Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Hier spielte Einstein Geige

Auf die Prager scheint er hauptsächlich mit seinem Geigenspiel Eindruck gemacht zu haben. Albert Einstein hatte die Jahre 1911/12 in Prag verbracht. Hier hatte er erstmals eine echte Professur inne und wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Relativitätstheorie geleistet. Aber das schien dem Bildhauer und Medailleur Zdenĕk Kolářský 1998 zwar eine Erwähnung wert, aber nicht die Hauptsache zu sein, als er die Gedenkplakette am diesem Haus auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 551/17) anfertigte.

Ins Deutsche übersetzt heißt es da: „Von 1911 bis 1912 spielte der Professor für theoretische Physik an der Prager Universität, Schöpfer der Relativitätstheorie, Nobelpreisträger Albert Einstein, im Haus zum Weißen Einhorn in Berta Fantas Salon Geige, traf sich mit Freunden und den Schriftstellern Max Brod und Franz Kafka.“

Einstein war tatsächlich ein begabter und leidenschaftlicher Violinist, was sich mit Tondokumenten belegen lässt. Seine Geige nannte er zärtlich Lina. Wie der fast ebenso geniale Inspector Clouseau spielte er spontan sein Instrument nachts im Bett, wenn er nicht einschlafen konnte, oder auch, wenn er (wie Sherlock Holmes) über ein Problem nachgrübelte. Aber er ließ sich auch zu öffentlichen Auftritten im kleinen Kreis animieren, etwa zu Wohltätigkeitszwecken. Womit wir wieder beim Haus zum Weißen Einhorn (Dům U bílého jednorožce) am Altstädter Ring sind. Hier trat er tatsächlich in kleinerem Kreise auf – gerne auch in der Begleitung der Pianistin Otilie Nagelová.

Das Haus ist eines der ältesten auf dem Altstädter Ring. Seine Ursprünge lassen sich bis in die Romanik zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert erhielt es seine im wesentlichen bis heute bestehende barocke Außengestalt. Damals gab es hier eine Apotheke unter dem Namen „Zum weißen Einhorn“, die dem Haus bis heute seinen Namen gab. 1903 zogen hier die berühmtesten und wichtigsten Bewohner des Hause ein: Max Fanta, der wohlhabende Apotheker und Erfinder der Fantaschale, und seine Frau Berta Fanta (geb. Sohr), eine bekannte Frauenrechtlerin. Und es war Berta, die in ihrem Salon (oberhalb der Apotheke ihres Mannes) die großen Geister Prags zusammenbrachte.

Einstein wurde hier mit offenen Armen empfangen und war regelmäßiger Gast. Ob er Kafka hier wirklich traf, ist wahrscheinlich, aber nicht ganz gesichert. Aber auch sonst befand er sich in illustren Kreisen: Der Schriftsteller Max Brod, der Anthroposoph Rudolf Steiner, die Autorin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Franz Werfel, der Philosoph Christian von Ehrenfels – sie alle und noch mehr gingen in Berta Fantas Salon ein und aus. Kein Wunder, dass sich Einstein in diesem hochintellektuellen Milieu stets wohlfühlte und deshalb ab und an auch seine Geige auspackte. Und deshalb sieht man auf der Gedenkplatte neben dem Eingang des Hauses eben nicht nur das Profil des Physikers, seine berühmte Formel E = mc², den Altstädter Turm, sondern vor allem einen großen Notenschlüssel, der seine Liebe zur Geige symbolisiert. (DD)

Mal mit, mal ohne Kreuzherren

Eine architektionische Besonderheit und vor allem eine sehr bewegte Geschichte zeichnen sie aus, die Kirche des Hl. Peter am Pořičí (Kostel sv. Petra) in der Neustadt.

Zu den Besonderheiten, die sie unter den gotischen Kirchen der Stadt eigentlich nur mit der nahegelegenen Kirche des Hl. Heinrich und der Hl. Kunigunde teilt, gehört der separat stehende Glockenturm. Als der im Jahre 1598 im Stile der Spätgotik errichtet wurde, hatte die Kirche selbst schon unzählige Metamorphosen durchlaufen.

Sie begann ihr Leben als eine deutlich kleinere romanische Kirche in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Damals lag sie noch ein wenig außerhalb der Mauern Prags in einer Ortschaft namens Poříčí, woher der Namen kommt. Die Kirche wurde bald dem Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern übertragen, der in der Nähe ein Spital betrieb.

Ab 1382 begann der gotische Umbau, der zunächst nur eines der beiden Kirchenschiffe betraf. 1406 wurde das alte Presbyterium abgerissen und und vergrößert im gotischen Stil erneuert. 1411 war dann auch das zweite Schiff gotisch gestaltet. Von der romanischen Urkirche sind nur noch wenige Spuren zu finden.

