Schriftsteller und Lehrer

Vinohrady (Prag 2) war vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie ein Literatenviertel. Jaroslav Hašek oder die Brüder Karel und Josef Čapek sind nur einige der großen Namen, die man mit diesem Stadtteil verbindet. Einer der heute weniger bekannten, aber damals sehr angesehenen Schriftsteller, der hier wohnte, war Karel Václav Rais.

An zwei Orten erinnert man sich bis heute seiner. In der Čermákova 1154/3 befindet sich das Haus, in dem er im Juli 1926 starb. Eine Plakette mit Büste, die von dem Maler und Bildhauer Antonín Bílek, dem Bruder des ungleich bekannteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichtet haben, im November 1928 geschaffen wurde, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks. Das Haus selbst, in dem Rais seine letzten Jahre verbrachte, wurde 1901/02 von dem Architekten Antonín Polívka im Neo-Barockstil erbaut und wird Dům U Matky Boží (Haus der Gottesmutter) genannt.

Eine Marienstatue mit Jesuskind in einer mit einem Baldachin überdeckten Nische ist auf Höhe des 2. Stocks über der Büste von Rais angebracht. Sie hat dem Haus wohl den Namen eingebracht. Sie ist passend zum neobarocken Stil des Hauses gehalten. Der Bildhauer ist nicht bekannt.

Und noch ein Gebäude erinnert an Rais, nämlich eine Schule. Rais gehörte nämlich zur literarischen Schule des Realismus. Seine manchmal hoch dramatischen Romane und Geschichten, drehten sich oft um familiäre und und soziale Spannungen. Viele spielen im böhmischen Bergland. Gleichzeitig hatte er eine Ader für das Didaktische, das sich in einigen lehrreichen Jugendbüchern niederschlug.

Das verwundert nicht, denn Rais war auch Lehrer in Vinohrady. Von 1887 bis 1899 arbeitete er am Mädchen-Gymnasium an der Šumavská 920/37, das heute ein Kindergarten ist. Das Gebäude wurde 1896/97 von dem Architekten  Antonín Turek (siehe auch hier) im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Plakette, die den Schriftsteller im Seitenprofil zeigt, wurde dort 1929 angebracht. Sie wurde vom Bildhauer Karel Pokorný gestaltet (siehe auch hier) und trägt den seinem realistischen Anliegen entsprechenden Wahlspruch Rais‘: Já vždycky s lidem – Ich bin immer mit den Menschen. (DD)

Kafka beim Hecht

Man muss weit nach oben schauen, bis man den Hecht sieht. Die meisten Passanten bemerken ihn wohl gar nicht erst. Dabei sieht er mit seinem vergoldeten schnabelförmigen Maul, das zu grinsen scheint, eigentlich doch recht putzig aus.

Wirkliche Berühmtheit hat das fünfstöckige Haus U Zlaté Štiky (Zum Goldenen Hecht) an der Ecke Masná 705/1 und Dlouhá 705/16 inmitten der Altstadt aber nicht wegen des Hechtes erlangt. Vielmehr handelt es sich um eines der Häuser, die dereinst der große Schriftsteller Franz Kafka bewohnt hatte. Der unstete Kafka lebte hier in einer Wohnung mit Eckzimmer von März 1915 bis Februar 1917.

Kafka ging, der Hecht blieb. Er ist Relikt eines älteren Hauses, das hier vorher stand. Es handelt sich um ein barockes Hausschild, das zu einer kleinen Brauerei gehörte, die den Namen Zum Goldenen Hecht trug und anscheinend auf das 15. Jahrhundert zurückverfolgbar ist. Die barocke Umgestaltung des ursprünglich gotischen Hauses erfolgte im 17. Jahrhundert. 1913 ersetzte man das Ganze durch das Jugendstilgebäude, das man heute hier sieht, und das Kafka bewohnte.

