Avantgarde für die Expo

Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: Das Tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel. Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat (Beispiele zeigten wir u.a. hier und hier).

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr (wir erwähnten ihn bereits hier), Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

Das Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungeschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist).Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat im das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln, wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen.

Aber die schöne Aussicht in eine Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich im dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden. (DD)

Nationalkirche mit Mietwohnungen

Der vergoldete Kelch auf dem Dach ist von weithin sichtbar und wohl fast so etwas wie ein Wahrzeichen des Stadtteils Holešovice (Prag 7). Überhaupt ist das Gemeindehaus der Hussitischen Kirche (Husův sbor) dort ein ungewöhnliches Gebäude. Das zeigt sich nicht zuletzt auch im Inneren des Gebetsraums, wie man hier sieht.

Aus der Nähe betrachtet weiß man nicht, ob man es bei dem Gebäude in der Farského 1386/3 mit einem funktionalistischen Wohnhochhaus oder einem hyper-modernistischen Gotteshaus zu tun hat. Tatsächlich ist es beides und noch viel mehr. Blicken wir erst einmal zurück in die Geschichte: Im Mai 1927 wurde in Holešovice die örtliche Gemeinde der Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá, CČS) gegründet. Die CČS, die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) war 1920 vondem ehemals katholischen Theologen Karel Farský (nach dem die Straße Farsého benannt ist) als eine Art tschechischer Nationalkirche mit reformerischen Modernitätsanspruch gegründet worden. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, waren die Kirchenneubauten der CČS oft in jeder Hinsicht – sowohl in Funktion als auch Architektur – ausgesprochen avantgardistisch (ein Beispiel stellten wir u.a. hier vor).

Soweit war man in Holešovice 1927 noch nicht. Ein Gotteshaus hatte man noch nicht und die Gründung der Gemeinde fand erst einmal im Freien statt. Man musste zunächst für das erste eine ehemalige kleine Turnhalle für Gottesdienste anmieten. Später diente ein Raum in einer Realschule demselben Zweck. Aber so konnte es natürlich nicht weitergehen. Schon im Juni 1927 gründete die neue Gemeinde eine Baugenossenschaft, die die Finanzierung eines Gotteshauses organisieren sollte. Man wählte als potentiellen Architekten Karel Truksa aus, der schon einige Erfahrung mit Kirchen der CČS hatte (ein Beispiel zeigten wir hier), den man allerdings nach den ersten Projektentwürfen durch František Kubelka ersetzte. Aber auch dessen Pläne ließen sich ohne Geld nicht umsetzen. Erst als der Abgeordnete Bohuš Rodovský, ein wohlhabendes Gemeindemitglied und Freund von Präsident Masaryk (dessen Familie er unterstützte, als sich dieser ab 1915 im Exil befand), eine günstige Hypothek vermittelte, konnte es losgehen. Und so wurde das Gebäude nach Kubelkas Entwürfen in den Jahren 1935 bis 1937 ganz und gar im Stil des Funktionalismus realisiert.

Nun waren Kirchen der Tschechoslowakischen Kirche nie nur Kirche, sondern auch Gemeinde-, Sozial- und Kulturzentrum für die Gemeinde. Das war auch hier so. Das Gebäude enthält neben dem Gebetsraum auch Räume der Kirchenverwaltung, Sozialeinrichtungen, einen Kindergarten und mehr. Typisch für Zentren der CČS ist auch die Einrichtung eines Kolumbariums, einer Urnenbegräbnisstätte, im Keller. Originell war hingegen, dass man das Ganze finanziell tragbar machte, indem es dort auch Mietwohnungen gab. Zu den prominenteren Bewohnern, die hier schon bald einzogen, gehörte der Dichter und Schriftsteller František Hrubín (der sich nach 1948 so gegen die Vereinnahmung von Schriftstellerei durch die Kommunisten wehrte, dass er Publikationsverbot erhielt). Das erklärt, warum das Gemeindehaus ohne den um ein Patriarchenkreuz ergänzten Kelch auch dem Dach (das Symbol aller reformerischen Kirchen im Lande) wohl eher wie ein bloßes Miets- oder Bürohaus aussähe.

Spätestens, wenn man sich dem Eingang nähert, verfliegt aber dieser Eindruck. Schon die weiten Eingangstüren sind mit dem roten Kelchsymbol der Hussiten geschmückt. Schon durch das Foyer sieht man die unglaublichen Lichteffekte des Gebetsraums, der das Kernstück des Ganzen bildet. Dessen Apsis wurde von dem Maler und Glaskünstler Čeněk Otakar Jandl mit Buntglasfenstern versehen. Das Halbrund beleuchtet den Altar mit dem großen Kreuz mit Christus, das ein noch nach Entwürfen des berühmten verstorbenen Bildhauers Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der berühmten Reisterstatue des Heiligen Wenzels auf dem Wenzelsplatz. Unter der Glasapsis befindet sich im Halbrund ein Relief des Bildhauers Ladislav Novák. Es stellt Szenen aus dem Leben von Karel Farský und der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche dar.

