Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Slivovitz und Denkmalschutz

Die tschechische Küche ist bekanntlich recht schwer. Da braucht man nach dem Essen schon ab und an einen Magenaufräumer. Der echte Tscheche kennt da nur ein Rezept, den Slivovitz.

Das dem deutschen Pflaumenbrand oder Zwetschgenwasser ähnelnde hochprozentige (mindestens 37,5%) Getränk ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der tschechischen Kultur. Ob weiß (flaschengelagert) oder gelb (faßgelagert), eines ist klar: Prag hat schon zu lange ohne ein Museum auskommen müssen, das dieses Nationalgetränk gebührend würdigt. Seit 2019 ist dieser Missstand gottlob beendigt.

In diesem Jahr eröffnete in der U Lužického semináře 116/48 auf der Kleinseite und so nahe an der Metrostation Malostranská gelegen, dass man es auch nach ein paar ordentlichen Kostproben auch wankend noch bis dahin schafft, das Muzeum Slivovice R. Jelínek. Auch wenn die Firma R. Jelínek, die das Museum betreibt, als größter Obstbrandhersteller nicht nur in Tschechien, sondern in der Welt, ein gewisses Verkaufsinteresse damit verbinden mag, bekommt man hier einen didaktisch hochwertigen, informativen und unterhaltsamen Ausstellungsbesuch mit modernster Museumstechnik geboten. Einfach großartig und empfehlenswert!

Vielleicht erst einmal zu Firma selbst, deren spannende Geschichte in der Ausstellung ausführlich dargestellt wird: Die hat ihren Ursprung und Hauptsitz im mährischen Vizovice, wo man die Kunst der Obstbranddestillation schon bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. 1882 tritt hier erstmals die Familie Jelínek auf, zunächst als Pächter einer bestehenden Brennerei, dann ab 1891 als Besitzer einer eigenen Destillerie, deren Gründer Zikmund Jelínek wurde. Dessen Söhne Vladimír und Rudolf Jelínek übernahmen die Firma 1919, zerstritten sich aber bald, so dass sich 1926 die Wege trennten und Rudolf die Firma nach sich benannte.

Rudolf Jelínek hatte 1934 eine geniale Idee, die dazu beitrug, dass aus der mährischen Provinzfirma eine Weltmarke wurde. Ein Jahr zuvor endete in den Vereinigten Staaten die unselige Prohibition. Jelínek, der selbst jüdischer Herkunft war, erkannte, dass es gerade in den USA nun einen großen Markt für koscheren Slivovitz gab – ein Produkt, das er erstmals auf den Marktgebracht hatte. So begann der internationale Durchbruch. Zudem verbesserte er den Geschmack des an sich oft recht kratzigen Getränks so, dass es einen milderen und vielschichtigeren Abgenag bekam. Dazu beriet er sich mit dem französischen Cognac-Hersteller Denis-Mounié. Mit dem Qualitätswachstum kam auch das Umsatzwachstum.

Dann kam die Katastrophe. 1938 musste die Tschechoslowakei große Teile ihres Staatsgebietes an Hitler-Deutschland abtreten und 1939 marschierten deutsche Truppen im Land ein. Die Firma wurde „arisiert“, d.h. gestohlen und einem naziloyalen Deutschen übertragen, und die gesamte Familie Jelínek wurde ins Konzentrationslager deportiert. Rudlof Jelínek, seine Frau (Bild links) und fast seine ganze Familie wurden ermordet. Zwei Söhne überlebten, von denen einer 1946 an den Folgen des ihm zugefügten Leids starb. Rudolfs zweiter Sohn Jiří übernahm jedoch die Firma und schien sie wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Doch 1948 folgte der zweite Akt im totalitären Trauerspiel: Die Kommunisten übernahmen die Macht. Den Jelíneks wurde die Firma abermals gestohlen. Der Name wurde behalten, aber die Firma war nun Teil eines Staatskonglomerats, was die Qualität senkte – außer für den Auslandsmarkt, denn der sozialistische Pleitestaat brauchte westliche Devisen, um überhaupt irgendwas recht und schlecht auf die Beine zu kriegen.

Die einzige bahnbrechende Neuerung der kommunistischen Zeit, die bleibenden Wert hatte, war die Gestaltung der Flasche als Markenzeichen, die 1950 erfolgte. Die nutzt man heute noch und ist so stolz darauf, dass im Museum sogar die Waschbecken in den Toiletten die charakteristisch unregelmäßige Form der Flasche haben. Womit wir beim Hier und Jetzt sind: Das Museum ist das Projekt einer wieder privat betriebenen Firma.

Mit der Samtenen Revolution von 1989 endete der kommunistische Schrecken und man entflocht erst einmal das große staatliche Brennereikonglomerat, so dass R. Jelínek erst einmal ein eigenständiger Staatsbetrieb wurde, der dann in einem zweiten Schritt privatisiert werden konnte, was 1994 dann auch geschah. 1998 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die nach und nach immer mehr Gewinn abwarf. Es wurden Niederlassungen im Ausland gegründet und heute ist niemand so dick im Obstbrandgeschäft wie die Firma Jelínek. Und deshalb kann sie sich neben dem schon länger bestehenden Museum in Vizovice nun auf ein besonders modernes Museum in Prag leisten.

Das ist hyper-modern konzipiert. Man bekommt eine Audio- und Multimediatour ersten Ranges geboten, die keine Fragen offen lässt – sei es, was die Geschichte der Firma, der seit 2003 wieder entstehenden Obstplantagen, der vorschriftsgerechten Produktion des koscheren Slivovitz, des Destillationsvorgangs, der Fassherstellung, der Abfüllung und des Vertriebs angeht. Die wissenschaftliche Fundierung kommt auch nicht zu kurz. Das Highlight ist wohl die 5D-Kinovorführung mit Videobrille über den Lebensweg einer Plaume vom Baum bis zur Bar, in der sie als Slivovitz serviert wird. Spannend, spektakulär und lehrreich!

Aber zwischendurch gibt es natürlich auch handfeste originale Gegenstände aus der Jelínek-Sammlung, wie etwa die rechts abgebildete alte Abfüllstation. Das macht die Sache eben noch abwechslungsreicher. Auf jeden Falls geht man informierter aus der Ausstellung heraus. Aber natürlich nicht nur informierter, sondern (was vermutlich der Hintersinn der Betreiber ist) auch durstiger.

