Avantgardearchitektur für Avantgardekünstler

Als der wahre Begründer einer eigenständigen tschechischen Malerei galt Josef Mánes für viele Zeitgenossen. Der spätromantische Maler stand für fortschrittliche künstlerische, aber auch politische Ideen, im Sinne einer liberalen Opposition gegen das verknöchert wirkende Habsburgertum.

Kein Wunder, dass man in Prag nicht nur eine Brücke nach ihm benannte (früherer Beitrag hier), sondern dass sich nach seinem Tod die bekanntesten Vertreter der künstlerischen Moderne unter seinem Namen versammelten. 1897 gründeten sie nämlich die Vereinigung bildender Künstler Mánes (Spolek výtvarných umělců Mánes, SVU Mánes). Und zu der gehörten große Namen des tschechischen Kulturlebens – etwa der Schriftsteller und kubistische Maler Josef Čapek, der historistische Maler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge hier und hier), der frühfunktionalistische Architekt Jan Kotěra, der kubistische Bildhauer Otto Gutfreund, und, und, und…

Es war klar, dass sich die Vereinigung auf dem Höhepunkt ihres Wirkens in der Ersten Republik ein kulturelles Zentrum erbauen ließ, dass das avantgardistischste vom Avantgardistischen war. Dazu gewann man den Architekten Otakar Novotný (der selbst Mitglied der Mánes-Vereinigung war), der 1930 den streng funktionalistischen Bau der Galerie Mánes fertigstellte. Schon 1923 hatte man den Beschluss zum Bau gefasst und 1927 mit den Arbeiten begonnen. Zu den Spendern, die die kostspieligen Bauarbeiten möglich machten, gehörten zum Beispiel Louis Nathaniel von Rothschild oder auch Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, der nicht zuletzt mit den republikanischen Vorstellungen der meisten Künstler der Vereinigung sympathisierte.

Am Masaryk Ufer (Masarykovo nábřeží 250/1) gelegen, verbindet das Gebäude wie eine Brücke die Uferpromenade mit der Slawischen Insel (Slovanský ostrov, früherer Beitrag hier). Darunter befindet sich sogar eine Schleuse. Typisch für die funktionalistische Avantgarde der Zeit sind die klaren geometrischen Formen, die die von Klarheit und Helligkeit geprägt sind. Stahl, Beton und viel Glas werden in den Vordergrund gestellt.

Kernstück ist die große Haupthalle mit ihren 300 Quadratmetern, die für Ausstellungen, aber aber für hochkarätige Veranstaltungen flexibel genutzt wird. Das Bild rechts zeigt z.B. eine Veranstaltung der tschechischen Menschenrechtsorganisation Forum2000 im Oktober 2016 mit einer Diskussion zwischen dem Dalai Lama und dem damaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman.

Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Ausstellungsräume, die vor allem für Wechselausstellungen mit moderner künstlerischer ausrichtung reserviert sind. Die Mánes-Vereinigung nutzt das Gebäude auch noch für diesen Zweck. Nur 1956 wurde diese löbliche Tätigkeit unterbrochen, denn den Kommunisten war avantgardistische Kunst zu bürgerlich und, wenn sie es nicht war, dann doch zu formalistisch. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei, genauer: im Jahre 1990, konnte der Verein sich wieder voll entfalten.

Eine Beschreibung der Mánes Galerie wäre unvollkommen, erwähnte man nicht das dazugehörige Art Restaurant (zu dem noch ein Terrassenlokal und ein Café gehört). Das bietet nicht nur eine sehr gute Küche (gehoben tschechisch und international). Es zeigt auch, wie schön funktionalistische Innenarchitektur sein kann. Die großen Fenster zur Flussseite erlauben dabei noch einen wundervollen Ausblick auf die dort träge vorbeifließende Moldau. Das Restaurant passt schlichtweg zu dem gesamten Gebäude als Rückzugsort für Kultiviertheit.

Man sollte bei einem Besuch des Restaurants übrigens nicht nur nach unten auf die Genüsse des Tellers, sondern auch nach oben auf die in große Kassetten unterteilte Decke. Die ist nämlich mit hübschen Deckenfresken versehen, die einer der großen Vertreter des tschechischen Kubismus, der Maler und Bildhauer Emil Filla, vor der Eröffnung des Gebäude angefertig hatte – auch er übrigens ein Mitglied der Künstlervereinung Mánes.