An den Seiten des Gebetsraums finden sich weitere Glasfenster von Jandl, diesmal aber nicht abstrakt gehaltene, sondern an jeder Seite je drei Portraits bedeutender historischer Persönlichkeiten des böhmischen Christentums und des Hussitentums. Das sind v.l.n.r. der Nationalheilige Wenzel, der Hussitenfeldherr Jan Žižka, der Frühreformer Jan Hus (auf dem Scheiterhaufen) auf der einen Seite, den (einzigen hussitischen) böhmischen König Jiří z Poděbrad, die Slawenapostel Kyrill und Method, der reformatorische Pädagoge Jan Amos Komenský (Comenius) auf der anderen. Dass ein Nicht-Heiliger und Kriegsherr wie Žižka hier auf einem Kirchenfenster abgebildet ist, unterstreicht, dass es bei der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche nicht nur um Religion, sondern vor allem auch um eine politische – also tschechisch-nationalistische – Angelegenheit ging. (DD)

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal II: Palast mit Automatenrestaurant

Alles ist zugenagelt. Das Gebäude zu betreten, um seine damals berühmte Innenarchitektur zu bewundern, ist unmöglich. Überall sieht man Verfall. Und der geht bereits an die Substanz. Wenn nicht bald etwas Einschneidendes passiert, könnte der Svět-Palast (Palác Svět) im Stadtteil Libeň (Prag 8) bald seine Zukunft hinter sich haben. Dabei handelt es sich um ein Kulturgut ersten Ranges. Denn kein Geringer als der Schriftsteller Bohumil Hrabal hat ihm ein literarisches Denkmal gesetzt.

Vielleicht hat man schon schönere Gebäude gesehen, was ja Geschmacksache ist. Vielleicht denkt mancher, es handle sich um ein brutalistisches Relikt des Kommunismus, was zu Recht meist negative Abwehrhaltungen hervorruft. Aber das ist nicht der Fall. Der Palác Svět war ursprünglich ein überaus interessantes funktionalistisches Experiment für eine neue städtische Wohnkultur und stammt aus den Zeiten der Ersten Republik. Zuvor stand hier ein barockes Landhaus, das Mitte des 19. Jahrhunderts vom damaligen Bürgermeister Libeňs (damals noch kein Teil von Prag!), Jan Svět, gekauft wurde. Einer seiner Nachfahren, Ladislav Svět, der als Investor zu Geld gekommen war, ließ es kurzer Hand abreißen und ließ in den Jahren 1932 bis 1934 durch den Bauunternehmer und Architekten František Havlena (wir berichteten auch hier) das heute hier am Elsnicovo náměstí 41/6 (Ecke Zenklova) zu sehende Gebäude errichten.

Das Konzept war neu. Der „Palast“ sollte Miets- und Wohnhaus, Ladenmeile, Kino und Kulturzentrum sein – alles integriert an einem Ort. Neueste Technik kam ins Spiel; nicht nur die im Funktionalismus ja meist übliche kühne Stahl- und Betonkonstruktion, sondern auch neue technische Maßnahmen gegen die Naturgewalten. Das Gebäude reichte mit seinen mehreren Kellern nämlich tief unter den Grundwasserspiegel des nahegelegenen Moldau-Nebenflusses Rokytka, weshalb es komplett in eine dicke Bleiwanne eingesetzt wurde. Hier wurden ingenieurstechnische Weltmaßstäbe gesetzt. Und um das Weltstädtische noch zu unterstreichen, erlaubte sich der Besitzer beim Namen auch ein Wortspiel, das natürlich nur im Tschechischen funktioniert. Das Wort „Svět“ ist nicht nur ein Name, sondern bedeutet auch so viel wie „Welt“. Vielleicht sollte „Palác Svět“ nicht nur Besitzverhältnisse markieren, sondern „Welt-Palast“ bedeuten. Deshalb erkor man auch eine tschechoslowakisch (heute tschechisch) beflaggte Weltkugel zum hoch über dem Eingangsbereich anmontierten Symbol des Gebäudes.

Da es sich eben nicht um billige kommunistische Plattenbauweise handelte, waren die Wohnungen hier durchaus beliebt. Die Konstruktion mit den beiden fünfstöckigen Flügeln, die im schrägen Winkel auf den zweistöckigen Eingangsbereich zulaufen, ist ja auch kühn gedacht und ebeidruckend. Und direkt neben dem hübschen Schloss von Libeň (Libeňský zámek) mit seinem schönen Park (wir berichten hier) gelegen, befand es sich ja auch in schönster Wohnlage. Kein Geringerer als der berühmte Schriftsteller Bohumil Hrabal wohnte lange Zeit in der Nähe. Etliche seiner Romane weisen daher Bezüge zum Palác Svět auf. Eine Kurzgeschichte von 1966 unter dem Titel Automat Svět beschreibt das ebenso genannte Büffetrestaurant im Palác Svět, in dem er tatsächlich oft und regelmäßig einkehrte. In der Geschichte geht es um einen Selbstmord während einer Hochzeitsfeier im Restaurant. Das Selbstmordthema ließ sich rückwirkend als „vorausschauend autobiographisch“ deuten, weil Hrabal tatsächlich wohl 1997 Selbstmord beging. Die Musikgruppe Jablkoň besang noch 1997 das im Gebäude befindliche berühmte Kino svět als ihren Sehnsuchtsort. So wunderbar es anscheinend die Musen inspirierte, so schlecht meinte es das Schicksal sonst mit dem Gebäude. Unter dem Nazi-Protektorat wurde die Familie Svět enteignet. Eine Versicherung kam nun hier unter. 1947 wurde das Gebäude restituiert, aber schon 1962 unter den Kommunisten abermals enteignet und der staatlichen Bezirkswohnungsverwaltung unterstellt. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 misslang die Privatisierung, weil das von Mietern des Gebäudes initiierte Projekt, das den Zuschlag bekam, nicht genug Kapital zur Sanierung des unter den Kommunisten arg heruntergekommen Bauwerks einsammeln konnte.

