Der spät Geehrte

Bohuslav Martinů gehört zweifellos neben Leoš Janáček zu den ganz großen tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Darüber war die die ganze Welt schnell einig. In seinem Heimatland war er jedoch in den Zeiten des Kommunismus lang mit einem Bannfluch belegt. Denkmäler und Gedenktafeln zu seinen Ehren gibt es deswegen hierzulande erst seit dem Ende der Tyrannei 1989 – so auch diese Gedenkbüste in der Na Kampě 512/11 auf der Kleinseite nahe der Karlsbrücke.

In diesem Haus wohnte Martinů nach 1906, als er aus Mähren kommend am Prager Konservatorium sein Studium begann. „In diesem Haus lebte während seiner Studienzeit der tschechische Komponist Bohuslav Martinů 1890-1959“, besagt die Inschrift unter der Büste. Das Studiium engte ihn arg ein, wie er fand, und er schaffte das Diplom am Ende nur knapp. Aber sein Talent war groß; bald spielte er die zweite Violine bei der Tschechischen Philharmonie (Česká filharmonie). Bei großen Lehrern bildete er sich aus, etwa bei Josef Suk oder ab 1923 in Paris bei Albert Roussel. Als 1939 die Nazis in seine Heimat einmarschierten, blieb er in Frankreich. Als die Deutschen hier auch einfielen, floh er im letzten Moment in die USA. Dort lehrte er bis 1953 Komposition, unter anderem an der renommierten Princeton University. Obwohl 1955 in die prestigereiche American Academy of Arts and Letters gewählt, zog es ihn nach Europa zurück, zunächst nach Nizza und Rom, dann – ab 1956 – endgültig in die Schweiz, wo er schließlich, hoch geehrt seinen Lebensabend verbrachte.

In die inzwischen kommunistisch regierte Tschechoslowakei konnte er nicht zurück, obwohl er mit dem Gedanken gespielt hatte. Denn dort galt der Anhänger der Ersten Republik und der westlichen Demokratie als politisch „unzuverlässig“. Insbesondere der Bildungs- und Kulturminister Zdeněk Nejedlý machte aus seiner Abneigung keinen Hehl, weil er die Musik Martinůs nicht verstand und sie ihm nicht genügend „proletarisch“ war. Der Minister ließ sich bisweil nicht nur von ideologischem Eifer, sondern auch von persönlichen Abneigungen leiten ließ. Es heißt, er habe ein Denkmal für den eiegntlich völlig unumstrittenen Antonin Dvořák nur deshalb nicht in Prag genehmigt, weil dessen Tochter vor urlanger Zeit seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte (wir berichteten hier). Wie dem auch sei, Martinů war offiziell als bourgeoiser Formalist verpönt und wurde weder aufgeführt noch irgendwo positiv rezensiert. Und wer als Kulturschaffender Nejedlýs Missfallen erregte, konnte schnell im Gefängnis landen, wie etwa der spektakuläre Fall des anerkannten Musikwissenschaftlers Josef Hutter zeigte, der als schon von den Nazis verfolgt worden war, und 1950 Opfer eines stalinistischen Schauprozesses wurde.

Und so kam es, dass einer der ganz großen Komponisten der Tschechen seine größten Werke meist im Ausland schrieb. Darunter finden sich zahlreiche Symphonien (hier die sechste) oder die heitere Sinfonietta Giocosa von 1940, die er angeblich während einer Straßenbahnfahrt komponiert hatte. Das Orchesterwerk Memorial to Lidice von 1943 ist eines seiner politischen Stücke zum Gedenken an die Ermordung der Menschen des Dorfes Lidice ein Jahr zuvor durch die Nazis aus Rache für das Attentat auf Reinhard Heydrich. Nennenswert sind auch seine zahlreichen Balette, wie etwa Špalíček (1932/33). Auch insgesamt 16 Opern gehören dazu, insbesondere die spektakuläre und dramatische Oper The Greek Passion (1961). Seine Werke wiesen ihn (ähnlich wie Igor Strawinski) als einen Meister des musikalischen Neoklassizismus aus, der die Emotionalität des vorher allesbeherrschenden Romantizismus überwand, und formalere und tonalere Kompositionen, die auf die Wiener Klassik zurückgriffen, bevorzugte.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 beeilte man sich, die Ehrung nachzuholen. Schon 1990 entstand ein Denkmal für ihn in seiner Geburtsstadt Polička. Im mährischen Brno folgte ein Denkmal für Martinů im Jahr 2007. Wiederum in Polička wurde 2009 ein eigenes Museum und Forschungszentrum (Centrum Bohuslava Martinů) gewidmet, das sein Andenken pflegt. Und das sind nur einige Beispiele für Ehrungen des Komponisten.

