Vom Kräutergarten zum Freizeitort

Wir befinden uns ganz nahe beim Touristen-Hotspot Wenzelsplatz (Václavské náměstí) oder der vielbefahrenen Vodičkova. Aber weil er nur durch recht kleine Durchgänge oder Passagen erreichbar ist, hat sich der Franziskanergarten (Františkánská zahrada) ein wenig vom Charakter einer Ruheoase bewahrt.

Der Name allein suggeriert bereits, wer die Namensgeber der fast quadratischen Garten- und Parkanlage waren. Das hängt wiederum mit der großen Kirche, an die der Garten grenzt. Ursprünglich war die gotische Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné), über die wir bereits hier berichteten, von Kaiser Karl IV. 1348 als Teil eines Klosters des Karmeliterordens geplant. Das wurde nicht so recht fertig und im 15. Jahrhundert predigten hier stattdessen Hussiten, die von hier aus 1419 den Ersten Prager Fenstersturz organisierten. 1603 begann hier wieder richtiges Klosterleben als die Franziskaner einzogen. Und auf die geht auch der Garten zurück. Als die Mönche ihn anlegten, dachten sie noch nicht unbedingt an Ruhe suchende Touristen. Obwohl anscheinend schon im 17. Jahrhundert sehr formal-barock gestaltet, diente das Ganze doch als ein Nutzobjekt, nämlich als Obst- und Kräutergarten. Der Anbau von Heilkräutern unterstützte die karitative Arbeit der Mönche.

Die Mönche betrieben in Nebengebäuden der Kirche unter anderem eine Klosterapotheke. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in der Mitte der Anlage ein kleiner Pavillon gebaut, dessen Inneres leider nicht öffentlich zugänglich ist, was schade ist, da sich drinnen wohl schöne barocke Deckenfresken befinden. Drumherum befindet sich tatsächlich noch ein kleiner Kräutergarten, der einen Eindruck vermittelt, wie es damals unter den Franziskanern war. Diese Nutzung hielt lange an, weshalb der Garten im Kern gut überlebte. Größeren Schaden richteten die deutschen Besatzer nach 1939 an. Während des Weltkriegs wurden hier nämlich große Wasserbecken für den Feuerschutz ausgehoben, was optisch doch recht nachteilig war. Erst 1985 schüttete man sie wieder zu.

Zu diesem Zeitpunkt war der Garten schon lange nicht mehr Privateigentum der Franziskaner. Unter dem Codenamen Aktion K hatten die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen hatten, im Jahre 1950 begonnen, die Kirche zu verfolgen, Geistliche zu internieren und Klöster zu liquidieren. Das machte auch nicht vor den Franziskanern der Kirche Maria Schnee nicht halt, die brutal vertrieben wurden. Die Kommunisten öffneten noch im selben Jahr den Garten für die Öffentlichkeit. Nun konnte man den Garten für eine Rast oder als Durchgang, etwa vom Wenzelsplatz zum Jungmann-Platz, nutzen.

Anscheinend wurde er in dieser Zeit nicht so verschönert und/oder gepflegt, wie man es nun hätte erwarten sollen. Nach dem Ende des Kommunismus wurde er 1989 bis 1992 erst einmal geschlossen, um tiefgreifende Umbau- und Verschönerungsmaßnahmen durchzuführen. Die Franziskaner waren inzwischen restituiert worden und ins Kloster zurückgekehrt, aber der Garten sollte weiterhin öffentlich bleiben. Der Architekt Otakar Kuča (ein Gartenspezialist) und die Architektin Ivana Tichá realisierten ein Konzept, das Motive des alten formalen Barockgartens deutlich aufnahm, aber modern ergänzte. Alles wurde sehr geometrisch geordnet und es wurden viele Möglichkeiten geschaffen, im Schatten zu sitzen und den Anblick der Umgebung zu genießen. Dazu tragen insbesondere die bepflanzten Arkaden an den Seiten bei.

Vorsichtig ergänzt wurde die barocke Nachempfindung des Gartens durch einige passende Beispiele moderner Bildhauerkunst. So gibt es aus dieser Zeit einen Springsprunnen Der Junge mit der Muschel (Chlapec s mušlí) des Bildhauers Stanislav Hanzík. Bekannter ist die mysteriös wirkende Figurengruppe Die drei tanzenden Alraunen (Divoženky a Poletuchy) des Bildhauers Josef Klimeš, der die um einen Wasserbrunnen ergänzt wurden. Die Alraunen, eine Mischung von Pflanze und Sagenwesen, sind stabil konstruiert und werden gerne von kleinen Kindern als Spiel- und Klettergerät verwendet bzw. zweckentfremdet. Den Freizeitwert des Gartens, der auch von Einheimischen (und nicht nur Touristen) genossen wird, steigert das irgendwie.

Und im Jahre 2014 erfolgte sozusagen der „finishing touch“. An den beiden südlichen Eingängen des ummauerten Areals wurden zwei große metallene Türen angebracht. Auf ihnen erzählt der Bildhauer und Medailleur Petr Císařovský Etappen aus dem Leben des Heiligen Franziskus, dem Namensgeber des namensgebenden Ordens für den Garten. SIe sind zwar erkennbar modern, spielen aber – vor allem in der kassettenförmigen Struktur – auf Beispiele mittelalterlicher Kirchtüren (Beispiel hier) an.

Ein kleiner Spielplatz rundet die Sache ab. Man muss also nicht nur auf den Skulpturen der Alrauen klettern. Und die Hecken, die den Garten noch in quasi-barocker Weise geometrisch aufteilen, eignen sich hervorragend zum Versteckspielen. Trotzdem ist es hier nicht lärmig, sondern sehr beschaulich und erholsam.

Und so ist der Franziskanergarten mittlerweile zu einem Ausdruck echten Geschichtsbewusstseins geworden, der alte Traditionen mit moderner Freizeitkultur verbindet. (DD)

Idylisches Dorf und Filmkulisse

Die Umgebung von Prag ist reich an kleinen Dörfern mit idyllisch anmutendem Dorfkern. Das gilt auch für die ansonsten landschaftlich etwas eintönige Moldauebene im Kreisgebiet von Mělník, kurz bevor der Anstieg zum Erzgebirge (tsch.: Krušné hory) beginnt. Hier findet man etwa 25 Kilometer nördlich von Prag das kleine Örtchen Vrbno, dessen Kern seit 2004 zurecht eine geschützte Denkmalzone (památková zóna) ist, die sogar immer wieder einmal als Filmkulisse dient.

Die Ursprünge reichen tiefer in die Vorgeschichte zurück, als man es hier auf den ersten Blick sehen kann. Es lohnt sich, den kleinen historischen Lehrpfad um den Ort zu erwandern. Da lernt man, dass ganz in der unmittelbaren Umgebung Archäologen in den letzten Jahren reichliche Funde aus der Steinzeit (rund 5000 v. Chr.) und aus der Bronzezeit (rund 2000 v. Chr.) ausgegraben haben. Der Ort als feste dörfliche Siedlung dürfte im 11. Jahrhundert gegründet und seither kontinuierlich besiedelt worden sein, urkundlich erwähnt wird es aber erst im Jahre 1241. Die frühe Besiedlung mag viel damit zu tun haben, dass die die flache Flussauenlandschaft gut bewässert und auch recht fruchtbar ist. Aber die Nähe zum Fluss hat auch is heute ihre dunklen Schattenseiten, wie noch zu sehen sein wird.