Seither hat der Staat es schon an etliche andere Investoren verkauft. Der heutige Besitzer, die Firma Crispino nemovitosti erwarb das Gebäude 1998 begann aber erst 2012 mit dem Wiederaufbau nachdem die Stadt ihm eine Strafe für Nichteinhaltung von Verträgen aufgebrummt hatte. Inzwischen hatten Risse in der Bleiwanne und das Hochwasser von 2002 dem Gebäude zugesetzt. Seit 2011 ist der Palast samt Kino geschlossen. Brisanz gewann die substanzzerstörende Vernachlässigung auch dadurch, dass das Gebäude 2003 unter Denkmalschutz gestellt wurde, was den Investor nicht davon abhielt, bei Baubeginn 2012 wertvolle Teile der Inneneinrichtung zu zerstören. Inzwischen sind die Bauarbeiten wieder weitgehend erlahmt. Einen anberaumten Treffen der Firma mit dem verantwortlichen Stadtrat blieb die Firma fern. Selbst über Abriss wird nun geredet. Möglicherweise hat sich der Investor finanziell verhoben (alleine die Reparatur oder der Neubau der Bleiwanne dürfte Unsummen verschlingen). Wie dem auch sei: Der Verfall geht weiter. Ein Trauerspiel. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Moderne Schuhe, modernes Gebäude

Dass man auf den ersten Blick denkt, das sei lediglich ein relativ kommunes Gebäude aus den 1970er oder 1980er Jahren, bestätigt nur, dass es sich um ein echtes Stück Avantgarde-Architektur handelt. Denn das große Schuhgeschäft von Baťa (Obchodní dům Baťa) wurde bereits in den Jahren 1928/29 erbaut.

Heute kommt es einem angesichts der nüchternen funktionalistischen Architektur etwas fehlplatziert vor, aber damals nannte man das Gebäude sogar liebevoll Baťův palác – auf Deutsch: Baťa Palast. Neben dem Autobauer Škoda dürfte die Schuhfirma Baťa wohl weltweit die bekannteste Industriemarke der Tschechoslowakei bzw. Tschechiens sein. Die 1894 von Tomáš Baťa in der mährischen Stadt Zlín (damals noch Österreich-Ungarn) gegründete Firma weitete 1909 das Geschäft international aus. Die Idee, die ausländischen Filialen autonom zu organisieren, half dem Großunternehmen, den Ersten Weltkrieg (in dem man durch Militärstiefel viel Geld verdiente) und auch die Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg zu überstehen.

Unter dem Kommunismus wurde Baťa sogar in Svit umbenannt, genau wie die Stadt Zlín nach dem Statthalter Stalins Klement Gottwald in Gottwaldov umgetauft wurde. Außerhalb der Tschechoslowakei existierte die Firma aber weiter und wurde unter ihrem Originalnamen von aus Kanada gesteuert. Sie war weiterhin als die Marke bekannt und beliebt, die zu den ersten gehörte, die erschwingliche Qualitätsschuhe für die Massen produziert, und blieb wohl deshalb ein international erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen, das aber in der Wahrnehmung vieler Kunden immer noch als tschechoslowakisches Produkt war.

Ein Teil des tschechechoslowakischen Besitzes wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 restituiert und seither gibt es auch wieder das Familienunternehmen Baťa mit Hauptsitz im heimischen Zlín – wenngleich nicht mehr als Produzent, sondern als Vertrieb. Insgesamt gibt es aber 40 Produktionsstätten der Firma in 26 Ländern (nur eben nicht Tschechien, das kein Billiglohnland mehr ist). Dazu gehören 4600 Läden und 30.000 Mitarbeiter – ein tschechischer Weltkonzern!

In seiner tschechoslowakischen Blütezeit zwischen den Weltkriegen sah sich die Firma als Motor des Fortschritts. Der schicke Schuh in Industrieproduktion war eine soziale Tat, die mit Henry Fords Popularisierung des Autos für die Massen vergleichbar war. Dazu führte der Betrieb viele soziale Leistungen ein und die Arbeitsplätze waren auch in der Zeit der Wirtschaftskrise 1929, in der die Firma sogar wuchs, sicher. Dazu passte auch, dass repräsentative Bauten der Firma, die man in den Zeiten der Ersten Republik errichtete, ultra-modern und fortschrittlich gestaltet sein mussten – eine Frage des Images! Das strikt funktionalistische Hauptgebäude in Zlín, das Baťa-Hochhaus, das von 1936 bis 1938 von dem Architekten Vladimír Karfík gebaut wurde, ist das Primärbeispiel. Dank der Sozialwerke, der Arbeiterwohnungen und vielem anderen gestaltete Bat’a am Ende Zlín zur „ersten amerikanischen Stadt“ im Lande um, wie man stolz verkündte.

Und genauso modern sollte auch die wichtigste Verkaufsfiliale in der Hauptstadt der jungen Republik sein. Am unteren Teil des Wenzelsplatzes (Václavské nám. 774/6), der seit der Jahrhundertwende einen ungeheueren Modernisierungsprozess durchlief, entstand schon in den Jahren 1928/29 das von dem Architekten Ludvík Kysela entworfene siebenstöckige Großkaufhaus für Schuhe – ein Gebäude, das es in dieser Art zuvor im ganzen Lande noch nicht gegeben hatte, ja man rühmte es als eines der fortschrittlichsten Kaufhäuser in ganz Europa überhaupt.

