Kafkas Domizil in Vinohrady

Franz Kafka ist mit Sicherheit der international bekannteste Schriftsteller Prags. Sein Museum, sein Geburtshaus, seine Denkmäler (hier und hier) sind Touristenmagneten und überall kann man Kafka-Souvenirs kaufen.

Um so mehr verwundert es, dass an seinem Wohndomizil in der Polská 1532/48 im damals noch nicht zu Prag gehörenden Vinohrady (das erst 1922 eingemeindet wurde) keine Plakette daran erinnert, dass der Schriftsteller hier vom September 1914 bis zum Februar 1915 lebte. Hier in diesem Haus schrieb er den größten Teil seines postum veröffentlichten und unvollendet geblieben Romans Der Process, in dem er wohl die Trennung von seiner ersten Verlobten Felice Bauer verarbeitete. Die Verlobung war kurz zuvor, im August 1914, nach fast zwei Jahren beendet worden.

In das Haus in der Polská, die erst seit 1948 so benannt ist und damals noch Nerudagasse hieß, zog er zusammen mit seiner ältesten Schwester Gabriele, genannt Elli, ein, die – genau wie die beiden jüngeren Schwestern Valli und Ottla – 1942 von den Nazis ermordet werden sollte. Während der Zeit, in der er hier wohnte, musste Kafka sich widerwillig um die Geschäfte der Firma Prager Asbestwerke Hermann und Co. kümmern, bei der er ebenso widerwillig auf Wunsch seines Vater stiller Teilhaber geworden war. Seine literarische Produktivität schien darunter kaum zu leiden, schrieb er hier doch neben Der Process unter anderem die Erzählung In der Strafkolonie.

Das Haus in der Polská ist ein für die Umgebung in Vinohrady typisches vierstöckiges Mietshaus im Stil der Neorenaissance. Es liegt in einer sehr angenehmen Gegend direkt in der Nähe des Rieger Parks (Riegrovy sady) Heute befindet sich im Erdgeschoss eine kleine Kneipe. Ob Kafka hier eingekehrt wäre, hätte es die schon damals gegeben? Wiedem auch sei: Im März 1915 zog Kafka hier aus und zog in das Haus zum Goldenen Hecht in der Altstadt ein (früherer Beitrag hier), wo er bis 1917 lebte. (DD)

Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Sgraffiti-Gewimmel

Es waren keine berühmten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte, die das Haus zur Minute (Dům U Minuty) am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 3/2) erbauten.

Das Haus, im heute täglich von Tausenden von Touristen besuchten Teil der Altstadt, ist auch viel zu klein für einen Sitz vornehmer Adliger oder reicher Patrizier. Trotz alledem gehört es mit seiner opulenten Fassaden-Ausstattung wohl zu den bekanntesten und auffälligsten Bürgerhäusern der Altstadt. Mit seinen hübschen schwarz-weißen Sgraffiti („Kratztechnik“) handelt sich um ein geradezu archetypisches Beispiel für ein bürgerliches Wohngebäude im böhmischen Renaissancestil.

Ursprünglich stand hier wohl ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das aber um 1564 grundlegend im Renaissancestil umgebaut wurde. Kurz darauf setzte man noch eine dritte Etage auf, die mit spitz zulaufenden Lünetten (gerahmte Wandfelder) über den Fenstern ausgestattet wurde. Im frühen 18. Jahrhundert befand sich hier eine Apotheke, deren Hauszeichen ein Löwe war, weshalb das Haus damals noch U Bílého lva (Zum Weißen Löwen) hieß. Das Hauszeichen – eine Löwenskulptur mit Kartusche im klassischen Stil – befindet sich noch immer in einer Ecknische im ersten Stock.

Nach der Apotheke kam ein Tabaksladen. Man muss etwas kompliziert denken, um herauszufinden, warum das Haus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nach dem Löwen benannt wurde, sondern als Haus zur Minute weitergeführt wurde. Das hat nichts mit Zeitmessungen oder Zeitabschnitten zu tun. Es leitet sich von dem Wort „minuziös“ ab und spielt darauf an, dass es hier sehr fein (und klein) geschnittenen Tabak gab.

Anfang des 20. Jahrhundert wollte man das Areal um das Rathaus am Altstädter Ring städteplanerisch großzügiger gestalten und plante den Abriss des Hauses (und des Nachbarhauses). Denkmalschützer wehrten sich dagegen heftig und erreichten 1905 den Schutz des Gebäudes. Wie recht sie damit taten, zeigte sich 1919 als man beim Renovieren die obere Putzschicht abtrug und das entdeckte, was das Haus heute so sehr zu einer sensationellen Sehenswürdigkeit macht: Die Sgraffiti, die vom ersten Stock an aufwärts die ganze Fassade dicht bedecken.

