Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Buuredanz in Vršovice

Wenn man so etwas sieht, denkt man als Rheinländer natürlich sofort an die Bläck Fööss und den Buuredanz. Aber wir sind hier nicht in Birkesdorf, sondern im Prager Stadtteil Vršovice, wo man noch ein ganz klein wenig daran arbeiten muss, um den Bläck Fööss zu ihrer überall verdienten Popularität zu verhelfen.

Die stilvolle Hausfassade mit dem Bauerntanz (für Rheinländer: Das ist „Hochdeutsch“ für Buuredanz) findet sich in der Žitomirská 595/35 in ebenjenem Vršovice, das sich in den letzten Jahren von einem etwas abgehängten Stadtteil zu einem als „total hip“ eingestuften Viertel hinaufgentrifiziert hat. Und bei dem dazugehörigen Haus handelt es sich um ein Miets- und Wohnhaus im späten Jugendstil feinster Ausprägung.

Erbaut wurde es in den Jahren 1910 bis 1911 vom Architekten und Baumeister Václav Šourek. Das fünsfstöckige Haus zeichnet sich durch seine Balkone im ersten und zweiten Stock, die das Gebäude horizontal, und den große Mittelerker, der es vertikal zu teilen scheinen, und die zurückhaltenden floralen und geometrischen Stuckaturen auf der gesamten Fassade aus. Das Haus wurde immer gut in Schuss gehalten, aber die Renovierungen von 1935, 1978, 1981 und 1991 haben den Grundcharakter der Architektur nicht elementar verändert.

Der Hingucker sind natürlich die hübschen bunten Reliefs aus Keramik, die fröhliche Szenen des Landlebens beim Dorffest zeiegn. Man sieht in verschiedenen Varianten auf Höhe des ersten Stock und des Dachgiebels. Das Sujet war populär bei Gebäuden in dem zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhundert, vor allem in Orten, die sich – wie Vršovice – gerade vom ländlichen Dorf zum urbanen Vorort entwickelten. Vršovice bekam 1902 sein eigenes Stadtrecht verliehen und wurde 1922 völlig in Prag eingemeindet und integriert. Aber auf der Fassade lebt das Dorf von dereinst noch immer weiter.

In dem Haus lebte von 1939 bis zu seinem Tode 1981 der in Prag wohl recht bekannte Marathonschwimmer und Ausdauersport-Trainer Oldřich Liška, an den eine Gedenkplakette aus dem Jahr 1997 erinnert. Aber die fällt beim Betrachten des Hauses nicht annähernd so auf wie die ländlichen Pärchen, die in ihrem Liebesglück den böhmischen Buuredanz genießen. Auch ohne die Musik der Bläck Fööss. (DD)

Verehrter Komponist

Karel Bendl ist heute nicht mehr sehr vielen Menschen bekannt. Aber in seiner Zeit gehörte er durchaus zu den großen Komponisten Böhmens und hatte etliche prestigereiche Positionen inne.

Zeitgenossen sahen ihn als fast ebenbürtig mit den heute ungleich bekannteren Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Und tatsächlich sprang er für die ab und an ein – er löste Smetana als Leiter der (damals sehr patriotischen) Gesangsvereinigung Hlalol ab und führte sie zu Weltruhm. Dvořák 1892 nach Amerika abreiste, wo er Inpiration für sein bekanntestes Meisterwerk, der 5. Symphonie Aus der Neuen Welt (1893) fand, da übernahm Bendl dessen Klasse für Komposition am Prager Konservatorium, eine Position. die er dann auch bis an sein Lebensende 1897 innehatte. In den Jahren 1874 bis 1875 war er zweiter Kapellmeister des Nationaltheaters (Národni divadlo), das damals noch in einem provisorischen Gebäude residierte (der heutige Bau entstand 1881).

