Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Alles in Butter

Ja, wir lieben kleine dörfliche Heimatmuseen. Die zeigen Dinge Jenseits der bekannten großen Weltgeschichte und sind oft liebevoll von den Menschen vor Ort in Eigeninitiative gestaltet worden. Und sie repräsentieren oft ein Stück Heimat. Frage: Was zeigt ein Dorf, das Máslovice heißt, auf Deutsch übersetzt: Butterdorf? Ist doch klar: Butter – und alles, was dazu gehört.

Seit 1997 gibt es das Buttermuseum (Muzeum másla) in der Pražská 3 in Máslovice. Es befindet sich keine fünf Kilometer nördlich der Prager Stadtgrenze. Man erreicht den kleinen Ort Máslovice am besten, indem mit der Regionalbahn zu der netten kleinen Stadt Libčice fährt, und von dort mit der nahegelegenen kleinen Fähre überzusetzen, wo man in einem kleinen kleinen Naturschutzgebiet landet.

Vom Ufer der Moldau geht man aufwärts durch das Máslovická stráň (wörtlich übersetzt: Butterdorfer Seite) genannte Gebiet. Dabei handelt es sich um ein schönes kleines Tal, das von pittoresken Felsen und viel Wald umgeben ist. Es handelt sich hier um einen sehr alten Siedlungsraum. Schon vor 5000 siedelten hier auf den Berghöhen Steinzeitmenschen. Ob die schon Butter kannten, ist nicht bekannt. Man geht keine halbe Stunde hinauf und ist schon mitten im Ort. Der Weg dahin ist gut ausgeschildert.

Neben einer kleinen Dorfkapelle, die dem Heiligen Adalbert (tsch.: Vojtěch) findet man das in einem winzigen, aber niedlich anmutenden Dorfhäuschen mit einem zum Verweilen einladenden Vorplätz mit Bänken gelegene Buttermuseum. Man könnte nun meinen, das die Ortschaft, deren erster Namensbestandteil, nämlich Máslo, auf Deutsch Butter lautet, zumindest historisch das große Zentrum der Butterherstellung in Böhmen war, weshalb sie den Namen überhaupt trägt. Dem ist aber nicht so. Einige Zeit nach der Gründung des Museum ließ Bürgermeisterin Vladimira Sýkorová in einem Interview die Katze aus dem Sack: „Die Idee wurde geboren, wie es wäre ein Buttermuseum zu gründen, wenn wir schon die Butter im Dorfnamen haben. Zwar muss ich einräumen, dass der Name des Dorfes mit máslo (Butter) überhaupt nicht zusammenhängt und Máslovice wahrscheinlich nie etwas mit Butter zu tun hatte. Der Name leitet sich historisch vom Familiennamen eines Adligen ab, der sich hier niedergelassen hatte. Man nannte diese Familie Maslovci bzw. Maslovicové. Davon spricht bereits die erste schriftliche Erwähnung, Máslovice existierte hier bereits im Jahre 1052.“ Und so entstand in dem kleinen Ort eines von den nur zwei Buttermuseen der Welt; das zweite befindet sich im ungleich größeren irischen Cork.

Wie dem auch sei: Im Museum dreht es sich primär um Butter. Dass man sich seit längerem den Scherz erlaubt, den Ort stets mit Butter und nicht dem früheren örtlichen Kleinadel zu verbinden, zeigt das Ortswappen, das konsequent ein Butterfass präsentiert. Man findet es nicht nur auf der Straßenseite der Fassade des Museums, sondern auch auf den Eintrittstickets. Die sind übrigens so preisgünstig, dass sich Geiz verbietet. Und sogar Lady Edith durfte hinein – ohne Eintrittsgeld natürlich! Tschechen sind halt Hundenarren.

