Wuchtiger Kubismus

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Von der Tschechischen Legion war in diesem Blog ja schon öfters die Rede, etwa hier, hier und hier. Jenen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg nicht dem Kaiser dienten, sondern auf alliierter Seite autonome Truppen gründeten, die nicht zuletzt für eine unabhängige Tschechoslowakei kämpften, verdankt Prag eines der interessantesten Beispiele kubistischer Architektur überhaupt.

Die Legionäre, die zum Teil erst 1920 aus dem Krieg zurückkehrten, brauchten irgendeine Form von finanzieller Absicherung. Dafür schuf man eine eigene Bank, die Bank der Tschechoslowakischen Legion, kurz Legio Bank genannt. Gegründet wurde sie bereits während des Krieges in Russland, um mit eigenem Geld den Sold der Legionäre zu bezahlen. Gerüchte besagen, dass die Legionäre dabei das Zarengold, das sie ursprünglich retten sollten, als Einlage verwendet hatten. Wie dem auch sei, die Bank wurde 1919 eine offizielle Körperschaft in der jungen ČSR. Nur Legionäre konnten Aktionäre werden, was am Ende dazu führte, dass die Bank wenig IMG_6815Dynamik entwickelte. 1948 wurde sie von den Kommunisten (denen die Legionäre wegen ihres Kampfes gegen die Bolschwisten nach 1917 sowieso ein Dorn im Auge waren) verstaatlicht.

Geblieben ist von der Bank also nur noch das Gebäude in der Na poříčí 24 in Prag 1. Das hat es aber in sich! Gebaut wurde es 1921 bis 1923 von Josef Gočár, der in diesem Blog ebenfalls schon mehrfach (etwa hier und hier) auftauchte.

Schon die wuchtige Fassadenstruktur, die mit vielen runden Formen und ebenso wuchtigen Säulen eine archaische Aura verströmt, verleihen dem Gebäude  einen ungewöhnlichen Eindruck. Es handelt sich dabei um eine besondere tschechische Spielart des Kubismus, die an nationale und slawische Volkstraditionen erinnern sollte. Rondokubismus  nennt man diese Kunstrichtung.

Wirkliche Dramatik gewinnt das Gebäude noch zusätzlich durch die Skulpturen auf der Fassade, die von den Bildhauern Otto Gutfreund und Jan Štursa gestaltet wurden. Da IMG_6805sieht man über den Kapitellen vier große Figurengruppen, die die Kämpfe der Legionen an den jeweiligen Kriegsschauplätzen in Italien (großes Bild oben), Russland oder an der Westfront symbolisieren sollen. Auf den ersten Blick ein wenig wie sozialistischer Realismus wirkend, sind die Figuren auf den zweiten Blick mehr als nur idealisierte Heldtypen. Die Grauen des Krieges sind den Soldaten ins Gesicht geschrieben – besonders eindrücklich bei der Darstellung des Legionärs an der Westfront (Schlacht von Terron, 1918), der mit der Hand seinen Kopf schützen will, während neben ihm ein anderer Legionär mit Gasmaske auf den nächsten Angriff wartet.

Heute befindet sich im Gebäude keine große Bank mehr, sondern ein Café und zahlreiche Büros. Im Erdgeschoss kann man sich trotzdem mühelos einen Eindruck vom Inneren machen. Die Formelemente, die man hier vorrangig sieht, sind nicht so klobig IMG_6807und wuchtig wie bei der an den Weltkrieg erinnernde Fassade. Hier scheint der zivile Nutzen der Institution in Friedenszeiten die ästhetische Linie inspiriert zu haben. Der Kubismus hier ist wesentlich verspielter.

Man sieht das zum Beispiel recht deutlich an der schmiedeeisernen Vergitterung des Aufzugsschachtes, die bunt und schnörkelig (aber immer noch strikt kubistisch) daherkommt. Es gibt wenige Orte auf der Welt, wo man Kubismus in einem solchen Formenreichtum studieren kann wie hier bei der Legio Bank in Prag. (DD)

 

Siegreiche Söhne

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Sie ist die einzige Frau auf dem Denkmal. Die Dame, die da gerade die Flagge aufrichtet, soll die Stadt Prag verkörpern. „Von Prag an seine siegreichen Söhne“, lautet das Motto des Denkmals. Es ist das größte und IMG_6368das offiziöseste Monument, das der Tschechischen Legion in Prag oder vielleicht sogar in ganz Tschechien errichtet wurde. Es steht unterhalb des Emmausklosters nahe des Palacký-Platzes (siehe diesen früheren Beitrag  hier).