Zahlreiche Kompositionen machte in im ganzen Lande bekannt, etwa die komische Oper Starý ženich (Der alte Bräutigam) von 1883 oder das Instrumentalstück Jihoslovanská rhapsodie (Südslawische Rhapsodie). Wie auch Smetana, versuchte Bendl auch immer wieder nationale und panslawistische Themen in seiner Musik zu verarbeiten. Smetana selbst ließ es sich übrigens nicht nehmen, 1869 die Premiere von Bendls zu Lebzeiten bekanntester Oper Léjla (zu der die berühmte Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská – früherer Beitrag hier – das Libretto beigetragen hatte) in Anerkennung seines Kollegen daselbst zu dirigieren.

Dass Bendl ein Denkmal verdient hat, steht also außer Frage. Und tatsächlich befindet sich seit 1916 ein recht stattliches Denkmal für ihn an der Ecke Pod Kaštany/Na Zátorce im Stadtteil Dejvice (Prag 6) auf einer hübschen kleinen und grünen Verkehrsinsel. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der unter anderem das große Monument des großen Nationalhistorikers František Palacký (früherer Beitrag hier) am Moldauufer erschaffen hatte – also nicht gerade ein unbekannter.

Sucharda war ein Meister des späten Jugendstils und in diesem Stil ist das aus Sandstein geschlagene Denkmal Bendls auch gehalten. Es handelt sich um eine Büstes des Komponisten, die auf einem unten sechseckigen, oben zylindrischen Sockel steht, der von zahlreichen Figuren umringt ist. Die Figur auf der Rückseite trägt eine Inschrift auf der Brust, die besagt, dass das Denkmal von einem Bürgerverein 1915/16 in Eigeninitiative gestiftet worden sei – ein Ausdruck der Verehrung, die man damals dem Komponisten entgegenbrachte. (DD)

Sparsam mit Eule

Beim Sparen und beim Geldleihen und -verleihen sollten Weisheit und ein Denken an das langfristige Wohl für kommende Zeiten und Generationen im Mittelpunkt stehen. So könnte man den tieferen Sinn dieser Eule (das Weisheitssymbol der Antike) über dem Geborgenheit suchenden Säugling deuten, der aber schon die Last der Welt (-kugel) zu spüren beginnt.

Diese Intepretation würde zumindest dem ursprünglichen Zweck des Gebäudes in der Dukelských Hr 471/29 in Holešovice (Prag 7) entsprechen. Wie die goldenen Lettern über dem ersten Stock es bereits ausdrücken, residierte hier dereinst die Erste Bürgerunion in Holešovice-Bubny (První občanská záložna v Holešovicích-Bubnech). Das war eine der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Böhmen aufkommenden Spar- und Kreditgenossenschaften, die helfen sollten, auch die ärmeren Mitmenschen in die Lage zu versetzen, langfristig für sich selbst und ihre Zukunfts sorgen zu können.

Purer Jugendstil ist dieses Gebäude. Es wurde im Jahre 1910 von dem Architekten Alois Potůček erbaut. Heute ist hier im Erdgeschoss ein Metzger und kein Sparverein zu finden. Das Innere wurde 1937 und dann noch einmal in der 1960er Jahren gründlich umgestaltet. Aber die wunderhübsche Fassadengestaltung außen erinnert immer noch an den löblichen Ursprungszweck, der von dem damaligen Bürgersinn in Prag zeugt. Neben der Eule und dem Baby in vergoldetem Stuck oben unter dem Dachgiebel finden sich daher auch zwei schöne Wandmalereien, die das unterstreichen. Rechts ist es eine weibliche Allegorie auf Industrie und Handwerk (mit kleinen Maschinenzahnrädern) und links eine männliche Allegorie, die vor segelnden Frachtschiffen den Handel versinnbildlicht. Der Blick nach oben lohnt sich bei diesem Haus. (DD)

Mit Sixpacks Richtung Kubismus

Der Typ mit seinen kräftigen Sixpacks und den Windelhosen wirkt schon recht bombastisch. Zusammen mit zwei seiner Kumpel steht er für die zunehmende Revolutionierung der Architektur in Prag in der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg.