Im Mittelalter gehörte das Dorf erst zur Herrschaft von Mělník, dann einer örtlichen Adelsfamilie namens Mléčkové z Vrbna. Schon im Jahr 1257 (hier, S.11f) ist dokumentiert, dass die Kirche (und damit wohl das ganze Dorf) dem soeben von der großen böhmischen Heiligen Agnes von Böhmen gegründeten Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern (Rytířský řád křižovníků s červenou hvězdou). Womit wir beim eigentlichen Kern des Kerns des Dorfes sind, der Kirche der Kreuzerhöhung (Kostel Povýšení sv. Kříže).

Deren Ursprünge gehen mindestens bis in das 12. Jahrhundert zurück. Bevor die Kirche in den Besitz der Kreuzherren überging, gehörte sie wohl einer Krankenhausbrunderschaft. Es handelte sich um einen einfachen rechteckigen Bau ohne Glockenturm im Stil der Romanik. Der ist im Kern und in seinen Dimensionen auch immer noch erkennbar. Die einfache und robuste Konstruktion weist darauf hin, das die Kirche auch als Wehrkirche konzipiert war. Bei Renovierungsarbeiten nach dem Hochwasser von 2002 fand man übrigens auch Reste eines romanischen Portals, das in gotischer Zeit übermauert worden war. Heute kann man den von den Restauratoren sorgfältig freigelegten Torbogen außen vom Kirchhof aus bewundern – direkt neben einer groß dimensionierten Grabstatue in Engelsform aus dem späten 19. Jahrhundert.

Ebenfalls bei den Renovierungen fand man eine mittelalterliche Wandmalerei der Kreuzerhöhung – und zwar im Chor, der im 14. Jahrhundert, also in Zeiten der Hochgotik, an die Kirche angebaut wurde. Immer wieder gab es auch danach kleinere Umbauten. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde erst der spätgotische Glockenturm hinzugefügt.

Und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahm man schließlich eine behutsame Barockisierung, wie das bei Kirchen in dieser Zeit ausgesprochen häufig getan wurde. Die barocke Neugestaltung veränderte bei näherer Betrachtung den optischen Grundcharakter der kleinen Dorfkirche schon recht beträchtlich, ohne dass die romanisch/gotische Struktur verschwand. Von außen kann man das am deutlichsten bei dem kleinen Vorbau für den heutigen Haupteingang sehen (kleines Bild links), der sich durch einen sehr klassisch anmutenden Giebel auszeichnet.

Insgesamt repräsentierte die Barockzeit mit ihrem bescheidenen, aber dennoch sichtbaren Prunk auch ein wenig den ökonomischen, kulturellen und sozialen Auschwung in dieser Zeit. So ist im Jahr 1764 für die Kinder des Dorfes erstmals eine richtiggehende Schule für die dokumentiert. Nicht nur die Kirche, sondern auch das Dorf als solches wurde immer mehr modernisiert.

Im Jahre 1790 baute man noch auf dem Gelände des Kirchhofs eine kleine Kapelle an, die lange Zeit als Leichenhalle diente. Sie war der Heiligen Barbara (sv. Barbora) gewidmet. Sie ist achteckig im Grundriss. Innen sieht sie – anscheindend als Folge von Hochwassern – arg beschädigt und ebenso arg heruntergekommen aus. Aber von außen verleiht sie mit ihrer ungewöhnlichen Form dem Dorf eine originelle architektonische Note.

Der kleine Kirchhof wurde übrigens im Jahre 1880 aufgelöst. Nur wenige Grabsteine blieben erhalten, darunter das oben erwähnte Engelsgrab der Familie Plačký, die – wenn man von der Größe des Grab Schlüsse ziehen will – wohl im Dorf eine wichtigere Rolle spielte.

Die lange Prägung durch Kreuzherren und Kirche hat das Dorf auch sonst ihren Stempel aufgedrückt. Schon an der im 18. Jahrhundert errichteten Friedhofsmauer findet man außen eine kleine barocke Nischenkapelle, die dem böhmischen Nationalheiligen Nepomuk (sv. Nepomucký) geweiht ist (Bild links im Vordergrund), der allerdings schon seit langem die Nepomuk-Darstellung zu fehlen scheint. Und am Ausgang des Kirchplatzes hin zur Hauptstraße findet sich die ähnlich dimensionierte Kapelle der Fünf Wunden Christi (Kaplička Nejsvětějších Pěti ran Kristových) aus dem Jahr 1705 (kleines Bild rechts). Leider auch sie ein wenig renovierungsbedürftig.

Und rund um den Kirchplatz stehen allerlei hübsche alte Gebäude. Dazu gehört das katholische Pfarrhaus (Haus 1, Bild links), das in dieser Form hier seit 1862 steht. Sehen kann man unter anderem noch die alte Schule von 1878 (Haus 60), die alte Gaststätte (Haus 27) und natürlich hauptsächlich viele größere Bauernhöfe mit ihren typischen Hoftorbögen, von denen das Haus Nr. 4 (rechts) zu den schönsten gehört.

Haus Nr 25, gegenüber der Kapelle der Fünf Wunden Christi, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde danach immer wieder umgebaut. Das ist aber nicht das Besondere daran. Man muss nahe herankommen, um neben der Haustür ein kleines Metallschild zu sehen (Bild links). Es zeigt uns, wie hoch das Wasser beim großen Moldauhochwasser von 2002 stand, das verheerende Verwüstungen verursachte. Insgersamt wurde 30 Häuser in Vrbno so zerstört, dass sie abgerissen wurde. Einer der Schutzdämme, die das Dorf von einem nahe vorbeilaufenden Nebenkanal der Moldau trennt, hielt dem Wasserdruck nicht mehr stand, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Trotz der Reparaturarbeiten, die danach erfolgten, brach an einer anderen Stelle beim (geringfügig kleineren) Hochwasser von 2013 abermals ein Damm. Und wieder richtete das Wasser Zerstörungen an. Das ist der Grund, warum die Schönheit des Dorfes sich bisweilen immer noch mit dem Eindruck eines gewissen Verfalls vermischt. Spuren einer solch geballten und doppelten Verwüstung sind halt schwer zu tilgen.

Aber die Gewalt der Wassermassen dürfte den Bewohnern des Ortes in früheren Zeiten gewiss ebenfalls vertraut gewesen sein – möglicherweise noch gravierender, denn bis Ende des 19. Jahrunderts war der Fluss noch ungebändigt. Vermutlich sind solche Ereignisse damals sogar wesentlich häufiger auf der Tagesordnung gewesen. Man denke an das große Hochwasser von 1890, das weiter oberhalb in Prag sogar Teile der Karlsbrücke zerstörte. Das betraf auch Vrbno und Umgebung. Der Fluss lag dereinst sogar näher am Dorfe, wie ein heute toter Flussarm zeigt, der sich nur wenige Meter vom Dorfkern befindet. Der lädt wiederum zu einem (Hunde-) Spaziergang in einer idyllischen Auenlandschaft ein und hat seine einstige Gefährlichkeit wohl weitgehend eingebüßt. Und man kann nur hoffen, dass die repararierten Dämme zum Kanal beim nächsten Hochwasser halten werden.

