eine tschechische Cover-Version von Moon River) heraus, die ein Hit wurde. Es folgten erfolgreiche Auftritte im Ausland. Beim Grand Prix Eurovision 1968 – heute nennt man den Eurovision Song Contest – trat er seltsamerweise sogar für Österreich an. Na ja, es blieb damit immerhin im alten Habsburgerreich.

Obwohl er seine größten Erfolge zweifellos in der Tschechoslowakei bzw.Tschechien und Deutschland feierte, gelangen ihm auch Verkaufserfolge in anderen Ländern. Er nahm Lieder in Englisch, Französisch, Japanisch, Serbokroatisch (gibt es nicht mehr), Russisch, Ungarisch, Romani, Hebräisch und etlichen anderen Sprachen auf. Er wurde damit auch zum netten und freundlichen Aushängeschild des damals von Kommunisten hart regierten Landes. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 spielte er anscheinend mit dem Gedanken, ins Ausland zu ziehen, aber er blieb und passte sich an, was zunächst leicht fiel, da er ja nie politische Lieder sang, sondern einfache Schlager. Aber am Ende passte er sich zu sehr an. Als 1977 der Kreis der Dissidenten um Václav Havel das weltweit Aufsehen erregende Manifest Charta 77 veröffentlichte, trommelte die kommunistische Führung Prominente zusammen, die mit vorgespielter Abscheu ein Dokument, das sie eigentlich gar nicht kennen durften, verdammten, um dann eine sogenannte Anti-Charta zu unterzeichnen. Der erste, der bei der großen Zeremonie im Nationaltheater in Prag am 28. Januar 1977 das loyalistische Dokument feierlich unterzeichnete, war kein Geringerer als Karel Gott. Natürlich hatte die Staatssicherheit Druck auf ihn ausgeübt. Und der war so groß, dass selbst recht offen kommunismuskritische Künstler, wie etwa der Schriftsteller Bohumil Hrabal (über ihn berichteten wir u.a. hier und hier), die Erklärung unterschrieben. Trotzdem: Für viele Dissidenten hatte er damit Würde und Anstand weit hinter sich gelassen. Zu denen gehörte lange Zeit seine Schlagerkollegin Marta Kubišová, die zu den Dissidenten und Erstunterzeichnern der Charta 77 gehört hatte. Hatten die beiden zuvor sogar noch Duette gesungen, blieb das Verhältnis danach für lange etwas gestört, denn während Gott nun weiterhin ein Luxusleben mit Auslandsreisen führen durfte, wurde Kubišová brutal verhört, öffentlich verleumdet, bekam Berufsverbot und musste als Hilfsarbeiterin ihr Brot verdienen und wurde ständig von der Staatspolizei überwacht und bedroht. Der Vergleich zu der mutigen Kubišová (die 1989 bei der Samtenen Revolution an vorderster Stelle mit dabei war) ließ Gott in der Tat nicht sonderlich heldenhaft erscheinen.

Die Masse der Fans störte das überhaupt nicht. Den deutschen Fans war es egal und er trat immer noch erfolgreich im Fernsehen auf und sammelte auch immer noch wie wild Goldene Schallplatten und andere Preise für hohe Verkaufszahlen. Die „Goldene Stimme aus Prag“ war er und blieb er für die Deutschen. Nun gut, Deutsche waren zumindest im Westen ja auch nicht von kommunistischer Repression betroffen. Und in der Tschechoslowakei war es – auf den ersten Blick überraschend, weil da doch die rote Diktatur herrschte – genauso. Der Erfolg blieb ungebrochen. Die Erklärung dürfte sein, dass nur die allerwenigsten Bürger des Landes aktive Widerständler und Dissidenten waren. Der Normalbürger mogelte sich irgendwie durch und musste auch unter widrigen Bedingungen sehen, wo er blieb und passte sich an. Für diese Mehrheit der Menschen war das Verhalten Karel Gotts eigentlich irgendwie durchaus verständlich. Es verfestigte möglicherweise sogar das sorgfältig gepflegte Image, er sei der normale nette Junge von nebenan; eben einer „von uns“. Anpassungsfähigkeit war wohl die Tugend der meisten Tschechoslowaken. Und Karel Gotts Stärke war ja anscheinend auch seine Anpassungsfähigkeit. Das galt nicht nur, wenn es um Politik ging, aber eben auch da. Er erkannte auch bei der Musik stets die Zeichen der Zeit und passte sich immer musikalisch an. Als die traditionelle Schlagerschnulze langsam von Rockmusik verdrängt wurde, sprang er auch auf diesen Zug, aber so, dass ihm die alten Fans noch folgen konnten. Die liebten es auch, wenn er 1968 Beatles-Lieder sang. Und ehrlich gesagt: Rocksongs, wie etwa das bekannte Paint it Black (1966) der Rolling Stones, gewannen durch seine im gleichen Jahr aufgenommene Interpretation (Schwarz und Rot) erst wirklich Tiefe. Später ging er noch weiter, als er 2008 sogar gemeinsam mit dem Brutal-Rapper Bushido das Lied Für immer jung aufnahm. Man glaubte es nicht.