In Prag wurde nicht nur an der Manes-Brücke (Mánesův most) eine Plakette in den Boden eingelassen, sondern im Jahre 1998 auch eben jene Büste mit Plakette an dem Haus angebracht, in dem er seine Studienzeit hier verbracht hatte. Es handelt sich übrigens um ein ursprünglich barockes Gebäude mit dem Namen Haus zur Gelben Rose (U zlaté růže), das 1835 durch den Architekten Karel Pollak im neoklassizistischen Stil umgebaut wurde – was eigentlich recht gut zu Martinů neoklassischer Musik und auch zu dem formstrengen Sockel und der (recht konventionellen) Gestaltung der Büste passt.

Ach ja, ehe man es übersieht. Unter der Büste mit der großen Plakette für Martinů befindet sich eine kleinere Plakette aus Bronze. Sie erinnert daran, dass in dem Haus von 1930 bis zu seinem Tode 1976 der bekannte Filmschauspieler Eduard Kohout wohnte, und der durch Filme wie Kouzelný dům (Magisches Haus, 1939), Jan Hus (1954) oder Spalovač mrtvol (Der Kremator, 1969) sich eine lange und erfolgreiche Karriere im Lande sicherte. Der Text lautet übersetzt: „In diesem Haus lebte, schuf und starb von 1930 – 1976 der tschechische Nationalkünstler Eduard Kohout, ein tschechischer Schauspieler.“ (DD)

Der Abgewiesene

Leoš Janáček (1854-1928) ist bis heute der am meisten aufgeführte tschechische Opernkomponist. Insbesondere seine Oper Das schlaue Füchslein (1924) fehlt in keinem renommierten Opernhaus im Repertoire.

Trotzdem findet man nur wenige Erinnerungen an den großen Komponisten in Prag. Denn der im mährischen Ort Hukvaldy (das, wie der Kundige am Namen erraten wird, im Mittelalter zu den Besitztümern des bedeutenden Geschlechts der Grafen von Hückeswagen gehörte) Geborenene lebte auch die meiste Zeit in Mähren. Mit Prag verband ihn ein eher gespanntes Verhältnis. Mähren ist für den Prager sowieso eher „Provinz“. Das Musikestablishment der Stadt war zudem konservativ und glaubte, dass mit dem großen Nationalkomponisten Bedřich Smetana der endgültige Standard für Musikschaffen erreicht worden sei, und dass ein musikalischer Neuerer und Modernist wie Janáček eher Verwirrung stifte. Es dauerte lange, bis überhaupt Werke des Komponisten in Prag im Nationaltheater aufgeführt wurden.

Das ist heute vergessen und Janáčeks Werke werden hier mit Begeisterung aufgeführt. Dennoch musste der Komponist bis 1984 warten, bis im hier eine Gedenktafel gewidmet wurde. Sie befindet sich über dem Haupteingang des Mietshauses am Karlovo náměstí (Karlsplatz) 319/3 und ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Krybus. Der damals durch seine Musiksendungen im Fernsehen bekannte Pianist und Komponist Václav Holzknecht hielt bei der Einweihung eine feierliche Lobrede auf Janáček. Warum hängt die Plakette mit der Portraitbüste ausgerechnet an diesem Haus? Nun, hier verbrachte der junge Komponist seinen einzigen längeren Lebensabschnitt in Prag. 1874 bis 1876 studierte er zunächst zwei Jahre an der Prager Orgelschule und war dann für kurze Zeit Chorleiter des Philharmonischen Vereins Umělecká beseda. Dank dieser Tatsache kann nun heute ein wenig von Janáčeks Ruhm auch auf jenes Prag abfallen, das ihn einst stets abgewiesen hatte. (DD)

Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

Kein Gallier, sondern tschechische Harmonie

Auf den ersten Blick könnte man an einen Gallier aus Asterix mit seinem Helm und seinen Zöpfen denken. Irgendwie scheint sich die künstlerische Phantasie darüber, wie die vorzeitlichen Vorfahren aussahen, in Europa überall zu ähneln. Das hier soll jedenfalls ein alter Tscheche bzw. Slawe sein.

