Nicht anerkannte Heilige mit ergreifender Geschichte

Mimt Cochita Wurst hier den Jesus? Mit diesem ersten Gedanken, der sich schon ein wenig aufdrängt, liegt man natürlich falsch. Was man hier sieht, findet man nicht oft in Kirchen, weil die hier abgebildete Heilige nie heiliggesprochen wurde. Selbst aus dem offiziellen Märtyrerregister, wo sie im 16. Jahrhundert Eingang fand, wurde die Heilige Wilgefortis inzwischen gestrichen.

Insofern bietet Prag hier eine Rarität. Die Darstellung in der von Christoph Dientzenhofer erbauten „Kapelle der Jungfrau Maria-Schmerzen“ im Kreuzgang (kleines Bild) des Prager Loreto (über den wir hier berichteten) ist eine von recht wenigen in der Welt. Der wohl in den Niederlanden im 15. Jahrhundert entstandenen Volkssage nach war sie vor Urzeiten eine bekehrte Christin, die nach dem Willen ihres Vaters einen fiesen Heiden heiraten sollte. Sie bat Gott, er möge sie so verunstalten, dass der Bösewicht von ihr abließ. Gott ließ ihr darob einen Bart wachsen, was auch den gewünschten Effekt hatte. Aber der Vater wurde böse und ließ Wilgeportis, die im Deutschen auch Kümmernis genannt wird, wie einst Christus kreuzigen. Am Kreuz hängend lebte sie noch eine Weile, predigte und vollbrachte etliche Wunder, sodass kurz vor ihrem Ableben selbst der schlimme Vater reuig bekehrt war.

Und so sehen wir Wilgefortis mit allen ihren klassischen Attributen – weibliche Gestalt, Bart, Frauenbekleidung, ans Kreuze gebunden, Märtyrerkrone – hier an einem Seitenaltar der Kapelle. Und es ist ja auch eine ergreifende Geschichte, die es verdient hat, dass sie im Prager Loreto Dank eines unbekannten Barock-Bildhauers aus dem frühen 18. Jahrhundert noch in Ehren gehalten wird – unabhängig davon, ob die Heilige wirklich heiliggesprochen wurde. (DD).

Pferd mit Eimer

Der schöne Klamovka Park im Stadtteil Košíře (Prag 5), der im 18. Jahrhundert von der Adelsfamilie Clam-Gallas angelegt wurde, war Gegenstand des letzten Beitrags dieses Blogs.

Dort steht auch das Denkmal von Cassel. Ein ganz besonderes Denkmal! Bei Cassel handelt es sich nicht um einen Kriegshelden oder unsterblichen Dichter oder wer sonst so auf Denkmalssockeln steht. Nein, es handelt sich einfach um ein Pferd. Nicht um ein Pferd mit Reiterhelden, sondern nur um ein Pferd als solches. Und zwar um ein Pferd, das ein selbst für Pferde doch recht ungewöhnliches Denkmal gesetzt bekam.

Cassel gehörte einem prominenten Mitglied einer großen Adelsfamilie, nämlich Eduard Graf Clam-Gallas. Der veranlasste die Aufstellung des Denkmals um das Jahr 1838. Der Künstler lässt sich heute nicht mehr feststellen. Graf Eduard war vor allem als Militär bekannt. Er kommandierte ab 1850 das I. Böhmische Armeekorps, das er 1859 in den für die Habsburger Seite verlorenen Sardinischen Krieg (der die österreichische Herrschaft über viele italienische Länder beendete) führte. Er nahm dabei auch führend an den für die österreichische Seite verlorenen Schlachten von Magenta und Solferino teil, von den die letztere so blutig war, dass sie zur Gründung des Roten Kreuzes Anlass gab.

Sein Pferd Cassel dürfte daran aber schon nicht mehr teilgenommen haben. Das galt wohl auch für den nächsten großen Krieg, an dem der Graf leitend teilnahm. Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 nahm er – inzwischen General der Kavallerie – an der Schlacht von Jičín (damals Gitschin) teil. Die ging für Österreich so verloren, dass der gute General darob sogar vor dem Kriegsgericht landete. Er wurde freigesprochen – ob aufgrund seines hohen Adelstitels oder tatsächlicher Unschuld, scheint irgendwie ungeklärt und eine Frage von bloßer Meinung zu sein. Auf jeden Fall zog er sich danach ins Privatleben zurück – möglicherweise, um sich der Pferdeliebhaberei zu widmen.

Zurück zu Cassel: Wenn das Denkmal tatsächlich um 1838 entstand, war der Graf zu diesem Zeitpunkt noch ein junger Major. Zudem erbte er zu dieser Zeit das Anwesen bei Prag. Der Graf dürfte im Leben viele Pferde besessen haben, von denen etliche gefährlichen Situationen ausgesetzt waren. Dieses Pferd, über das wir sonst wenig wissen, war wohl eher eine Jugendliebe. Entsprechend putzig ließ er es darstellen. Nicht in Heldenpose und voller Größe, sondern als Kopf, der aus dem Sockel schaut. Auf der Säule steht ein Eimer – im Kontext von Denkmälern ein eher ungewöhnliches Accessoire. Es ist die Sorte von Holzeimer, die der Graf in diesem Fall (Lieblingspferd!) vielleicht sogar persönlich ab und an nutzte, um sein Pferd zu tränken. (DD)

Kompliziertes Erbe der Habsburger: Die Prager Hausnummern

Keine Frage: Die Kartusche aus feinem Stuck mit dem hübschen Löwenkopf macht schon etwas her. Sie befindet sich über dem Türsturz des um 1905 gebauten neobarocken Mietshauses in der Trojanova 1993/5 im Süden der Neustadt. Aber was bedeutet die Inschrift „Čís 1993“ in der Mitte? Jetzt ist vielleicht die Zeit gekommen, das gar nicht so leicht verständliche System von Hausnummern in Prag bzw. ganz Tschechien zu erklären.

