Der Hirschgraben – bald öffentlich

Die Prager Burg (Pražský hrad) wurde, wie man es von einer alten Wehranlage erwarten kann, an einer durch die natürlichen Gegebenheiten geschützten Stelle erbaut. Und so wurde sie dereinst von einer tiefen und steilen Schlucht an ihrer Nordseite vor feindlichen Kriegern verteidigt. Heute nennt man diese Schlucht Hirschgraben (Jelení příkop) und die Burg braucht hier gegen niemanden verteidigt zu werden. Sie ist nunmehr ein schöner Park.

In der Regierungszeit von Rudolf II., zu Beginn des 17. Jahrhunderts, war weit und breit keine Bedrohung der Burg in Sicht und so beschloss der König, aus dem Graben eine Art Park, Wildgehege und Jagdrevier zu machen. Damit verband er auch ein wenig die schon von Ferdinand I. auf der gegenüber liegenden Seite der Schlucht gelegenen Königsgärten organisch mit dem eigentlichen Burgareal.

Links und rechts des die Schlucht durchfließenden Bachs Brusnice ließ Rudolf Bäume anpflanzen. Nun hatte der König von der Burg oben eine schöne Aussicht auch eine schöne Landschafts-gartenanlage und von unten konnte er Burg und Veitsdom bestaunen wie bei einem Waldspaziergang (siehe großes Bild oben).

Unter Kaiserin Maria Theresia wurde im 18. Jahrhundert die hölzerne Brücke, die über den Garben zum Burgeingang führte, durch einen Stein- und Erdwall ersetzt, der die Schlucht in zwei Hälften teilte, weshalb der Bach unterirdisch verlegt wurde. Der Tunnel für den Bach, der inzwischen modernisiert wurde, dient auch als Fußgängertunnel, der die beiden Parkhälften verbindet. Maria Theresia hatte allerdings mit Schwierigkeiten zu kämpfen, was die Anerkennung ihrer Herrschaft (Frauen kriegten den Job normalerweise nicht) anging, worüber der Östereichische Erbfolgekrieg ausbrach. Die feindlichen Franzosen eroberten 1741 kurzfristig Prag und verwüsteten dabei auch den Hirschgraben. Mit besonderer Genugtuung schlachteten sie vor allem die Wildtiere ab.

Danach ging es aber wieder friedlicher zu. Der Hirschgraben blieb Teil der königlichen Parks an der Burg und beherbergte bald wieder Wildtiere. 1918 verschwand das Königtum und die Republik kam. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, veränderte das Aussehen des Hirschgrabens tiefgehend. Der Geist der neuen Demokratie gebot es, dass der neue Burgherr Teile des Anwesens etwas mehr der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Durch seinen Hausarchitekten Josip Plečnik ließ er auf dem gegenüberliegendem Abhang ein rundes Aussichtspavillon (kleines Bild oberhalb rechts) erbauen.

Masaryks Amtszeit hinterließ auch sonst Spuren im Hirschgraben Aus dem Krieg in Russland nach 1920 zurückkehrende Legionäre schenkten ihm einige Bären. Für die wurde ein Gehege eingerichtet, wo ein Veteran sie hütete. Erst in den Zeiten des Kommunismus in den frühen 1950er Jahren wurde die Bärenhaltung, die inzwischen nicht mehr ganz den modernen Vorstellungen von Tierschutz entsprach, eingestellt. Das ein wenig an Bauten der Gotik erinnernde (nunmehr leere) Gehege ist aber noch immer zu besichtigen.

Und im Jahre 1925 stellten direkt gegenüber Schüler der Kunstschule Hořice eine von ihnen unter der Leitung des bekannten (und sehr republikanisch gesonnenen) Bildhauers Franta Úprka angefertigte Skultur unter dem Titel Nachtwächter (ponocný) auf, um damit Masaryks 75. Geburtstag zu würdigen. Der Präsident freute sich über das Geschenk seiner Bewunderer. Die Republik endete leider mit der Nazi-Besetzung 1939. Kurz bevor die deutschen Truppen abzogen, verübten sie am 8. Mai 1945 noch einmal ein Massaker hier im Hirschgraben, bei dem 21 Zivilisten (darunter Teilnehmer des Prager Aufstands) brutal ermordet und verstümmelt wurden.

Mit dem Abzug der Nazitruppen endete das Zeitalter des Totalitarismus nicht. Schon 1948 kamen die Kommunisten an die Macht. Der Garten blieb für das Publikum geschlossen. Aber auch in dieser wurden immer wieder interessante Skulpturen im Gelände aufgestellt. So etwa die Statue des Rübezahl (Tschech.: Krakonoš), die von der Bildhauerin Františka Stupecká im Jahre 1957 gestaltet wurde.

