Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Tschechische Zeitmessung

Gehen bei den Tschechen die Uhren anders? Zumindest früher war das tatsächlich so. Diese Sonnenuhr aus dem Jahre 1608 bemisst das altböhmische Zeitmaß, bei dem nicht die Uhrzeit, sondern die Zeit, die seit dem Sonnenaufgang vergangen ist, in Stunden dargestellt wird. Die gemalte Sonnenuhr war übrigens lange unter dem Putz des Hauses verschwunden und wurde erst 1995 wiedergefunden und frisch rekonstruiert.

Zurecht kann man erwarten, dass ein Haus mit solch einer Uhr noch mehr zu bieten hat. Und so ist es auch mit dem Velikovský Haus (Velikovský dům) in der Tomášská 518/1, Ecke Malostranské náměstí (Kleinseitner Ring) auf der Prager Kleinseite. Auf eine lange Geschichte kann dieses dreistöckige Wohnhaus an zurückblicken. Zum ersten Mal wurde es 1354 schriftlich erwähnt. Während der Hussitenkriege nahm es um 1420 schweren Schaden, wurde aber wieder aufgebaut. Ein größerer Umbau mit Vergrößerungen fand um 1470 statt. Einer der mittelalterlichen Besitzer gab dem Haus wohl den Namen. Bisweilen wurde es auch Lázeň (Bad) genannt, was wohl auf einen früheren Verwendungszweck hindeutet.

Beim Großen Feuer von 1541, das große Teile der Kleinseite verwüstet hatte, wurde das bis dato gotische Haus arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber zwischen 1543 und 1552 baute man es wieder neu auf. Beim Wiederaufbau wurde es allerdings – dem Geschmack der Zeit entsprechend – in ein Renaissancegebäude umgewandelt. Mehr Wandel erfolgte: Die Uhr von 1608 war wohl Teil von einem von mehreren Umbauten im Stil des Barock, die im Laufe des 17. Jahrhunderts erfolgten – insbesondere in den Jahren 1638, 1653 und zuletzt 1680. Aber tatsächlich sieht man von allen diesen barocken Um- und Neubauten heutzutage zumindest äußerlich relativ wenig.

Denn der „alte“ Eindruck, den das Haus von außen heute beim Betrachter hinterläßt, geht auf sehr historistische Renovierungen des 19. Jahrhunderts zurück. Es begann im Jahre 1838 mit der klassizistisch angehauchten Fassadengestaltung durch den Architekten Josef Tredrovský, der hier viele Elemente des böhmischen Renaissancestils, etwa den schönen Erkerturm, einfließen ließ. Das heißt, er griff dabei eher auf die vorbarocke Gestalt des Hauses zurück.

Vollendet wurde dieser Rückgriff durch die zierlichen Sgraffito mit feinem Blumenzierat (Akanthus), die man auf dem Erker und dem Giebel sehen kann. Die sind das Werk des Bildhauers Celestýn Klouček, der sie im Jahr 1899 anfertigte. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Gebäude übrigens dem Adelsgeschlecht der Grafen Sternberg. Franz Adam Graf von Sternberg, dem bereits das Nachbargebäude, der Sternberg Palais (Šternberský palác; siehe auch unseren Beitrag hier) gehörte, erwarb das Gebäude im Jahr 1761. Deshalb wird es manchmal statt Velikovský dům auch Šternberský dům (Sternberg Haus) genannt.

Obwohl die beiden Häuser architektonisch und stilistisch recht unterschiedlich sind, bilden sie im Erdgeschoss durch die spätmittelalterlichen Arkaden so etwas wie eine Einheit. Da sich der Arkadengang auch auf das neben dem Palais Sternberg gelegene Smiřický Palais (palác Smiřických) erstreckt, kann man heute bei Regen immer noch die gesamte Nordseite des Kleinseitner Rings trockenen Fußes bewältigen. Die angrenzende Ostseite des Kleinseitner Rings ist genauso gestaltet, was mit zur Schönheit des Ortes beiträgt.

Die Nachfahren von Graf Sternberg übergaben Haus und Palais übrigens 1901 dem Böhmischen Landesausschusses (was einer Landesregierung entsprach) hier statt, denn das Gebäude liegt sehr nahe beim Landtag im Palais Thun. Das Palais Thun ist heute der Sitz des tschechischen Abgeordnetenhauses. Beide Sternberg-Gebäude gehören seit 1993 zum Parlament. Um es als Verwaltungsgebäude des Parlaments nutzbar zu machen, renovierte man das Šternberský/Velikovský Haus. Dabei fand man auch die alte Sonnenuhr und setzte sie wieder instand. Ach ja, und wer mit der alt-tschechischen Zeitrechnung nichts anfangen kann, der findet eine zweite Sonnenuhr (zur Platzseite des Kleinseitner Rings hin), die die Stunden auch auch konventionelle Weise anzeigt. 1608 hat man halt an alles gedacht. (DD)

Alles in Butter

Ja, wir lieben kleine dörfliche Heimatmuseen. Die zeigen Dinge Jenseits der bekannten großen Weltgeschichte und sind oft liebevoll von den Menschen vor Ort in Eigeninitiative gestaltet worden. Und sie repräsentieren oft ein Stück Heimat. Frage: Was zeigt ein Dorf, das Máslovice heißt, auf Deutsch übersetzt: Butterdorf? Ist doch klar: Butter – und alles, was dazu gehört.

Seit 1997 gibt es das Buttermuseum (Muzeum másla) in der Pražská 3 in Máslovice. Es befindet sich keine fünf Kilometer nördlich der Prager Stadtgrenze. Man erreicht den kleinen Ort Máslovice am besten, indem mit der Regionalbahn zu der netten kleinen Stadt Libčice fährt, und von dort mit der nahegelegenen kleinen Fähre überzusetzen, wo man in einem kleinen kleinen Naturschutzgebiet landet.

Vom Ufer der Moldau geht man aufwärts durch das Máslovická stráň (wörtlich übersetzt: Butterdorfer Seite) genannte Gebiet. Dabei handelt es sich um ein schönes kleines Tal, das von pittoresken Felsen und viel Wald umgeben ist. Es handelt sich hier um einen sehr alten Siedlungsraum. Schon vor 5000 siedelten hier auf den Berghöhen Steinzeitmenschen. Ob die schon Butter kannten, ist nicht bekannt. Man geht keine halbe Stunde hinauf und ist schon mitten im Ort. Der Weg dahin ist gut ausgeschildert.