Der Reichtum der Verzierung erstaunte die Forscher, weil das Haus ja keine Vergangenheit als Sitz hoher Herrschaften und großer Mäzene aufwies. Das Ganze ist schon fast ein wenig rätselhaft. Anscheinend wurde die äußerst feinen Sgraffiti in zwei Phasen aufgetragen – ein Teil um 1590/1600 und der Rest um 1615. Es ist im übrigen unbekannt geblieben, wer der Künstler oder die Künstler dieser kleinen Meisterwerke waren.

Auch muss man nach Erklärungen suchen, warum die Sgraffiti irgendwann überputzt wurden und völlig in Vergessenheit gerieten. Nachdem sie 1919 entdeckt worden waren, wurden sie übrigens umgehend von dem Bildhauer Jindřich Václav Čapek restauriert.

Es wimmelt von Szenen und Darstellungen, die alle den für die Renaissance-Zeit typischen Moral- und Kulturvorstellungen widerspiegeln. Das sind natürlich zum einen christliche Themen, wie zum Beispiel das Bild von Adam und Eva, die mit einem liegenden Hirschen unter dem verbotenen Baum der Erkenntnis stehen – den Apfel schon in bedrohlicher Nähe. Auch Darstellungen der klassischen Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit (Bild rechts) finden sich – wie es überhaupt geradezu von realen, fiktiven und allegorischen Gestalten nur so wimmelt. Alles ist umrahmt von bildlich dargestellten klassisch-antiken Architekturelementen wir Nischen oder Pilaster.

Aber die Renaissance wäre nicht die Renaissance, ginge es nicht auch ganz spezifisch um die Wiederbelebung der römischen Antike und ihres Wertekanons. Altrömische Tapferkeit und Selbstaufopferung finden sich zum Beispiel durch Gaius Mucius Scaevola repräsentiert (Bild links). Der war während eines Krieges mit den Etruskern in Gefangenschaft geraten und beeindruckte deren König so sehr dadurch, dass er seine Hand ohne einen Schmerzenslaut in ein Feuer hielt, dass besagter König den Feldzug abbrach. Dabei kann man den schmerzunempfindlichen Helden heute noch auf der Fassade des Hauses hier in Prag beobachten.

Ein Highlight sind aber vor allem die Portraits zeitgenössischer Herrscher oben unter dem Dach zwischen den Lünetten. Da wimmelt es natürlich in erster Linie von Habsburgern, die ja zur Zeit der Anfertigung der Sgraffiti in Böhmen herrschten und dementsprechend verständlicherweise besonders herausgestellt werden mussten. Im Bild links sieht man als Beispiel den spanischen König Philipp II. (Bild links). Ebenfalls mit von der Partie sind unter anderem Maximilian II. und Rudof II., auch alles gute Habsburger der damaligen Zeit.

Nur ein Herrscher fällt ob seiner Turbantracht auf den ersten Blick etwas aus der Reihe, weil er weder Habsburger, noch Böhme, noch ein christlicher Herrscher ist: Sultan Selim II., der Beherrscher des Osmanischen Reiches (Bild rechts). Den hat man wohl dankbar einbezogen, weil er 1568 zusammen mit Maximilian II. den Frieden von Adrianopel unterzeichnet hatte, der für eine Weile erfolgreich den Frieden zwischen den beiden Großreichen garantierte. Dafür musste man ihm dann doch so dankbar sein, dass er auf der Fassade des Minutenhauses verewigt wurde.

Ach ja, Franz Kafka war ja ein wenig unstet, was seine Wohnorte in Prag anging (frühere Beispiele u.a. hier und hier) und so gehört auch dieses Haus zu den Gebäuden, in denen er einen Teil seines Lebens verbrachte. Er lebte hier als Kind mit seinen Eltern von 1889 bis 1896 und seine drei Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie wurden hier geboren. (DD)

Kafka beim Hecht

Man muss weit nach oben schauen, bis man den Hecht sieht. Die meisten Passanten bemerken ihn wohl gar nicht erst. Dabei sieht er mit seinem vergoldeten schnabelförmigen Maul, das zu grinsen scheint, eigentlich doch recht putzig aus.

Wirkliche Berühmtheit hat das fünfstöckige Haus U Zlaté Štiky (Zum Goldenen Hecht) an der Ecke Masná 705/1 und Dlouhá 705/16 inmitten der Altstadt aber nicht wegen des Hechtes erlangt. Vielmehr handelt es sich um eines der Häuser, die dereinst der große Schriftsteller Franz Kafka bewohnt hatte. Der unstete Kafka lebte hier in einer Wohnung mit Eckzimmer von März 1915 bis Februar 1917.

