Zwei Kannen – nebeneinander

Einmal in Gold und einmal in Silber. Die Hausschilder des Hauses zur Goldenen Kanne (dům U Zlaté konvice) in der Melantrichova 477/20 und des Hauses zur Silbernen Kanne (dům U Stříbrné konvice) direkt daneben in der Melantrichova 476/18 scheinen Rätsel aufzugeben. Warum zweimal nebeneinander das gleiche Motiv; warum einmal in Gold und einmal in Silber?

Das Haus mit der silbernen Kanne als Hausschild wirkt jedenfalls auf den ersten Blick älter als das mit der goldenen. Der Kern und Ursprungsbau war zwar ursprünglisch hochgotisch (um 1400), aber die zur engen Melantrichova (eine der beliebtesten Touristenpromenaden der Altstadt) hingewandte Fassade ist eindeutig im Stil des Barock gehalten. Im frühen 18. Jahrhundert wurde das ursprünglich einstöckige Haus (was es auf der Rückseite hin zur Straße Kožná immer noch ist) in ein zweistöckiges umgebaut, wobei die Fassade eben völlig erneuert wurde. Dafür dürfte Jakub Minetti, der reiche Abkömmling einer Mailänder Händlerfamilie, die es in Prag zum Adelsstand brachte, verantwortlich gewesen sein, der das Haus Ende des 17. Jahrhunderts erworben hatte. Zuvor hatte er schon das in der unmitelbaren Nähe Prachthaus Na Kamenci an der Ecke Altstädter Ring (Nr.478/26) erworben, womit er zuden großen Immobilienbesitzern der Gegend gehörte (wir berichteten hier). Das Hausschild mit der Kanne ist auch von einer spätbarocken Kartusche im Rokokostil umgeben, die ausgesprochen fein mit Rocaillen elaboriert ist.

Das ebenfalls zweistöckige, aber etwas breitere Haus mit der Goldkanne ist auch im Mittelalter entstanden und wurde in der Renaissance um 1553 und um 1700 im Barockstil erheblich umgestaltet. Sein heutiges Aussehen, das deshalb etwas moderner wirkt als das „silberne“ Nachbarhaus, verdankt es aber einem Umbau Ende des 18. Jahrhundert, den der Architekt Zachariáš Fiegert (den wir bereits hier erwähnten) im klassizistischen Stil durchführte. Das Hausschild über dem breiten Eingangsportal ist daher auch nicht von solch einer fein ausgearbeiteten Kartusche umrahmt und strenger klassizistisch gehalten. Das oberste Stockwerk wurde übrigens erst im späten 19. Jahrhundert ergänzt, aber stilistisch so feinfühlig, dass man es nicht bemerkt.

Auf der Höhe des ersten Stocks befindet sich eine Gedenktafel mit Portraitrelief für Josef Král. Der war ein Philologe und Bibliothekswissenschaftler, der zu seiner Zeit besonders als tschechischer Übersetzer der Autoren der Antike bekannt und beliebt war, deren Werke er geschickt unter Berücksichtigung des alten Versmaßes in seine Muttersprache übertrug – was ich mir bei meinem mageren Wissen um das Tschechische als recht schwierig vorstelle. Der Text auf der Tafel lautet: „Der klassische Philologe Josef Král wurde am 18. Dezember 1853 in diesem Haus geboren. Gestiftet von der Union der tschechischen Philologen.“ Gestaltet wurde die Tafel 1937 von dem akademischen Bildhauer Josef Drahoňovský.

Was aber die Frage, warum hier zwei Häuser nebeneinander in verschiedenen Zeiten die Kanne als Hausschild bekamen, wenngleich in verschiedenen Farben. Hausschilder waren in Zeiten, als es noch keine regulären Hausnummern gab, so etwas wie das Identifizierungsmerkmal von Häusern. Aber nicht nur: Oft wiesen sie auch auch das Handwerk hin, das im Hause betrieben wurde (ein Beispiel zeigten wir hier). Gab es es hier benachbarte Kannenverkäufer oder Kannengießer? Im 18./19. Jahrhundert war die kleine Straße Melantrichova, wo die Häuser liegen, und die direkt zum Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) führt, als die Schwefelgasse (Sirková) bekannt, weil hier die Schwefelhändler ihren Sitz hatten. Das hat wenig mit den Kannen zu tun. Die Sache bleibt also im Dunklen. Für Hinweise bin ich dankbar. (DD)

Kuriose Jugendstilhunde

Man wünscht sich, der Besitzer würde doch einmal einige Eimer Farbe aufwenden, um seinem Haus wieder zu dem Glanz zu verhelfen, das es verdient. Das gilt besonders für die kleinen Stuckreliefs, auf denen kleine biedermeierlich gekleidete Mädchen mit ihrem Hund spielen. Der kleine Canide hat sich ein wenig spielerisch in die Krinoline des Kleides eines der Mädchen verbissen, was aber lässig genommen wird. Schon damals liebten die Tschechen ihre Hunde und ließen sie gewähren.