Zu sehen ist das Ganze auf der Fassade des großen vierstöckigen Mietshauses in der Šmeralova 390/15 im Stadtteil Bubeneč (Prag 7). Das Haus wurde nach dem Entwurf des Architekten Bohuslav Homoláč (1883-1962) in den Jahren 1911-13 durch den Baumeister Václav Hortlík erbaut. Homoláč hatte in dieser Zeit zahlreiche sehr avantgardistische Wohnhäuser in Prag in einem ähnlichen Stil entworfen.

Dieses Haus in der Šmeralova steht ganz besonders deutlich für einen Zeitenwandel in der Architektur, der sich damals abzuzeichnen begann.

Vieles an diesem Haus entspricht noch den Geschmacksvorstellungen des späten Jugendstils, auch „geometrischer Jugendstil“ genannt, der in dieser Zeit seinen Aufschwung nahm. Statt der asymmetrischen und floralen Gestaltungselemente, die frühere Spielarten des Jugendstils bestimmten (früherer Beitrag hier), dominierten nun immer mehr abstrakte Formen. Die sieht man auch hier besonders drei großen männlichen Statuen, den Balkongittern und den Wandornamenten. Diese Ausrichtung des Jugendstils war bereits eine revolutionäre Neuerung in Richtung funktionalistischer Abstraktheit in der Architektur.

Aber sie war kurzlebig, denn der Trend setzte fast zugleich in deutlicherer Form fort. Gerade in Tschechien wurde der Kubismus in dieser Zeit zum führenden Trend in der Architektur. Die Gestaltung der abgerundeten Erker mit ihren Fenstern (kleines Bild rechts) und die geometrischen Formen rund um die in Pilaster eingebetteten Gesichterskulpturen auf Höhe des dritten Stocks (Bild links) würden in jedem anderen baulichen Kontext wahrscheinlich als rein kubistisch wahrgenommen.

Aber der Hingucker sind doch die großen männlichen Skulpturen auf Höhe des ersten Stocks, die dem Haus konsequenterweise den Namen Bei den drei Atlanten (U tří Atlantů) eingetragen haben. Sie wurden wohl in ihrer Gestaltung bewusst an die der Atlanten im Portikus der Neuen Eremitage in St. Petersburg angelehnt, die der aus Bayern stammende klassizistische Architekt Leo von Klenze zwischen 1839 und 1852 entworfen hatte, die wiederum auf antikem Vorbild basierten. Aber eben ein wenig „jugendstilig“ ausgeführt im Stile des damals berühmten Bildhauers Franz Metzner. Recht archaisch sehen sie dadurch aus; und doch modern.

Wem das Haus gefällt, der kann auch dort verweilen. Im Erdgeschoss befindet sich nämlich ein sehr gepflegtes Café. (DD)

Heilige und Patriotismus

Der Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) hoch oben auf der Burg ist eine wahre Schatzkammer. Selbst unter den unendlich vielen Sehenswürdigkeiten der Spitzenklasse ragt dabei das berühmte von Alphonse Mucha (siehe auch hier) entworfene Kirchenfenster auf der Nordseite des Schiffs heraus.

Mucha war der „Popstar“ unter den vielen bedeutenden Künstlern des Jugendstils in Prag möglicherweise sogar der bekannteste Künstler der Tschechen überhaupt. Zudem war er ein politischer Mensch, der als tschechischer Patriot von einem unabhängigeren und demokratischeren Böhmen träumte. Er unterstützte die liberale Politik der Ersten Republik unter Präsident Tomáš Garrigue Masaryk von Herzen – weshalb ihn übrigens die Nazis nach ihrem Einmarsch 1939 kurz vor seinem Tod im selben Jahr internierten.