Die bronzene Skulptur hört auf den Namen Souzvuk (Harmonie) und ist das Werk von Ladislav Šaloun, dem man das Denkmal für Hus auf dem Altstädter Ring verdankt und zahlreiche andere Werke im Stil des Symbolismus (siehe u.a. früheren Beitrag hier) Der Künstler schuf das Werk im Jahre 1927. Aufgestellt wurde es allerdings erst hier auf der Slawischen Insel (Slovanský ostrov) beim Sophienpalast (Palác Žofín) im Jahre 1946. In der kleinen grünen Parkanlage steht ein archaisch aussehender und muskulöser Urtscheche, der ein ebenso archaisches dudelsackähnliches Musikinstrument verzückt (es geht ja schließlich um Harmonie) in seinen Armen hält.

Zwar steht auf dem Sockel ausschließlich die Aufschrift „Souzvuk“, aber die Statue wird trotzdem manchmal auch Česká píseň (Tschechisches Lied) genannt, was an ein gleichnamiges Chorwerk von Bedřich Smetana aus dem Jahr 1878 erinnert. Smetana war 1863-65 Chorleiter des Gesangsvereins Hlahol (siehe gestriger Beitrag), dessen großes Vereinshaus man hinter dem Rücken des Urtschechen am anderen Moldauufer bewundern kann. Und wie es der Zufall will, wurde Smetana bekanntestes Werk, die Moldau (Vltava) 1875 nur wenige Meter entfernt im Sophienpalast uraufgeführt. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass der alte Tscheche auch eine Hommage an Smetana darstellen soll. (DD)

Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

Verehrter Komponist

Karel Bendl ist heute nicht mehr sehr vielen Menschen bekannt. Aber in seiner Zeit gehörte er durchaus zu den großen Komponisten Böhmens und hatte etliche prestigereiche Positionen inne.

Zeitgenossen sahen ihn als fast ebenbürtig mit den heute ungleich bekannteren Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Und tatsächlich sprang er für die ab und an ein – er löste Smetana als Leiter der (damals sehr patriotischen) Gesangsvereinigung Hlalol ab und führte sie zu Weltruhm. Dvořák 1892 nach Amerika abreiste, wo er Inpiration für sein bekanntestes Meisterwerk, der 5. Symphonie Aus der Neuen Welt (1893) fand, da übernahm Bendl dessen Klasse für Komposition am Prager Konservatorium, eine Position. die er dann auch bis an sein Lebensende 1897 innehatte. In den Jahren 1874 bis 1875 war er zweiter Kapellmeister des Nationaltheaters (Národni divadlo), das damals noch in einem provisorischen Gebäude residierte (der heutige Bau entstand 1881).

Zahlreiche Kompositionen machte in im ganzen Lande bekannt, etwa die komische Oper Starý ženich (Der alte Bräutigam) von 1883 oder das Instrumentalstück Jihoslovanská rhapsodie (Südslawische Rhapsodie). Wie auch Smetana, versuchte Bendl auch immer wieder nationale und panslawistische Themen in seiner Musik zu verarbeiten. Smetana selbst ließ es sich übrigens nicht nehmen, 1869 die Premiere von Bendls zu Lebzeiten bekanntester Oper Léjla (zu der die berühmte Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská – früherer Beitrag hier – das Libretto beigetragen hatte) in Anerkennung seines Kollegen daselbst zu dirigieren.

Dass Bendl ein Denkmal verdient hat, steht also außer Frage. Und tatsächlich befindet sich seit 1916 ein recht stattliches Denkmal für ihn an der Ecke Pod Kaštany/Na Zátorce im Stadtteil Dejvice (Prag 6) auf einer hübschen kleinen und grünen Verkehrsinsel. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der unter anderem das große Monument des großen Nationalhistorikers František Palacký (früherer Beitrag hier) am Moldauufer erschaffen hatte – also nicht gerade ein unbekannter.