Über die Legion wurde ja an dieser Stelle mehrfach berichtet (unter anderem hier). Eigentlich war ein Tscheche bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs Untertan des Habsburgerreichs und musste seinen Militärdienst für den Kaiser zu leisten. Diejenigen, die von einem unabhängigen Staat träumten, formierten sich auf Seiten der Alliierten als quasi-IMG_6347autonome Legionen im Dienste Frankreichs, Italiens oder Russlands. Die Legion wurde somit eine tragende Säule des Kampfes um die unabhängige Erste Republik der Tschechoslowakei. Überall in Prag findet man Orte, die an sie erinnern.

Das Monument wurde 1932 vom Bildhauer Josef Mařatka errichtet. Ein wenig erinnert der Stil an den sozialistischen Realismus, wie er in dieser Zeit in der Sowjetunion vorherrschte. Davon soll man sich nicht täuschen lassen. Die Legion kämpfte in Russland nach 1917 verbissen gegen die Bolschewisten.

Die Nazis hatten während der Okkupation nach 1938 natürlich keinerlei Verständnis für dieses kraftvolle Statement tschechoslowakischen Nationalbewusstseins und Widerstandsgeistes und ließen es IMG_6346niederreißen. Was wir da heute sehen, ist eine exakte Rekonstruktion, die 1998 aufgestellt wurde.

Auf dem Denkmal sind die wichtigsten siegreichen Schlachten der Legion im Weltkrieg verewigt – insbesondere die Schlacht bei Vouziers und Terron 1918, wo die Legion einen entscheidenden Sieg gegen die deutsche Armee davontrug. Um den Obelisk stehen sieben Legionäre. Sie tragen jeweils Uniformen der Länder, in denen sie dienten. Man sieht den französischen Adrian-Stahlhelm (z.B im großen Bild oben), den italienischen „Trenker-Hut“ (kleines Bild links im Vordergrund) und die typisch russische Fellmütze (kleines Bild unten rechts). So liefert das Denkmal dem Betrachter zugleich eine kleine Geschichtslektion und ein Stück Uniformenkunde. (DD)

Familien-Happening beim Armeemuseum

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Nachtrag: Ab 2017 ist das Museum wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Die Wiedereröffnung soll 2020 erfolgen.

Vor etwas über einer Woche, genauer: am 10. Juni, war hier in Prag die Nacht der Museen. Alle Museen der Stadt konnte man bis 1 Uhr morgens besuchen, und zwar ohne Eintrittszahlung, dafür aber mit vielen interessanten IMG_6312Show- und Bildungsveranstaltungen. Für mich war es die Gelegenheit, endlich einmal das Armeemuseum (Armádní muzeum) in Žižkov näher zu betrachten. Das war schon zu Beginn um 19 Uhr viel los.

Die tschechische Armee hat den Tag genutzt, für sich vor Ort Werbung zu machen. In Deutschland gäbe es da fürchterliches Geschrei, aber hier dürfen Kinder mit echten Maschinenpistolen (ungeladen) Zielübungen machen, mit Luftgewehren (geladen) Wettschießen mitmachen, auf Panzer klettern, allerlei Utensilien (z.B. aufgerollte Fallschirme) anschauen, IMG_6327Werbebroschüren und Spielsachen abholen und …. – naja, die Kids haben Spaß daran! Zudem haben (großes Bild) anscheinend einige Hobbymilitärvereine alte amerikanische Panzer und Jeeps aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs (wofür die Tschechen ein Faible haben, wohl weil sie 1945 lieber von der US-Army als von der Roten Armee befreit worden wären) renoviert und angekarrt. Auf denen dürfen die Kinder sogar ein wenig mitfahren. Entsprechend ist die Museumsnacht hier ein ganz besonderes Familienhappening!

IMG_6318Und das Museum selbst? Der Bau stammt aus den späten 20er Jahren. Unterstützt wurde er von ehemaligen Legionären (siehe diesen früheren Beitrag), die im Ersten Weltkrieg mit den Allierten gegen Habsburg und für die Unabhängigkeit kämpften. Ihre Sachspenden vom Orden über Uniform zur Pistole legten den Grundstock zu Sammlung. Das Bild rechts zeigt v.l.n.r. tschechische Legionäre in französischen, italienischen und russischen Uniformen. Ich finde besonders die italienischen Trenker-Hütchen putzig.

IMG_6315Die Sammlung widmet sich heute der Zeit des Ersten Weltkrieg, der Gründung der Armee der Tschechoslowakischen Republik, der Zeit des Kampfes gegen die Nazibesetzer und den Anfängen des Widerstands gegen den Kommunismus.