Als er 1928 mit dem ersten Entwurf für das große Kirchenfenster der Kathedrale begann, war klar, dass er religiöse mit patriotischen politischen Themen verbinden würde. Das ist bei dem im Fenster nun realisierten Entwurf von 1930 überdeutlich ersichtlich. Muchas politische Ideenwelt kreiste um einen durchaus westlich-demokratisch gebundenen (nicht-russophilen) Panslawismus, der sich mit einer deutlichen Prise tschechischen Nationalismus liberaler Prägung verband.

Um dies durch das Spektrum des religiösen (immerhin handelt es sich ja um ein Kirchenfenster) sichtbar zu machen, verbindet Mucha auf dem Fenster zwei ineinander verwobene historische Motive, die sich um Heiligenviten und das politische Erwachen slawisch-tschechischer Identität: Der Aufstieg der christianisierten Dynastie der Přemysliden und das Wirken der beiden Heiligen Kyrill und Method, den „Slawenaposteln“ die dereinst im 9. Jahrhundert die Slawen in Südost- und Mitteleuropa christlich missioniert hatten (früherer Beitrag u.a. hier).

Dabei stellt die kombinierte Szene in der Mitte des Fensters (siehe großes Bild oben) den Aspekt der Identitätsbildung der Herrscherdynastie der Přemysliden, die im 9. Jahrhundert dabei war, den böhmischen Staat auf christlicher Grundlage zu formieren. Im Hintergrund sieht man den böhmischen Herrscher Bořivoj I., der gerade als erster des Geschlechts von besagten Kyrill und Method getauft wird und somit di Geschichte des christlichen Böhmens einleitet. Davor sieht man – historisch gesehen nur wenige Jahrzehnte später – die Heiligen Ludmilla, eine aus dem selben Geschlecht stammende böhmische Nationalheilige, die ihren Enkel Václav, sprich: den späteren Heilige Wenzel, aufzieht. Den sieht man hier als betendes Kleinkind bereits mit visionärem (und etwas süßlich dargestelltem) Blick, die große Zukunft Böhmens erahnend. Das ist tschechische Nationalmythologie pur!

Die kleineren Bilder rechts und links von diesen großen Zentralmotiv stellen Episoden aus dem Leben der beiden Heiligen Kyrill und Method (die übrigens nicht Böhmen, sondern nur Mähren missionierten. Bořivoj I. (der erste wirklich historisch nachweisbare Přemyslidenherrscher) wurde nämlich um das Jahr 883 im mährischen Velehrad getauft. Auf der rechten Seite des Fensters sieht man die Vita des Heiligen Method, der 867 vom Papst zum Bischof geweiht worden war. Man erkennt ihn deshalb an der Mitra auf seinem Haupt. Das Bild Bild oberhalb links zeigt seinen Tod 885 im mährischen Velehrad.

Links wiederum sieht man das Leben und Wirken des Heiligen Kyrill, dem die Welt unter anderem das nach ihm benannte kyrillische Alphabet verdankt. Er übersetzte unter anderem die Bibel ins Kirchenslawische, das für die weit umfassende Missionstätigkeit der beiden Heiligen unerlässlich war. Das Bild links zeigt Kyrill, der 869 in Rom starb, bei der Übersetzungsarbeit.

Direkt unter dem zentralen Bild kommt ein rein säkularer Aspekt zum Tragen, nämlich zwei weibliche Allegorien, die die Slavia und die Bohemia darstellen sollen. Die Slavia als panslawistisches Symbol wird mit einem Blätterkranz abgebildet und hält einen Kreis in der Hand, der für die Einheit der slawischen Völker steht. Darunter die Bohemia, die eine Art Szepter als Verkörperung der neuen Staatlichkeit der Tschechen seit 1918. Mucha hatte schon zuvor die Slavia (hier) und die Bohemia (hier) mit ähnlichen Attributen dargestellt, die nicht unbedingt der christlichen Ikonographie entspringen.