Nach der Samtenen Revolution von 1989, die den Kommunismus beendete, wollte der neue Präsident Václav Havel das Areal gänzlich für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Zumindest den unteren Teil der Anlage sperrte allerdings einer seiner Nachfolger, Miloš Zeman, aus Sicherheitsgründen (wegen einer angeblich erhöhten Terroismusgefahr) ab. Inzwischen lässt er aber größere Renovierungen durchführen, die den Hirschgraben in besserem Zustand als bisher für alle Menschen betretbar machen.

Bis dahin wird der Hirschgraben immerhin ein- bis zweimal im Jahr zu besonderen Feiertagen (die Photos stammen vom Tag des Kampfes für Freiheit und für die Demokratie am 17. November 2019) für die Öffentlichkeit geöffnet. Da der eigentliche untere Eingang in Sachen Verkehrssicherheit noch nicht hinreichend ausgestattet ist, kann man diese Besichtigung nur auf einer sehr abenteuerlichen Kletterpartie auf notdürftig hergerichteten Holztreppen und Leitern beginnen. Aber das ist die Sache wert! (DD)

Kubistischer Zaun um kleinen Brunnen

Man mag es nicht glauben, dass nicht der Brunnen mit der Skulptur, sondern der kleine Zaun, der ihn umgibt, die eigentliche kunsthistorische Attraktion ist. Denn genau hier, zog mit ihm im altstädtischsten Teil der Altstadt, dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), die Moderne ein.

Zunächst einmal denkt man sich wohl wenig, wenn man direkt bei der barocken St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše), dort wo die Pařížská einmündet, den winzigen Brunnen mit den Delphinen (Kašna s delfíny) bemerkt. Der steht hier seit 1906 und war damals als eine Art optischer Übergang von der modernisierten Pařížská und dem Ring gedacht.

Als Architekten der Brunnenanlage traf man eine sehr konventionelle Wahl. Rudolf Kříženecký war ein Spezialist für Neo-Renaissance und damit geradezu prädestiniert, etwas zu entwerfen, dass sich ganz und gar in das traditionelle Umfeld einpasste. Er gab den drei zu einer Einheit zusammengefügten Brunnenbecken die Form eines dreiblättrigen Kleeblatts und lehnte dessen Gestaltung an die geschwungenen Barockformen der Kirche an.

In der Mitte des Brunnens setzte man eine Skulptur mit drei ineinander verschlungenen Delphinen – die dann ja auch dem Brunnen den Namen gaben. Sie wurden lange dem bekannten Bildhauer Jan Štursa (dem wir u.a. schon hier und hier begegneten) zugeschrieben. In letzter Zeit gibt es Zweifel daran. Möglicherweise sind sie auch ein Werk des Malers, Bildhauers und Dramatikers František Hnátek. Angeblich war dem Rat der auf dem Höhepunkt seiner großen Karriere befindliche Štursa zu teuer gewesen und so entschied man sich für den weniger bekannten/teueren (aber dennoch talentierten) Hnátek, heißt es.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Bildhauer zu einem eher modernen Stil hin bewegt. Štursa experimentierte mit dem Kubismus, Hnátek mit dem Symbolismus. Wer immer hier am Werke war, die Delphine sind jedoch immer noch sehr historistisch und konventionell gehalten. Im Grunde entspricht auch das Trio der Meeressäuger ziemlich vollständig den Konventionen des Barock.

Aber schon sechs Jahre später zog die Moderne kraftvoll ein. Was wahrscheinlich kaum jemand unter den sich hier drängenden Touristen bemerkt. Weil in der Nische in der er sich befindet, auch gerne allerlei Unrat abgelegt wurde, beschloss man 1912 den Brunnen zu umzäunen. Damit beauftrage man einen der damaligen „Stars“ des Kubismus, Josef Chochol (dessen Bauwerke wir u.a. bereits hier und hier vorstellten). Ganz schön viel Prominenz für solch ein winziges, nur wenige Zentimeter hohes Zäunchen! Chochol schuf nun ein aus typisch geometrischen Formen zusammenegsetztes Gitterwerk, das durch oktagone Steinpfosten getragen wird. Klein, aber fein, und typisch kubistisch ist das Ganze. Der Kubismus wurde bald eine Art tschechischer Nationalstil. Und wer in der Altstadt nach dem Beginn ebendieses Kubismus‘ sucht, der sollte diesen kleinen Zaun um diesen kleinen Brunnen nicht übersehen. (DD)

Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

Durchgestylte Residenz für den Bürgermeister

Wenn man eine in Architektur und Interieur gegossene Zelebration der Unabhängigkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik bewundern will, dann sollte man versuchen, sich vom Oberbügermeister in dessen Residenz (Rezidence primátora) – etwa zu einem Festakt – einladen zu lassen.