Und politisch kriegte er auch wieder die Kurve als es mit dem Kommunsmus zu Ende ging. Auf dem Höhepunkt der Samtenen Revolution von 1989 sang er er auf einmal bei einer Demonstration gegen das Regime mit dem Dissidenten und Protestsänger Karel Kryl (der nach 1968 verfolgt und ins Exil getrieben worden war) im Duett die Nationalhymne – so als hätte er nie die Anticharta unterzeichnet. Und irgendwie war er danach so populär, dass es 2003 sogar hieß, er solle als Nachfolger des abtretenden Václav Havel der Präsident des Landes werden. Da blieb ein unrealisiertes Projekt, aber immerhin: Er blieb im Gespräch. Inzwischen hatte er die Unterzeichnung der Anti-Charta öffentlich als schweren Fehler bereut. Höchstwahrscheinlich sogar ernsthaft, denn ein im Inneren überzeugter Kommunist war er wohl tatsächlich nie – dagegen sprach schon sein oft recht amerikanisch orientiertes Repertoire. Er förderte mit seinem Vermögen Künstler – vorzugsweise welche, die unter kommunistischen Drangsalierereien gelitten hatten. Selbst der wichtigste aller Dissidenten, Präsident Václav Havel, bezeichnete ihn als „ein Phänomen, das einfach in die tschechische Kulturlandschaft gehört“. Alles war vergeben. Und: Die meisten Tschechen hatten ihn sowieso immer und ungebrochen geliebt.

2015 erkrankte Karel Gott an Krebs. Er hielt das geheim und galt bei den Ärzten schon kurz darauf als geheilt. Aber 2019 kam der Krebs zurück, in Form einer Leukämie. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben werde, und er teilte es erstmals der bestürzten Öffentlichkeit mit. Am 1. Okober 2019 starb er. Die Tschechen ohne Karel Gott, das hatte man sich nicht vorstellen können. Jetzt war es passiert. Die Regierung ordnete an, im Lande die Fahnen auf Halbmast zu hängen. Ein Staatsbegräbnis im Veitsdom wurde beschlossen, aber wegen des Protests einiger früherer Dissidenten in ein Begräbnis mit staatlichen Ehren umgewandelt. Aber dieser Protest war ein isoliertes Phänomen. Wer sich bisher nicht mit Gott versöhnt hatte, tat es jetzt. Auch Marta Kubišová wollte – einem der letzten Wünsche des Sängers folgend – auf einem Gedenkkonzert für ihn singen, musste aber aufgrund schwerer Gesundheitsprobleme absagen. Ihr Bedauern darüber war aufrichtig, weil schließlich Gott auch immer stets sein Bedauern über seine damalige Schwäche kundtat. Und sie sah ein, dass jeder Menschen Schwächen habe und nicht jeder Held sein könne. Am Tag der Beerdigung herrschte offizielle Staatstrauer. Um überhaupt eine Begräbnismesse im Veitsdom, abgehalten vom Prager Erzbischof, zugesprochen zu bekommen, musste man zuvor entweder König (vor 1918) oder Präsident (danach) sein. Am 11. Oktober wurde der Leichnam im Žofín Palast aufgebahrt, damit die Bevölkerung Abschied von ihm nehmen konnte. Hunderttausende kamen. In der Innenstadt kam der Verkehr fast zu Erliegen. Tags darauf fand die Begräbnismesse im Dom unter Beteiligung aller wichtigen Potentaten aus Politik und Kultur statt und dann wurde er im heimischen Smíchov – eben hier im Malvazinky Friedhof, über den wir im letzten Beitrag berichteten – zur letzten Ruhe gebettet. Der Grabstein ist schlicht gestaltet. Eine doppelte schwarze Steinplatte mit einem Laser-Gravur-Portrait und den Lebensdaten. Es ragt etwas höher als die meisten Gräber in der Umgebung. So wie Karel Gott in den Herzen der Tschechen alles überragt. (DD)