Drinnen gibt es erst eine kleine Dauerausstellung zur Dorfgeschichte, einen kleinen Raum für Sonderausstellung (als wir da waren, ging es um Lebkuchen) und dann ein größerer Raum, in dem sich alles um Butter dreht. Das sieht man Butterfässer in allen Farben und Formen, wie man im großen Bild oben sieht. Aber auch andere Maschineb werden bei der Butterherstellung benötigt, etwa die Milchzentrifuge, um durch Zentrifugalkraft Rahm und Magermilch voneinander trennen, weshalb man das Gerät auch Separator nennt. Hier sieht man eine motorisierte Variante der schwedischen Firma Alfa Laval, die in dieser Form in den 1920er Jahren eingeführt wurde. Firmengründer Gustav des Laval war auch der Erfinder.

Aber nicht nur die eigentliche Butterproduktion, für die solcherlei Gerätschaften benötigt werden, steht im Mittelpunkt, sondern auch das Drum und Dran. Etwa das Melken, die Viehzucht, die Viehfütterung und das Weideland. Vor allem aber auch, das. was zum heimischen Buttergenuss gehört. Zum Beispiel Butterdosen – ein meist unterschätztes Feld zum Austoben von künstlerischer Kreativität. Bunt geht es zu – und formenreich (manchmal auch praktisch, aber nicht immer).

Der besondere Stolz ist aber die Sammlung von Butterpapier, mit dem man die Blöcke kaufgerecht einwickelt. Hier wird Máslovice ganz weltstädtisch. Papiere aus 40 Ländern hat man zusammengetragen – links sieht man welche aus Indien, Thailand und Brasilien. Das verdankt man sicher dem Sammeleifer der dörflichen Bewohner selbst, die anscheindend mehr in der großen weiten Welt herumkommen als man auf den ersten Eindruck meinen könnte. Man ist beeindruckt.

Alles befindet sich auf kleinstem Raum, der aber so dicht gefüllt ist, dass man tatsächlich viel zu sehen bekommt. Jetzt fehlt nur noch der Genuss, in ein Stück Brot mit frischer Butter zu beißen. Nun, ab und zu gibt es Aktionstage, bei denen die Besucher selbst Butter im Fass schlagen kann, die man anschließend auf Brot zum Probieren serviert bekommt. Das werden wir irgendwann mal tun, wenn es die Zeit zulässt. Ansonsten hat das Museum einen – gemessen an seiner Größe – einen riesigen Souveniershop, in dem man sich auch mit Butterutensilien, darunter handwerklich hergestellte Butterdosen, eindecken kann. Dieses Museum als kleines Ausflugsziel zum Wochenende in schöner Umgebung – und alles ist in Butter! (DD)

Kleiner Flugplatz, große Geschichte

Als 1939 die Tschechoslowakei von den Nazis besetzt und zum „Protektorat“ umgewandelt wurde, war das allgemeine Verbot von Sport- und Hobbyfliegerei eine der vielen Schikanen für die Bürger des Landes. 1946, als der Spuk vorüber war, konnte man wieder losfliegen, was das Zeug hielt. Und so gründete man im südlichen Ortsteil Točná (Prag 12) noch in diesem Jahr einen Segelflugklub, der Teil des Tschechischen Nationalen Aeroclubs (Český Národní Aeroklub) wurde. Und man begann mit dem Bau eines kleinen Flugplatzes.

Schon in den 1930er Jahren hatte man die hügelige Umgebung wegen ihrer günstigen Aufwinde gerne für Segelfliegerei genutzt, aber jetzt ging man systematisch zu Werke. Und bereits 1947 kaufte man für das Flugfeld drei Motorflugzeuge, einen sowjetischen Doppeldecker vom Typ Polikarpov Po-2 und einen tschechischen vom Typ Aero C-104. Der Clou war ein Eindecker der amerikanischen Marke Piper J-3 Cub, den man aus ausgemusterten Beständen der US-Army erwarb. Und Anfang der 1950er Jahre gab es schon rund 20 Segelflugzeuge hier. Segelflugzeuge dominierten das Feld in Točná, denn zu diesem Zeitpunkt existierte noch ein Flugplatz im gegenüber an der Moldau liegenden Zbraslav, der häufiger für Motorflugzeuge genutzt wurde. Aber nicht nur dessen Auflösung im Jahr 1955 sorgte für einen weiteren Aufschwung in Točná.