Neben einer kleinen Dorfkapelle, die dem Heiligen Adalbert (tsch.: Vojtěch) findet man das in einem winzigen, aber niedlich anmutenden Dorfhäuschen mit einem zum Verweilen einladenden Vorplätz mit Bänken gelegene Buttermuseum. Man könnte nun meinen, das die Ortschaft, deren erster Namensbestandteil, nämlich Máslo, auf Deutsch Butter lautet, zumindest historisch das große Zentrum der Butterherstellung in Böhmen war, weshalb sie den Namen überhaupt trägt. Dem ist aber nicht so. Einige Zeit nach der Gründung des Museum ließ Bürgermeisterin Vladimira Sýkorová in einem Interview die Katze aus dem Sack: „Die Idee wurde geboren, wie es wäre ein Buttermuseum zu gründen, wenn wir schon die Butter im Dorfnamen haben. Zwar muss ich einräumen, dass der Name des Dorfes mit máslo (Butter) überhaupt nicht zusammenhängt und Máslovice wahrscheinlich nie etwas mit Butter zu tun hatte. Der Name leitet sich historisch vom Familiennamen eines Adligen ab, der sich hier niedergelassen hatte. Man nannte diese Familie Maslovci bzw. Maslovicové. Davon spricht bereits die erste schriftliche Erwähnung, Máslovice existierte hier bereits im Jahre 1052.“ Und so entstand in dem kleinen Ort eines von den nur zwei Buttermuseen der Welt; das zweite befindet sich im ungleich größeren irischen Cork.

Wie dem auch sei: Im Museum dreht es sich primär um Butter. Dass man sich seit längerem den Scherz erlaubt, den Ort stets mit Butter und nicht dem früheren örtlichen Kleinadel zu verbinden, zeigt das Ortswappen, das konsequent ein Butterfass präsentiert. Man findet es nicht nur auf der Straßenseite der Fassade des Museums, sondern auch auf den Eintrittstickets. Die sind übrigens so preisgünstig, dass sich Geiz verbietet. Und sogar Lady Edith durfte hinein – ohne Eintrittsgeld natürlich! Tschechen sind halt Hundenarren.

Drinnen gibt es erst eine kleine Dauerausstellung zur Dorfgeschichte, einen kleinen Raum für Sonderausstellung (als wir da waren, ging es um Lebkuchen) und dann ein größerer Raum, in dem sich alles um Butter dreht. Das sieht man Butterfässer in allen Farben und Formen, wie man im großen Bild oben sieht. Aber auch andere Maschineb werden bei der Butterherstellung benötigt, etwa die Milchzentrifuge, um durch Zentrifugalkraft Rahm und Magermilch voneinander trennen, weshalb man das Gerät auch Separator nennt. Hier sieht man eine motorisierte Variante der schwedischen Firma Alfa Laval, die in dieser Form in den 1920er Jahren eingeführt wurde. Firmengründer Gustav des Laval war auch der Erfinder.

Aber nicht nur die eigentliche Butterproduktion, für die solcherlei Gerätschaften benötigt werden, steht im Mittelpunkt, sondern auch das Drum und Dran. Etwa das Melken, die Viehzucht, die Viehfütterung und das Weideland. Vor allem aber auch, das. was zum heimischen Buttergenuss gehört. Zum Beispiel Butterdosen – ein meist unterschätztes Feld zum Austoben von künstlerischer Kreativität. Bunt geht es zu – und formenreich (manchmal auch praktisch, aber nicht immer).

Der besondere Stolz ist aber die Sammlung von Butterpapier, mit dem man die Blöcke kaufgerecht einwickelt. Hier wird Máslovice ganz weltstädtisch. Papiere aus 40 Ländern hat man zusammengetragen – links sieht man welche aus Indien, Thailand und Brasilien. Das verdankt man sicher dem Sammeleifer der dörflichen Bewohner selbst, die anscheindend mehr in der großen weiten Welt herumkommen als man auf den ersten Eindruck meinen könnte. Man ist beeindruckt.

Alles befindet sich auf kleinstem Raum, der aber so dicht gefüllt ist, dass man tatsächlich viel zu sehen bekommt. Jetzt fehlt nur noch der Genuss, in ein Stück Brot mit frischer Butter zu beißen. Nun, ab und zu gibt es Aktionstage, bei denen die Besucher selbst Butter im Fass schlagen kann, die man anschließend auf Brot zum Probieren serviert bekommt. Das werden wir irgendwann mal tun, wenn es die Zeit zulässt. Ansonsten hat das Museum einen – gemessen an seiner Größe – einen riesigen Souveniershop, in dem man sich auch mit Butterutensilien, darunter handwerklich hergestellte Butterdosen, eindecken kann. Dieses Museum als kleines Ausflugsziel zum Wochenende in schöner Umgebung – und alles ist in Butter! (DD)

Subtiler Spott wider den Stalinismus

Kleine Putten – die männlichen mit Arbeitermütze, die weiblichen mit bäuerlichem Kopftuch. Das Gebäude, auf dem sie sich befinden, wurde 1954 erbaut. Ein typisches Werk des stalinistischen „Realismus“, gemeinhin auch Zuckerbäckerstil genannt? Nicht nur, wer sich mit Leben und Werk des Architekten auskennt, wird eher subtilen Spott und feine Ironie dahinter vermuten.

Sieben Stockwerke zählt das große Wohngebäude in der Anglická 225/18 im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Mit seiner klassizistisch inspirierten Fassade ist es eigentlich recht hübsch anzuschauen, was aber spätere Kritiker (natürlich erst als Stalin und sein tschechoslowakischer Statthalter Gottwald tot waren) noch einmal besonders erboste, weil derart konservativ historisierende Ästhetik doch mit politisch unangenehmen Erinnerungen und mit der Beschränkung künstlerischer Freiheit assoziiert wurden. Zudem stellte sie einen Rückschritt gegenüber den avantgardistischen Leistungen der Architektur der Tschechoslowakei (Funktionalismus, Kubismus) in der Zeit der Ersten Republik dar.