Aber auch im Kirchenbetrieb ergaben sich stets Neuerungen. Der Ordenspfarrer um 1414 war dem Hussitentum zunächst aufgeschlossen und führte sogar die Kelchkommunion für Laien durch – eine geradezu revolutionäre Tat. Das nutzte aber nichts, denn als 1419 die blutigen Hussitenkriege begannen, verjagten die Hussiten den Orden ganz. In der Hussitenzeit wurde als bedeutendste bauliche Änderung der Glockenturm erbaut. 1620 besiegten die katholischen Habsburger die bisher freien Böhmen und eine gewaltige Zwangskatholisierung setzte ein. Und so bekamen die Kreuzherren 1628 zunächst einmal ihre Kirche zurück. Nur 1631 verloren sie während der Besetzung Prags durch die Sachsen kurzfristig.

1648 versuchten die Schweden die Stadt einzunehmen, wobei die Kirche schwer beschädigt wurde. Die Bürgerschaft der Neustadt organisierte aber eine so effektive Verteidigung der Stadt, dass sich die Schweden nicht festsetzen konnten. Aus Dank nahm Kaiser Ferdinand II. die Kirche den Kreuzherren wieder ab und schenkte sie der Bürgerschaft als Gemeindekirche. Die hatte aber nur Pech damit. 1653, 1666, 1680 und 1689 gab es verheerende Brände, die jedes Mal kostspielige Wiederaufbaumaßnahmen nötig machten. Das war zu teuer und deshalb einigte man sich mit den Kreuzherren, dass diese doch die Kirche wieder in ihre Obhut nehmen mögen – was die auch taten. Zu den Reparaturen, die sie nun einleiteten, gehörte die Barockisierung des zerstörten alten Dachs des Glockenturms.

Als 1757 während des Siebenjährigen Krieges die Preußen Prag mit Artillerie beschießen und dabei die Kirche beschädigen, nahm der Orden die Reparaturen zum Anlass, das Gebäude so richtig fesch im Barockstil umzugestalten. Vieles davon sieht man heute noch, vor allem den Hauptaltar, der dem Heiligen Petrus gewidmet ist – mit einem passenden Gemälde von Václav Vavřinec Reiner.

Vor allem sieht man viele barocke Heiligenstatuen, wie die hier abgebildete Figur des Heiligen Laurentius, der noch seinen (bemerkenswert vergoldeten) Grill in den Händen hält, auf dem er den Märtyrertod erlitt. Und über 12 Altäre verfügte die Kirche nun – eine recht beträchtliche Zahl für eine so kleine Kirche.

Aber auch die kam in die Tage und Ende des 19. Jahrhunderts bestand Renovierungsbedarf. Der Rat der Neustadt stellte hierfür Mittel bereit und so konnte der Architekt und Neogotik-Spezialist  Josef Mocker in den Jahren 1874 bis 1879 die Kirche kräftig umgestalten, wobei er im Sinne des damaligen Zeitgeschmacks große Teile der Barockisierung zurücknahm und die Kirche re-gotisierte. Deshalb ist heute der Gesamteinduck der einer gotischen Kirche. Ach ja, und 1948 mussten die Kreuzherren wieder die Koffer packen, denn die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten erwiesen sich als Verfolger und Enteigner. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde das Gebäude den Kreuzherren restituiert. Neben dem Hauptaltar sieht man heute ihr Abzeichen deutlich.

Besichtigen kann man die Kirche nur während oder kurz vor den Gottesdiensten. Aber die durch die vielen Bauphasen etwas irreguläre Gestalt der Kirche und ihr Glockenturm machen auch ihr Äußeres zur Sehenswürdigkeit. Außerdem ist das Areal rundherum ein netter Ort der Ruhe. Der alte Kirchhof wurde im 18. jahrhundert aufgelöst und so hat man die Kirche nun mit einer kleinen Parkanlage umgeben, auch der Bänke zur rast einladen. Einen kleinen Eindruck vom alten Kirchhof gewinnt amn von einigen Grabmalen, die in einer Nische schön arrangiert erhalten wurden.