Und so kommt man zum Abschluss des Ganzen nicht nur einen einen bestens ausgestatteten Alkohol- und Souvernirladen, der nicht nur den Slivovitz der Firma anbietet, sondern auch die anderen von ihr hergestellten Obstbrände (ich mag besonders den Aprikosenbrand) und Spirituosen wie Gin und Whisky. Vor allem aber landet man in einem kleinen, aber feinen kleinen Restaurant. Im Preis inbegriffen ist der kleine Degustationsset, den man nun serviert bekommt, und den man im großen Bild oben sieht. Zu jedem der drei verschiedenen Obstbrände (darunter die goldene und die koschere Variante des Slivovitz) bekommt man noch ein kleine, raffiniert gemachtes Häppchen. Man kann darüberhinaus auch noch selbst auf eigene Kosten nachbestellen, um die Produktpalette einmal kennenzulernen. Man verlässt das Museum beschwipster, als man sich vorgenommen hatte. Aber es hat sich gelohnt.

Und wenn man vom Museum spricht, darf man über sein Gebäude nicht schweigen. Das ist nämlich auch von historischem Interesse. Es handelte sich ursprünglich um ein Renaissancehaus, das aber Anfang des 17. Jahrhunderts umfassend barockisiert wurde. Das dům U Bílé botky (Haus zu den Weißen Schuhen) genannte Gebäude wurde dabei für Studenten am nahegelegenen Lausitzer Seminar ( Lužický seminář) einegrichtet, die als katholische Priester ausgebildet werden sollten (wir berichteten hier).

Das zentral gelegene Haus wurde 1966 von der bekannten Schauspielerin Slávka Budínová, die u.a. an so berühmten Filmen wie Noc na Karlštejně (1973) mitwirkte, erworben. Sie starb kurz vor der Großen Moldauflut von 2002, die das Haus verwüstete. Danach kümmerte sich niemand mehr so recht darum und das Bild des Verfalls, das es bis vor kurzem noch bot, war herzzereißend. Man kann der Firma Jelínek nur dankbar sein, dass sie das Gebäude 2011 kaufte, um ein Museum daraus zu machen, sodass es nach aufwendigen Renovierungsmaßnahmen nunmehr in neuem Glanz erstrahlt. So können wir hier heute nicht nur ein unterhaltsames Museum besuchen, sondern uns auch daran erfreuen, dass ein Baudenkmal vor dem Niedergang gerettet wurde. Ein schöner Beitrag zum Denkmalschutz! (DD)

Stadtbücherei und mehr

Kaum ein Land tut so viel für seine Belesenheit wie Tschechien. Im Juli 1919 erließ die neugegründete Tschechoslowakische Republik ihr bahnbrechendes Gesetz über die öffentlichen Gemeindebüchereien, das unter anderem vorschrieb, dass jede Gemeinde mit über 400 Einwohnern eine Bücherei für die Bürger betreiben sollte. Und das blieb im wesentlichen bis heute so. Dass man sich bei der Umsetzung dieses Gesetzes in der Hauptstadt selbst nicht lumpen lassen wollte, davon zeugt das imposante Gebäude der Städtischen Bücherei (Městská knihovna) am Mariánské nám. 98/1 (Marienplatz) in der Altstadt.

In den Jahren 1924-1929 erbaute der Architekt František Roith, dem Prag unter anderem auch die Zentrale der Tschechische Nationalbank verdankt (siehe früheren Beitrag hier), das in einem funktionalistisch angehauchten Klassizismus gehaltenen Gebäude. Die sechs klassizistischen Statuen, die über dem Haupteingang der Bücherei stehen – geschaffen von dem Bildhauer Ladislav Kofránek – unterstreichen den klassizistischen Charakter des Bauwerks und geben ihm zugleich eine kulturbeladene Note.

Das dreistöckige, mit 19 Fensterachsen sehr breite Gebäude ist an beiden Seiten durch zwei Risaliten begrenzt. Obenauf thront ein großes Walmdach. Die Statuen stehen auf einer weiten Portikus. Dieses gediegene klassische Äußere verdeckt ein wenig, dass es sich in Wirklichkeit um ein äußerst modernes, ja im Kern avantgardistisches Gebäude handelt, das (wie das direkt nebenan gelegene Neuen Rathaus, das wir hier vorgestellt haben) auf einem Stahlskelett mit sehr viel Beton dazwischen ruht. Auch sonst legte man darauf wert, dass die Bücherei technisch innen modernsten Standards entsprach.

In diesem Gebäude konnte die schon 1891 gegründete Stadtbücherei von Prag, die zuvor unter anderem sehr improvisiert in der Neustädter Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (früherer Beitrag hier) 1929 endlich einen angemessenen Sitz finden. Und modernen Ansprüchen will man immer noch genügen. Hat man die pompöse Vorhalle (kleines Bild links) über Stufen durchquert, befindet man sich in einer modernen Bibliothek. Der große Büchersaal mit dem vom Maler František Kysela im Art Déco-Stil verzierten Gewölbe strahlt auch immer noch diese modernistische Wirkung aus (großes Bild oben).

Seit der Renovierung von 1996-98 hat sich die Fläche der öffentlichen Bibliothek noch einmal um 900 Quadratmeter erhöht. Die einzelnen Bibliotheken wurden verbunden und das ganze Verleihwesen digitalisiert. Man kann jedenfalls heute kaum mehr glauben, dass man 1891 bei der Gründung stolz war, insgesamt 3000 Bücher im Bestand zu haben. Heute kann man sich in den Filialen alleine rund 43.000 deutschsprachige Titel (inklusive CDs und Zeitschriften) ausleihen, die nur einen Bruchteil der (hauptsächlich tschechischen) Bestände ausmachen.

Bwegen wir uns kurz noch einmal nach draußen. Dort, am linken Risalit des Gebäudes, findet man übrigens eine aus Bronze angefertigte Gedenktafel mit Büste von Vincenc Kramář, ein Werk der bekannten Bildhauerin Vlasta Prachatická , das hier 1988 angebracht wurde. Der Text, der auf eine weitere Rolle des Gebäudes hindeutet, lautet ins Deutsche übersetzt:

„Hier wirkte in den Jahren 1929-1939 der Kunsthistoriker Dr.phil.Vincenc Kramář als Direktor der Gemäldegalerie der Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde und der Staatlichen Sammlung alter Kunst, den Vorreitern der heutigen Nationalgalerie in Prag “.