Für das neue Gebäude wurde ein dreistöckiges klassizistisches Haus aus den 1830er Jahren abgerissen, in dem sich zunächst ein bekanntes Café („Boulevard“) befand, dem 1919 für eine Weile eine Kosmetikfirma folgte – bis dann die Firma Bat’a das Grundstück kaufte.

Kysela war in 1920ern viel damit beschäftigt, den Prachtboulevards der Umgebung einen modernistischen Anstrich zu geben. Zu seinen anderen Werken hier gehört unter anderen das 1929 fertiggestellte Dětský dům (Kinderhaus; ursprünglich ein Versicherungsgebäude) in der nahen Na Příkopě 583/15. Und dann ist das das unmittelbare Nachbargebäude, das Warenhaus des Schweizer Chocolatiers Lindt (Obchodní dům Lindt), das er schon 1927 fertiggestellt hatte. Das Bat’a-Haus wurde der Fassadenstruktur das Lindt-Hauses intelligent angepasst, was sich vor allem an den beiden obersten Stockwerken zeigt, die fast terrassenförmig nach hinten zurückversetzt wurden. So entsteht eine gewissen bauliche Harmonie in Vielfalt.

Das lockert die schon so streng wirkende riesige Stahl- und Glasfläche des Gebäudes geschickt auf. Durch die durchlaufende Glasfassade sieht man nur freischwebende Deckenstrukturen – eine Bautechnik, die zuvor nicht umsetzbar gewesen wäre. Auch innen kam man mit vergleichsweise wenig Stützpfeilern aus, was die werbewirkasame Sicht auf die Verkaufsflächen begünstigte. Das Stahlskelett macht es möglich. Der Funkionalismus in Kyselas Zeiten verdankte seine Entstehung neben ästhetischen Erwägungen auch den neuen technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen. Drinnen war das Gebäude hypermodern eingerichtet, mit Rolltreppen und Aufzügen.

In den Zeiten des Kommunismus, als es Bat’a im Lande nicht mehr wirklich gab, erging es auch dem einst als Prunkstück des unteren Teils des Wenzelsplatzes gefeierten Bauwerks nicht gut. Im Erdgeschoss wurde 1978 auf der Seite zum Lindt-Haus ein Eingang der gerade eröffneten Metro Station Mustek durchgebrochen – und das, obwohl das Gebäude noch 1971 zum Baudenkmal erklärt worden war. Als der kommunistische Spuk vorbei war, begann man aber umgehend mit einer sorgfältigen Renovierung des nunmehr wieder dem Bat’a-Konzern gehörenden Gebäudes. Schon prangte wieder das originale 1920er-Jahre-Logo auf dem Dach und den Eingang (bzw. den Aufzug der Metro) verlegte man vor den „Palast“. So kann man heute wieder ein historisches Gebäude – links sieht man die Rückseite zum Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) – in fast originalem Zustand sehen, das überhaupt nicht „historisch“ aussieht, sondern so, als ob es ganz und gar neu sei. Das Bat’a Haus ist irgendwie jung geblieben. (DD)

Funktionalismus eingepasst

Die kleine moderne Skulptur am obersten Stockwerk weist auf den Namen des Gebäudes hin: Haus zur weißen Kugel (Dům u Bílé koule). Das zweistöckige Miets- und Wohnhaus in der Úvoz 228/5 ist eines von zwei Häusern an der Grenze zwischen Burgstadt (Hradčany) und Kleinseite (Malá Strana), die definitiv anders sind als alle anderen dort.

Beide Stadtteile sind fast vollständig erhaltene Altstädte, in denen kaum je ein Haus in einem Baustil nach dem Spätbarock zu finden ist. Haus 228/5 hat mit seinem unmittelbaren Nachbarn, Haus 229/3 eines gemeinsam: Es handelt sich um Beispiele eines strikt modernistischen Funktionalismus, wie er zu Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik aufkam. Sie sind allerdings in Sachen Dimension und Fassadenstruktur so an ihr historisches Umfeld eingepasst (nicht angepasst!) worden, dass vielen der vorbeigehenden Touristen kaum auffallen dürfte, was erst bei näherem Hinschauen völlig klar wird – nämlich, dass es sich hier um einen durchaus radikalen Bruch mit den architektonischen Traditionen handelt.

Erbaut wurde es von dem Architekten und Designer Rudolf Stockar (eigentlich Rudolf Stockar von Bernkopf) in den Jahren 1936/37. Der war schon zu Beginn des Jahrhunderts ein Avantgardist, der mit neuen Stilen experimentierte. Vor allem als Vertreter des Kubismus machte er sich einen Namen. Als langjähriger Präsident der 1908 gegründeten Künstlergenossenschaft Artěl förderte er diesen Stil – nicht nur in der Architektur, sondern als als Designer von Alltagsgegenständen (Kunstgewerbe). Als er das Haus zur Weißen Kugel entwarf, war der Kubismus bereits seit einiger Zeit aus der Mode. Entsprechend hatte sich Stockar in den 1930ern hin zum Funktionalismus entwickelt. Das Haus ist ein Beispiel dafür. Ohne den Funktionalismus preiszugeben, hat er mit der Teilung der Fassade in ein mit Kunststein verschaltes Erdgeschoss (was an eine barocke Rustizierung anspielen mag, wie sie vielleicht das zuvor hier stehende, gleichnamige Barockhaus gehabt haben mag) und den verputzten Oberbau das Haus in die Umgebung optisch eingefügt. Stark kontrastieren tut hingegen das aus Glasziegeln bestehen, sich über alle Stockwerke ziehende Fenster des zentralen Treppenhauses über dem Eingang.