Kafka ging, der Hecht blieb. Er ist Relikt eines älteren Hauses, das hier vorher stand. Es handelt sich um ein barockes Hausschild, das zu einer kleinen Brauerei gehörte, die den Namen Zum Goldenen Hecht trug und anscheinend auf das 15. Jahrhundert zurückverfolgbar ist. Die barocke Umgestaltung des ursprünglich gotischen Hauses erfolgte im 17. Jahrhundert. 1913 ersetzte man das Ganze durch das Jugendstilgebäude, das man heute hier sieht, und das Kafka bewohnte.

Es ist anzunehmen, dass das Hausschild mit dem Goldhecht ursprünglich über dem Eingang im Erdgeschoss hing und somit deutlicher sichtbar war. Mit dem Neubau von 1913 verfrachtete man es – als einziges Überbleibsel des Barockbaus – nach oberhalb des dritten Stocks.

Unter dem in eine rechteckige Kartusche gefassten Fisch steht ein Hausmotto, das in Deutsch etwa lautet: „Dieses Haus wird von der Hand des Herrn geschützt, wir nennen es Zum Goldenen Hecht.“ (DD)

Wo Kafka bei der Versicherung arbeitete

Dass im Versicherungswesen viel Geld steckt, beweist schon das Äußere dieses doch recht pompösen Gebäudes am Wenzelsplatz 832/19. Es wurde in den Jahren 1907/08 für die Assicurazioni Generali gebaut, eine Versicherung, die ihren Hauptsitz in Trieste hatte, das damals noch nicht zu Italien, sondern zum Habsburgerreich gehörte.

Nur die besten Architekten und Künstler der Zeit waren gut genug für dieses Gebäude. Die Pläne stammten von Friedrich Ohmann (früherer Beitrag hier) und Osvald Polívka (u.a. hier, hier und hier), die damals begannen, das Stadtbild des neuen modernen Prags zu prägen.

Das Auffälligste ist von außen jedoch die reiche Fassadengestaltung, an der sich gleich vier der wichtigsten in Prag agierenden Bildhauer der Zeit so richtig austoben konnten: Stanislav Sucharda (frühere Beiträge hier und hier), Bohuslav Schnirch (hier und hier), Čeněk Vosmík (hier und hier) and Antonín Procházka.

Meist handelt es sich um allegorische Statuen, die sich hier finden lassen, und die irgendwie einen Bezug zum Versicherungswesen haben. So etwa die Darstellung im großen Bild oben, wo uns ein vor seinem Schiff stehender Seebär darauf hinweist, dass Schiffsversicherungen ganz klar zum Kernmetier der Gesellschaft gehörten.

Oder die Landwirtschaft, wie die Figur des ein Bündel Getreideähren mit sich tragenden Mädchens (Bild links) demonstriert.

Wie gesagt, die Versicherung hat sich das etwas kosten lassen – allerdings für ihr Geld auch viel bekommen. Das Gebäude ist sicher eines der auffallendsten Schmuckstücke des Wenzelsplatzes.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich heute ein Modegeschäft, dessen Inneres nicht ahnen lässt, was einen damals auch dort erwartete. Der Haupteingang führt jedoch in den Büroteil, wo heute zahlreiche Firmen residieren. Von Vorhalle und Treppenhaus kann man ab und an einen Blick erhaschen. Weiter oben ist es wohl noch prachtvoller. Aber auch das, was man unten sehen kann, beeindruckt schon, zumal das Haus in gutem Schuss gehalten ist und auf das Feinste renoviert wurde.

Ja, und in dem Haus hat sich nicht nur kalte Wirtschaftsgeschichte um das dröge Versicherungswesen abgespielt, sondern auch ein wichtiges Kapitel Prager Kulturgeschichte. Kein geringerer als Franz Kafka fand hier nach Eröffnung des Gebäudes einen Job als Angestellter bei der Versicherung. Das Gehalt war mager und die hart und vor allem sehr verwaltungstechnokratische Arbeit lag dem kreativen und empfindsamen Geist des Schriftstellers nicht. Sie inspirierte ihn aber zu einigen literarischen Glanzleistungen, die die Absurdität des modernen Bürokratismus in allen düsteren Aspekten darstellten. Kein Jahr dauerte das Angestelltenverhältnis. (DD)

Kafka näher gebracht

Bei Smetana war es so (hier) und bei Dvořák (hier) ebenfalls: Die Gebäude der Museen, die großen in Prag wirkenden Kulturschaffenden gewidmet sind, stehen oft mit dem dort Geehrten in keinerlei historischer Beziehung. Das gilt auch für das Kafka Museum in der Cihelná 635/2b in der Kleinseite. Franz Kafka, der wohl bekannteste Schriftsteller, den Prag hervorgebracht hat, ist in diesem Haus weder geboren noch gestorben und auch gelebt hat er darin nicht.