Großer Geiger

Er gehörte zu den größten Violinisten Tschechiens und der Welt: Josef Suk, auch Josef Suk der Jüngere genannt. Das lag an den Genen. Sein Großvater, Josef Suk der Ältere, war schon ein bedeutender Komponist, der mit der Symphonie Nr. 2 Asrael 1898 seiner Trauer über den Tod seines Schwiegervaters würdig Ausdruck verlieh. Der wiederum war kein geringerer als Antonín Dvořák – einer der großen Nationalkomponisten des Landes. Mithin war Suk junior also der Urenkel Dvoráks. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als ein großer Musiker zu werden.

Das wurde er auch und gottlob sind viele Beispiele dafür als Schallplatte, CD oder Download noch erhältlich. Er tat sich nicht nur als genialer Interpret seines Urgroßvaters hervor, sondern als Kenner und Könner der Werke so unterschiedlicher Komponisten wie Beethoven oder Alban Berg. Berühmt wurde seine mit dem Cellisten André Navarra eingespielte Fassung von Brahms‘ Doppelkonzert. Sogar einen Ausflug in die Filmmusik wagte er 1974, als er bei der Titelmusik des von Luchino Visconti gedrehten Films Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) mitwirkte.

Unvergessen war er, unvergessen sollte er bleiben. Schon kurz nach Suks Tod im Jahre 2011 brachte die Stadtteilregierung von Prag 2 an dem Haus am Karlovo náměstí 317/5 (Karlsplatz) eine Plakette zum Gedenken an den großen Musiker an. Sie befindet sich unter einem Fenster auf dem ersten Stock des in den späten 1920er Jahren gebauten Hauses. Der Bildhauer und Medailleur Zdeněk Kolářský entwarf eine bronzene Plakette mit einem Profilportrait Suks, das daran erinnert, dass der Violinist in diesem Hause von 1962 bis zu seinem Tode 2011 gelebt hat. (DD)

Palais mit Musik

Heute sind es besonders die Musikliebhaber, die das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) zu schätzen wissen. Er schließt mit seiner enormen Größe fast die ganze westliche Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 258/13) ab. Heute ist das Gebäude der Sitz der Fakultät für Musik und Tanz der Akademie der Darstellenden Künste. Es gibt den dazugehörigen Konzertsaal und ein Musiktheater. Ein Musikladen im Erdgeschoss rundet das Ganze ab.

Aber natürlich ging es ursprünglich nicht um Musik, als der Palast erbaut wurde. An der Stelle des heutigen Palais standen seit dem 15. Jahrhundert fünf kleinere Häuser, die ab 1620 baulich zu einem großen Palastgebäude im barocken Stil zusammengefasst wurden. Dafür zeichnete sich Karl I. von Liechtenstein verantwortlich. Der hatte sich beim Ständeaufstand von 1618 (den man mit dem Zweiten Prager Fenstersturz verbindet) klar auf die Seite der Habsburger gestellt. Für sie organisierte er anschließend 1621 die blutige Hinrichtung von 27 Anführern der protestantischen Seite auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier).

Das hat ihm bei den Tschechen, deren Freiheit er damit für lange Zeit beendete, einen nachhaltig schlechten Ruf eingetragen. Noch 1993 stellte man vor dem Palais 27 Poller als Parkplatzbegrenzung auf, die die stilisierten Gesichter der Hingerichteten tragen – ein Werk des Bildhauers Karel Nepraš, über das wir hier berichteten. Und wo einst am Giebel das Wappen der Liechtensteiner prangte, ist heute eine Leerstelle, wie man im kleinen Bild rechts sieht. Die Tschechen sind hier sehr nachtragend, wenn es um ihn geht.

Für ihn selbst war die Sache allerdings äußerst einträglich, nicht zuletzt, weil er sich an dem konfiszierten Eigentum der Besiegten gütlich tun konnte. Deshalb konnte er sich den neuen Palais, der 1638 fertiggestellt wurde, spielend leisten. Karls Nachfahren verpachteten den Palais von 1742 bis 1790 an die Post und lange Zeit war es dadurch Prags einziges – und eigentlich recht überdimensioniertes – Postamt.