Sucharda war ein Meister des späten Jugendstils und in diesem Stil ist das aus Sandstein geschlagene Denkmal Bendls auch gehalten. Es handelt sich um eine Büstes des Komponisten, die auf einem unten sechseckigen, oben zylindrischen Sockel steht, der von zahlreichen Figuren umringt ist. Die Figur auf der Rückseite trägt eine Inschrift auf der Brust, die besagt, dass das Denkmal von einem Bürgerverein 1915/16 in Eigeninitiative gestiftet worden sei – ein Ausdruck der Verehrung, die man damals dem Komponisten entgegenbrachte. (DD)

Hier übernachtete Beethoven

Heute ist Beethovens 250 Geburtstag! Der große Komponist weilte natürlich auch gerne in Prag. Zum Beispiel in dem großen Haus in der Lázeňská 285/13 auf der Kleinseite. Fast in Vergessenheit geraten ist deswegen der ursprüngliche Name des Gebäudes: Haus zum weißen und goldenen Einhorn (dům U bílého a zlatého jednorožce).

Denn heute ziert den Sturz des Nebeneingangs der Namen Pálac Beethoven, zu Deutsch: Beethoven Palais. Die Einhörner haben ausgedient. Geht man um die Ecke zum Haupteingang, prangt einem schon eine große Plakette mit einer Büste des großen Bonner Komponisten entgegen. Sie wurde im März 1927 anlässlich seines 100. Todestages eingeweiht und ist das Werk des damals überaus bekannten akademischen Bildhauers Otakar Španiel (siehe auch früheren Beitrag hier).

Der Bildhauer stellte ihn mit dem für Beethoven-Portraits üblichen grimmigen Gesicht dar (siehe großes Bild oben), das der Komponist stets an den Tag legte, wenn er entweder irgendwo einen Groschen verloren hatte, man ihn für einen Hund oder gar für einen großen Rock’n‘ Roller hielt. Kurz: Er fand immer wieder Gründe, sauer zu sein.

Die tschechische Inschrift unter der Portraitbüste lautet ins Deutsche übersetzt schlicht und einfach: “ Hier im Gasthof zum Goldenen Einhorn lebte im Februar 1796 der berühmte Musikkomponist Ludwig van Beethoven.“ Aus schwerer Bronze wurde die Plakette hergestellt.

Und tatsächlich hatte sich Beethoven, wie die Inschrift auf der Plakette besagt, im Februar 1796 einige Zeit in der Stadt aufgehalten. In Prag lebte schließlich einer seiner großen Mäzene und Förderer, Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz, in dessen Palais (heute die deutsche Botschaft, siehe früheren Beitrag hier) er oft vorspielte. Und das Gebäude, in dem er sich an eben jenem Februar 1796 aufhielt, war damals ein Gasthaus oder Hotel. Auch Mozart hatte 1789 hier übernachtet, aber der wird in Prag andernorts so intensiv geehrt, dass man vielleicht deshalb keine Plakette zu seinen Ehren anbrachte.

Womit wir bei dem Gebäude sind. Das steht auf der Stelle zweier älterer Gebäude, die zusammengelegt worden waren, und sich ursprünglich auf dem Areal eines aufgelassenen Kirchhofs befanden. In seiner heutigen Form mit der schmuckvollen einheitlichen Barockfassade entstand das zweistöckige Haus, das später mit einem Mansardendach versehen wurde, in den Jahren 1731 bis 1759. Das spätbarocke Gebäude, das heute Büros und Wohnungen in sich birgt, befindet sich direkt neben der Kirche St. Maria unter der Kette (Kostel Panny Marie pod řetězem), die zum Malteserpalast gehört. Der Hotelbetrieb wurde wohl schon Anfang des 19. Jahrhunderts eingestellt, sodass heute niemand mehr in dem Zimmer schlafen kann, in dem Beethoven einst nächtigte. (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Hier spielte Einstein Geige

Auf die Prager scheint er hauptsächlich mit seinem Geigenspiel Eindruck gemacht zu haben. Albert Einstein hatte die Jahre 1911/12 in Prag verbracht. Hier hatte er erstmals eine echte Professur inne und wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Relativitätstheorie geleistet. Aber das schien dem Bildhauer und Medailleur Zdenĕk Kolářský 1998 zwar eine Erwähnung wert, aber nicht die Hauptsache zu sein, als er die Gedenkplakette am diesem Haus auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 551/17) anfertigte.