Das imposante vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Polská 1618/9 in Prag-Vinohrady wurde im Jahre 1911 von den Architekten Josef Pospíšil und Jan (Josef) Rokos. Besonders Pospíšil hatte sich zu diesem Zeitpunkt einen internationalen Ruf als Gestalter prachtvoller Fassaden gemacht (Beispiele präsentierten wir u.a. schon hier und hier), zunächst meist im Stil des Neobarock, aber hier bereits im Jugendstil. Und wenn man in Vinohrady nach einem besonders gelungenen Beispiel für einen sehr opulenten floralen Jugendstil sucht, dann ist dieses Haus, dessen Auftraggeber und Besitzer ein gewisser Karel Svoboda war, so etwas wie die erste Wahl.

Insbesondere die beiden Erker im zweiten und dritten Stock (mit je einem Balkon darüber) und die Giebelaufbauten auf dem Dach sorgen für eine sehr abwechslungsreiche und geradezu spielerisch wirkende Ästhetik. Diese wird noch einmal duch die bunten/vergoldeten Verzierungen aus Schmiedegitter unter dem Dachfirst unterstrichen. In dieser Form findet man das bei normalen Wohnhäusern eher selten in Prag.

Vor allem fällt das Haus aber durch die Prise Humor auf, die man sich bei den Stuckaturen gegönnt hat.Dazu gehört auch die witzige Spielszene mit Hund im ersten Stock, die man oben im großen Bild bewundern kann. Es gibt auch noch eine zweite Szene dieser Art – mit einem kleinen Hund, der vor einem sitzenden Kleinkind mit biedermeierlicher Schute und einem etwas größeren Mädchen, das eine Puppe im Arm trägt, steht..Auffallend ist, dass bei beiden Bildern eines der beiden Mädchen scheinbar unbeteiligt ins Publikum – also Richtung Passanten – guckt. Was war die Idee dahinter? Man weiß es nicht. Es wirkt jedenfalls sehr huintergründig.

Das gilt auch für die beiden Reliefs, bei denen jeweils kleine Putten oder Zwerge (ganz klar ist das nicht) mit Blasinstrumenten nebeneinander vor einem reich geschmückten kleinen Portal stehen, um ein kleines Konzert zu geben. Was mag sie hinter der Tür dazu veranlassen. Sicher ist nur, dass das Haus in der Polská nicht nur zu den schönsten Jugendstilhäusern der Umgebung, sondern auch zu den kuriosesten gehört. Schon deshalb täte ein wenig Fassadenauffrischung gut. (DD)

Gemüseapostel?

Die Büste im grotesken Renaissancestil erinnert ein wenig an einen Klingonen aus neueren Star Trek-Episoden. Nur, dass die Gemüse- und Sonnensymbolik auf ein Wesen mit deutlich weniger ausgeprägtem Kriegerkastenethos und mehr vegetarischen Instinkten hinweist. Was wollte der Künstler dieser Skulptur an der Fassade des vierstöckigen Hauses n der Na Moráni 1313/13 in der Neustadt uns damit sagen?

Aber wir wissen immerhin: Die Pläne dieses Hauses stammen von dem Architekten Bohdan Pudlač, über den man tatsächlich wenig mehr weiß als das Geburtsjahr 1858 und die Tatsache, dass er an der neuen tschechischen Technischen Universität in Prag Architektur studiert hatte. Es ist nicht einmal klar, ob er Tscheche oder nicht gar „Südslawe“ – vielleicht ein Slowene oder Kroate – war, aber immerhin auf jeden Fall ein Bürger des Habsburgerreichs, das ja ein Vielvölkerstaat war. Der Mangel an Information über ihn ist seltsam, denn er war offensichtlich sehr produktiv und hätte mehr Nachruhm verdient.

Denn er hat anscheinend um die Jahrhundertwende in Prag zahllose Gebäude entworfen (etwa das Nachbarhaus hier), die ihn als begabten Architekten und als ausgesprochen originellen Vertreter eines sehr aussdrucksstarken Historismus ausweisen. Vor allem in der Prager Alt- und der Neustadt fand er seine Wirkungsstätte.