„Čís“ steht hier nämlich für „Číslo“, was das tschechische Wort für „Nummer“ ist. Manchmal genügt auch das einfache „Č“, wie man auf dem Bild links, dem Eingang des neobarocken Hauses am Masarykovo nábřeží 238/20 erkennen kann. Dass Häuser nummeriert werden und eine Hausnummer sichtbar an der Fassade tragen, ist zwar für das Auffinden eines Hauses, das man aus irgendeinem Grunde besuchen will, sehr praktisch, ist aber historisch gesehen eine relativ neue Idee. Im Mittelalter hatte man allenfalls Straßennamen. Prag war aber nach heutigen Maßstäben klein und überschaubar. Zudem gab es Prag im eigentlichen Sinne noch nicht, denn die Stadt wurde erst 1784 aus den bis dato recht selbständigen Städten Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Burgstadt zusammengesetzt. Da fand man sich auch ohne Nummern noch so einigermaßen zurecht.

Trotzdem stellte sich ab dem 14. Jahrhundert (der Blütezeit Prags unter Karl IV.) ein gewisses Gefühl der Unübersichtlichkeit ein. Es tauchten die ersten Hausschilder auf, die der Identifikation des Hauses für den Suchenden dienten (wir zeigten u.a. Beispiele hier, hier und hier), was aber auch nie so recht zielführend war. Die Häuser bekamen Schilder über der Tür angebracht, die zunächst meist auf Holz gemalt waren. In der Blütezeit des Hausschildes, dem Zeitalter des Barocks, wurden sie meist in reich ornamentierte Kartuschen aus Stuck eingefügt – mal gemalt, mal als Relief. Das waren oft regelrechte Kunstwerke und Statussymbole, wie man es etwa hier an dem passend Haus zur Blauen Traube (dům U Modrého hroznu) genannten Gebäude in der Husova 227/15 (Altstadt) sehen kann. In einer Nische sieht man zwei lebensgroße Männer als Relief eine weit überlebensgroße blaue Traube transportieren. Das Ganze entstand um 1726-1737 als hier zwei kleine gotische Häuser zu einem großen barocken Haus zusammengelegt wurden.

Solche Hausschilder hatten meist einen Bezug zum dem Gewerbe, das in dem jeweiligen Haus betrieben wurde (als eine Art Werbung), wofür wir bereits hier ein Beispiel zeigten. Die drei Ringe, die wir bei dem passend Haus zu den Drei Goldenen Ringen (dům U Tří zlatých prstenů) genannten, um 1840 klassizistisch modernisierten Gebäude aus dem Spätbarock sehen, könnten also auf einen Goldschmied als früheren Besitzer hindeuten. Hausschilder konnten aber auch andere Motive (Heilige, astrologische Symbole, Tiere, etc.) beinhalten. Es waren Bilder, die das Haus irgendwie einzigartig und erkennbar machen sollten. Da das aber nicht verpflichtend war, war aber nicht garantiert, dass das Haus, was man finden wollte, auch so ein Hausschild zum eindeutigen Erkennen hatte. Wegen Namensgleichheiten konnten zum Beispiel auch Verwechslungen entstehen. So gab es etwa etliche Gasthäuser, die sich „Zum Schwarzen Pferd“ (U Černého Koníčka) nannten und eine entsprechende Darstellung eines schwarzen Pferde als Hausschild hatten (Beispiele präsentierten wir hier, hier und hier).

Noch gravierender war das Problem bei Heiligenmotiven, bei denen vor allem die Maria so viele unzählige Male mit dabei war, dass sie aufhörte einem Alleinstellungsmerkmal auch nur nahe zu kommen. Hier sehen wir als Beispiel das von einer üppigen Barockkartusche mit Putten umrahmte kleine Marien-Hausschild des Hauses U Voglů am Malostranské náměstí 262/9 (Kleinseitner Ring) aus dem 18. Jahrhundert. Hausnummern aus Zahlen sehen zwar nicht so hübsch aus wie Hausschilder mit Marien- oder Pferdebildern, sind aber unverwechselbarer und eindeutiger zu identifizieren. Und wenn man den Namen oder das Hausschild kannte, wusste man noch lange nicht, wo sich das Haus befand. Man musste sich wahrscheinlich irgendwie durchfragen. Dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Teilen des Habsbugerreichs in einigen Städten sogenannte Häuserschematismen (so etwas wie Straßen- und Häuserverzeichnisse) veröffentlicht wurden (in Wien ab 1701), half ein wenig beim Auffinden – vorausgesetzt man war kein Analphabet, was aber ein Großteil der Bevölkerung damals noch war. Kurz: Es bestanden in jeder Hinsicht Möglichkeiten zur Optimierung in Sachen Hauskennzeichnung.

Dieses Projekt nahm in den Zeiten der Aufklärung Schwung auf. Im Jahre 1770 ordnete Kaiserin Maria Theresia, eine aufgeklärte Absolutistin, die Einführung von Hausnummern im ganzen Reich und beginnend mit Wien an. Das war komplizierter als man heute denken würde und folglich war das Nummernsystem noch etwas verwirrend für heutigen Beobachter. Hausnummern beruhen auf Voraussetzungen, die damals zunächst noch nicht exisitierten und erst im Absolutismus geschaffen wurden. Zur Erfassung und Nummerierung (anfänglich machten das Beamte mit Pinsel und Farbe, wie dereinst bei 4711 in Köln) muss man ja erst ein Bevölkerungs- Eigentümer- und Häuserregister haben. Unmengen von kleinen Kommission wanderten 1770/71 durch die Lande, klopften an Türen und erfassten, was sie erfassen mussten. In der Reihenfolge, in der erfasst wurde, wurde auch die Nummer vergeben. Als das fertig war, entwickelte sich langsam so etwas wie moderne Grundbücher, die dann auf Erlass von Kaiser Franz II. 1794 als Hauptbücher im Habsburgerreich verpflichtend wurden. Fortan wurden die Nummern bei Neubauten in der zeitlichen Reihenfolge des Baus in einer Stadt vergeben. Diese Art der Zählung nennt man Konskriptionsnummer. Oberhalb links sieht man ein Beispiel in der Záhřebská 876/29 in Prag-Vinohrady mit der Nummer 876 in Glas graviert (Ende 19. Jahrhundert).

