Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Der Luftschutzkeller, der einmal ein Bergwerk werden sollte

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Prager Zoo eine Herausforderung. Die Stadt blieb – mit einer schrecklichen Ausnahme – von Bombemangriffen weitgehend verschont. Aber es herrschte Not und niemand wusste, wie man die Tiere ernähren sollte. Und die ständige Angst vor dem Bombenangriff war real und begründet.

Obwohl sie in der Zeit des Reichsprotektorats, wie die Nazibesetzung genannt wurde, unter Schwierigkeiten den Betrieb aufrechterhalten mussten, gelangen den Mitarbeitern unter dem Direktor Jan Vlasák sogar einige außergewöhnliche zoologische Leistungen. Der Zoo schaffte es zum Beispiel als erster der Welt, einen Eisbären außerhalb der freien Natur zu züchten. Nebenbei unterstützte Vlasák noch Widerstandskämpfer unter seinen Mitarbeitern und organsierte im Mai 1945 die Bewaffnung der Aufständischen im Stadtteil Troja beim Prager Aufstand gegen die Nazis.

Und dann war da immer noch die Gefahr der Bombenangriffe, gegen die man wenigstens Besucher und Mitarbeiter schützen musste. Seit 2014 ist ein Teil dieser Bemühungen wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen. Im Jahre 1945 wurde in einem kleinem Stollen des an Felsenabhängen gebauten Zoos ein kleiner Lufschutzbunker eingerichtet. Er wurde nach den Erinnerungen von noch lebenden Augenzeugen rekonstruiert. Drinnen sieht man eine als Luftschutzhelfer verkleidete Schaufensterpuppe vor einer handbetrieben Alarmsirene (siehe großes Bild oben). Die Einrichtung des beengten Stollens besteht aus einfachen Holzbänken. Utensilien wie kleine Packungen mit Kaffee-Ersatz dürfen im Dunkel des Bunkers nicht fehlen.

Für den Luftschutzraum hatte man praktischerweise einen damals schon bestehenden Stollen nutzen können. Der war schon lange bekannt und es rankten sich Legenden um ihn – etwa, dass es sich um einen langen Geheimtunnel zum (gar nicht so) nahe gelegenen Schloss Troja oder zur noch entfernteren Kapelle des Weinbergs St. Klara handelte. Aber das waren nur Märchengeschichten. Indes, der Stollen ist in Wirklichkeit nur wenig mehr als 10 Meter tief. Im Ernstfall hätte er nur sehr wenigen Menschen Schutz geboten. Man kann froh sein, das hier kein Bombemangriff stattfand. Aber warum gab es da überhaupt einen alten Stollen?

Dokumente belegen, dass das Areal, auf dem 1931 der Zoo errichtet wurde, früher als eisenreiches Bergbaugebiet ins Auge gefasst wurde. Tatsächlich sind die Felsen hier außerordentlich eisen- und mineralhaltig. Um das Jahr 1856 ließen die damaligen Eigner, die Minenbesitzer Jan Bendelmayer und Florian Kubeška, den Stollen in den Fels treiben. Man fand dabei wohl aus rein wissenschaftlicher Sicht interessante Dinge, etwa ein nur hier vorkommendes Mineral namens Paracomquimbit. Das scheint aber nicht dazu getaugt zu haben, wirtschaftlich große Wellen zu schlagen. Das Projekt wurde aufgegeben. Und so blieb es letztlich bei einem kleinen Stollenansatz, über den sich dann später der Zoo ausbreitete. Den kann man nun betreten und/oder sich davor einige gut gemachte multimediale Schautafeln anschauen, die die kleine, aber interessante Geschichte des Luftschutzkellers, der einmal ein Bergwerk werden sollte, erzählen. (DD)

Heydrichs und Franks Beuteschlösser

Die führenden Nazis nutzten ihre Verbrechen gerne zur Etablierung eines luxuriösen Lebenstils für sich selbst – einen, den sie mit redlichem Tun wohl kaum erreicht hätten. Einer von ihnen war Reinhard Heydrich, der am 4. Juni 1942 – heute vor 78 Jahren – den Folgen eines Attentats tschechoslowakischer Widerstandskämpfer erlag. Und nicht nur er. Reichsprotektor Karl-Hermann Frank, der nach dem Attentat das Land mit einer Mordwelle überzog, ließ es sich generell recht gut gehen.

Wer sich davon überzeugen will, der besichtige den kleinen Ort Panenské Břežany (damals auf Deutsch: Jungfernbreschan) im Norden Prags. Die beiden Nazi-Größen leisten sich hier je ein Schloss als Residenz – mit großem Landgut, das man sich von KZ-Insassen bewirtschaften ließ.

Die beiden kleinen Paläste des Ortes, das sind das Obere und das untere Schloss. Das Obere Schloss ist das wohl interessantere der beiden. Anscheinden hatte es hier schom im 13. Jahrhundert eine Burg gegeben, die 1441 noch einmal ausgebaut wurde. Von dieser Burg ist nichts mehr übrig geblieben. Denn in den Jahren 1705 bis 1707 wurde auf dieser Stelle der heute zu sehende Barockbau durch den Architekten Philipp Spannbrucker. Auftraggeberin war Franziska Helena Pieroni de Galliano Pieroni (die begabteTochter des berühmten Mathematikers Giovanni de Galliano Pieroni). Die war nicht nur Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters, sondern die des böhmischen Benediktinerinnenklosters schlechthin – dem auf der Prager Burg rund um die Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří), über die wir bereits hier berichteten. Das war eine privilegierte Position mit Fürstenrang – etwas Ungewöhnliches für Frauen in dieser Zeit. Das Schloss in Panenské Břežany war somit die fürstliche Residenz in einem Kloster, das wiederum Außenstelle des Georgsklosters auf der Burg war. Wie es sich für ein Kloster gehört, gab es auch eine Kirche auf dem Grund, die Kapelle der Heiligen Anna (Kaple sv. Anny) – ein barockes Meisterwerk des Architekten Johann Blasius Santini-Aichl, über das wir in einem separaten Beitrag berichten werden.