Die Prager Stadt-Versicherungs-Gesellschaft (Pražská městská pojišťovna) , über die wir bereits hier berichteten, schenkte die in das Gebäude der Großen Stadtbibliothek (Mariánské náměstí 1/98 in Prag 1) baulich von außen kaum unterscheidbar integrierte Residenz der Moldaumetropole, um damit das 60. Jubiläum ihrer Gründung gebührend wohltätig zu feiern. In den Jahren 1925 bis 1928 (gerade zurecht, um auch noch gleich den 10. Jahrestag der Republik zu feiern) erbaute der Architekt František Roith, dem wir unter anderem auch das Gebäude der Nationalbank verdanken, die Residenz direkt unmittelbar neben dem Neuen Rathaus.

Der Bürgermeister hatte also nicht weit zu gehen, wenn er von der Residenz ins Rathaus gehen wollte. Allerdings wurden die Räumlichkeiten überhaupt nur von dem 1919 bis 1937 amtierenden Oberbürgermeister Karel Baxa tatsächlich als Residenz im Sinne von Dienstwohnung genutzt. Ansonsten nutzt der Bürgermeister das Gebäude nur dienstlich bei Festakten, Empfängen, Kulturveranstaltungen oder Konferenzen zu denen er einlädt oder deren Schirmherr er ist – wobei er dann die Gäste meist in der Großen Empfangshalle (kleines Bild oberhalb rechts) begrüßt.

Das ganze Gebäude sollte die Modernität ausstrahlen, die die Republik verkörperte. Es handelt sich folglich um eines der frühesten öffentlichen Gebäude, die im Stil des Funktionalismus gebaut wurden, wobei man diese allerdings mit einer klassizistischen Formensprache kombinierte. DIe Vorderfront wird eigentlich von dem Haupteingang zur Stadtbibliothek dominiert und man betritt die Residenz nur über einen gesonderten Eingang an der Ostseite. Ab dem ersten Stock erstrecken sich die repräsentativen Räume der Residenz über die ganze Front. Von innen wirken daurch die acht klassizistischen Statuen des Bildhauers Ladislav Kofránek, die das Portal der Bibliothek schmücken, wie ein Teil der Residenz.

Innen in der Residenz herrscht ein gediegener und auf würdige Pracht bedachter Art Dèco-Stil vor. Das ganze ist konsequent „durchgestylt“ und wirkt auch heute noch so, denn gottlob ist das komplette Original-Interieur (selbst die Vorhänge!) erhalten geblieben. Angesichts der Zeitläufe – Naziherrschaft, Kommunismus seien genannt – ist das fast schon ein Wunder. Alleine die Möbel – meist aus zu den Wandpanelen passendem Holz hergestellt – könnten eine eigene Galerie füllen.

Schon, wenn man den Eingangsbereich betritt, beeindruckt einen das Treppenhaus, das mit einem noch im Original erhaltenen Aufzug im Innenkern verbunden ist. Vor den getönten Fenstern ergibt das einen enormen visulellen Effekt. Die Liftkultur war übrigens damals anscheinend viel luxuriöser als heute. Der Lift verfügt über ein kleines, mit dicken Lederpolstern gezogenes Sitzsofa. Das bereitet auf geradezu grandiose Art auf den Rest des Gebäudes vor. Die Erwartungen, die nun gehegt sind, werden nicht enttäuscht.

Es gibt natürlich für Gäste etliche Salons – übrigens damals noch strikt nach Damen und Herren getrennt. Besondere Gäste werden zum Diner eingeladen. Dafür gibt es einen Speisesaal, dessen Möbiliär mit der oben im großen Bild abgebildeten Porzellanfigur eines weiblichen Aktes mit blauem Band geschmückt ist. Sie stammt von der in ihrer Zeit als eifrige Republikanerin und Frauenrechtlerin bekannten Bildhauerin Helena Johnová. Und hoch über der Tafel hängt das Gemälde „Überfluss“ (Hojnost) des Malers Jaroslav Malínský, das nicht nur die Gäste auf die üppigen Tafelfreuden einstimmen soll, sondern auch auf das eigentliche Streben des öffentlichen Amtes hinweisen, den Wohlstand der Menschen zu mehren.

Womit wir bei den politischen Botschaften sind, die sich überall mal mehr, aber meist etwas weniger aufdringlich (aber stets stilistisch passend) überall verstreut finden. DIe drehen sich zum einen natürlich um die Stadt Prag selbst. Das in Stein gemeißelte Wappen Prags in der Empfangshalle ist nur ein Beipiel. Es wurde in einem recht vorsichtig angedeutet modernen, aber sehr repräsentativen Stil von dem Bildhauer und Architekten Karel Štipl erschaffen,

Ebenfalls Prag zum Thema hat der opulente Wandteppich im Herrensalon. Er ist das Werk des Malers, Textildesigners und Bildhauers František Kysela. Der damals überaus berühmte Künstler hat seine allegorische Darstellung „Prag – Mutter aller Städte“ (Praha matka měst) ein wenig dem Stil frühneuzeitlicher Gobelins nachempfunden. Der Teppich wurde hier um 1930 aufgehängt.