Dass diese Charakterisierung stimmt, beweist das hier vorgestellte Haus. Der Historismus in seiner Neorenaissance-Ausformung hat hier tatsächlich das sogenannte „gewisse Etwas“, das ihn aus der Menge anderer Gebäude in diesem Stil herausragen lässt. Es beginnt schon mit dem schwungvoll gestalteten Giebeln, an dessen Seite sich zwei kleine Fachwerktürmchen befinden – ein Baudetail, das dazu führte, dass Architekturhistoriker im Zusammenhang mit diesem Haus von einem „Schweizer Stil“ sprechen. Auf jeden Fall folgt das Gebäude architektonisch insgesamt weniger den Konventionen der italienischen Renaissance, sondern eher denen im deutschsprachigen Raum.

Das Grundstúck zu dem Haus wurde erstmals 1378 schriftlich erwähnt, als es ein Zimmermann mit Namen Valentin vom nah benachbarten Emmaus Kloster kaufte. Dessen damaliges Haus gibt es aber schon lange nicht mehr. 1845 wurde hier von einem Baumeister namens Alois Bretschneider ein mehrstöckiges Wohngebäude im Stil des Klassizismus erbaut. Das wiederum wurde 1898 durch das heute hier zu sehende vierstöckige Miets- und Wohnhaus nach den Plänen von Pudlač ersetzt. Das war sicher deutlich mondäner als seine Vorgängerbauten.

In dieser Zeit wurde nämlich dieser, Podskalí genannte Teil der Neustadt, der bisher eher ein Armenviertel für die Flößer und Fischer am Flussufer der Moldau (wir berichteten u.a. hier) war, gründlich gentrifiziert, wie man die Aufwertung der Bausubstanz und der Einwohner-Mileus heute nennt. Angesichts des schönen Blicks, den man von hier auf die Moldau genießen kann, verwundert es nicht, dass das heute gewiss keine billige Wohnlage mehr ist.

Vor der Fassade kann man länger verweilen und die Augen schweifen lassen, denn sie hat viel optische Abwechslung zu bieten. Die Fensterrahmen mit ihren Verzierungen und die unzähligen Stuckaturen (daruter sehr viel groteske Maskaronen, d.h. Fratzengesichter) machen schon für sich genommen das Haus zu einem Schmuckstück. Allerdings würde sich das Ganze nicht übermäßig originell von anderen Neo-Renaissance-Gebäuden der Zeit unterscheiden. Damals zu Ende des 19. Jahrhunderts war dieser Stil in Prag generell ein dominierender Modetrend und man musste schon etwas tun, um wirklich aufzufallen.

Herausragend wird das Gebäude dann aber durch den fein beschnitzten hölzernen Balkon in dr Mitte auf Höhe des zweiten Stocks und über einem konventionell steinernen auf Höhe des ersten Stocks. Zusammen mit den Fachwerktürmen hat Architekt Pudlač hier für historistische Wohnhäuser in sehr ungewöhnlicher Weise Holz als Material in den Mittelpunkt der Fassadenästhetik gestellt.

Zurück zu der grotesken Büste über dem Mittelfenster des vierten Stocks, die Sonnenstrahlen auf der Brust hat, und der Kohlblätter aus dem Kopf wachsen. Und die von kleinen Füllhörnern und Gemüsen umgeben ist. Ist einem Kunstdenkmalsführer (hier, S. 617) ist von der Darstellung eines Apostels die Rede. Von weitem sieht es vielleicht so aus, weil die Figur eine segnende Pose einnimmt. Aber bei näherer Betrachtung? Wenn das ein Apostel sein soll, dann konnte Pudlač froh sein, dass er das Haus in den Zeiten der Neorenaissance des späten 19. Jahrhunderts gebaut hat – und nicht in der Zeit der echten Renaissance, wo er dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre. Der Glaube an Gemüseapostel wäre vermutlich von allen Kirchen als schwer häretisch eingestuft worden. Meine Vermutung ist, dass die sehr pflanzenhafte Figur von den italienischen Spätrenaissance-Maler Giuseppe Arcimboldo inspiriert sein könnte, der für Portraits von Menschen in Gemüseformen berühmt war. Das passte auch zu Prag, denn Arcimboldo war ab 1575 Hofmaler des in Prag regierenden Kaisers Rudolf II., einem Regierenden mit viel feinem Sinn für Kunst und Ironie. Wer eine bessere Erklärung für die Figur hat als eine Arcimboldo-Nachempfindung, der melde sich bitte! (DD)

Ein Grab, das lächeln lässt

Jemand, der die Menschen zum Lachen brachte, verdient auch einen Grabstein, der lächeln macht. So wie Jiří Červený, der große Gründervater des tschechischen literarischen Kabaretts, der heute vor 60 Jahren, am 6. Mai 1962 starb. Und wer die Menschen zum Lachen bringt, hat sich obendrein auch noch seine Ruhestätte auf dem großen Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad mehr als verdient (über den wir hier berichteten).