Als solches überlebte es Ende der 1780er Jahre Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die in der Auflösung vieler Klöster in Böhmen kulminierte. Als säkularisierte Gutsanlage verkam es zunächst ein wenig bis 1820 der Landwirtschaftsreformer Matthias Friedrich von Riese-Stallburg den Besitz erwarb. Der verwandelte ihn in eine Art Mustergut und baute ab 1828 unterhalb des alten – nunmehr: oberen – Schlosses ein neues Schloss. Das im klassizistischen Stil erbaute Gebäude wurde 1840 fertiggestellt. Man kann es vom Garten des alten Schlosses aus unterhalb schön sehen. Riese-Stallburgs Nachfahren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkauften es 1909 an den Zuckerproduzenten Ferdinand Bloch-Bauer, dessen Ruhm als Unternehmer aber vom Ruhm seiner Frau Adele übertroffen wurde, die als Modell quasi die „Muse“ des berühmten Jugendstilmalers Gustav Klimt wurde und deren Portrait fast schon die Bekanntheit der Mona Lisa hat.

Das Obere Schloss wurde an den international bekannten Möbeldesigner und -fabrikanten Emil Gerstel verkauft. Sowohl Gerstel als auch Bloch-Bauer waren jüdischer Herkunft. Mit dem Einmarsch der Nazis und der Etablierung des Protektorats kam umgehend die Enteignung. Karl-Hermann Frank riss sich das obere, Heydrich später das untere Schloss unter die Nägel. Nach Heydrichs Ermordung durfte seine Witwe das Schloss weiter bewohnen. Nach dem Krieg wurde es in ein Forschungsinstitut für Metallurgie umgewandelt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 als Privatvilla entstaatlicht. Heute ist das Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zu besichtigen.

Zurück zum Oberen Schloss. Karl Hermann Frank wurde 1946 als schwere Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Schloss wurde nunmehr in ein Altenheim verwandelt, was es bis zur Jahrtausendwende blieb. Dann begann ein langsamer Verfall, der Sorgen bereiten musste. Der Wunsch nach Restaurierung war groß, aber auch die Ungewissheit, was denn mit dem Gebäude nunmehr gemacht werden solle. Ein wenig Verwirrung entstand als 2011 in der Presse Gerüchte kursierten, Heydrichs Sohn, ein ansonsten politisch unverdächtiger Unternehmer, wolle für eine Renovierung viel Geld bereitstellen. Insbesondere Verbände der Opfer des Nationalsozialismus protestierten und der Sohn dementierte und die Sache verlief im Sande. 2012 beschloss die Kommunalvertretung des Bezirks Prag Ost, das der Ort eine Gedenkstätte mit Museum werden solle.

Und so kann man heute Franks Residenz besichtigen. Vom barocken Originalinterieur ist wegen der späteren Nutzung kaum etwas übrigen geblieben. Die Einrichtung im Stile der Firma Gerstel und einige Kunstwerke aus der Privatsammlung sind jedoch zu bewundern. Vor allem aber steht eine ständige Ausstellung über die Verbrechen der Nazis (insbesondere Heydrichs und Franks), den Widerstand, den sie hervorriefen und die Aburteilung der Verbrecher und Kollaborateure nach dem Krieg. Das Ganze ist didaktisch auf modernstem Stand. Beschriftungen gibt es in Tschechisch und Englisch. Dazu kommen auch deutsche Audioguides. Nicht nur gehaltvolle Infotafeln und viel Multimedia bietet das Museum, sondern auch Originalstücke. Dazu gehört der Ledermantel Franks, der ihn wohl damals so richtig naziverbrecherisch aussehen ließ.

Er wenn man nach dieser konzentrierten Dosis des Bösen wieder hinaus in den kunstvoll gestalteten Parkbereich vor dem Oberen Schloss geht, wird einem bewusst, welch einen doch wunderschönen Ort sich vor langer Zeit die große Fürstäbtissin hier im frühen 18. Jahrhundert eingerichtet hat. Es wäre schöner gewesen, wenn er später nicht in die falschen Hände geraten wäre.

Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

Unendlich viel Technik

Ehrlich gesagt, man weiß gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll, wenn man über das Technische Nationalmuseum (Národní technické muzeum) in der Kostelní 1320/42 in Holešovice (Prag 7) schreibt. Auf jeden Fall sollte man sich beim Besuch viel, viel Zeit nehmen. Da gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Und eins ist aufregender als das andere.

Fangen wir doch einfach mit der Geschichte des Museums an. Vielleicht mit der Prager Landes-Jubiläumsausstellung von 1891. Vieles, was damals bei dieser großen Industriemesse hätte nur kurzfristig ausgestellt werden sollen, blieb Prag dauerhaft erhalten – der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg, die Standseilbahn, das Spiegelkabinett, der Hanavský Pavilon und etliches mehr. Das war so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris, der ja auch nach der Weltausstellung von 1889 hätte abgerissen werden sollen, aber bis heute als Wahrzeichen der Stadt erhalten ist. Niemand möchte ihn mehr missen. Und auf der Prager Jubiläumsausstellung von 1891 gab es schließlich auch eine Technik- und Industrieschau von riesigen Ausmaßen, die man nicht einfach wie Abfall nur entsorgen wollte. Im Jahre 1908 nutzte man die Gelegenheit und gründete deshalb einen Verein zur Förderung eines Technischen Museums.