Im Empfangsaal kommt aber auch ein „überstädtisches“ Thema zum Tragen, das dem Stadtrepräsentanten gerade bei der Eröffnung am Jahrestag der Republikgründung besonders am Hwerzen liegen musste – die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik!

Auf den Bronzegittern ,die die beiden Heizungen abdecken, sind jeweils vier kleine Statuen (ebenfalls aus Bronze) angebracht, die Bürger aus allen Schichten und Berufsgruppen fröhlich beim Erwirtschaften des gemeisamen Volkswohlstands zeigen – welch ein Fortschritt gegenüber den früheren Zeiten, als man noch vom Kaiser unterjocht wurde! Der Bauarbeiter, den wir etwas oberhalb links sehen, arbeitet jedenfalls mit Inbrunst für die Republik.

Nun ja, bei alledem muss der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft geradezu schwindlig geworden sein, wie sehr sie nun ihre Gemeinwohlorientierung über den Profit stellte, als sie die schöne Residenz des Oberbürgermeisters der Öffentlichkeit schenkte. Deswegen durfte ein wenig Schleichwerbung in eigener Sache sein. So darf auch ein Versicherungsangestellter frohgemut auftreten. Den Namen der Stadtversicherung ( městská pojišťovna) kann man als Reklamebeitrag über dem Türeingang, aus dem der hochmotivierte Mitarbeiter kommt, gut erkennen.

Nun aber zum Highlight republikanischen Freiheitspathos`, das man auf der Rückwand der Empfangshalle findet, dort wo meist das Rednerpult steht. Zentral auf einem Sockel steht die Büste des Gründungspräsidenten und der moralischen Autorität der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Büste, die wir heute sehen, wurde von dem Bildhauer Antonín Lhota erschaffen. Die ursprünglich hier platzierte Masaryk-Büste (urspr. Beutler, Nazis) war ein Werk des Medailleurs und Bildhauers Miroslav Beutler. Die wurde aber von den Nazis, die natürlich den liberalen und menschlichen Masaryk und sein Andenken nicht mochten, während der Protektoratszeit eingeschmolzen.

Übersehen haben die Nazis allerdings die beiden links und rechts darüber vor Fenstergittern positionierten bronzenen allegorischen Figurengruppen, die in zwei Bildern fast alles zusammenfassen, was man über das nationale Geschichtsverständnis der Ersten Republik wissen muss. Das Schwert für die Hinrichtung hält der Henker bereit, so sieht man es auf der ersten Gruppe. Die allegorisch dargestellte Bohemia – ihrer Krone beraubt, aber mutig gefasst – ist das kommende Opfer. Eine weibliche Trauerallegorie beweint sie und ihr Schicksal. Darunter die Lettern „1621“… Das bezieht sich auf die Hinrichtung der 27 Rädelsführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, dessen Scheitern die Unabhängigkeit und Freiheit Böhmens beseitigte und für Jahrhunderte die Habsburgerherrschaft festigte (früherer Beitrag hier). Die Bluttat leitete für alle patriotischen Tschechen die „Temno“ (Finsternis) genannte Zeit ein.

Und dann „1918“. Die Unabhängigkeit ist da. Ein mit einem Gewehr bewaffneter Legionär, der auf Seiten der Alliierten gegen Habsburg und die Mittelmächte gekämpft haben mag (früherer Beitrag hier), steht zum Schutz der Republik bereit. In der Mite ist Bohemia wiedererstanden und sie wird von einer Allegorie der Freiheit (mit phrygischer Freiheitsmütze) wieder gekrönt. Die Schmach der Geschichte ist getilgt, die Republik gegründet! Dieser an die Grenzen des Kitsches gehende Pathos geht letztlich doch unter die Haut. Möglicherweise – ich konnte es noch nicht verifizeren – sind die beiden Statuenbilder ebenfalls, wie die ursprüngliche Masaryk-Büste, ein Werk von Miroslav Beutler.

Wer von soviel Pathos geschafft ist, kann sich ein wenig Ruhe verschaffen im Wintergarten, der wunderschön hell und licht gestaltet ist. Ausgeschmückt ist er mit zwei geradezu klassisch im Stil des Art Dèco gehaltenen weiblichen Statuen bei einem plätschernden Brunnen (leider abgeschaltet, als ich zugegen war). Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Ladislav Beneš. Eine geschmackvoll eingerichtete Oase der Ruhe in einem beeindruckenden Gebäude. (DD)

Im Türkenkerker

Verzweifelt schauen sie aus ihrem engen Kerker heraus. Ob sie jemals befreit werden von ihrem schrecklichen Los?