Und noch eine kleine Besonderheit aus der Geschichte von St. Peter findet man draußen, direkt rechts neben der Eingangstür. Hier wurde vor etlichen Jahren eine Gedenktafel angebracht, die daran erinnert, dass im Jahre 1873 in der Kirche der berühmte Komponist Antonín Dvořák seine Jugendliebe Anna Čermáková geheiratet hat – naja, eigentlich fand er erst deren ältere Schwester Josefina so richtig betörend, die ihn aber wohl nicht wollte. Aber mit Anna, die 13 Jahre jünger als er war, führte er dann doch bis zu seinem Lebensende eine sehr glückliche Ehe. (DD)

Mozarts Film-Haus

Durch diese Tür verlässt er gerade sein Haus, der geniale, aber moralisch etwas haltlose Wolfgang Amadeus Mozart. Vielleicht, um seinen Freund Antonio Salieri besuchen? Er ahnt ja nicht, dass der schon längst einen grausamen Mordplan ausgeheckt hat…

Nun, weder hat Salieri Mozart umgebracht, noch hat Mozart wirklich in diesem Haus gelebt. Das Haus spielte diese Rolle als Mozart-Domizil nur als Drehort in dem berühmten Film Amadeus, den der tschechisch-amerikanische Regisseur Miloš Forman 1984 drehte – einer von vielen Drehorten in Prag (siehe u.a. frühere Beiträge hier, hier, hier und hier). Mozart zieht hier im Film nach seiner Hochzeit mit Konstanze ein.

Die Idee, dass Salieri auf den talentierteren Mozart so neidisch gewesen sei, dass er Mordgelüsten freien Lauf ließ, entstammt einem (völlig fiktiven) Einakter-Stück von Alexander Puschkin (1832). In dem bereits „Amadeus“ titulierten Drama von Peter Shaffer (1979), das die Idee noch einmal kräftig phantasievoll ausbaute, fand Forman dann die Vorlage für seinen Film. Und der ist – ganz gleich, ob die Mordgeschichte stimmt oder nicht – schlichtweg großartig, nicht zuletzt wegen seiner schönen Szenerien. Und das wiederum liegt nicht zuletzt an den so zeithistorisch authentischen Drehorten in Prag – der Stadt, die Mozart so liebte und der er seine Prager Symphonie gewidmet hatte.

Womit wir wieder beim „Mozart-Haus“ am Hradčanské náměstí 68/7 mitten im Burgbezirk (Hradčany) sind. Es ist seitlich mit einer hohen Mauer verbunden, hinter der sich ein kleiner Garten befindet. Von außen erinnert wenig daran, dass hier schon im Mittelalter ein Haus stand, das in der Renaissance grundlegend umgebaut wurde. Denn seine heutige spätbarocke Form erhielt das zweistöckige Gebäude im wesentlichen bei einer umfassenden Erneuerung im Jahre 1776, die möglicherweise von dem bekannten Architekten Johann Ignaz Palliardi durchgeführt wurde.

Damit passt es gerade genau in die Zeit Mozarts und vielleicht ist der Komponist tatsächlich hier einmal vorbeigeschlendert, während er über die Overtüre des Don Giovanni sinnierte, und hat das gerade fertiggestellte Haus bewundert. Wer weiß?

Zu dieser Zeit nannte man das Gebäude Residenz des Kapitels (Kapitulní rezidence), womit das Domkapitel des nahegelegenen Veitsdoms gemeint war, oder auch Kanonisches Haus (Kanovnický dům). Das Domkapitel nutzt das Haus schon lange nicht mehr, aber das Aussehen ist immer noch davon geprägt. Oben auf dem Dach thront zum Beispiel der Heilige Nepomuk. Der hatte in Mozarts Zeiten gerade in Böhmen seinen Aufstieg zum Nationalheiligen konterreformatorischer Prägung hinter sich gebracht (siehe hier) und fehlte selten bei katholisch-kirchlichen Gebäuden.

Darunter – im Tympanon des Giebels – findet man das Wappen des Prager Bistums. schön in Stuck gearbeitet und vergoldet in eine Rokoko-Kartusche gerahmt. Das weist es als Haus des Domkapitels, also als Kirchenbesitz aus. Zur Zeit Mozarts und der barocken Umgestaltung des Hauses war Anton Peter Graf Příchowský von Příchowitz der Erzbischof von Prag. Er rüstete den Burgbezirk im großen Stil mit kirchlichen Administrativbauten auf, in dem er zum Beispiel das ebenfalls am Burgplatz befindliche Erzbischöfliche Palais (wo übrigens auch Szenen für „Amadeus“ gedreht wurden) bauen ließ. Der Ausbau des Domkapitels war ein Teil dieses Projekts.

Und über der Tür befindet sich eine kleine Kartusche, in denen sich gleich zwei christliche Symbole aus der Bibel finden. Das eine ist der Anker, der in Hebräer 6:19 als Symbol der Hoffnung („Hoffnungsanker“) verwendet wird. Darüber befindet sich die Taube, die in der Bibel u.a. in Johannes 1:32 als Symbol des Heiligen Geistes dient. In den Filmeinstellungen bei „Amadeus“ wird dieser klerikale Aspekt des Hauses nicht so recht deutlich gemacht – verständlich angesichts der freigeistigen und freimaurerischen Ansichten des großen Komponisten. (DD)

Hier komponierte Smetana die Verkaufte Braut

Bedřich Smetana war nicht nur ein begnadeter Komponist, dem wir die Moldau oder die Oper Die verkaufte Braut (Prodaná nevěsta) verdanken. Er war auch eine politische Persönlichkeit, die sich für die tschechische Nationalbewegung, an der Revolution von 1848 in Prag teilnahm und sich allgemein für Freiheitsrechte einsetzte.