Und noch etwas fällt von außen auf. Am Gebäude und in dasselbe integriert befindet sich ein alter Turm, der stilistisch reizvoll mit dem Funktionalismus kontrastiert. Es handelt sich um den spätmittelalterlichen Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) aus dem Jahr 1495 (dem man im 18. Jahrhundert eine barocke Kuppel aufsetzte), der Teile von Alt- und Neustadt gravitativ mit Wasser versorgte, war Teil einer Mühle. Die verschwand im 19. Jahrhundert und 1882 wurde der Betrieb des Wasserwerks eingestellt. Nur mit Mühe konnte der Abriss des Turms verhindert werden. Als die Mánes-Galerie erbaut wurde, sah Architekt Novotný den Turm als eine Chance, eine harmonische Kombination von alt und neu zu erschaffen Die Baukosten erhöhten sich erheblich, weil der auf weichem Grund gebaute Turm erst durch eine Betonkonstruktion am Fundament stabilisiert werden musste. Der heutige Betrachter wird es den damaligen Geldgebern sicher danken, dass sie diese Kosten auf sich genommen haben, und so etwas besonders Bemerkenswertes entstehen ließen. (DD)

Kubismus mit Kelch

Die Tschechen sind ein ausgesprochen säkulares Volk. Vielleicht war es die Zwangskatholisierung nach der Schlacht  am Weißen Berg, die 1620 gleichermaßen die Glaubensfreiheit und die politische Selbstbestimmung Böhmens beendete, ein Grund dafür. Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, spielte die Katholische Kirche jedenfalls kaum eine identitätsstiftende Rolle für den neuen Staat. In diese Rolle drängte es nun die 1919/20 gegründete Tschechoslowakische Kirche (Církev československá), die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská), die sich als eine Art Nationalkirche der Republik definierte.

Den damit verbundenen fortschrittlichen Anspruch dieser reformistischen Abspaltung von der Katholischen Kirche (1947 wurde z.B. die Frauenordination eingeführt) versuchte man auch optisch in der Architektur neuer Gotteshäuser umzusetzen. Die erlaubten sich keine historisierenden Rückgriffe, sondern befanden sich stilistisch voll auf der Höhe der modernen Welt, wie wir u.a. schon hier und hier gezeigt haben. Insbesondere Kubismus und Funktionalismus waren angesagt. So auch hier bei dem Hussitischen Gemeindehaus (Husův sbor) in der Táborská 317/65 im Stadtteil Nusle.

Erbaut wurde das Gemeindehaus – gemäß ihrer reformistischem Selbstverständnis gibt es bei der Hussitischen Kirche kaum eigentliche Kirchen, sondern nur umfassende Gemeindehäuser, die als Gotteshaus und sozialkulturelle Einrichtung dienen – im Jahre 1925 von dem Architekten Václav Řezníček.

Die plakative Fassadengestaltung ist schon fast ein Musterbeispiel für kubistische Architektur, die in den 1920er Jahren in Prag en vogue war. Das gilt nicht zuletzt auch für den besonders riesigen Kelch, der hier in Stuck dargestellt. Der geht auf die hussitische Praxis des Laienkelchs beim Abendmahl zurück, die einer der theologischen Hauptstreitpunkte mit der Katholischen Kirche in der Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert war und später zum Symbol für ein modern-demokratisches Glaubensverständnis wurde. Zwei Kelche und das Portrait von Jan Hus kann man übrigens auch als Bleiglasfenster des Gemeindesaals im ersten Stock bewundern. (DD)

Kelch und Kubismus

Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) wurde als unierte protestantische Kirche zu Beginn der Ersten Republik 1918 gegründet und sah sich stets auch als Träger eines republikanischen Fortschrittsgedankens.

Das schlug sich auch in der Architektur der kirchlichen Gebäude nieder, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Das Hus Haus (Husův dům) in der Jungmannova 22/9 in der Neustadt ist ein besonders interessantes Beispiel dafür. Das Gemeindezentrum ist besonders bemerkenswert als eines der wenigen Beispiele für ein kirchliches Bauerk im Stil des Kubismus (ein weiteres findet sich hier). Es wurde im Jahre 1923 durch den Architekten Bohumír Kozák, der übrigens Sohn eines evangelischen Pfarrers der Böhmischen Brüder war, erbaut.