1791 ließen die Liechtensteiner das Gebäude von dem Architekten Matthias Hummel grundlegend umgestalten. Die einheitliche klassizistische Fasade, die wir heute sehen, ist sein Werk. Bis 1848 nutzte es die Familie oft zur Förderung der Künste, etwa durch große Ausstellungen. Danach übernahm es das Militär. Bis 1918 diente das Palais als Hauptquartier der k.u.k.-Armee in Böhmen und auch die Tschechoslowakische Armee nutzte es nach der Unabhängigkeit entsprechend. Während der Nazi-Besetzung nahm es die Wehrmacht in Beschlag.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg gelangte es – inzwischen enteignet und verstaatlicht (weil man die Liechtensteiner- möglichereise als späte Rache für Karls Taten – etwas dreist einfach unter „Deutsche“ subsummierte) , was immer noch zu Disputen mit der Fürstenfamilie Liechtenstein führt – in zivile Hände. Ab 1960 diente der Palais etwa als Ausbildungsstätte der Kommunistischen Partei. Nach dem Fall des Kommunismus renovierte man das etwas abgenutzte Gebäude und übergab es 1991 der Akademie der darstellenden Künste, die es immer noch erfolgreich nutzt. Heute bietet das inzwischen renovierte Gebäude eine Plattform, auf der sich die darstellenden Künstler auch tatsächlich darstellen können.

Heute befinden sich in dem Gebäude nicht nur Unterrichtsräume, ein Tonstudio, kleine Musikräume oder Musiklabore, oder auch ein kleines Theater für avantgardistische Aufführungen (das Inspirationstheater – Divadlo Inspirace) sondern vor allem der Bohuslav-Martinů-Saal (sál Bohuslava Martinů), der zu den renommiertesten Konzerthallen der Stadt gehört (siehe großes Bild oben). Der war schon zu Liechtensteiner Zeiten – wenngleich noch nicht nach dem modernen Komponisten Bohuslav Martinů benannt – ein Prachtsaal im klassizistischen Stil. Im Treppenhaus davor hat man eine Büste des unter den Kommunisten eher verpönten Komponisten aufgestellt. Mit der Gründung der Akademie der Darstellenden Künste wurde er dann zum Konzertsaal umfunktioniert. Das klappte auch, weil die Akkustik erstaunlich gut ist. Mitte der 1990er Jahre renovierte man das Ganze noch einmal aufs Neue. Dabei wurde eine neue Orgel der 1845 gegründeten, aber leider 2015 insolvent gewordenen böhmischen Traditionsfirma Rieger Kloss eingebaut.

Seit einigen Jahren gibt es auf noch Open-Air-Vorführungen, denn man hat die Potentiale des Innenhofes des Gebäudes entdeckt. An lauschigen Sommerabenden kann man oft Musik genießen, die man sonst nicht zu hören bekommt. Das Bild zeigt eine Inszenierung aus dem Jahr 2019, nämlich die lange verloren geglaubte und wieder rekonstruierte Barockoper Libussa e Primislao durch das Ensemble Music Florea, das aus der Akademie hervorgegangen ist. Ein Erlebnis – und nicht das einzige, dass hier schon geboten wurde.

Ach ja, hinter dem Trakt mit dem Konzertsaal liegt noch ein kleiner Garten, der normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, den man aber von oben aus dem Fenster des Saales schön betrachten kann. Da kann man in einer Ecke eine Statue von Franz Schubert beäugen, die bei ihrer Aufstellung 2009 ein wenig Furore machte. Sie ist ein Werk der Bildhauerin Anna Chromy, die bei ihren Werken immer ein wenig zwischen Kitsch und augenzwinkernder Ironie schwankt. Das können etablierte akademische Künstler meist nicht leiden. Dass das Publikum so etwas liebt, macht es noch schlimmer für sie. Jedesmal, wenn eines von Chromys Werken aufgestellt wird, gibt es Protest (wir berichteten hier). Eigentlich finde ich den Schubert, der während der Covid-Panik eine Maske aufgesetzt bekam, gar nicht so kitschig. Aber er wurde trotzdem inzwischen in den Hintergarten verbannt… So ist es, wenn sich Kunstakademien und Künstler zu ernst nehmen… (DD)

Komponist mit zwei Gedenktafeln

Er gehörte zu den wichtigsten musikalischen Vertretern der späten Wiener Klassik und der Frühromantik überhaupt – und nicht nur in Böhmen, auch wenn er heutzutage über die Grenzen des Landes kaum mehr so bekannt ist, wie er es vielleicht verdient hätte: Václav Jan Křtitel Tomášek, oft auch auf Deutsch Wenzel Johann Baptist Tomaschek geschrieben. Und deshalb befinden sich in an der Fassade des Hauses in der Tomášská 15/15 auf der Kleinseite, in dem er von 1824 bis zu seinem Tode 1850 lebte, auch zwei Gedenktafeln – eine in Tschechisch und eine in Deutsch.