Trotz der noch verbliebenen Spuren der letzten Hochwasser-Katastrophen ist und bleibt das Dorf ein kleines romantisches Idyll. Die hübschen Häuser des Dorfkerns und die kleinen verwunschenen Sträßchen haben deshalb schon seit längerem als Drehort das Interesse der Filmschaffenden geweckt. Etliche tschechische, aber auch internationale Fernseh- oder Kinofilme wurden hier in Vrbno gefilmt. Dazu gehören die Artistenserie Circus Humberto aus dem Jahr 1988, die historische Krimiserie Dobrodružstvá kriminalistiky (in Deutschland.: Täter unbekannt – Sternstunden der Kriminalistik), die in den Jahren 1989 bis 1993 lief, die tschechische Maigret-Verfilmung Maigretův první případ (dt.: Maigrets erster Fall) von 1991 oder die internationale Victor Hugo-Verfilmung von Les Misérables mit Liam Neeson aus dem Jahr 1998. Bleibt zu hoffen, dass der Filmruhm dafür sorgt, dass Vrbno seine schönen Glanz bald wieder neu aufpolieren kann. (DD)

Dorfkirche und Glockenturm

Von der Autobahn aus fällt das Ensemble von Glockenturm und Kirche jedesmal auf, wenn man von Prag Richtung Norden fährt. Irgendwann wird man doch zu neugierig. Also befindet man sich irgendwann auf dem schönen Hügelgebiet im Ortsteil Vepřek von Nová Ves u Nelahozevsi im Kreis Mělník rund 25 Kilometer nördlich von Prag. Und man steht wirklich auf altehrwürdigem historischen Boden!

Eigentlich dürfte die Nähe der durchaus vielbefahrenen Autobahn D8 (E55) wegen des Lärms nicht für alle Bewohner als Glücksfall wahrgenommen werden. Für Historiker und Archäologen war es aber ein ebensolcher. Denn erst während des Baus der Autobahn legte man Kulturrelikte frei, die darauf hinwiesen, dass hier auf dem Gebiet des pittoresken kleinen Dörfchens (Bild links) schon in der Steinzeit hier Menschen siedelten. Die Siedlungsgeschichte blieb seither ungebrochen. Auch keltische Funde aus der Bronzezeit (Knovízer Kultur) grub man bei der Gelegenheit in Vepřek aus. Auch nach der Fertigstellung der Autobahn kamen immer wieder Archäologen hierher, um dann – wie etwa in den Jahren 1992 bis 1995 – in Sachen böhmischer Frühgeschichte reich fündig zu werden.

Aber richtig in die Geschichte trat Vepřek erst 1346 ein, also in der Regierungszeit von Karl IV., als Böhmen seinen Aufschwung nahm. Da wurde der Ort erstmals in einem Register schriftlich erwähnt. Und nur unwesentlich später, im Jahre 1352, erbaute man hier die Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie), unter der Schutzherrschaft (Patrozinium) der Gottesmutter geweiht wurde. Zieht man vor seinem geistigen Auge alle moderneren Gebäude aus dem Ortsbild von Vepřek weg, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass auch ohne die späteren Anbauten die Kirche recht stattlich und groß war für eine so kleine Gemeinde. Ursprünglich handelte es sich nur um einen fast quadratischen Bau, der etwa den mittleren Teil des heutigen Gebäudes (Bild rechts) ausmachte.

Primär diente die Kirche natürlich als örtliche Pfarrkirche für die anscheindend ebenfalls im Jahr 1352 ins Leben gerufene Pfarrgemeinde.

Aber es gab offentsichtlich noch einen „Nebenzweck“ für das Gebäude. Besonders auffallend sind nämlich bei dem ursprünglichen Bauteil die weit oben liegenden Fenster und die dicken Mauern mit ihren Stützstreben. Das sieht recht solide aus und sollte es wohl auch sein. Obwohl unter Karls Herrschaft in Böhmen recht große Rechtssicherheit herrschte, war man in diesen Zeiten trotzdem nie sicher vor Überfällen. Die Kirche wurde wohl möglicherweise als eine sogenannte Wehrkirche konzipiert, in der die Anwohner bei Gefahr Zuflucht suchten und sich verteidigen konnten – bis die Eindringlinge die Geduld verloren und abzogen oder Hilfe von außen kam. Diese Art von Kirchen nahm vor allem im 14. Jahrhundert erstmals einen größeren Aufschwung und verbreitet sich zunächst hauptsächlich in Süddeutschland und Böhmen.

In dieser Form blieb die Kirche bis zum 17. Jahrhundert bestehen. Der Dreissigjährige Krieg hinterließ auch in Vepřek seine Spuren. Nach der Niederlage Böhmens gegen die Habsburger in der Schlacht am Weißen Berg (1620) hatte die Kirche lange Zeit keinen eigenen Pfarrer, sondern wurde von einer anderen Gemeinde „mitbedient“. Ein eigener Pfarrer wurde erst 1737 hier wieder eingesetzt.

Das heißt aber nicht, dass sich in Sachen Erneuerung der Kirche sich in dieser Zeit nichts tat. In den Jahren 1684 bis 1697 wurde die Kirche grundlegend im Stil des Barock umgebaut und verändert. Das Schiff wurde durch eine Apsis und einen Vorbau deutlich verlängert. Die ursprünglich hochgotischen Fenster des alten Gebäudeteils wurden recht originell barockisiert, wie man im Bild rechts sehen kann. Die Kirche erhielt in dieser Zeit im wesentlichen damit die äußere Form, die sie auch heute noch hat.

Trotzdem gab es in der Folge immer wieder kleinere Erneuerungen. 1752 wurden vor allem im Innenraum weitere Barockisierungen vorgenommen. Kleinere Umbauten und Reparaturen gab es in den Jahren 1892, 1902 und 1907, die sich aber nicht übermäßig signifikant auf das Außenbild auswirkten. In den Zeiten des Kommunismus litt die Kirche, wie in dieser traurigen Epoche üblich, ein wenig an Vernachlässigung und auch heute denkt man, ein paar Eimer Farbe könnten gut tun. Aber insgesamt steht es um die Kirche, die von einem hübschen alten Kirchhof mit alten Gräbern umgeben ist, gut. Und irgendwann wurde oben auch ein kleiner Turm, Dachreiter genannt, angebracht, denn die Kirche hat keinen eigenen und integrierten Kirchturm.

Den brauchte sie auch eigentlich nicht. Denn die „Skyline“ von Vepřek prägt nicht nur die Kirche Mariäa Geburt, sondern vor allem der separate Glockenturm (zvonice), der die eigentliche Sehenswürdigkeit des Ortes ist (siehe auch großes Bild oben). Diese Art von freistehendem Campanile ist typisch für die Region nördlich von Prag um Slaný und Mělník, und der von Vepřek gehört zu den schönsten Exemplaren im regionstypischen Stil. Erbaut wurde er im Jahre 1456. Damals gehörte das Dorf dem Domkapitel des Prager Veitsdoms. Durch den Bau des Turmes wurde die Kirche, die sich nur wenige dutzend Meter entfernt befindet, in die Lage versetzt, die Menschen der Umgebung mit hinreichender Phonstärke auf anstehende Gottesdienste aufmerksam zu machen. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Glockenturm mit zwei Glocken ausgestattet, mittlerweile sind es deren sogar drei.