Das fünfstöckige Haus hatte zuvor etliche Bauphasen hinter sich gebracht – Gotik, Renaissance und Barock -, bevor Kozák es für die Böhmischen Brüder völlig neu gestaltete. Die Fassade unterteilte er dabei in drei horizontale Abschnitte, von denen der obere durch Pilaster vertikal strukturiert ist, während der Mittlere freie Flächen für skulpurale Ausgestaltung belässt und das Erdgesoss für Schaufenster reserviert ist. Besonders im oberen Teil (drei Stockwerke) dominiert die geometrische Ästhetik des Kubismus mit seinen Kreuz-, Rechteck- und Dreieckformen.

Ebenfalls eine aus Rechtecken konzipierte konsequent kubistische Gestaltung findet man bei den Fensterumrahmungen im mittleren Gebäudeteil. Sie sind auch rechteckeckigen Formelementen zusammengesetzt, was zwar dem kubistischen Modernismusanspruch genügt, aber das Haus auch ein wenig traditionalistisch aussehen lässt. Kozák engagierte sich nämlich auch als Architekturhistoriker und Denkmalschützer und war bei seinen frühen Werken noch stark vom Klassizismus beeinflusst, bevor er sich dann dem Kubismus und später sogar dem Funktionalismus zuwandte.

Die kubistische Ästhetik des Gebäudes beschränkt sich indes nicht nur auf die Stuckatur der Fassade, sondern bedient sich auch metallener Elemente. Die kleinen diagonal kreuzförmigen Ornamente an der Fassade finden ihre Entsprechung beim Metallbeschlag des großen Haupt- und Hoftor. Sie wiederholen das diagonale Kreuzmuster in dicht komprimierter Form. Auch hier gelingt es Kozák sehr gechickt, kubistische Formensprache sehr traditionalistisch und dem kirchlich-religiösen Zweck des Gebäudes entsprechend wirken zu lassen.

Der optische Mittelpunkt sind jedoch die Skulpturen des Bildhauers Ladislav Kofránek über dem ersten Stockwerk. Im Zentrum steht dabei der tschechische Urvater der Reformation, Jan Hus, der dem Haus ja auch den Namen gibt. Hus war in der Zeit der Ersten Republik nicht nur eine religiöse Figur, sondern ein politisches Symbol der nationalen Unabhängigkeit. In den Händen hält er den Kelch, der für die Hussiten, die den Laienkelch einführten und darob mit der katholischen Kirche in Konflikt gerieten, das zentrale Glaubenssymbol war. Gerahmt wird Hus von zwei Medaillons, die je eine Heilige Schrift und ein Lamm Gottes darstellen. Heute resideren hier im Gebäude des Synodenrat und das Zentralbüro der Evangelischen Kirche, hautsächlich im vorderen Teil.

Bekannter ist jedoch ein anderer Bewohner, das passend zum Gebäude benannte Divadlo Kalich (Theater des Kelchs), das seit den 1990er Jahen im hinteren Teil residiert, aber dessen Namen groß über dem Toreingang prangt. Der Theaterbau selbst wurde in den Jahren 1935/36 von dem Architekten und Baumeister Antonín Belada hier erbaut. Heute – nach einer großangelegten Modernisierung im Jahre 1999 – zählt das Theater zu den renommierteren Kleinbühnen der Stadt, in dem (oft, aber nicht immer komödiantische) Theaterstücke, aber auch viele Musicals aufgeführt werden. (DD)

Kubistischer Zaun um kleinen Brunnen

Man mag es nicht glauben, dass nicht der Brunnen mit der Skulptur, sondern der kleine Zaun, der ihn umgibt, die eigentliche kunsthistorische Attraktion ist. Denn genau hier, zog mit ihm im altstädtischsten Teil der Altstadt, dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí), die Moderne ein.

Zunächst einmal denkt man sich wohl wenig, wenn man direkt bei der barocken St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše), dort wo die Pařížská einmündet, den winzigen Brunnen mit den Delphinen (Kašna s delfíny) bemerkt. Der steht hier seit 1906 und war damals als eine Art optischer Übergang von der modernisierten Pařížská und dem Ring gedacht.

Als Architekten der Brunnenanlage traf man eine sehr konventionelle Wahl. Rudolf Kříženecký war ein Spezialist für Neo-Renaissance und damit geradezu prädestiniert, etwas zu entwerfen, dass sich ganz und gar in das traditionelle Umfeld einpasste. Er gab den drei zu einer Einheit zusammengefügten Brunnenbecken die Form eines dreiblättrigen Kleeblatts und lehnte dessen Gestaltung an die geschwungenen Barockformen der Kirche an.