Es ist anzunehmen, dass das Hausschild mit dem Goldhecht ursprünglich über dem Eingang im Erdgeschoss hing und somit deutlicher sichtbar war. Mit dem Neubau von 1913 verfrachtete man es – als einziges Überbleibsel des Barockbaus – nach oberhalb des dritten Stocks.

Unter dem in eine rechteckige Kartusche gefassten Fisch steht ein Hausmotto, das in Deutsch etwa lautet: „Dieses Haus wird von der Hand des Herrn geschützt, wir nennen es Zum Goldenen Hecht.“ (DD)

Auf den Spuren der Brüder Čapek III: Wo Dášeňka Gassi ging

Das Areal, auf dem sich heute der Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) befindet, lag lange etwas außerhalb Prags. Ende des 19. Jahrhunderts erschloss man das, was heute der Stadtteil Vinohrady ist, aber bis 1922 noch eine eigenständige Stadt gleichen Namens war. 1893 parzellierte man diesen Abschnitt und zwar so, das man hier 1903 eine große Fläche, die seit dem 18. Jahrhundert als Obstgarten diente, als Park kultivieren konnte.

Das Gelände, das in Prag 2 zwischen den Straßen Korunní, Kladská und Slovenská an einem Hang gelegen ist, wurde 1928 zunächst nach dem mährischen Dichter Petr Bezruč benannt. Aber Hand aufs Herz: Die großen Literaten Vinohradys sind doch eindeutig die Brüder Čapek! Karel, der große Romanschriftsteller, und Josef Čapek, der kubistische Maler und Theaterautor sind in diesem Blog schon mehrfach vorgestellt worden – etwa hier und hier. Sie gehören beidezu den bedeutendsten Kulturschaffenden der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen.

1956 wurde der Park von der Stadtregierung Vinohradys nach den beiden Brüdern benannt; nur ein kleiner Teil, der zu Prag 10 gehört, heißt weiterhin Bezručovy sady. 2006 und 2007 wurde der Park grundsätzlich umgestaltet. Neue Wege, Brunnen und Rosenbeete wurden angelegt und neue Bäume angepflanzt. Dass hier ursprünglich Obstgärten waren, erkennt man seither nicht mehr.

Wenn man in Vinohrady ist, sollte man sich einen kleinen Spaziergang im Park, der nicht nur hübsch und erholsam ist, sondern von viel interessanter Architektur umgeben ist. Dazu gehört im Süden die alte, 1903 im Neorenaissancestil erbaute Grundschule (heute auch die Pädagogische Fakultät beinhaltend, kleines Bild oben links), im Norden der berühmte Wasserturm  von Vinohrady aus dem Jahre 1882 (früherer Beitrag hier), das hübsche Neobarockgebäude der lettischen Botschaft (zu sehen auf dem großen Bild oben) und vor allem das  Hus Haus, jene avantgardistisch moderne Kirche, über die wir bereits hier berichteten. Im Park lädt eine Gaststätte mit großem Biergarten, die Kafárna Na Kus řeči, zum Einkehren ein.

Und einen Bezug zu den Brüdern Čapek kann man auch herstellen. Die beiden waren Hundenarren – wie alle Tschechen (siehe Beitrag hier). Besonders Karel Čapek ist ja bis heute vor allem berühmt für sein Buch über Dášeňka aus dem Jahre 1933, in dem er die Welpenjahre seines jungen Foxterriers beschrieb. Mit seiner Dášeňka dürfte er etliche Male in diesem Park Gassi gegangen sein, wohnte er doch hier in der Nähe.

Im April 2016 haben die Prager das gefeiert und auf dem Parkgelände mit Unterstützung des Tschechischen Verbandes der Foxterrier-Züchter einen Dášeňka-Tag gefeiert, an dem sich Besitzer von Foxterriern des Dášeňka-Typs mit ihren Vierbeinern in Massen hier trafen. War wohl eine lustige Sache… (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady und Auf den Spuren der Brüder Čapek II: Die Villa

Gedenken an die Schriftstellerin

Eine emanzipierte Frau zu sein, die aktiv ihre Rechte einfordert, war im 19. Jahrhundert noch ein großes Wagnis. Sowar es auch bei der Schriftstellerin Božena Němcová der Fall, die heute vor 158 Jahren, am 21. Januar 1862 starb.