Mit kundiger Hilfe der Technischen Universität (wir berichteten hier) wurden bereits bestehende kleine Sammlungen mit den Restbeständen der Ausstellung zusammengestellt und schon im Jahre 1910 zunächst im Palais Schwarzenberg in der Burgstadt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war aber auf die Dauer zu klein. Und der rasende technische Fortschritt, zu dem nicht zuletzt tschechische Erfinder wie der „tschechische Edison“ František Křižík beitrugen, ließ erahnen, dass der Platzmangel in Zukunft eher schmerzlicher werden würde. 1921 begann man mit einer Gekdsammlung für ein neues Gebäude, für das der Stadtrat ein großes Grundstück auf der Letnáhöhe bereitstellte. 1935 gewann der Architekt Milan Babuška, der uns auch den Palác ARA bescherte, einen Architekturwettbewerb und 1938 begann man mit den Bauarbeiten für das riesige Gebäude, die 1941 abgeschlossen waren.

50.000 Inventarstücke hat das Museum, von denen etwas über 10% ausgestellt sind. Wo fängt man da an? Am besten im großen Hauptsaal, der hinter dem Foyer liegt, und in dem alle möglichen Fortbewegungsmittel ausgestellt sind. Autos, Motorräder, Fahräder, Flugzeuge, Lokomotiven und so weiter. Die beiden Bilder ganz oben vermitteln einen Eindruck. Das schöne ist, fast alle Items haben eine echte personalisierte Geschichte. Die Spitfire, die man oben sieht, war Teil jener Flugstaffeln von tschechoslowakischen Piloten, die 1939 rechtzeitig vor den Nazis geflohen waren, und den Briten 1940/41 heldenmutig halfen, die Luftschlacht um England zu gewinnen (früherer Beitrag hier). Auch das oberhalb links abgebildetete Auto, das Modell RK/M der Firma Laurin & Klement (eine Vorgängerfirma von Škoda) von 1913, hatte einen ilustren Besitzer. Es handelte sich um Alexander Graf Kolowrat. Der war Filmpionier, aber auch begeisterter Rennfahrer, der mit dem Auto etliche europäische Rennen und Rallyes gewann. Die Presse nannte ihn deshalb meist nur „Graf Kilowatt“.

Aber auch ohne illustre Vorbesitzer faszinieren viele der Ausstellungsstücke. So etwa dieses putzig anmutende dreirädrige Motorrad der Firma De Dion Bouton aus dem Jahr 1900. Die französische Firma kennt heute fast niemand mehr, aber damals war das der größte Automobilhersteller der Welt, der zudem auch noch eine große Nummer im Eisenbahnbau war!

Aber Technik ist mehr als motorisierte Mobilität. Im vorderen Gebäudeteil befinden sich deshalb auf vier Stockwerken und etlichen Kellerräumen (die teilweise für Sonderausstellungen reserviert sind) etliche Abteilungen zu speziellen Aspekten. Sie stellen teilweise natürlich die tschechischen Leistungen der Ingenieurskunst in den Mittelpunkt, aber das, was an internationaler Technik aus allen Epochen geboten wird, reicht schon für mehr als nur einen ersten Eindruck zu gewinnen. Man findet didiaktisch wohl aufbereitete Einführungen in die wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Beispiel. In Englsich und Tschechisch! So erfährt man viel über Optik und kann danach wunderschöne Kameras aus alten Zeiten bewundern (oben links).

Spaß macht aber vor allem das Alltägliche. Das sieht man bei der Abteilung zu Haushalts- und Küchengeräten. Manches von dem, was man da an Staubsauger-, Waschmaschinen- und Rührquirlmodellen sieht, erweckt Kindheitserinnerungen (ja, das ist ein Museum für Babyboomer!). Aber manches ist schon so antik, dass es wie eine Neuentdeckung auf einen zukommt. Diese pedalgetriebene Nähmaschine mit dem stolzen Löwen, zum Beispiel, ist ein Kunstwerk, wie man es heute nicht mehr findet. Dieser Typus kam um 1870 auf den Markt und wurde von der schottischen Firma Kimball & Morton entwickelt.

Passend im Keller untergebracht findet man Räume zur Verarbeitung von Metall (insbesondere Eisen) und zum Bergbau. Hier sieht man didaktisch aufgebaute Nachempfindungen frühzeitlicher Schmelzöfen mit noch recht archaischer Technik. Schrittweise wird man von hier in die moderne Gegenwart geführt….

An dieser Stelle ist es kaum möglich, auch nur alle Abteilungen und Aspekte von Technik zu erwähnen, die man in diesen Hallen findet – geschweige denn, sie detailliert zu beschreiben. Die rechts zu sehende Abteilung zur Technik des Druckens sei erwähnt, aber auch der Raum für astronomische Instrumente. Auch Architektur und Bauwesen haben ihren Platz. Unzählige Baupläne füllen das Archiv. Einfach sich einen ganzen Tag (mindestens) frei nehmen und alles anschauen!

