Keltenfestung (auch später benutzt)

Nirgendwo sonst blühte dereinst die Kultur der Kelten so sehr wie im Süden Prags. So liegt am Ostufer der Moldau gegenüber des Stadtteils Zbraslav die Keltenstadt und -festung Závist (wir berichteten bereits hier), die die größte ihrer Art in Europa war. Weniger bekannt, aber die Größe des Ganzen noch einmal unterstreichend, ist die Festungswallanlage Šance (Schanze), über deren imposante Wälle heute teilweise ein Wanderweg führt.

Sie liegt oben auf dem Berg, der sich direkt hinter (östlich) des Berges von Závist befindet. Getrennt werden die beiden Oppidae (so der Archäologen-Fachbegriff) durch das tiefe und felsig-malerische Tal des Břežanský Baches (Břežanský potok). Das Tal war offenbar eine wichtige Weg- und Handelsroute, die nun kurz vor der Mündung des Baches in die Moldau von zwei Seiten durch je eine befestigte Siedlung verteidigt werden konnte.

Die Befestigungen der Siedlung Šance wurde wohl im 1. Jahrhundert vor Christus von Kelten der Eisenzeit (Latènekultur) erbaut. Es handelte sich primär um Erdwälle, auf denen sich (nicht mehr erhaltene) Holzpalisaden befanden und die an einigen Stellen durch (sichtbare) Gräben (Bild rechts) ergänzt wurden. Besiedelt war der Berg wohl schon lange vorher. Systematische Ausgrabungen gab es noch nicht, aber diejenigen kleineren Ausgrabungen, die stattfanden, förderten Artefakte aus der Bronzezeit (ca. 600 v. Chr.) zu Tage. Der Platz lud offenbar früh zur Besiedlung ein.

Es ist zu vermuten, dass die späteren Wallanlagen von Šance und Závist gleichzeitig und zu einem gemeinsamen strategischen Zweck erbaut wurden. Rund 15 Hektar (das sind 150.000 Quadratmeter) umfasst die Gesamtanlage. Die Wälle und teilweise auch die alten Wassergräben hoch oben auf dem Berg sind über Kilometer hinweg gut erhalten und gut zu besichtigen. Die örtlichen Behörden haben einen Keltenlehrpfad (Keltská stezka) eingerichtet, der über die Festung und die Natur des Areals informieren.

Ja, und die Natur ist tatsächlich beeindrucken. Nicht zuletzt ist das Ganze daher nicht nur ein geschütztes Kulturdenkmal, sondern auch ein Naturschutzgebiet. So nahe an der Stadt kann man atemberaubende Aussichten über riesige Waldlandschaften genießen. Der Wald im Gebiet der Šance zeichnet sich durch seinen hohen Reichtum an verschiedenen Baumarten aus.

Jedenfalls lädt das Areal die Prager Stadtbewohner zu herrlichen Ausflügen ein. Man kann und sollte sich auch die Zeit nehmen, die gegenüber liegende Wallanlage von Závist zu erwandern, auch wenn man beim Aufstieg sich ganz schön abrackern muss. Wer das nicht will kann von einigen Aussichtspunken am Wall der Šance dem gegenüberliegenden Gipfel sehen, auf dem Závist liegt.

Die keltische Besiedlung endete in der Zeit des Einfalls der germanischen Markomannen in das Gebiet des heutigen Tschechiens im 1. Jahrhundert nach Christus. Die Germanen ließen das Gelände offenbar brachliegen. Aber die immer noch imposanten Wallanlagen und die bis zu drei Meter tiefen und 15 Meter breiten Gräben bildeten immer noch im Notfall eine Verteidigungsanlage, die nutzbar war. Das scheint etwa während der Hussitenkriege im Spätmittelalter nach 1420 der Fall gewesen zu sein.

Auch im Dreissigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert und während der Angriffe Friedrichs II. auf Prag (1741 und 1757) wurden die Wallanlagen immer wieder kurzfristig als Verteidigungsanlagen reaktiviert. Das letzte Mal passierte das während des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) vom 5. bis 8. Mai 1945 als tschechische Aufständische hier gegen deutsche Truppen kämpften, die sich vor der Roten Armee zurückziehen wollten – ein Kampf der in den letzten Kriegstagen noch zahlreiche Menschenleben kostete.