Der Turm ist schon seit 1958 als geschütztes Denkmal registriert. Seit der letzten gründlichen Renovierung im Jahr 2002 sieht er blitzblank aus und ist in bestem Zustand. Eine Infotafel vor dem (für Besucher geschlossenen) Eingang des Glockenturms liefert Informationen über die Konstruktion und Geschichte des Turms und über die dazugehörige Kirche. Bei dem Glockenturm handelt es sich um ein gestuftes Gebäude mit quadratischem Grundriss. Nur das Erdgeschoss ist aus Stein gebaut und weiß verputzt. Ein fein verarbeitetes Gesims schließt diesen Teil oben ab. Der Überbau und das Walmdach sind aus Holz konstruiert. Die Dachkonstruktionen sind hübsch mit Holzschindeln bedeckt. Ein kleines vergoldetes Metallkreuz schließt den Turm oben auf dem Dach ab. Das Ganze steht in einer kleinen und wohl gepflegten Grünanlage, von der aus man hinunter auf die schöne umgebende Landschaft blicken kann.

Um diese Landschaft in ihrer Schönheit (trotz der Autobahn in der Nähe) zu bewundern, eignet sich Vepřek übrigens ausgezeichnet als Ausgangspunkt eines kleinen Wanderausfluges entlang der Moldau, die hier ruhig ihrem Zusammenfluss mit der Elbe entgegen strömt. (DD).

Von den Kleinen Leuten fußläufig zum Rathaus

Warum es diesen putzigen Namen trägt, entzieht sich meiner Kenntnis: Das Haus zu den Kleinen Leuten (dům U Človíčků), das – normalerweise von Touristenströmen umflutet – direkt gegenüber dem Altstädter Rathaus am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 479/25) liegt. Vielleicht sah sich der Bürgermeister, der hier einst fußläufig nahe bei seinem Amtssitz wohnte, als Vertreter der kleinen Leute. Ist aber eher nicht wahrscheinlich.

Den Namen wechselte das im Laufe der Zeit sowieso immer wieder. Im Mittelalter sprach man wohl vom Haus zur Blauen Gans (Dům U Modré husy). Im 16. Jahrhundert gehörte es einem gewissen Bindra, der hier ein Weinlokal betrieb, und folglich hieß es damals U Bindrů (Bei Bindra). Und heute spricht man ab und an vom Haus zum Blauen Stern (U Modré hvězdy). Auf jeden Fall ist das Haus sehr alt. Im Keller finden sich anscheinend noch Reste romanischer Kellergewölbe aus dem 12. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte 14. Jahrhundert, der Zeit Karls IV., entstand hier ein sehr solide gemauertes zweistöckiges Haus im hochgotischen Stil, der diese große Epoche in der Geschichte Prags auszeichnet. Von diesem mittelalterlichen Gebäude sind noch sichtbare und substanzielle Spuren zu sehen. Man erkennt sie etwa noch an den Arkaden im Erdgeschoss, die von Spitzbögen gestützt sind.

Aber die Altstadt und ihre Häuser haben sich immer wieder erneuert – so auch das Haus zu den Kleinen Leuten. Zwischen 1546 und 1571 wurde das gesamte Gebäude schrittweise in ein Renaissancehaus umgewandelt, was vor allem zur Öffnung der Arkade führte, die sich nun auch auf das benachbarte Gebäude 478/26, dem dům Na kamenci, erstreckte.

Mitte des 17. Jahrhundert wurde ein gewisser Bohuslav Daniel Vořikovští z Kunratic Besitzer des Hauses. Der kam aus einer Familie, die sich während des Dreissigjährigen Krieges 1648 bei der Verteidigung der Stadt gegen die Schweden äußerst verdient gemacht hatte. Er trat auch als Mäzen auf, der 1696 die heute in dieser Form nicht mehr erhaltene Statue der Pieta auf der Karlsbrücke stiftete. Klar, dass der im Jahr 1700 zum Bürgermeister der Altstadt gewählt wurde. Ab dem Jahr 1710 baute er das Haus im spätbarocken Stil so aus, wie wir es im Kern heute noch bewundern können – als wahren Repräsentationsbau, der auch noch extrem gut fußläufig zum Rathaus lag. Gegen Ende des 18. Jahrhundert wurde die barocke Fassade noch einmal ein wenig überarbeitet. Insbesondere die Fenster wurden dem klassizistischen Zeitgeschmack angepasst und wirken daher nicht mehr so verspielt, wie sie vielleicht in den Zeiten des früheren Bürgermeisters gewesen sein mögen.

Heute residiert hier aber kein Bürgermeister mehr (über dessen heutige Residenz berichteten wir bereits hier; über die eines seiner Vorgänger hier). Im Erdgeschoss befinden sich Läden und ein Bistro für Touristen, darüber ein kleines Hotel. Nach 1926 wurde das Haus zum Zweck der Vergrößerung der Hotelkapazität mit dem benachbarten dům Na kamenci verbunden. Beide Häuser hat man durch den Anstrich, der jeweils die Kontraste der Fassade herausstreicht, optisch zugleich von einander abgehoben und doch irgendwie zu einer optisch harmonierenden Einheit verschmolzen. Zusammen ergeben sie jedenfall ein hübsches Ensemble. (DD)

Romanisches Juwel in Podolí

Sie ist ein Stück Mittelalter in einem ansonsten baulich stark vom 20. Jahrhundert geprägten Umfeld: Die kleine Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) im Stadtteil Podolí (Prag 4), die an der Moldau unter den Felsen von Braník und des Vyšehrad gelegen ist.

Die heutige katholische Gemeindekirche stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und wurde im Jahre 1222 erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehörte damals wohl zum (königlichen) Kapitel des Vyšehrad. Pfarrkirche für Podolí wurde sie erst 1856. Als kleine Ruheoase abseits der Touristenströme entpuppt sie sich bei näherem Hinsehen als ein kleines Juwel früher mittelalterlicher Sakralarchitektur, das auch von den künstlerischen Entwicklungsstufen, die in den Jahrhunderten danach kamen, nicht unberührt blieb, und von ihnen bereichert wurde.

Das fing im 14. Jahrhundert mit einer leichten Gotisierung der spätromanischen Kirche an. Im 17. Jahrhundert – es war die Zeit des Barocks – gab es mehr Neuerungen , etwa der Hauptaltar mit einem Altarbild des Erzengels Michael, dem Namensgeber der Kirche. Draußen im Kirchhof wurde ein Glockenturm aufgebaut, dessen oberer Teil als Holz mit Schindeldach ist. Drinnen hängt eine ältere Glocke aus dem Jahr 1482, die 1993 um zwei zusätzliche neue aus dem Hause der bekannten Glockengießerwerkstatt Tomášková-Dytrychová (siehe auch hier) ergänzt wurde

Im 19. Jahrhundert gab es noch einmal etliche Veränderungen. Der Kirchhof wurde 1885 geschlossen und ein neuer Friedhof etwas oberhalb der Kirche eingerichtet. Man findet aber noch viele erhaltene Grabsteine, sodass diese Kirche authentischer wirkt als viele andere Gemeindekirchen, deren Friedhöfe schon in den 1780er Jahren (aufgrund einer Verordnung Kaiser Josephs II.) aufgelöst wurden. 1887 führte man Umbauarbeiten durch, die auf eine Re-Romanisierung abzielten. Das heutige, im Kern neo-romanische Erscheinungsbild geht auf diesen Umbau zurück. Dazu gehört auf das Mosaik des Malers und Restaurators Bohumil Jaroš über dem westlichen Eingang, das den Erzengel Michael darstellt.