Die wiederum steht ganz oben, in einem sternförmigen kleinen Fenster im Mittelpunkt, in dem Christus der ganzen Szenerie seinen Segen gibt.

Mucha wählte übrigens für sein Fenster nicht die im Mittelalter (und daher bei fast allen anderen Fenstern im Veitsdom) übliche Bleiglastechnik, bei der einzelne, meist monochrome Glasstücke miteinander mit Blei verlötet werden. Die großflächigere Glasmalerei Muchas erhöht den Licht- und Farbeffekt dramatisch. (DD)

Ringhoffers Schlösschen

Wie sehr der Stadtteil Smíchov dereinst im 19. und 20. Jahrhundert von den Ringhoffer Werken geprägt wurde, war Gegenstand unseres letzten Beitrags. Die Waggonfabrik war einer der größten Arbeitgeber im ganzen Habsburgerreich und eine der Grundlagen für den Reichtum Prags zur Jahrhundertwende.

Aber eine Fabrik war in diesen Zeiten nicht nur eine Fabrik. Wie viele der recht paternalistisch eingestellten Industriellen der Zeit sorgte auch der Gründer des Industriekomplexes, Franz III. Freiherr von Ringhoffer, 1870 dafür, dass zum Fabrikgelände auch Arbeiterwohnungen (Arbeiterkolonie) gehörten. Und auch sein eigener Wohnort sollte möglichst nahe bei der Fabrik sein, damit er jederzeit nachschauen konnte, ob seine Leute auch anständig arbeiteten. Heutige Unternehmer würden sich wohl eher weiter entfernt im Grünen ansiedeln, nicht aber Ringhoffer.

Und so finden wir die Villa in der Kartouzská 20/7, in Prag 5 dort, wo früher (bis zur Einstellung der Waggonproduktion 1996) der Lärm der Industriearbeit unüberhörbar gewesen sein muss. Nun ja, und seit dem die meisten Fabrikhallen der 2001 eröffneten Shopping Mall Nový Smíchov zum Opfer fielen, wurde die Lage des Hauses nicht besser. Es ist heute eng bedrängt von modernen Büroblöcken und führt direkt neben einer lärmigen Hochstraße (Zubringer) ein wahres Schattendasein. Man muss sich den Blickwinkel für ein schönes Photo (wie oben im großen Bild) sorgfältig aussuchen, damit es nicht ein wenig arg grauselig ausschaut (wie im Bild oberhalb rechts).

Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Industrieller, der etwas auf sich hält, hier noch wohnen möchte. Aber damals, als es erbaut wurde, war es sozuagen der­ni­er cri. Anstelle eines klassizistischen Gebäude, das um 1870 erbaut worden war, wurde auf Geheiß der Ehefrau des Besitzers, Freiin Franziska (genannt: Fanny) Elizabetha Karolina von Ringhoffer, geborene Freiin Klein von Wisenberg, im Jahre 1900 eine Villa erbaut, die fortan an als das Schlösschen der Baronin Ringhoffer (Zámeček Baronky Ringhofferové) in die Geschichte einging. Und wegen des hübschen Türmchens an der Nordseite sieht die Villa, die im Übrigen durchaus bescheiden und wohnlich dimensioniert ist, tatsächlich wie ein kleines Schloss aus.

Aber das ist nicht das Besondere daran. Es handelt sich nämlich um eines der allerersten Gebäude im Jugendstil, die überhaupt in gebaut wurden. Und entworfen wurde es von keinem geringeren als Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten), dem vermutlich bedeutendsten Architekten des Jugendstils in Prag. Typisch für die Frühphase des Jugendstils war die asymmetrische Struktur des Gebäudes, die immer noch besticht. Polívka wirkte wohl auch bei der Planung einiger der umgebenden Fabrikhallen mit, so dass zwischen Villa und Fabrik eine gewisse Stileinheit herrschte, die heute leider nicht mehr erkennbar ist.