Heute könnte es nirgendwo friedlicher sein. Während man bei den Archäologen, die hier in den 1970er Jahren und Anfang dieses Jahrtausend nur geringfügige Ausgrabungen unternahmen, noch ein wenig warten zu müssen scheint, bis die Erschließung im großen Stil erfolgt, hat die lokale Politik uns hier jedenfalls ein schönes Lehr- und Erholungsgebiet beschert. Es lohnt sich jedenfalls, einen kleinen Ausflug hierhin zu machen. (DD)

Von der Kloster- zur Friedhofskirche

Oben auf dem Hügel über dem Stadtteil Zbraslav übersieht sie den Zusammenfluss von Berounka und Moldau: Die St. Gallus Kirche (kostel sv. Havla). Das war früher eine strategisch wichtige Position. Und deshalb gab es hier schon vorher möglicherweise eine keltische, auf jeden Fall aber seit dem 9. Jahrhundert eine slawische Festungsanlage mit Erdwällen, die heute kaum noch erkennbar sind.

Als sich unter Herzog Vladislav I. die Herrschaft des Geschlechts der Přemysliden. in Böhmen festigte, wich die Festung der kirchlichen Nutzung. Das Areal wurde 1115 dem von den Zisterziensern betriebenen Kloster Kladruby zugeschlagen und eine romanische Kirche darauf erbaut. Im 13. Jahrhundert wurde die Kirche erst dem Bischof von Prag unterstellt, dann dem neuen Zisterzienserkloster unten in Zbraslav, das damals noch nicht zu Prag gehörte.

Dass sie ursprünglich romanisch war, sieht man der Kirche kaum mehr an. Im 16. Jahrhundert wurde sie von einem Feuer beschädigt und teilweise im Renaissancestil repariert und erweitert. Um 1660 kam der große Umbau, der ihr im wesentlichen ihre heutige bauliche Gestalt gab – im Barockstil.

Heute ist der äußere Eindruck der Kirche zum großen Teil auch davon bestimmt, dass sie in einem weitläufigen und von Bäumen bewachsenen Friedhof hoch auf dem Berge steht. Bis 1785 war die Gallus-Kirche zugleich Kloster- und Gemeindekirche. In diesem Jahr löste Kaiser Joseph II. allerdings das Kloster auf und die Gemeinde fand darob ihr Gotteshaus unten im Ort in der St. Jakobskirche (Kostel svatého Jakuba). Und St. Gallus wurde zu einer Friedhofskirche, was sie bis zum heutigen Tage geblieben ist.

Der Friedhof ist schön gelegen und man findet sehr viele bemerkenswerte Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert bei denen man das damalige Miteinander von deutschen und tschechischen Bewohnern noch erkennen kann.. Die älteren Gräber aus dem 18. jahrhundert wurden aufgelöst und die Gebeine in einem achteckigen Ossuarium (Beinhaus) in der Nähe der Apsis der Kirche deponiert. Man kann es sehr schön auf dem großen Photo oben erkennen.

Vom Friedhof kann man den Blick von der Höhe in die Ferne schweifen lassen. Dann erkennt man auch, warum der Ort dereinst in der Vorzeit als so strategisch wichtig angesehen wurde. Über dem gegenüber liegenden Ufer der Moldau sieht man den Berg mit der großen keltischen Festungsanlage Závist (siehe früheren Beitrag hier) erkennen, die ebenfalls half, den Zusammenfluss den Berounka und Moldau zu überwachen. Eine Wanderung in diesem südlichen Teil Prags gibt einem das Gefühl, tief in die Geschichte einzutauchen. (DD)

Die Keltenburg über dem Elbtal

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An den Abhängen der Keltenburg bilden sich die Aufwinde, die Gleitschirmflieger gerne nutzen um die schöne Aussicht zu genießen. Viel weiß man noch nicht über die Anlage – außer dass ihr Standort strategisch gut gewählt war. Die Landschaft des unteren IMG_1543Elbegebiets (einige 40 Kilometer östlich von Prag) bei Přerov nad Labem ist flach. Der Berg, auf dem sich die Wallanlage befindet, ragt fast wie ein Monolith aus der Landschaft (links). Der steile Fels bietet Verteidigungsmöglichkeiten und die weite Aussicht verhindert, dass sich der Feind unbemerkt nähern kann.