Der besondere Reiz der Karlsbrücke (Karlův most; früherer Beitrag hier) , die ja bekanntlich im 14. Jahrhundert erbaut wurde, liegt nicht zuletzt in den Heiligenfiguren, die vor allem seit dem frühen 18. Jahrhundert auf beiden Seiten aufgestellt wurden. Und diese Statuengruppe ganz nah bei den Altstädter Türmen ist unter ihnen wohl die eindrucksvollste. Die im Gefängnis leidenden Gefangenen sind unschuldige Christen, die in die Hände der Türken geraten sind, was 1714, als der Bildhauer Johann Brokoff die Skulptur anfertigte, so im wesentlichen der Sammelbegriff für alle Muslime – also auch die arabischen – war.

Aber die Rettung ist nahe, denn drei Heilige nehmen sich ihrer an. Und die sind das Thema der Skulptur. Einer von ihnen ist der Heilige Johannes von Matha, der tatsächlich um 1198 auszog, um in Marokko von den „Heiden“ (die gewiss keine Türken waren) christliche Gefangene freizukaufen. Dabei half ihm später der Heilige Felix von Valois, der deshalb auch seine wohlbegründete Präsenz auf dem Sockel zeigt. Zusammen begründeten die beiden Franzosen dann den Trinitarierorden.

Etwas aus der Reihe – möglicherweise als Proporz-Böhme – fällt der Heilige Iwan, ein Einsiedler, der unweit von Prag bei Burg Karlštejn (genauer gesagt: hier) in einer Höhle seinem Eremitendasein frönte. Dabei lebte er nur von Pflanzen, die er im Walde fand, und der Milch einer Hirschkuh, die ihn – auf göttliche Fügung – begleitete. Die Hirschkuh und die goldenen Insignien weltlichen Besitzes liegen ihm hier zu Füßen. Von Muslimen in Gefangenschaft gehaltene Christen hat er allerdings nicht befreit – wohl aus Mangel an günstigen Gelegenheiten in den böhmischen Wäldern. Aber seine Frömmigkeit rechtfertigt in jedem Falle die Präsenz auf einem der Denkmalssockel auf der Karlsbrücke. Und bei so einer großen Sache musste ja auch irgendwie ein Böhme mit dabei sein.

Aber sind es wirklich die Heiligen, die den Betrachtern am meisten auffallen? Natürlich nicht, denn dazu ist der Türke mit seinem großen Turban und dem Schwert vor dem Kerker zu beeindruckend. Das Krummschwert ist aus Metall und nicht aus Stein. Seit der Errichtung wurde der Säbel immer wieder gestohlen und danach auch immer wieder ersetzt. Als das Denkmal errichtet wurde, wurde es von aufgebrachten Pragern immer wieder mit Exkrementen und Dreck beworfen. Denn, dass der muslimische Wächter eben wie ein Türke aussieht, war eine politische Aussage. Der Große Türkenkrieg (1683-1699) lag ja noch nicht lange zurück als die Statuengruppe errichtet wurde. Der sehr zeitgenössische Türke mit Turban war daher das personifizierte Feindbild schlechthin.

Ganz authentisch ist er in einer Hinsicht nicht. Da gleicht er mehr einem Tschechen. Er scheint nämlich Hundebesitzer zu sein. Und Hunde gelten im Islam als unrein, weshalb das Ganze nicht so recht zu passen scheint. Allerdings, so meinen einige islamische Rechtsgelehrte, dürfen sie als Wachhunde eingesetzt werden und sich so nützlich machen. Das macht der Hund vor der kleinen Zelle der Gefangenen mit Verve, wie man auf dem großen Bild oben sehen kann. Wenn der Türke den Hund allerdings nach der Arbeit mit zu sich nach Hause nimmt und als Schoßtier behandelt, ist es mit seiner Glaubensfestigkeit nicht weit her. (DD)

Metrokunst: Die Moldau als Thema

Von Brückenzubringern umrundet, ist die Metrostation Vltavská im eher industriell geprägten Stadtteil Holešovice von einer Betonwüste umgeben, die den Betrachter vergessen lässt, dass er sich in der „Goldenen Stadt“ befindet. Und die Station selbst, die 1984 von den Architekten Vladimír Uhlíř and Jiří Navrátil erbaut wurde, ist als Werk realsozialistischer Ästhetik erkennbar. Kurz: Es gibt möglicherweise schönere Orte in Prag.

Aber man hat sich natürlich bemüht, etwas daraus zu machen. Und so gibt es seit der Eröffnung hier auch „Kunst am Bau“. Die kreist um das Namensthema. Es sind gleich zwei Kunstwerke, die zu diesem Thema hier in oder bei der Station zu finden sind. Der Name Vltavská leitet sich nämlich vom Namen der Vltava ab, wie die Moldau auf Tschechisch heißt.