Jiří Červený, der Sohn des berühmten böhmischen Musikinstrumentenbauers Václav František Červený und Vater der noch berühmteren Opernsängerin Soňa Červená, gründete 1909 die Kabarettgruppe Červená sedma, zu Deutsch: Die Rote Sieben (das war nicht politisch gemeint, vielmehr ist Červený das tschechische Wort für rot). Die trat zunächt eher nebenberuflich organisiert auf, aber 1916 erlaubte der Erfolg eine Professionalisierung. Full-time trat man zunächst einmal im Rokoko-Theater am Wenzelsplatz als Stammhaus auf. 1918 verlegte man den Aufführungsort in das kleine Theater im Hotel Central (Bild oberhalb links) in der Hybernska (Neustadt), wo auch schon Kulturgrößen wie Franz Kafka und Karl Kraus aufgetreten waren.

Der Erfolg war so gigantisch, dass man 1919 sogar eine Filiale in Brünn aufmachte, die irgendwann wegen des übermäßigen Andrangs geschlossen werden musste. In Prag zog man 1921 in eine Bar des Gemeindehauses (Obecní dům; Bild rechts) – eine Location, die sich als eher ungünstig erwies, weil es dem Betreiber mehr darum ging, dass die Leute aßen und tranken, als dass sie dem Kabarett zuhörten. Auch ebbte das Publikumsinteresse allmählich ab. Im Frühjahr 1922 trat man zum letzten Mal auf.

Was blieb, war das Erbe von Jiří Červený und seinen Červená sedma. Die waren die Pioniere des tschechischen Kabaretts. Bühnenhumor sollte nicht mehr nur derb, sondern auch künstlerisch und intellektuell anspruchsvoll sein. Szenische Aufführungen wechselten mit Liedern oder Opernparodien ab. Das Zeitgeschehen wurde in cleveren Kommentaren einbezogen. Červený komponierte dabei viele Lieder und einige davon wurden zu Hits (hier Červenýs Komposition Písnička z mládí in der Fassung von Oldřich Kovář) im Lande. Nach dem Ende der Roten Sieben widmete sich Červený mehr dem Film, und zwar hauptsächlich als Filmkomponist und Schauspieler, etwa in Kinoerfolgen wie Hříchy lásky (Die Sünde der Liebe) von 1929, Černý plamen (Schwarze Flamme) von 1930 oder Srdce v celofánu (Herz in Zellophan) von 1939.

Seit 1930 engagierte er sich auch für eine Autoren- und Komponistenorganisation, die die Urheberrechte von Kunstschaffenden gewahrt sehen wollte. Dann erfolgte eine Zwangspause als die Nazis im Land einmarschierten, unter denen er sogar eine zeitlang inhaftiert war. Nach dem Krieg knüpfte er nur gelegentlich an seine Kabarettistenkarriere an. Die Zeit des Kommunismus war dafür bekanntlich kein sonderlich fruchtbarer Boden. Hauptsächlich arbeitet er für die staatliche Vereinigung zum Schutz des Urheberrechts (Ochranný svaz autorský).

Das oben abgebildete Grab, das man ihm dann 1962 setzte, wurde mit einer Karikatur versehen, die der Schauspieler, Kabarettist, Sänger und Maler Emil Artur Longen in den 1920er Jahren angefertigt hatte, als er zusammen mit Jiří Červený bei den Červená sedma mitwirkte. (DD)

Drei Standartenträger – nicht ganz zur Legende passend

Wir schreiben das Jahr 1736. Gerade ist mal wieder ein neuer Österreichischer Türkenkrieg ausgebrochen und drei Soldaten – Fähnriche (Standartenträger) von Rang – treffen sich das letzte Mal hier, in der Schenke in der heutigen Husova 231/12. Die Freunde versprechen, dass sie sich allesamt hier nach dem Krieg wieder treffen würden. Als der Krieg 1739 endet, haben nur zwei von ihnen überlebt. Der dritte Soldat, von der Erinnerung an das Versprechen verfolgt, erscheint ihnen als Geist. Sie würden ihm schon innerhalb eines Jahres folgen, prophezeit er den Kameraden. Vor Schreck beschließen die beiden, die Armee zu verlassen und als Mönche in das nahe Franziskanerkloster bei der Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné) einzutreten. Doch auch der fromme Lebenswandel hilft nichts, denn noch im selben Jahr sterben beide eines natürlichen Todes.