Für einen Ort dieser geringen Größe ist Přerov sowieso ein lohnendes Ziel – mit seinem Renaissanceschloss (früherer Beitrag hier), seinem Freilichtmuseum und einem Motorradmuseum. Hängt man noch einem kleinen Spaziergang über die Ortsgrenze dran, kann man seine Reise in die Vorgeschichte antreten. Schon im 19. Jahrhundert hatten Archäologen auf dem Berg einige Funde gemacht, die auf eine Besiedlung in der Früh- und Spätbronzezeit hindeuteten. Seinen großen Ausbau, so weiß man nun, erfuhr das Areal aber erst durch die hier ansiedelnden Kelten. Nach dem 1. Jahrhundert n. Chr. blieb der Ort wohl weitgehend unbesiedelt bis dann nach dem 6. Jahrhundert die slawische Besiedlung erfolgte – eines von vielen Beispielen dafür, dass die frühen IMG_1542Slawen alte Wallanlagen der Kelten wieder Instand setzten und ausbauten (siehe u.a. diesen früheren Beitrag).

Man kann die Anlage nur noch durch die Wellung des Erdreichs erkennen. Es gab offensichtlich zwei konzentrische Wälle, die man immer noch gut erkennen kann. Der äußere nutzte die (wegen ihrer kreidezeitlichen Fossile geologisch interessanten) Steil- und Felsabhänge (Bild rechts). Dies ist der höhere und wesentlich steilere Teil und er dürfte guten Schutz vor Eindringlingen geboten habe.

Weiter innen – dahinter also – wird die Hochfläche, auf der sich vermutlich eine Siedlung befand, von einem immer noch sichtbaren niedrigeren Wall umzogen. Er lässt sich zum Beispiel IMG_1541auf dem Bild links gut erkennen. Von der Ortschaft unten aus hat man, wenn man die Hochfläche erreicht hat, immerhin über 50 Meter Höhenunterschied bewältigt. Landwirtschaftliche Nutzung und ein kleiner ehemaliger Steinbruch haben die Anlage ein wenig beschädigt, so dass nicht überall Erdwellen über die Außengrenze Auskunft geben.

Immerhin führt einem das landwirtschaftlich IMG_1536bebaute und da Feld den Umfang der Anlage deutlich vor Augen. Mit rund 20 Hektar handelte es sich um eine ausgesprochen großangelegte Festungsanlage. Der Kern des Ganzen, die sogenannte Akropole (Kultzentrum) dürfte, so haben luftarchäologische Forschungen in den 90er Jahren ergeben, immerhin 7 Hektar groß gewesen sein. Ganz systematische Ausgrabungen hat es bisher leider noch nicht gegeben. Mit gutem Grund könnte man hier noch IMG_1539viele kleine Sensationen erwarten. Seit 2009 steht das ganze Gelände daher unter Denkmalschutz, damit inzwischen nichts abhanden kommt.

Aber auch ohne keltische Schatzfunde lohnt sich der Aufstieg auf dem recht bequemen Weg (vorbei an einer kleinen Infotafel). Blickt man über den Rand des Walls braucht man gar nicht ein Gleitschirmflieger zu sein, um die schöne Aussicht über die weitläufige und sanfte Elbtallandschaft bei Přerov zu genießen. (DD)

Goldrausch in der Keltensiedlung

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Rund 30 Kilometer westlich von Prag, hoch über dem wunderschönen Fluss Berounka thront auf einem großen Schieferberg eine der bedeutendsten keltischen Siedlungsanlagen Tschechiens. Das Oppidum in Stradonice gehört zu den größten ihrer Art. In idyllischer Landschaft gelegen, lädt sie heute zum Wandern ein.

IMG_8048Begonnen hatten die Kelten mit ihrem Bau um das Jahr 120 vor Christi und sie siedelten dort bis um 30 nach Christi als sie Opfer der einfallenden germanischen Markomannen wurden. Lange blieb der Ort vergessen, landwirtschaftliche Nutzung veränderte das Erscheinungbild. Erst ein zufälliger Münzfund erweckte 1845 das Interesse unter Forschern.

