Auf den Spuren der Brüder Čapek III: Wo Dášeňka Gassi ging

Das Areal, auf dem sich heute der Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) befindet, lag lange etwas außerhalb Prags. Ende des 19. Jahrhunderts erschloss man das, was heute der Stadtteil Vinohrady ist, aber bis 1922 noch eine eigenständige Stadt gleichen Namens war. 1893 parzellierte man diesen Abschnitt und zwar so, das man hier 1903 eine große Fläche, die seit dem 18. Jahrhundert als Obstgarten diente, als Park kultivieren konnte.

Das Gelände, das in Prag 2 zwischen den Straßen Korunní, Kladská und Slovenská an einem Hang gelegen ist, wurde 1928 zunächst nach dem mährischen Dichter Petr Bezruč benannt. Aber Hand aufs Herz: Die großen Literaten Vinohradys sind doch eindeutig die Brüder Čapek! Karel, der große Romanschriftsteller, und Josef Čapek, der kubistische Maler und Theaterautor sind in diesem Blog schon mehrfach vorgestellt worden – etwa hier und hier. Sie gehören beidezu den bedeutendsten Kulturschaffenden der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen.

1956 wurde der Park von der Stadtregierung Vinohradys nach den beiden Brüdern benannt; nur ein kleiner Teil, der zu Prag 10 gehört, heißt weiterhin Bezručovy sady. 2006 und 2007 wurde der Park grundsätzlich umgestaltet. Neue Wege, Brunnen und Rosenbeete wurden angelegt und neue Bäume angepflanzt. Dass hier ursprünglich Obstgärten waren, erkennt man seither nicht mehr.

Wenn man in Vinohrady ist, sollte man sich einen kleinen Spaziergang im Park, der nicht nur hübsch und erholsam ist, sondern von viel interessanter Architektur umgeben ist. Dazu gehört im Süden die alte, 1903 im Neorenaissancestil erbaute Grundschule (heute auch die Pädagogische Fakultät beinhaltend, kleines Bild oben links), im Norden der berühmte Wasserturm  von Vinohrady aus dem Jahre 1882 (früherer Beitrag hier), das hübsche Neobarockgebäude der lettischen Botschaft (zu sehen auf dem großen Bild oben) und vor allem das  Hus Haus, jene avantgardistisch moderne Kirche, über die wir bereits hier berichteten. Im Park lädt eine Gaststätte mit großem Biergarten, die Kafárna Na Kus řeči, zum Einkehren ein.

Und einen Bezug zu den Brüdern Čapek kann man auch herstellen. Die beiden waren Hundenarren – wie alle Tschechen (siehe Beitrag hier). Besonders Karel Čapek ist ja bis heute vor allem berühmt für sein Buch über Dášeňka aus dem Jahre 1933, in dem er die Welpenjahre seines jungen Foxterriers beschrieb. Mit seiner Dášeňka dürfte er etliche Male in diesem Park Gassi gegangen sein, wohnte er doch hier in der Nähe.

Im April 2016 haben die Prager das gefeiert und auf dem Parkgelände mit Unterstützung des Tschechischen Verbandes der Foxterrier-Züchter einen Dášeňka-Tag gefeiert, an dem sich Besitzer von Foxterriern des Dášeňka-Typs mit ihren Vierbeinern in Massen hier trafen. War wohl eine lustige Sache… (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady und Auf den Spuren der Brüder Čapek II: Die Villa

Luxusboutique für Caniden mit Niveau

Prag ist – wir werden nicht müde, es zu wiederholen – eine Stadt für Hundefreunde. Die Hundepopulation ist groß. Und der Markt sorgt dafür, dass es den treuen Vierbeinern an nichts mangelt. Teilweise ist sogar ein Luxusleben angesagt. Durch Zufall kamen wir mit Lady Edith am Letenské náměstí 156/1 in einem eher hip-alternativen Teil von Bubeneč (Prag 7) an diesem Laden vorbei: dem Dogtown.