Die wurden 1874 zum 100. Jahrestags der Geburt Tomášeks hier angebracht und sind ein Werk des Graphikers und Lithographen Otto Sandtner. Die Zweisprachigkeit entsprach nicht nur dem politischen Selbstverständnis des Habsburgerreichs als Vielvölkerstaat zu dieser Zeit. Tomášek selbst war auch selbst gleichermaßen im tschechischen und deutschen Kulturlebens in Prag zu Hause. Er verkehrte freundschaftlich mit Geistesgrößen des tschechischen Nationalismus, wie dem Historiker František Palacký (auch hier), war aber auch ein Bewunderer der deutschen Kultur, der sich 1822 mit Goethe traf und dessen Gedichte als Lieder vertonte, wobei Goethe ihm sogar attestierte, dass seine Vertonungen ihm kongenialer erschienen als die von Beethoven komponierten.

Seine musikalischen Einflüsse waren ebenfalls vielfältig. Über Mozarts Freund und Prager Gönner, dem Komponisten František Xaver Dušek (siehe früheren Beitrag hier) lernte er das Werk Mozarts kennen und wahrscheinlich lernte er auch bei Dušek das Klavierspiel. Beethoven hatte er schon 1796 kennengelernt, als dieser eine zeitlang in Prag weilte (wir berichteten hier). 1814 besuchte er ihn mehrfach in Wien. Und in vielen seiner Werken ist auch der Einfluss von Beethoven durchaus spürbar. Und Tomášeks Werk ist an Qualität und Vielfältigkeit kaum zu überbieten, so dass hier nur einige Beispiele genannt werden, etwa sein berühmtes Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur (1803), die Klaviersonate in Es-Moll (1805/06), oder die Vertonung von Gottfried August Bürgers Gedicht Lenore (1805), die leider vergessenen Opern Seraphine (1811) und Alvaro (1816, unvollendet), Orchesterwerke wie die Symphonie in D-Dur (1807), Chorwerke wie das Requiem in C-Moll (1820) und vieles mehr.

Im Jahr 1824 heiratete er die um 25 Jahre jüngere Wilhelmine Ebert, die Tochter des damals bekannten Dichters Karl Egon Ebert. Mit er zog er sogleich in jenes Haus ein, an dem sich die Gedenktafeln befinden, das sogenannte dům U Klárů (Klar Haus), das nach dem damaligen Besitzer Paul Alois Klar benannt ist, der wiederum Sohn des Pädogogen und Gründers der Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt Alois Klar war. Über die Zeit ist Tomášek, der hier mit seiner Frau zur Miete einzog, der bekanntere geblieben, weshalb man das dreistöckige Haus oft auch gleich Tomáškův palác (Palais Tomášek) nennt. Das Haus steht auf mittelalterlichen Fundamenten, wurde aber zuerst 1723-25 und dann vor allem 1770 durchgehend barockisiert. Die recht beeindruckende, aus dieser letzten barocken Bauphase stammende siebenachsige Fassade mit dem zentralen Risaliten ist reich mit Stuck geschmückt.

1846 verfasste Tomášek noch eine Autobiographie, die in mehreren Folgen in einer Zeitschrift erschien Zu diesem Zeitpunkt galt er als eine der zentralen Figuren des Prager Musiklebens. Zahlreiche seiner Schüler sollten es zu Bekanntheit bringen, etwa der Pianist und Komponist Alexander Dreyschock, der Komponist Johann Friedrich Kittl (der eine zeitlang als Untermieter im Hause Tomášek einzog und sich dort wohl mit einem gewissem Erfolg an Frau Tomášek heranmachte), die Sängerin, Pianistin und Schauspielerin Constanze Geiger oder der bekannte Musikkritiker Eduard Hanslick (ein gnadenloser Kritiker Wagners). .Als Tomášek starb, wurde er auf dem Kleinseitner Friedhof (Malostranský hřbitov) im Stadtteil Smíchov, über den wir bereits hier berichteten, begraben. Sein Grabdenkmal mit einer großen, in Stein gemeißelten Leier gehört zu den größten und auffälligsten dort – ein Sinnbild für die historische Bedeutung, die Tomášek für die Musik der Tschechen hatte. (DD)

Der spät Geehrte

Bohuslav Martinů gehört zweifellos neben Leoš Janáček zu den ganz großen tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Darüber war die die ganze Welt schnell einig. In seinem Heimatland war er jedoch in den Zeiten des Kommunismus lang mit einem Bannfluch belegt. Denkmäler und Gedenktafeln zu seinen Ehren gibt es deswegen hierzulande erst seit dem Ende der Tyrannei 1989 – so auch diese Gedenkbüste in der Na Kampě 512/11 auf der Kleinseite nahe der Karlsbrücke.