Aber man muss nur näher hinschauen, um dieses Bild dann doch ein wenig zu hinterfragen. Nehmen wir zum Beipiel die Putten auf dem Fries über dem Haupteingang. Putten waren vor allem in Prag um die Jahrhundertwende der Inbegriff bürgerlichen Kitsches, wie die kleine Abbildung rechts andeutet, die einen Fassadenausschnitt des 1893/94 entstandenen Wohnhaus in der nahegelegenen Italská 212/5 zeigt. Nun war es ja so, dass der stalinistische Zuckerbäckerstil realiter in der Regel gerade auf gerade die bürgerlichen Konventionen zurückgriff, die er vorgeblich bekämpfte und übersteigerte sie noch einmal geradezu ins Monumentale. Deutlich ist das sichtbar bei Prags größtem Architekturbeispiel für stalinistischen Klassizismus, dem Hotel International in Prag-Dejvice (wir berichteten hier) .

Nur so weit, dass man auch noch Putten anbrachte, ging man dann doch im Zeichen Stalins eher selten. Besonders in der (nicht so häufigen) geflügelten Variante glichen sie schließlich zu sehr kleinen Engeln, was als religiöses Symbol für Kommunisten nun gar nicht ging. Die Flügel wurden nun hier durch die üblichen Arbeiter- und Bauernaccessoires (Kappe/Kopftuch) ersetzt. Sie wirken wie ausgesprochen alberne Parodien auf die vorgeschriebene „realistische“ Darstellung des glücklichen Werktätigenlebens im Sozialismus, die man sonst auf Gebäuden dieser Zeit findet (wir stellten bereits hier ein Beispiel vor). Nicht mal ein kleiner, niedlicher Hund durfte fehlen.

Ansonsten werden bei diesem Haus die stalinistischen Geschmacksvorgaben zwar nicht direkt verletzt, aber die geforderte Monumentalität wird arg außer Acht gelassen. Bei der Fassade ist der Rückgriff auf die Vorbilder der Klassik und der Renaissance nicht totalitär-pompös, sondern stilistisch zurückhaltend, streng und einfach. Im Kontext der Architektur der Zeit außerhalb des kommunistischen Bannkreises wäre ein solches Gebäude vielleicht als zu wenig avantgardistsich betrachtet worden, aber nicht als verkitschte Geschmacklosigkeit (wozu man den Architekturstalinismus generell rechnen muss).

Der allgemeine Ironieverdacht bei diesem Gebäude verstärkt sich, wenn man weiß, wer der Schöpfer war. Auf einem der Ziegel über dem ersten Stock hat er sich verewigt, der Architekt Jaroslav Vaculík mit seinen beiden Ko-Planern Jiří Brusnický und Miroslav Skála. Und Vaculík war in der Tat kein Architekt, den man mit sozialistischem Realismus verbindet. Ganz im Gegenteil!

Nach Beendigung seines Studiums der Architektur im Jahre 1945 (noch vor der Machtergreifung der Kommunisten) konnte er in Paris studieren und wurde bald enger Mitarbeiter des berühmten Pioniers der funktionalistischen Moderne, Le Corbusier. Er arbeitete an einigen der großen Vorzeigeprojekte des Meister mit, etwa der Casa Curutchet (1948) im argentinischen La Plata und dem Monsterwohnblock Unité d´habitation (ab 1946). Besonders das letztere Gebäude war die Art von brutalistischer Stahl-und-Rohbeton-Orgie, die von den kommunistischen Machthabern erst in den 1970er Jahren ins Herz geschlossen, dann aber umso heftiger…

Als Vaculík – inzwischen in die Heimat zurückgekehrt – 1954 mit seinem Gebäude in der Anglická ein früheres Neorenaissance-Haus des Architekten Franz Kautsky aus den Jahren 1871/72 ersetzte, wäre ein Bauen im Stile Le Corbusiers undenkbar gewesen. Es wäre sofort unter den Verdacht des Formalismus geraten, was quasi einem Todesurteil gleichkam oder zumindest die Karriere beendete. Nun, irgendwie müssen die putzigen „Volksputten“ am Ende doch bei den Kommunisten den Verdacht geweckt haben, dass Vaculík vielleicht noch nicht ganz auf der Höhe der proletarisch-klassenkämpferischen Bewusstseinsbildung angekommen war. Jedenfalls wurde er einige Zeit nach Fertigstellung, als er an einem anderen Projekt arbeitete, zusammen mit Kollegen unter dem dubiosen Vorwurf des „Diebstahls von Volkseigentum“ verhaftet.

Als politischer Gefangener musste er anscheinend Pläne für die Villa des kommunistischen Präsidenten Antonín Novotný anfertigen. Da er die Entwürfe als Verfemter nicht abzeichnen durfte, ist das aber nicht ganz gesichert. 1960 kam er aber wieder vorzeitig frei und arbeitete wieder als Architekt. Zu seinen bekannteren Werken gehörten dann die bekannten Ferienhäuser am Stausee Slapy, ungefähr 20 Kilometer südlich von Prag gelegen. Aber das war schon in den 1960er Jahren als die Kommunisten den Stalinismus ad acta gelegt hatten und mit ihrer Vorliebe für Plattenarchitektur selbst dem brutalistischen Funktionalismus frönten. Folglich konnte sich Vaculík nun recht frei austoben und alles das zeigen, was er bei Le Corbusier gelernt hatte. Und hier in der Anglická blieb uns ein augenzwinkernder, in Stein gegossener Kommentar über die finsteren Zeiten des Stalinismus erhalten. (DD)

Fiktive Ersatzgeschichte

Vor tausenden von Jahren opferten an diesem schaurigen Ort altslawische Druiden in nächtlichen Zeremonien Jungfrauen nach Riten, die vom Lauf der Sterne bestimmt waren, den sie mit Hilfe der heiligen Megalithblöcke genau berechnet hatten… Keine Sorge, das habe ich mir jetzt selbst ausgedacht. In Wirklichkeit gibt es das Stonehenge von Úvaly erst seit 2015.