Wir konnten dem nicht widerstehen und gingen einfach mal rein, zumal Lady Edith auch schon Witterung bekommen hatte und andere Hunde beim Betreten sah und uns in Richtung Eingang zerrte. Das Dogtown entpuppt sich schon visuell als das, was es ist, nämlich eine Luxusboutique. Alles ist extrem geschmackvoll eingerichtet. Hier scheint es in der Umgebung eine Klientel zu geben, die sich das hier leisten bzw. das ihren Hunden gönnen kann.

Kerngeschäft sollte wohl ursprünglich eine Hundebäckerei (d.h. eine Bäckerei für Hunde!) sein. Und die gläserne Auslage am Eingang offenbart auch ein Sortiment an kleinen Backwaren, bei dem man vergessen könnte, dass man kein Hund und die Leckereien kein Menschenfutter sind. Neben interessanten Geflügel-, Rind- und Fischspezialitäten gibt es sogar Angebote für vegetarische Hunde, wobei die Idee sich doch irgendwie aufdrängt, dass das mit dem Vegetariertum eher von Herrchen oder Frauchen als vom Hund selbst erdacht wurde.

Aber Dogtown ist mehr. Man betreibt eine eigene Marke mit Dosenfutter für Caniden aller Arten – garantiert frei von allen potentiell (vermutlich auch wieder von Herrchen und Frauchen, weniger vom Hund) als schädlich empfundenen Zusatzstoffen. Die Dosen sind passend zur Inneneinrichtung designed worden. Alles sieht schick aus! Der Laden ist ein Gesamtkunstwerk.

Aber Dogtown ist mehr. Man bekommt jedes Zubehör – von der Leine bis über Körbchen und Spielsachen zum Hundemäntelchen. Etwas gehobene Accessoires für den distinguierteren Hund fehlen nicht, wie etwa Hundekrawatten oder -fliegen. Die Hunde, die den Laden sind hinterher verlassen, sind möglicherweise besser angezogen als die meisten Humanoiden auf der Straße draußen. Kurz: Für einen Caniden mit Niveau, wie Lady Edith, genau angemessen. Ein Hundesalon für die Körperpflege und Verschönerung des Äußeren wurde angeschlossen.

Hier einkaufen ist Spaß für Mensch und Hund (Lady Edith kriegte das erste Häppchen schon drinnen). Der Laden sieht uns nicht das letzte Mal. Nicht ganz billig ist das Ganze natürlich. Aber ein wenig Dekadenz muss auch was kosten. Sonst wäre es ja keine richtige Dekadenz und nur halb so viel Spaß. (DD)

Schiss-kov

Wenn die Sprache etwas gröber sein soll, verwenden die Tschechen gerne oft auch einmal Germanismen. Wir hatte schon hier über die praktische Einrichtung in Prag berichtet, dass es überall in der Stadt kleine Spender mit Pappschäufelchen für die Entfernung von Hundehinterlassenschaften gibt, die in kleinen Papiertüten stecken, in denen man dann die diskrete Entsorgung im Abfalleimer vornehmen kann.

DIeses Beispiel stammt aus dem Stadtteil Žižkov (Prag 3), dessen Stadtregierung es sich nicht nehmen ließ, für mehr Sauberkeit auf den Gehwegen zu werben: „Žižkov není Šiškov“, heißt es da. Grob übersetzt: Žižkov ist kein Schiss-kov. „Schiss“ oder „Scheiße“ heißt normalerweise im Tschechischen „hovno“. Aber leicht germanisiert als “ Šiš“ wirkt es ein wenig derber und reimt sich auch noch auf das „Žiž“ von „Žižkov“. Die Kampagne war so witzig, das größere lokale Medien darüber berichteten (z.B. hier und hier). Angesichts der großen Hundedichte der Stadt wurde so ein Problem wirksam aufgegriffen.