Besonders gut didaktisch aufgemacht ist der Teil zum Ersten Weltkrieg. IMG_6314Er wird aus der Perspektive einzelner ausgesuchter tschechischer Soldaten dargestellt. Tschechen standen ja vor der Wahl, ob sie weiterhin ihrem Kaiser treu dienen sollten, oder ob sie einer der Legionen anschließen sollten, die die gegnerischen Alliierten mit dem Versprechen der Unabhängigkeit für sie aufgestellt hatten. Es ist schön, dass die Entscheidungen und die Opferbereitschaft hier fair und balanciert bewertet werden.

Viele der Stücke, die dieses Museum zeigt (etwa dieses Militärmotorrad aus dem Jahre 1926) verdienen es, dass man sie sich vielleicht einmal anschaut, wenn weniger Rummel ist als am Museumstag. Die Gelegenheit wird sich sicher ergeben. (DD)

Dem Legionär ist nichts zu schwär

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Ein wenig wie der brave Soldat Švejk sieht er aus mit seinem etwas verschmitzten Blick und dem schräg aufgesetzten Barett. Der war ja Hundehändler. Auf den ersten Blick denkt man bei dem Tier an der Leine auch an einen Hund – bis einem die dafür doch zu üppige Mähne auffällt.

Der Soldat, der hier in wohlmeinender, aber doch nicht unmittelbar einleuchtender Symbolik dargestellt einen (böhmischen) Löwen Gassi führt, ist ein Tschechischer Legionär. Die Legion ist ein Teil der Gründungslegende der Ersten Republik. Dieser legendäre Legionär wurde 1922 samt Löwen von dem Bildhauer Antonín Hloušek auf den Sockel gestellt.

img_3536Als der Erste Weltkrieg begann, mussten die wehrpflichtigen Tschechen in der k.u.k.-Armee dienen. Das taten sie teilweise mit Widerwillen. Zu stark verbreitet war bereits der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung. Die Alliierten nutzten diese Schwäche aus. Aus Deserteuren und Kriegsgefangenen formierten sie die sogenannte „Tschechische Legion“, die nunmehr gegen die Mittelmächte, d.h. auch gegen das Österreich-Ungarn, dessen Untertanen sie eigentlich waren, kämpften. Einige der Legionen kämpften als autonome Einheiten unter französischem, andere unter italienischem Kommando. Als Legionäre 1919 für die neue Tschechoslowakei den Ungarn große Teile  der Slowakei entrissen, standen sie zum Beispiel noch nominell unter italienischem Kommando.

Die wichtigste Rolle spielte jedoch die Tschechische Legion in Russland. 1917 übernahmen die Bolschewisten die Macht, die dann 1918 mit den Mittelmächten Frieden machten. In der Folge machten sich die Legionäre „selbständig“.

img_3543Sie kämpften nun für die tschechoslowakische Exilregierung gegen die Bolschewisten (um Russland wieder zum Kriegseintritt zu bringen). Trotz großer militärischer Erfolge seitens der Legion gelang das nicht. Am Ende kämpften sich die Legionäre auf gekaperten gepanzerten Zügen über den Ural bis nach Wladiwostok durch, wo alliierte Schiffe auf sie warteten. Die ursprüngliche Idee war, dass sie nun an der Westfront dienen sollten. Dazu kam es nicht, denn erst im September 1920 waren die letzten von ihnen evakuiert.

Dieser Einsatz lieferte der tschechoslowakischen Regierung einen Status unter den Alliierten, der es ihnen leicht machte, später ihre territorialen Ansprüche durchzusetzen und die nun errungene Unabhängigkeit diplomatisch abzusichern. Zudem war die Legion so etwas wie die erste souveräne Institution des Staates – bevor dieser überhaupt real existierte. Daraus leitet sich bis heute ihr Mythos ab.

most-legiiDie Legion wird nicht nur mit Denkmälern gefeiert. Auch eine der großen Brücken über die Moldau, die Brücke der Legionen (most legii), ist nach ihr benannt (kleines Bild rechts, Brücke im Vordergrund).

Zurück zu unserem Löwenbändiger unter den Legionären: Er steht als Denkmal vor der Kirche im Ortsteil Kunratice (siehe diesen früheren Beitrag). Sein Barett deutet darauf hin, dass dieser Legionär möglicherweise an der französischen Westfront kämpfte. Seit dem August 1922 steht er dort eben in recht švejkscher, das heißt nicht sonderlich martialischer Pose, bewaffnet nur mit einer Krücke und einem zahmen Löwen, dafür aber ohne Gewehr. Irgendwie sympathisch, der kleine Nationalheld. (DD)

Held für alle Fälle

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Unter den drei großen Gründern der Tschechoslowakei 1918 (die anderen waren Masaryk und Beneš)  war er der einzige Slowake. Das hat seinem Nachruhm in Tschechien keinen Abbruch getan. Milan Rastislav Štefánik (1880-1919) hatte das Zeug zum Volkshelden. Schon als Student schloss er sich einer liberalen slowakischen Nationalbewegung an, wanderte 1912 nach Frankreich aus und kämpfte unter der Trikolore im Ersten Weltkrieg.