Und zu dieser Zeit waren blutige Menschenopfer in Tschechien möglicherweise bereits illegal. Und den Gang der Gestirne kann man wohl durch diese Steine auch nicht so recht präzise bemessen. Die einzige höhere Macht, die hier eindeutig sichtbar wird, ist die Europäische Union, die aus einem ihrer Fonds diese Nachempfindung des echten Stonehenge (das sich ja in England befindet) mitfinanziert hat und auf diese Tatsache offensiv durch kleine (kultische?) Infotafeln hinweist.

Die Steine befinden sich in einem schönen und waldigen Wanderareal nahe der kleinen Stadt Úvaly, die rund 15 Kilometer östlich von der Stadtmitte Prags liegt und bei Ausflüglern sehr beliebt ist. Nun ja, eigentlich sind es Kunststeine, die nach dem Entwurf des Prager Architekturbüros MR|&|S hier aufgestellt wurden und keine echten Menhire (gemeinhin auch als Hinkelsteine bekannt). Die beiden Steinkreise, von denen man den kleineren oben im großen Bild sehen kann, und den größeren oberhalb rechts, dienen als Spielplätze für Jugendliche.

Die spielen da bei kleinen Rastaufenthalten vom Wandern tatsächlich gerne, wie wir beobachten können. Man kann hier prima Klettern üben, ohne zu tief zu fallen, wenn mal was schief geht. Das tschechische Stonehenge steht übrigens tatsächlich auf historischem Boden, wenngleich nicht in die Zeiten der Menhire und Megalithen zurückreichend. Hier stand dereinst ein befestigter Landsitz, der einem Adligen namens Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, gehörte. Der gehörte zu den Initiatoren des Zweiten Prager Fenstersturzes, der 1618 den Dreissigjährigen Krieg auslöste (wir berichteten hier). Er erlebte die Niederlage nicht mehr, aber seine Familie wurde enteignet. Von dem Gebäude sieht man aber rein gar nichts mehr. Dafür hat man hier heute mit dem neuen Stonehenge ein Stück fiktiver Ersatzgeschichte. (DD)

Funktionalistischer Pelikan

Geht man die Kleinseite hinaus zur Burg, wird man kaum je ein Gebäude zu Gesicht bekommen, das nicht mittelalterlichem oder barocken Ursprungs ist. Erst ein kleiner Pelikan macht einen darauf aufmerksam, dass es in der Úvoz 229/3 eine Ausnahme gibt.

Dass dem Vorbeigehenden die Modernität des Gebäudes zunächst nicht besonders auffällt, zeigt, dass es möglich ist, Ultramodernes und Historisches harmonisch miteinander zu verbinden – wenn man es nur will. Mit den ersten Planungen, hier anstelle eines älteren Hauses ein neues funktionalistisches zu errichten, hatte man 1928 angefangen. 1936 begannen nach den Plänen des Architekten František Šimáček die Bauarbeiten, die 1937 abgeschlossen waren. Im unmittelbaren Umfeld betrachtet, kann man sehen, wie geschickt der Architekt die modernen geometrischen Fassadenstrukturen (aus modernem Kunststein) und das damals geradezu avantgardistische Treppenhausfenster in die Fassadengestaltung des daneben stehenden barocken Hauses eingepasst hat. auf diese Weise blieb sich der Architekt als Neuerer treu, ohne das gewachsene Stadtbild zu schädigen.

Das Gebäude wird manchmal aus Haus zum Weißen Pelikan (U Bílého pelikána) genannt. Den Grund kann man leicht erraten: Die kleine und putzige Steinfigur eines Pelikans über dem Eingang. Als Motiv ist der Pelikan natürlich recht ungewöhnlich, aber er passt sich damit an die Tradition der umliegenden Barockhäuser an, die häufig Hausschilder mit Tiermotiven aufwiesen – Beispiele findet man in früheren Beiträgen hier, hier oder hier. Warum der Architekt ausgerechnet den Pelikan zum Hauszeichen gemacht hat, bleibt vorläufig ein Rätsel und mag einer persönlichen Neigung entsprungen sein. (DD)

Vom Wal verschluckt in Mnichovice

Es geht das Gerücht umher, dass hier auf der Kanzel predigende Priester einfach spurlos verschwunden seien. Wie vom Walfisch verschluckt. Scherz beiseite: Nur 27 Kilometer vom Prager Stadtzentrum entfernt liegt am passend so genannten Flüsschen Mnichovka die kleine Ortschaft Mnichovice u Říčan. Das ist ein kleiner Ort mit einer beeindruckenden Barockkirche, der Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie). Und drinnen findet man die ebenso beeindruckende Kanzel mit einem recht pittoresken Wal.

Wir dürfen annehmen, dass der Schnitzer und Bildhauer Lazar Widmann niemals einen echten Wal in der Moldau oder sonstwo hat schwimmen gesehen, als er um 1754 uns die alttestamentarische Geschichte des Propheten Jona (Bibel: Jona 2,1-11) in vergoldetem Stuck erzählen wollte. Dabei geht es um Jonas Weigerung, bei einer Reise einen göttlichen Auftrag auszuführen, was Gott damit bestraft, dass Jona von einem Wal verschluckt wird, was – wie mir ein Walkenner versicherte – anatomisch in der Regel nicht möglich ist. Drei Tage schmachtete Jona im Walbauch, bevor Gott in erlöst und vom Wal ausspucken lässt. Um die Dramatik der Szene zu erhöhen, hat Widmann dem Wal ein eher drachenähnliches Äußeres gegeben. Er ist schuppig, während echte Wale eine glatte Haut haben, kann sich schlängeln und verfügt über stichelige Flossen. Geschickt stülpt er sein scharf bezahntes Maul so über die Kanzel, dass die Besucher von Gottesdiensten Angst um ihren Priester haben müssen, wenn sich er es wagt, dort drinnen zu predigen. Unterhalb kann man dann Jona beobachten, wie er kopfüber aus dem Wal purzelt. Eine sehr originelle Darstellung!