Am Ende ist man aber dann doch wieder tschechisch-höflicher und schreibt: „Děkujeme, že uklízíte.“ Zu Deutsch: „Danke, dass Sie sauber machen“ (DD)

Rauchender Hund und Mozarts Handschrift

Es ist das einzige große nicht-staatliche Museum innerhalb der Burg. Tripadvisor bewertete es 2015 und 2016 als bestes Museum in Prag. Die Rede ist vom Lobkowicz Palais und seinem Museum. Der riesige Palast befindet sich an der östlichen Seite des Burgkomplexes und ist sein Eintrittsgeld mehr als wert!

Das Fürstengeschlecht der Lobkowicz gehörte über 700 Jahre zum höchsten tschechischen Hochadel, hatte sich stets mit den Habsburgern und der katholischen Kirche verbunden (mithin über Jahrhunderte auf der Siegerseite) und brachte immer wieder Familienmitglieder mit ausgeprägtem Kunstsinn hervor. Was mehr braucht man, um der Welt eine Kunstsammlung zu hinterlassen, die ihresgleichen sucht?

Aber die Familie hat auch Rückschläge hinnehmen müssen. Die Nazis konfiszierten die Schlösser der Familie (u.a. jenes, über das wir hier berichteten) und damit auch den schönen Palais in der Burg. Die Familie war republiktreu und diente da schon im Exil der Sache des Widerstands. Nach der Niederlage der Nazis gab die demokratische Regierung den Lobkowiczs 1946 ihre Besitztümer wieder. Doch 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht und die Familie wurde wieder enteignet und floh ins amerikanische Exil. Erst nachdem die Kommunisten wieder vertrieben waren, wurde ihnen der Besitz 1990 wieder rückerstattet. Wie die meisten ihrer Sammlungen machten sie auch die im Palais nun der Öffentlichkeit zugänglich.

Die bekommt wirklich etwas zu sehen! Seit Jahrhunderten ließen sich die Mitglieder des Geschlechts nur von den größten, berühmtesten und besten europäischen Malern portraitieren – etwa Velasquez und van Dyck. Schon die Familienportraits alleine könnten andernorts eine repräsenativ ausgestattete Nationalgalerie würdig ausfüllen. Was sie nicht selbst für die Familie in Auftrag gaben, erwarben sie als gekonnte Kunstsammler. Einige Familienmitglieder malten sogar selber – und das mit durchaus beträchtlichem Talent!

Ein besonderer Raum ist den wichtigsten Familienmitgliedern gewidmet, mit denen sich die Lobkowicz schon früher als andere Adelsfamilien portraitieren ließen, nämlich ihren Hunden. Wie alle guten Tschechen – siehe hier – waren die Lobkowiczs immer Hundenarren. Jeder Hundefreund wird sofort das oben als großes Bild gezeigte, Ende des 17. Jahrhundert entstandene Portrait der familieneigenen Möpse Asinus (links) and Kokrle (rechts) lieben, die mit zu den ersten namentlich bekannten Hunden auf Bilddarstellungen gehören.

Nicht weniger putzig sind die Photos aus dem späten 19. Jahrhundert, die den Familienhund Nero zeigen. Dem hatte man zur Unterhaltung von Gästen beigebracht, Pfeife zu rauchen. In der heutigen Zeit strikter Rauchverbote ist das natürlich politisch inkorrekt. Die Familie stellt daher im Audiokommentar zu den Photographien im Album klar, dass sie das heute mit ihren Hunden nicht mehr mache, sondern diese gesund und wohlschmeckend ernähre. Es ist vermutlich nicht das schlechteste Leben, das man als Hund der Lobkowiczs führt.