In den Zeiten des Kommunismus fiel sie der allgemein üblichen Vernachlässigung anheim, bis sich zu Ende das Blatt wendete. 1980 wurde Jan Rosůlek Pfarrer der Gemeinde. der war ausgebildeter Architekt und Verfechter des modernen Avantgardismus. Er hatte schon in der Ersten Republik der Gruppe Devětsil angehört, einer Architekten- und Künstlervereinigung, die sich einem progressiven Kunstverständnis verschrieben hatte. Rosůlek, ein Bruder der Schauspielerin Marie Rosůlková, hatte sich 1947 zum Priester weihen lassen (nachdem er eine zeitlang der Religion abgeschworen hatte). Danach war er zahlreichen Drangsalierungen und Berufsbeschränkungen durch die Kommunisten ausgesetzt, bevor er 1980 immerhin die kleine Pfarre in Podolí übernehmen durfte. Er nutze die Gelegenheit, die Kirche mit ein wenig moderner Avantgarde anzureichern. Dabei sind insbesondere die 1988 eingesetzten Buntglasfenster nach Entwürfen des Malers Antonín Klouda zu erwähnen. Die Glasmosaike – oberhalb links ein Ausschnitt eines Bildes des Gekreuzigten – verliehen dem Kirchenraum einige kräftige neue Farbtupfer.

Die Kirche als solche besteht aus einem schlichten, geradezu archaisch wirkenden einschiffigen Bau. Wenn es von der östlich vorbeigehenden Straße Pod Vyšehradem so aussieht, als ob sie zwei Schiffe hätte, dann liegt das nur daran, dass die Fassade eines Anbaus dem östlichen Abschluss des Schiffes mit dem Altarraum gleicht.

Das ist eines von vielen Dingen, die die äußere Gestaltung der Erzengel-Michaels-Kirche ausgesprochen abwechslungsreich erscheinen lassen. (DD)

Schlossruine tief im Gestrüpp

Wo nach Gold gegraben wird, da lauern Diebe. Deshalb hielt sich lange Zeit der Glaube, die kleine Burg oberhalb des rund 25 Kilometer südlich von Prag gelegenen Dorfes Žampach am malerischen Fluss Sázava sei zum Schutz der Goldgräber in der Umgebung gebaut worden.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Landschaft, die die Burgruine (die zum Ort Jílové u Prahy gehört) umgibt, seit dem Mittelalter das Goldbergrevier ganz Mittelböhmens war. Überall kann man beim Wandern die Eingänge uralter Stollen (kleines Bild links) sehen, von denen einige wenige sogar für das Publikum geöffnet sind. Das ging noch bis Ende der 1960er Jahre so. Dann war das Ganze endgültig nicht mehr lukrativ und wurde eingestellt. Deshalb glaubte man lange einer vermeintlich mittelalterlichen Urkunde, dass die heute Včelní Hrádek genannte Burg im Jahre 1045 zum Schutz der örtlichen Goldgräber gebaut wurde. Inzwischen hat sich das Dokument als Fälschung des 18. Jahrhunderts herausgestellt.

Erst für das Jahr 1402 ist die kleine Burg sicher dokumentiert, und zwar als im Besitz des Prager Patriziers Johánek Šimonovic z Prahy, der sie damals unter dem Namen Nussberk weiter verkaufte. Als richtige Burg hatte das Ganze nach den Hussitenkriegen im frühen 15. Jahrhundert ausgedient. Die Besitzer wechselten und die Burg wurde eigentlich nur noch als Bauerngehöft geführt. Irgendwelchen Verteidigungszecken – ob für Goldgräber oder nicht – schien sie nicht zu dienen und auch nie gedient zu haben.

Zu den etwas berühmteren Besitzern des Anwesens in der Zeit der Renaissance gehörte nach 1591 für eine kurze Zeit der als Scharlatan verschrieene englische Alchimist Edward Kelley (den erwähnten wir schon hier), der in Prag wirkte – erst im Auftrag von Kaiser Rudolph II. in Prag, später für Fürst Wilhelm von Rosenberg. Im Dreissigjährigen Krieg wurde das Gehöft sogar verlassen und erst 1695 von dem böhmischen Adligen und Prager Ratsherrn Ferdinand Ignaz Schönpflug erworben und wieder aufgebaut. Es folgte eine lange Reihe von Besitzerwechseln, die sich bis ins Jahr 1789 hinzog.

In diesem Jahr erwarb nämlich Karl Joseph Biener Ritter von Bienenberg das Anwesen. Der war ein großer Wissenschaftler und Pionier der böhmischen Archäologie und zugleich Kaiserlicher Richter und Kreishauptmann für den Bezirk. Ihm verdankt, auch wenn man es sich einem zunächst nicht erschließt, Včelní Hrádek tatsächlich seinen Namen. Das tschechische Wort „Včel“ bedeutet im Deutschen soviel wie „Bienenzucht“, was sich wiederum klar auf den Namen des Ritters von Bienenberg bezieht. Man liegt wohl nicht fehl, wenn man dahinter so etwas wie tschechischen Wortwitz vermutet. Aber der gute Ritter tat noch mehr als bloß dem Ganzen einen putzigen Namen zu geben, den es heute noch trägt.

Er baute nämlich die alte und heruntergekommene Burg zu einem kleinen und hübschen Schloss im Stil des Klassizismus um. Das, was heute noch zu sehen ist, ist im wesentlichen dieses Gebäude, während der mittelalterliche Bau von der Zeit hinweggetragen wurde, so dass nur noch einige kleine Erdwälle im Wald – und die auch nur schwach – erkennbar sind. Das Schloss machte nun nicht einmal mehr den Eindruck, zur wehrhaften Verteidigung zu dienen. Die Zeit der Burgen war vorbei.

Als Ritter von Bienenberg 1798 starb, setzten abermals zahlreiche Besitzerwechsel ein. Das Schloss kam ein wenig herunter, aber es schien noch immer recht wohnlich zu sein. 1947 übernahm schließlich die Stadt Jílové das Schloss. Wer denkt, dass öffentlicher Besitz und kompetenter Denkmalschutz Hand in Hand gehen, wurde eines besseren belehrt. Dass das im Kommunismus ab 1948 erst recht nicht klappte, erstaunt nicht. Aber als der zu Ende ging, ließ die Stadt das schöne Kulturgut abreißen, nachdem Dank der vorherigen Vernachlässigung ein Dach einstürzte.