Der Grund war eigentlich unerfreulich. Das unabhängige und freie Fliegerklubleben war den Kommunisten, die 1948 die Macht im Lande übernommen hatten, nicht geheuer. 1951 wurde die vom Regime gesteuerte Freiwillige Volksvereinigung für Aviatik (DOSLET) gegründet, die schon die 1953 der Union für die Zusammenarbeit mit der Armee (Svazarm) unterstellt wurde. Die war eine paramilitärische Organisation, die vor allem flugbegeisterte Jugendliche für den Dienst in Armee und Luftwaffe im Dienste des Weltkommunismus vorbereiten sollte. Das Vorbild dafür war die 1951 in der UdSSR gegründete Organisation DOSAAF.

Gottlob musste niemand, der hier unter quasi-militärischen Vorzeichen das Fliegen lernte, in irgendeinen Krieg. Im Kern war das wohl weiterhin so etwas wie Sportfliegerei, die hier betrieben wurde. Aber der Anschein, hier werde unermüdlich der proletarischen Revolution gedient, erhöhte die staatliche Unterstützung für den Flughafen. Eine 800 Meter lange und 100 Meter breite Landebahn wurde gebaut. Die Motorflugaktivitäten nahmen heftig zu und in den 1970er Jahren konnte man hier sogar Nachtlandungen und das Fliegen mit einem Hubschrauber lernen.

Das ging so bis zum Ende des Kommunismus 1989. Der Aeroclub Svazarmu Točná wurde aufgelöst und der ein freier Initiative entstandene neue Aeroclub Točná, wo man ohne kommunistische Indoktrination aus Spaß fliegen konnte, und nicht ständig den westlichen Klassenfeind in Visier nehmen musste. Der Aeroclub erwarb denn auch den Flugplatz als er 2008 privatisiert wurde. Es herrscht nicht nur ein reger Sportflugbetrieb…

Denn es gibt zum Beispiel auch Flugshows bei denen zuvörderst gerne eine alte Spitfire vorgeführt wird. Denn man ist hier auch sehr bewusst in Sachen Geschichte. Im Mai 1945 fanden in der unmittelbaren Umgebung besonders heftige Kämpfe während des Prager Aufstands gegen die Deutschen statt. Spaziergänger können einen Freiheitsweg 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) erwandern, der auf Infotafeln die Geschichte schildert. Auch vor dem Flughafen befindet sich solch eine Tafel. Sie erzählt von der erstaunlichen Zahl derer, die noch vor dem Bau des Platzes hier vor Ort Segelflieger waren, dann beruflich Fliegen lernten und sich 1939 nach Großbritannien absetzten, um bei der Luftschlacht um England auf Seiten der Briten für die Freiheit zu kämpfen.

Einer von ihnen war Jan Šerhant. Der war 1939 Werkspilot der Schuhfirma Baťa und gerade mit der werkseigenen Lockheed Electra im noch freien Polen als die Deutschen in der Heimat einmarschierten. Er flog mit dem Flugzeug gleich weiter nachEngland und dient bis Kriegsende hochdekoriert bei der RAF. Die Electra, mit der er floh, steht seit 2015 restauriert auf dem Gelände des Flughafens Točná. Womit wir schon beim nächsten Thema sind: Dem Luftfahrtmuseum (Letecké Muzeum). Nur wenige Flughäfen dieser Größe haben so etwas. Immerhin kann man neben der Electra rund 10 alte Flugzeuge sehen, deren Ursprünge zum Teil bis zum Anfang der Ersten Rublik zurückreichen. Die größten Flugzeuge, zwei sowjetische Antonov An-2 (gebaut ab 1947), sieht man auf dem großen Bild oben. Ein Kinderspielplatz auf dem Museumsgelände rundet die Sache ab und macht den Flugplatz zum idealen Ort für Familienausflüge. (DD)

Eisenbahnparadies und noch mehr

Hier erwacht das Kind im Manne! Das Königreich der Eisenbahn (Království Železnic) verspricht schon im Namen, ein Paradies für die Freunde des Eisenbahnmodellbaus zu sein. Und das ist die riesige Dauerausstellung in der Stroupežnického 3181/23 im Stadtteil Smíchov (Prag 5) auch – und noch mehr.