Spektakulärere Funde in den 1870er Jahren führten dann zu einem Goldrausch, der von Archäologen wohl noch immer als Katastrophe größten Ausmaßes gesehen wird. Illegale Raubgräber strömten 1877 in Scharen auf das Gelände. Sie siedelten sich dort regelrecht an und steckten Claims ab wie die Goldgräber in Kalifornien. Mit Gewehren in der Hand bewachten sie ihre Claims Tag und Nacht. Bis zu 300 von ihnen sollen sich zur Zeit des Höhepunkt des „Goldrausches“ auf dem Berg getummelt haben. Die Raubgräber hinterließen eine Spur der Verwüstung. Wertvolle Funde wurden in alle Welt verhökert. Immerhin gelang es zahlreichen Museen – nicht nur in Prag, sondern auch in Wien, Berlin, Dresden und sogar im fernen Mainz – durch Erwerb der „schwarzen“ Ware viele Funde wieder einigermaßen zusammenzuführen und zu katalogisieren. Aber fachgerechte Ausgrabung sieht eben anders aus, zumal die Raubgräber (die später zum Teil ihr Repertoire durch Fälschungen erweiterten) keine moralischen Skrupel kannten. So wurden archäologisch bedeutsame Gräberfelder gefleddert und die Knochen an Leimfabriken verkauft. Schließlich setzte die Obrigkeit dem Treiben ein Ende. Der Verlust für die Forschung war zu diesem Zeitpunkt aber bereits enorm.

IMG_80511903 und dann wieder 1981 setzten seriöse Ausgrabungen ein, die immer noch reichhaltig fündig wurden. Heute führt ein von schönen Ausblicken auf die Landschaft geprägter archäologischer Lehrpfad durch das Gelände. Wirklich viele Anzeichen der ursprünglichen keltischen Besiedlung sieht man nicht, was zum Teil gewollt ist, da man nicht schon wieder Grabräuber anlocken will. Trotzdem lässt sich an vielen Stellen die Wallanlage zur Befestigung (kleines Bild rechts) immer noch gut erkennen. IMG_8046Dadurch bekommt man einen Eindruck von der recht beeindruckenden Größe des Areals.

Gut sichtbar ist auch noch das östliche Eingangstor des Oppidum (links), durch das heute noch der Wanderweg führt.

Aber besonders schön in die Landschaft fügt sich auch die sogenannte Akropole, d.h. der höchstgelegene Teil der Burgfestung, der zugleich auch Heiligtum war. Auf der Akropole in Stradonice hat man in neuerer Zeit ein Kreuz aufgestellt (siehe großes Bild oben). Wollte man die Geister der alten keltischen Gottheiten damit bannen?

IMG_8055Wer übrigens mehr über die Kelten wissen will, die dort dereinst siedelten, möge die auf dem Nachbarhügel gelegene Burg von Nižbor besuchen. Das nach schrecklichster Vernachlässigung in den Zeiten des Kommunismus arg heruntergekommene Gebäude ist heute wieder gut in Schuss und beherbergt ein Informationszentrum der keltischen Kultur. Hier erfährt man viel über die keltischen Siedlungsgebiete in Tschechien und über das Alltagsleben der damaligen Bewohner Stradonices. Ab und an gibt es im Ort und auf der Burg regelrechte Keltenfeste mit lokalen Kelten-Rock-Bands und allem, was dazu gehört. Auf sein altes keltisches Erbe ist man hier stolz! (DD)