Zwar geleitete nach ihrem Tod die crème de la crème der böhmischen Literaten und viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens am Nationalfriedhof ihren Sarg zu Grabe, aber sterben musste sie in bitterster Armut. Obwohl die für Frauenrechte und Demokratie engagierte Schriftstellerin (siehe früheren Beitrag hier) große literarische Erfolge hatte (etwa ihr heute noch vielgelesener Roman Babička von 1855) und sie es heute sogar auf den 500-Kronen-Geldschein gebracht hat, bekam sie nie einen hinreichenden Lohn für ihre Arbeiten, um die Unstetigkeit der Einkünfte ihres Mannes, mit dem sie eine lieblose Ehe führte, zu kompensieren.

Im Jahre 1861 musste die mittlerweile alleine lebende Němcová ihre Wohnung in der Štěpánská 544/1 (Prag 2) aufgeben, um sich im Dům U Tří lip (Haus bei den Drei Linden) in der Na Příkopě 854/14 (nahe dem Wenzelsplatz) niederzulassen. Das war zu dieser Zeit ein eher heruntergekommenes Gasthaus, wo sie von Almosen lebend im Prinzip nur noch auf den Tod in Armut warten konnte.

Das Haus, in dem sie starb, wurde in den Jahren 1927 bis 1933 von dem Architekten Bedřich Bendelmayer durch ein neues Gebäude ersetzt, das in keiner Weise mehr ärmlich war. Es handelte sich nämlich um das Gebäude der Tschechoslowakischen Handelsbank (Československá obchodní banka, ČSOB). Die hatte aber immerhin Herz für die arme und lange verstorbene Schriftstellerin. Schon 1932 brachte man an der Fassade im Erdgeschoss eine Gedenkplakette mit einer Büste der Schriftstellerin an, ein Werk des Bildhauers Bohumil Neužil. Aber selbst diesen postumen Nachruhm konnte sie nicht lange genießen, denn während der Nazibesetzung wurde das kleine Denkmal der rebellischen Frau demoliert. 1946 wurde es auf Initiative des Zentralverbandes Tschechischer Frauen (Ústřední spolek českých žen) wiederhergestellt. Der Text der Plakette erinnert heute daran: „Hier im ehemaligen Haus zu den Drei Linden beendete Božena Němcová ihr Leben, Schöpferin der Babicka, 4. Februar 1820 – 21. Januar 1862. Während der Besatzungszeit beschädigt und von der Zentralgesellschaft der Tschechischen Frauen wieder erneuert 1946.“ (DD)

Fortschrittlicher Freidenker

Seit dem 8. April 1964 steht sein Denkmal hier. Das war nämlich sein 50. Todestag und der Stadtteil Smíchov wollte damit seinen großen Sohn ehren, den Schriftsteller und Publizisten Jakub Arbes, der hier einen Großteil seines Lebens verbrachte.

Der gehörte zu den vielseitigsten Schriftstellergenies seiner Zeit. Als Schüler des ungleich berühmteren Jan Neruda hatte er einen Hang zu Zeitkritik, gab eine Satirezeitschrift heraus und veröffentlichte eine Reihe von Romanen und Erzählungen, die oft politisch oder religionskritisch waren, und sich in den Genren von Schauerroman oder frühem Science Fiction bewegten. Berühmt wurde seine Geschichte Das Gehirn Newtons (Newtonův mozek) aus dem Jahre 1877. In ihr nahm er bereits viele Elemente von H.G. Wells‘ berühmten (und später verfilmten) Zeitreiseroman Die Zeitmaschine von 1895 vorweg.

Und dann war er noch der Erfinder einer besonderen, sehr tschechischen Literaturgattung, dem Romanetto. Die liegt im Umfang zwischen Roman (das Wort ist ja eine entsprechende Verkleinerung) und Erzählung. Seine Themen waren meist vermeintlich paranormale oder religiöse Phänomene, die sich am Ende rational auflösen sollten. Keine Frage: Der Mann war durch und durch ein fortschrittlicher Freidenker.