Der rechte Flügel des Gebäudes ist etwas abgesetzt und lockert dadurch und durch einen Balkon die an sich gleichförmige Fassade auf. Stockars Haus ist sicherlich nicht das originellste Stück Funktionalismus in Prag, Aber es ist ein interessantes Experiment in Sachen Kombination von alt und neu, von Moderne und Tradition.

Die Fassade könnte vielleicht ein wenig gereinigt und überarbeitet werden. Dann käme es besser zur Geltung. Das ist ja bei dem ebenfalls funktionalistischen Nachbarhaus 229/3, das 1937/38 von dem Architekten František Šimáček erbaute Haus zum Weißen Pelikan (U bílého pelikána), über das wir bereits hier berichteten, schon der Fall. Úvoz 229/3. Wenn beide Häuser im gleichen Glanz erstrahlten, würde man die beiden Häuser eher als ein besonders Ensemble moderner Baukunst wahrnehmen. (DD)

Sokolovna mit ortsspezifischem Nationalismus

Sie machten immer etwas her, die Sportzentren des Sokol, Sokolovna genannt. So auch die Sokolovna im Stadtteil Žižkov (Prag 3) in der Koněvova 929/17, die man hier sieht. Denn hier ging es nicht nur um Sport.

Als im Jahre 1862 Miroslav Tyrš (man sieht ihn hier in Žižkov auf dem Stuckmedaillon im Bild unterhalb rechts) und Jindřich Fügner (Bild links) die Turnerbewegung Sokol (über die wir u.a. hier, hier und hier schon berichtet haben) ins Leben riefen, ging es ihnen nicht primär um persönliche Fitness. Die Bewegung sollte ein Teil des „nationalen Erwachens“ sein und dazu beitragen, dass die Tschechen im (österreichischen) Habsburgerreich mehr Selbstbestimmung und ihren verdienten Platz in der Geschichte bekamen.

Massenturnfeste, die man von nun an organisierte, waren immer auch politische Demonstrationen. Und Versammlungen waren immer auch politische Treffen und Ort für politische Organisation. Hier bildete sich die tschechische nationale Elite heraus. Aus den Reihen des Sokol kamen Personen wie der erste Präsident der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk, der Maler Josef Mánes oder der Schriftsteller Jan Neruda. Und viele, viele mehr.

Sokol in Žižkov wurde 1872 gegründet (da war der Ort noch Teil von Vinohrady). Zwei Jahre nachdem Žižkov 1881 zur eigenständigen zur Stadt erhoben worden war (zu Prag gehört es erst seit 1922), im März 1883, wurde ein Komitee zum Bau einer geeigneten Räumlichkeit für dier sportlichen Aktivitäten gebildet und mit einem kleinen Zuschuss vom Rat wurde von 1895 bis 1898 ein großes neues Gebäude errichtet, das dem Stil der böhmischen Renaissance nachempfunden war. Der Architekt, von dem die Pläne dazu stammten, war František Josef Hodek, dem wir u.a. die 1903 fertiggestellten neogotischen Türme der Peter-und-Paul-Basilika (Bazilika svatého Petra a Pavla) auf dem Vyšehrad verdanken.

Schon der Rückgriff auf einen alten böhmischen Stil verdeutlicht die Botschaft, die dann durch das Stuckwerk auf der Fassade noch einmal unterstrichen wird. Es geht um eine Manifestation des tschechischen Nationalismus. Weshalb dieser Sokol-Bau (wie die meisten dieser Zeit) auch bewusst so repräsentativ gestaltet ist. In der Mitte prangt groß ein Wappen mit dem Böhmischen Löwen, flnkiert von kleinen mährischen und schlesischen Adlern. Das war nicht unüblich bei Sokolovnas. Desgleichen gilt für die Portraits von Tyrš und Fügner. Die örtliche Sokolgruppe wuchs in der folgenden Zeit gewaltig an. 1913 sinnierte man schon über einen Erweiterungsbau, was aber der Erste Weltkrieg unterbrach. Nach dem Krieg kam die Erste Republik und der Sokol (jetzt eine staatstragende Organisation) wuchs weiter. 1919 wurde ein Grundstück direkt neben dem alten gekauft. 1920 wurde eine kleine Übungshalle und 1921 ein Übungsplatz dahinter angelegt. Aber das war am Ende nicht genug.

1928 wurde das Architekturbüro Krč–Novotný–Tomka aus Litomyšl mit Plänen für eine größere Sporthalle beauftragt, die links an das alte Gebäude angebaut werden sollte. 1930 genehmigte die Stadtverwaltung den Bau und in den Jahren 1932/33 hatte die Baufirma Hrůza-Rosenberg das Bauwerk vollendet. Hier gab es allerdings keine historisierende Neorenaissance mehr. In der Republik war man zwar national, aber zugleich progressiv-liberal. Man baute modern im Stil des Funktionalismus. So auch hier. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Das moderne Gebäude bietet einen denkbar großen stilistischen Kontrast zum alten, obwohl man geschickt versuchte, die Fassadenstruktur mit ihrem Risaliten mit ein wenig klassischer Formgebung zu versehen. Die skulpturale Ausstattung tut dazu ihr Übriges. An der östlichen Seite kann man zum Beispiel das riesige Relief Zdraví-síla-krása bewundern, einem Schlachtruf der Sokol: Gesundheit-Kraft-Schönheit. Es beweist, dass es vieles, was man dem sozialistischen Realismus zuschreibt, in Wirklichkkeit vorher schon gab. Ach ja, der Laden im Erdgeschoss war von Anfang an so geplant.