Darüber sollte man aber auch nicht die Architektur übersehen. Das Gebäude, das Architekt Milan Babuška (ein Spezialist für Industriebauten) entwarf, gehört zu den Meisterwerken des Funktionalismus der späten Ersten Republik und beeindruckt durch seine klare, fast klassische Fassadenstruktur. Das Ende der Republik und die Besetzung durch die Nazis führten übrigen dazu, dass das Museum zunächst nicht seiner Bestimmung zugeführt wurde. Es diente zunächst einmal als Gebäude des Postministeriums. Erst 1948 begann der reguläre Ausstellungs- und Museumsbetrieb. Innen bildet die ebenfalls sehr strenge und minimalitsiche Ausstattung eine harmonische Einheit mit der ausgestellten Technik (man siehe nur die stählerne Treppe im Bild oberhalb, die sich im Obergeschoss befindet). Auch das macht den Besuch zu einem Erlebnis. (DD)

Barock für gehobene Frauenbildung

In unerwartete Höhen schaut man, wenn man den kleinen Raum betritt. Man befindet sich in der Kapelle der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria (Kaple Nejsvětější Trojice a Neposkvrněného početí Panny Marie) in einem Gebäude, das als das Rosenberg Palais – Institut für Edelfrauen (Rožmberský palác–Ústav šlechtičen) bekannt ist.

Und das wiederum befindet sich an bester Adresse, nämlich mitten der Burg, wo nur die nobelsten der noblen Familien Böhmen sich in des Königs Nähe einen Palais bauen durften – etwa die Lobkowiczs, die nebenan residierten, aber eben auch die Rožmberks, deren ehemaliger Palast heute fester Bestandteil jeder großen Burgtour ist. Und bei einem Besuch des riesigen Palais‘ (besser: des kleinen Teils, der der Öffentlichkeit zugänglich ist), ist die Kapelle das erste, was man zu Gesicht bekommt.

Zur der Empfindung von Höhe trägt bei der Kapelle des Palais‘ nicht nur deren tatsächlichen Höhe bei, die sich über drei Stockwerke erstreckt, sondern auf die Malereien an Wänden und Decken. Dazu wurden 1754/55 zwei der damals bedeutendsten Barockmaler Böhmens verpflichtet, nämlich Josef Hager, der die Wände verzierte und Johann Peter Molitor, dem man das prachtvolle Deckengemälde der Dreifaltigkeit verdankt, das man oben im großen Bild sieht. Beide Maler waren Meister des Illusionismus. Und tatsächlich erweckt die Himmelsdarstellung Molitors Tiefeneffekt, der den Raum noch höher erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Und dann sind da zwei kleine Balkone, die mit schmuckvollen Metallgittern übereinander ins Bild ragen. Mit ihnen sind wir auch schon bei dem Zweck, dem das Gebäude lange Zeit diente. 1753 hatte Kaiserin Maria Theresia (zugleich einzige Frau, die je auf dem böhmischen Thron saß) als Ausdruck ihrer aufklärerischen Überzeugung, dass Frauenbildung gestärkt werden müsse, das Institut für Edelfrauen gegründet, mit dem Auftrag, 30 Adelstöchtern im Alter von 24 Jahren und älter Erziehung angedeihen zu lassen (für Waisenkinder war das schon im Alter von 18 Jahren möglich). Geleitet werden konnte das Institut nur von unverheirateten Erzherzoginnen aus der Familie Maria Theresias, dem Geschlecht Habsburg-Lothringen – weshalb die erste Leiterin erste von Ihnen wurde die Tochter von Maria Theresia – die Erzherzogin Maria Anna, die nicht nur wegen ihres Geblüts geeignet war, sondern auch wegen ihrer für Damen von Stand ungewöhnlich großen wissenschaftlichen Bildung.

Nun, um auf die Balkone zurückzukommen: Die dienten dazu, die Damen von eventuell zu weltlichem Treiben fernzuhalten, dem die Gottesdienstbesucher weiter unten frönen könnten. Tugend war schließlich ein wichtiger Teil der Ausbildung, was erklärt, warum die Kapelle der unbefleckten Empfängnis geweiht ist. So ging es natürlich hier nicht immer zu. Als die Familie Rožmberk das Areal erwarb, baute sie hier schrittweise einen normalen Adelssitz im Renaissancestil auf. 1600 erwarb Kaiser Rudolf II. diesen Palast, womit er in Habsburger Hände geriet (aber immer noch den alten Namen trug).

So konnte dann Maria Theresia als Eignerin auch den Auftrag an den italienisch-schweizerischen Architekten Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) zu geben, das Anwesen nach den Plänen von Nicolò Pacassi für den neuen Zweck als Institut für Edelfrauen im modernsten Barockstil umzubauen. Diese Arbeit wurde Anfang 1756 vollendet. Trotz einiger kleinerer Umbauten ist das Gebäude seither so erhalten geblieben. Umbauten 1787/88 brachten nämlich nur kleinere Veränderungen und Anpassungen.

Der Bedarf an der Sondererziehung adliger Damen sank mit der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 dramatisch auf Null. 1919 wurde das Institut aufgelöst. Der Bau war von nun an kaum der Öffentlichkeit zugänglich. Eine zeitlang residierte hier das Innenministerium. Dass in den Zeiten des Kommunismus die Vernachlässigung traurige Ausmaße annahm, versteht sich von selbst. 1996 bis 2008 führte man daher umfangreiche Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten durch und seit 2010 kann man einen Teil des Gebäudes besichtigen. Die Ausstellung zeigt, wie die Räumlichkeiten für die jungen Damen zu verschiedenen Zeiten im späten 18. und frühen 19. Jahrundert eingerichtet waren – erwartungsgemäß sehr nobel und geschmackvoll. Dazu konnte man immer den atemberaubend schönen Blick auf Altstadt und Kleinseite genießen!