Mit 1008 Quadratmetern handelt es sich um die größte Ausstellung ihrer Art in ganz Mitteleuropa. Das ist auch die Folge von einigen Erweiterungen, denn als das Ganze im Juli 2009 durch den Betreiber und Besitzer Rudolf Pospíšil eröffnet wurde, waren es „nur“ 115 Quadratmeter. Heute umfasst schon alleine die größte der Landschaftsanlagen mit ihren Eisenbahnmodellen (im Maßstab 1:87) ganze 459 Quadratmeter. In den Modelllandschaften befinden sich mehr als 30.000 menschliche Figuren. Man möchte mit den statistischen Superlativen gar nicht mehr aufhören. Und die Räumlichkeiten verfügen noch über viel Platz zum weiteren Ausbau, so dass in nicht allzu langer Zeit mit noch mehr Attraktionen zu rechnen ist.

Die Landschaften werden im 20-Minuten-Takt von Tag auf Nacht und zurück geschaltet. Die Beleuchtungseffekte in der künstlichen Nacht sind durchaus spektakulär. Zudem sind die einzelnen Anlagen landschaftlich verschiedenen tschechischen Regionen nachemfunden. Hier sieht man die Prager Burg bei Nacht über den Gleisen. Aber auch abgelegenere Regionen Tschechiens kommen zum Zuge, sodass man en passant auch noch ein wenig Länderkunde verpasst bekommt.

Fast alle Züge kann man per Knopfdruck in Gang setzen, und nicht nur sie. Es gibt unzählige „Nebenszenen“. Man kann grasende Tiere in Gang setzen oder Seilbahnen in die Höhe und wieder hinunter schicken, man kann Tanzparties am Strand beginnen lassen und Lichter in Gebäuden entfachen. Erhöhte Podeste mit TReppen ermöglichen den Besuchern den Überblick.

Also: Bitte viel Zeit nehmen, denn man kann in dieser Riesenausstellung stundenlang immer mehr liebevoll gemachte Details entdecken. Die Erstellung einer solchen Anlage mit Gleisen, Landschaft und sonstiger Ausstattung soll zwischen 9 und 12 Monaten dauern, heißt es. Rechts sieht man eine dramatische Randszene mit einem Eisenbahnunglück, bei dem wohl ein umfallender Kran den Zug zum Entgleisen brachte. Nun schwirrt ein gelber Rettungshubschrauber über dem Unfallort, während Autofahrer mit der Weiterfahrt zu warten haben

Aber es gibt noch mehr. Große Infotafeln – leider meist in Tschechisch – informieren über die Geschichte der (historisch-realen) Eisenbahn und ihre Entwicklung in Böhmen und Tschechien. Man erfährt ebenso recht viel über die Modellbautechnik. Einzelne Modelle sind auch in Vitrinen ausgestellt, damit man sie ganz aus der Nähe beäugen kann.

Neben dem Fokus auf Modelleisenbahnen beinhaltet die Ausstellung auf eine gigantische Sammlung verwandter Modelle und Spielwaren. So gab es in den Zeiten des Kommunismus so etwas wie eine tschechoslowakische Version der im Westen bekannten Carrera Autorennbahn. Die Firma Faro, die aus einer alten (1905 gegründeten) Traditionsfirma entstanden war und später verstaatlicht wurde, lancierte 1968 (fünf Jahre nach Carrera) ein ähnliches System, das anscheinden qualitativ gar nicht schlecht war. Jedenfalls hat die nunmehr wieder private Firma locker den Untergang des Kommunismus verkraftet und erfreut sich weiterhin im Lande großer Beliebtheit. Aber auch andere Modellbaufirmen werden ausführlich vorgestellt.

In den Nebenräumen des zweistöckigen Areals der Ausstellung verwandelt sich das Ganze streckenweise zu einem den Modellbau-Sektor transzendierenden und veritablen Spielzeugmuseum. Es gibt alles von Holzspielzeug, Papierschnitten oder die links gezeigten Puppen, Puppenstuben und Puppenwägen, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Obwohl das nur ein Nebenaspekt der Königreiches der Eisenbahnen ist, wäre manches normale Spielzeugmuseum froh, solch eine große Sammlung dieser Art zu besitzen.