Zur Straßenseite befinden sich übe rden Fenstern des Risaliten noch vier schicke Reliefs, die allesamt Motive zeigen, die etwas mit einem Falken zu tun haben. Links ein Beispiel, wo man sogar den Falken dabei zusehen kann, wie er schützend seine Flügel vor den Böhmischen Löwen hält. Das fasste das Verhältnis des Sokol zur republik zusammen, als deren Schutzschild er sich verstand. Und Sokol ist übrigens das tschechsiche Wort für Falke. Und Sokolovna heißt eigentlich nichts anderes als Falknerei…

Eine kleinere Relief-Skulptur am Westteil des neuen Gebäudes, die man leicht übersehen kann, verdient aber noch Interesse. Es handelt sich um das spezielle Logo des Sokol von Žižkov. Man sieht hier erkennbar auf einem Wappen die Anfangsbuchstaben des Sokol „So“. Dazu sieht man einen Kelch und zwei primitive mittelalterliche Waffen (einen Dreschflegel und einen Morgenstern). Der Stadtteil Žižkov wurde nämlich von seinen sehr patriotischen Gründervätern im 19. Jahrhundert nach Jan Žižka benannt, dem Heerführer der Hussiten, der 1420 hier auf dem Vítkovberg nebenan seinen ersten großen Sieg errang, was ihn zum tschechischen Nationalhelden machte. Da Žižka ein Volksheer gegen die (meist deutschen) Ritter kommandierte, sind die Waffen daher romantisch primitiv dargestellt. Man sieht hier sozusagen die ortsspezifische Variante des Sokol-Nationalismus.

Und wie ging es weiter? In der Zeit der Naziherrschaft wurden Sokol-Mitglieder verfolgt. Während des Prager Aufstands (siehe auch hier, hier und hier) gegen die Nazis im Mai 1945 diente das Gebäude als Lazarett für die Aufständischen. Und auch im ab 1948 folgenden Kommunismus erging es dem Sokol kaum besser. Sokol – das stand für die bürgerliche Demokratie, die man als Kommunist bekämpfte. Ab 1952 wurde er mit dem kommunistischen Einheitssport mehr oder minder zwangsfusioniert. Die Ortsgruppe in Žižkov hieß eine zeitlang u.a. TJ Spartak Žižkov Tesla. Aber das ist ja gottlob seit 1989 vorbei. Seither nutzt der Sokol wieder den Komplex mit den beiden so unterschiedlichen Gebäudeteilen. (DD)

Festschmaus für Funktionalismus-Liebhaber

Der Ortsteil Střešovice in Prag 6 erfuhr in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine ungeheure Bevölkerungszunahme. Damit wuchs auch die vorher kaum existente evangelische Minderheit, für die es dort aber keine eigene Kirche gab. Die im Jahr 1932 gegründete örtliche Gemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) war deshalb zunächst gezwungen, für Gottesdienste und Bibelstunden Schulräume anzumieten.

Die Gemeinde beschloss bald darauf, ein geeignetes Grundstück zu erwerben, um eine eigene Kirche zu erbauen. Die neue Evangelische Kirche (Evangelický kostel) wurde in den Jahren 1937 bis 1939 geplant und gebaut. Entworfen wurde das Gotteshaus von dem Architekten Bohumír Kozák, dem wir unter anderem auch das Hus Haus (Husův dům) in der Neustadt verdanken, über das wir hier berichteten. Kozák, ein Pfarrerssohn aus einer alten strengläubigen Familie, war selbst Mitglied der Gemeinde in Střešovice. Der eigentliche Bau wurde 1938 begonnen und am 18. Mai 1939 wurde die Kirche feierlich eingeweiht.

Wie die meisten nicht-katholischen Kirchen der Zeit in der Ersten Republik legte man schon bei der Architektur wert darauf, modern und republikanisch zu erscheinen. Deshalb war ein strenger Funktionalismus angesagt. Aber natürlich verzichtete Kozák nicht auf historische Anspielungen. Die Form des Schiffes soll an eine Scheune erinnern, was auf die Toleranzkirchen anspielt, die ab 1781 unter Kaiser Joseph II. entstanden, der den seit 1620 unterdrückten Protestanten die Möglichkeit wieder gab, Gotteshäuser zu errichten – allerdings mit der Einschränkung, dass sie äußerlich nicht als solche zu erkennen waren (wir brachten ein Beispiel hier).

Zugleich sollte das Schiff zusammen mit dem Glockenturm an eine frühchristliche Basilika erinnern. Über der oberen Laterne mit seinen Glasziegeln befindet sich das in eine Sonne gerahmte Symbol des Laienkelchs, der Kennzeichen fast aller hussitischen und evangelischen Kirchen ist.