In der Mitte des Brunnens setzte man eine Skulptur mit drei ineinander verschlungenen Delphinen – die dann ja auch dem Brunnen den Namen gaben. Sie wurden lange dem bekannten Bildhauer Jan Štursa (dem wir u.a. schon hier und hier begegneten) zugeschrieben. In letzter Zeit gibt es Zweifel daran. Möglicherweise sind sie auch ein Werk des Malers, Bildhauers und Dramatikers František Hnátek. Angeblich war dem Rat der auf dem Höhepunkt seiner großen Karriere befindliche Štursa zu teuer gewesen und so entschied man sich für den weniger bekannten/teueren (aber dennoch talentierten) Hnátek, heißt es.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Bildhauer zu einem eher modernen Stil hin bewegt. Štursa experimentierte mit dem Kubismus, Hnátek mit dem Symbolismus. Wer immer hier am Werke war, die Delphine sind jedoch immer noch sehr historistisch und konventionell gehalten. Im Grunde entspricht auch das Trio der Meeressäuger ziemlich vollständig den Konventionen des Barock.

Aber schon sechs Jahre später zog die Moderne kraftvoll ein. Was wahrscheinlich kaum jemand unter den sich hier drängenden Touristen bemerkt. Weil in der Nische in der er sich befindet, auch gerne allerlei Unrat abgelegt wurde, beschloss man 1912 den Brunnen zu umzäunen. Damit beauftrage man einen der damaligen „Stars“ des Kubismus, Josef Chochol (dessen Bauwerke wir u.a. bereits hier und hier vorstellten). Ganz schön viel Prominenz für solch ein winziges, nur wenige Zentimeter hohes Zäunchen! Chochol schuf nun ein aus typisch geometrischen Formen zusammenegsetztes Gitterwerk, das durch oktagone Steinpfosten getragen wird. Klein, aber fein, und typisch kubistisch ist das Ganze. Der Kubismus wurde bald eine Art tschechischer Nationalstil. Und wer in der Altstadt nach dem Beginn ebendieses Kubismus‘ sucht, der sollte diesen kleinen Zaun um diesen kleinen Brunnen nicht übersehen. (DD)

Kubismus historisch angepasst

Rund um den alten felsigen Burgberg des Vyšehrad hat der Architekt Josef Chochol vor dem Ersten Weltkrieg der Nachwelt einige der schönsten kubistischen Häuser Prags hinterlassen. Dazu zählt das Mietshaus in der Neklanova (früherer Beitrag hier) oder die Kovařovic Villa am Moldauufer (hier).

Das Dreifamilien- oder Tripel-Haus am Rašín-Ufer (Rašínovo nábřeží 42/6) direkt unter der Festung, das er in den Jahren 1912 bis 1913 für den Anwalt Jan Bayer als Mietshaus erbaute, ist wahrscheinlich das bekannteste seiner Gebäude hier. Das Ufer, an dem das Gebäude liegt, ist heute stark befahren, was ein wenig den Gesamteindruck mindert. Aber auch so erkennt man immer noch, wie geschickt Chochol das Gebäude in die Umgebung eingepasst hat.

Der Kubismus, der in Prag wie nirgendwo sonst Verbreitung fand, war in dieser Zeit der Avantgardestil schlechthin. Durch seine zusammengesetzten geometrischen Formelemente solche er optisch die Funktionalität über die klassischen Imperative der Ästhetik setzen. Aber der Vyšehrad ist für Tschechen ein historischer und legendenumwobener Ort, der für das tchechische Nationalbewußtsein immer eine große Rolle spielte. Und in diesen historisch gewachsenen Kontext wollte Chochol in diesem Fall auch seine kubistische Architektur einfügen.

Und so entstand ein Gebäude, das mit seiner niedrigen Höhe und seiner Länge den Blick vom Ufer zum Burgberg nicht beeinträchtigte. Und dadurch, dass er das mittlere der drei Häuser wie einen Mittelrisalit mit Mansardendach gestaltete, gab er dem Ganzen auch einen altertümlichen Anstrich, obwohl es immer noch aus modernen Formelementen zusammengesetzt war.

Selbst die kühnen polygonen Vorbauten an den Seiteingängen wirken – obwohl sie den Kubismus in seiner striktesten und funktionalistischsten Art und Weise repräsentieren – wie moderne Nachkonstruktionen oder -empfindungen mittelalterlicher Erker.

Chochol hat das Problem, das er vor sich liegen hatte, geschickt gelöst. Selten wurde Modernität so einfühlsam und harmonisch in Traditionalität des Umfelds eingebettet.