Das verweist uns gleich darauf, dass diese Bücherei immer mehr sein sollte als eine bloße Bücherei. Kramář, ein bedeutender Kunsttheoretiker und Kenner des Kubismus, übernahm nämlich 1919 die Kunstsammlung der Privat Gesellschaft patriotischer Kunst-Freunde (Společnost vlasteneckých přátel umění), einem Kunstmäzenatenverein der alten Habsburgerzeit. Im Namen der neuen Republik verwaltete er nun die ab 1929 in der Bücherei untergebrachte Sammlung des ehemaligen Vereins und führte sie in den 1930er Jahren der neuen staatlichen Nationalgalerie zu, deren Gründervater er damit wurde. Die betreibt im zweiten Stock (Eingang von der Valentinská) immer noch eine Ausstellungshalle der Nationalgalerie, deren Schwerpunkt auf Ausstellungen moderner Kunst liegt.

Diesem Anspruch, ein über bloßen Büchereibetrieb hinausgehendes Kulturzentrum zu sein, wird auch sonst noch gerecht. Es gibt Vortragssäle und ein großes Kino mit zwei Sälen, wo kostengünstig fremdsprachige oder avantgardistische Filme oder Kinderprogramme gezeigt werden – alles auf hohem Niveau. Dem humanistisch inspirierten Auftrag, Bildung umfassend für jedermann leicht zugänglich zu machen, wird die Bücherei jedenfalls gerecht.

Den macht sie übrigens schon in der Eingangshalle deutlich durch das gigantische Kunstwerk des Bücherturms, genannt Idiom, das 1998 vom dem in Prag lebenden slowakischen Künstler Matej Kren hier installiert wurde. Der über 5 Meter hohe Turm besteht aus mehr als 8000 Büchern. Man kann ins Innere hineinschauen, wo durch raffiniert positionierte Spiegel der Eindruck von Unendlichkeit erweckt wird.

Im ersten Stock (der Eingang befindet sich am rechten Risalit) befindet sich die Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora), über die wir hier berichteten. Dieses Meisterwerk an Art Déco-Einrichtung ist in der Regel nicht öffentlich zugänglich. (DD)

Erlebnismuseum

Dieses Museum macht nicht nur Erwachsene froh, sondern auch Kinder ebenso: Das Museum des städtischen öffentlichen Verkehrs – Depot Střešovice (Muzeum městské hromadné dopravy – Vozovna Střešovice) in Prag 6 in der Patočkova 460/4.

Seit 1993 gibt es dieses Museum. Es befindet sich ganz passend in einem alten (teilweise noch in Betrieb befindlichen) Straßenbahndepot. Das Depot selbst wurde bereits 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Von hier aus fahren übrigens auch die bei Touristen beliebten Fahrten mit der berühmten historischen Nostalgie-Straßenbahn der Linie 41 los, die auch für Gruppenevents angemietet werden kann. Wenn sie nicht Touristen herumfährt, wird sie auch gerne für Filmaufnahmen verwendet.

Die Straßenbahn als ältestes öffentliches Verkehrsmittel nimmt in der großräumigen Dauerausstellung dann auch den größten Stellenwert ein. Den Verkehrsbetrieb der Hauptstadt Prag (Dopravní podnik hlavního města Prahy) gibt es seit 1875 und er begann sein Leben als Betreiber einer von Pferden gezogenen Straßenbahn. Die zunächst noch privat betriebene Bahn hatte bis Ende der 1880er Jahre ein Schienennetz von 19. Kilometern. Eine Pferdetram aus dieser Zeit, genauer: aus dem Jahre 1886, ist auch das erste, was den Besucher beim Betreten der Ausstellung begrüßt.

Mit der Elektrifizierung der Tram kam auch die Stunde der städtischen Verkehrssbetriebe, die 1897 (ein Jahr nach Einrichtung der ersten elektrifizierten Strecke) gegründet wurde. Von den unzähligen Schaustücken, die man im Museum aus dieser Blütezeit der Tram beäugen kann, sticht eines ganz besonders hervor: Der sogenannte Oberbürgermeisterwagen (Primátorská tramvaj) aus dem Jahre 1900. Für den Entwurf zu dieser Luxuslimousine auf Schienen hatte der Hersteller, die in Smíchov ansässige Firma des Industriellen Franz Freiherr von Ringhoffer einen der damaligen Stararchitekten und -designer angeheuert, nämlich keinen Geringeren als Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), der wie man oben im großen Bild sieht, ein Prachtwerk im Jugendstil schuf. Drinnen gab es keine Bänke oder Stehplätze, sondern gemütliche Stühle/Sessel und Tischchen (kleines Bild oberhalb). Gedacht war sie für Dienstfahrten des Oberbürgermeisters oder Fahrten für sehr prominente Gäste der Stadt. Die Kommunisten werteten sie ein wenig ab. Zwischen 1951 und 1972 transportierte sie Kindergartenkinder und viele schöne Original-Dekorationen verkamen. Zwischen 1983 und 1992 wurde sie aber wieder völlig in den früheren Zustand zurückversetzt und gehört nun zu den Schmuckstücken des Museums.

Die ersten Busse wurden in Prag bereits 1908 versuchsweise auf die Straßen gelassen, aber erst 1925 wurde ein systematisch entwickeltes Busnetz eingeführt, das sich schon bald zu einer tragenden Säule des öffentlichen Verkehrswesens entwickelte. Die ausgestellten Busse spiegeln auch die Zeitläufe der Prager Geschichte wieder, so etwa der mit einem roten Sowjetstern (umrahmt von Flaggen in den Prager Stadtfarben) versehene Bus (Bild rechts) der mährischen Firma Tatra aus dem Jahr 1954, der deutlich an die kommunistische Zeit erinnert.