In diesem Haus wohnte Martinů nach 1906, als er aus Mähren kommend am Prager Konservatorium sein Studium begann. „In diesem Haus lebte während seiner Studienzeit der tschechische Komponist Bohuslav Martinů 1890-1959“, besagt die Inschrift unter der Büste. Das Studiium engte ihn arg ein, wie er fand, und er schaffte das Diplom am Ende nur knapp. Aber sein Talent war groß; bald spielte er die zweite Violine bei der Tschechischen Philharmonie (Česká filharmonie). Bei großen Lehrern bildete er sich aus, etwa bei Josef Suk oder ab 1923 in Paris bei Albert Roussel. Als 1939 die Nazis in seine Heimat einmarschierten, blieb er in Frankreich. Als die Deutschen hier auch einfielen, floh er im letzten Moment in die USA. Dort lehrte er bis 1953 Komposition, unter anderem an der renommierten Princeton University. Obwohl 1955 in die prestigereiche American Academy of Arts and Letters gewählt, zog es ihn nach Europa zurück, zunächst nach Nizza und Rom, dann – ab 1956 – endgültig in die Schweiz, wo er schließlich, hoch geehrt seinen Lebensabend verbrachte.

In die inzwischen kommunistisch regierte Tschechoslowakei konnte er nicht zurück, obwohl er mit dem Gedanken gespielt hatte. Denn dort galt der Anhänger der Ersten Republik und der westlichen Demokratie als politisch „unzuverlässig“. Insbesondere der Bildungs- und Kulturminister Zdeněk Nejedlý machte aus seiner Abneigung keinen Hehl, weil er die Musik Martinůs nicht verstand und sie ihm nicht genügend „proletarisch“ war. Der Minister ließ sich bisweil nicht nur von ideologischem Eifer, sondern auch von persönlichen Abneigungen leiten ließ. Es heißt, er habe ein Denkmal für den eiegntlich völlig unumstrittenen Antonin Dvořák nur deshalb nicht in Prag genehmigt, weil dessen Tochter vor urlanger Zeit seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte (wir berichteten hier). Wie dem auch sei, Martinů war offiziell als bourgeoiser Formalist verpönt und wurde weder aufgeführt noch irgendwo positiv rezensiert. Und wer als Kulturschaffender Nejedlýs Missfallen erregte, konnte schnell im Gefängnis landen, wie etwa der spektakuläre Fall des anerkannten Musikwissenschaftlers Josef Hutter zeigte, der als schon von den Nazis verfolgt worden war, und 1950 Opfer eines stalinistischen Schauprozesses wurde.

Und so kam es, dass einer der ganz großen Komponisten der Tschechen seine größten Werke meist im Ausland schrieb. Darunter finden sich zahlreiche Symphonien (hier die sechste) oder die heitere Sinfonietta Giocosa von 1940, die er angeblich während einer Straßenbahnfahrt komponiert hatte. Das Orchesterwerk Memorial to Lidice von 1943 ist eines seiner politischen Stücke zum Gedenken an die Ermordung der Menschen des Dorfes Lidice ein Jahr zuvor durch die Nazis aus Rache für das Attentat auf Reinhard Heydrich. Nennenswert sind auch seine zahlreichen Balette, wie etwa Špalíček (1932/33). Auch insgesamt 16 Opern gehören dazu, insbesondere die spektakuläre und dramatische Oper The Greek Passion (1961). Seine Werke wiesen ihn (ähnlich wie Igor Strawinski) als einen Meister des musikalischen Neoklassizismus aus, der die Emotionalität des vorher allesbeherrschenden Romantizismus überwand, und formalere und tonalere Kompositionen, die auf die Wiener Klassik zurückgriffen, bevorzugte.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 beeilte man sich, die Ehrung nachzuholen. Schon 1990 entstand ein Denkmal für ihn in seiner Geburtsstadt Polička. Im mährischen Brno folgte ein Denkmal für Martinů im Jahr 2007. Wiederum in Polička wurde 2009 ein eigenes Museum und Forschungszentrum (Centrum Bohuslava Martinů) gewidmet, das sein Andenken pflegt. Und das sind nur einige Beispiele für Ehrungen des Komponisten.