Eine weitgehendere Konzession an traditionalistische Baustile machte er aber dann doch. Der frühe Kubismus vor dem ErstenWeltkrieg verzichtete normalerweise auf jedwede skulpturale Ausstattung. Die Form sollte in ihrer Reinheit wirken. Unter dem Giebel des mittleren Hauses befinden sich jedoch zwei ganz altmodische Skulpturengruppen mit ganz altmodischen Themen. Die rechte Gruppe handelt von der Sage um die auf dem Vyšehrad residierenden Seherin Libuše, die gerade ihr Pferd den Herrscher der Böhmen und ihren Ehemann auswählen lässt, um so die Dynastie der Přemysliden zu gründen. Die rechte Gruppe zeigt den altböhmischen Helden Ctirad, der gerade seine Leier spielt (zu diesen Legenden siehe früheren Beitrag hier).

Seltsamerweise hat mit diesem im kubistischen Kontext eher regressiven ästhetischen Element Chochol bereits künftige Formen des Kubismus vorweggenommen. In den 1920er Jahren versuchte man, kubistische Formsprache systematisch zu einer traditionalistischen (und mit üppigen skulpturalen Dekorationen versehenen) Nationalarchitektur umzuformen. Rondokubismus nannte man das (frühere Beitrage hier, hier und hier). Ob Chochol hier schon diese Entwicklung bewusst vorwegnahm? Oder war er nur zu Kompromissen gezwungen gewesen? (DD)

Harmonisches Stadthaus in Barock, Historismus und Kubismus

Das erste, was auffällt, ist die Tür – schwer mit Zinn beschlagen, einem Kastenschloss, einem verzierten Gitterfenster und umrahmt von barockem Mauerwerk. Sie gehört zu den schönsten Haustüren in dieser an schönen Haustüren nicht gerade armen Stadt.

Auch sonst sollte man den Blick über die Fassade dieses Stadthauses in der Mikulandská 121/6 in der Neustadt schweifen lassen. Dieses Haus hat immer wieder Umbauten erfahren und jedes Mal versuchte man die Neuerungen geschickt und harmonisch an das Bestehende anzupassen. Barock, Historismus und Kubismus prägen die Fassade und der erste Eindruck verrät keinen ästhetischen Widerspruch zwischen ihnen. Man muss genau hingucken, um es zu bemerken.

Der erste Gesamteindruck des Gebäudes ist zunächst einmal der eines Barockhauses. Und tatsächlich wurden hier 1716 zwei frühere Häuser aus der Zeit der Renaissance zu einem Haus zusammengelegt und die Fassade vollständig im Barockstil vereinheitlicht. Das Tor mit dem Madonnenmedaillon darüber verdeutlichen dies besonders.

Das auffälligste Relikt aus dem Barock ist jedoch die lebensgroße Stuckfigur eines geflügelten Genius, der ein Banner über sich trägt, und sich auf Höhe des ersten Stocks befindet.

Es erfolgte ein großangelegter Umbau im Jahre 1891. Die beiden Architekten Arnošt Jenšovský und J. Zábranský überarbeiteten dabei die Fassade in einem historistischen Neobarockstil, der – sieht man die die Stuckskulpturen an – bereits einen leichten Anklang von Jugendstil hat. Insgesamt veränderten sie von außen das Gebäude optisch sehr behutsam und veränderten auch die Proportionen des noch zweistöckigen Hauses nicht.

Den normalerweise nicht sichtbaren Innenhof (es handelt sich um ein Privathaus) gestalteten die beiden Architekten hingegen in einem rustikalen Fachwerkstil, der vielleicht ein wenig an den vorbarocken Bau der Renaissance erinnern soll. Schnappschuss durch das offene Tor (kleines Bild rechts) gibt ein wenig einen Eindruck davon wieder.

Hier dürften sich damals auch Pferdeställe befunden haben, weshalb der rustikale Charakter in der Sache stimmig ist.