Ein kleiner Shop, der eisenbahnbezogene Spielwaren und Modelle verkauft, rundet das Angebot des Museums ab, das – wie gesagt – dem Besucher viel Zeit abverlangt, weil es so viel bietet. Das erfährt man noch einmal, wenn man die eigentliche Ausstellung verlässt und dabei die damit verbundene Ausstellung eines riesigen interaktiven Modell der Stadt Prag, wie sie sich in den 1980er Jahren präsentierte. Mit rund 116 Quadratmeter (im Maßstand 1:1000) handelt es sich wiederum um ein Stück der Superlative. Ursprünglich wurde es für die Stadt Prag entwickelt, die es für realistisch angelegte Planungszwecke verwenden wollte. Der Stadt gehört es immer noch, aber hier bei den Modelllandschaft des Königreiches hat es den richtigen Standort für die Öffetlichkeit gefunden.

Erschöpft, aber gebildeter und gut unterhalten, verlässt man am Schluss das Gebäude. Man wird wohl irgendwann noch einmal hingehen müssen, um wirklich alles geistig verarbeiten zu können, was man da so gesehen hat. (DD)

Kulturgeschichte in Stein gemeißelt

Als im 19. Jahrhundert in Böhmen das tschechische Nationalbewusstsein erwachte, stand das eigene Kulturerbe seine Pflege (in Abgrenzung zum österreichischen Habsburgertum) ganz im Mittelpunkt des bürgerschaftlichen Engagements. Fast alle der großen nationalen Museen in Prag haben hierin ihren Ursprung. So auch das Lapidarium, die Steinskulptursammlung des Nationalmuseums.

Die erste Idee für eine solche Sammlung kam von dem bisweilen als „Vater der Nation“ bezeichneten Historiker František Palacký (früherer Beitrag u.a. hier und hier), der 1842 ein erstes Konzept vorlegte. Eine kleine Sammlung wurde danach 1847 im Palais Nostitz, dem provisorischen Vorgängerbau des heutigen Nationalmuseums, untergebracht. In letzterem wurde sie nach 1891 untergebracht, aber es war klar, dass die Sammlung eine eigene Unterkunft brauchte. Die fand man im Stadtteil Holešovice. Dort war im Jahre 1891 anlässlich der Prager Jubiläumsausstellung 1891 (Jubilejní zemská výstava) ein großes Ausstellungsgelände entstanden, in dessen Mittelpunkt der berühmte Industriepalast (Průmyslový palác) stand.

Neben dem Industriepalast errichtete der Bauunternehmer Quido Bělský nach den Entwürfen des Architekten Antonín Wiehl (siehe u.a. hier) ein zusätzliches Pavillon im Neorenaissancestil auf, in dem im selben Jahr eine kleine Ausstellung mit einer Selektion der Skulpturensammlung des Nationalmuseums gezeigt wurde. Die Prager Vereinigung der Ingenieure und Architekten (Spolek architektů a inženýrů v Praze) organisierte darob 1898 eine größere Ausstellung, zu der sie sogar einige Gipsabdrücke bedeutender böhmischer Werke der Bildhauerei anfertigten, die heute noch zur Sammlung gehören. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass das wuchtige Gebäude zur Dauerherberge der Sammlung würde.

Das geschah zwischen 1905 und 1908, dem Jahr der Eröffnung als stehendes Museum. Das Gebäude wurde ein wenig vergrößert und umgebaut, die skulpturale Gestaltung der Fassaden durch die Bildhauer Bernard Otto Seeling und František Hergesel wurde besonders im Eingangsbereich von den Bildhauern Gustav Zoula und Antonín Procházka noch pompöser gestaltet. Auch später gab es immer wieder Umbauten. 1930 bis 1932 und 1945 wurden nach und nach die Innenhöfe mit Glass überdacht, um mehr Platz zu schaffen.