Den Abschluss nach der Besichtigung der kleinen Museumsräume bildet der große Renaissancesaal, auch Rosenberg-Saal genannt. Der ist sozusagen noch ein Erinnerungsstück an die ursprünglichen Besitzer, die Rožmberks. Die Halle mit ihren schönen Gewölben wird heute ab und an für kleine Wechselausstellungen genutzt. Und wenn man damit fertig ist, kann man im Innenhof im Café des Gebäudes noch das Leben bei ein wenig Kaffee und Kuchen genießen. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Slivovitz und Denkmalschutz

Die tschechische Küche ist bekanntlich recht schwer. Da braucht man nach dem Essen schon ab und an einen Magenaufräumer. Der echte Tscheche kennt da nur ein Rezept, den Slivovitz.

Das dem deutschen Pflaumenbrand oder Zwetschgenwasser ähnelnde hochprozentige (mindestens 37,5%) Getränk ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der tschechischen Kultur. Ob weiß (flaschengelagert) oder gelb (faßgelagert), eines ist klar: Prag hat schon zu lange ohne ein Museum auskommen müssen, das dieses Nationalgetränk gebührend würdigt. Seit 2019 ist dieser Missstand gottlob beendigt.

In diesem Jahr eröffnete in der U Lužického semináře 116/48 auf der Kleinseite und so nahe an der Metrostation Malostranská gelegen, dass man es auch nach ein paar ordentlichen Kostproben auch wankend noch bis dahin schafft, das Muzeum Slivovice R. Jelínek. Auch wenn die Firma R. Jelínek, die das Museum betreibt, als größter Obstbrandhersteller nicht nur in Tschechien, sondern in der Welt, ein gewisses Verkaufsinteresse damit verbinden mag, bekommt man hier einen didaktisch hochwertigen, informativen und unterhaltsamen Ausstellungsbesuch mit modernster Museumstechnik geboten. Einfach großartig und empfehlenswert!

Vielleicht erst einmal zu Firma selbst, deren spannende Geschichte in der Ausstellung ausführlich dargestellt wird: Die hat ihren Ursprung und Hauptsitz im mährischen Vizovice, wo man die Kunst der Obstbranddestillation schon bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. 1882 tritt hier erstmals die Familie Jelínek auf, zunächst als Pächter einer bestehenden Brennerei, dann ab 1891 als Besitzer einer eigenen Destillerie, deren Gründer Zikmund Jelínek wurde. Dessen Söhne Vladimír und Rudolf Jelínek übernahmen die Firma 1919, zerstritten sich aber bald, so dass sich 1926 die Wege trennten und Rudolf die Firma nach sich benannte.

Rudolf Jelínek hatte 1934 eine geniale Idee, die dazu beitrug, dass aus der mährischen Provinzfirma eine Weltmarke wurde. Ein Jahr zuvor endete in den Vereinigten Staaten die unselige Prohibition. Jelínek, der selbst jüdischer Herkunft war, erkannte, dass es gerade in den USA nun einen großen Markt für koscheren Slivovitz gab – ein Produkt, das er erstmals auf den Marktgebracht hatte. So begann der internationale Durchbruch. Zudem verbesserte er den Geschmack des an sich oft recht kratzigen Getränks so, dass es einen milderen und vielschichtigeren Abgenag bekam. Dazu beriet er sich mit dem französischen Cognac-Hersteller Denis-Mounié. Mit dem Qualitätswachstum kam auch das Umsatzwachstum.

Dann kam die Katastrophe. 1938 musste die Tschechoslowakei große Teile ihres Staatsgebietes an Hitler-Deutschland abtreten und 1939 marschierten deutsche Truppen im Land ein. Die Firma wurde „arisiert“, d.h. gestohlen und einem naziloyalen Deutschen übertragen, und die gesamte Familie Jelínek wurde ins Konzentrationslager deportiert. Rudlof Jelínek, seine Frau (Bild links) und fast seine ganze Familie wurden ermordet. Zwei Söhne überlebten, von denen einer 1946 an den Folgen des ihm zugefügten Leids starb. Rudolfs zweiter Sohn Jiří übernahm jedoch die Firma und schien sie wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Doch 1948 folgte der zweite Akt im totalitären Trauerspiel: Die Kommunisten übernahmen die Macht. Den Jelíneks wurde die Firma abermals gestohlen. Der Name wurde behalten, aber die Firma war nun Teil eines Staatskonglomerats, was die Qualität senkte – außer für den Auslandsmarkt, denn der sozialistische Pleitestaat brauchte westliche Devisen, um überhaupt irgendwas recht und schlecht auf die Beine zu kriegen.

Die einzige bahnbrechende Neuerung der kommunistischen Zeit, die bleibenden Wert hatte, war die Gestaltung der Flasche als Markenzeichen, die 1950 erfolgte. Die nutzt man heute noch und ist so stolz darauf, dass im Museum sogar die Waschbecken in den Toiletten die charakteristisch unregelmäßige Form der Flasche haben. Womit wir beim Hier und Jetzt sind: Das Museum ist das Projekt einer wieder privat betriebenen Firma.

Mit der Samtenen Revolution von 1989 endete der kommunistische Schrecken und man entflocht erst einmal das große staatliche Brennereikonglomerat, so dass R. Jelínek erst einmal ein eigenständiger Staatsbetrieb wurde, der dann in einem zweiten Schritt privatisiert werden konnte, was 1994 dann auch geschah. 1998 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die nach und nach immer mehr Gewinn abwarf. Es wurden Niederlassungen im Ausland gegründet und heute ist niemand so dick im Obstbrandgeschäft wie die Firma Jelínek. Und deshalb kann sie sich neben dem schon länger bestehenden Museum in Vizovice nun auf ein besonders modernes Museum in Prag leisten.