Und Vltava (Die Moldau) heißt auch das Kunstwerk, das man links beim Ausgang sieht, wenn man von unten die Rolltreppe hinaufkommt. Das an ein Bullauge erinnernde Fenster zeigt in abstrakter Form die zusammenfließenden Wassermassen des Flusses, in dem kleine Strudel und auch Herzen (den die Moldau liegt dem Prager am Herzen) zu sehen sind.

Das Ganze ist raffinierter als man zunächst anzunehmen bereit ist. Von Innen und Außen ergibt sich jeweils ein sehr unterschiedlicher Eindruck – mal hell, mal dunkel. Das sich ein wenig vom Einerlei des realsozialistischen Kunstverständnisses abhebende Fenster ist das Werk des Malers Jan Fišar und des Glaskünstlers Václav Zajíc.

Und draußen, neben der Station steht die riesige Skulptur unter dem Titel Faun a Vltava (Der Faun und die Moldau) des Künstlerehepaars Miroslav Hudeček und Olga Hudečková. Es handelt sich um eine Kombination von Skulptur und Brunnen. Das Ganze mutet jedenfalls nicht sonderlich realsozialistisch an.

Man sieht eine weibliche Allegorie des Flusses Moldau, die im Brunnen steht und weiter oben von stilisierten Wellen umgeben ist. Über dem Ganzen thront ein Flöte spielender Faun.

Weshalb dieses spielerische und ausgesprochen wenig dem „historischen Materialismus“ entsprechende Sujet für die Station gewählt wurde, ist mir nicht bekannt, aber es passt nett zum Namen und der Lage der Station.

Die Figuren und der Brunnen sind in unterschiedlich farbigem Stein erarbeitet, was den Reiz erhöht. Der innere Teil sieht fast aus, wie aus rotem Holz geschnitzt. Über die Zeit nagte der Zahn der Zeit an dem putzigen Kunstwerk, so dass 2019 eine Renovierung fällig war. Sie lässt den Faun und seinen Fluss in neuem Glanz erstrahlen. (DD)

Belle Époque in Prag

Bis zur Revolution von 1848 und ihrer Emanzipation waren die Juden in Prag gezwungen, im Ghetto in der Josefstadt zu leben. Nach der Befreiung verließen viele von ihnen den Ort, der deshalb langsam verkam und verfiel. Ende des 19. Jahrhundert nutzte man die Gelegenheit, einen großen Teil der alten, teils noch mittelalterlichen Anlage abzureißen und stattdessen Prachtboulevards wie die Pařížská ulice (Pariser Straße) aufzubauen, die denen der Seine-Metropole Frankreichs den Rang abzulaufen trachteten.

Luxuriöseste Großstadtarchitektur war angesagt. Ein wahres Meisterwerk dieser Belle Époque in Prag ist dieses fünfstöckige Geschäfts- und Wohnhaus in der Široká 96/9 (Ecke Maiselova), häufig auch Mašek Apartments genannt.

Benannt ist das überaus originell gestaltete Gebäude nach seinem Erbauer, dem damals sehr prominenten Maler, Illustrator und Architekten Karel Vítězslav Mašek, der es im Jahre 1909 im damals modernen Jugendstil plante und errichtete.

Da er nicht nur (sondern eher nebenbei) Architekt, sondern vor allem auch bildender Künstler war, legte sich Mašek so richtig ins Zeug, um so etwas wie ein Gesamtkunstwerk hinzukriegen. Kunst überzieht die ganze Fassade und selbst im Kontext der pompösen Großbürgerhäuser und Luxusläden drumherum fällt das Gebäude als ausgesprochenens Glanzstück auf. Das auffallendste Stück ist dabei das wuchtige Portal des Haupteingangs mit den beiden aufreizenden weiblichen Aktdarstellungen als Statuen (großes Bild), die aus damaliger Sicht wahrscheinlich geradezu gewagt erschienen.

Und ein paar Botschaften für das Publikum wollte der Künstler auch loswerden. Wie die meisten böhmischen Künstler seiner Zeit sah sich Mašek auch als tschechischer Patriot, der das historische und nationale Selbstbewusstsein seiner Landsleute gegenübert den habsburgischen Fremdherrschern mit seiner Kunst stärken wollte. Deshalb wurden über dem zweiten Stock schöne bunte Keramikmedaillons mit den Portraits der berühmten Herrscher Böhmens angebracht, die alle regierten, bevor die Habsburger die Fremdherrschaft einleiteten. Hier sieht man den Heiligen Wenzel, der zu den bedeutenden Herrschern der Přemysliden-Dynastie gehörte.