Ja, die Konskriptionsnummer, für die es noch keine staatlich festgelegten Schilder gab, befeuerte die künstlerische Phantasie von Architekten, die sich bei der Kreation von Stuckornamenten nur so übertrafen – wie etwa bei dem Haus mit der im Jugendstil beadlerten“Čís 1659″ in der Laubova im Stadtteil Žižkov (Bild rechts). Aber: Bein Suchen einer Adresse war dieses System, das zwar die bürokratische Verwaltung (z.B. Steuer- und Abgabenerhebung) vereinfachte (was auch zunächst das Primärziel war), für den suchenden Bürger nicht wirklich hilfreich. Hausnummern, die chronologisch-numerisch aufeinander folgten, konnten in Wirklichkeit räumlich weit entfernt von einander liegen. Das riesige Bevölkerungswachstum und das Anwachsen der Städte verlangte nach einem anderen Nummersystem. Deshalb führte man im Habsburgerreich 1862 zusätzlich die sogenannte Orientierungsnummer ein. Das ist die heute auch in Deutschland übliche Hausnummer, bei der die Häuser in numerischer Reihenfolge in der jeweiligen Straße „aufgereiht“ sind. Mit einem solchen System konnte sich jeder mit Hilfe des Straßennamens und einer Zahl in einer Stadt orientieren. Das ist der Grund, warum man sie Orientierungsnummer nannte. Das System wurde wechselseitig praktiziert, d.h. die gerade Ziffern auf der einen, die ungeraden auf der anderen Seite der Straße. Das war keine Habsburger Erfindung, sondern wurde erstmals in Amerika (genauer: in Philadelphia 1780) eingeführt und trat dann 1805 in Paris seinen Siegeszug durch Europa an.

Aber was macht Prag so besonders und anders als andere europäische Städte? Nun, Tschechien gehört zu den wenigen Ländern, die beide Hausnummersysteme, die Konskriptionsnummer und die Orientierungsnummer, heute noch gleichzeitig verwenden. Auf Tschechisch: Číslo popisné und Orientační číslo, heutzutage meist čp. und čo. abgekürzt. Man kann die heutigen Nummernschilder leicht unterscheiden. Wie fast überall in der Welt handelt es sich um kleine und landesweit uniform gestaltete Metallschilder, die mit Emaille beschichtet und weiß beschriftet sind. In Prag/Tschechien sind die Schilder der Konskriptionsnummer rot und die Orientierungsnummern blau emailliert – so wie hier in der Ostrovní 225/1 in der Neustadt (Nové Město) bei einem Gebäude des Nova Scena-Theaters.

Diese einfache Methode der uniform gestalteten Emaille/Blech-Schildchen ist aber relativ neu. Im 19. Jahrhundert, als die Sache so richtig konsequent in der Stadt eingeführt wurde, überließ man die konkrete Ausgestaltung der Nummerierungspflicht noch der eigenen Kreativität der Hausinhaber. Deshalb sieht man an den Türen älterer Häuser manchmal kleine Kunstwerke – oft in Stuck (dabei oft an alte Hausschilder anspielend), aber auch in Glasgravur oder auch Buntglas. Letzteres macht sich besonders hübsch, wenn der Eingangsbereich von innen beleuchtet ist, wie man links am Beispiel des Hauses in der Americká 415/36 (ein Neorenaissancegebäude, ca. 1890) sehen kann.

Meistens sieht man dabei nur die Konskriptionsnummer. Spätestens mit der Einführung der Orientierungsnummer erwies sich nämlich die abschraub- und austauschbare Kleinplakette als wesentlich praktischer als eine große Stuckarbeit. Denn was ist, wenn sich Hausnummern ändern? Rechts sieht man eines der wenigen Häuser, bei denen sowohl Konskriptions- als auch Orientierungsnummer schon beim Bau des Hauses in Stuck fest in den Türsturz gegossen wurden. Heute hat das Haus die Nummer Gorazdova 333/18 (wie man an den hier hineinkopierten Blechplaketten sieht). Als das Haus 1905 gebaut wurde, befand man sich noch in der Podskalská 333/72. Die Straße wurde 1947 umbenannt und schon kurz nach dem Bau des Hauses hatte sich die Straße durch die Anlage des nahen Palackého náměstí (Palacký Platz) so verkürzt, dass die Orientierungsnummer 72 in 18 umgewandelt werden musste. In Blech stimmt das Ganze, während der Stuck weiterhin die alte Nummer verewigte. Kuriose Beobachtung: Die Stuck-Orientierungnummer wird nicht „čo“, sondern „čn“ abgekürzt. In den Anfängen sprach man nämlich oft salopp von der Neuen Nummer (čislo nové).