Nach dem Scheitern der 1848er Revolution schlug er sich noch einige Zeit mehr schlecht als recht als Klavierlehrer herum, bis ihn 1856 die politische Repression im Habsburgerreich su sehr beengte, dass er nach Schweden auswanderte, um dort Karriere zu machen. Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, kehrte er 1861 zurück. Inzwischen war er so vermögend, dass er sich 1863 ein großes Domizil mit schöner Aussicht auf die von ihm vertonte Moldau und den Burgdistrikt leisten konnte. Er zog in eine große Wohnung im Lažanský Palast (Palác Lažanských) ein, der am heutigen Smetana-Ufer (Smetanovo nábřeží 1012/2) liegt, das damals natürlich noch nicht so hieß.

Das Haus war brandneu. In den Jahren 1839/40 hatte man begonnen, das bisher recht „wilde“ Ufer des Flusses mit der prachtvollen Uferpromenade zu versehen, die wir heute kennen.

Im Kern handelt es sich bei der Hausnummer 1012/2 um ein Doppelhaus, das für die Familie der Grafen Lažany 1861-1863 von dem Architekten Vojtěch Ignác Ullmann entworfen wurde, den wir u.a. schon hier und hier kennengelernt hatten. Der Teil an der Ecke zur Nationalallee (Národní) ist neobarock gestaltet. Heute residiert hier die berühmte Kavárna Slavia (früherer Beitrag hier), die 1884 hier einzog. Aber da war Smetana nicht nur schon lange ausgezogen, es war auch ausgerechnet sein Todesjahr. Smetana wohnte hier nämlich in den Jahren 1863-1869 und komponierte dort Werke wie zum Beispiel die Verkaufte Braut (1866) oder die weniger bekannte Oper Dalibor (1868). Eigentlich verbrachte er hier die Blüte seiner musikalischen Schaffenskraft

Die schiere Größe des Anwesens ermöglichte der Grafenfamilie, das Haus zu einem Teil als eigenen Palast (daher der Name), zum anderen Teil als Mietshaus nutzen zu können. Über dem Eingang des „Smetana-Baus“ kann man noch das Wappen der Grafenfamilie Lažany bewundern.

Smetana, daran besteht kein Zweifel, ist nun einmal neben  Antonín Dvořák einer der großen Nationalkomponisten der Tschechen. Und folglich brachte man 1924 – pünktlich zum 100sten Jahrestag seines Geburtstags – eine hübsche rechteckige Plakette aus Stuck wurde über dem ersten Stock des Hauses an, die mit Goldlettern daran erinnert, dass der Komponist dereinst hier wohnte und Großes schuf (großes Bild oben). Sie ist ein Werk des bekannten Malers und Grafikers František Kysela, der sie in einem sehr würdigen und traditionellen klassizistischen Vorgaben folgenden Stil gestaltete.

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Da im Hause selbst – schon wegen der bloßen Existenz des legendären Cafe Slavia – dafür kein Platz mehr war, hat man vor kurzem in dem klassizistischen Haus daneben, dem Smetanovo nábř. 334/4, ein recht annehmbares Café und Bistro eröffnet, das den Komponisten namentlich ehrt. Es ist das das SmetanaQ, wo man unter anderem ein sehr gutes Frühstück zu sich nehmen kann, was viele Prager auch gerne tun – nicht zuletzt, weil man von hier einen wunderschönen Blick auf die Moldau genießen kann. (DD)

Palast mit Opernsängerinnen

Auf der Kleinseite wimmelt es nur so von Palästen alter Adelsgeschlechter, die im Schatten der oben auf dem Berge thronenden Burg hofften, dass ein wenig vom Ruhm der dort herrschenden den Habsburger auf sie herabfiel. Der Kaiserstein Palast (Kaiserštejnský palác) ist eines dieser Bauwerke und es ist zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské nám. 23/37) gelegen.

Franz Helfried von Kaiserstein – dessen Familienwappen oberhalb des ersten Stocks an der Fassade prangt – ließ ihn sich an dieser prominenten Stelle 1714 auf der Stelle zweier älterer Häuser erbauen. Spuren der alten Häuser finden sich noch immer im Gebäude – so so soll es einige gotische Kellergewölbe im Keller und etliche bemalte Deckenbalken aus der Zeit der Spätrenaissance im hinteren Gebäudeteil geben.