Trauriges Ende. Aber ein wenig ist doch noch übriggeblieben von den klassizistischen Außenmauern, insbesondere denen der Wirtschaftsgebäude. Sie zu finden, ist ein kleines Abenteuer. Man muss einen unmarkierten Abstecher durch ein Feld oder einen Wald machen, der neben einem anstelle alter Burgteile sich dort befindenden Landwirtschaftshof wuchert, und sich durch das Gestrüpp schlagen. Dann findet man die Ruinen, die sicher für Kinder ein idealer Abenteuerspielplatz sind. Und das, obwohl die Geschichte der Burg gar nicht so abenteuerlich war. Denn die Goldgräber haben sich damals anscheinend selbst zu helfen gewusst, und brauchten keine schwertbewaffneten Rittersleut zu ihrem Schutz. (DD)

Tschechische Zeitmessung

Gehen bei den Tschechen die Uhren anders? Zumindest früher war das tatsächlich so. Diese Sonnenuhr aus dem Jahre 1608 bemisst das altböhmische Zeitmaß, bei dem nicht die Uhrzeit, sondern die Zeit, die seit dem Sonnenaufgang vergangen ist, in Stunden dargestellt wird. Die gemalte Sonnenuhr war übrigens lange unter dem Putz des Hauses verschwunden und wurde erst 1995 wiedergefunden und frisch rekonstruiert.

Zurecht kann man erwarten, dass ein Haus mit solch einer Uhr noch mehr zu bieten hat. Und so ist es auch mit dem Velikovský Haus (Velikovský dům) in der Tomášská 518/1, Ecke Malostranské náměstí (Kleinseitner Ring) auf der Prager Kleinseite. Auf eine lange Geschichte kann dieses dreistöckige Wohnhaus an zurückblicken. Zum ersten Mal wurde es 1354 schriftlich erwähnt. Während der Hussitenkriege nahm es um 1420 schweren Schaden, wurde aber wieder aufgebaut. Ein größerer Umbau mit Vergrößerungen fand um 1470 statt. Einer der mittelalterlichen Besitzer gab dem Haus wohl den Namen. Bisweilen wurde es auch Lázeň (Bad) genannt, was wohl auf einen früheren Verwendungszweck hindeutet.

Beim Großen Feuer von 1541, das große Teile der Kleinseite verwüstet hatte, wurde das bis dato gotische Haus arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber zwischen 1543 und 1552 baute man es wieder neu auf. Beim Wiederaufbau wurde es allerdings – dem Geschmack der Zeit entsprechend – in ein Renaissancegebäude umgewandelt. Mehr Wandel erfolgte: Die Uhr von 1608 war wohl Teil von einem von mehreren Umbauten im Stil des Barock, die im Laufe des 17. Jahrhunderts erfolgten – insbesondere in den Jahren 1638, 1653 und zuletzt 1680. Aber tatsächlich sieht man von allen diesen barocken Um- und Neubauten heutzutage zumindest äußerlich relativ wenig.

Denn der „alte“ Eindruck, den das Haus von außen heute beim Betrachter hinterläßt, geht auf sehr historistische Renovierungen des 19. Jahrhunderts zurück. Es begann im Jahre 1838 mit der klassizistisch angehauchten Fassadengestaltung durch den Architekten Josef Tredrovský, der hier viele Elemente des böhmischen Renaissancestils, etwa den schönen Erkerturm, einfließen ließ. Das heißt, er griff dabei eher auf die vorbarocke Gestalt des Hauses zurück.

Vollendet wurde dieser Rückgriff durch die zierlichen Sgraffito mit feinem Blumenzierat (Akanthus), die man auf dem Erker und dem Giebel sehen kann. Die sind das Werk des Bildhauers Celestýn Klouček, der sie im Jahr 1899 anfertigte. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Gebäude übrigens dem Adelsgeschlecht der Grafen Sternberg. Franz Adam Graf von Sternberg, dem bereits das Nachbargebäude, der Sternberg Palais (Šternberský palác; siehe auch unseren Beitrag hier) gehörte, erwarb das Gebäude im Jahr 1761. Deshalb wird es manchmal statt Velikovský dům auch Šternberský dům (Sternberg Haus) genannt.

Obwohl die beiden Häuser architektonisch und stilistisch recht unterschiedlich sind, bilden sie im Erdgeschoss durch die spätmittelalterlichen Arkaden so etwas wie eine Einheit. Da sich der Arkadengang auch auf das neben dem Palais Sternberg gelegene Smiřický Palais (palác Smiřických) erstreckt, kann man heute bei Regen immer noch die gesamte Nordseite des Kleinseitner Rings trockenen Fußes bewältigen. Die angrenzende Ostseite des Kleinseitner Rings ist genauso gestaltet, was mit zur Schönheit des Ortes beiträgt.

Die Nachfahren von Graf Sternberg übergaben Haus und Palais übrigens 1901 dem Böhmischen Landesausschusses (was einer Landesregierung entsprach) hier statt, denn das Gebäude liegt sehr nahe beim Landtag im Palais Thun. Das Palais Thun ist heute der Sitz des tschechischen Abgeordnetenhauses. Beide Sternberg-Gebäude gehören seit 1993 zum Parlament. Um es als Verwaltungsgebäude des Parlaments nutzbar zu machen, renovierte man das Šternberský/Velikovský Haus. Dabei fand man auch die alte Sonnenuhr und setzte sie wieder instand. Ach ja, und wer mit der alt-tschechischen Zeitrechnung nichts anfangen kann, der findet eine zweite Sonnenuhr (zur Platzseite des Kleinseitner Rings hin), die die Stunden auch auch konventionelle Weise anzeigt. 1608 hat man halt an alles gedacht. (DD)

Wo die Tschechen christlich wurden

Ein älteres Gotteshaus als dieses wird man in Tschechien nicht finden. Die Kirche des Heiligen Klement (Kostel sv. Klimenta) gibt es seit dem Jahr 884. Da war es erst ein Jahr her, dass sich der böhmische Herzog Bořivoj I. am Hofe des großmährischen Herrschers Svatopluk I. hatte taufen lassen.

Bořivoj und vor allem seine Frau, die spätere Heilige Ludmilla, betrieben darob in ihren böhmischen Landen (die damals mehr oder weniger den heutigen Großraum Prag umfassten) eine forcierte Politik der Christianisierung. Dazu gehörte auch, dass sie auf dem Gelände ihrer Stammburg Levý Hradec nahe der Ortschaft nur wenige Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ortschaft Roztoky oben auf dem Berg eine Kirche errichteten. Nach dem Tode Bořivojs konnte auch in der Regierungszeit der seiner beiden Söhne Ludmilla offenbar über das Gefolge und große Teile des herzoglichen Besitzes verfügen. Vor allem wurde sie Vormund des Enkels, dem späteren Herzog und Heiligen Wenzel.

Das brachte sie in Konflikt mit Wenzels Mutter Drahomíra, die sich um ihren Einfluss gebracht sah, und 921 die Schwiegermutter mit einem Halstuch erwürgen ließ. Dem guten Wenzel wiederfuhr 928 oder 935 (genau weiß man das nicht) ebenfalls ein blutiges Ende zuteil als er von seinem Bruder (und Nachfolger) Boleslav ermordet wurde. Bei allen diesen innerfamiliären Mördereien unter den Přemysliden ging es nicht zuletzt darum, was für ein Christentum sich von der Kirche des Heiligen Klement aus verbreitete. Sollte man sich religiös, kirchenorganisatorisch und machtpolitisach nach Westen – zum Deutschen Reich – orientieren, wie Ludmilla und Wenzel es wollten? Oder Distanz halten, wie es Boleslav (langfristig erfolglos) versuchte?