Von der Grundidee ist das Museum, allen Vergrößerungen zum Trotz, heute immer noch der Originalausstellung von 1908 verpflichtet. Sie wurde auch nicht zeitlich erweitert. Immer noch macht man einen Rundgang, der chronologisch von der frühmittelalterlichen Romanik bis zum späten 19. Jahrhundert führt. Das 20. und das 21. Jahrhundert sind nicht repräsentiert. Dafür geht die Ausstellung thematisch in die Breite. Nicht nur Statuen, sondern jede Form künstlerischer und handwerklicher Steinmetzarbeit – etwa der romanische Tympanon rechts – werden repräsentiert.

Ein Fokus liegt auf der Zeit der Gotik und Karls IV. im 14.Jahrhundert, jene Zeit, in der Prag erst wirklich zur Kulturmetropole von Weltrang wurde, und die im Nationalbewusstsein der Tschechen einen besonders hohen Stellenwert einnimmt. Das Konterfei des Kaisers (links) ist entsprechend oft zu sehen. Von der Hochgotik geht es weiter zum späten Mittelalter. Wie in allen Abteilungen geht es auch hier nicht nur um „hohe Kunst“, sondern auch um interessante Einblicke ins Alltägliche, wie etwa das im späten 15. Jahrhundert entstandene kuriose Hauszeichen aus Brandýs nad Labem, das wir oben im großen Bild sehen, und das einen Jungen darstellt, der mit einem Hund (ein recht groß geratener Dackel?) spielt. Die Tschechen waren halt immer schon Hundenarren.

Die Renaissance darf auch nicht fehlen. Zu den Highlights im Museum gehört hier der Krocín-Brunnen (Krocínova kašna), einer der schönsten Brunnen Prags überhaupt, der 1591 auf dem Altstädter Ring aufgestellt wurde, aber im 18. Jahrhundert allmählich verfiel und 1862 – trotz seines kulturhistorischen Wertes – abmontiert wurde. Selbst die Fragmente, die jetzt hier im Lapidarium überlebten, sind immer noch beeindruckend. Man sieht es auf dem Bild rechts. Der vom Steinmetz Jindřich Beránek in den Zeiten des kunstsinnigen Kaisers Rudolf II. erbaute Brunnen ist nach dem damaligen Bürgermeister der Altstadt Václav Krocín benannt.

Es folgt der Barock, der nach der endgültigen Machtsicherung der Habsburger in Böhmen durch die Gegenreformation eine besonders hohe Blüte in Prag erreichte. Zu der geradezu atemberaubenden Menge grandioser Kunstwerke dieser Zeit gehört die berühmte Reiterstatue des Heiligen Wenzel vom Wenzelsplatz, und zwar die originale, die 1678 vom Bildhauer Jan Jiří Bendl erschaffen wurde – lange bevor stattdessen 1912 die heute dort stehende Monumentalstatue von Josef Václav Myslbek ihren Platz fand. Neben Wenzel findet man auch hier etliche Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke (was man auf der Brücke selbst sieht, sind nämlich gute Kopien).

Ganz von der Politik konnte man die Sammlung nie trennen. Das begann schon mit der Neugestaltung großer Teile der Altstadt, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Lokalpolitik beschlossen wurde. Alte Bausubstanz musste Neubauten weichen. Es galt zu retten, was zu retten war. Viele wertvolle Skulpturen von abgerissenen Häusern füllten nun die Bestände. Einschneidender war das Ende des Habsburgerreichs 1918. Die Erste Republik wollte dessen Denkmalskultur nicht mehr. Das zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) befindliche stolze Denkmal von General und Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz, den man zumindest dem Namens nach wegen des berühmten Radetzky Marsches kennt, wurde nun demontiert und in Lapidarium verfrachtet. Er wurde zu sehr mit dem Kaisertum und der Unterdrückung nach Unabhängigkeit strebender Teile Kakaniens verbunden. In kommunistischen Zeiten (nach 1948) verschwand Radetzky auch hier aus dem Licht der Öffentlichkeit ins Lager, aber seitdem kann man ihn wieder im alten Glanz bewundern. Ja, inzwischen hat sich das Verhältnis zu den alten Zeiten in Tschechien so entspannt, dass ab und an (wenngleich noch ergebnislos) diskutiert wird, ob man ihn nicht doch wieder am Kleinseitner Ring aufstellen sollte.