Wie ebenfalls in dieser Zeit bei evangelischen Kirchen üblich, kombiniert die Evangelische Gemeindekirche das Gotteshaus mit der Funktion als Pfarrhaus und sozial-kulturelles Zentrum, wofür es einen Annex gibt (was man im großen Bild oben erkennen kann). Das entspricht dem von der Kirche der Böhmischen Brüder hochgehaltenen frühchristlichen Gemeindeideal.

Das Gebäude wurde noch einmal in den Jahren 1946 bis 1947 ein wenig erweitert – ebenfalls nach den Plänen Kozáks. Erst 1955 wurde eine Orgel in den Kirchensaal eingebaut. Über dem Haupteingang stehen übrigen die großen Lettern die Worte „Hledejte Hospodina“, was soviel wie „Suchet den Herrn“ (Zitat aus der Bibel, Jesaja 55,6: „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.“) bedeutet.

Interessant ist auch die Adresse, nämlich der Platz vor den Batterien (náměstí Před bateriemi 950/22). Hier in der Umgebung standen nämlich die Artillerie-Batterien der preußischen Armeen während der Belagerung Prags (1757) durch die Preußen im Siebenjährigen Krieg. Das Areal war bis zur Zwischenkriegszeit nicht besiedelt und wurde ungefähr zur Zeit der Entstehung der Kirche bebaut. Deshalb ist der Platz wie aus einem Guß gestaltet (wie die beiden kleinen Bilder oberhalb zeigen) und wirkt geradezu wie ein Festschmaus für Funktionalismus-Liebhaber. (DD)

Architektenvilla

Als sie gebaut wurde, stand sie inmitten von unberührter Landschaft mit einem wunderschönen Blick über die Stadt Prag. Ganz so sieht es heute im Umfeld der Villa Rothmayer (Rothmayerova vila) nicht mehr aus. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um ein architektonisches Meisterwerk des Prager Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt.

Die kleine Villa, die der Architekt Otto Rothmayer in der U páté baterie 896/50 im Stadtteil Břevnov (Prag 6) für sich selbst und seine Frau baute, ist heute von drei Seiten von moderneren Gebäuden – darunter ein großes Krankenhaus – umbaut. Immerhin gibt es noch den Garten und das Umfeld zur Talseite ist schön begrünt. Man kann also noch erraten, warum Rothmayer hier wohnen wollte.

Rothmayer war ein Schüler von Josip Plečnik (siehe auch hier), der als Lieblingsarchitekt von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und moderner Gestalter des Präsidententraktes auf der Burg in die Geschichte einging. Wie sein Lehrmeister wollte auch Rothmayer eine Architektur schaffen, die dem Modernisierungsanspruch der Ersten Republik entsprach. Und das galt auch für sein eigenes Haus. Dafür schwebte ihm eine auf Wohnlichkeit bedachte funktionalistische Konstruktion vor, die ästhetisch aber an traditionelle mediterrane Baukunst anknüpfte. Der zylindrische Turm (mit eine Wendeltreppe innen) und die Gartenveranda sind der sichtbare Ausdruck dieser Verbindung von Modernem und Traditionellen.

Das Haus überlebte die Zeiten von Krieg und Kommunismus einigermaßen intakt, weil es immer von Nachfahren Rothmayers als Einfamilienhaus genutzt wurde, die sich bewusst waren, dass es sich bei dem Bauwerk um ein erhaltenswertes Kulturdenkmal handelte. 1981 erklärte der Staat es auch offiziell zu einem ebensolchen. Große Teile der Inneneinrichtung und vor allem der Garten (links) blieben somit auch erhalten. 1992 – der Kommunismus war passé – wurde es sogar als besonders geschütztes Denkmal eingetragen. 2008 zogen die letzten Privatnutzer aus und die Stadt nutzte die Gelegenheit zum Kauf. Mit den Nachfahren vereinbarte die Stadt eine umfassende Renovierung und die Eröffnung als Museum. Als Teil des Museums der Hauptstadt Prag (Muzeum Hlavního Mesta Prahy) – wir berichteten – kann man es seit 2015 nun ab und an in Führungen besuchen.

Das ermöglicht die Besichtigung des auf den Stil des Hauses abgestimmten Interieurs und des modernen Gartens (mit Pool). Für die geschmackvolle Gestaltung, die mit Sammlerstücken aus dem ganz Land – etwa die im rechten Bild gezeigte kleine Madonnenstatue im Vordergarten im passend modernen Stil – angereichert ist, zeichnete sich auch Rothmayers Frau, die Künstlerin und Textildesignerin Božena Horneková-Rothmayerová verantwortlich. Prag ist eben mehr als nur die Altstadt, sondern auch ein Mekka für die Moderne, wie dieses sehenswerte Stück Architektur zeigt. (DD)

Kinderhaus – dem Namen nach

Es war ursprünglich nicht als Spielzeugladen konzipiert und inzwischen ist auch keiner mehr drinnen. Trotzdem hat sich der Name Dětský dům (Kinderhaus) irgendwie gehalten. Daran, dass es sich um eines der bedeutenden Bauwerke des Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt, ändert das aber sowieso nichts.

Nahe des Wenzelsplatzes in der schicken Einkaufstraße Na Příkopě 583/15 steht das in den Jahren 1925 bis 1929 von dem renommierten Architekten Ludvík Kysela erbaute fünfstöckige Haus – eines von mehreren Projekten, die der Architekt in der näheren Umgebung realisierte (wie z.B. das Baťa-Haus am Wenzelsplatz). Besonders dem Erdgeschoss und dem ersten Stock sieht man an, wie sehr Kysela damals modernen amerikanischen Beispielen nacheiferte, die man zuvor nur von New York kannte.