Daneben gibt es eine Austellung mit Porzellan, eine mit Waffen und Rüstungen (großes Bild oben) und eine über die Jagdleidenschaft. Auch hier hat sich (vor allem im 17. und 18. Jahrhundert) viel Wertvolles und Schönes zusammengetragen, da es unter den Mitgliedern der Familie immer wieder große Feldherren (etwa den k.k. Feldmarschall Joseph Maria Karl von Lobkowitz, 1725-1802, der sich im Österreichischen Erbfolgekrieg besonders heldenhaft hervorgetan hatte) und noch mehr begeisterte Jäger gab.

Mit besonderem Stolz erfüllt die Familie allerdings ihre Musiksammlung. Sie beinhaltet nicht nur wertvolle alte Instrumente. Die Familie förderte einige der großen Musikgenies des Abendlandes, allen voran Mozart und Beethoven. Von beiden kann man daher in der Sammlung im Familienbesitz befindliche Originalhandschriften von Musikstücken bewundern. Das Bild rechts zeigt Mozarts eigenhändige Bearbeitung und Neuorchestrierung von Händels Messias aus dem Jahre 1789. So etwas kann man nur mit Ehrfurcht anschauen!

Darüber hinaus sollte man nicht den Palast selbst vergessen. Teile der Inneneinrichtung sind noch vorhanden, aber vor allem auch die barocken Stuckaturen und Deckengemälde. Bei letzteren handelt es sich um Fresken mit Szenen antiker Sagen, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem Maler Fabián Václav Harovník gemalt wurden.

Seien noch zwei Dinge erwähnt, die den Besuch endgültig zum „Muss“ machen: Erstens: Die Aussicht. Es ist möglich, den Balkon zur Moldauseite hoch über der Stadt zu betreten, um eine der atemberaubendsten Panoramaaussichten auf Prag genießen zu könne. Nicht nur, aber vor allem bei Nacht ist das ein unvergessliches Erlebnis. Zweitens: Das ist ein privates Museum und daher außerordentlich professionell gemacht. Es gibt lange Öffnungszeiten, eine Audioführung, die nichts zu wünschen übrig lässt, einen hochwertigen Museumsshop und alles ist in blitzblanken Zustand. Und die Ausstellung ist sowieso einmalig. Also, wer noch nicht da war: Nix wie hin! (DD)

Wein bei Henry

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Prag ist eine Weinstadt mit deutlich über einem Dutzend Weinbergen und einer unermesslichen und auch noch wachsenden Zahl von Weinlokalen und Enoteken. IMG_4394Und man darf dabei meist mit gutem Grund hohe Qualitätsmaßstäbe anlegen, die auch erfüllt werden. Nehmen wir doch gleich dasjenige Weinlokal, das gleich bei uns um die Ecke liegt – das 2017 von dem renommierten Sommelier Jakub Přibyl gegründete Wine & Degu in der Uruguayská 272/3.

Hier findet man auf der Weinkarte rund 35 ausgesuchte Weine aus aller Welt, vor allem aber auch einige Spitzenprodukte aus Tschechien, insbesondere IMG_4381aus Mähren. So wie jenen trockenen und samtigen Pinot Noir Tomáš -Čtvrtě 2016 von einem Weingut aus der südmährischen Ortschaft Bořetice, den man oben im Bild sehen kann. Viele der Weine kann man nicht nur in Flaschen (die auch verkauft werden), sondern im Glas probieren, so dass man sich seinen Genussabend vielseitig gestalten kann. Wir lieben auch den Modrý Portugal des Weinguts Johann W. aus Třebívlice. Das Gut heißt, wie man erahnt, nach Goethe. Dessen letzte große Liebe (die die den rund 50 Jahre älteren Greis verständlicherweise abwies) war Ulrike von Levetzow, die aus ebenjenem Třebívlice kam, das diesen Wein hervorbrachte.

IMG_4386Es handelt sich beim Wine & Degu nicht um ein Speiselokal, aber zum guten Wein gibt es immer ein paar ausgewählte kleine Delikatessen wie Käseteller, Wurstspezialitäten mit Wild, französische Gänseleber und ähnlichem. Sehr lecker, wie man im Bild links sieht. Die geschmackvolle moderne Einrichtung im Souterrain eines alten Wohnhauses in Vinohrady ist einfach, aber ausgesprochen gemütlich und einladend.