Ins Deutsche übersetzt heißt es da: „Von 1911 bis 1912 spielte der Professor für theoretische Physik an der Prager Universität, Schöpfer der Relativitätstheorie, Nobelpreisträger Albert Einstein, im Haus zum Weißen Einhorn in Berta Fantas Salon Geige, traf sich mit Freunden und den Schriftstellern Max Brod und Franz Kafka.“

Einstein war tatsächlich ein begabter und leidenschaftlicher Violinist, was sich mit Tondokumenten belegen lässt. Seine Geige nannte er zärtlich Lina. Wie der fast ebenso geniale Inspector Clouseau spielte er spontan sein Instrument nachts im Bett, wenn er nicht einschlafen konnte, oder auch, wenn er (wie Sherlock Holmes) über ein Problem nachgrübelte. Aber er ließ sich auch zu öffentlichen Auftritten im kleinen Kreis animieren, etwa zu Wohltätigkeitszwecken. Womit wir wieder beim Haus zum Weißen Einhorn (Dům U bílého jednorožce) am Altstädter Ring sind. Hier trat er tatsächlich in kleinerem Kreise auf – gerne auch in der Begleitung der Pianistin Otilie Nagelová.

Das Haus ist eines der ältesten auf dem Altstädter Ring. Seine Ursprünge lassen sich bis in die Romanik zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert erhielt es seine im wesentlichen bis heute bestehende barocke Außengestalt. Damals gab es hier eine Apotheke unter dem Namen „Zum weißen Einhorn“, die dem Haus bis heute seinen Namen gab. 1903 zogen hier die berühmtesten und wichtigsten Bewohner des Hause ein: Max Fanta, der wohlhabende Apotheker und Erfinder der Fantaschale, und seine Frau Berta Fanta (geb. Sohr), eine bekannte Frauenrechtlerin. Und es war Berta, die in ihrem Salon (oberhalb der Apotheke ihres Mannes) die großen Geister Prags zusammenbrachte.

Einstein wurde hier mit offenen Armen empfangen und war regelmäßiger Gast. Ob er Kafka hier wirklich traf, ist wahrscheinlich, aber nicht ganz gesichert. Aber auch sonst befand er sich in illustren Kreisen: Der Schriftsteller Max Brod, der Anthroposoph Rudolf Steiner, die Autorin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Franz Werfel, der Philosoph Christian von Ehrenfels – sie alle und noch mehr gingen in Berta Fantas Salon ein und aus. Kein Wunder, dass sich Einstein in diesem hochintellektuellen Milieu stets wohlfühlte und deshalb ab und an auch seine Geige auspackte. Und deshalb sieht man auf der Gedenkplatte neben dem Eingang des Hauses eben nicht nur das Profil des Physikers, seine berühmte Formel E = mc², den Altstädter Turm, sondern vor allem einen großen Notenschlüssel, der seine Liebe zur Geige symbolisiert. (DD)

Mal mit, mal ohne Kreuzherren

Eine architektionische Besonderheit und vor allem eine sehr bewegte Geschichte zeichnen sie aus, die Kirche des Hl. Peter am Pořičí (Kostel sv. Petra) in der Neustadt.

Zu den Besonderheiten, die sie unter den gotischen Kirchen der Stadt eigentlich nur mit der nahegelegenen Kirche des Hl. Heinrich und der Hl. Kunigunde teilt, gehört der separat stehende Glockenturm. Als der im Jahre 1598 im Stile der Spätgotik errichtet wurde, hatte die Kirche selbst schon unzählige Metamorphosen durchlaufen.

Sie begann ihr Leben als eine deutlich kleinere romanische Kirche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Damals lag sie noch ein wenig außerhalb der Mauern Prags in einer Ortschaft namens Poříčí, woher der Namen kommt. Die Kirche wurde bald dem Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern übertragen, der in der Nähe ein Spital betrieb.

Ab 1382 begann der gotische Umbau, der zunächst nur eines der beiden Kirchenschiffe betraf. 1406 wurde das alte Presbyterium abgerissen und und vergrößert im gotischen Stil erneuert. 1411 war dann auch das zweite Schiff gotisch gestaltet. Von der romanischen Urkirche sind nur noch wenige Spuren zu finden.