Diese Legende, die sich u.a. hier überliefert findet, hat dem Haus der Drei Standartenträger (dům U Tří praporečníků) hier in der Husova, wo die Altstadt am altstädtischsten ist, den Namen gegeben. Sie scheint aber eine recht neue Erfindung zu sein. Und irgendwie stimmen Legende und die Bilder von den Fähnrichen auch nicht überein. Die Uniformen der drei abgebildeten Soldaten im Renaissancestil passen nämlich eher zum Zweiten Österreichischen Türkenkrieg von 1566 bis 1568, und nicht zu dem des Jahres 1736. Man muss also der Sache dann doch auf den Grund gehen – ohne dabei zu vergessen, dass sowohl die Legende als auch das Haus letztlich doch sehr schön sind.

Die Geschichte des Hauses selbst ist eigentlich nicht ungewöhnlich für die meisten Häuser der Altstadt. Es begann sein Leben als mittelalterliches Haus in der Gotik des 14. Jahrhunderts. Immer wieder gab es grundlegende Umbauten, vor allem in der Renaissance (wovon die Torbögen des Eingangs überlebt haben) und der Zeit des Barock. Doch im Grunde ist das, was wird heute von der Straße aus sehen, erst im Jahre 1877 entstanden. In diesem Jahr fand eine radikale Rundum-Erneuerung im Stil der damals hyper-modernen Neo-Renaissance statt. Dabei wurde u.a. ein zusätzliches Stockwerk aufgesetzt. Und zwischen den Fenstern des ersten Stocks wurden die gekrümmten Blechplatten mit den aufgemalten Bildern der drei Standartenträger angebracht.

Die Legende wurde möglicherweise für die Bilder kreiert – und nicht umgekehrt. Es heißt aber, dass die Architekten der Umgestaltung von 1877 auf früher hier befindliche Motive zurückgriffen. Es heißt, dass hier ein im Haus ein Schneider seine Werkstatt hatte, der 1586 über dem Eingang Schilder mit schicken Soldatenuniformen, die zu schneidern er in der Lage war, angebracht hatte. Damals hieß das Haus auch noch Haus zu den Drei Engeln (dům tří andělů). Die heute hier zu sehenden Bilder von 1877, die recht gute Nachempfindungen des originalen Renaissancestils darstellen, erinnern letztlich daran. Aber das ist natürlich keine solch schöne Geschichte wie die Legende von den drei Soldaten, von denen einer als Geist wiederkehrte. (DD)

Putziger Fisch

Der zweirumpfige Fisch gehört zweifellos zu den groteskeren Erscheinungen auf den Fassaden alter Häuser in Prag, die ja gewiss auch sonst nicht arm sind an witzigen Verzierungen. Der grimmig die Zähne fletschende Wasserbwohner befindet sich an der Ecke des Hauses zur Goldenen Traube (dům U Zlatého hroznu) in der Nový Svět 78/5, Ecke Kapucínská in der Burgstadt (Hradčany) etwas oberhalb des Erdgeschosses.

Das zweistöckige Haus mit seinem kräftigen rot-weißen Anstrich ist eines der auffälligsten Häuser in der sogenannten Neuen Welt (Nový Svět), die als eine besonders pittoreske Gasse mit alten Gebäuden zu den großen Touristenmagneten der Burgstadt gelten – wir berichteten hier, Es wurde im Jahr 1694 für einen reichen Bürger der Burgstadt namens Abraham Unkoffer an der Stelle eines älteren mittelalterlichen Hauses erbaut, das 1648 bei der Belagerung Prags durch die Schweden arg und irreparabel beschädigt worden war.

Unkoffer hatte erst einmal Ärger mit seinen Nachbarn den Mönchen des Klosters des Ordens der Kapuziner, zu dem u.a. weiter oben die berühmte Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) gehört. Die fanden, Unkoffer könnte aus den hinteren Fenstern des Hauses in ihren Klostergarten gucken und zusehen, was sie da so an frommen (oder gar unfrommen?) Dingen tun würden. Man einigte sich darauf, dass die Fenster zur Klosterseite (die der Passant von der Straße aus nicht sieht) nur aufgemalte Blindfenster sein sollten. Gemalte Fenster gibt es inzwischen nicht mehr, aber wenn man sich von oben (also der Kapucínská) nähert, sieht man, dass das Haus hinten tatsächlich keine Fenster hat (Bild rechts)

Was ist sonst nocht zu sagen? Anfang des 20. Jahrhunderts lebte der später in den USA erfolgreiche Pianist und Komponist Rudolf Friml hier. In den USA wurde er nach seiner Auswanderung unter anderem durch das Musical The Firefly (1912) berühmt. Im Haus verliebte sich seine Schwester Zdena in den großen tschechischen Sänger, Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur Karel Hašler, über den wir schon hier berichteten. 1908 heirateten die beiden. In der Ersten Republik wurde er bald danach einer der gefragtesten Stars der tschechoslowakischen Leinwand – bis er 1942 von den Nazis als Widerständler hingerichtet wurde. Und der Fisch? Er ist eine von etlichen putzigen Stuckaturen (Maskaronen, der Stuckkranz über dem Eingang, etc.) und zwar die beliebteste. Leider ist er nicht mehr ganz echt, denn vor etlichen Jahren zwängte sich ein großer LKW durch die enge Gasse und beschädigte ihn. Was man jetzt sieht ist eine originalgetreue Kopie. (DD)