Wanderwege II Von der Werkbund-Mustersiedlung Baba in das Tal der unteren Šarka

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Jede Menge Naturdenkmale und eine Ausstellungssiedlung  kann man sehen, wenn man dem rot markierten Wanderwege von der Bushaltestelle U Mateje im Stadtteil Dejvice folgt.  Bevor man  die 1932 eröffnete Werkbund-Mustersiedlung Sidliste Baba  besichtigt, mit großartigen Ausblicken auf die Moldau, die darunterliegende Kläranlage und die IMG_5095gegenüberliegende Plattenbausiedlung, die in ihrer Buntheit aber gar nicht so schlimm aussieht, sollte man noch einen kleinen Abstecher zur barocken Kirche mit gotischem Ursprung Sv. Mateje (links) machen. Hat man die Moldauseite der Siedlung passiert, kommt man zu einer rätselhaften Ruine direkt auf einem Felsen oberhalb der Moldau. Egal, ob es sich um die Ruine eines Sommerhauses oder künstliche Gartenarchitektur IMG_4258handelt, vom Letohradek na Babe (kleines Bild rechts) hat man eine herrliche Aussicht auf ganz Prag und die gegenüberliegende Keltenfestung Zamka (s.hier). Im weiten Bogen wendet man sich nun von der Moldau ab und folgt durch den Wald dem Höhenrücken, links erahnt man die untere oder ruhige Sarka , rechts blitzen gelegentlich die Häuser der Sidliste Baba durch den Wald. Nach gut einem Kilometer geht es sehr steil ins idyllische Tal der  Sarka und von dort aus sofort wieder steil hoch hinauf nach Lysolaje. Hier verlassen wir die rote Markierung und folgen der blauen Markierung ins Dorf, das mit originellen Sandsteinplastiken geschmückt ist und mit  einem liebevoll ausgeschildert Lehrpfad auf seinen Sehenswürdigkeiten und Geschichte IMG_4247aufmerksam macht. Auf jeden Fall sollte man einen Abstecher ins Housle-Tal unternehmen. Allein der Sandsteinbruch ist den kleinen Umweg wert. Selbstverständlich fanden sich auch hier Funde der Aunitzer Kultur (s. hier). Von da geht es, die Hauptstraße nach Horomerice querend, über freies Feld, das eine wundervolle Aussicht über die Umgebung, wie z.B. das Jagdschloss Stern (s. hier) bietet. Dann rechts und wieder rechts, dem Waldrand entlang an einem Reiterhof vorbei und durch den Wald  erfolgt der Abstieg ins Tal der Sarka. Unterwegs bieten sich immer wieder schöne  Aussichten auf Sv. Matej. Im idyllischen Sarka-Tal kann man entweder den Bus  bei Na Mlynku nehmen oder in einem recht steilen Aufstieg einem hübschen Sträßchen folgend die Rundwanderung bei  der Bushaltestelle U Mateje beenden.  (LSD)

Man weiß nur, dass man nichts weiß …

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Esoteriker lieben sie. Archäologen grübeln darüber. Jedermann findet sie rätselhaft: Die Teufelssteine  (Čertův sloup) auf dem Vyšehrad – nahe der Kirche. Seltsam sehen sie schon aus, diese drei Steinsäulen. Dabei wissen wir nicht einmal, ob sie ursprünglich überhaupt in dieser ineinander verschlungenen Position aufgerichtet worden sind.

Jedenfalls stehen sie dort schon lange und es gibt es unzählige Legenden über sie. Waren sie Geschosse, die mit besonders großen Kanonen während einer der vielen Belagerungen in Prags Geschichte auf den Vyšehrad gefeuert wurden? Das kann man wohl ausschließen, denn Chroniken aus dem noch kanonenfreien Mittelalter erwähnen die Säulen bereits.

Sind es Bauteile einer früheren Bauphase der Kirche? Nicht auszuschließen (ehrlich gesagt, ich finde es sogar recht plausibel). Oder Teil der frühslawischen Burg? Als mysteriöse Einrichtung zur Zeitmessung, wie Archäologen vermuten? Möglich. Oder gar keltisch? Das mögen aus irgendeinem Grunde Anhänger des Okkulten. Aber bewiesen ist es nicht.

Schließen wir uns also hier der populärsten und schönsten Mutmaßung an. Weshalb heißen die Säulen denn überhaupt Teufelssteine? Die alte Volkssage erklärt es: Der Teufel hat sie dereinst aus Wut über eine verlorene Wette mit einem Priester der Kirche nebenan hierhin geworfen.

Wer das nicht glauben will, der muss sich halt damit abfinden: Wir wissen nur, dass wir im Grunde nichts wissen. Aber das macht den Anblick der Steine erst richtig faszinierend. (DD)

Hinkelstein am Straßenrand

IMG_4219Möglicherweise 5000 bis 7000 Jahre steht er schon da. Lange bevor die Kelten kamen. Und lange Zeit stand er alleine in freier Natur, bis im 20. Jahrhundert die Ausbreitung der Stadt Prag ihn erreichte. Er aber blieb unverrückbar. Der neue Zaun am neuen Straßenrand musste für ihn sogar extra einen kleinen Umweg nehmen,.

IMG_4221„Versteinerter Diener“ nennt man den kleinen, ca. 1,50 Meter großen Menhir oder Hinkelstein in Dolní Chabry, einem nördlichen Ortsteil Prags.

Dieser Ort muss für die Menschen der Vorzeit ein wahres Paradies gewesen sein. Von der Steinzeit an über Kelten, Germanen und Slawen haben Menschen dort reichhaltig Spuren hinterlassen. Wer den gut ausgestatteten archäologischen Lehrpfad entlang geht, kann nur beeindruckt sein. Sogar römische Münzen aus der Zeit des Kaisers Probus hat man gefunden (obwohl die Römer anscheinend zu den wenigen gehörten, die hier selbst nie siedelten).