In Prag wurde nicht nur an der Manes-Brücke (Mánesův most) eine Plakette in den Boden eingelassen, sondern im Jahre 1998 auch eben jene Büste mit Plakette an dem Haus angebracht, in dem er seine Studienzeit hier verbracht hatte. Es handelt sich übrigens um ein ursprünglich barockes Gebäude mit dem Namen Haus zur Gelben Rose (U zlaté růže), das 1835 durch den Architekten Karel Pollak im neoklassizistischen Stil umgebaut wurde – was eigentlich recht gut zu Martinů neoklassischer Musik und auch zu dem formstrengen Sockel und der (recht konventionellen) Gestaltung der Büste passt.

Ach ja, ehe man es übersieht. Unter der Büste mit der großen Plakette für Martinů befindet sich eine kleinere Plakette aus Bronze. Sie erinnert daran, dass in dem Haus von 1930 bis zu seinem Tode 1976 der bekannte Filmschauspieler Eduard Kohout wohnte, und der durch Filme wie Kouzelný dům (Magisches Haus, 1939), Jan Hus (1954) oder Spalovač mrtvol (Der Kremator, 1969) sich eine lange und erfolgreiche Karriere im Lande sicherte. Der Text lautet übersetzt: „In diesem Haus lebte, schuf und starb von 1930 – 1976 der tschechische Nationalkünstler Eduard Kohout, ein tschechischer Schauspieler.“ (DD)

Der Abgewiesene

Leoš Janáček (1854-1928) ist bis heute der am meisten aufgeführte tschechische Opernkomponist. Insbesondere seine Oper Das schlaue Füchslein (1924) fehlt in keinem renommierten Opernhaus im Repertoire.

Trotzdem findet man nur wenige Erinnerungen an den großen Komponisten in Prag. Denn der im mährischen Ort Hukvaldy (das, wie der Kundige am Namen erraten wird, im Mittelalter zu den Besitztümern des bedeutenden Geschlechts der Grafen von Hückeswagen gehörte) Geborenene lebte auch die meiste Zeit in Mähren. Mit Prag verband ihn ein eher gespanntes Verhältnis. Mähren ist für den Prager sowieso eher „Provinz“. Das Musikestablishment der Stadt war zudem konservativ und glaubte, dass mit dem großen Nationalkomponisten Bedřich Smetana der endgültige Standard für Musikschaffen erreicht worden sei, und dass ein musikalischer Neuerer und Modernist wie Janáček eher Verwirrung stifte. Es dauerte lange, bis überhaupt Werke des Komponisten in Prag im Nationaltheater aufgeführt wurden.

Das ist heute vergessen und Janáčeks Werke werden hier mit Begeisterung aufgeführt. Dennoch musste der Komponist bis 1984 warten, bis im hier eine Gedenktafel gewidmet wurde. Sie befindet sich über dem Haupteingang des Mietshauses am Karlovo náměstí (Karlsplatz) 319/3 und ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Krybus. Der damals durch seine Musiksendungen im Fernsehen bekannte Pianist und Komponist Václav Holzknecht hielt bei der Einweihung eine feierliche Lobrede auf Janáček. Warum hängt die Plakette mit der Portraitbüste ausgerechnet an diesem Haus? Nun, hier verbrachte der junge Komponist seinen einzigen längeren Lebensabschnitt in Prag. 1874 bis 1876 studierte er zunächst zwei Jahre an der Prager Orgelschule und war dann für kurze Zeit Chorleiter des Philharmonischen Vereins Umělecká beseda. Dank dieser Tatsache kann nun heute ein wenig von Janáčeks Ruhm auch auf jenes Prag abfallen, das ihn einst stets abgewiesen hatte. (DD)

Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

Kein Gallier, sondern tschechische Harmonie

Auf den ersten Blick könnte man an einen Gallier aus Asterix mit seinem Helm und seinen Zöpfen denken. Irgendwie scheint sich die künstlerische Phantasie darüber, wie die vorzeitlichen Vorfahren aussahen, in Europa überall zu ähneln. Das hier soll jedenfalls ein alter Tscheche bzw. Slawe sein.