Viele Busse und Straßenbahn im Museum sind im Original zu sehen. In einige ausgesuchte Trams kann man sogar einsteigen. Die Fülle von Fahrzeugtypen, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Straßen der Stadt rollten, würde jedoch das Fassungsvermögen selbst dieses riesengroßen Museums sprengen. Daher sind einige Fahrzeuge nur als Modelle zu sehen, wie etwa der Oberleitungsbus links. Die O-Busse (auch: Trolleybusse) wurden 1936 eingeführt, aber 1972 wieder abgeschafft. Sie galten als nicht mehr zeitgemäß. Heute werden sie in einigen Städten wieder als „ökologische“ Alternative um benzingetriebenen Bus eingeführt. In Prag ist dies aber in nächster Zeit nicht geplant.

Auch andere Dinge, die nicht mehr existieren, sieht man hier noch als Modell. Jeder Tourist kennt die legendäre Standseilbahn Petřín (früherer Beitrag hier), die 1891 eröffnet wurde und noch in Betrieb ist. Vergessen ist, das weiter flussabwärts eine zweite Bahn dieser Art gab, die Letná-Standseilbahn, die damals noch durch Gewichtstarierung angetrieben wurde. Die Letnábahn wurde im selben Jahr wie die Bahn auf den Petřín-Berg eröffnet, allerdings 1916 bereits wieder geschlossen. Anscheinend erwies sie sich nicht als profitabel. Hier im Museum ist sie wieder präsent.

Aspekte wie Verwaltung oder Ticketkontrolle fehlen nicht. Auch über die Technik lernt man viel – etwa über die Motorentechnik oder die Energieversorgung. Das Schienensystem der Straßenbahn der Prager Verkehrsbetriebe wird immer weiter ausgebaut und bedarf auch einer ständigen Ausbesserung, Auch das ist eine technische und logistische Herausforderung, derer sich das Museum ebenfalls widmet. Dieser bullige elektrisierte Zugmotor aus dem Jahre 1952 (Bild links) diente zum Beispiel dem Transport von Schienen zu den Baustellen, an denen sie verlegt werden sollten.

Leider sind alle Beschriftungen nur inTschechisch gehalten, aber eine an der Kasse kostenlos verteilte Broschüre gibt es in unzähligen Sprachen und sie ist in der Tat sehr hilfreich. Nebenbei erfährt man auch viele technische Details von Motorenbau bis Ticketkontrolle. Die Metro kommt ein wenig zu kurz, aber auch hier gibt es viele reizvolle Detailinformationen, etwa über archäologische Funde beim Bau in den 1970er und 80er Jahren. Und: Da Museum der Verkehrsbetriebe ist ein Erlebnismuseum. Nicht in alle Trams kann man voll einsteigen, aber doch zumindest in den Eingangsbereich klettern und hineinschauen. In anderen kann man sogar Platz nehmen. Aber es gibt auch andere (nicht-digitale, sondern handfest mechanische) interaktive „Spielmöglichkeiten“, die gerade von den Jungen genutzt werden (so wie hier von meiner inzwischen doch recht erwachsenen Tochter Charlotte). Jeder kann hier für eine kurze Zeit Tramfahrer werden! (DD)

Synagoge und Museum

Die Maisel-Synagoge in der Maiselova 63/10 im alten Judenviertel von Josefov kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie wurde in den Jahren 1590 bis 1592 – in der Blütezeit der Renaissance – erbaut. Von dem Ursprungsbau sieht man heute allerdings nichts mehr.

Beginnen wir mit dem Erbauer: Mordechai Maisel, der der Synagoge und auch der Straße, an der sie liegt, den Namen gab. Der war zu Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Zudem war er Bankier und kaiserlicher Hofjude. Als solcher war er der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der recht spendabel war und ohne Maisels Geldspritzen wahrscheinlich wohl erbärmlich bankrott gegangen wäre. Der Kaiser schätzte ihn darob sehr und Maisel durfte nun sogar eine eigene Fahne führen – ein Privileg sondergleichen, das sonst kaum je Juden zuteil wurde.

Gleichzeitig gab ihm der Kaiser auch das Privileg, privat eine Synagoge bauen zu dürfen. Die Maisel-Synagoge wurde die größte Synagoge in der Stadt. Seinen Reichtum nutzte er für soziale und kulturelle Zwecke. Als Mäzen förderte er nicht nur den Bau der Maisel Synagoge, sondern auch die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft. Er blieb den Menschen als Wohltäter in Erinnerung.

1689 brach das Große Feuer in der Altstadt aus, das von Agenten des französischen Königs gelegt worden war, der so die Habsburger ein wenig triezen wollte. Dem fiel auch Maisels Synagoge zum Opfer, die 1691 in völlig neuem, barocken Gewand neu aufgebaut wurde. Sie wurde dabei ein wenig verkleinert. Das führte im 19. Jahrhundert dazu, dass sie nun zu klein war. Der Architekt J.M. Wertmüller erweiterte und veränderte den Bau in den Jahren 1862 bis 1864. Schließlich, in den Jahren 1895 bis 1905 vergrößerte der jüdische Architekt Alfred Grotte (der 1943 von den Nazis ermordet wurde) die Synagoge nochmals und brachte sie in jene Gestalt, wie wir sie heute kennen. Das Resultat war nunmehr ein neo-gotisches Gebäude – eine Art Rückgriff auf eine imaginäre frühere Geschichte, die das Gebäude eigentlich (als ursprüngliches Renaissancebauwerk) nicht hatte.

Als die Nazis 1939 in Prag einmarschierten, beschlagnahmte sie das Gebäude und machten es zu einem Lager für „arisierten“ (das heißt: von ihnen gestohlenen) jüdischen Besitz. Die Nazi-Tyrannei endete 1945 und einige Jahre darauf (1955) wurde die nunmehr säkularisierte Synagoge Teil des Jüdischen Museums und zwar zunächst als Depot. Nach einer umfassenden Renovierung wurde 1965 eine Dauerausstellung mit jüdischen Kunstschätzen aus Böhmen und Mähren eröffnet, die bis 1988 Bestand hatte. Es erfolgte eine neuerliche Renovierung und seit 1996 beherbergt die Synagoge eine Ausstellung über die Geschichte der Juden in Böhmen vom 10. bis zum 18. Jahrhundert. Sie passt sich großartig in die Architektur des Gebäudes ein, wie man oberhalb rechts am Beispiel des prachtvollen neogotischen Toraschreins sehen kann, der u.a. einen Tora-Mantel aus dem späten 17. Jahrhundert enthält.