Der Menhir ist eine der originellsten Sehenswürdigkeiten. Warum und wann hier ein Diener versteinerte, weiß niemand so recht. So ist das schließlich mit alten Legenden. Der Ort zieht bisweilen Esoteriker an. Aber auch Nicht-Esoteriker. Eigentlich sollte sich jeder kulturell Interessierte mal den Lehrpfad von Dolní Chabry gönnen – einem der geschichtsträchtigsten Orte Prags. (DD)

Wandern in der Keltenfestung

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Fast nirgendwo in Europa scheinen sich die Kelten dereinst so gedrängelt zu haben wie auf dem Stadtgebiet des heutigen Prags. Die Menge der befestigten Siedlungen ist enorm. Im Süden Prags (Stadtteil 12) kann man das größte oppidum der Kelten in der Region bewundern: Závist. Es gehört überhaupt zu den größten Anlagen dieser Art in Europa.

img_3936Der Berg, auf dem sich die Anlage befindet, erhebt sich steil und imposant über dem Ufer der Moldau – schon von unten ein ansehnlicher Anblick (kleines Bild rechts)! Man ziehe sich also gute Wanderschuhe an. Von der Moldau muss man ca. 200 Meter Höhenunterschied zum Gipfel (391 Meter über dem Meeresspiegel) überwinden. Am höchsten Punkt findet sich die Akropole, das ehemalige Heiligtum, das den Archäologen, die hier seit dem 19. Jahrhundert forschten, unzählige wertvolle Funde bescherte. Die letzten großen Ausgrabungen fanden in den 90er Jahren statt. Die Ausmaße der Gesamtanlage sind beeindruckend. Satte 150 Hektar umfasst sie. Die Verteidigungswälle erstrecken sich insgesamt über eine Länge von 10 Kilometern.

img_3947Am Rande des Areals befinden sich große Gräberfelder (kleines Bild links). Die Kelten siedelten hier seit dem 6. Jahrhundert vor Christus. Um das Jahr 20 vor Christus brach ein Großfeuer aus, das die keltische Siedlungsgeschichte beendete.

Weiter talwärts finden sich spätere slawische Festungserweiterungen und Gräberfelder aus dem 9. Jahrhundert.

Die Wege sind sorgfältig angelegt, gut ausgezeichnet und es finden sich überall Schautafeln, die einem die reiche Geschichte des Ortes detailliert (allerdings nur auf Tschechisch) erklären. Zavist ist also einen Ausflug wert. Wer eine ausdauernde Wanderung durch schöne Natur und und historischen Erkenntnisgewinn liebt, sollte sich diesen bemerkenswerten Keltenlehrpfad nicht entgehen lassen. (DD)

Kelten über dem Stausee

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Wandert man den Botič entlang zum Stausee bei Hostivař (siehe auch hier), sollte man den Hang aufwärts schauen. Oben über dem Stausee befindet eine riesige keltische Festungsanlage (Hradiště  Hostivař), die im Volkmund oft auch Šance (Schanze) genannt wird.

img_3597Ausgrabungen ergaben, dass die Anlage schon in der Eisenzeit besiedelt war. Ausgebaut wurde sie in der jüngeren Hallstattzeit (6. und 5. Jahrhundert vor Christus) und vor allem unter den Kelten. Sie ist damit die älteste Festungsanlage in Prag überhaupt. Ein Großbrand beendete die Besiedlung für lange Zeit –  bis dann img_3599im frühen Mittelalter sich slawische Siedler vom 8. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts die alten keltischen Wallanlagen und die steilen Hänge des Berges zu Nutzen machten und sich in deren Schutz niederließen. Für die Archäologen ist das Areal ein wahrer Schatz!

Wer die noch sichtbaren Wälle entlang geht, kann nicht nur eine schöne Aussicht über den Botič genießen, sondern sich auch über die Kelten in Prag detailliert informieren. Es gibt einen Infostand mit zahlreichen Tafeln. Insbesondere die kleine dreidimensionale Nachbildung (kleines Bild rechts) veranschaulicht die beeindruckenden Dimensionen dieses bedeutenden historischen Monumentes. (DD)