Ab und zu gibt es auch Weinproben mit renommierten tschechischen oder internationalen Winzern, die dort ihre Weine zum Probieren vorstellen. Das sind, wie wir bei der Vorstellung eines griechischen Weinguts (Ktima Kir-Yianni) vor kurzem sahen, keine bloßen Verkaufsshows, sondern unterhaltsame und interessante Abendveranstaltungen!

Herz und Seele des Geschäfts ist IMG_4392Henry, der Customs Relations Manager des Wine & Degu. Seine Vorfahren scheinen aus Mexiko (genauer: aus dem dortigen Bundesstaat Chihuahua) eingewandert zu sein. Sitzt er dem Gast erst einmal auf dem Schoß, überlegt der sich natürlich, ob er jetzt aufsteht und Henry damit des gemütlichen Sitzplatzes beraubt.

Lieber bleibt er dann noch ein Weilchen und trinkt noch ein zusätzliches kleines Glas Wein. Oder auch gleich zwei. Eine einfache, aber effektive Kundenbindungsstrategie, die sich für alle Seiten als eine ausgesprochene win-win-Situation entpuppt. (DD)

Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady

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Es ist klein, aber auffällig, ihr Denkmal auf dem Náměstí Míru (Friedensplatz) im Stadtteil Vinohrady. Dort, wo sie auch wohnten und wirkten. Und es ist verdient! Denn: Die Brüder Čapek waren die kulturellen Repäsentanten der liberalen Ersten Tschechoslowakischen Republik schlechthin. Deshalb findet man in Prag unzählige Spuren von Karel und Josef – so wie ihre Werke immer noch allgegenwärtig sind im Kulturleben der Stadt und des ganzen Landes.

Karel Čapek ist heutzutage wohl der bekanntere der beiden. Sein Werk war ausgesprochen vielschichtig. Als Regisseur und Dramaturg machte er das Theater von Vinohrady (früherer Beitrag hier) groß. In seinem Theaterstück R.U.R. von 1924 hatte er nebenbei den Begriff „Roboter“ in die Welt gesetzt. 1925 wurde er der erste Vorsitzende des tschechoslowakischen Pen-Clubs. Seine von ihm sehr putzig illustrierte Geschichte Dášeňka, gilt als der Weltklassiker der Hundeliteratur schlechthin. Seine bissige Dystopie Válka s mloky (Der Krieg mit den Molchen) aus dem Jahr 1936 – möglicherweise sein größtes Werk – spiegelt die Stimmung vor der Katastrophe von Krieg und Totalitarismus wieder. Überhaupt waren er und sein Bruder überzeugte Demokraten und äußerten sich dazu auch schriftstellerisch in zahlreichen Essays. Karel war ein Unterstützer von Präsident Masaryk, den er als Garanten einer liberalen Demokratie sah. Das tat er nicht nur als Journalist. Aus langen Gesprächen mit Masaryk destillierte er ein 1928-35 erschienenes dreibändiges Buch unter dem Titel Hovory s T. G. Masarykem (Gespräche mit T.G. Masaryk), eine Art IMG_3656„Autobiographie“ und Lebensphilosophie des intellektuellen Präsidenten – eine beeindruckend packende Art der Darstellung, bei der man manchmal nicht weiß, ob hier nun Masaryk oder Čapek spricht.