Und nun aber auch ein paar Worte zur Kirche selbst.Ursprünglich stand hier eine romanische Kirche, die im Jahre 1134 von den Mönchen des nahen Klosters Sázava erbaut wurde, und die sogar in der berühmten böhmischen Chronik des Kosmas aus dem 12. Jahrhundert Erwähnung fand. Um 1330 war Mnichovice größer und die Kirche zu klein geworden. Eine neue gotische Kirche wurde gebaut. Die überlebte mehr oder minder unverändert bis zum 23. August 1746, als ein großes Feuer Teile der Stadt und die Kirche zerstörte. Man begann sogleich mit dem Wiederaufbau im Barockstil und schon 1754 konnte der Stellvertetende Bischof von Prag, Antonín Jan Václav Vokoun, die neue Kirche einweihen. Im wesentlichen hat die Kirche seither die Gestalt, die wir heute kennen. Über den Architekten des imposanten Bauwerks, mit seinen schönen, von großen Voluten verzierten Giebeln, konnte ich nichts herausfinden.

Auf jeden Fall dürften die Kosten das überstiegen haben, was sich die die Dörfler von Mnichovice damals leisten konnten, aber bei so etwas gab es ja sowieso meist adlige Spender. In diesem Fall war es Johann Joseph Fürst von Khevenhüller-Metsch, ein enger Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia und Wahlgesandter des Kurfürstentums Böhmen bei der Kaiserwahl. Der Mann war mächtig, reich und auch großzügig. Und deshalb brachte man damals auch – in Dankbarkeit und rotem Stein gemeißelt – das Wappen der Familie Khevenhüller-Metsch über dem Eingang der Kirche. Leider ist es aufgrund der Zeitläufe seither so verwaschen, dass man das Motiv der Eichel und Eichenblätter nicht mehr so recht erkennen kann.

Das Innere korrespondiert fast durchgängig und sehr harmonisch mit dem barocken Äußeren. Nicht nur die Kanzel mit Jona und dem Wal – das mit Sicherheit interessanteste Kuriosum unter en Kustwerken der Kirche -, sondern die gesamte skulpturale Ausstattung ist künstlerisch auf einem sehr hohem Niveau. Neben einigen Engelsdarstellungen, einer Pieta, einer Statue des Heiligen Antonius von Padua ist es vor allem die Darstellung der Taufe Jesu Christus durch Johannes den Täufer (Bibel: Markus 1,9–11) mit dem Heiligen Geist, der als von Sonnenstrahlen umgebene Taube herabkommt, die eine besonders intensive Bildwirkung ausstrahlt (siehe Bild rechts).

Daneben gibt es noch einige kleinere barocke Heiligengemälde (etwas des Heiligen Nepomuk und des Heiligen Franz Xaver). Aber darüber darf man natürlich nicht den großen Hauptaltar in der Apsis der Kirchevergessen – auch ein Werk des Barock, allerdings mit einem Altargemälde aus dem Jahre 1838 versehen. Das Gemälde mit der Darstellung der Geburt der Jungfrau Maria (das namensgebende Motiv der Kirche) stammt vom Prager Maler Václav Ignác Markovský, dessen Spezialität normalerweise patriotische Historienbilder waren. Markovský war übrigens Schüler des ungleich bekannteren Joseph Bergler, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Prag.

Bei dem Feuer von 1746 brannte übrigens auch das gotische Pfarrhaus hinter der Kirche ab. Aber auch das wurde natürlich wieder (und zwar selbstredend im Barockstil) aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde es wohl klassizistisch überarbeitet. Aber so vorsichtig, dass das Pfarrhaus immer noch harmonisch zur Kirche passt. Darüber hinaus muss der Haupt- und Kirchplatz im Zentrum Mnichovices, über dem das Ganze thront, früher die Grandiosität des Ganzen ästhetisch unterstrichen haben.

Leider haben die Stadtplaner der 1970er Jahre vieles von den alten Häuseresembles abreißen lassen, um sie durch recht eintönige sozialistische Einheitsarchitektur zu ersetzen. Das mindert den (trotzdem immer noch recht stattlichen) Gesamteindruck der Kirche im Stadtbild ein wenig. Einen Ausflug am Wochenende ist Mnichovice trotzdem und allemal wert, denn die Umgebung ist sehr schön und lädt zu angenehmen Wanderungen ein. Und dabei sollte man es nicht verabsäumen, die Kirche im Dorfe zu besuchen, wo der Wal gerade den Jona ausspuckt. (DD)

Nicht anerkannte Heilige mit ergreifender Geschichte

Mimt Cochita Wurst hier den Jesus? Mit diesem ersten Gedanken, der sich schon ein wenig aufdrängt, liegt man natürlich falsch. Was man hier sieht, findet man nicht oft in Kirchen, weil die hier abgebildete Heilige nie heiliggesprochen wurde. Selbst aus dem offiziellen Märtyrerregister, wo sie im 16. Jahrhundert Eingang fand, wurde die Heilige Wilgefortis inzwischen gestrichen.

Insofern bietet Prag hier eine Rarität. Die Darstellung in der von Christoph Dientzenhofer erbauten „Kapelle der Jungfrau Maria-Schmerzen“ im Kreuzgang (kleines Bild) des Prager Loreto (über den wir hier berichteten) ist eine von recht wenigen in der Welt. Der wohl in den Niederlanden im 15. Jahrhundert entstandenen Volkssage nach war sie vor Urzeiten eine bekehrte Christin, die nach dem Willen ihres Vaters einen fiesen Heiden heiraten sollte. Sie bat Gott, er möge sie so verunstalten, dass der Bösewicht von ihr abließ. Gott ließ ihr darob einen Bart wachsen, was auch den gewünschten Effekt hatte. Aber der Vater wurde böse und ließ Wilgeportis, die im Deutschen auch Kümmernis genannt wird, wie einst Christus kreuzigen. Am Kreuz hängend lebte sie noch eine Weile, predigte und vollbrachte etliche Wunder, sodass kurz vor ihrem Ableben selbst der schlimme Vater reuig bekehrt war.

Und so sehen wir Wilgefortis mit allen ihren klassischen Attributen – weibliche Gestalt, Bart, Frauenbekleidung, ans Kreuze gebunden, Märtyrerkrone – hier an einem Seitenaltar der Kapelle. Und es ist ja auch eine ergreifende Geschichte, die es verdient hat, dass sie im Prager Loreto Dank eines unbekannten Barock-Bildhauers aus dem frühen 18. Jahrhundert noch in Ehren gehalten wird – unabhängig davon, ob die Heilige wirklich heiliggesprochen wurde. (DD).