Zum Valentinstag

Heute ist Valentinstag. Der 14. Februar gilt seit je als der Tag der Liebenden. Ein schöneres Motiv als diesen kleinen, zugegebenermaßen der vorchristlichen Mythologie entsprungenen Amor auf dem Mittelerker des Hauses in der Slezska 1297/3 in Prag Vinohrady kam man sich für diesen Tag kaum vorstellen.

Benannt wurde der Tag nämlich nach dem Heiligen Valentin. Der gute Valentin soll im 3. Jahrhundert bei Rom unter Kaiser Claudius II. Gothicus heimlich Liebende christlich getraut haben, obwohl der Kaiser das streng verboten hatte. Dafür ließ ihn der Kaiser am 14. Februar 269 durch Enthaupten hinrichten. In vielen europäischen Gegenden entstanden seit dem späten Mittelalter Traditionen, bei denen sich Liebespaare kleine Geschenke oder Liebesbriefe übergaben. 1969 wurde der Heilige allerdings bedauerlicherweise aus dem Liturgischen Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen, weil man seine reale historische Existenz auf einmal für unbewiesen hielt. Das war irgendwie schon kleinlich. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte bereits das segensreiche Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes dafür gesorgt, dass der Valentinstag auch ohne Protektion der Kirche überlebte. Insbesondere die Blumenhändler freuen sich daran, dass an diesem Tag überall die Umsätze steigen und halten das Brauchtum am Leben. Überall in der Welt. Selbst im nicht-christlichen Japan scheint man seit den 1930er Jahren den Tag mit Inbrunst zu feiern.

Aber darum geht es hier ja nicht. Das Ganze war nur ein „Aufhänger“ zum eigentlichen Thema. Nach unserer Abschweifung zurück zu dem Haus in der Slezska, das ja außer der allgemeinen Assoziation mit Liebessymbolik tatsächlich eigentlich nichts mit dem Heiligen Valentin zu tun hat. Das vierstöckige Miets- und Wohnhaus mit dem Amor wurde im Jahre 1904 erbaut. Es ist eines der ersten Häuser in 1889 der angelegten Slezska (Schlesische Straße), die allerdings damals noch (bis 1928) Chocholouškova hieß – benannt nach dem damals bekannten, heute wohl vergessenen Schriftsteller und Journalisten Prokop Chocholoušek. Und das Haus zeichnet sich durch reichhaltige Stuckverzierungen aus, wie man nicht zuletzt an der Einfassung des Türrahmens sehen kann.

Dass das Haus 1904 für seinen Besitzer, einem gewissen Jan Novotný, gebaut wurde, kann man der hübschen Kartusche entnehmen, die sich unterhalb des Daches befindet: „Zbudováno 1904“ steht da in recht schnörkeliger Schrift; also „Gebaut 1904“. Sie ist ebenso hübsch neo-barock eingefasst wie der Amor. Die Fassade ist Werk des Architekten Josef Pospíšil, den wir schon hier und hier erwähnten, und der das Stadtbild des Kerns von Vinohrady mit seinem Stil stark geprägt hat. Das Haus passte sich mit seinem neobarocken Dekor dem architektonischen Stil der Umgebung im neu und städteplanerisch recht kohärent angelegten Vinohrady (das erst 1922 Teil von Prag wurde) harmonisch an. Mit der niedlichen Amor-Figur hebt es sich allerdings schon ein wenig von den anderen dort im gleichen Stil erbauten Häusern erbauten. Man fragt sich unwillkürlich, was für eine romantische Geschichte wohl hinter diesem putzigen Stück Stuck gesteckt haben mag. (DD)

Fische, Gewehre und ein Mord

Die großmäuligen Fische als Erkerstützen, die seltsamen Echsen und die Grimassen der Maskaronen auf der Fassade der unteren Geschosse wirken so putzig, dass man beim Anblick des großen vierstöckigen Wohn- und Geschäftshauses in der Spálená 284/1, Ecke Myslíkova, nichts Böses zu denken vermag. Gewehre oder gar ein Mord kommen einem nicht in den Sinn.