Als die Ringhoffer Werke 1946 verstaatlicht wurden (unter anderem weil Hans, der Enkel von Franz III., sich unter den Nazis an jüdischem Eigentum bereichert hatte), begann der Niedergang des Schlösschens. Eine zeitlang existierte hier ein medizinisches Zentrum. Ansonsten vergfiel es langsam – so wie viele historische Denkmäler in den Zeiten des Kommunismus. In den Jahren 2005/06 wurde das inzwischen wieder privatisierte Gebäude grundlegend renoviert. Als Villa zum Wohnen für die Reichen und Schönen kann es aufgrund der lärmigen Lage wohl nicht mehr dienen, weshalb sich heute nur noch Büros darin befinden. Und als Arbeitsplatz kann man sich das Ganze schon gut vorstellen. (DD)

Ringhoffers Fabrikhalle (mit Gedenktafel)

Im 19. Jahrhundert wurde Böhmen das Kernland der Industriellen Revolution im Habsburgereich. Und Prag wurde einer der Motoren der Entwicklung. Mit kaum einem Namen verbindet man den Wirtschaftsaufschwung so sehr wie mit dem von Franz II. Ringhoffer.

Der transformierte die von seinem Großvater gegründete Kupferschmiede 1852 in eine große Maschinen- und Wagonbaufabrik um. Die Werkanlagen der Ringhoffer Werke befanden sich nun in Smíchov, wo riesige Produktionshallen entstanden. In den 1870er Jahren wurden hier bis zu 3500 Wagons pro Jahr gebaut. Über 2000 Arbeitern ermöglichte er hier den Broterwerb. 1861 wurde er gar zum Bürgermeister von Smíchov (das erst 1909 Stadtteil von Prag wurde) und 1864 in den Böhmischen Landtag gewählt. Als er 1873 starb, kam posthum noch der erbliche Adelstitel eines Freiherrn dazu.

Von dem profitierte sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer, der die Firma in dem Moment erbte, als die große Wirtschaftskrise von 1873 ausbrach. Mit einer Kombination von Einsparungen und strategischer Expansion schaffte es die Firma unter ihm, am Ende sogar größer als vorher zu werden. Und unter ihm entstand auch die einzige sichtbare Erinnerung an die Industrieanlagen, die einst in Smíchov standen. Zunächst einmal ging alles gut. Franz IV. Freiherr von Ringhoffer wandelte die Firma 1909 in eine Aktiengesellschaft um; 1935 fusionierte man mit den Tatra Autowerken und hieß nun Ringhoffer-Tatra-Werke. Aber dann beging sein Nachfolger Hans Freiherr von Ringhoffer die Schandtat, sich die von den Nazis 1939 zwangsenteignete Agrarmaschinen-Firma Bächer, die jüdischen Besitzern gehört hatte, anzueignen. Seine Verhaftung (er starb 1946 in einem sowjetischen Lager) und die Verstaatlichung der Firma waren die Folge. Unter dem Namen Tatra produzierte man in Smichov unter dem Kommunismus noch Straßenbahnen – wie etwa den oben im großen Bild gezeigten Typ Tatra T3, der ab den 1960er Jahren gebaut wurde. Nach dem Ende des Kommunismus und der Privatisierung (heute als Teil von Siemens) wurde die Produktion aus Prag wegverlegt. Die Gegend, wo die Fabrikhallen standen, verkam langsam aber sicher.

In den Jahren 1999-2001 begann das Areal wieder aufzublühen, weil es zum Einkaufzentrum wurde. Die Shopping Mall Nový Smíchov (mit 4D-Kino und allem Drum und Dran) gehört zu den größten in ganz Tschechien. Fast alle Werkgebäude wurden dafür abgerissen. Immerhin ließ man ein Gebäude stehen und integrierte es in den neuen Shopping-Komplex als Modegeschäft. Es macht sich dabei ganz schmuck.