Pferd mit Eimer

Der schöne Klamovka Park im Stadtteil Košíře (Prag 5), der im 18. Jahrhundert von der Adelsfamilie Clam-Gallas angelegt wurde, war Gegenstand des letzten Beitrags dieses Blogs.

Dort steht auch das Denkmal von Cassel. Ein ganz besonderes Denkmal! Bei Cassel handelt es sich nicht um einen Kriegshelden oder unsterblichen Dichter oder wer sonst so auf Denkmalssockeln steht. Nein, es handelt sich einfach um ein Pferd. Nicht um ein Pferd mit Reiterhelden, sondern nur um ein Pferd als solches. Und zwar um ein Pferd, das ein selbst für Pferde doch recht ungewöhnliches Denkmal gesetzt bekam.

Cassel gehörte einem prominenten Mitglied einer großen Adelsfamilie, nämlich Eduard Graf Clam-Gallas. Der veranlasste die Aufstellung des Denkmals um das Jahr 1838. Der Künstler lässt sich heute nicht mehr feststellen. Graf Eduard war vor allem als Militär bekannt. Er kommandierte ab 1850 das I. Böhmische Armeekorps, das er 1859 in den für die Habsburger Seite verlorenen Sardinischen Krieg (der die österreichische Herrschaft über viele italienische Länder beendete) führte. Er nahm dabei auch führend an den für die österreichische Seite verlorenen Schlachten von Magenta und Solferino teil, von den die letztere so blutig war, dass sie zur Gründung des Roten Kreuzes Anlass gab.

Sein Pferd Cassel dürfte daran aber schon nicht mehr teilgenommen haben. Das galt wohl auch für den nächsten großen Krieg, an dem der Graf leitend teilnahm. Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 nahm er – inzwischen General der Kavallerie – an der Schlacht von Jičín (damals Gitschin) teil. Die ging für Österreich so verloren, dass der gute General darob sogar vor dem Kriegsgericht landete. Er wurde freigesprochen – ob aufgrund seines hohen Adelstitels oder tatsächlicher Unschuld, scheint irgendwie ungeklärt und eine Frage von bloßer Meinung zu sein. Auf jeden Fall zog er sich danach ins Privatleben zurück – möglicherweise, um sich der Pferdeliebhaberei zu widmen.

Zurück zu Cassel: Wenn das Denkmal tatsächlich um 1838 entstand, war der Graf zu diesem Zeitpunkt noch ein junger Major. Zudem erbte er zu dieser Zeit das Anwesen bei Prag. Der Graf dürfte im Leben viele Pferde besessen haben, von denen etliche gefährlichen Situationen ausgesetzt waren. Dieses Pferd, über das wir sonst wenig wissen, war wohl eher eine Jugendliebe. Entsprechend putzig ließ er es darstellen. Nicht in Heldenpose und voller Größe, sondern als Kopf, der aus dem Sockel schaut. Auf der Säule steht ein Eimer – im Kontext von Denkmälern ein eher ungewöhnliches Accessoire. Es ist die Sorte von Holzeimer, die der Graf in diesem Fall (Lieblingspferd!) vielleicht sogar persönlich ab und an nutzte, um sein Pferd zu tränken. (DD)

Kompliziertes Erbe der Habsburger: Die Prager Hausnummern

Keine Frage: Die Kartusche aus feinem Stuck mit dem hübschen Löwenkopf macht schon etwas her. Sie befindet sich über dem Türsturz des um 1905 gebauten neobarocken Mietshauses in der Trojanova 1993/5 im Süden der Neustadt. Aber was bedeutet die Inschrift „Čís 1993“ in der Mitte? Jetzt ist vielleicht die Zeit gekommen, das gar nicht so leicht verständliche System von Hausnummern in Prag bzw. ganz Tschechien zu erklären.

„Čís“ steht hier nämlich für „Číslo“, was das tschechische Wort für „Nummer“ ist. Manchmal genügt auch das einfache „Č“, wie man auf dem Bild links, dem Eingang des neobarocken Hauses am Masarykovo nábřeží 238/20 erkennen kann. Dass Häuser nummeriert werden und eine Hausnummer sichtbar an der Fassade tragen, ist zwar für das Auffinden eines Hauses, das man aus irgendeinem Grunde besuchen will, sehr praktisch, ist aber historisch gesehen eine relativ neue Idee. Im Mittelalter hatte man allenfalls Straßennamen. Prag war aber nach heutigen Maßstäben klein und überschaubar. Zudem gab es Prag im eigentlichen Sinne noch nicht, denn die Stadt wurde erst 1784 aus den bis dato recht selbständigen Städten Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Burgstadt zusammengesetzt. Da fand man sich auch ohne Nummern noch so einigermaßen zurecht.

Trotzdem stellte sich ab dem 14. Jahrhundert (der Blütezeit Prags unter Karl IV.) ein gewisses Gefühl der Unübersichtlichkeit ein. Es tauchten die ersten Hausschilder auf, die der Identifikation des Hauses für den Suchenden dienten (wir zeigten u.a. Beispiele hier, hier und hier), was aber auch nie so recht zielführend war. Die Häuser bekamen Schilder über der Tür angebracht, die zunächst meist auf Holz gemalt waren. In der Blütezeit des Hausschildes, dem Zeitalter des Barocks, wurden sie meist in reich ornamentierte Kartuschen aus Stuck eingefügt – mal gemalt, mal als Relief. Das waren oft regelrechte Kunstwerke und Statussymbole, wie man es etwa hier an dem passend Haus zur Blauen Traube (dům U Modrého hroznu) genannten Gebäude in der Husova 227/15 (Altstadt) sehen kann. In einer Nische sieht man zwei lebensgroße Männer als Relief eine weit überlebensgroße blaue Traube transportieren. Das Ganze entstand um 1726-1737 als hier zwei kleine gotische Häuser zu einem großen barocken Haus zusammengelegt wurden.