Eine besondere Rolle spielt bei der Ausstellung die Judenemanzipation. Hier denkt man zuvörderst an das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, dass die schwere Besteuerung der Juden, die Beschränkung der Gewerbefreiheit und die Wohnpflicht in Ghettos beendete. Aus Dank bekam eine Büste des aufgeklärten Kaisers 2015 einen Ehrenplatz auf einem Bücherregal direkt neben dem Eingang. Die Büste ist das Werk der Bildhauerin Michaela Absolonová.

Das imposante Äußere der Synagoge wurde 2014/15 einer Renovierung unterzogen, bei der vor allem die Farben aufgefrischt wurden. Man kann also eine kleine, aber sehr informative Ausstellung mit vielen wertvollen Ausstellungsstücken (wie die Buchausgabe heiliger Schriftrollen rechts, die 1530 gedruckt wurden) in einem sehr passenden und ansprechenden Ambiente genießen. (DD)

Wo Mozart residierte und komponierte

Das ist der eigentliche Mozart-Ort in Prag. Hier vollendete der Komponist seine große Oper Don Giovanni. Prag war überhaupt Mozarts Lieblingsstadt. Hier liebte ihn auch das Publikum weit mehr als im schnöden Wien. „Meine Prager verstehen mich“, soll er einmal frohlockt haben. Und hier in der Bertramka fand er Muße für seine Kompositionen bei Menschen, die ihn verstanden und schätzten.

Das schmucke Landhaus im Stadtteil Smíchov wurde im 17. Jahrhundert als Anwesen eines Weinguts erbaut, das etwas später einem gewissen František Bertramský gehörte – was dem Haus den Namen gab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde es in dem italienisch geprägten klassizistischen Stil umgebaut, in dem Mozart es kennenlernte und in dem wir es im Kern heute noch bewundern können. 1784 kaufte der mit Mozart befreundete Komponist František Xaver Dušek zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Josefina, das Anwesen. Wenn sich Mozart in Prag aufhielt, tat er es fortan meist im Hause des Ehepaars, das erste Mal 1786.

Im Herbst 1787 bereitete hier dann Mozart die erste Aufführung des Don Giovanni vor, die dann im Ständetheater stattfand. Auch die erste Prager Aufführung der Oper La clemenza di Tito wurde hier 1791 von Mozart vorbereitet. Und für Josefina Dušek komponierte er im Hause sogar persönlich eine auf sie maßgeschneiderte Konzertarie.

1824 verkaufte die bereits verwitwete Josefina Dušek das Haus. Es folgten noch etliche Besitzerwechsel bis dann 1925 die österreichische Stiftung Mozarteum das Haus übernahm. 1929 ging es in die Verwaltung der lokalen Mozartgemeinde über, die hier ein Museum zu Ehren des Komponisten einrichtete. Zum 200. Geburtstag Mozarts wurde das Haus 1956 gründlich restauriert. Ansonsten wurde es aber in den Zeiten des Kommunismus ein wenig vernachlässigt. Bei der Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus gab es jahrelange Rechtsstreitigkeiten zwischen rivaliserenden Eigentümerinteressen. Lange blieb das Haus geschlossen. Immerhin gibt es jetzt wieder ein Museum im ersten Stock, in dem es wechselnde Ausstellungen zum Leben und Werk Mozarts und seiner Zeitgenossen zu sehen gibt.

Eine Grundrenovierung tut trotzdem dringend Not. Das, was man heute sieht, ist nämlich äußerst hübsch. Die bemalten Holzdecken und der schöne Keramikofen geben dem Haus ein authentisches Flair. Runherum liegt ein schöner Park – dort, wo einst der Weinberg war. Das alles muss einfach in Schuss gebracht werden. Und dann ist ja auch noch die Tatsache, dass Mozart den Kern des abendländischen Kulturerbes repräsentiert. Um die Sache zu beschleunigen, hat der tschechische Staat das Gebäude 2019 zum Nationalen Denkmal erhoben. Denn das Erbe Mozarts sollte der Welt doch einiges wert sein. (DD)

Museum im Prachtbau

Die frisch vergoldeten Kuppeln glänzen in der Sonne. Oben auf der Anhöhe bildet es den würdigen optischen Abschluss des Wenzelsplatzes: Das Nationalmuseum (Národní Muzeum) von Prag. Durch seine schiere Größe dominiert es die recht überdimensionierte Fläche des Platzes. So war es auch gedacht, denn dieses Gebäude war als Sinnbild der historischen Größe Böhmens gedacht und sollte selbstbewusst die tschechische Kultur im Habsburgerreich repräsentieren.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte es schon Pläne böhmischer Patrioten gegeben, ein „Vaterländisches Museum“ zu gründen. 1821 wurde im Palais Sternberg (Šternberský palác) ein erster Versuch gemacht, 1845 gab es einen zweiten Anlauf im Palais Nostitz (Nostický palác) – dem heutigen Sitz des tschechischen Kulturministeriums. Die Räumlichkeiten waren nicht wirklich geeignet, das Geld zu knapp und die Sammlung noch nicht umfassend genug, um das ganze Panorama böhmischer Kultur und Geschichte dem Publikum vorzuführen.

Andererseits gab es immer mehr Gönner und Spender in Prag, das im 19. Jahrhundert einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr. Vor allem der Initiative von František Ladislav Rieger (früherer Beitrag hier) war es zu verdanken, dass ein Landesausschuss gebildet und ein geeignetes Grundstück gefunden wurde. 1883 schrieb man einen Architekturwettbewerb aus, den Josef Schulz, der zu den großen Meister der Neorenaissance in Prag gehörte und später auch das Kunstgewerbemuseum (früherer Beitrag hier) bauen sollte. Zwischen 1885 und 1890 wurde eifrig gebaut. Das Ganze kostete fast 2 Millionen Gulden – eine unvorstellbare Summe, die aus den Spenden patriotischer Bürger zusammengekommen war.