Diese überlebende Halle entstand um 1906, als Franz III. Freiherr von Ringhoffer noch die Firma führte. Man erkennt genau, dass damals der Jugendstil dominierender Modetrend in der Architektur war. Möglicherweise wurde das Gebäude sogar von einem der ganz großen unter den Prager Architekten dieses Stils mit entworfen, nämlich Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten). Gesichert ist das aber nicht, aber Polívka war so etwas wie der Leib-und-Magen-Architekt der Ringhoffers, der auch den privaten Familiensitz in Prag gestaltet hatte. An vielen Plänen für Fabrikhallen war er zumindest beteiligt. Das Gebäude ist nur noch von außen so erhalten, wie es 1906 aussah. Innen wurde es entkernt, um dem Bedarf des Ladengeschäfts zu entsprechen, der nun einmal keine Eisenbahnen mehr baut. Immerhin hat sich der Innenarchitekt bemüht, ein wenig Industriehallenathmosphäre aufkommen zu lassen.

Und der Rat des Stadtteils von Smíchov hat die Gelegenheit,die dieses Gebäude bietet, immerhin genutzt, um den Firmengründer Franz II. Ringhofer zu ehren. Seit dem Mai 2018 befindet sich nämlich auf der Fassade der Halle eine Gedenktafel, die feierlich vom Stadtteil-Bürgermeister eingeweiht wurde.

Deren Text fasst (hier in Übersetzung) zusammen, warum man den großen Unternehmer heute noch als einen Gründervater der Prosperität Prags im allgemeinen und Smíchovs im speziellen feiert: „Franz II. Ringhoffer, 18.4.1817 -23.3.1873 Bürgermeister von Smíchov (1861-1865) und Mitglied des Tschechischen Landrates. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gründete und erbaute er an diesem Ort ein weltbekanntes Fabrikgelände für die Herstellung von Eisenbahnwagons.“

Der Künstler, der die Tafel entworfen hat, ist der Maler und Bildhauer Jakub Grec. Das Design lässt die Technik, deren Pionier Ringhoffer war, wieder optisch aufleben, sieht das Ganze doch aus wie eine Werkbeschriftung aus dem 19. Jahrhundert, die sich zwischen zwei Eisenbahnpuffern befindet. (DD)

Nationaldichter in Jugendstil

Zumindest in Tschechien kennt man ihn als den Dichter, dessen 1884 uraufgeführtes Stück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstein) im Jahre 1974 die Grundlage für ein ungeheuer populäres gleichnamiges (Kino-) Musical unter der Regie von Zdeněk Podskalský lieferte.

Aber Jaroslav Vrchlický war mehr. Der tschechische Übersetzer von Goethe, Dante und Poe, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß, schuf sich einen Ruhm unter Zeitgenossen durch nationalpatriotische Dichtungen, etwa die sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886). Für Antonín Dvořák schrieb er unter anderem das Libretto zu dessen Oratorium über die böhmische Nationalheilige Ludmilla (Svatá Ludmila, 1886). An der Karlsuniversität lehrte er Philosophie. Sein patriotisches Engagement für Böhmen und die Rechte des Tschechen in Kakanien brachte ihm schließlich 1901 die Mitgliedschaft im Österreichischen Herrenhaus ein, was so etwas wie das Oberhaus im österreichischen Teil des Habsburgerreiches war.

Grund genug, ihn als Nationaldichter zu ehren. Das tat man zum Beispiel mit dem 1956 errichteten Denkmal auf der halben Höhe des Petřín-Berges; aber natürlich auch an jenem Haus, in dem er bis zu seinem Tode 1910 die letzten 12 Jahre seines Lebens mit schöner Aussicht auf Moldau und Burg verbrachte. Dort wurde 1929 auf Höhes des ersten Stocks des vierstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží 1897/72 (Rašín Ufer) eine bronzene Gedenkplakette mit Portraitrelief angebracht. Die Plakette wurde bereits 1911 von dem Bildhauer Ladislav Šaloun, einem der bedeutendsten Vertreter des Prager Jugendstils, dem wir unter anderem das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier) verdanken, erschaffen. Die in einem sehr naturalistischen Jugendstil angefertigte Plakette ist jedenfalls schon für sich genommen ein kleines Kunstwerk. (DD)

Vom Wildschweinjäger zum Asteroiden

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert liebten es die Tschechen, ihre Wohnbauten mit nationalgeschichtlichem Pomp auszustatten. Damit unterstrich man seine vom österreichischen Habsburgertum abgesetzte patriotische Gesinnung.