Ursprünglich hieß das Gebäude Palác vzájemné pojišťovny Praha (Palast des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit). So eine Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ( vzájemná pojišťovna) ist eine Art genossenschaftliches Unternehmen, bei dem die investierenden Inhaber zugleich Versicherungsnehmer sind. Neben dem Versicherungsverein, der dem Haus bzw. Palast, wie man ihn „bescheiden“ nannte, den Namen gab, residierten hier noch einige andere Geschäfte und ein Café. Es gliederte sich dadurch ums besser in die umgebende Einkaufsmeile ein.

Die modernen Schiebefenster, die abgerundeten Scheiben an den Ecken und Eingängen (eine technische Neuerung!) und die metallisch gleißenden Geländer und Verkleidungen strahlten ein in Prag zuvor so kaum je gesehene Modernität aus. 1950 zog der Versicherungsverein aus und ein großes Kinderspielwarenhaus ein. Damit änderte sich der Namen in „Kinderhaus“.

Gleichzeitig gab es vor allem im Inneren etliche Umbauten zur Anpassung an den neuen Zweck, die stilistisch passend und einfühlsam durch den Architekten František Cubr ausgeführt wurden, der später durch das von ihm entworfene Tschechoslowakische Pavillon bei der Weltausstellung (Expo) in Brüssel 1958 Berühmtheit erlangen sollte. Das Kaufhaus wurde im Mai 1950 eröffnet.

Nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 geriet das Geschäft in eine wirtschaftliche Schieflage. Nach 2000 stand das Haus sogar eine Weile leer. Seit einiger Zeit ist es in Besitz eines Schweizer Immobilieninvestors, der es anscheinendend recht gut in Schuss hält. Im Erdgschoss befinden sich einige Modegeschäfte, in den Stockwerken darüber zahlreiche Kanzleien und Büros. Und kein Spielwarengeschäft für Kinder… Aber den Namen hat man dennoch nicht wieder geändert, weil er sich inzwischen einfach zu sehr eingebürgert hat. (DD)

Kein 50-Pfennig-Stück, aber viel Funktionalismus

Die Dame, die da im Felde die Ähren absichelt, erinnert ein wenig an die 50-Pfennig-Münze aus der Zeit der guten alten D-Mark. Damit hat sie aber nichts zu tun. Wir sind hier nämlich im Prager Stadtteil Karlín in der Sokolovská 371/1 und nicht bei der Münze der Deutschen Bundesbank in Weiden.

Das Relief befindet sich neben dem Eingang eines Gebäudes, das ästhetisch in grobem Kontrast zu der biederen Konventionalität der Darstellung steht. Bei dem Gebäude handelt es um den palác Atlas (Atlas Palast), der in den Jahren 1939 bis 1942 von den Architekten František Stalmach und Jan Hanuš Svoboda. Die Ausführung fiel in die Zeit der Nazibesetzung und lange hätten die beiden nicht mehr Gebäude in einem derartig avantgardistisch funktionalistischen Stil bauen können. Als sich nach der Vertreibung der Nazis die Lage nicht verbesserte, weil die Kommunisten 1948 die nächste Runde Totalitarismus (mit der damit verbundenen Kulturöde) eröffneten, verließen übrigens beide Architekten das Land. Svoboda ging 1948 in die USA, wo er 1978 starb, Stalmach nach Kanada, wo 1985 sein Leben endete.

Das Relief der Landarbeiterin, zu dem sich auf der anderen Seite der Tür ein behelmter Industriearbeiter hinzugesellt, könnte auf dem ersten Blick unpassend wirken und eher in die Zeiten des Kommunismus gehören. Aber das künstlerische Lob des Wertes der Arbeit war auch während der Ersten Republik (1918-38) en vogue – allerdings im Kontext demokratisch-republikanischer Werte und bezeichnenderweise oft im Verbund mit funktionalistischer Architektur, die unter Hitler und dem Stalinismus verpönt war. Ein Beispiel stellten wir hier vor.

Diese beiden Reliefs mit Arbeiter ind Landarbeiterin waren das Werk von Václav Markup, einem Schüler der beiden großen Meisterbildhauer Josef Mařatka und Bohumil Kafka, dem wir u.a. das große Reiterdenkmal auf dem Vítkovberg verdanken. Es ging hier auch nicht um Klassenkampf, sondern um die Tugend des Arbeitsfleißes. Denn das Gebäude wurde für die Česká spořitelna (Tschechische Sparkasse) als Filiale gebaut, was sie übrigens immer noch ist. Im Erdgeschoss befand und befindet sich noch immer ein großes Kino.

Die Sparkasse renovierte das oft „Dampfer“ genannte Gebäude in den 1990er Jahren grundlegend. Elegant geschwungene Glaselemente wurden dabei begradigt und viel Blechverkleidung angebracht. Das ganze habe „Eleganz der Fassade sicherlich nicht begünstigt“, meinte der Architekturkritiker Zdeněk Lukeš später. Der Eingang selbst (mit dem böhmischen Löwen darüber) wirkt noch einigermaßen authentisch und kontrastiert daher auch weniger scharf mit den Reliefs., als es nun der Rest des etwas unsensibel renovierten Gebäudes tut, das eigentlich zu den Meisterwerken des tschechischen Spätfunktionalismus gehört. (DD)