Solche Hausschilder hatten meist einen Bezug zum dem Gewerbe, das in dem jeweiligen Haus betrieben wurde (als eine Art Werbung), wofür wir bereits hier ein Beispiel zeigten. Die drei Ringe, die wir bei dem passend Haus zu den Drei Goldenen Ringen (dům U Tří zlatých prstenů) genannten, um 1840 klassizistisch modernisierten Gebäude aus dem Spätbarock sehen, könnten also auf einen Goldschmied als früheren Besitzer hindeuten. Hausschilder konnten aber auch andere Motive (Heilige, astrologische Symbole, Tiere, etc.) beinhalten. Es waren Bilder, die das Haus irgendwie einzigartig und erkennbar machen sollten. Da das aber nicht verpflichtend war, war aber nicht garantiert, dass das Haus, was man finden wollte, auch so ein Hausschild zum eindeutigen Erkennen hatte. Wegen Namensgleichheiten konnten zum Beispiel auch Verwechslungen entstehen. So gab es etwa etliche Gasthäuser, die sich „Zum Schwarzen Pferd“ (U Černého Koníčka) nannten und eine entsprechende Darstellung eines schwarzen Pferde als Hausschild hatten (Beispiele präsentierten wir hier, hier und hier).

Noch gravierender war das Problem bei Heiligenmotiven, bei denen vor allem die Maria so viele unzählige Male mit dabei war, dass sie aufhörte einem Alleinstellungsmerkmal auch nur nahe zu kommen. Hier sehen wir als Beispiel das von einer üppigen Barockkartusche mit Putten umrahmte kleine Marien-Hausschild des Hauses U Voglů am Malostranské náměstí 262/9 (Kleinseitner Ring) aus dem 18. Jahrhundert. Hausnummern aus Zahlen sehen zwar nicht so hübsch aus wie Hausschilder mit Marien- oder Pferdebildern, sind aber unverwechselbarer und eindeutiger zu identifizieren. Und wenn man den Namen oder das Hausschild kannte, wusste man noch lange nicht, wo sich das Haus befand. Man musste sich wahrscheinlich irgendwie durchfragen. Dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Teilen des Habsbugerreichs in einigen Städten sogenannte Häuserschematismen (so etwas wie Straßen- und Häuserverzeichnisse) veröffentlicht wurden (in Wien ab 1701), half ein wenig beim Auffinden – vorausgesetzt man war kein Analphabet, was aber ein Großteil der Bevölkerung damals noch war. Kurz: Es bestanden in jeder Hinsicht Möglichkeiten zur Optimierung in Sachen Hauskennzeichnung.

Dieses Projekt nahm in den Zeiten der Aufklärung Schwung auf. Im Jahre 1770 ordnete Kaiserin Maria Theresia, eine aufgeklärte Absolutistin, die Einführung von Hausnummern im ganzen Reich und beginnend mit Wien an. Das war komplizierter als man heute denken würde und folglich war das Nummernsystem noch etwas verwirrend für heutigen Beobachter. Hausnummern beruhen auf Voraussetzungen, die damals zunächst noch nicht exisitierten und erst im Absolutismus geschaffen wurden. Zur Erfassung und Nummerierung (anfänglich machten das Beamte mit Pinsel und Farbe, wie dereinst bei 4711 in Köln) muss man ja erst ein Bevölkerungs- Eigentümer- und Häuserregister haben. Unmengen von kleinen Kommission wanderten 1770/71 durch die Lande, klopften an Türen und erfassten, was sie erfassen mussten. In der Reihenfolge, in der erfasst wurde, wurde auch die Nummer vergeben. Als das fertig war, entwickelte sich langsam so etwas wie moderne Grundbücher, die dann auf Erlass von Kaiser Franz II. 1794 als Hauptbücher im Habsburgerreich verpflichtend wurden. Fortan wurden die Nummern bei Neubauten in der zeitlichen Reihenfolge des Baus in einer Stadt vergeben. Diese Art der Zählung nennt man Konskriptionsnummer. Oberhalb links sieht man ein Beispiel in der Záhřebská 876/29 in Prag-Vinohrady mit der Nummer 876 in Glas graviert (Ende 19. Jahrhundert).

Ja, die Konskriptionsnummer, für die es noch keine staatlich festgelegten Schilder gab, befeuerte die künstlerische Phantasie von Architekten, die sich bei der Kreation von Stuckornamenten nur so übertrafen – wie etwa bei dem Haus mit der im Jugendstil beadlerten“Čís 1659″ in der Laubova im Stadtteil Žižkov (Bild rechts). Aber: Bein Suchen einer Adresse war dieses System, das zwar die bürokratische Verwaltung (z.B. Steuer- und Abgabenerhebung) vereinfachte (was auch zunächst das Primärziel war), für den suchenden Bürger nicht wirklich hilfreich. Hausnummern, die chronologisch-numerisch aufeinander folgten, konnten in Wirklichkeit räumlich weit entfernt von einander liegen. Das riesige Bevölkerungswachstum und das Anwachsen der Städte verlangte nach einem anderen Nummersystem. Deshalb führte man im Habsburgerreich 1862 zusätzlich die sogenannte Orientierungsnummer ein. Das ist die heute auch in Deutschland übliche Hausnummer, bei der die Häuser in numerischer Reihenfolge in der jeweiligen Straße „aufgereiht“ sind. Mit einem solchen System konnte sich jeder mit Hilfe des Straßennamens und einer Zahl in einer Stadt orientieren. Das ist der Grund, warum man sie Orientierungsnummer nannte. Das System wurde wechselseitig praktiziert, d.h. die gerade Ziffern auf der einen, die ungeraden auf der anderen Seite der Straße. Das war keine Habsburger Erfindung, sondern wurde erstmals in Amerika (genauer: in Philadelphia 1780) eingeführt und trat dann 1805 in Paris seinen Siegeszug durch Europa an.

Aber was macht Prag so besonders und anders als andere europäische Städte? Nun, Tschechien gehört zu den wenigen Ländern, die beide Hausnummersysteme, die Konskriptionsnummer und die Orientierungsnummer, heute noch gleichzeitig verwenden. Auf Tschechisch: Číslo popisné und Orientační číslo, heutzutage meist čp. und čo. abgekürzt. Man kann die heutigen Nummernschilder leicht unterscheiden. Wie fast überall in der Welt handelt es sich um kleine und landesweit uniform gestaltete Metallschilder, die mit Emaille beschichtet und weiß beschriftet sind. In Prag/Tschechien sind die Schilder der Konskriptionsnummer rot und die Orientierungsnummern blau emailliert – so wie hier in der Ostrovní 225/1 in der Neustadt (Nové Město) bei einem Gebäude des Nova Scena-Theaters.