Josef Čapek, sein älterer Bruder, gehörte als Maler zu den bedeutendsten Vertretern des Kubismus. Als solcher arbeitete er an den Inszenierungen der Theaterstücke seines Bruders mit und lieferte auch viele Illustrationen zu seinen Büchern. Darüber hinaus schrieb er selbst auch Theaterstücke, Romane und und Kinderbücher. Auch er war ein großer Verfechter der demokratischen Wertte der Ersten Republik und hielt damit auch nicht hinter dem Berg. Das wurde ihm zum Verhängnis. Sein Bruder Karel war 1938 gestorben und musste daher die Besetzung des Landes durch die Nazis im Frühjahr nicht mehr miterleben. Josef wurde als einer der ersten tschechischen Intellektuellen überhaupt von der Gestapo verhaftet. Es begann eine grausame Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager bis er Anfang 1945 in Bergen-Belsen starb. Posthum erschien im Jahre 1946 seine unter gefährlichsten Bedingungen geschriebene Gedichtsammlung Básně z koncentračního tabora (Gedichte aus dem Konzentrationslager), in der er die entwürdigenden Grausamkeiten des KZ-Alltags festhielt.

In kommunistischen Zeiten waren die Werke der Brüder Čapek keine verbannten Werke, aber ihren freiheitlichen republikanischen Geist stellte man nicht allzu sehr heraus. Auch mit Denkmälern hielt man sich zurück. So beschloss die Stadt Prag erst nach dem kommunistischen Spuk im Jahre 1990, den beiden großen Künstlern ein Denkmal genau vor einer ihrer Hauptwirkungsorte aufzustellen, dem Vinohrady Theater. Beauftragt wurde der Zeichner und Bildhauer Pavel Opočensky, der es 1993 fertigstellte. Aufgestellt wurde es 1995. Er sei besessen von der Geometrie, hat der Künstler einmal gesagt, und entsprechend handelt es sich bei dem Denkmal um einen einen hochkant aufgestellten IMG_3657Granitquader, der grob behauen ist, aber seine klare geometrische Gestalt erkennen lässt. Auf den beiden gegenüberliegenden großen Seitenflächen hat der Künstler jeweils die Namen der beiden Brüdern mit großen Bohrlöchern geschrieben wurden. Einige der Bohrlöcher gehen durch den ganzen Stein, sodass man bei einigen, die dann Bestandteil beider Namen sind, hindurchsehen kann (auf dem großen Bild oben sieht man beide Seiten nebeneinander). Dahinter mag die Idee stecken, dass die beiden Brüder so viel gemeinsam hatten und gemeinsam wirkten, aber auch unterschiedlich waren. Das ist recht geschickt gemacht. Auf einer der Kantenseiten sind die Lebensdaten der beiden Brüder in kleiner Schrift – ebenfalls mit kleinen Bohrlöchern – angebracht.  Der Platz mit der schönen Aussicht auf das Theater hätte ihnen gefallen. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren der Brüder Čapek II: Die Villa

Und: Auf den Spuren der Brüder Čapek III: Wo Dášeňka Gassi ging

Rieger und sein Park

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František Ladislav Rieger (1818-1903) gehört neben seinem Schwiegervater, dem Historiker František Palacký (siehe diesen früheren Beitrag), zu den großen Repräsentanten des erwachenden tschechischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert. IMG_4991Der Jurist, Schriftsteller, Ökonom und Politiker gehörte zu den tragenden Kräften der Revolution von 1848 in Prag. Sein Nationalismus war indes durch viele liberale Elemente gebändigt. Ihm ging es nicht um Unabhängigkeit, sondern um Selbstbestimmungsrechte innerhalb des Habsburgerreichs. Diesen Kurs vertrat er auch in zahlreichen politischen Ämtern. Zwischen 1861 und 1895 war er (mit kurzen Unterbrechungen) Abgeordneter des böhmischen Landtags, später auch Abgeordneter im Reichstag und im Herrenhaus (dem „Oberhaus“ des Habsburgerreiches).