Die Ausmaße waren riesig. 104 Meter ist die Front breit. Der höchste Punkt auf der Zentralkuppel ist 74 Meter hoch. Es soll fast dreieinhalb Tausend Türen drinnen geben. Neben dem Mittelbau gibt es zwei große Innenhöfe, die heute überdacht sind und damit noch mehr Platz für Exponate bieten. Bedeutende böhmische Künstler wurden gewonnen, um das Gebäude im Stil der Renaissance in patriotischem Geist zu beschmücken. Die Bildhauer Antonín Popp und Bohuslav Schnirch seien erwähnt, aber auch der Maler Julius Mařák, der für die große Eingangshalle 1897 große Landschaftgemälde mit tschechischen Wahrzeichen (hier Burg Karlstejn) gestaltete.

Man geht dieses prachtvolle Treppenhaus hinauf und landet im Pantheon, einer Büsten- und Statuensammlung, die die größten Geister Böhmens versammelt – von Hus über Komenius und Palacký bis Masaryk. In kommunistischen Zeiten sah das anders aus, weil Leute wie Klement Gottwald hier ihren unverdienten Platz einnahmen, aber nach 1989 stellte man den Urzustand wieder her.

Auch draußen über dem zweiten Stock sind unzählige Medaillons mit Schriftzügen angebracht, die schöpferische Geister aus Kultur und Wissenschaft darstellen, die in Böhmen lebte. Hier sieht man zum Beispiel den Astronomen Tycho Brahe, den wir bereits hier erwähnten.

Das Museum musste zu Ende des Zweiten Weltkrieg und während des Einmarsches der Sowjettruppen bei der Niederschlagung des Prager Frühlings einige Beschädigungen hinnehmen, die aber schnell repariert wurden. Aber auch so fordern die Zeitläufe generell ihren Tribut. Besonders in den Jahren des Kommunismus ließ man dem Museum vielleicht nicht ganz die nötige Pflege zukommen.

Wie dem auch sei: Zwischen 2011 und 2018 wurde das Museum zwecks vollständiger Renovierung geschlossen. Im Oktober 2018 wurde es zwar unter großem Pomp und mit viel Prominenz wiedereröffnet, aber ganz fertig war man mit der Wiederherstellung noch nicht. Bisher kann man nur Teile des Museums für temporäre Ausstellungen besichtigen. Aber auch das ist schon umwerfend genug. Allein die vergoldete Kuppel des Pantheons sieht atemberaubend aus. Und in absehbarer Zeit wird die große Sammlung, die einen Überblick über die Kultur des Landes von der Frühzeit bis zur Samtenen Revolution bieten wird, die Hallen füllen.

Noch steht also der Saurier in einer der Innenhöfe etwas einsam da. Aber bald wird die Sammlung alle Räume füllen. Material ist schließlich genug da. Im Grunde sogar mehr als genug. Denn die Sammlung ist im Laufe der Zeit so groß geworden, dass das Museum, das sich seit 1949 in Staatsbesitz befindet, im Laufe der Jahrzehnte spezialisierte Filialen außerhalb des ursprünglichen Gebäudes eröffnete, etwa das Náprstek-Museum für Ethologie oder das Bedřich-Smetana-Museum. Das alte Gebäude ist aber zweifellos das Prunkstück und wird es bleiben.

Der Weg von der Altstadt den Wenzelsplatz hinauf lohnt sich also, um die zum Eingang führenden Treppen zu ersteigen, die sich um einen Brunnen schmiegen, bei dem aus einem Löwenmaul (das böhmische Wappentier) das Wasser in ein Marmorbecken plätschert – gekrönt von den steinernen Allegorie der Bohemia (für die Tschechen mit Tschechien gleichgesetzt), der Krone des Heiligen Wenzels und den Verkörperungen von Moldau und Elbe, und den Landesteilen Mähren und Schlesien. Dann eröffnet sich das Innrere des Prachtbaus, für den man sich in jedem Falle Zeit nehmen sollte. (DD)

Sternbergs Palais als Museum

Das Palais Sternberg (Šternberský palác) ist nicht nur als eines der Museen der Nationalgalerie, sondern auch selbst als Bauwerk eine Sehenswürdigkeit. Es gehört mit zu dem Reigen der großen Adelspaläste rund um den Burgvorplatz (Hradčanské náměstí) und ist benannt nach dem Adelsgeschlecht Sternberg (siehe auch früheren Beitrag hier).

Man muss einen kleinen abschüssigen Weg herunter vom Burgplatz finden, um dort hinzukommen und den eher unscheinbaren Toreingang zu entdecken. Man weiß immerhin, wer den Palast ab 1698 erbauen ließ, nämlich Wenzel Adalbert von Sternberg, ein Förderer der Künste, dem Prag auch das Schloss Troja (früherer Beitrag hier) verdankt, und der aus einer der ältesten und einflussreichsten Familien Böhmens kam. Die heute in seinem ehemaligen Hause beherbergte Kunstsammlung des Nationalmuseums hätte ihm sicher gefallen.

Wer hingegen der Baumeister war, der das Gebäude entwarf, liegt im Dunklen. Namen wie Giovanni Battista Alliprandi, Christoph Dientzenhofer und auch Johann Blasius Santini-Aichl fallen immer wieder, aber man weiß es nicht wirklich. Jedenfalls war es ein Meister seines Fachs und des Barocks. Dem Sternberg Palais wich ein älterer Palast im Stil der Gotik und der Renaissance, der dem Geschlecht der Lobkowicz (siehe auch hier) gehört hatte. Das zweigeschossige Gebäude mit seinen vier Flügeln, die einen großen Innenhof umschließen, war einer der ersten Bauten mit einem Mansardendach – eine damals brandmoderne Neuerung aus Frankreich.

Im Hof selbst steht eine große Skulptur eines Löwen, der eine Schlange tötet; ein Werk des französischen Bildhauers Antoine-Louis Barye, die um das Jahr 1847/48 entstand (großes Bild oben). Es handelt sich übrigens nicht um den böhmischen Wappenlöwen, der nämlich im Gegensatz zu diesem Löwen hier einen zweigeteilten Schwanz hat.

Neben dem Gebäude, dessen Südflügel erst 1835 bis 1842 fertiggestellt wurde, befindet sich oberhalb des das Burgareal begrenzenden Hirschgrabens noch ein kleiner, aber sehr hübscher Garten, der so versteckt ist, dass er eine unerwartete Ruheoase inmitten eines sonst von Touristen geradezu überschwemmten Teils der Stadt ist.