Diese Fragen wurden allerdings schon bald nach dem Bau der Kirche andernorts entschieden, denn schon um 885 hatte Herzog Bořivoj damit begonnen, den Stammsitz von Levý Hradec auf die von ihm gegründete Prager Burg zu verlegen. Dort gab es auch eine neue Kirche, die heute nicht mehr erhaltenen Kirche der Jungfrau Maria, und bald darauf die zu einem Kloster gehörende Georgsbasilika (wo u.a. die Heilige Ludmilla beerdigt wurde). In deren Besitz fiel übrigens Levý Hradec 1233. Da war es mit der Burg aber schon vorbei, denn der deutsche Kaiser Heinrich III. zerstörte Burg und Kirche im Zuge seines Feldzugs gegen den böhmischen Herzog Břetislav I.. Während die Burg aufgegeben wurde und verfiel, wurde die Kirche immerhin wieder aufgebaut, diesmal im romanischen Stil. Im 14. Jahrhundert fügte man dem Gebäude ein Presbyterium hinzu und gotisierte es durchgängig.

Aus dieser Zeit stammen die sensationellen Fresken in der Apsis. Sie sind sowohl wegen ihres Erhaltungsstandes als auch wegen ihrer künstlerischen Gestaltung bemerkenswert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, die Passion Christi (Bild rechts) und Darstellungen der Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und Ambrosius.

Auch böhmische Heilige werden berücksichtigt. Aus einer Nische schaut uns der Heilige Adalbert (im Tschechischen Vojtěch genannt) an. Der wurde 983 unter Herzog Boleslav II. zweiter Bischof von Prag, das er zum eigentlichen Kirchenzentrum Böhmens machte. Insofern steckt eine gewisse Ironie darin, dass er hier abgebildet ist, trug er dadurch zum weiteren Niedergang der Bedeutung der ersten Kirche des Landes bei, die heute eine einfache katholische Gemeindekirche ist. Dass neben ihm auch die heilige Ludmilla in Ehren gehalten wird, versteht sich von selbst, da sie tatsächlich eng mit der Blütezeit der Kirche verbunden ist.

1684 wurde die Kirche umfassend vergrößert. Ein barockes Schiff wurde angebaut, was wohl einige Fresken zerstörte. Dabei wurde auch der Glockenturm errichtet. Von außen sieht man nun eine für viele Kirchen im Lande typische Mischung von Gotik und Barock am Werke. Wenn man es nicht wüsste, könnte man auf den ersten Blick so nicht erkennen, wie alt die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber auf den zweiten Blick! Dazu bedurfte es der Ausgrabungen, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter der Kirche vorgenommen wurden. Die förderten die Grundmauern einer Rotunde mit kleiner Apsis zu Tage, die lange Zeit vor dem heute sonst sichtbaren Kirchengebäude gebaut worden sein muss. Das Ganze kann man heute bei einer Führung durch einen kleinen Treppeneinstieg im Inneren der heutigen Kirche besichtigen.

Man kann sogar durch ein Gitter einen kleinen Eindruck vom Innenraum dieser uralten Kirchenrotunde gewinnen (Bild rechts). Die Kirche aus der Frühzeit des hiesigen Christentums war damals wohl recht klein. Zunächst glaubte man, dass es sich tatsächlich um jenen Bau von Herzog Bořivoj und seiner Ludmilla handelte, in dem das Christem in Böhmen begann. Neuere Forschungen des Archäologen und Mediävisten Petr Sommer haben jedoch ergeben, dass die Mauern wohl auf die Zeit um das Jahr 1000 zu datieren sind. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Urkirche in Wirklichkeit nur ein kleiner Holzbau war, der die Zeitläufe nicht lange überstanden hat.Nichts ist von ihm geblieben.

Wieder aus dem Keller mit den alten Grundmauern aufgestiegen, kann man noch einige schöne Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert bewundern. Hier posiert Lady Edith (der Kirchenführer hatte erlaubt, dasss sie in die Kirche durfte, weil es draußen furchtbar regnete – so sind die Tschechen, wen es um Hunde geht!) vor dem Grabdenkmal von David Boryně ze Lhoty, einem Adligen, der 1565 unterhalb im Moldautal das Schloss Roztoky erworben hatte, das er danach im Renaissancestil umbaute. Die Nachfahren verloren das Schloss nach dem gescheiterten Ständeaufstand von 1618 als die siegreiche Habsburger Seite das Anwesen konfiszierte. David Boryně ze Lhoty, der das gottlob nicht mehr erleben musste, ließ sich bezeichnenderweise nicht unten im Tal beerdigen, sondern in der Klementkirche – ein Zeichen, welch eine Symbolkraft hinter dem Gebäude immer noch steckte.

Und draußen kann man noch ein wenig die alte Burganlage erkennen, zu der die Kirche gehörte. Es hanelt sich um eine Anlage aus dem 9. Jahrhundert. Bořivoj war der erste böhmische Herrscher, dessen Existenz wirklich erwiesen ist. Bei Burgen aus dieser Vorzeit gab es keine Zinnen, Steinmauern und Burgfriede. Meist wurde ein großes Areal mit einem Erdwall umgeben, auf den dann Pallisaden aus Holz gesetzt wurden. Und so sieht man von der Burg Levý Hradec eigentlich heute nur die recht großen Erdwälle.

Die kann man umwandern. Im ganzen Areal ist ein Lehrpfad mit Tafeln errichtet, die über archäologische und historische Details von Burg und Kirche informieren. Die Kirche kann man normalerweise nur von außen besichtigen, außer an Wochenenden. Dann steht ein Führer bereit, der einem die Kulturschätze der doch recht kunstvollen Kirche erklärt. Sollte er nicht unmittelbar auffindbar sein, sollte man in die nahegelegene Medová Kavárna (Honig Café) gehen, und zwar aus zwei Gründen: (a) weil dort ausgezeichneten Kuchen und Kaffee gibt und (b) weil die beim Guide anrufen, der dann auch sofort kommt. Die Hilfsbereitschaft (auch auf Englisch) kennt keine Grenzen. (DD)

Imposant über der Moldau

Über 190 Meter erstreckt sich die imposante Front von Schloss Chvatěruby (Zámek Chvatěruby) hoch über dem Ufer der Moldau. Für die Spaziergänger auf dem schönen Uferwanderweg einige Kilometer flussabwärts von Prag ist sie eine echte Sehenwürdigkeit.

Die Ursprünge des Schlosses, das oberhalb des gleichnamigen kleinen Dorfes thront, liegen ein wenig im Dunklen. Man findet für das 13. Jahrhundert in Urkunden die Erwähnung eines befestigten Hofes mit Turm, der einem gewissen Rüdiger von Chvatěruby gehörte. Erst 1366 wird sie als richtige Burgbefestigung wieder erwähnt, die im Besitz eines Prager Patriziers war.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ging sie in den Besitz der Familie Zajíc von Hasenburg über, die sich aber unklugerweise einem katholischen Aufstand gegen König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) anschloss, dem einzigen Hussiten auf dem böhmischen Königsthron (wir berichteten u.a. hier). Der ließ die Burg 1467 stürmen und übereignete sie dem befreundeten Staatsmann und humanistischen Schriftsteller Georg von Heimburg. Als der König starb 1471 starb, musste Heimburg allerdings Burg und Land verlassen, da er vom katholischen Nachfolger als ein wegen papstkritischer Pamphlete Exkommunizierter in Böhmen keinen Schutz mehr genoss.