1924 vergrößerte und modernisierte man das Haus. Es wurden zwei zusätzliche Stockwerke aufgesetzt. In sein architektonisches Umfeld passte sich ds Gebäude nun besser ein, denn die Häuser umher waren bis dato alle höher gewesen. Die beiden Architekten V. Kopecký und A. Gabriel (über die ich keine Informationen finden konnte) gestalteten die neuen Stockwerke im Stil des Kubismus. Nun war der Kubismus mit seiner fast funktionalistischen Betonung schnörkelloser geometrischer Bauelemente ursprünglich fast schon die Negation alles überladen Barocken. In den 1924 hatte sich jedoch eine typisch tschechische Sonderform dieses Architekturstils herausgebildet, der mit den Mitteln geometrischer Elemente tradtionellere Architekturformen optisch nachzuempfinden. Rondokubismus nennt man das. Und schaut man nach oben, sieht man bei dem Haus, dass hier barocke Fensterummauerungen und die Zahnschnitte (Dentile) unter dem Dach in Wirklichkeit nur aus rechteckigen und runden Formen zuammengesetzt wurden. Das überrascht, aber es passt auch. (DD)

Kontrastreiches Haus

Waren sich der Hausherr und seine Frau nicht einig, wie ihr Haus denn aus sehen sollte? Wollte sie es modern und progressiv und er lieber retro haben? Oder umgekehrt? Und einigte man sich dann, um den Ehestreit nicht eskalieren zu lassen, auf diesen Kompromiss?

Nein, die auf den ersten Blick so seltsam wirkende Fassade, die inmitten kubistischer Geometrie mit verschnörkelten historistischen Malereien in böhmischen Neo-Renaissancestil aufwartet, ist das Resultat zweier separater Bauphasen, die je durch zwei verschiedene Zeitstile repräsentiert wurden.

Die Modernisierer des großen Eckhauses am Senovážné náměstí 872/25 (Neustadt) wollten bei aller Progressivität und Innovationslust dann doch nicht die historisch überaus bedeutsamen Gemälde des Vorgängerbaus zerstören, sondern beschlossen, sie am Ende durchaus geschickt in die neue Fassade zu integrieren.

Und so verlief die Geschichte: In den Jahren 1887/88 baute der Architekt Rudolf Tereba dieses Mietshaus im Neorenaissancestil für einen Cafébesitzer, der sein Cafe im Erdgeschoss eröffnete, während der der Rest des vierstöckigen Hause (plus Dachgeschoss) vermietet wurde. Das Haus entsprach voll und ganz dem damaligen Modegeschmack. Aber der Besitzer wollte doch noch etwas besonderes.

Auf Höhe des dritten Stocks ließ er deshalb Wandmalereien anfertigen, wofür er keinen Geringeren als Adolf Liebscher gewinnen konnte. Der war damals einer der großen Stars unter den böhmischen Historienmalern. Seine Werke schmückten Prestigebauten wie das Nationaltheater und das Rudolfinum. Hier verewigte er von vielen Ornamenten und Putten umringt auf je einer Hausseite die Heilige Madonna und den Heiligen Wenzel. Ein Liebscher-Gemälde hämmerte man auch später nicht einfach von der Wand, nur weil man sein Haus ein wenig modernisieren wollte.

Die Zeit der Modernisierung kam 1921 als das Café einer Bank wich. Die wurde 1921/22 von den Architekten Theodor Petřík und Václav Pilc durchgeführt. Die vertraten eine tschechische Sondervariante des Kubismus, den sogenannten Rondokubismus, der die geometrischen Formen des Kubismus zur Darstellung folkloristischer Anspielungen verwendete.

Die nunmehr vertikal-linear strukturierte Fassade mit den zahlreichen Rund- und Halbrund-Elementen (insbesondere im Dachgeschoss) umrahmen nun sehr kontrastreich die Liebscherschen Malereien. Dazu verwendeten sie einen neuartigen Kunstmarmor – auch dies eine Innovation. Dadurch, dass die neuen Fassadenelemente streng weiß gehalten sind, während die alten Malereien farbig sind, wird der Kontrast noch größer – was dafür sorgt, dass das Haus zumindest auffällt und zunächst Rätsel aufgibt. (DD)

Café Myšák: Verzicht ist keine Option

Vor einiger Zeit hatten wir hier über das Café/die Konditorei Myšák in der Vodičkova 710/31 (Neustadt) berichtet und uns dabei hauptsächlich mit dessen grandioser kubistischen Hausfassade beschäftigt. Die ist in der Tat bemerkenswert, aber eigentlich interessiert bei einem Café meist doch eher, was es drinnen so zu sehen und vor allem zu genießen gibt.

Um es für die Kulinariker unter den Lesern spannend zu machen, beginnen wir erst einmal mit der Inneneinrichtung. Im ersten Stock befindet sich der Hauptraum des Cafés mit Kuchentheke und vielen Sitzen für Kaffee-und-Kuchen-Genießer. Schon der Aufgang durch das Treppenhaus zeigt das Bestreben des Innenarchitekten, Helligkeit und klare Formen walten zu lassen – ein Eindruck, der sich im Raum selbst fortsetzt, wo er durch viele Spiegel an den Wänden noch verstärkt wird.