Erst 1811, als die Familie Sternberg den Palais an die Gesellschaft Patriotischer Kunstfreunde in Böhmen verkauft hatte, entwicklete sich die Sache in Richtung einer öffentlchen Kulturinstitution. Der Weg dahin war aber holprig. Anfangs befanden sich hier etliche Künstlerateliers. Von 1821 bis 1947 vermietete man das Gebäude dem neu gegründeten Nationalmuseum. Baulich war das Palais aber für museale Zwecke noch eher ungeeignet und es lag auch zu weit vor Altstadt entfernt. 1871 verkaufte die Gesellschaft das Gebäude, das anschließend eine Irrenanstalt und ab 1918 eine Militärschule wurde. Erst 1946-48 machte man Nägel mit Köpfen und baute den Palais zum Museum um.

Der Umbau gelang recht ansprechend. Die Sammlung, die Gemälde vom Mittelalter bis zum Barock präsentiert, ist harmonisch in die Architektur und Innengestaltung des alten Palais‘ eingebettet. Sichtbar wird das unter anderem in den Räumen für Wechselausstellungen, wo sich dereinst die Kapelle (kleines Bild oberhalb rechts) mit ihren schönen Fresken und der ausgesprochen prachtvolle ehemalige Pferdestall befanden. Bei letzterem kann man noch Reste von Freskenportraits der Lieblingspferde von Graf Wenzel Adalbert erkennen. (DD)

Ein Bunker, der gottlob nie getestet wurde

Der Kalte Krieg hinterließ auch seine Spuren in Prag. In den 1950er und frühen 1960er schien die Gefahr eines Nuklearkrieges durchaus real (Stichwort: Kubakrise) zu sein. Mehr als im Westen bestand die Antwort in den kommunistischen Ländern im Bau von unzähligen riesigen Bunkern. Sie dienten nicht nur direkten militärischen Zwecken der Landesverteidigung, sondern vor allem in besonders großem Umfang als Schutzeinrichtungen für die Zivilbevölkerung.

Eine solche Einrichtung befindet sich in Prag 2 im Folimanka Park (ul. Pod Karlovem). Es gab wohl schon eine kleine Bunkereinrichtung, die während des Zweiten Weltkriegs erbaut worden war. An einigen Stellen sieht man heute noch deutsche Schrifttafeln und Hinweise (wie die lebenswichtige Information im Bild links), aber ansonsten weiß man erstaunlich wenig über diesen ursprünglichen Bunker.

Aber nötig war er wohl, denn die Ausstellung drinnen beginnt mit einigen Tafeln über die Bombardierung Prags am 14. Februar 1945 durch amerikanische Bomber, die eigentlich an der Bombardierung Dresdens hätten teilnehmen sollen, sich aber verflogen hatten. Über 700 Menschen kamen ums Leben und besonders der Stadtteil 2 war schwer betroffen. Eine entschärfte Fliegerbom beim Eingangsbereich des Bunkers, die gottlob nicht explodierte, erinnert daran.

Im großen Stil wurde der Bau des Folimanka-Bunkers aber erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in Angriff genommen. 1962 wurde er fertiggestellt. Tief in den Schieferfelsen des Areals gehauen, sollte er sogar atombombensicher sein. Statiker sagen heute, man solle froh sein, dass das nie ausgetestet wurde. Wie dem auch sei: Die Anlage war jedenfalls beeindruckend groß und gut ausgestattet.

Schon die bloßen Daten sprechen für sich. 125 Meter sind die Korridore lang, die die verschiedenen Räume innen verbinden. 1332 Quadratmeter misst die Grundfläche. Für 1300 Menschen waren die Schutzräume geplant, die für 72 Stunden hier in Sicherheit gebracht werden sollten. Schlappe 0.8 qm pro Person waren von den Planern der Anlage vorgesehen, was eher knapp bessen ist, aber immer noch besser als draußen verstrahlt zu werden.

1989 verschwand der Spuk des Kommunismus und mit ihm der Kalte Krieg. Der Bunker gehörte weiterhin dem Zivilschutz, war aber geschlossen und verfiel. 1994 gab man ihn der Stadtverwaltung von Prag 2, die aber zunächst wenig damit anfangen konnte. Aber der Speleologenverein der Stadt und andere Aktivisten zeigten immer mehr Interesse an diesem in Stein, Stahl und Beton gegossenen Zeitdokument. Sie betrieben Lobbying und die Stadtverwaltung 2 investierte ordentlich Geld für eine allfällige Renovierung. Seit 2014 ist der Bunker einmal im Monat an einem Samstag (zu erfahren hier) geöffnet. Ginge es nach der Besuchernachfrage, könnte der Bunker noch öfter geöffnet werden, denn der Andrang ist jedesmal enorm.

Die Besucher bekommen auch einiges geboten. Ausstellungstafeln (leider meist nur in Tschechisch, aber es gibt kleine Infoblätter auch in Englisch, die über das Nötigste Auskunft geben) geben Auskunft über technische Details und die Geschichte. Man kann Lagerräume, Generatoren, medizinische Fazilitäten, Luftfilter, Staubfilter, Toiletten (die sich durch besonders wenig Privatsphäre auszeichneten) bewundern. Oder die Kommunikationseinrichtungen und die vier kärglich aussehenden Duschen, die übrigens nicht der allgemeinen Hygiene dienten, sondern der Dekontaminierung von Menschen, die gerade noch ein wenig nuklearen Fallout mitbekommen hatten. Oder den Raum, in dem man hätte die Toten unterbringen müssen, die dort mit Löschkalk bedeckt worden wären.

Kurz: Das ist ein informatives und spannendes Museum für die ganze Familie (sogar Hunde sind erlaubt)! Ein Ausflug in dieses Labyrinth aus den Zeiten des Kalten Krieges lohnt sich in jedem Fall. Anschließend kann man noch einwenig durch den Park schlendern und die damals sorgfältig versteckten Hinweise auf den Bunker suchen, wie zum Beispiel den deutlich oberhalb liegenden Lüftungsschacht im Bild links. (DD)

Krippenland Tschechien

Wie in Deutschland, so ist auch in Tschechien die Krippe ein unerlässlicher Teil des Weihnachtsfestes. Und tatsächlich kommt die Bezeichnung von Böhmen als Land der Krippen nicht von ungefähr. Die Krippenkultur ist reich und vielseitig.