Sein Denkmal auf dem schönen, nach ihm benannten Arbesovo náměstí (Arbes Platz) schuf der Bildhauer Jan Černý. Der Platz hieß natürlich zu Arbes‘ Lebzeiten noch nicht so. Als er um 1860 als kleine Parkanlage angelegt wurde, hieß er Kirchplatz (Kostelni) und ab 1895 Jakubské. Das hatte beides etwas damit zu tun, dass hier zuvor eine kleine Gemeindekirche stand (ein im 18. Jahrhundert barockisiertes mittelalterliches Gebäude), die Kirche der Heiligen Philipp und Jakob (Kostel svatého Filipa a Jakuba). Die wurde im späten 19. Jahrhundert für die Gemeinde zu klein, da Smíchov damals zu den aufstrebendsten und am schnellsten wachsenden Industrievierteln der Stadt gehörte. 1891 riss man sie ab und ersetzte sie durch die in der Nähe gelegene neue Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel sv. Václava), über die wir bereits hier berichteten, und die wesentlich größer war. Dass sein Denkmal nun eine Kirche ersetzte, hätte den antiklerikalen Arbes vielleicht mit Schadenfreude erfüllt. (DD)

Wo Kafka bei der Versicherung arbeitete

Dass im Versicherungswesen viel Geld steckt, beweist schon das Äußere dieses doch recht pompösen Gebäudes am Wenzelsplatz 832/19. Es wurde in den Jahren 1907/08 für die Assicurazioni Generali gebaut, eine Versicherung, die ihren Hauptsitz in Trieste hatte, das damals noch nicht zu Italien, sondern zum Habsburgerreich gehörte.

Nur die besten Architekten und Künstler der Zeit waren gut genug für dieses Gebäude. Die Pläne stammten von Friedrich Ohmann (früherer Beitrag hier) und Osvald Polívka (u.a. hier, hier und hier), die damals begannen, das Stadtbild des neuen modernen Prags zu prägen.

Das Auffälligste ist von außen jedoch die reiche Fassadengestaltung, an der sich gleich vier der wichtigsten in Prag agierenden Bildhauer der Zeit so richtig austoben konnten: Stanislav Sucharda (frühere Beiträge hier und hier), Bohuslav Schnirch (hier und hier), Čeněk Vosmík (hier und hier) and Antonín Procházka.

Meist handelt es sich um allegorische Statuen, die sich hier finden lassen, und die irgendwie einen Bezug zum Versicherungswesen haben. So etwa die Darstellung im großen Bild oben, wo uns ein vor seinem Schiff stehender Seebär darauf hinweist, dass Schiffsversicherungen ganz klar zum Kernmetier der Gesellschaft gehörten.

Oder die Landwirtschaft, wie die Figur des ein Bündel Getreideähren mit sich tragenden Mädchens (Bild links) demonstriert.

Wie gesagt, die Versicherung hat sich das etwas kosten lassen – allerdings für ihr Geld auch viel bekommen. Das Gebäude ist sicher eines der auffallendsten Schmuckstücke des Wenzelsplatzes.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich heute ein Modegeschäft, dessen Inneres nicht ahnen lässt, was einen damals auch dort erwartete. Der Haupteingang führt jedoch in den Büroteil, wo heute zahlreiche Firmen residieren. Von Vorhalle und Treppenhaus kann man ab und an einen Blick erhaschen. Weiter oben ist es wohl noch prachtvoller. Aber auch das, was man unten sehen kann, beeindruckt schon, zumal das Haus in gutem Schuss gehalten ist und auf das Feinste renoviert wurde.