Während die Fassade in dem für die 1920er Jahre typischen Rondokubismus (in der Architekturgeschichte eine ganz eigentümlich tschechische Spezialität!) gehalten ist, d.h. sie nutzt die für den Kubismus typischen geometrischen Elemente für eine eher ornamentreiche und folklorische Formensprache, setzt die Innenarchitektur des Cafés ganz im Sinne des klassischen Kubismus und des Art Déco voll auf die Eigenwirkung klarer und strenger Geometrien.

Ganz im Gegensatz zu Fassade und erstem Stock wurde wiederum der kleine Raum des Cafés im Erdgeschoss im Stil des Neo-Rokoko gestaltet. Man sieht Rocaillen noch und noch und dazu ein putziges allegorisches Deckengemälde, das in eine Kartusche eingefasst ist. Vermutlich gehört es in dieser Form nicht zur Originaleinrichtung, sondern ist eine Nachempfindung aus der Zeit der Renovierung des Gebäudes im Jahre 2009).

Diese schnörkelige Gestaltung prägt den ersten Eindruck, wenn dann das Myšák im Erddgeschoss betritt. Um so wuchtiger kommt die Strenge der Architektur des ersten Stocks zur Geltung, wenn man die Treppe hinauf in den Hauptraum aufsteigt.

Doch nun endlich zur Kulinarik: Um es vorwegzunehmen, die lässt nichts zu wünschen übrig. Es gibt eine kleine, aber ausgesprochen Auswahl von Kuchen und Torten, die es in sich hat. Wer am typisch deutschen Schlankheits- und Gesundheitswahn leidet, sollte fernbleiben, denn weiß man noch um die Kraft der wirklichen Geschmacksträger Zucker, Butter und Sahne.

Chefkonditor Lukáš Pohl sieht sich dem Erbe des Cafégründers,
 František Myšák, verpflichtet. Der war in den Zeiten der Ersten Republik der vielfach preisgekrönte internationale Star unter den Konditoren Prags – wenn nicht gar Europas – schlechthin. Wer was auf sich hielt, aß dort seinen Kuchen. Der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, war Stammkunde.

Und auch Pohls Leistungsnachweise mit Tätigkeiten in Spitzenkonditoreien in aller Welt, etwa in New York, können sich sehen lassen. Er versucht, die alten Rezepte Myšáks wieder zu rekonstruieren (vieles ging in den Zeiten von Verstaatlichung und Kommunismus verloren) oder kongenial nachzuempfinden. Damals war noch schwere Kost angesagt. Wenn man ein besonders klein wirkendes Stück bestellt, kann die Kaloriendosis dem eines großen in anderen Cafés entsprechen – nur schmecken tut es himmlisch!!!

Ja, es gibt natürlich auch etwas moderner konzipierte Süßwaren. Die Karottentorte (das Wort klingt zumindest gesund) ist, zum Beispiel, äußerst delikat. Aber trotzdem sollte man mit der Grundhaltung ins Myšák eintreten, dass bekanntlich jede Diät morgen beginnt. Auch das vielfältige Angebot an Tee-, Kaffee- und Eisvarianten sollte man nicht übersehen. Verzicht ist keine Option im Myšák! (DD)

Kubismus für Lehrer

Wenn man die Architektur des Kubismus als den Versuch darstellt, reine Form wirken zu lassen, dann kann man sich kaum eine großartigere Erläuterung dafür vorstellen, als dieses Gebäude. Meist wird der Wohnblock, um den es hier geht, Učitelské domy – die Lehrerhäuser – genannt.

Das Gebäude in der Elišky Krásnohorské 10 bis 14 am Rande der Altstadt wurde nämlich in den Jahren 1919 bis 1921 für die Lehrergenossenschaft in Prag gebaut. Der Entwurf stammte von dem aus Benešov stammenden Architekten Otakar Novotný, einem Schüler von Jan Kotěra, einem der großen Pioniere der modernen Architektur im Lande (früherer Beitrag hier). Die Lehrerhäuser sind sein bedeutendstes kubistisches Werk; später wandte er sich dem Funktionalismus zu.