Mit der Planung des Palastes beauftragte Kaiserstein den Architekten Giovanni Battista Alliprandi, der auch den unmittelbar in der Nähe gelegenen Palais Sternberg entworfen hatte (früherer Beitrag hier). Ausgeführt wurde der Bau wahrscheinlich durch den Baumeister und Architekten Christoph Dientzenhofer (siehe u.a. früheren Beitrag hier). Beide gehörten zu den großen Meistern des böhmischen Barocks und der Barockstil prägt natürlich auch die Fassadenansicht des dreistöckigen Gebäudes.

Die Fassadenstruktur ist schlicht gehalten und nicht einmal ein Tympanon (Giebeldreieck) wurde auf dem Dachabschluss angebracht. Auf der Dachkante stehen allerdings Skulpturen, die möglicherweise ein Werk des Bildhauers Ottavio Mosto sind. Sie stellen in allegorischer Form die vier Jahrzeiten dar. Sie sind äußerlich die auffälligste Dekoration des Palastes.

Neue Besitzer kamen und vor allem drinnen wurde immer wieder umgebaut, um den Bedürfnissen der neuen Besitzer entgegenzukommen. So lebte hier unter anderem der berühmte österreichische Feldmarschall Radetzky, der seine Berühmtheit nicht nur seinen militärischen Leistungen, sondern auch der bekannten Melodie des Radetzky-Marsches verdankt.Er verbrachte seine Kindheit hier und man enthüllte später im Jahre 1859 zu seinen Ehren ein großes Denkmal, das vor dem Palast stand, aber mit der Gründung der Republik 1918 verschwand.

Vor der Denkmalseinweihung diente des Gebäude als Hotel und gehörte einem gewissen Václav Petzold, weshalb es eine zeitlang nicht mehr Kaiserstein Palast hieß, sondern U Petzoldů (Bei Petzold). Berühmter als Petzold selbst war aber seine Frau, Marie Petzold-Sitt. Die war ein Star der Opernbühne und durfte zum Beispiel bei der Uraufführung von Smetanas Oper Der Kuss die Hauptrolle singen. Danach ging es geschäftsmäßiger zu. 1845 zog hier für einige Zeit der Tschechische Sparkasse (Česká spořitelna) ein, die das bisher barocke Interieur in ein klassizistisches umwandeltn ließ – was dem damaligen Trend entsprach. Einige Spuren davon finden sich immer noch im Gebäude, etwa die bronzenen Statuen im Treppenhaus, die verschiedene Allegorien auf Gewerbe und Wissenschaft (kleines Bild links) darstellen.

In den Jahren 1908 bis 1914 kam aber wieder die Opernkunst zum Zuge. In dieser Zeit wohnte hier die damals bekannte Opernsängerin Ema Destinnová. Die war in ihrer Zeit ein solcher Weltstar, dass sie 1904 sogar mit dem legendären Enrico Caruso singen durfte, der sich angeblich in sie verliebte und (erfolglos allerdings) um ihre Hand anhielt. Eine bronzene Büste des Bildhauers Jan Simota aus dem Jahre 1978, die unten an der Fassade angebracht ist, erinnert an sie.

Zu dieser Zeit – genauer gesagt: bereits 1977 – hatten die Architekten Zdeněk Pokorný und Jaroslav Bělský einige der Änderungen der Sparkasse rückgängig gemacht und das Innere des Gebäudes, das 1964 unter Denkmalschutz gestellt worden war, wieder an seinen ursprünglichen barocken Zustand angenähert. Dazu gehört vor allem die Wiederherstellung der Arkaden vor dem Gebäude, deren Bögen im 19. Jahrhundert geschlossen worden waren.

Und neobarocke Stuckaturen prägen heute den allgemeinen Eindruck des Ganzen, der harmonisch durch einige Teile der klassizistischen Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert ergänzt wird. Dazu gehören insbesondere die etlichen wunderschönen Kachelöfen, von denen man ein Beispiel auf dem kleinen Bild rechts sehen kann.

Nach dem Ende des Kommunismus übernahm die Tschechoslowakische Industrie- und Handelskammer eine zeitlang den Palast. Heute fungiert es vor allem als stilvolles, aber modernes Konferenz- und Veranstaltungszentrum, das immer noch ein wenig den Geist des einstigen Adelspalastes atmet. In einer Konferenzpause kann man sich auf den kleinen von zierlichen Gittern geschmückten Balkon über dem Erdgeschoss begeben und den Ausblick über den schönen Platz des Kleinseitner Rings hinauf auf die Burg genießen. (DD)

Wo Mozart residierte und komponierte

Das ist der eigentliche Mozart-Ort in Prag. Hier vollendete der Komponist seine große Oper Don Giovanni. Prag war überhaupt Mozarts Lieblingsstadt. Hier liebte ihn auch das Publikum weit mehr als im schnöden Wien. „Meine Prager verstehen mich“, soll er einmal frohlockt haben. Und hier in der Bertramka fand er Muße für seine Kompositionen bei Menschen, die ihn verstanden und schätzten.