Ja, und in dem Haus hat sich nicht nur kalte Wirtschaftsgeschichte um das dröge Versicherungswesen abgespielt, sondern auch ein wichtiges Kapitel Prager Kulturgeschichte. Kein geringerer als Franz Kafka fand hier nach Eröffnung des Gebäudes einen Job als Angestellter bei der Versicherung. Das Gehalt war mager und die hart und vor allem sehr verwaltungstechnokratische Arbeit lag dem kreativen und empfindsamen Geist des Schriftstellers nicht. Sie inspirierte ihn aber zu einigen literarischen Glanzleistungen, die die Absurdität des modernen Bürokratismus in allen düsteren Aspekten darstellten. Kein Jahr dauerte das Angestelltenverhältnis. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Er hat es geschafft, einen saumseligen Trinker, der einen dubiosen Hundehandel betreibt, die Disziplin der Armee untergräbt und bei dem man nie weiß, ob er dumm oder raffiniert oder beides ist, zum literarischen Nationalhelden der Tschechen zu machen: Jaroslav Hašek, der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), deren erster Band 1921 erschien, ist zweifellos der weltweit bekannteste Literat des Landes. Es dauerte dennoch lange, bis man ihm in Prag ein Denkmal setzte.

Denn: Nicht jeder Tscheche konnte sich mit diesem Soldaten Švejk so recht identifizieren. Das gleiche galt für den Autor Hašek, der ebenfalls ein Trinker war, und der ein unstetes Berufsleben am Rande der Armutsgrenze führte, weil er die erforderliche Regelmäßigkeit der Arbeitswelt als für sich unangemessen hielt. Als Freunde ihm 1910 die Stelle als Chefredakteur der renommierten Tierzeitschrift Svět zvířat (Welt der Tiere) beschafften, fand er schnell echte zoologische Erkenntnisse langweilig und beschrieb in scheinbar ernstem Ton erfundene Tiere, wie noch lebende Urzeitflöhe oder zum Alkoholismus neigende Papageienarten. Er wurde gefeuert und wurde sogar für kurze Zeit tatsächlich – wie sein Švejk – Hundehändler, der gestohlene Hunde umfärbte und wiederverkaufte.

Im Ersten Weltkrieg wurde er nach russischer Kriegsgefangenschaft und dem Eintritt in die Tschechoslowakische Legion (was ihm, wäre er da geblieben, Nationalheldenstatus garantiert hätte) und einer Desertation am Ende 1918 zum Politischem Kommissar der Bolschewiki in Bugulma, wo er zwar die autoritären Tendenzen der Kommunisten mit Ironie in einigen wunderbar komischen Kurzgeschichten beargwöhnte, sich aber dann doch 1920 mit seiner neuen russischen Frau in die neu gegründete Tschechoslowakei schicken ließ, um dort die Weltrevolution voranzutreiben. Die fand nicht statt, aber man fand heraus, das er bereits vor dem Krieg mit einer Tschechin verheiratet (mit einem gemeinsamen Sohn) und folglich Bigamist war. Seine Alkoholsucht führte 1923 dazu, dass er im Alter von nur 39 Jahren starb.

Obwohl er im realen Sozialismus mit Sicherheit wegen seines anarchischen Charakters und seiner antiautoritären Grundhaltung schnell gründlich bei den Machthabern angeeckt wäre, reklamierten ihn die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 stets für sich. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Das wiederum stärkte bei manchen Tschechen eine gewisse Abneigung gegen ihn und sein Werk.

Aber das nutzte letztlich nichts. Der gute Soldat Švejk und sein genial-chaotischer Autor sind nicht totzukriegen. Irgendwann musste man ihm vergeben und inzwischen scheint man beide wieder zu lieben oder sich zumindest mit der Tatsache abzufinden, dass er der erfolgreichste aller tschechischen Autoren war. Zurecht! Denn der Švejk ist und bleibt einer der größten Schelmenromane aller Zeiten und Hašeks Talent war so enorm, dass es die möglichen Charakterfehler, die er gehabt haben mag, nebensächlich erscheinen ließ. Ob man es will oder nicht: Er bleibt der große Nationalschriftsteller des Landes, wenngleich ihn ein solch pompöser Titel zum Stirnrunzeln gebracht hätte.