Das sollte einen aber nicht abhalten, das idyllisch an der Moldau gelegene Gebäude einer ehemaligen Ziegelei zu besuchen, um eine wirklich gut gemachte Ausstellung über Kafka zu sehen. Ursprünglich war es eine Wanderausstellung, die 1999 in Barcelona und 2002/2003 in New York präsentiert worden war, die hier in der alten Ziegelei 2005 ihr dauerhaftes Domizil aufschlug. Aus der Wanderausstellung wurde ein richtiges Museum.

Und das Museum ist didaktisch voll auf der Höhe und dem (schwierigen) Gegenstand gewachsen. Die Sammlung enthält Dokumente, Photos, Originalhandschriften, Originalausgaben und vor allem multimediale Elemente, die atmosphärisch dicht verbunden sind. Die passend zu der düsteren Weltsicht Kafkas sehr dunklen Räume des einstöckigen Gebäudes führen zunächst einmal in das Umfeld Kafka in seiner Zeit ein – was bedeutete das Leben eines deutschsprachigen Juden in einer hauptsächlich tschechischen Stadt? Man erfährt etwas über den Antisemitismus, der in der Zeit immer mehr Verbreitung fand. Dann kommen Abteilungen zu Berufsweg (er liebte den Job bei einer Versicherung nicht, sie inspirierte ihn aber anscheinend zu einer finsteren literarischen Bürokratiekritik), Lebensweg, Beziehungen, Tod, Rezeption u.v.a..

Für den Kenner bietet das Museum eine wahre Fundgrube an neuen Informationen. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Multimedia und einem nicht immer linearen Aufbau der Exponatfolge bringen aber selbst dem Unkundigen – oder demjenigen, dem wie dem Schreiber dieser Zeilen, Kafka im Deutschunterricht dereinst eher fern-, denn nahegebracht wurde – die Person des Schriftstellers in seiner Zerrissenheit und seiner Sensibilität näher. Vielleicht sollte man doch mal wieder etwas von ihm lesen. (DD)

Kafkas kubistisches Grab

Das am häufigsten besuchte Grab auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (über den wir im letzten Beitrag berichteten) ist ohne Zweifel das des großen Schriftstellers Franz Kafka. Schon am Eingang ist es als einziges Grab mit Hinweisschildern versehen. Man findet es nahe der Friedhofsmauer (Grabstein Nummer 21 – 14 – 21).

Kafka wurde hier am 11. Juni 1924 beerdigt – acht Tage nach seinem Tod in einem Sanatorium im österreichischen Kierling. Sein Sarg war mit einem Zug nach Prag geschafft worden. Weniger als 100 Menschen nahmen an der Beerdigung teil – Freunde und Verwandte, aber kein großer amtlicher Würdenträger. Während der für seine düsteren existentialistischen Werke bekannte Schriftsteller heute zu den bedeutendsten Autoren der Weltliteratur gehört, war er unter den Zeitgenossen eher ein unbekannter Außenseiter. Heute würde eine Gedenkfeier für ihn anders aussehen.

Der Grabstein selbst wurde vom dem Architekten Leopold Ehrmann gestaltet. Es handelt sich um ein Werk in einem sehr strikten kubistischen Stil, basierend auf der Geometrie eines Kristalls, was häufig das zentrale Kernelement der Frühform des Kubismus bildete.

Unter dem Namen des Schriftstellers steht eine hebräische Inschrift, die dem jüdischen Grabinschriftenkanon mit seinen Segenswünschen weitgehend entspricht (Erläuterung hier) Es handelt sich um ein Familiengrab, in dem auch Kafkas Eltern ihre letzte Ruhestätte fanden, wobei Franz Kafkas Name oben steht. Seine Eltern überlebten ihn ja um Jahre und so war er der erste der Familie, der hier an dieser Stelle beerdigt wurde. (DD)

Kafka von Róna

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In der Kategorie „originelle Denkmäler Prags“ gehört dieses hier gewiss in die engere Wahl der Spitzenkandidaten: Das Franz-Kafka-Denkmal neben der Spanischen Synagoge im alten Judenviertel.