Diese einfache Methode der uniform gestalteten Emaille/Blech-Schildchen ist aber relativ neu. Im 19. Jahrhundert, als die Sache so richtig konsequent in der Stadt eingeführt wurde, überließ man die konkrete Ausgestaltung der Nummerierungspflicht noch der eigenen Kreativität der Hausinhaber. Deshalb sieht man an den Türen älterer Häuser manchmal kleine Kunstwerke – oft in Stuck (dabei oft an alte Hausschilder anspielend), aber auch in Glasgravur oder auch Buntglas. Letzteres macht sich besonders hübsch, wenn der Eingangsbereich von innen beleuchtet ist, wie man links am Beispiel des Hauses in der Americká 415/36 (ein Neorenaissancegebäude, ca. 1890) sehen kann.

Meistens sieht man dabei nur die Konskriptionsnummer. Spätestens mit der Einführung der Orientierungsnummer erwies sich nämlich die abschraub- und austauschbare Kleinplakette als wesentlich praktischer als eine große Stuckarbeit. Denn was ist, wenn sich Hausnummern ändern? Rechts sieht man eines der wenigen Häuser, bei denen sowohl Konskriptions- als auch Orientierungsnummer schon beim Bau des Hauses in Stuck fest in den Türsturz gegossen wurden. Heute hat das Haus die Nummer Gorazdova 333/18 (wie man an den hier hineinkopierten Blechplaketten sieht). Als das Haus 1905 gebaut wurde, befand man sich noch in der Podskalská 333/72. Die Straße wurde 1947 umbenannt und schon kurz nach dem Bau des Hauses hatte sich die Straße durch die Anlage des nahen Palackého náměstí (Palacký Platz) so verkürzt, dass die Orientierungsnummer 72 in 18 umgewandelt werden musste. In Blech stimmt das Ganze, während der Stuck weiterhin die alte Nummer verewigte. Kuriose Beobachtung: Die Stuck-Orientierungnummer wird nicht „čo“, sondern „čn“ abgekürzt. In den Anfängen sprach man nämlich oft salopp von der Neuen Nummer (čislo nové).

Aber: Die Konskriptionsnummer blieb stets, wie sie war, nämlich 333 – genau wie etwa die bei dem rechts abgebildeten Haus in der Varšavská 1338/15 (ca. 1880/90) in Prag 2. Das Fazit der Geschichte: Die Konskriptionsnummer ist äußerst langlebig , weshalb es zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem normierte Metallplaketten angebracht wurden, sinnvoll oder praktikabel war, sie in die Architektur des Hauses künstlerisch zu integrieren. Bei der Orientierungsnummer ist das eindeutig nicht der Fall. Nun hat sich aber die wesentlich praktischere Orientierungsnummer am Ende überall in der Welt durchgesetzt. In der Habsburger „Mutterstadt“ Wien wurden sie in einer Reform 1958 zwar formell beibehalten, de facto befindet sich seither an den meisten Fassaden nur noch die Orientierungsnummer. Manchmal ist die Konskriptionsnummer anscheinend noch innen im Hausflur angebracht.

Nur inTschechien und der Slowakei feiert die Konskriptionsnummer immer noch fröhliche Urständ – wenngleich immer mit der Orientierungsnummer verbunden, um die Orientierungslosigkeit der Menschen in den Straßen zu minimieren. Ganz gelingt das nicht immer, denn manchmal wird in irgendwelchen Verzeichnissen die Reihenfolge der Nummer (etwa 12/2100 statt 2100/12) vertauscht. In der Regel ist die Konskriptionsnummer die höhere Ziffer und damit leicht identifierbar (Beispiel rechts, das Neo-Rokokohaus in der Římská 1276/36). Aber es gibt auch Häuser, bei denen beide Nummern klein sind (etwa 14/13). Da wird es schwieriger. Erst, wenn man vor dem Haus steht, kann man die Nummern wegen der Farben der Schilder klar zuordnen. Das alles mag man kurios finden. Aber man verdankt der Weiterexistenz der Konskriptionsnummer immerhin auch das Weiterleben ausgesprochen hübscher und manchmal geradezu in künstlerischer wertvoller Form gestalteter Nummerierungen als integrales architektonisches Element in alten Häusern.

Ach ja, bevor man bei älteren Gebäuden jede in Stuck gearbeitete hohe Nummer über dem Türsturz für eine Konskriptionsnummer hält, sollte man darauf achten, dass das wirklich ein „Čís“ oder „Č“ davorsteht. Es gibt nämlich noch ein zusätztliches Element der Verwirrung in Sachen „Nummern auf Häusern“. Vor machen Ziffern steht nämlich die Abkürzung L.P., was eine Hausnummer (ganz gleich, welche) ausschließt. Die Abkürzung steht für léta Páně, was soviel heißt wie: Im Jahre des Herren. Und das bezieht sich auf das Jahr der Fertigstellung des Hauses, das hier zelebriert wird. In dem links gezeigten Beispiel, einem neobarocken Haus in der Římská in Vinohrady, ist das Baujahr 1904 und nicht die Konskriptionsnummer festgehalten, während die Hausnummer 1248/34 lautet. So kompliziert kann es hier in Prag mit der Nummeriererei bei Häusern sein. (DD)

Und hier noch mehr Bilder schöner Hausnummern aus Prag…

Noch ein Bild als Nachtrag: Eine feine Jugendstil-Konskriptionsnummer in der U Nových Vil 176/11 in Prag-Strašnice, entstanden um 1908.

Ein weiteres und seltenes Beispiel, wo beim Bau eines Hauses am Náměstí Míru in Vinohrady (im Stil des Neobarock, um 1902) die Konskriptionsnummer (1220) und die Orientierungsnummer (19) fest in Stuck gegeossen wurden, was sich später rächte. Denn später wurde aus der Orientierungsnummer 19 eine Nr.3 auf blauem Blech. Die Konskriptionsnummer blieb.