Aber: Die Konskriptionsnummer blieb stets, wie sie war, nämlich 333 – genau wie etwa die bei dem rechts abgebildeten Haus in der Varšavská 1338/15 (ca. 1880/90) in Prag 2. Das Fazit der Geschichte: Die Konskriptionsnummer ist äußerst langlebig , weshalb es zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem normierte Metallplaketten angebracht wurden, sinnvoll oder praktikabel war, sie in die Architektur des Hauses künstlerisch zu integrieren. Bei der Orientierungsnummer ist das eindeutig nicht der Fall. Nun hat sich aber die wesentlich praktischere Orientierungsnummer am Ende überall in der Welt durchgesetzt. In der Habsburger „Mutterstadt“ Wien wurden sie in einer Reform 1958 zwar formell beibehalten, de facto befindet sich seither an den meisten Fassaden nur noch die Orientierungsnummer. Manchmal ist die Konskriptionsnummer anscheinend noch innen im Hausflur angebracht.

Nur inTschechien und der Slowakei feiert die Konskriptionsnummer immer noch fröhliche Urständ – wenngleich immer mit der Orientierungsnummer verbunden, um die Orientierungslosigkeit der Menschen in den Straßen zu minimieren. Ganz gelingt das nicht immer, denn manchmal wird in irgendwelchen Verzeichnissen die Reihenfolge der Nummer (etwa 12/2100 statt 2100/12) vertauscht. In der Regel ist die Konskriptionsnummer die höhere Ziffer und damit leicht identifierbar (Beispiel rechts, das Neo-Rokokohaus in der Římská 1276/36). Aber es gibt auch Häuser, bei denen beide Nummern klein sind (etwa 14/13). Da wird es schwieriger. Erst, wenn man vor dem Haus steht, kann man die Nummern wegen der Farben der Schilder klar zuordnen. Das alles mag man kurios finden. Aber man verdankt der Weiterexistenz der Konskriptionsnummer immerhin auch das Weiterleben ausgesprochen hübscher und manchmal geradezu in künstlerischer wertvoller Form gestalteter Nummerierungen als integrales architektonisches Element in alten Häusern.

Ach ja, bevor man bei älteren Gebäuden jede in Stuck gearbeitete hohe Nummer über dem Türsturz für eine Konskriptionsnummer hält, sollte man darauf achten, dass das wirklich ein „Čís“ oder „Č“ davorsteht. Es gibt nämlich noch ein zusätztliches Element der Verwirrung in Sachen „Nummern auf Häusern“. Vor machen Ziffern steht nämlich die Abkürzung L.P., was eine Hausnummer (ganz gleich, welche) ausschließt. Die Abkürzung steht für léta Páně, was soviel heißt wie: Im Jahre des Herren. Und das bezieht sich auf das Jahr der Fertigstellung des Hauses, das hier zelebriert wird. In dem links gezeigten Beispiel, einem neobarocken Haus in der Římská in Vinohrady, ist das Baujahr 1904 und nicht die Konskriptionsnummer festgehalten, während die Hausnummer 1248/34 lautet. So kompliziert kann es hier in Prag mit der Nummeriererei bei Häusern sein. (DD)

Und hier noch mehr Bilder schöner Hausnummern aus Prag…

Noch ein Bild als Nachtrag: Eine feine Jugendstil-Konskriptionsnummer in der U Nových Vil 176/11 in Prag-Strašnice, entstanden um 1908.

Ein weiteres und seltenes Beispiel, wo beim Bau eines Hauses am Náměstí Míru in Vinohrady (im Stil des Neobarock, um 1902) die Konskriptionsnummer (1220) und die Orientierungsnummer (19) fest in Stuck gegeossen wurden, was sich später rächte. Denn später wurde aus der Orientierungsnummer 19 eine Nr.3 auf blauem Blech. Die Konskriptionsnummer blieb.

Groteske Grimasse

Immer wieder blickt man auf Prager Fassaden in groteske Gesichter, die herrliche Grimassen schneiden. Dieses hier befindet sich am Rande der Altsstadt.

Bei dem Gebäude handelt es sich um das Das Haus zur Goldenen Schaufel (Dům U Zlaté lopaty) in der Na můstku 384/3. Ursprünglich befanden sich hier hier zwei mittelalterliche (gotische) Häuser, von denen man bei einer Renovierung des dreistöckigen Hauses vor einigen Jahren noch viele Reste fand. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die beiden Häuser zu einem einzigen zusammengefügt und optisch in einem Guss gestaltet, nämlich in jenem Barockstil, der das Haus immer noch ausmacht, und der in dem Portal mit der lustigen Grimasse (ein sogenannter Maskaron in Form eines Wesens, das teils Muschel, teils Mensch zu sein scheint) seinen Höhepunkt findet. (DD)

Die einzige kubistische Straßenlaterne der Welt

In Sachen Laternen hat Prag ja bekanntlich einiges zu bieten. Aber diese hier ist einzigartig. Denn nur einmal in dieser Welt gibt es eine echte kubistische Straßenlaterne.

Die steht hier am Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) seit dem Jahr 1912. Entworfen wurde sie von dem Architekten Emil Králíček , der schon u.a. hier, hier, hier und hier Gegenstand unseres Blog war. Dessen Bedeutung für das Stadtbild Prags kan man kaum unterschätzen. Er arbeitete nämlich für den bekannten Bauunternehmer Matěj Blecha, der einen großen Teil der Umgestaltung des Wenzelsplatzes zur Zeit der Jahrhundertwende (Beispiel hier) zu verantworten. Und Králíček wurde dadurch zu einem führenden Repräsentanten des modernen und avantgardistischen Prags. Er versetzte dem zuvor das Stadtbild des neuen Prags dominierenden Historismus quasi den Todesstoß.