Das schmucke Landhaus im Stadtteil Smíchov wurde im 17. Jahrhundert als Anwesen eines Weinguts erbaut, das etwas später einem gewissen František Bertramský gehörte – was dem Haus den Namen gab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde es in dem italienisch geprägten klassizistischen Stil umgebaut, in dem Mozart es kennenlernte und in dem wir es im Kern heute noch bewundern können. 1784 kaufte der mit Mozart befreundete Komponist František Xaver Dušek zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Josefina, das Anwesen. Wenn sich Mozart in Prag aufhielt, tat er es fortan meist im Hause des Ehepaars, das erste Mal 1786.

Im Herbst 1787 bereitete hier dann Mozart die erste Aufführung des Don Giovanni vor, die dann im Ständetheater stattfand. Auch die erste Prager Aufführung der Oper La clemenza di Tito wurde hier 1791 von Mozart vorbereitet. Und für Josefina Dušek komponierte er im Hause sogar persönlich eine auf sie maßgeschneiderte Konzertarie.

1824 verkaufte die bereits verwitwete Josefina Dušek das Haus. Es folgten noch etliche Besitzerwechsel bis dann 1925 die österreichische Stiftung Mozarteum das Haus übernahm. 1929 ging es in die Verwaltung der lokalen Mozartgemeinde über, die hier ein Museum zu Ehren des Komponisten einrichtete. Zum 200. Geburtstag Mozarts wurde das Haus 1956 gründlich restauriert. Ansonsten wurde es aber in den Zeiten des Kommunismus ein wenig vernachlässigt. Bei der Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus gab es jahrelange Rechtsstreitigkeiten zwischen rivaliserenden Eigentümerinteressen. Lange blieb das Haus geschlossen. Immerhin gibt es jetzt wieder ein Museum im ersten Stock, in dem es wechselnde Ausstellungen zum Leben und Werk Mozarts und seiner Zeitgenossen zu sehen gibt.

Eine Grundrenovierung tut trotzdem dringend Not. Das, was man heute sieht, ist nämlich äußerst hübsch. Die bemalten Holzdecken und der schöne Keramikofen geben dem Haus ein authentisches Flair. Runherum liegt ein schöner Park – dort, wo einst der Weinberg war. Das alles muss einfach in Schuss gebracht werden. Und dann ist ja auch noch die Tatsache, dass Mozart den Kern des abendländischen Kulturerbes repräsentiert. Um die Sache zu beschleunigen, hat der tschechische Staat das Gebäude 2019 zum Nationalen Denkmal erhoben. Denn das Erbe Mozarts sollte der Welt doch einiges wert sein. (DD)

Wo Smetana Ruhm und Wohlstand fand

Vom armen und unbekannten Musiker zum wohlhabenden und berühmten Nationalkomponisten stieg er hier in diesem Haus auf: Bedřich Smetana. Am 5. August 1848 eröffnete er dort am Staroměstské náměstí 548/20 (Altstädter Ring) mitten in der Altstadt seine Musikschule. Sich überhaupt Räume anzumieten, überstieg zunächst seine finanziellen Möglichkeiten. Er konnte sich nicht einmal ein eigenes Klavier leisten, geschweige denn, mehrere für die Schüler. Auch seine Ehepläne mit der geliebten Kateřina Kolářová schienen zu scheitern, da er ihr kein irgendwie angemessenes Lebens bescheren konnte.

Da kam er auf die Idee, dem bereits bekannten und reichen Komponisten Franz Liszt einen Bettelbrief zu schreiben, in dem er von seiner Not erzählte, die ihm möglicherweise nur noch den Weg des Freitods offenlasse, und bat um einen Kredit. Eine kleine Klavierkomposition (Opus 1) fügte er hinzu. Liszt lieh ihm natürlich kein Geld, aber tat etwas viel Wirkungsvolleres: Er gab das Klavierwerk, das ihm anscheinend gefallen hatte, mit Empfehlung einem großen Verleger, der Smetana damit auf einen Schlag berühmt machte und ihm Kredit verlieh. Der Komponist konnte nun – am Anfang noch etwas mühsam – finanziell auf eigenen Beinen stehen. Die Musikschule, die bei höheren Töchtern und Söhnen ungeheuren Anklang fand, wurde eröffnet und einige Monate später konnte er sogar Kateřina Kolářová heiraten.

Ein Happy End also, das zudem in einem historisch bemerkenswerten Gebäude stattfand, dem dům U Zlatého jednorožce (Haus zum Goldenen Einhorn). Das kann auf eine urlange Geschichte zurückblicken. Es begann als romanisches Haus, das 1496 von dem bekannten Gelehrten, Bildhauer und Architekten Matěj Rejsek in ein gotisches Wohnhaus verwandelt wurde, von dem man noch in der Hofeinfahrt die schönen Spitzbogengewölbe erkennen kann.