IMG_3392Die Skulptur wurde am 4. Dezember 2003 öffentlich eingeweiht, gerade rechtzeitig zum 120. Geburtstag Kafkas. Das 3,75 Meter hohe und 700 Kilogramm schwere Teil ist das Werk des bekannten tschechischen Bildhauers Jaroslav Róna, dessen Werk bisweilen in Sachen Surrealität mit dem Werk Kafkas geradezu konkurriert.

Róna ließ sich  bei seiner Idee, Kafka auf den Schultern einer großen kopf- und armlosen Männergestalt sitzen zu lassen, von Kafkas zwischen 1903 und 1907 geschriebenen, aber erst postum veröffentlichten traum- und phantasiehaften Erzählung Beschreibung eines Kampfes inspirieren. Róna fand darin die Stelle, die er dann bei seiner Skulptur umsetzte: „Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, dass ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß in einen leichten Trab“. Kongenialer hätte man Kafkas Denkmal kaum gestalten können. (DD)

Wo Kafka geboren wurde, trinkt man heute Kaffee

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Franz Kafka ist immer noch der Kultliterat in Prag. Er wird in Museen und Andenkenshops gleichermaßen angepriesen. In Prag wurde er auch geboren und man kann sich kaum ausmalen, was für ein Rummel es um sein Geburtshaus gäbe, stünde dieses noch. Doch das alte Gebäude, das von dem Barockarchitekten Kilian Ignaz Dietzenhofer IMG_5333als Teil des Komplexes der St.-Nikolaus-Kirche am Altstädter Ring erbaut wurde, fiel 1897 (die Familie Kafka wohnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in dem Haus) einem Feuer zum Opfer – rund 14 Jahre nach Kafkas Geburt. Das danach erbaute neobarocke Gebäude an selbiger Stelle passt sich allerdings der Umgebung harmonisch an und lädt die Besucher Prags offensiv ein, bei einem Kaffee ein wenig über Kafka und sein Wirken zu sinnieren. Im Erdgeschoss befindet sich nämlich ein Café, das nicht originell, aber passend am Franz-Kafka-Platz (Náměstí Franze Kafky) liegt und ebenfalls nicht originell, aber passend Café Franz Kafka heißt.

IMG_5332Was das Café selbst angeht, so stellen Lage und Reputation sicher, dass es gar nicht anders kann, als sich auf Massentourismus einzustellen, manche Bewertungsportale sprechen gar von einer „Touristenfalle“. Das ist nicht völlig falsch, aber dann doch ein wenig zu harsch. Man kann in Prag sicher feinere und preisgünstigere Cafés finden, aber die Qualität des Kuchenangebots – im Bild die Schokotorte mit Schokoladeneis – ist vollkommen in Ordnung und der Service ist schnell.

Und dann ist dann noch die Büste Kafkas an der Ecke des Hauses (großes Bild oben), die daran erinnert, dass hier dereinst das Geburtshaus des Schriftstellers war. Sie wurde 1965 von dem Bildhauer Karel Hladik geschaffen. Skulpturen sind ja bekanntlich dreidimensional. Das Problem, das Hladik damals hatte, war, dass es von Kafka kein Profilphoto gab, sondern nur Frontalansichten. Wie sollte man denn nun zum Beispiel die Nasenform gestalten? Deswegen musste für die Büste ein Enkel von Kafkas Schwester als Modell sitzen, von dem Freunde und Verwandte behaupteten, er sähe dem Schriftsteller sehr ähnlich. (DD)

Kafka in Scheiben

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Franz Kafka gehört zu den Großen der Weltliteratur, die man am meisten mit Prag verbindet. An wenigen Stellen wird er so originell gewürdigt, wie hier vor einem Einkaufszentrum in der Spalena 22, Praha 1.

Kafka.pngDer als kontroverser Künstler bekannte Bildhauer David Černý hat 2014 diese Skulptur unter dem Titel „Metamorphosis“ entworfen und aufgestellt. Die 11 Meter hohe Büste ist in 42 Metallscheiben zerlegt, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit um eine Achse drehen und nur ab und an so zueinander liegen, dass man das Gesicht Kafkas erkennen kann.Das, so meint der Künstler, solle die innere Zerrissenheit und Schizophrenie Kafkas symbolisieren.

In voller Bewegung kann man es hier im Zeitraffer sehen. Wenn man sich die Zeit dazu nehmen will, es sich im vollen Bewegungsablauf anzuschauen, kann sich einen Fensterplatz bei dem italienischen Restaurant direkt neben der Skulptur reservieren. (DD)