Begonnen hatte Králíček als Schüler eines der Pioniere des Jugendstils, Joseph Maria Olbrecht. Aber hier in Prag begann er um 1911/12, dem Jugendstil zu entwachsen und mit dem Kubismus zu liebäugeln. Dessen eigentlicher architektonischer Pionier in Böhmen wurde er. Die Straßenlaterne stellt einen Teil der künstlerischen Entwicklung Králíček dar. Sie gehört nämlich zu dem Gebäude der ebenfalls von ihm erbauten Adamova Lékárna (Adam Apotheke), über die wir bereits hier berichtet haben. Deren Vorderseite kann man auf dem Wenzelsplatz bewundern. Sie ist noch in einem seltsam anmutenden Spätjugendstil gehalten Die Rückseite des Gebäudes ist schon im streng geometrischen Kubismus gefasst und genau vor dieser Rückseite zum Jungmann Platz steht die Laterne.

Künstlerisch hat Králíček mit der Gestaltung der Laterne in mancher Hinsicht den kristallinen Kubismus in der Malerei (u.a. Picasso) vorweggenommen. Geometrische, meist „kristallin“ dreieckige Flächen werden ineinander verschoben. Der Steinsockel setzt dies nach unten in einer Weise fort, dass die Laterne dort – wie praktisch! – eine Sitzmöglichkeit bietet. Die eigentliche Laterne, die auf die Säule wie mit Krallen bewehrt aufgesetzt ist, setzt die Idee als feine Metallkonstruktion verspielt fort. Die innovative Idee des Architekten wird noch deutlicher, wenn man die Laterne nun – wie im großen Bild oben – in Kontrast mit dem historistischen Gebäude dahinter setzt.

Touristen setzen sich gerne mal auf den Sitzsockel der Laterne. Die Möglichkeit, auf einem bedeutenden Kunstwerk zu sitzen, sollte man sich auch nicht entgehen lassen. Wer das getan hat und anschließend noch mehr vom Leben erwartet, kann sich nur wenige Meter entfernt in den Biergarten der Gaststätte U Pinkasů (wir berichteten hier), der ältesten Pilsnerkneipe Prags. Aber man sollte dabei den Besuch der Laterne nicht nur als Vorwand nehmen. Sie hat unsere volle Aufmerksamkeit verdient – als eine kulturelle Rarität sondergleichen. (DD)

Die Brücke der Kommunalpolitiker

Sie haben es geschafft, ihr Andenken zu erhalten. Denn es ist nicht anzunehmen, dass sich sonst noch jemand an die meisten von ihnen erinnern würde. Als die Brücke 1912 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet wurde, gab es darüber in der Öffentlichkeit durchaus Unmut und Kritik über den bei Politikern durchaus üblichen Willen zur Selbstdarstellung. Aber worum ging es eigentlich?

Es ging zunächst einmal um die Hlávka-Brücke (Hlávkův most), die von den damaligen Kommunalpolitikern anscheinend genutzt wurde, sich selbst Denkmäler zu setzen. Mit der Brücke sollte eine Anbindung des Zentral-Schlachthofes (heute ein riesiges Markt-Gelände) in Holešovice zum am östlichen Ufer der Moldau gelegenen und heute nicht mehr existierenden Bahnhof Těšnov im Stadtteil Karlin geschaffen werden . Sie kreuzte dabei die im Fluss gelegene Štvanice-Insel mit der schönen Elektrárna Štvanice (Wasserkraftwerk Štvanice). Das war eine sinnvolle Infrastrukturmaßnahme.

Die Brücke trägt ihren Namen nach dem bedeutenden Architekten, Kunstförderer und Wissenschaftsmäzen Josef Hlávka, über den wir schon hier berichteten. Und an der Realisierung waren etliche große Architekten und Bildhauer beteiligt, so dass man sagen darf, dass es neben der Karlsbrücke kaum eine andere Prager Moldaubrücke gibt, die so reich und hochwertig skulptural ausgeschmückt ist. Erbaut wurde sie von 1909 bis 1912 von dem Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl. Vor allem Janák gilt als einer der bedeutendsten Architekten des frühen 20. Jahrhundert und als einer der Pioniere des Kubismus, von dem man schon bei dieser noch einem historisierenden Jugendstil verpflichtenden Brücke Spuren erkennen kann. Zusammen mit dem Architekten Vlastislav Hofman sollte er dann später 1911 bis 1916 die erste vollständig kubistische Brücke, die Mánes-Brücke, erbauen.

Jánaks und Mencls Brücke reichte vom Ostufer zur Insel, wo sie mit der 1908 bis 1910 von dem Architekten František Prášil Stahlbrücke zusammenwuchs, die Altstadt und Insel verband, und die wiederum eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1869 ersetzt hatte. Die neue Gesamtbrücke war mit 16 Metern Breite (die 1958 bis 1962 auf 28 Meter verbreitert wurde) allerdings den neuen verkehrstechnischen Bedürfnissen der Großstadt angepasst. Der Straßenbelag bestand übrigens ursprünglich aus Hartholz. Mit zunehmendem Autoverkehr wurde der aber zu einer Gefahrenquelle ersten Ranges (Rutschrisiko) und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Asphalt ersetzt. Prášils Brücke fiel im Gegensatz zu der Jánakschen/Menclschen Brúcke 1962 sozialistischer Stadtplanung zum Opfer und wurde durch ein recht brutalistisch anmutendes Konstrukt des Architekten Stanislav Hubička (wir berichteten hier) ersetzt, das man im Bild oberhalb links sehen kann.

Nun aber doch zum Stein des Anstoßes, den Skulpturen. Kein Zweifel: an Kunst und Qualität sparte man hier nicht. Nur die besten unter den böhmischen Bildhauern wurden angeheuert, um die aus drei großen (über den Fluß) und vier kleinen Bögen (auf der Insel) bestehende Brücke kulturell aufzurüsten. Schon am Ufer bei Holešovice fährt man beim Auffahren zwischen gigantischen (jeweils 5 Meter hoch, 16 Tonnen schwer!) Allegorien auf die Humanität (kleines Bild links) und auf die Arbeit (rechts) hindurch – beide ein Werk des bekannten Bildhauers Jan Štursa, den wir u.a. schon hier erwähnten.