In den späten 1920er Jahren entwickelte sich der Kubismus in der Tschechoslowakei hin zu einer verspielteren und mit skulpturalen Elementen versehenen Architekturrichtung, die man Rondokubismus nennt (dazu frühere Beiträge hier und hier). Novotnýs Lehrerhäuser sind hingegen das letzte und möglicherweise großartigste Aufbäumen der ursprünglichen Idee des Kubismus, wie sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Böhmen en vogue war (Beispiel hier). Es herrscht eine rein geometrisierende Formensprache von kristallenen Elementen vor.

Novotný hat die drei Häuser des Blocks mit besonders großflächigen Formelementen gebaut. Die verwendeten Formen jedes der Häuser, die durch rautenförmig spitz zulaufende Pilaster optisch getrennt sind, sind zwar (insbesondere sichtbar bei den Eingängen) unterschiedlich, aber es bleibt ein streng geschlossener Gesamteindruck bestehen.

Während insgesamt Weiß als Farbe dominiert, wurden Fenster, Fenstergitter und Gesimse in Rot und Ockerbraun gehalten. Die reine Wirkung der Formstrenge wird dadurch aber eher betont, denn aufgelöst (siehe großes Bild oben).

Besonders die drei Eingänge, die sich alle leicht von einander unterscheiden, zeichnen sich wiederum durch besonders wuchtige Formen aus. Der archaische und trutzige Eindruck, der dadurch entsteht, ist gewollt, und soll auf die ursprünglichen mittelalterlichen Gebäude, die hier dereinst gestanden haben sollen, anspielen. (DD)

Seltsame Skulpturen

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Bedeutende Gebäude können in Sachen Sichtbarkeit vom Unglück verfolgt werden. Die Adamova Lékárna (Adam Apotheke), ein Werk des berühmten Architekten Emil Králíček IMG_4699aus den Jahren 1911-13, bleibt den meisten vorbeigehenden Touristen verborgen, obwohl die Lage am Wenzelsplatz (Václavské náměstí 775/8) günstiger nicht sein könnte. Ein großer Baum, eine Laterne und vor allem ein eher unschöner Lifteingang für die Metro direkt vor dem Gebäude verdammen es ein wenig zu einem visuellen Aschenputtelschicksal.

Schon historisch gesehen ist das Gebäude bedeutsam, denn die bis heute existierende Adam Apotheke war eine der ersten Apotheken in Prag überhaupt. 1520 wurde sie als innovative Antwort auf die in jenen Zeiten zunehmenden Seuchen im Lande gegründet und im Keller gibt es wohl noch Reste der spätgotischen Kellergewölbe.

IMG_4696Über ihnen steht heute nun ein Bauwerk, das ein wenig dazu beitrug, die architektonische Moderne in Prag einzuläuten. Králíček hatte den Entwurf zusammen mit dem Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha entworfen, für den er arbeitete. Er gilt heute als einer der großen Wegbereiter des Kubismus (siehe früherer Beitrag hier), aber beim Entwurf der Apotheke stand Králíček noch am Anfang seiner künstlerischen Entwicklung, und so findet man hier IMG_4704erste kubistische Formelemente noch in einem Gebäude des Spätjugendstils eingebettet. Das erst 1937 aufgesetzte Dachgeschoss aus Metall und Glas sorgte noch einmal für mehr Stilvielfalt.

Die Fassade des sehr klargliedrigen Hauses ist zweigeteilt,  wobei die schmalere Hälfte ein wenig wie ein Turm wirken soll. Hier kommt auch das eigentlich Auffällige zum Tragen: die bronzenen Skulpturen. Sie sind das Werk des Bildhauers Antonín Waigant. Über dem Eingang sieht man zwei Atlanten – eine weibliche und eine männliche Figur, die je von einer Schlange umwunden werden. Was sie symbolisieren sollen, bleibt ein wenig im Verborgenen. Adam und Eva? Der Name „Adamova Lékárna“ könnte deratiges angeregt haben. IMG_4700Oder spielt es auch den antiken Gott der Apotheker an, Äskulap, dessen Kennzeichen die Schlange ist?

Vielleicht ist das Ganze auch nur surreal gedacht. Der Eindruck bestärkt sich, wenn man nach oben schaut und die aus kubistisch-geometrischen Formen zusammengesetzte Darstellung eines Adlers unter dem Dachgeschoss sieht, der weibliche Brüste trägt. Der erste Gedanke ist, dass es eine Harpyie sein könnte, aber die haben einen menschlichen Kopf. Es bleibt rätselhaft. Auf jeden Fall fand man das Haus schon 1958 so bemerkenswert, dass man es unter Denkmalschutz stellte. (DD)