Es begann harmlos. Ursprünglich standen hier seit 1383 zwei gotische Häuser, die im Jahre 1808 von Wilhelm I. Fürst von Auersperg erworben wurden, der an ihrer Stelle ein großes Gebäude errichten ließ, das auch gewerblich und öffentlich nutzbar war, und dessen Fassade reich mit den Insignien der Adelsfamilie Auersperg geschmückt war. Zu den gewerblichen Mietern gehörte die Waffen- und Gewehrfabrik A.V. Lebeda. Immerhin baute die Firma kein Kriegsgerät, sondern Prunk- und Jagdwaffen im obersten Preissegment.

Anton Vinzenz Lebeda, der die Firma im Jahre 1820 gegründet hatte, belieferte sogar den kaiserlichen Hof. Kaiser Franz Josef war von den Lebeda’schen Gewehren so begeistert, dass er nach einer Vorführung 1852 gleich 21 Schießeisen verschiedenen Typs bei ihm kaufte. Lebeda achtete auch auf Ästhetik. Bedeutende Künstler der Zeit, etwa Josef Mánes, gestalteten die Gewehrschafte und -kolben. Antiquitätenhändler können heute riesige Geldsummen für ein altes Lebedagewehr verlangen. Lebeda selbst war übrigens mit der Neuadelsfamilie von Starck verwandt, deren Wappen er führte. Das kann man heute noch oben an der Ecke des Hauses unter dem Dach bewundern.

Später (Lebedas Firma, die nach seinem Tod von den anscheinend weniger geschäftsbegabten Erben betrieben wurde, schloss 1888 ihre Pforten) zog in das Haus noch das Institut für Chemie der Tschechischen Universität und das Labor für Pharmazeutische Chemie ein. Dann kam in den Jahren der Abriss und Neubau 1905 bis 1906. Das neue Gebäude nahm die Traditionen des neobarocken Vorgängerbaus auf und kombinierte sie vorsichtig mit dem damals ganz neuen und modernen Jugendstil.

Als Architekt zeichnete sich der Bauunternehmer František Buldra aus, dem wir unter anderem auch das Gebäudes des berühmten Café Louvre (wir berichteten hier) verdanken. Es gibt wohl Anhaltspunkte dafür, dass auch der renommierte Jugendstilarchitekt Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten) an den Plänen mitwirkte. Dafür spräche, dass in seinen früheren Werken Polívka gerne Barock und Jugendstil kombinierte (ein Beispiel zeigten wir bereits hier). Man sieht es unter anderen hier an dem wunderschönen Eingangsportal an der Myslíkova (Bild rechts).

In dem neuen Wohn- und Mietshaus gab es im Erdgeschoss einige Geschäfte, darunter das des Goldschmieds Václav Havrda. Am 12. Juni 1930 drang hier ein unbekannter Mann mit einer Pistole in der Hand ein. Im Laden war nur der Sohn des Inhabers, Rudolf Havrda, der sich zu wehren versuchte. Der Täter erschoss ihn kaltblütig und floh. Havrda starb noch bevor der Arzt kam, den vorbeikommende Passanten herbeiriefen. Der Fall erregte Aufsehen in den Medien ob seiner Brutalität. Mit Regierungsrat Josef Vaňásek nahm sich allerdings einer der berühmtesten tschechoslowakischen Kriminalpolizisten und Detektive seiner Zeit des Falles an. Er hatte zuvor die erste Drogenabteilung der tschechoslowakischen Polizei aufgebaut – eine Pionierleistung (auch wenn man der Drogenprohibiton skeptisch gegenüber steht). Er stand für die Einführung moderner wissenschaftlicher Methoden in die Kriminalistik.

Vaňásek, bekannt für sein methodisches Vorgehen, fand schnell heraus, dass sich der Verwalter des Hauses mit einem gewissen Anton Volovik zusammengetan hatte, der den Überfall ausführte. Beise Missetäter wurden der ihrer Strafe überantwortet. Das war einer der Fälle, die das Haus, aber vor allem auch Vaňásek berühmt machten. Vaňásek bekam 1968 in der populären (auf den Krimigeschichten von Jiří Marek basierenden) Fernsehserie Hrísní lidé mesta prazského (in Englisch: Sinful People of Prague; im Fernsehen der „DDR“ verkürzt: „Alte Kriminalfälle“) ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt, denn die Hauptfigur, der Kriminalrat Karel Vacátko, wurde wohl ihm nachempfunden.

Heute ist hier alles friedlich. Unten residiert unter anderem ein Friseursalon und ein Pfandleiher. Es ist weder von Gewehren, noch von Mord die Rede. Die meisten Passanten werden wohl am ehesten von den niedlichen Fischen aus Stuck beindruckt sein. (DD).