Aber auch im Kirchenbetrieb ergaben sich stets Neuerungen. Der Ordenspfarrer um 1414 war dem Hussitentum zunächst aufgeschlossen und führte sogar die Kelchkommunion für Laien durch – eine geradezu revolutionäre Tat. Das nutzte aber nichts, denn als 1419 die blutigen Hussitenkriege begannen, verjagten die Hussiten den Orden ganz. In der Hussitenzeit wurde als bedeutendste bauliche Änderung der Glockenturm erbaut. 1620 besiegten die katholischen Habsburger die bisher freien Böhmen und eine gewaltige Zwangskatholisierung setzte ein. Und so bekamen die Kreuzherren 1628 zunächst einmal ihre Kirche zurück. Nur 1631 verloren sie während der Besetzung Prags durch die Sachsen kurzfristig.

1648 versuchten die Schweden die Stadt einzunehmen, wobei die Kirche schwer beschädigt wurde. Die Bürgerschaft der Neustadt organisierte aber eine so effektive Verteidigung der Stadt, dass sich die Schweden nicht festsetzen konnten. Aus Dank nahm Kaiser Ferdinand II. die Kirche den Kreuzherren wieder ab und schenkte sie der Bürgerschaft als Gemeindekirche. Die hatte aber nur Pech damit. 1653, 1666, 1680 und 1689 gab es verheerende Brände, die jedes Mal kostspielige Wiederaufbaumaßnahmen nötig machten. Das war zu teuer und deshalb einigte man sich mit den Kreuzherren, dass diese doch die Kirche wieder in ihre Obhut nehmen mögen – was die auch taten. Zu den Reparaturen, die sie nun einleiteten, gehörte die Barockisierung des zerstörten alten Dachs des Glockenturms.

Als 1757 während des Siebenjährigen Krieges die Preußen Prag mit Artillerie beschießen und dabei die Kirche beschädigen, nahm der Orden die Reparaturen zum Anlass, das Gebäude so richtig fesch im Barockstil umzugestalten. Vieles davon sieht man heute noch, vor allem den Hauptaltar, der dem Heiligen Petrus gewidmet ist – mit einem passenden Gemälde von Václav Vavřinec Reiner.

Vor allem sieht man viele barocke Heiligenstatuen, wie die hier abgebildete Figur des Heiligen Laurentius, der noch seinen (bemerkenswert vergoldeten) Grill in den Händen hält, auf dem er den Märtyrertod erlitt. Und über 12 Altäre verfügte die Kirche nun – eine recht beträchtliche Zahl für eine so kleine Kirche.

Aber auch die kam in die Tage und Ende des 19. Jahrhunderts bestand Renovierungsbedarf. Der Rat der Neustadt stellte hierfür Mittel bereit und so konnte der Architekt und Neogotik-Spezialist  Josef Mocker in den Jahren 1874 bis 1879 die Kirche kräftig umgestalten, wobei er im Sinne des damaligen Zeitgeschmacks große Teile der Barockisierung zurücknahm und die Kirche re-gotisierte. Deshalb ist heute der Gesamteinduck der einer gotischen Kirche. Ach ja, und 1948 mussten die Kreuzherren wieder die Koffer packen, denn die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten erwiesen sich als Verfolger und Enteigner. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde das Gebäude den Kreuzherren restituiert. Neben dem Hauptaltar sieht man heute ihr Abzeichen deutlich.

Besichtigen kann man die Kirche nur während oder kurz vor den Gottesdiensten. Aber die durch die vielen Bauphasen etwas irreguläre Gestalt der Kirche und ihr Glockenturm machen auch ihr Äußeres zur Sehenswürdigkeit. Außerdem ist das Areal rundherum ein netter Ort der Ruhe. Der alte Kirchhof wurde im 18. jahrhundert aufgelöst und so hat man die Kirche nun mit einer kleinen Parkanlage umgeben, auch der Bänke zur rast einladen. Einen kleinen Eindruck vom alten Kirchhof gewinnt amn von einigen Grabmalen, die in einer Nische schön arrangiert erhalten wurden.

Und noch eine kleine Besonderheit aus der Geschichte von St. Peter findet man draußen, direkt rechts neben der Eingangstür. Hier wurde vor etlichen Jahren eine Gedenktafel angebracht, die daran erinnert, dass im Jahre 1873 in der Kirche der berühmte Komponist Antonín Dvořák seine Jugendliebe Anna Čermáková geheiratet hat – naja, eigentlich fand er erst deren ältere Schwester Josefina so richtig betörend, die ihn aber wohl nicht wollte. Aber mit Anna, die 13 Jahre jünger als er war, führte er dann doch bis zu seinem Lebensende eine sehr glückliche Ehe. (DD)