2001 beschloss man nach langem hin und her und vielen Anläufen schließlich, dass in Prag ein Denkmal für ihn her müsse. Es scheint den Stadtvätern nicht ganz leicht gefallen zu sein. So hatte man etwa 1993 ein noch unter den Kommunisten begonnenenes Denkmalsprojekt erst einmal beendet. Doch jetzt raffte man sich auf und warf allen Kleingeist über Bord. Man fand einen geeigneten Ort, den Prokop-Platz (Prokopovo náměstí ) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), was nicht gerade der prominenteste Platz ist, aber wo der Schriftsteller immerhin eine zeitlang gewohnt hatte. Und man fand in Karel Nepraš auch einen genialen Künstler, der den hintergründigen Humor Hašeks in eine Skulptur umsetzen konnte.

Der entwickelte eine kongenial schräge Idee, nämlich Hašek mit Pferd darzustellen. Der Schriftsteller war weder Reiter, noch ist eine besondere Neigung zu Pferden bekannt. Man muss eben ein wenig abwegiger, um nicht zu sagen: šveikscher denken, um das zu verstehen. Das Denkmal steht nämlich unterhalb der großen Reiterstatue des Hussitenheerführers Jan Žižka, der ja irgendwie für Macht und Militär stand – genau das, was der gute Hašek in seinem Buch durch den Kakao gezogen hatte. Oder wie Bildhauer Nepraš kommentierte: „Jan Žižka sitzt auf dem Hügel über dem Platz, Hašek ist der zweite tschechische Kommandant“. Und tatsächlich kann man vom Prokop-Platz aus Žižka auf seinem Pferd sitzen sehen, dessen Pose das Hašeksche Pferde etwas stakselig nachahmt.

Und so steht die bronzene Büste des trinkfesten Hašeks nun auf einem steinernen Sockel, der einen Wirtshaustresen durchsticht, der mit dem Pferd eine Einheit bildet, dessen Beine wiederum wie die Zulieferröhren zum Zapfhahn aussehen. Das ist hintergründig und Hašek hätte wohl seinen Spaß an der Idee, ihn als Parodie des Helden Žižka und Biertrinker zugleich darzustellen.

Nepraš verstarb schon 2002 – ein Jahr nachdem das Denkmal in Auftrag gegeben worden war und er den Entwurf gemacht hatte. Die Fertigstellung stand in Gefahr, aber die Tochter des Künstlers, Karolína Neprašová, die ebenfalls eine Bildhauerin ist, vollendete das Werk. 2005 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Und zahlreiche Prager tauchten dabei in Uniformen der alten österreichischen Armee auf – wie sie der Švejk dereinst trug. Ob sie es zugeben oder nicht: Die Prager lieben ihren Hašek. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Vančura in Zbraslav

Die Kommunisten schlossen ihn 1929 aus der Partei aus, weil er sich nicht von Moskau gängeln lassen wollte, die Nazis richteten ihn 1942 hin: Der Schriftsteller Vladislav Vančura gehört gleich zu den Opfern beider Totalitarismen des 20. Jahrhunderts.

Vančuras in Tschechien bekanntestes Werk ist das 1931 erschienene Kinderbuch Kubula a Kuba Kubikula, das in deutscher Übertragung 1963 erstmals unter dem Titel Peterpetz und Peter Petermichel in die Buchläden kam. Es handelt sich um eine kleine Groteske über die beiden Bären Kuba Kubikula und dem etwas aufmüpfigen Kubula, dem die ihn ängstigende Hexe Barbucha erscheint, die aber nur verschwindet, wenn auch seine Angst schwindet.