Heute dominiert aber äußerlich vor allem der Barock. Der berühmte Architekt Franz Maximilian Kaňka gestaltete das Haus in den Jahren 1712-17 und dann noch einmal im Jahre 1731 (drei Jahre bevor er den Architektenberuf aufgab und Brauer wurde) grundlegend um. Mit seinen schmuckvollen Fensterstürzen, der goldenen Kartusche mit dem Marienbild, den Vasen auf dem Dach und dem feinen Dreiecksgiebel gehört es zu den Meisterwerken des Hochbarock in der Altstadt.

Im Jahre 1781 eröffnete Andreas Gerle, Bruder des Dramaturgen Wolfgang Christian Gerle, hier die erste öffentliche Bibliothek in Prag mit einem eigenen Lesekabinett, wo man Bücher ausleihen und Nachschlagewerke konsultieren konnte, 14 Zeitungen und 30 Zeitschriften aktuell zur Verfügung standen und das noch mit einem gemütlichen Kaffeehaus verbunden war. 1790 waren die Behörden der Meinung, das zuviel Lesen zu mehr Aufklärung und mehr Aufklärung zur Revolution führe, wie man ja ein Jahr zuvor in Frankreich gesehen hatte. Eine Petition, in der Gerle alle 8000 gesammelten Fachbücher auflistete, von denen eigentlich kaum eines gefährlich war, half nichts. Die Lesehalle wurde geschlossen.

Ein anderer prominenter Bewohner, der es sich mit den Behörden verscherzt hatte, war Karel Havlíček, einer der großen politischen Publizisten Böhmens, der sich spitzzüngig für eine größere Selbständigkeit der Tschechen im Habsburgerreich einsetzte und aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag war – was Alles zusammen dazu führte, dass er 1851 ins Exil geschickt wurde. Er lebte in den Jahren 1838/39 in dem Haus.

Warum auch immer: Erinnert wird an dem Haus weder an Gerle noch an Havlíček, sondern ausschließlich an Smetana und seine Musikschule, die ihm so viel Glück brachte. 1927 brachte die Stadt hier eine schlichte Gedenktafel aus Bronze an, deren Text übersetzt lautet: „Im August 1848 eröffnete Bedřich Smetana in diesem Haus das Musikinstitut“. Wie Havlíček war auch Smetana ein glühender Verfechter von Freiheit und tschechischer Selbstbestimmung und er beteiligte sich auch an der Revolution von 1848. Die politische Repression, die der Niederschlagung der Revolution folgte, behagte ihm nicht. 1856 beschloss er, das Land zu verlassen, um in Schweden die Philharmonische Gesellschaft zu leiten. Auf der Reise starb seine Frau (er heiratete 1860 als zweite Frau Bettina Ferdinandová). 1861, als sich das politische Klima ein wenig beruhigt hatte, kehrte er nach Prag zurück, zog aber nicht mehr in das Haus am Altstädter Ring ein, wo einst seine Karriere ihren Aufschwung genommen hatte. (DD)

Barock neben der Brücke

Draußen schieben sich normalerweise die Touristenmassen im dichten Gedrängel auf die Karlsbrücke. Die Kirche, die direkt neben dem Brückenende der Altstadt steht, beachten sie kaum. Vergleichsweise wenige Leute gönnen sich die Muße, dieses Meisterwerk des Barock eingehender zu würdigen. Die Rede ist von der Kreuzherrenkirche. Sie wird auch nach dem Heiligen, dem sie gewidmet ist, Kirche des Heiligen Franziskus von Assisi (auf Tschechisch: Kostel svatého Františka z Assisi oder manchmal auch Kostel sv. Františka Serafínského).

Und der gute Heilige begrüßt einen schon direkt oberhalb des Eingangsportals als steinerne Statue. Die Kirche selbst ist mittelalterlichen Ursprungs und wurde 1252 von der Heiligen Agnes von Böhmen gegründet, die im selben Jahr den Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern ins Leben gerufen hatte. Dessen Geschichte kann man übrigens direkt nebenan im Brückenmuseum studieren. Das ist thematisch auch stimmig, das der Orden in Prag seinen immensen Reichtum nicht zuletzt dem Umstand verdankte, dass er das Privileg zum Einkassieren des Wegezolls für die damals einzige Brücke über die Moldau innehatte.