Dies und vieles mehr macht ihn schon zu einer bedeutenden Figur der tschechischen Geschichte. Die Prager halten ihn allerdings wegen etwas anderem in Ehren: Dem Rieger-IMG_4987Park (Riegrovy sady). Der wurde ihm schon zu Lebzeiten – genauer: 1902 – gewidmet. Angelegt wurde er in diesem Jahr von dem Gartenbaumeister Leopold Batěk. Der Park liegt zentral in Vinohrady an einem Hang, der aus der Höhe einen Ausblick auf Altstadt und Burg erlaubt. Wer Prag „auf einen Blick“ genießen und mit einem erholsamen Spaziergang kombinieren will, besuche diesen schönen und angenehmen Park.

Unten am südwestlichen Eingang sieht man ihn: Rieger. Als Denkmal. Es wurde 1913 vom Bildhauer Josef Václav Myslbek (siehe auch diesen früheren Beitrag) errichtet.

IMG_4687Besonders im Sommer ist der Park ein Publikumsmagnet. Auf dem Rasen picknicken die Prager zu Hunderten oder nehmen ein Sonnenbad. Und sie genießen den einmaligen Ausblick. Es geht unheimlich „relaxed“ zu. Wie alle großen Parks in Prag (wenn nicht gar ganz Tschechien) ist er auch extrem hundefreundlich gestaltet. An mehreren Stellen befinden sich Hundeauslauf- und Spielareale, die auch gerne genutzt werden. Schießt ein Hund mal über das Ziel hinaus und läuft Besuchern durch das Picknick, lachen alle Beteiligten fröhlich. So ist eben Prag!

Ein Problem besteht beim Entspannen im Rieger-Park, wenn es heiß ist, nämlich der höchst ungesunde Flüssigkeitsverlust, der naturgemäß mit Sommerhitze verbunden ist. Gleich zwei Biergärten sorgen dafür, dass diesem ernsten Problem abgeholfen werden kann. Einer ist ganz oben auf der Höhe gelegen. Er ist der größere von beiden und sehr beliebt als Fanmeile bei Fußball-WMs. Wenn keine WM stattfindet, gibt es ab und an kleine Open-Air-Konzerte im Sommer. Auf halber Höhe liegt der kleinere (und gemütlichere, wie wir finden) Biergarten. Beide sind dank des alten Baumbewuchses des Parks angenehm schattig und einen Besuch wert. (DD)

Felsen und Fossilien

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Ein familiengerechter Wochenendspaziergang in schöner Natur gefällig? Und das noch innerhalb Prags? Von dem schönen dörflichen Ortsteil Řeporyje durch das Dalejsky-Tal (Dalejské udoli) hinein in das bei Einheimischen sehr beliebte Prokop-Tal geht die Tour. Sie ist voll Spaß und Entspannung für Erwachsene, Kinder und Hunde.

IdyllischIMG_4754 schlängelt durch die schöne Waldlandschaft der Bach, der – wie das kleine Photo links zeigt – auch dem Hund, die Erfrischung verschafft, die er sich durch das Wandern an einem heißen Sonnentag redlich erarbeitet hat.

Aber das wirklich Atemberaubende ist die Geologie der am Rande des Weges. Wilde Felsen und ehemalige Steinbrüche zeigen, wie sich hier einst im Paläozoikum aus dem Meer ein kleines Gebirge formierte – siehe kleines Bild rechts. IMG_4761

Dass man sich einem Steinbruch nähert, hört man schon am Schreien der Kinder, die unheimlichen Spaß am Sammeln von Fossilien haben, und mit kleinen Hämmerchen Steine aufschlagen.

Man braucht sich nur einige Minuten umschauen, um etwas zu finden. Das große Photo oben zeigt die eigene Ausbeute für die es keiner großen Sucherei bedurfte. Oben links: Ein geriffelter Stil einer Seelilie. Oben rechts: Teilstück eines Belemiten (Tintenfisch mit länglicher Schale). Unten links: Kleine (von mir nicht näher identifizierte) Muschel. Unten rechts: Das ist die Spezialität des Ortes, die auf den schon recht lokal klingenden Namen „Dayia bohemica“ hört, eine Brachiopodenart, die hier erstmals gefunden und wissenschaftlich beschrieben wurde. Darüber lernt man viel auf den Tafeln des Lehrpfades, der die ganze Sache abrundet. (DD)

Ne Besuch im Zoo …

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Ne Besuch im Zoo, dat esu so schön, wissen wir nicht zuletzt durch das kölsche Liedgut. Aber auch ein Besuch im Prager Zoo überzeugt einen davon. Der wurde 2015 zum schönsten und besten Zoo Europas gekürt.