Es heißt, die erste Krippe in Böhmen sei 1562 von den Jesuiten in einer Kirche aufgestellt worden – eine Idee, die bald in katholischen Gemeinden nur so um sich griff. Zur Weihnachtszeit wurde die Geburt Jesu in der Krippe zu Bethlehem (weshalb sie in Tschechien gleich schon Betlém genannt wird) mit Figuren nachgestellt, so wie sie in der Bibel bei Lukas 2.1ff dargestellt ist. Das war dann die etwas abgespeckte Version der ersten Krippe, die angeblich der Heilige Franziscus von Assisi 1233 im Kloster von Greccio noch mit lebenden Darstellern und Tieren präsentiert hatte.

Das so entstehende Brauchtum war populär, aber der Habsburgischen Obrigkeit in den Zeiten der Aufklärung ein Relikt des Aberglauben und daher zutiefst suspekt. Im Zuge seiner Kirchenreformen in den 1780er Jahren ließ es sich Kaiser Josef II. nicht nehmen, neben der Auflösung von Klöstern und der dekretierten Neuordnung des Gottesdienstwesens auch das Verbot der Aufstellung von Krippen in Kirchen durchzusetzen. Das war ein vergebenes Unterfangen, denn es es führte nur dazu, dass sich die böhmischen Bürger nun zuhause Krippen für ihre Weihnachtsfeiern bastelten. Als das Verbot nach dem Tod des Monarchen aufgehoben wurde, hatte man neben den Krippen in den Gotteshäusern auch noch eine breite Volkskultur von Krippen etabliert – Josephs Schuss war nach hinten losgegangen.

Einen wahren Boom erlebte die Hauskrippe ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo sie – nunmehr neben dem Weihnachtsbaum – zur Standardrequisite jedes bürgerlichen Weihnachtsfestes (mittlerweile sogar Konfessionen übergreifend) wurde. Seither ist die Krippe Weltkultur. 1950 bildete sich sogar eine Universalis Foederatio Praesepistica, der Weltverband der Krippenfreunde. Damals herrschte der Kalte Krieg und unter den Kommunisten war nicht daran zu denken, dass es eine tschechoslowakische Sektion geben dürfe.

Aber die Liebe zur Krippe war unaufhaltbar und unzerstörbar. Die Bilder, die in diesem Beitrag gezeigt werden, stammen aus der jährlichen Krippenausstellung in den Kellergewölben der Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt (früherer Beitrag hier). Die fand erstmals im Jahre 1980 statt, also eben doch noch in den Zeiten des Kommunismus. Sie zeigte damals, wie man selbst unter schwierigen Bedingungen mit geradezu šveijkschem Hintersinn der Krippe zum Durchbruch verhelfen kann. Für antiklerikale Kommunisten gänzlich unverfänglich war der Organisator, nämlich der Bonsai Klub Prag (heute Bonsai Servis Praha genannt) und auch der Name der Ausstellung war so gehalten, dass es vor revolutionären Pathos nur so triefte, wie die immer noch bei jeder Ausstellung stolz präsentierte erste Einladung (siehe das Werbeblatt oberhalb rechts) zeigt: lidové vánočí ozdoby, auf Deutsch: Volksweihnachtsverzierungen. So konnten es selbst die Kommunisten nicht verbieten. Und so war auch der Boden für die glückliche Krippenzeit nach der Samtenen Revolution von 1989 bereitet – und diese Zeit hält bis heute an und zieht immer mehr Zuschauer in ihren Bann.

Derart gut vorbereitet wurde die tschechische Sektion des Weltverbandes der Krippenfreunde schon im November 1990 gegründet und gehört mit über 550 Mitgliedern und 15 lokalen Sektionen zu den aktivsten Gruppen des Weltverbandes. 2001 wurde mit Vladimir Vaclik, dem Autor des Standardwerkes Tschechische Krippen als Spiegelbild des Lebens, sogar ein Tscheche Vorsitzender des Weltverbandes.

Ja, irgendwie ist die Krippe in Tschechien ein Symbol der Vielfalt und der sanften Widerständigkeit. Um die Vielfalt zu würdigen, sollte man sich die adventliche Ausstellung in der Bethlehem Kapelle nicht entgehen lassen. Die Bilder hier geben nur einen schwachen Eindruck von der Vielfalt der Materialien, Techniken und Ideen wieder. Hier seien sie kurz beschrieben.

Großes Bild oben: Eine Krippe aus Lebkuchen der Künstlerin Božena Marcínová. Diese Art kunstvoll gestalteter Lebkuchen sind ursprünglich eine Spezialität aus Pardubice. Darunter kleines Bild links: Aus Spänen angefertigte Krippe, angefertigt von Jarmila Horná. Darunter rechts: Krippe aus blau-weiß gefärbtem Leinen von Jana Myšáková. Unterhalb links: Holzkrippe in eine Steinlandschaft mit fahrender Elektrolok eingebettet, erstellt vom Atelier Miliarda. Darunter rechts: Einladung der Ausstellung von 1980. Unterhalb links: Krippe aus bemalten Papierschnitten von Jiří Knapovský (Jahrgang 1930 und Veteran der Szene) und darunter die als Krippe gestaltete Ansicht der Prager Burg und Kleinseite in Holz erarbeitet vom Bildhauer Jiří Lain.

Und last, but not least, die darunter links gezeigte gewaltige Holzkrippe des Künstlers Pavel Střítezský, bei der nicht nur eine Hirten und drei Könige das Jesuskindlein im Stall besuchen kommen, sondern unzählige historische Figuren aus der tschechisch/böhmischen, aber auch internationalen Geschichte. Ein wahres Wimmelbild! Und da steht sie auch, die Figur, die für jene Eigenheiten steht, die es vielleicht den Tschechen ermöglichte, dass ihre Liebe zu Krippen zu pflegen – trotz der Bemühungen von Kaiser Joseph und den Kommunisten, die Figur des guten Soldaten Švejk! Die Krippe hat hat sich mit Hilfe von Hintersinn und List, aber auch mit Charme und Witz ihren Platz in den Herzen der Tschechen erhalten. (DD)