Es folgten in recht rascher Abfolge etliche Besitzerwechsel. Einer der Besitzer war der Landrichter Johann von Waldstein (Wallenstein), der es 1567 erwarb. Er baute die stattliche Vorderfront, die noch mittelalterlichen Ursprungs war, im Stil der Renaissance um – so, wie wir es heute (allerdings als Ruine) noch sehen. Johann von Waldstein war noch ein gemäßigter Hussit. Später schlug sich die Familie auf die katholische Seite und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die kaiserlich-katholischen Truppen des durch Schillers Drama Wallenstein berühmt gewordenen Heerführers Albrecht von Wallenstein (wir berichteten u.a. hier) die Burg im Dreissigjährigen Krieg eroberten und ausplünderten.

Nach dem Krieg kam das Gebäude in die Hände des adligen Geschlechts Voračičtí z Paběnic. Unter der Familie wurde aus der Burg ein barockes Schloss, das den veränderten Wohnbedürfnissen des Adels der Zeit entsprach. Oder genauer ausgedrückt: An die alte Vorderfont wurde im rechten Winkel ein neues Barockschloss gesetzt, sodass der heute noch bestehende Eindruck zweier aneinandergefügter Bauwerke entstand.

Offensichtlich hätte die Familie gerne das ganze Schloss konsequent barockisiert, aber wahrscheinlich ging das Geld aus. Jedenfalls blieb das Projekt halb vollendet. Das war kein gutes Omen. Das Schloss verfiel allmählich. 1752 wurde das Dach des alten Teils bei einem Sturm zerstört. Ein neuer Besitzer montierte 1816 die schönen Außenverkleidungen von Türen und Fenstern ab, um sie einem anderen seiner Anwesen einzuverleiben. Darob nutzte auch dei Bevölkerung im Ort das Schloss zunehmen als eine Art Steinbruch. 1817 stürzte der noch erhaltene Teil des Daches im östlichen Bauteil ein.

Und schließlich ließ man 1891 einen Teil des Gebäudes abreißen, weil er einsturzgefährdet war. Nur der barocke Teil blieb einigermaßen erhalten – allem voran das schöne Eingangstor. Wieder folgten etliche Wechsel der Eigentümer. 1918 erwarb der damals bekannte Schaupieler František Matějovský das Schloss. 1947 fiel es dann in Staatsbesitz. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Schloss Chvatěruby 1991 privatisiert. Die neue Besitzerfamilie renoviert zurzeit den bewohnbaren Teil sehr sorgfältig – eine geradezu titanische Aufgabe.

Es lohnt sich, vom Uferweg aus, einmal hoch zum Schloss zu wandern und es zu umrunden. Man kann dann das Gebäude in seinem schönen Umfeld bewundern. Das Dorf ist nämlich recht hübsch und direkt neben dem Schloss liegt die Kirche der Heiligen Peter und Paul (kostel sv. Petra a Pavla), deren Ursprünge sich auf das Jahr 1222 zurückdatieren lassen, und die um 1715 im Zuge des Schlossumbaus ordentlich barockisiert wurde.

Wer beim Anblick der Vorderfront vom anderen anderen Moldauufer bereits von der Imposanz der Anlage beeindruckt ist, wird bei der Perspektive vom Dorfinneren her noch mehr überwältigt sein. Über die Jahrhunderte hat sich das Dorf in die unter der Burg gelegenen zusätzlichen Bastion integriert. Die Häuser des Ortes sind zum Teil regelrecht eingebaut. Trotzdem erkennt man die Bastion noch deutlich und sie zeigt, dass die Gesamtanlage der Burg dereinst viel größer war als man es von der Ferne sieht. (DD)

Eklektik für Rudolf nach der Pest

An dieser Kirche könnte man das Fremdwort eklektisch erklären, was in der Kunst so viel bedeutet wie die Verwendung von Elementen verschiedener, möglicherweise nicht zusammenpassenden Stilepochen. Nicht nur das macht die Kirche des Heiligen Rochus (kostel sv. Rocha) interessant.

Vor allem steht die alte Gemeindekirche innerhalb der Mauern des Klosters Strahov, das ja mit der großen Basilika Mariä Himmelfahrt (Bazilika Nanebevzetí Panny Marie na Strahově) bereits über eine Kirche verfügt. Die Standortentscheidung fiel kurz nach der großen Pest in Prag von 1599. Der Hausherr der benachbarten Burg, Kaiser Rudolf II., zog sich währenddessen nach Pilsen zurück, um der Seuche nicht nicht zum Opfer zu fallen. Als er gesund zurückkam, beschloss er aus Dank mit dem Strahover Abt Jan Lohelius, eine Kirche bauen zu lassen, die dem Heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen schlimme Krankheiten, gewidmet werden sollte. 1603 wurde sie geweiht und diente fortan nicht etwa den Mönchen, sondern den Pfarrmitgliedern der umliegenden Gemeinde als Gotteshaus.

Das ging so bis 1784. Dann setzten die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. ein, die in der Schließung und Enteignung vieler Klöster und Kirchen endete. Das Argument war die Sparsamkeit und er meinte, dass man auch dem Klostergrund keine Gemeindekirche brauche, wo doch schon eine große Klosterkirche existierte und die Aufgabe mit übernehmen könnte. Aus der Kirche wurde erst eine Leichenhalle, dann eine Schmiede. 1882 weihte dann aber doch der Abt von Strahov, Zikmund Antonín Starý, die Kirche für die Gemeinde neu. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Lande im Jahr 1948 wurde sie allerdings wieder enteignet und zu einer Lagerhalle umfunktioniert.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde die Kirche aber nicht wieder Kirche, sondern es zog 1994 die Miro Galerie hier ein. Die war bis dato eine hochkarätige Exil-Galerie im fernen (West-) Berlin, aber Dank der finanziellen Hilfe von Gott – gemeint ist in diesem Fall Karel Gott – konnte Betreiber Miro Smolák nach Prag umsiedeln und nun hier in dem frisch renovierten Gebäude in wechselnden und hochwertigen Ausstellungen Klassiker der modernen Kunst ausstellen. Auch kleine Musikabende gibt es hier ab und an. Die Kirche hat natürlich Dank der Enteignungen seit langer Zeit ohne ihre ursprünglichen Kirchenausschmückung verloren. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so kommt die interessante Architektur optisch klarer und reiner zum Vorschein.

Und so sieht man die seltsame Mischung von (damals völlig unmoderner) Gotik- und Renaissancestil, die sich der unbekannt gebliebene Architekt erlaubt hat. Innen stehen die klassischen Pilaster in Kontrast zu den gotischen Spitzfenstern. Der Grundriss, der im Kern rechteckig ist, aber durch abgeflachte Ecken fast oval wirkt, sowie die im Vergleich zum Grundriss unglaubliche Höhe. Drinnen gibt es drei gleich große Altarnischen, in denen früher je ein Altar des Heiligen Rochus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Antonius standen (die alle auch Patrone gegen Krankheiten sind). Die sind nicht mehr da. Aber die moderne Kunst kommt heute in ihnen hervorragend zur Geltung. (DD)