Auch gegen die überlebensgroßen Reliefs mit Aktdarstellungen (m/w) der beiden damaligen Starbildhauer Bohumil Kafka, und Ladislav Kofránek lässt sich künstlerisch und auch sonst nichts einwenden. Beide waren Schüler des großen Josef Václav Myslbek, dem wir die Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken – ein Nationalbildhauer, sozusagen! Kafka sollte später die riesige Reiterstatue des Hussitenführers Jan Žižka auf dem Nationaldenkmal am Vítkov erschaffen. Die Skulpturen machen die Brücke jedenfalls zusammen mit ihren klassischen Versatzstücken zu einem echten Kunstwerk. Man findet sie dort, wo die Brücke die Insel überquert. Es handelt sich um frühe Moderne vom besten!

Nein, es geht vielmehr um die 12 Portraitbüsten, die den Brückenverlauf zum Ostufer an beiden Seiten säumen. Jede mit medaillenförmiger Rahmung in Stein rund 2,5 Meter hoch. Sie sollten ursprünglich und eigentlich bedeutende zeitgenössische Personen aus Technik und Gesellschaft darstellen. Auch sie sind künstlerisch über jeden Zweifel erhaben. Schließlich waren sie das Werk der großen Bildhauer Josef Mařatka und Otto Gutfreund (auch ein Pionier des Kubismus!), die bis heute ihren Ehrenplatz in der Kunstgeschichte innehaben. Aber die Auswahl der Porträtierten kam dann doch für die Öffentlichkeit überraschend.

Fand man den Namensgeber der Brücke, Josef Hlávka, darunter? Fehlanzeige! Oder gar den Architekten Jának? Auch Fehlanzeige! Eigentlich hatten nur die Ratsherren, die das Projekt genehmigt hatten, beschlossen, dass sie selbst und einige ihrer Vorgänger den Ehrenplatz an der Brücke verdient hätten. Motto: Kommunalpolitiker ehren Kommunalpolitiker. Die Zeitgenossen wunderten sich. Aber immerhin lernen wir dadurch heute, während wir die große Porträtkunst Mařatkas bewundern, dass es einmal (zur Zeit des Brückenbaus) einen zweiten Stellvertretenden Bürgermeister namens Václav Kasalický (kleines Bild links) gab, der einen großen Schnäuzer trug. Eine bedeutsame Erkenntnis, das mit dem Schnäuzer! Bildung schadet ja nicht.

Tomáš Černý, den man auf der gegenüber liegenden Seite der Brücke bewundern kann, hatte einen kleineren Schnäuzer (dafür durch einen Spitzbart ergänzt), aber dafür hatte er es immerhin 1882 zum Ersten Bürgermeister gebracht. Das ist ja nicht nichts, um es mit der typisch tschechischen Doppelnegation auszudrücken. Aber inzwischen ist ja sowieso Gras über die ganze Angelegenheit gewachsen. Was bleibt, ist der künstlerische Wert der Skulpturen, der ja nie bestritten wurde. Auch ihn kann man am besten erschließen, wenn man die Brücke von der übrigens recht großen und sogar per Fähre (und natürlich über die Brücke) erreichbaren Štvanice Insel aus besichtigt, die sowieso mit ihren gepflegten Grünanlagen zum Spazieren einlädt.

Und am Ende ereignete sich in den frühen 1980er Jahren die vielleicht oder vielleicht auch nicht günstige Schicksalsfügung, dass zwei der Büsten irreparabel zerstört waren. Das bot die Chance zu einer gewissen Wiedergutmachung. Der Bildhauer František Häckel wurde damit beauftragt, neue Büsten anzufertigen. Und so sind – wenngleich verspätet – Hlávka und Jának doch noch zu Ehren gekommen. Ihre beiden Büsten, von Häckel in Dampfbeton gestaltet, befinden sich seit 1984 an prominentester Stelle an der flussabwärts gewandten Seite der Brücke. Ästhetisch sind sie gut eingepasst. Auf dem Bild links sieht man den gabelbärtigen Hlávka links und den glatzköpfigen Jának rechts oberhalb eines Brückenpfeilers – wo sie auch hingehören. (DD)

Buuredanz in Vršovice

Wenn man so etwas sieht, denkt man als Rheinländer natürlich sofort an die Bläck Fööss und den Buuredanz. Aber wir sind hier nicht in Birkesdorf, sondern im Prager Stadtteil Vršovice, wo man noch ein ganz klein wenig daran arbeiten muss, um den Bläck Fööss zu ihrer überall verdienten Popularität zu verhelfen.

Die stilvolle Hausfassade mit dem Bauerntanz (für Rheinländer: Das ist „Hochdeutsch“ für Buuredanz) findet sich in der Žitomirská 595/35 in ebenjenem Vršovice, das sich in den letzten Jahren von einem etwas abgehängten Stadtteil zu einem als „total hip“ eingestuften Viertel hinaufgentrifiziert hat. Und bei dem dazugehörigen Haus handelt es sich um ein Miets- und Wohnhaus im späten Jugendstil feinster Ausprägung.

Erbaut wurde es in den Jahren 1910 bis 1911 vom Architekten und Baumeister Václav Šourek. Das fünsfstöckige Haus zeichnet sich durch seine Balkone im ersten und zweiten Stock, die das Gebäude horizontal, und den große Mittelerker, der es vertikal zu teilen scheinen, und die zurückhaltenden floralen und geometrischen Stuckaturen auf der gesamten Fassade aus. Das Haus wurde immer gut in Schuss gehalten, aber die Renovierungen von 1935, 1978, 1981 und 1991 haben den Grundcharakter der Architektur nicht elementar verändert.