Und da Mašek, wie viele Jugendstilkünstler, einen Hang zum Spirituellen hatte, fand auch religiöse Symbolik ihren Eingang in die Gestaltung des Gebäudes. Unter dem Eckerker des Gebäudes über dem Erdgeschoss findet sich ein Bild der Jungfrau Maria mit dem Kinde. Es handelt sich um ein mehrfarbiges Mosaik aus Keramik. Das farbenfrohe Bild verleiht dem patriotischen Charakter des Gebäudes eine tiefere religiöse Note und bringt zugleich auch eine sehr frohe, wenn nicht gar heitere Note in das Ganze.

Heute befinden sich im Haus etliche Wohnungen und kleine Büros. Im Erdgeschoss befindet sich ein Modegeschäft im oberen Preissegment, was zum Geist der Boulevards der Umgebung passt. (DD)

Propaganda am Wohnhaus

Als die Kommunisten 1948 die Macht im Lande ergriffen, versuchten sie noch, auch in der normalen Wohnarchitektur den Anschein zu erwecken, das Arbeiter- und Bauernparadies stünde schon kurz vor der Ankunft. Noch waren nicht schmucklose Plattenbauten angesagt. Man versuchte, den Gebäuden noch einige – oft nicht so recht ästhetisch passende – skulpturale Ornamente hinzuzufügen, die natürlich stets auch ideologischen Zwecken dienten.

So auch hier über dem Eingang des nicht sonderlich ansehnlichen oder bemerkenswerten fünfstöckigen Wohnblock in der Blanická 589/5. Das Relief, das in drei Teile aufgeteilt ist, zeigt v.l.n.r. Kinder die sich glücklich zum Musizieren sammeln, pflichtbewusste Eltern aus der Arbeiterklasse mit von Idealen durchdrungenem Kind und Neugeborenen (großes Bild oben) und sportlich sich ertüchtigende Jungen. Alle dienen dem Sozialismus, alle sind glücklich. Ach, waren das Zeiten …

Diese Scheinidylle wurde an das Gebäude, das (wie viele Neubauten der 1950er Jahre) architektonisch noch in etwa dem Funktionalismus der Vorkriegszeit entspricht, 1955 angebracht. Der Entwurf für das Relief stammte von dem Bildhauer Miroslav Václavík, der immerhin ein Schüler des damals sehr bekannten Bildhauers Otakar Španiel war, dem man zum Beispiel das berühmte Denkmal für Tomáš Garrigue Masaryk vor der Burg verdankt (früherer Beitrag hier). Für so ein einfaches Objekt wie dieses Haus war das schon etwas Besonderes. Die Ausführung des Entwurfs oblag dem Steinmetz Jiři Ducháček.

Die Propaganda, die damit betrieben wurde, wirkt heute – rund 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus – recht obsolet und aus der Zeit gefallen. Aber das war sie sowieso schon sehr bald. Die Zeit spät-stalinistischer Ästhetik war 1955 schon fast vorbei. Danach machte man sich solche Mühen, die leeren Versprechungen ästhetisch zu verbrämen, nicht mehr. Auch ließen sich Künstler mit Selbstachtung und avantgardistischem Hintergrund schon bald nicht mehr so einfach dafür einspannen. (DD)

Dobřichovice – kleiner Ort mit viel Skulptur

Haifischalarm? Mitten in Böhmen? Nein, es handelt sich um ein Kunstwerk, eine Skulptur. Und wo die steht, stehen noch mehr davon. Žralok červený (Roter Hai) heißt dieses Werk der Bildhauer Ivana Junková und Jan Slovenčík, das hier 2014 aufgestellt wurde.

Wir befinden uns in Dobřichovice, einer kleinen Ortschaft mit hübschem Schloss an der Berounka, rund 20 Kilometer südwestlich von Prag und ganz nahe bei Burg Karlštejn. Der kleine Ort ist voll von modernen Skulpturen und man fragt sich bald, warum es davon eine so hohe Konzentration gibt wie man sie selbst in Großstädten selten findet.

Und damit sind wir bei Petr Váňa. Der umtriebige Bildhauer organisiert hier im Orte seit 2003 das alle zwei bis drei Ajhre stattfindende Symposion Cesta Mramoru (Marmorweg) für tschechische und auch einige ausländische Künstler. Die hinterlassen seit diesem Jahr im Orte Unmengen von Skulpturen. Und jedes Jahr kommen neue dazu. Sie verteilen sich in der ganzen Ortschaft, aber vor allem auf dem rund einen Kilometer langen Stück Landstraße, das Dobřichovice mit dem benachbarten (noch kleineren) Dörfchen Karlík verbindet.