In den Zeiten des Kommunismus hatte es übrigens nicht nur Radetzky schwer, sondern das ganze Museum. Sonderlich gepflegt wurde es nach einer kleinen Renovierung 1958 nicht. 1967 kam es zu größeren Wasserschäden und das Gebäude wurde geschlossen. 1987 wollte man mit einer großen Sanierung beginnen. Bevor die richtig losging, kam das Ende des Kommunismus im Jahre 1989. Und so wurde der renovierte Bau 1993 feierlich eröffnet. Die Sammlung wurde von den Kunsthistorikern Jiří Fajt und Lubomír Sršeň behutsam so konzipiert, dass sie an die ursprüngliche Dauerausstellung von 1908 anknüpfte, aber doch vorsichtig Neuerungen einführte. Der prachtvolle Rahmen des palastartigen Gebäudes macht den gang durch die Geschichte der Steinmetzkunst in Böhmen vom 11. bis zum 19. Jahrhundert zu einem besonderen Genuss. (DD)

Eklektik für Rudolf nach der Pest

An dieser Kirche könnte man das Fremdwort eklektisch erklären, was in der Kunst so viel bedeutet wie die Verwendung von Elementen verschiedener, möglicherweise nicht zusammenpassenden Stilepochen. Nicht nur das macht die Kirche des Heiligen Rochus (kostel sv. Rocha) interessant.

Vor allem steht die alte Gemeindekirche innerhalb der Mauern des Klosters Strahov, das ja mit der großen Basilika Mariä Himmelfahrt (Bazilika Nanebevzetí Panny Marie na Strahově) bereits über eine Kirche verfügt. Die Standortentscheidung fiel kurz nach der großen Pest in Prag von 1599. Der Hausherr der benachbarten Burg, Kaiser Rudolf II., zog sich währenddessen nach Pilsen zurück, um der Seuche nicht nicht zum Opfer zu fallen. Als er gesund zurückkam, beschloss er aus Dank mit dem Strahover Abt Jan Lohelius, eine Kirche bauen zu lassen, die dem Heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen schlimme Krankheiten, gewidmet werden sollte. 1603 wurde sie geweiht und diente fortan nicht etwa den Mönchen, sondern den Pfarrmitgliedern der umliegenden Gemeinde als Gotteshaus.

Das ging so bis 1784. Dann setzten die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. ein, die in der Schließung und Enteignung vieler Klöster und Kirchen endete. Das Argument war die Sparsamkeit und er meinte, dass man auch dem Klostergrund keine Gemeindekirche brauche, wo doch schon eine große Klosterkirche existierte und die Aufgabe mit übernehmen könnte. Aus der Kirche wurde erst eine Leichenhalle, dann eine Schmiede. 1882 weihte dann aber doch der Abt von Strahov, Zikmund Antonín Starý, die Kirche für die Gemeinde neu. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Lande im Jahr 1948 wurde sie allerdings wieder enteignet und zu einer Lagerhalle umfunktioniert.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde die Kirche aber nicht wieder Kirche, sondern es zog 1994 die Miro Galerie hier ein. Die war bis dato eine hochkarätige Exil-Galerie im fernen (West-) Berlin, aber Dank der finanziellen Hilfe von Gott – gemeint ist in diesem Fall Karel Gott – konnte Betreiber Miro Smolák nach Prag umsiedeln und nun hier in dem frisch renovierten Gebäude in wechselnden und hochwertigen Ausstellungen Klassiker der modernen Kunst ausstellen. Auch kleine Musikabende gibt es hier ab und an. Die Kirche hat natürlich Dank der Enteignungen seit langer Zeit ohne ihre ursprünglichen Kirchenausschmückung verloren. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so kommt die interessante Architektur optisch klarer und reiner zum Vorschein.