Der Hingucker sind natürlich die hübschen bunten Reliefs aus Keramik, die fröhliche Szenen des Landlebens beim Dorffest zeiegn. Man sieht in verschiedenen Varianten auf Höhe des ersten Stock und des Dachgiebels. Das Sujet war populär bei Gebäuden in dem zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhundert, vor allem in Orten, die sich – wie Vršovice – gerade vom ländlichen Dorf zum urbanen Vorort entwickelten. Vršovice bekam 1902 sein eigenes Stadtrecht verliehen und wurde 1922 völlig in Prag eingemeindet und integriert. Aber auf der Fassade lebt das Dorf von dereinst noch immer weiter.

In dem Haus lebte von 1939 bis zu seinem Tode 1981 der in Prag wohl recht bekannte Marathonschwimmer und Ausdauersport-Trainer Oldřich Liška, an den eine Gedenkplakette aus dem Jahr 1997 erinnert. Aber die fällt beim Betrachten des Hauses nicht annähernd so auf wie die ländlichen Pärchen, die in ihrem Liebesglück den böhmischen Buuredanz genießen. Auch ohne die Musik der Bläck Fööss. (DD)

Goldbrezel

Um gutes Brot oder gar Brezeln zu finden, muss man in Prag leider immer ein wenig suchen. Das heißt nicht, dass es keine alte Backtradition gibt. Daran erinnert auf jeden Fall das Haus zum Goldenen Brezel (dům U Zlatého preclíku) in der Tomášská 22/12 (Kleinseite), über dessen Eingang diese schöne Brezel prangt.

Zierlich vergoldet ist die Brezel eingebettet in eine schöne Kartusche in Stuck im spätbarocken Stil. Es handelt sich um ein sogenanntes Hausschild, mit dem man damals oft kenntlich machte, welches Gewerbe im Gebäude betrieben wurde – als Reklame, sozusagen (frühere Beispiele hier und hier). Man liegt dann doch in aller Wahrscheinlichkeit richtig, wenn man vermutet, dass hier in diesem Haus dereinst ein Brot- und Brezelbäcker seinem ehrenwerten Handwerk nachging, dessen Laden allerdings heute eine Kneipe beherbergt. Aus Gründen des Denkmalsschutzes (seit 1958 übrigens) verbot es sich natürlich, deswegen die Stuckbrezel etwa durch eine Bierflasche zu ersetzen.

Ursprünglich stand hier ein Renaissancegebäude, das zum des Augustinerklosters um die Kirche St. Thomas (kostel svatého Tomáše) – früherer Beitrag hier – gehörte, aber von diesem nach den Zerstörungen auf der Kleinseite durch das große Feuer von 1541 verkauft wurde. 1656 und 1697 erfolgten große Umbauten im Barockstil. Die prachtvolle Fassade mit der Brezel und einer gemalten Mariendarstellung über dem mittleren Fenster im ersten Stock stammt aus dem Jahre 1749. In den Jahren 1932-36 wurde das oberste Stockwerk hinzugefügt, das aber so einfühlsam im barocken Stil gestaltet wurde, dass man es gar nicht als aus dem 20. Jahrhundert stammend wahrnimmt. Aber der vorbeigehende Passant achtet wohl sowieso nur auf die putzige Brezel, die dem Haus dereinst den Namen gab. (DD)

Adventliches Dreigestirn

6. Dezember: Heute ist sein Feiertag! Und hier in Tschechien feiert man den Tag des Heiligen Nikolaus von Myra (Svatý Mikuláš z Myry) besonders heftig; jedenfalls heftiger als in Deutschland. In Prag herrscht vor allem abends fast eine Karnevalsstimmung an diesem Tag – wenngleich nicht immer so weinselig wie auf dem großen Bild hier (vor allem nicht in diesem Covid-Jahr).

Das mag daran liegen, dass hierzulande am Nikolaustag nicht nur der Nikolaus kommt, sondern etwas, das mit dem kölschen Dreigestirn fast vergleichbar ist. Es treten nämlich traditionsgemäß immer Mikuláš, Čert und Anděl – Nikolaus, Teufel und Engel – auf. Und es wird auch länger gefeiert als in Deutschland, denn die ersten Besuche oder Auftritte erfolgen schon am Abend des 5. Dezembers, dem am dann nächsten Tag (dem offiziellen kirchlichen Gedenktag beider Konfessionen) weitere Aktion folgt. Man findet sie in diesen Tagen allerorten – etwa als Schokoladenfiguren in jedem Supermarkt (Bild rechts).

Die Drei besuchen allerorten die Kinder (und Erwachsene ebenso), wobei der Nikolaus ein weises Buch mit sich führt, indem alle Verfehlungen der Kinder aufgeschrieben sind. Waren sie brav, kommt der Engel um verschenkt Süßwaren oder andere Kleinigkeiten, wenn nicht, kommt der Teufel zum Einsatz. Dessen Rolle ähnelt der des Knecht Ruprecht in Deutschland, der in Deutschland wegen seiner strafenden Funktion bei politisch korrekten Sauertöpfen etwas in die Kritik geraten ist oder der des niederländisch-flämischen Zwarte Piet (Schwarzer Peter), der gar völlig unter Beschuss steht.