Das ist hyper-modern konzipiert. Man bekommt eine Audio- und Multimediatour ersten Ranges geboten, die keine Fragen offen lässt – sei es, was die Geschichte der Firma, der seit 2003 wieder entstehenden Obstplantagen, der vorschriftsgerechten Produktion des koscheren Slivovitz, des Destillationsvorgangs, der Fassherstellung, der Abfüllung und des Vertriebs angeht. Die wissenschaftliche Fundierung kommt auch nicht zu kurz. Das Highlight ist wohl die 5D-Kinovorführung mit Videobrille über den Lebensweg einer Plaume vom Baum bis zur Bar, in der sie als Slivovitz serviert wird. Spannend, spektakulär und lehrreich!

Aber zwischendurch gibt es natürlich auch handfeste originale Gegenstände aus der Jelínek-Sammlung, wie etwa die rechts abgebildete alte Abfüllstation. Das macht die Sache eben noch abwechslungsreicher. Auf jeden Falls geht man informierter aus der Ausstellung heraus. Aber natürlich nicht nur informierter, sondern (was vermutlich der Hintersinn der Betreiber ist) auch durstiger.

Und so kommt man zum Abschluss des Ganzen nicht nur einen einen bestens ausgestatteten Alkohol- und Souvernirladen, der nicht nur den Slivovitz der Firma anbietet, sondern auch die anderen von ihr hergestellten Obstbrände (ich mag besonders den Aprikosenbrand) und Spirituosen wie Gin und Whisky. Vor allem aber landet man in einem kleinen, aber feinen kleinen Restaurant. Im Preis inbegriffen ist der kleine Degustationsset, den man nun serviert bekommt, und den man im großen Bild oben sieht. Zu jedem der drei verschiedenen Obstbrände (darunter die goldene und die koschere Variante des Slivovitz) bekommt man noch ein kleine, raffiniert gemachtes Häppchen. Man kann darüberhinaus auch noch selbst auf eigene Kosten nachbestellen, um die Produktpalette einmal kennenzulernen. Man verlässt das Museum beschwipster, als man sich vorgenommen hatte. Aber es hat sich gelohnt.

Und wenn man vom Museum spricht, darf man über sein Gebäude nicht schweigen. Das ist nämlich auch von historischem Interesse. Es handelte sich ursprünglich um ein Renaissancehaus, das aber Anfang des 17. Jahrhunderts umfassend barockisiert wurde. Das dům U Bílé botky (Haus zu den Weißen Schuhen) genannte Gebäude wurde dabei für Studenten am nahegelegenen Lausitzer Seminar ( Lužický seminář) einegrichtet, die als katholische Priester ausgebildet werden sollten (wir berichteten hier).

Das zentral gelegene Haus wurde 1966 von der bekannten Schauspielerin Slávka Budínová, die u.a. an so berühmten Filmen wie Noc na Karlštejně (1973) mitwirkte, erworben. Sie starb kurz vor der Großen Moldauflut von 2002, die das Haus verwüstete. Danach kümmerte sich niemand mehr so recht darum und das Bild des Verfalls, das es bis vor kurzem noch bot, war herzzereißend. Man kann der Firma Jelínek nur dankbar sein, dass sie das Gebäude 2011 kaufte, um ein Museum daraus zu machen, sodass es nach aufwendigen Renovierungsmaßnahmen nunmehr in neuem Glanz erstrahlt. So können wir hier heute nicht nur ein unterhaltsames Museum besuchen, sondern uns auch daran erfreuen, dass ein Baudenkmal vor dem Niedergang gerettet wurde. Ein schöner Beitrag zum Denkmalschutz! (DD)

Stadtbücherei und mehr

Kaum ein Land tut so viel für seine Belesenheit wie Tschechien. Im Juli 1919 erließ die neugegründete Tschechoslowakische Republik ihr bahnbrechendes Gesetz über die öffentlichen Gemeindebüchereien, das unter anderem vorschrieb, dass jede Gemeinde mit über 400 Einwohnern eine Bücherei für die Bürger betreiben sollte. Und das blieb im wesentlichen bis heute so. Dass man sich bei der Umsetzung dieses Gesetzes in der Hauptstadt selbst nicht lumpen lassen wollte, davon zeugt das imposante Gebäude der Städtischen Bücherei (Městská knihovna) am Mariánské nám. 98/1 (Marienplatz) in der Altstadt.

In den Jahren 1924-1929 erbaute der Architekt František Roith, dem Prag unter anderem auch die Zentrale der Tschechische Nationalbank verdankt (siehe früheren Beitrag hier), das in einem funktionalistisch angehauchten Klassizismus gehaltenen Gebäude. Die sechs klassizistischen Statuen, die über dem Haupteingang der Bücherei stehen – geschaffen von dem Bildhauer Ladislav Kofránek – unterstreichen den klassizistischen Charakter des Bauwerks und geben ihm zugleich eine kulturbeladene Note.

Das dreistöckige, mit 19 Fensterachsen sehr breite Gebäude ist an beiden Seiten durch zwei Risaliten begrenzt. Obenauf thront ein großes Walmdach. Die Statuen stehen auf einer weiten Portikus. Dieses gediegene klassische Äußere verdeckt ein wenig, dass es sich in Wirklichkeit um ein äußerst modernes, ja im Kern avantgardistisches Gebäude handelt, das (wie das direkt nebenan gelegene Neuen Rathaus, das wir hier vorgestellt haben) auf einem Stahlskelett mit sehr viel Beton dazwischen ruht. Auch sonst legte man darauf wert, dass die Bücherei technisch innen modernsten Standards entsprach.