Die bronzene Skulptur hört auf den Namen Souzvuk (Harmonie) und ist das Werk von Ladislav Šaloun, dem man das Denkmal für Hus auf dem Altstädter Ring verdankt und zahlreiche andere Werke im Stil des Symbolismus (siehe u.a. früheren Beitrag hier) Der Künstler schuf das Werk im Jahre 1927. Aufgestellt wurde es allerdings erst hier auf der Slawischen Insel (Slovanský ostrov) beim Sophienpalast (Palác Žofín) im Jahre 1946. In der kleinen grünen Parkanlage steht ein archaisch aussehender und muskulöser Urtscheche, der ein ebenso archaisches dudelsackähnliches Musikinstrument verzückt (es geht ja schließlich um Harmonie) in seinen Armen hält.

Zwar steht auf dem Sockel ausschließlich die Aufschrift „Souzvuk“, aber die Statue wird trotzdem manchmal auch Česká píseň (Tschechisches Lied) genannt, was an ein gleichnamiges Chorwerk von Bedřich Smetana aus dem Jahr 1878 erinnert. Smetana war 1863-65 Chorleiter des Gesangsvereins Hlahol (siehe gestriger Beitrag), dessen großes Vereinshaus man hinter dem Rücken des Urtschechen am anderen Moldauufer bewundern kann. Und wie es der Zufall will, wurde Smetana bekanntestes Werk, die Moldau (Vltava) 1875 nur wenige Meter entfernt im Sophienpalast uraufgeführt. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass der alte Tscheche auch eine Hommage an Smetana darstellen soll. (DD)

Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

Verehrter Komponist

Karel Bendl ist heute nicht mehr sehr vielen Menschen bekannt. Aber in seiner Zeit gehörte er durchaus zu den großen Komponisten Böhmens und hatte etliche prestigereiche Positionen inne.

Zeitgenossen sahen ihn als fast ebenbürtig mit den heute ungleich bekannteren Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Und tatsächlich sprang er für die ab und an ein – er löste Smetana als Leiter der (damals sehr patriotischen) Gesangsvereinigung Hlalol ab und führte sie zu Weltruhm. Dvořák 1892 nach Amerika abreiste, wo er Inpiration für sein bekanntestes Meisterwerk, der 5. Symphonie Aus der Neuen Welt (1893) fand, da übernahm Bendl dessen Klasse für Komposition am Prager Konservatorium, eine Position. die er dann auch bis an sein Lebensende 1897 innehatte. In den Jahren 1874 bis 1875 war er zweiter Kapellmeister des Nationaltheaters (Národni divadlo), das damals noch in einem provisorischen Gebäude residierte (der heutige Bau entstand 1881).

Zahlreiche Kompositionen machte in im ganzen Lande bekannt, etwa die komische Oper Starý ženich (Der alte Bräutigam) von 1883 oder das Instrumentalstück Jihoslovanská rhapsodie (Südslawische Rhapsodie). Wie auch Smetana, versuchte Bendl auch immer wieder nationale und panslawistische Themen in seiner Musik zu verarbeiten. Smetana selbst ließ es sich übrigens nicht nehmen, 1869 die Premiere von Bendls zu Lebzeiten bekanntester Oper Léjla (zu der die berühmte Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská – früherer Beitrag hier – das Libretto beigetragen hatte) in Anerkennung seines Kollegen daselbst zu dirigieren.

Dass Bendl ein Denkmal verdient hat, steht also außer Frage. Und tatsächlich befindet sich seit 1916 ein recht stattliches Denkmal für ihn an der Ecke Pod Kaštany/Na Zátorce im Stadtteil Dejvice (Prag 6) auf einer hübschen kleinen und grünen Verkehrsinsel. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der unter anderem das große Monument des großen Nationalhistorikers František Palacký (früherer Beitrag hier) am Moldauufer erschaffen hatte – also nicht gerade ein unbekannter.

Sucharda war ein Meister des späten Jugendstils und in diesem Stil ist das aus Sandstein geschlagene Denkmal Bendls auch gehalten. Es handelt sich um eine Büstes des Komponisten, die auf einem unten sechseckigen, oben zylindrischen Sockel steht, der von zahlreichen Figuren umringt ist. Die Figur auf der Rückseite trägt eine Inschrift auf der Brust, die besagt, dass das Denkmal von einem Bürgerverein 1915/16 in Eigeninitiative gestiftet worden sei – ein Ausdruck der Verehrung, die man damals dem Komponisten entgegenbrachte. (DD)