Derartiges ficht die Tschechen nicht an und gerade der Teufel erfreut sich rundum hoher Beliebtheit, sowohl bei seinen Auftritten als auch in Form von Lebkuchengebäck (siehe das „Dreigestirn“ links, photographiert auf dem Weihnachtsmarkt am Friedensplatz in Vinohrady). Das mag so sein, weil die Bestrafung des Teufels nicht mit der Rute erfolgt, wie bei Knecht Ruprecht, sondern durch das Überreichen einer Kartoffel oder eines Stücks Kohle (statt der Süßwaren des Engels). Der Teufel rasselt darüber hinaus zwar mit einer Kette (řinčet řetězem), die so etwas wie eine Höllenandrohung sein soll, im schlimmsten Fall malt er die Kinder aber nur ein wenig mit der Kohle schwarz an, was denen aber eher Spaß zu machen scheint. Die Menge der schwarzen und zugleich frölichen Kindergesichter, die man am heutigen Tag wieder sehen wird, deutet entweder auf das limitierte Drohpotential des Teufels oder auf die Abgebrühtheit der Kinder.

Das „Dreigestirn“ auf dem Bild oben überraschte allerdings nicht die Kinder, sondern besuchte im letzten Jahr den berühmten Weinkeller in der Grébovka in Vinohrady, der am diesjährigen Nikolaustag leider geschlossen hat (Covid!). Der Teufel rasselte mit der Kette, der Nikolaus sagte ein bis zwei Worte, der Engel (männlich) verteilte Süßigkeiten vornehmlich an die Damen. Dann genehmigte man sich einige Gläschen Wein. Wie man rechts sehen kann, ist das Weintrinken mit falschem Bart nicht so einfach, aber dafür fanden sich hilfsbereite Seelen, die beim Bartlüpfen halfen.

Wie man sieht, kann man den tschechischen Nikolaus kaum mit seinem deutschen Gegenstück verwechseln. Denn der tschechische Heilige kommt nicht im roten Mantel daher und kann folglich auch nicht mit dem Weihnachtsmann (der eben zu Weihnachten kommt und auch einen roten Mantel trägt) verwechselt werden, der in Deutschland Nikolaus und das Christkind fast verdrängt hat, oder gar mit dem amerikanischen Santa Claus. Der tschechische Nikolaus tritt auf als das, was der echte Heilige Nikolaus im 3. Jahrhundert dereinst war: als Bischof! Er trägt deshalb einen Bischofstab in der Hand, eine Mitra auf dem Haupte und das dazu passende liturgische Obergewand (Kasel genannt).

Und dass der Nikolaus im Weinkeller auftaucht, ist auch nicht so ungewöhnlich. Das Nikolausfest ist hier tatsächlich ein wenig wie Karneval. Auch Erwachsene lieben es und man sieht normalerweise abends viele Jugendliche mit schwarz gerußten Gesichtern und verschiedenen Kostümen (nicht nur mit Nikolausbezug) herumlaufen und gute Stimmung verbreiten. (DD)

Giraffe mit Duschkopf

Vor kurzem machte noch die Aufstellung einer Statue Maria Theresias Schlagzeilen (wir berichteten), jetzt ist es eine Giraffe. Prag erlebt zur Zeit einen Boom beim Aufstellen von Skulpturen.

Seit dem 10. November steht die Žirafa (so heißt „Giraffe“ auf Tschechisch) in der Pikrtova im eher sehr modern und gewerblich bebauten Stadttteil Pankrác. Und so steht sie nun wie ein bunter Farbklecks inmitten großer Bürokomplexe. Trotz ihrer stolzen 10 Meter an Höhe nimmt sie sich fast schon ein wenig verloren aus, wenn man sich ihr von der Ferne nähert – was sich ändert, wenn man direkt davorsteht.

Von der Größe kann auch der Schöpfer der Giraffe ein Lied singen: Jaroslav Róna. Von ihm hatten wir hier bereits sein Franz-Kafka-Denkmal neben der Spanischen Synagoge vorgestellt, das bereits zeigte, was man auch bei der Giraffe sieht: Mut zum Unorthodoxen und ein wenig Schrägen. Die Giraffe hat zum Beispiel keinen Giraffenkopf, sondern stattdessen eine Duschkopf. Zurück zur Größe: Róna hatte hier gelernt. 2015 hatte er in seinem Atelier seine berühmte, lediglich 8 Meter hohe Reiterstatue von Markgraf Jobst von Mähren für die Innenstadt von Brno (Brünn) gestaltet. Dafür musste er zeitweise das Dach des abbauen. Das musste er bei der Giraffe nicht mehr tun. Obwohl man es nicht sieht, besteht die nämlich aus mehren Teilen zusammengesetzt, die erst vor Ort in Pankrác zusammengesetzt wurden.

Die Skulptur wurde in der Tat aus 180 Kupferteilen und etlichen Stücken anderen Metalls zusammengefügt. Und warum der Duschkopf? „Es ist eine fiktive Kreatur. Es wurde von einer Giraffe inspiriert, aber als ich es entwarf, sahen meine Tochter und ich Pokémon-Filme und ich wollte, dass die Statue so verspielt ist wie diese seltsamen Charaktere “, sagte Róna nach der Aufstellung vor der Presse. Das erklärt den Duschkopf- und auch, warum die Giraffe rot ist und so einen putzigen Schwanz hat.

Finanziert wurde die Giraffe nicht von den Stadtvätern bzw. -müttern im Rat, wie das so oft bei Skulpturen im öffentlichen Raum der Fall ist, sondern von einem kunstsinnigen privaten Investor, der anscheinend in der Nähe ein Büro hat. Der ließ Róna künstlerisch freie Hand, um das an dieser Stelle nicht so übermäßig attraktive Umfeld zu verschönern. Und so meinte der Künstler, es sei seine „Absicht, Skulpturen herzustellen, die in dem Raum funktionieren, in dem sie vorgesehen sind.“ Die Skulptur lockt bereits in dieser sonst eher besucherfreien Zone etliche Besucher an. Besonders bei keinen Kindern scheint sie ausgesprochen beliebt zu sein. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Rónas rote Giraffe tatsächlich hier „funktioniert“.