Wie dem auch sei: Im späten 17. Jahrhundert erschien dem Orden der alte gotische Bau zu klein und zu wenig prachtvoll. Die Gegenreformation war im vollen Schwunge und der katholischen Kirche ging es gut. Man konnte sich etwas Größeres und Moderneres leisten. Der Architekt Jean Baptiste Mathey baute für den Orden in den Jahren 1679 bis 1688 die Kirche vollständig um und gab ihr die barocke Gestalt, die wir heute hier sehen.

Das einschiffige Gebäude mit seiner lichten und satte 41 Meter hohen Kuppel wurde in den folgenden Jahren immer opulenter ausgestattet. Die Statuen auf der Vorderfront – darunter der oben erwähnte Franziskus von Assisi – wurden 1723/24 angebracht und sind das Werk des Bildhauers  Mathias Wenzel Jäckel. Auch andere bedeutende Künstler des Prager Barocks hinterließen deutlich ihre Spuren. Der Maler  Wenzel Lorenz Reiner gestaltete zum Beispiel mit seiner Darstellung des Jüngsten Gerichts die Kuppel auf sehr effekvolle Weise aus.

Das Hauptaltarbild, das die Stigmatisierung des Heiligen Franziskus von Assisi darstellt, wurde Johann Christoph Lischka gemalt. Man sollte sich in Mitte stellen und den Blick rundum schweifen lassen, um die ganze Pracht auf sich einwirken zu lassen. Man wird immer neue Details entdecken, etwa die Stuckarbeiten des Italieners Tommaso Soldati oder die herrliche Kanzel mit ihren geschnitzten Engelsgestalten (siehe großes Bild oben).

Ach ja, und abends kann man ja dort auch ein Konzert besuchen. Die Orgel wurde nämlich 1702 dort aufgestellt und soll die zweitälteste in Prag sein. Und man sagt, dass nicht nur Christoph Willibald Gluck und Antonín Dvořák des öfteren hier georgelt hätten, sondern auch kein Geringerer als der unsterbliche Wolfgang Amadeus Mozart. Wer da nicht beeindruckt ist, dem ist nicht zu helfen. (DD)

Dreikönigszug mit Hirtenmesse

Heute ist der 6. Januar, der Tag der Heiligen Drei Könige, der Tag an dem man Balthasar, Caspar und Melchior feiert – die aus der Ferne angereisten drei Weisen, die Jesus nach seiner Geburt anbeteten.

Ab und an sieht man Sternensinger an diesem Abend, wie man es es in vielen süddeutschen Gemeinden tut (auch in Stuttgart, wo aber dieses Ereignis eine noch höhere Bedeutung hat), jedoch der Höhepunkt ist zweifellos der nachmittagliche Umzug, der um 15 Uhr am Malostranské  náměstí (Kleinseitner Platz) beginnt.

Den gibt es wohl erst wieder seit den Zeiten nach der Samtenen Revolution, denn unter den Kommunisten wäre so etwas undenkbar gewesen. Jetzt lockt das Ereignis riesige Menschenmassen an. Organisiert wird das Ganze von der katholischen Gemeinde der Kirche St. Thomas (kostel svatého Tomáše), die direkt in der Nähe liegt (siehe früherer Beitrag hier).

Der Zug ist nicht sehr riesig, aber er enthält alles, wessen es bedarf. An der Spitze ziehen die (entsprechend nach den barocken Traditionen verkleideten) Drei Könige – und zwar auch echten Kamelen! Das begeistert vor allem die Kinder und die Tiere scheinen den Trubel gewöhnt zu sein und bleiben stoisch ruhig.

Es folgen Hirten, Engel und Musiker – ebenfalls in feschen Kostümen. Dann ziehen sie los, und zwar langsam, weil die Route nun durch hochtouristisches Gebiet verläuft, wo sich nun zu den üblichen Touristenmassen die Unmengen von mitziehenden Besucher des Dreikönigzugs gesellen.

Aber die Stadtkulisse ist hier dem Anlass in jeder Hinsicht angemessen. Durch die Barockgassen der Kleinseite zieht man nun über die Karlsbrücke. Von dort geht es durch die enge Karlova zum Endpunkt des Zuges, dem Weihnachtsmarkt auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí).

Dort wartet eine aufgebaute Bühne auf die „Karawane“, wo zunächst einmal der Prager Erzbischof Dominik Duka die Menschen mit einer Rede empfängt und anschließend die wohl schönste Weihnachtsmesse des Landes, die Böhmische Hirtenmesse von Jakub Jan Ryba gespielt wird. So war es jedenfalls das letzte Jahr. Die Musik ist so schön, dass man die Kälte (gegen die man sich auch ein wenig mit einem auf dem Markt gekauften Glühwein schützen kann) fast völlig vergisst. Da zu dieser Zeit bereits die Sonne untergeht, sind die Lichteffekte umwerfend – und dann ist da die Kulisse der Altstädterrings und der Teynkirche! Um nichts in der Welt möchte man das mehr vermissen. (DD)