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Tschechische Zeitmessung

Gehen bei den Tschechen die Uhren anders? Zumindest früher war das tatsächlich so. Diese Sonnenuhr aus dem Jahre 1608 bemisst das altböhmische Zeitmaß, bei dem nicht die Uhrzeit, sondern die Zeit, die seit dem Sonnenaufgang vergangen ist, in Stunden dargestellt wird. Die gemalte Sonnenuhr war übrigens lange unter dem Putz des Hauses verschwunden und wurde erst 1995 wiedergefunden und frisch rekonstruiert.

Zurecht kann man erwarten, dass ein Haus mit solch einer Uhr noch mehr zu bieten hat. Und so ist es auch mit dem Velikovský Haus (Velikovský dům) in der Tomášská 518/1, Ecke Malostranské náměstí (Kleinseitner Ring) auf der Prager Kleinseite. Auf eine lange Geschichte kann dieses dreistöckige Wohnhaus an zurückblicken. Zum ersten Mal wurde es 1354 schriftlich erwähnt. Während der Hussitenkriege nahm es um 1420 schweren Schaden, wurde aber wieder aufgebaut. Ein größerer Umbau mit Vergrößerungen fand um 1470 statt. Einer der mittelalterlichen Besitzer gab dem Haus wohl den Namen. Bisweilen wurde es auch Lázeň (Bad) genannt, was wohl auf einen früheren Verwendungszweck hindeutet.

Beim Großen Feuer von 1541, das große Teile der Kleinseite verwüstet hatte, wurde das bis dato gotische Haus arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber zwischen 1543 und 1552 baute man es wieder neu auf. Beim Wiederaufbau wurde es allerdings – dem Geschmack der Zeit entsprechend – in ein Renaissancegebäude umgewandelt. Mehr Wandel erfolgte: Die Uhr von 1608 war wohl Teil von einem von mehreren Umbauten im Stil des Barock, die im Laufe des 17. Jahrhunderts erfolgten – insbesondere in den Jahren 1638, 1653 und zuletzt 1680. Aber tatsächlich sieht man von allen diesen barocken Um- und Neubauten heutzutage zumindest äußerlich relativ wenig.

Denn der „alte“ Eindruck, den das Haus von außen heute beim Betrachter hinterläßt, geht auf sehr historistische Renovierungen des 19. Jahrhunderts zurück. Es begann im Jahre 1838 mit der klassizistisch angehauchten Fassadengestaltung durch den Architekten Josef Tredrovský, der hier viele Elemente des böhmischen Renaissancestils, etwa den schönen Erkerturm, einfließen ließ. Das heißt, er griff dabei eher auf die vorbarocke Gestalt des Hauses zurück.

Vollendet wurde dieser Rückgriff durch die zierlichen Sgraffito mit feinem Blumenzierat (Akanthus), die man auf dem Erker und dem Giebel sehen kann. Die sind das Werk des Bildhauers Celestýn Klouček, der sie im Jahr 1899 anfertigte. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Gebäude übrigens dem Adelsgeschlecht der Grafen Sternberg. Franz Adam Graf von Sternberg, dem bereits das Nachbargebäude, der Sternberg Palais (Šternberský palác; siehe auch unseren Beitrag hier) gehörte, erwarb das Gebäude im Jahr 1761. Deshalb wird es manchmal statt Velikovský dům auch Šternberský dům (Sternberg Haus) genannt.

Obwohl die beiden Häuser architektonisch und stilistisch recht unterschiedlich sind, bilden sie im Erdgeschoss durch die spätmittelalterlichen Arkaden so etwas wie eine Einheit. Da sich der Arkadengang auch auf das neben dem Palais Sternberg gelegene Smiřický Palais (palác Smiřických) erstreckt, kann man heute bei Regen immer noch die gesamte Nordseite des Kleinseitner Rings trockenen Fußes bewältigen. Die angrenzende Ostseite des Kleinseitner Rings ist genauso gestaltet, was mit zur Schönheit des Ortes beiträgt.

Die Nachfahren von Graf Sternberg übergaben Haus und Palais übrigens 1901 dem Böhmischen Landesausschusses (was einer Landesregierung entsprach) hier statt, denn das Gebäude liegt sehr nahe beim Landtag im Palais Thun. Das Palais Thun ist heute der Sitz des tschechischen Abgeordnetenhauses. Beide Sternberg-Gebäude gehören seit 1993 zum Parlament. Um es als Verwaltungsgebäude des Parlaments nutzbar zu machen, renovierte man das Šternberský/Velikovský Haus. Dabei fand man auch die alte Sonnenuhr und setzte sie wieder instand. Ach ja, und wer mit der alt-tschechischen Zeitrechnung nichts anfangen kann, der findet eine zweite Sonnenuhr (zur Platzseite des Kleinseitner Rings hin), die die Stunden auch auch konventionelle Weise anzeigt. 1608 hat man halt an alles gedacht. (DD)