Ein besonders schönes Beispiel für in Stuck gegossene Nationalmythologie befindet sich auf dem Giebel des U Bivoje genannten vierstöckigen Mietshauses. Dort oben sieht man ihn ankommen, den wackeren Helden Bivoj – ein erjagtes Wildschwein auf dem Rücken tragend. Muskulöse slawische Krieger, wie frisch dem Bodybuilding-Studio entsprungen, begleiten ihn.

Holde Damen warten am nahen Tor, von denen eine Kazi heißt und sich in Bivoj umgehend verliebt. Kazi ist eine Schwester von Libuše, der legendären Begründerin des böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden (siehe auch hier). Schließlich hatte der Eber, den Bivoj erlegte, bereits die ganze Umgebung von Kavčí hory im Süden von Prag verwüstet und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Kein Jäger hatte ihn töten können – nur eben der wackere und starke Bivoj. Gleich wird Kazi den toten Eber zu Füßen gelegt bekommen. Und dahinschmelzen….!

Die schöne Sage von Bivoj und Kazi aus der Frühgeschichte Böhmens entstammt der Dalimil Chronik aus dem 14. Jahrhundert, die übrigens die älteste überlieferte Chronik in tschechischer Sprache ist. Und Bivoj wurde, so heißt es in ieser Chronik, reich belohnt durch die Liebe von Kazi. Der gemeinsame Sohn Rodislav sollte zu Ehren der Heldentat einen Eberkopf im Wappen führen dürfen. Und noch 1980 nannte man einen Asteroiden (Nummer 5797) nach Bivoj. Die Unsterblichkeit war gesichert.

Das große Jugendstil-Wohnhaus, an dessen Giebel sich das sehr opulente Stuckrelief befindet, wurde in den Jahren 1909/10 von dem Architekten Václav Řezníček erbaut, der in Prag zahlreiche Jugendstilhäuser erbaut hat. Es steht am Rande des Ostrčil Platzes (Ostrčilovo náměstí 518/1), der 1952 nach dem Komponisten Otakar Ostrčil benannt wurde. Im Erdgeschoss befindet sich heute übrigens eine Filiale der Stadtbücherei.

Der Künstler, der das Stuckrelief gestaltet hat, schuf damit eine besonders dynamisch aufgebaute Szenerie, die unter den vielen schönen Fassaden mit altböhmischen Legenden und Sagen-Motiven, die es in Prag zu sehen gibt, (früheres Beispiel hier). Hier wurde der besondere Effekt auch dadurch erreicht, dass der wackere Bivoj sich unter des Last des gewaltigen Ebers, den er erledigt hat, nach vorne beugt und dreidimensional aus dem Relief ragt. So wird Bivoj der optische Mittelpunkt der Darstellung.

Darüber sollte man nicht – aller Überwältigung zum Trotz – übersehen, dass das Haus auch noch außer dem Giebel und seinem Legendenbild viel zu bieten hat. Die beiden Erkertürme an den Ecken verleihen ihm einen burgähnlichen Charakter, der die archaische Szene aus der frühen Slawenzeit unterstreicht. Überall befinden sich Stuckornamente in feinstem Jugendstil, wie etwa die oberhalb rechts abgebildete Maskaron. Da das Haus direkt bei den schönen Wiesen im Tal des Botič liegt, lohnt sich ein kleiner Spaziergang dahin auf jeden Fall. (DD)