Unter seinen anderen, heute weit weniger bekannten Werken befinden sich sozialkritische, aber auch historische Romane. Eigentlich hatte er Medizin studiert und war 1921 in den Prager Stadtteil Zbraslav gezogen, um mit seiner Frau dort eine Praxis zu eröffnen. Im Jahr zuvor hatte er sich bereits einer kommunistischen Literatengruppe angeschlossen und begann sich politisch zu engagieren. Er mag sich erhofft haben, bei der (in der Tschechoslowakischen Republik legalen) Kommunistischen Partei (KSČ) gleichgesinnte Freigeister zu finden, aber ab 1925 wurde immer mehr klar, dass die Partei strikt von Moskau „auf Linie“ gebracht wurde – eine Entwicklung, die 1929 mit der Übernahme der Führung durch den Stalinisten und späteren Präsidenten Klement Gottwald ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Vančura protestierte zusammen mit sechs anderen Schriftstellern mit dem berühmten Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltungspolitik und wurde darob von linientreuen Kollegen öffentlich geschmäht (von denen einige nach der Machtübernahme der Kommunisten von 1948 selbst Opfer von Schauprozessen wurden). Der Ausschluss folgte umgehend.

1939 marschierten die Nazis in der Republik ein. Nicht nur literarisch leistete er Widerstand. etwa mit seinem Buch Obrazy z dějin národa českého (Bilder aus der Geschichte des tschechischen Volkes), das im gleichen Jahr erschien. Er schloss sich einer den Kommunisten nahestehenden Widerstandsgruppe, dem Národní revoluční výbor inteligence (Nationales Revolutionäres Geheimkomitee) an. Nach dem Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich, an dem er nicht beteiligt war, wurde er in seinem 1942 in seinem Haus in Zbraslav verhaftet und kurz darauf ohne Verfahren hingerichtet.

Nach dem Krieg wurden ihm posthum höchste Ehrungen zuteil – von den Demokraten bis 1948, von den Kommunisten danach. Und auch heute lebt sein Ruhm, primär als Autor des Kubula, fort. Was ihm im Leben verwehrt blieb, kam nun: allgemeine Anerkennung.

Auch in seinem heimischen Zbraslav wird er bis heute eingehend und eindringlich gewürdigt. Am Ende der nach ihm benannten Straße Vladislava Vančury steht direkt neben seiner vom Architekten Jaromír Krejcar 1926 im streng funktionalistischen Stil erbauten Villa (Nr. 635, zu sehen im Bild Mitte rechts) das im Jahre 1959 errichtete Denkmal. Die auf eine Sockel befindliche Büste des Schriftstellers ist das Werk des Bildhauer Karel Lidický. Es steht am Ende der Sackgasse direkt an jenem Waldabhang, an dem Vančura gerne spazieren ging, um sich inspirieren zu lassen.

Weiter oben kann mann einen hübschen kleinen achteckigen Altan, den Karlův stánek (Karls Stand), besichtigen. Der Aussichtspunkt (kleines Bild unten) wurde um 1850 im Neobarockstil erbaut und soll daran erinnern, dass Kaiser Karl IV. hier 1330 verweilte, um unten im Kloster das Grab seiner Mutter zu besuchen. Hier machte Vančura, so vermelden die Stadthistoriker, auf seinen Spaziergängen oft Rast, um die Aussicht über die Moldau zu genießen. (DD)

Konservative Ästhetik für Neruda

Es gibt immer einen Grund, einen Blogbeitrag zu schreiben. Heute vor 185 Jahren – am 9. Juli 1834 – wurde zum Beispiel in Prag der Schriftsteller Jan Neruda geboren, dessen prominentestes Denkmal sich auf der Kleinseite am Fußes des Petřín-Berges befindet.