In diesem Gebäude konnte die schon 1891 gegründete Stadtbücherei von Prag, die zuvor unter anderem sehr improvisiert in der Neustädter Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (früherer Beitrag hier) 1929 endlich einen angemessenen Sitz finden. Und modernen Ansprüchen will man immer noch genügen. Hat man die pompöse Vorhalle (kleines Bild links) über Stufen durchquert, befindet man sich in einer modernen Bibliothek. Der große Büchersaal mit dem vom Maler František Kysela im Art Déco-Stil verzierten Gewölbe strahlt auch immer noch diese modernistische Wirkung aus (großes Bild oben).

Seit der Renovierung von 1996-98 hat sich die Fläche der öffentlichen Bibliothek noch einmal um 900 Quadratmeter erhöht. Die einzelnen Bibliotheken wurden verbunden und das ganze Verleihwesen digitalisiert. Man kann jedenfalls heute kaum mehr glauben, dass man 1891 bei der Gründung stolz war, insgesamt 3000 Bücher im Bestand zu haben. Heute kann man sich in den Filialen alleine rund 43.000 deutschsprachige Titel (inklusive CDs und Zeitschriften) ausleihen, die nur einen Bruchteil der (hauptsächlich tschechischen) Bestände ausmachen.

Bwegen wir uns kurz noch einmal nach draußen. Dort, am linken Risalit des Gebäudes, findet man übrigens eine aus Bronze angefertigte Gedenktafel mit Büste von Vincenc Kramář, ein Werk der bekannten Bildhauerin Vlasta Prachatická , das hier 1988 angebracht wurde. Der Text, der auf eine weitere Rolle des Gebäudes hindeutet, lautet ins Deutsche übersetzt:

„Hier wirkte in den Jahren 1929-1939 der Kunsthistoriker Dr.phil.Vincenc Kramář als Direktor der Gemäldegalerie der Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde und der Staatlichen Sammlung alter Kunst, den Vorreitern der heutigen Nationalgalerie in Prag “.

Das verweist uns gleich darauf, dass diese Bücherei immer mehr sein sollte als eine bloße Bücherei. Kramář, ein bedeutender Kunsttheoretiker und Kenner des Kubismus, übernahm nämlich 1919 die Kunstsammlung der Privat Gesellschaft patriotischer Kunst-Freunde (Společnost vlasteneckých přátel umění), einem Kunstmäzenatenverein der alten Habsburgerzeit. Im Namen der neuen Republik verwaltete er nun die ab 1929 in der Bücherei untergebrachte Sammlung des ehemaligen Vereins und führte sie in den 1930er Jahren der neuen staatlichen Nationalgalerie zu, deren Gründervater er damit wurde. Die betreibt im zweiten Stock (Eingang von der Valentinská) immer noch eine Ausstellungshalle der Nationalgalerie, deren Schwerpunkt auf Ausstellungen moderner Kunst liegt.

Diesem Anspruch, ein über bloßen Büchereibetrieb hinausgehendes Kulturzentrum zu sein, wird auch sonst noch gerecht. Es gibt Vortragssäle und ein großes Kino mit zwei Sälen, wo kostengünstig fremdsprachige oder avantgardistische Filme oder Kinderprogramme gezeigt werden – alles auf hohem Niveau. Dem humanistisch inspirierten Auftrag, Bildung umfassend für jedermann leicht zugänglich zu machen, wird die Bücherei jedenfalls gerecht.

Den macht sie übrigens schon in der Eingangshalle deutlich durch das gigantische Kunstwerk des Bücherturms, genannt Idiom, das 1998 vom dem in Prag lebenden slowakischen Künstler Matej Kren hier installiert wurde. Der über 5 Meter hohe Turm besteht aus mehr als 8000 Büchern. Man kann ins Innere hineinschauen, wo durch raffiniert positionierte Spiegel der Eindruck von Unendlichkeit erweckt wird.

Im ersten Stock (der Eingang befindet sich am rechten Risalit) befindet sich die Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora), über die wir hier berichteten. Dieses Meisterwerk an Art Déco-Einrichtung ist in der Regel nicht öffentlich zugänglich. (DD)

Erlebnismuseum

Dieses Museum macht nicht nur Erwachsene froh, sondern auch Kinder ebenso: Das Museum des städtischen öffentlichen Verkehrs – Depot Střešovice (Muzeum městské hromadné dopravy – Vozovna Střešovice) in Prag 6 in der Patočkova 460/4.

Seit 1993 gibt es dieses Museum. Es befindet sich ganz passend in einem alten (teilweise noch in Betrieb befindlichen) Straßenbahndepot. Das Depot selbst wurde bereits 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Von hier aus fahren übrigens auch die bei Touristen beliebten Fahrten mit der berühmten historischen Nostalgie-Straßenbahn der Linie 41 los, die auch für Gruppenevents angemietet werden kann. Wenn sie nicht Touristen herumfährt, wird sie auch gerne für Filmaufnahmen verwendet.

Die Straßenbahn als ältestes öffentliches Verkehrsmittel nimmt in der großräumigen Dauerausstellung dann auch den größten Stellenwert ein. Den Verkehrsbetrieb der Hauptstadt Prag (Dopravní podnik hlavního města Prahy) gibt es seit 1875 und er begann sein Leben als Betreiber einer von Pferden gezogenen Straßenbahn. Die zunächst noch privat betriebene Bahn hatte bis Ende der 1880er Jahre ein Schienennetz von 19. Kilometern. Eine Pferdetram aus dieser Zeit, genauer: aus dem Jahre 1886, ist auch das erste, was den Besucher beim Betreten der Ausstellung begrüßt.