Als Mitglied des neuen tschechoslowakischen Nationalausschusses sorgte der talentierte Diplomat unter den Alliierten mit dafür, dass die Tschechoslowakei ihre künftige Unabhängigkeit nach der Niederlage Österreich-Ungarns erhalten und bewahren konnte. Militärisch organisierte er als General in Frankreich die Tschechische Legion, die auf Seiten der Alliierten an allen Fronten kämpfte. Bald war er der Verteidigungsminister der Exilregierung.

Sein Tod 1919 ist von vielen Legenden umgeben. Der begeisterte Pilot fand nahe Bratislava den Fliegertod. Es tobte zu dieser Zeit der Krieg zwischen den Nachfolgestaaten des k.u.k.-Reichs, Ungarn und der Tschechoslowakei, um die Zugehörigkeit der slowakischen Gebiete, die zuvor ungarisch waren. Gerüchte kursieren, dass er von ungarischen Truppen abgeschossen wurde, oder dass die eigenen Truppen ihn vom Himmel holten, weil sie das Hoheitszeichen des italienischen Militärflugzeugs, das er flog, mit dem des Kriegsgegners Ungarn (beide rot-weiß-grün) verwechselten. Oder war er gar Opfer einer regierungsinternen Verschwörung? Heute ist man sich weitgehend sicher, dass er wohl Opfer einer technischen Panne wurde. Indes, das Weiterbestehen der Gerüchte hat den geradezu mythischen Nachruhm Stéfaniks noch weiter vertieft.

Großer Politiker und Fliegerheld – als ob das nicht schon genug gewesen wäre. Aber das Bild bliebe unvollständig, wenn man zu erwähnen vergäße, dass er auch noch ein berühmter Astronom war, der am Pariser Observatorium studierte, zahlreiche Beobachtungsexpeditionen in die südliche Hemisphäre unternahm, Forschungspreise gewann und Mitglied der britischen Royal Astronomical Society wurde.

Deshalb steht das kleine Denkmal (großes Bild oben) des Politikers in der Pilotenkluft auch vor dem 1930 fertiggestellten und nach ihm benannten Stéfanik-Observatorium auf dem Petřinberg. Das Denkmal ist ein Werk des Bildhauers Bohumil Kafka, dem die Stadt u.a. das große Reiterdenkmal des hussitischen Heerführers Jan Žižka verdankt. Das Denkmal wurde 1938 geschaffen und in Bratislava aufgestellt. Hitler ließ es 1940 abbauen und die Kommunisten um 1970 einschmelzen. Was jetzt hier steht, ist eine exakte Kopie, die 1994 in Gegenwart des tschechischen Staatspräsidenten eingeweiht wurde. Die Tatsache, dass es eine Kopie ist, tut der Zuneigung der Menschen zu Stéfanik keinen Abbruch, denn Menschen legen ihm hier immer noch Blumen zu Füßen. (DD)

Friedenstag am Friedensplatz?

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Gestern feierte Tschechien den Veteranentag. Am einem Platz in unserer Nachbarschaft standen schon morgens allerlei Militärfahrzeuge und Kriegsgeräte auf denen begeisterte Kinder spielten. Auf einer Bühne pries ein Offizier vor versammelten Schulklassen (kleines Bild) die Karrieremöglichkeiten in der Armee an. Stände informierten über die verschiedenen Waffengattungen. Auch Soldaten in den historischen Uniformen der Tschechischen Legion aus dem Ersten Weltkrieg traten auf.

veteranen-kidsKeine Fragen: Die Tschechen gehen unverkrampft mit ihrer Armee um. Sie wissen, dass ihre Republik und ihre Freiheit verteidigenswert sind. In Deutschland ist das anders. Alleine die Idee, dass Schulklassen über die Bundeswehr informiert werden sollen, ruft vielerorts heftige Proteste hervor.

Die Ironie des Ganzen: Der Platz, auf dem das Ganze stattfand, ist der Friedensplatz (náměsti míru). Die Panzerwagen standen schön aufgereiht vor der prachtvollen Fassade der neogotischen Kirche der Heiligen Ludmilla (siehe großes Bild).

Man versuche sich nur einmal ganz kurz vorzustellen, was man in Deutschland zu hören bekäme, wenn etwa die Bundeswehr solcher Art vor einer evangelischen Kirche eine solche waffenstarrende Werbeveranstaltung machen wollte. Und dann noch auf einem Friedensplatz! Kaum vorstellbar … (DD)