Neruda war so etwas wie der Chronist des alten Prags. Besonders die Povídky malostranské (Kleinseitner Geschichten) von 1878 schildern in kleinen Episoden um einzelne Schicksale das Leben und die sozialen Probleme der Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – besonders in der damals noch recht armseligen Kleinseite unter der Burg, wo er (wie wir hier berichteten) aufgewachsen war. Seine Geschichten bewegten sich auf der Grenze zwischen Kurzgeschichte und Reportage, was ihn zu einem bedeutenden Pionier des literarischen Realismus machte, oder wie er später meinte: „Es ist vor allem notwendig, dass wir lernen, die Menschen zu verstehen, dass wir ihre Nöte, Ihre Freuden und Leiden studieren, wir brauchen also zum Beispiel in der Hauptsache getreue Erzählungen aus dem Leben, Bilder von Menschen aller Schichten, Sammlungen wahrhaftiger Beispiele einer nicht erdachten und wirklichen Erfahrung.“

Das Denkmal im Park wurde erst 1970 hier aufgestellt und ist das Werk der beiden Bildhauer Jan Simota and Karel Lapka. Im Jahre 1970 herrschte im Lande noch der Kommunismus. Mit dem hatte Neruda zwar direkt gar nichts am Hute, aber der sozialkritische Ton vieler seiner Schriften ließ sich von ihnen irgendwie instrumentalisieren. Und Neruda war ja bereits 1891 gestorben und konnte sich nicht wehren.

Was auffällt, ist die konservative Ästhetik des Denkmals. Es ist realistisch (was Neruda nicht prinzipiell abgelehnt hätte), aber so gefasst, dass es zu fast jedem Zeitpunkt seit dem späten 19. Jahrhundert hätte so gestaltet werden können. Keine Experimente schien das Motto zu sein, das in jenen Zeiten des intellektuell und politisch bereits völlig darniederliegenden Regimes in Sachen Kunstpolitik vorzuherrschen schien. Das wiederum hätte Neruda nicht gefallen. (DD)

Kafka näher gebracht

Bei Smetana war es so (hier) und bei Dvořák (hier) ebenfalls: Die Gebäude der Museen, die großen in Prag wirkenden Kulturschaffenden gewidmet sind, stehen oft mit dem dort Geehrten in keinerlei historischer Beziehung. Das gilt auch für das Kafka Museum in der Cihelná 635/2b in der Kleinseite. Franz Kafka, der wohl bekannteste Schriftsteller, den Prag hervorgebracht hat, ist in diesem Haus weder geboren noch gestorben und auch gelebt hat er darin nicht.

Das sollte einen aber nicht abhalten, das idyllisch an der Moldau gelegene Gebäude einer ehemaligen Ziegelei zu besuchen, um eine wirklich gut gemachte Ausstellung über Kafka zu sehen. Ursprünglich war es eine Wanderausstellung, die 1999 in Barcelona und 2002/2003 in New York präsentiert worden war, die hier in der alten Ziegelei 2005 ihr dauerhaftes Domizil aufschlug. Aus der Wanderausstellung wurde ein richtiges Museum.

Und das Museum ist didaktisch voll auf der Höhe und dem (schwierigen) Gegenstand gewachsen. Die Sammlung enthält Dokumente, Photos, Originalhandschriften, Originalausgaben und vor allem multimediale Elemente, die atmosphärisch dicht verbunden sind. Die passend zu der düsteren Weltsicht Kafkas sehr dunklen Räume des einstöckigen Gebäudes führen zunächst einmal in das Umfeld Kafka in seiner Zeit ein – was bedeutete das Leben eines deutschsprachigen Juden in einer hauptsächlich tschechischen Stadt? Man erfährt etwas über den Antisemitismus, der in der Zeit immer mehr Verbreitung fand. Dann kommen Abteilungen zu Berufsweg (er liebte den Job bei einer Versicherung nicht, sie inspirierte ihn aber anscheinend zu einer finsteren literarischen Bürokratiekritik), Lebensweg, Beziehungen, Tod, Rezeption u.v.a..

Für den Kenner bietet das Museum eine wahre Fundgrube an neuen Informationen. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Multimedia und einem nicht immer linearen Aufbau der Exponatfolge bringen aber selbst dem Unkundigen – oder demjenigen, dem wie dem Schreiber dieser Zeilen, Kafka im Deutschunterricht dereinst eher fern-, denn nahegebracht wurde – die Person des Schriftstellers in seiner Zerrissenheit und seiner Sensibilität näher. Vielleicht sollte man doch mal wieder etwas von ihm lesen. (DD)