Mit der Elektrifizierung der Tram kam auch die Stunde der städtischen Verkehrssbetriebe, die 1897 (ein Jahr nach Einrichtung der ersten elektrifizierten Strecke) gegründet wurde. Von den unzähligen Schaustücken, die man im Museum aus dieser Blütezeit der Tram beäugen kann, sticht eines ganz besonders hervor: Der sogenannte Oberbürgermeisterwagen (Primátorská tramvaj) aus dem Jahre 1900. Für den Entwurf zu dieser Luxuslimousine auf Schienen hatte der Hersteller, die in Smíchov ansässige Firma des Industriellen Franz Freiherr von Ringhoffer einen der damaligen Stararchitekten und -designer angeheuert, nämlich keinen Geringeren als Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), der wie man oben im großen Bild sieht, ein Prachtwerk im Jugendstil schuf. Drinnen gab es keine Bänke oder Stehplätze, sondern gemütliche Stühle/Sessel und Tischchen (kleines Bild oberhalb). Gedacht war sie für Dienstfahrten des Oberbürgermeisters oder Fahrten für sehr prominente Gäste der Stadt. Die Kommunisten werteten sie ein wenig ab. Zwischen 1951 und 1972 transportierte sie Kindergartenkinder und viele schöne Original-Dekorationen verkamen. Zwischen 1983 und 1992 wurde sie aber wieder völlig in den früheren Zustand zurückversetzt und gehört nun zu den Schmuckstücken des Museums.

Die ersten Busse wurden in Prag bereits 1908 versuchsweise auf die Straßen gelassen, aber erst 1925 wurde ein systematisch entwickeltes Busnetz eingeführt, das sich schon bald zu einer tragenden Säule des öffentlichen Verkehrswesens entwickelte. Die ausgestellten Busse spiegeln auch die Zeitläufe der Prager Geschichte wieder, so etwa der mit einem roten Sowjetstern (umrahmt von Flaggen in den Prager Stadtfarben) versehene Bus (Bild rechts) der mährischen Firma Tatra aus dem Jahr 1954, der deutlich an die kommunistische Zeit erinnert.

Viele Busse und Straßenbahn im Museum sind im Original zu sehen. In einige ausgesuchte Trams kann man sogar einsteigen. Die Fülle von Fahrzeugtypen, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Straßen der Stadt rollten, würde jedoch das Fassungsvermögen selbst dieses riesengroßen Museums sprengen. Daher sind einige Fahrzeuge nur als Modelle zu sehen, wie etwa der Oberleitungsbus links. Die O-Busse (auch: Trolleybusse) wurden 1936 eingeführt, aber 1972 wieder abgeschafft. Sie galten als nicht mehr zeitgemäß. Heute werden sie in einigen Städten wieder als „ökologische“ Alternative um benzingetriebenen Bus eingeführt. In Prag ist dies aber in nächster Zeit nicht geplant.

Auch andere Dinge, die nicht mehr existieren, sieht man hier noch als Modell. Jeder Tourist kennt die legendäre Standseilbahn Petřín (früherer Beitrag hier), die 1891 eröffnet wurde und noch in Betrieb ist. Vergessen ist, das weiter flussabwärts eine zweite Bahn dieser Art gab, die Letná-Standseilbahn, die damals noch durch Gewichtstarierung angetrieben wurde. Die Letnábahn wurde im selben Jahr wie die Bahn auf den Petřín-Berg eröffnet, allerdings 1916 bereits wieder geschlossen. Anscheinend erwies sie sich nicht als profitabel. Hier im Museum ist sie wieder präsent.

Aspekte wie Verwaltung oder Ticketkontrolle fehlen nicht. Auch über die Technik lernt man viel – etwa über die Motorentechnik oder die Energieversorgung. Das Schienensystem der Straßenbahn der Prager Verkehrsbetriebe wird immer weiter ausgebaut und bedarf auch einer ständigen Ausbesserung, Auch das ist eine technische und logistische Herausforderung, derer sich das Museum ebenfalls widmet. Dieser bullige elektrisierte Zugmotor aus dem Jahre 1952 (Bild links) diente zum Beispiel dem Transport von Schienen zu den Baustellen, an denen sie verlegt werden sollten.

Leider sind alle Beschriftungen nur inTschechisch gehalten, aber eine an der Kasse kostenlos verteilte Broschüre gibt es in unzähligen Sprachen und sie ist in der Tat sehr hilfreich. Nebenbei erfährt man auch viele technische Details von Motorenbau bis Ticketkontrolle. Die Metro kommt ein wenig zu kurz, aber auch hier gibt es viele reizvolle Detailinformationen, etwa über archäologische Funde beim Bau in den 1970er und 80er Jahren. Und: Da Museum der Verkehrsbetriebe ist ein Erlebnismuseum. Nicht in alle Trams kann man voll einsteigen, aber doch zumindest in den Eingangsbereich klettern und hineinschauen. In anderen kann man sogar Platz nehmen. Aber es gibt auch andere (nicht-digitale, sondern handfest mechanische) interaktive „Spielmöglichkeiten“, die gerade von den Jungen genutzt werden (so wie hier von meiner inzwischen doch recht erwachsenen Tochter Charlotte). Jeder kann hier für eine kurze Zeit Tramfahrer werden! (DD)