Und so sieht man die seltsame Mischung von (damals völlig unmoderner) Gotik- und Renaissancestil, die sich der unbekannt gebliebene Architekt erlaubt hat. Innen stehen die klassischen Pilaster in Kontrast zu den gotischen Spitzfenstern. Der Grundriss, der im Kern rechteckig ist, aber durch abgeflachte Ecken fast oval wirkt, sowie die im Vergleich zum Grundriss unglaubliche Höhe. Drinnen gibt es drei gleich große Altarnischen, in denen früher je ein Altar des Heiligen Rochus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Antonius standen (die alle auch Patrone gegen Krankheiten sind). Die sind nicht mehr da. Aber die moderne Kunst kommt heute in ihnen hervorragend zur Geltung. (DD)

Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Der Luftschutzkeller, der einmal ein Bergwerk werden sollte

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Prager Zoo eine Herausforderung. Die Stadt blieb – mit einer schrecklichen Ausnahme – von Bombemangriffen weitgehend verschont. Aber es herrschte Not und niemand wusste, wie man die Tiere ernähren sollte. Und die ständige Angst vor dem Bombenangriff war real und begründet.

Obwohl sie in der Zeit des Reichsprotektorats, wie die Nazibesetzung genannt wurde, unter Schwierigkeiten den Betrieb aufrechterhalten mussten, gelangen den Mitarbeitern unter dem Direktor Jan Vlasák sogar einige außergewöhnliche zoologische Leistungen. Der Zoo schaffte es zum Beispiel als erster der Welt, einen Eisbären außerhalb der freien Natur zu züchten. Nebenbei unterstützte Vlasák noch Widerstandskämpfer unter seinen Mitarbeitern und organsierte im Mai 1945 die Bewaffnung der Aufständischen im Stadtteil Troja beim Prager Aufstand gegen die Nazis.

Und dann war da immer noch die Gefahr der Bombenangriffe, gegen die man wenigstens Besucher und Mitarbeiter schützen musste. Seit 2014 ist ein Teil dieser Bemühungen wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen. Im Jahre 1945 wurde in einem kleinem Stollen des an Felsenabhängen gebauten Zoos ein kleiner Lufschutzbunker eingerichtet. Er wurde nach den Erinnerungen von noch lebenden Augenzeugen rekonstruiert. Drinnen sieht man eine als Luftschutzhelfer verkleidete Schaufensterpuppe vor einer handbetrieben Alarmsirene (siehe großes Bild oben). Die Einrichtung des beengten Stollens besteht aus einfachen Holzbänken. Utensilien wie kleine Packungen mit Kaffee-Ersatz dürfen im Dunkel des Bunkers nicht fehlen.

Für den Luftschutzraum hatte man praktischerweise einen damals schon bestehenden Stollen nutzen können. Der war schon lange bekannt und es rankten sich Legenden um ihn – etwa, dass es sich um einen langen Geheimtunnel zum (gar nicht so) nahe gelegenen Schloss Troja oder zur noch entfernteren Kapelle des Weinbergs St. Klara handelte. Aber das waren nur Märchengeschichten. Indes, der Stollen ist in Wirklichkeit nur wenig mehr als 10 Meter tief. Im Ernstfall hätte er nur sehr wenigen Menschen Schutz geboten. Man kann froh sein, das hier kein Bombemangriff stattfand. Aber warum gab es da überhaupt einen alten Stollen?

Dokumente belegen, dass das Areal, auf dem 1931 der Zoo errichtet wurde, früher als eisenreiches Bergbaugebiet ins Auge gefasst wurde. Tatsächlich sind die Felsen hier außerordentlich eisen- und mineralhaltig. Um das Jahr 1856 ließen die damaligen Eigner, die Minenbesitzer Jan Bendelmayer und Florian Kubeška, den Stollen in den Fels treiben. Man fand dabei wohl aus rein wissenschaftlicher Sicht interessante Dinge, etwa ein nur hier vorkommendes Mineral namens Paracomquimbit. Das scheint aber nicht dazu getaugt zu haben, wirtschaftlich große Wellen zu schlagen. Das Projekt wurde aufgegeben. Und so blieb es letztlich bei einem kleinen Stollenansatz, über den sich dann später der Zoo ausbreitete. Den kann man nun betreten und/oder sich davor einige gut gemachte multimediale Schautafeln anschauen, die die kleine, aber interessante Geschichte des Luftschutzkellers, der einmal ein Bergwerk werden sollte, erzählen. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)