Váňa gilt als exzentrischer, weil dezidiert katholischer Künstler (was den areligiösen Tschechen meist suspekt ist). Seit 1997 löst er immer wieder heftige öffentliche Diskussionen aus, weil er eigenständig die Mariensäule aus dem 17. Jahrhundert auf dem Altstädter Ring in Prag wiederherstellen will (früherer Beitrag hier). Die war bei Ausrufung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakischen Republik 1918 von der wütenden Menge zerstört worden, weil sie ein zentrales Symbol der Habsburgischen Fremdherrschaft darstellte. Der Plan Váňas verletzte mithin patriotische Gefühle. Erst 2013 raffte sich der Stadtrat dazu auf, die Genehmigung im Sinne des alten Stadtbilds zu erteilen. Seither weigert sich aber das Ordnungsamt, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. Der Streit geht weiter und ist nicht ganz frei von Kleingeist…

Der Output von Váňas Symposion zeichnet sich hingegen durch Abwesenheit jenes Kleingeistes aus und ist tolerant in seiner Auswahl. Avantgardistisch Modernes steht neben Skurrilem und (immer noch modernen) Rückgriffen auf traditionellere Bildhauerei. Selbst moderne Verfremdungen sakraler Themen finden hier ihren Platz, wie das rechts gezeigte Werk Květ z mojí zahrady (Blume aus meinem Garten) des Bildhauers Václav Gatarik aus dem Jahr 2009, das eine als Pflanze wuchernde Pietà darstellt, mit einer fast unheimlich gesichtslosen Jungfrau Maria.

Konventioneller ist hingegen die Skulptur Zasněný mramor (Verträumter Marmor) aus dem Jahr 2017 – ein Werk des Bildhauers Petr Novák. Mit dem Mädchen, das sich an einen Pferdehals schmiegt, können sich sicher die reitbegeisterten kleinen Mädchen der Umgebung identifizieren. Jedenfalls ist es irgendwie doch eher niedlich, denn provokant-modern.

Wiederum geradezu reduktionistisch modern und daher zu vielfältigen Interpretationen einladend ist das rechts gezeigte Werk Elementární postava (Elementare Figur) des Bildhauers Jura Plieštik. Und so findet man eigentlich als Liebhaber von Skulpuren etwas für jeden Gechmack in Dobřichovice. Und das Material, der Marmor, fügt sich ja auch schön in die Natur und das dörfliche Umfeld der ja sehr idyllischen Umgebung ein. Das empfand Váňa übrigens schon lange bevor im die Idee mit dem Symposion und dem Marmorweg kam.

Schon 1999 kam er auf die Idee, im nur zwei Kilometer entfernten Dorf Mořinka auf einem Hügel einen Menhir (bzw. einen Pseudomenhir) zu errichten, der der Landschaft dort ein geradezu vorzeitliches Gepräge gibt. Man sieht also: In der Umgebung von Dobřichovice lässt sich mittlerweile Kunst erwandern, die weit in der Gegend verstreut ist. Man kann also Kunst- mit Wandertour verbinden. Dafür sei allen Beteiligten gedankt! (DD)

Brückenbauer am Busbahnhof

Heute ist der 1. Mai – der Tag der Arbeit. Das ist die Gelegenheit, mal wieder ein wenig gute alte Arbeiterromantik zu zelebrieren. Davon gibt es in Prag genügend künstlerische Rückstände aus früheren Zeiten.

Die hier gezeigte Skulptur Mostaři (Brückenbauer) gilt unter Liebhabern des Genres als ein Meisterwerk. Erschaffen hat diese Darstellung zweier hart und motiviert Arbeitenden der damals sehr renommierte Bildhauer Karel Hladík. Das war 1946, als die Kommunisten zwar bereits stark, aber noch nicht an der Macht waren. Hladík war kein Staatskünstler des Gottwald-Regimes. Der Realsozialismus lag aber schon künstlerisch in der Luft. Zudem knüpfte er an die realistischen Tendenzen an, die schon in der Zeit der Ersten Republik vor dem Zweiten Weltkrieg en vogue waren.

Aus Gründen, die sich nicht so recht erschließen, wurde das von Beton gerahmte Bronzewerk damals nicht öffentlich aufgestellt. Das geschah erst im Jahre 1982 (als tatsächlich noch die Kommunisten regierten), weswegen Hladík und sein Werk in Gefahr gerät, in eine ideologische Ecke gestellt zu werden, für die es nicht wirklich gedacht war (prinzipiell ist ja an der künstlerischen Würdigung von Arbeit nichts falsch).

Der Ort, den man für die Skulptur wählte, ist denkbar scheußlich, nämlich direkt vor dem Fernbus-Bahnhof im Stadtteil Florenc (Prag 8). Dort ist er von viel Beton, Asphalt und vor allemWerbung umgeben. Wenn man die optisch kaum erahnbare vor-kommunistische Geschichte des Werkes nicht kennt, könnte man vor allem letzteres für eine verdiente Ironie der Geschichte halten. Tatsächlich wird das Ganze aber vielleicht Hladík nicht wirklich gerecht. (DD)