Es ist ein relativ neuer Zoo. Erst 1931 wurde er gegründet. Entsprechend modern war er von vornherein ausgestattet. Nach dem Ende des Kommunismus setzte in den 90er Jahren und zu Beginn des Jahrtausends eine neuerliche Modernisierungswelle ein. Dazu gehörten unter anderem das Pavillon „Indonesischer Dschungel“ (2004) oder der Kinderzoo (2005) oder das Raubkatzenhaus (2012) und vieles, vieles andere.

Dabei knüpft der Zoo gleichzeit an ältere Traditionen an. In den Zoos des 19. Jahrhunderts wurden die Tiergehege oft im „kolonialen“ oder „exotischen“ Stil gebaut, wozu die manchmal offen rassistische Völkerschauen (sogenannte „Eingeborene“ aus Kolonien führten in Freigehegen ihren Lebenstil vor) passten. Als Gegenreaktion baute man in den Zoos in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „wertfreie“, aber lieblose Betonanlagen.

IMG_4173Dass der Prager Zoo nun seit einigen Jahren wieder Gebäude eingeführt hat, die an die menschliche Kultur der Herkunftsländer vieler Tiere erinnert, ist allerdings kein Rückfall in schlimme Zeiten – und es sieht vor allem schöner aus als die Betonwüsten der vorigen Jahrzehnte.

Vielmehr dienen dienen Gebäude dazu, die Tierwelt in die kulturelle Perspektive einzubeziehen. Man lernt etwa in den indischen Tempelgebäuden (kleines Bild links) lernt viel über die Rolle des Elefanten in der Arbeitswelt, aber auch in Mythologie und Religion Indien. Das ist alles sehr ansprechend und lehrreich gemacht. IMG_4160

Diese kulturelle Sensibilität überträgt sich auch auf die Behandlung der Tiere. Nur noch wenige enge Käfige finden sich. Dafür haben einige der Freigehege so große Ausmaße, dass man die Tiere in der Ferne kaum noch erkennen kann (rechts das Straußengehege, in dem es im März allerdings tatsächlich keine Tiere zu sehen gibt).

Dabei wird die reale Natur des Geländes geschickt einbezogen. Davon profitieren vor allem auch die Bergbewohner unter den Tieren, wie Bergziegen und Gemsen. Die riesigen Felsen IMG_4190über der Moldau sind ein geeigneterer Lebensraum als die kleinen Kunstfelsen, die man sonst in Zoos sieht (siehe großes Bild oben).

Zudem ist der Zoo nicht nur Zoo, sondern auch echtes Naturschutzgebiet für frei lebende Tiere. Auf dem Gebiet des Zoos am Moldauufer gibt es freilebende  (nicht giftige!) Populationen seltener Schlangen.

Zudem gibt es eine tolle Auswahl von Restaurants, eine Seilbahn, Touristenzüge und vieles mehr, das den Besuch noch unterhaltsamer macht. IMG_4203Mir hat besonders der würdevolle Schuhschnabel gefallen (links).

Unsere Lady Edith (Hunde sind glücklicherweise erlaubt!) hingegen hatte es der freche kleine Humboldt-Pinguin angetan, der mit ihr heftig durch die Glasscheibe des Beckens kommunizierte. Beide schienen sich heftig zu amüsieren. Und das Publikum quittierte das minutenlange aufgeregte Spiel mit Lachen. (DD)