Reportage unter dem Galgen

Einen Mangel an Denkmälern und Gedenktafeln für ihn gibt es in Prag wohl nicht: Julius Fučík. Diese Tafel mit einem Reliefportrait befindet sich in der Bulharská 587/3 im Stadtteil Vršovice (Prag 10) und ist nur ein Beispiel von vielen.

Der gleichnamige Neffe des politisch wohl unbedenklicheren Komponisten Julius Fučík (dem wir den berühmten Einzug der Gladiatoren verdanken) hatte sich schon als Jugendlicher literarisch und politisch zugleich engagiert. 1921 gehörte er zu den Gründern der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, die sich gerade von den Sozialdemokraten abgespalten hatte. Mit der Partei blieb er seitdem immer im Reinen. Selbst als 1929 Klement Gottwald als neuer Anführer die Partei im Auftrag Stalin gleichschaltete, und andere kommunistische Schriftsteller, wie etwa Vladislav Vančura, mit ihrem Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltung protestierten, blieb er linientreu. 1930 – zur Zeit des größten stalinistischen Terrors – schrieb er eine Reiseschilderung in die Sowjetunion unter dem Titel V zemi, kde zítra již znamená včera (Eine Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist), die die Verhältnisse dort propagandistisch verherrlichte und dabei natürlich völlig verharmloste.

Aber er hatte auch Mut und literarisches Geschick als Literaturkritiker und Autor von Reportagen. Als 1939 die Nazis einmarschierten ging er in den Widerstand, wurde Mitglied des Untergrundzentralkomittees der Partei und gab illegale Zeitungen heraus. Ständig wechselte er den Wohnsitz, um nicht gefasst zu werden. Die Inschrift auf der Gedenktafel in der Bulharská lautet: „Hier versteckte er sich und arbeitete in den Jahren 1940-1941 illegal. Julius Fučík“. Sie wurde 1961 von dem Bildhauer Josef Smetánka mit allem kommunistischem Dekor – rote Flagge und Sowjetstern – angefertigt.

1942 wurde er bei einer Razzia verhaftet und ins  Gefängnis Pankrác gesteckt. Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Im Angesicht des Todes schrieb er hier sein wohl bedeutendstes und erschütterndstes Werk Reportáž psaná na oprátce (Reportage unter dem Strang geschrieben). Zwei Wärter schmuggelten das Manuskript heraus, dass dann erst 1945 erschien. 1943 wurde Fučík nach Berlin verschleppt, wo der „Volksgerichtshof“ unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler ihn zum Tode verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte kurz darauf in Berlin-Plötzensee. Die Kommunisten errichteten nach 1948 einen Kult um ihren Märtyrer, der bisweilen überzogen wirkte. Zugleich kürzten und veränderten sie die Ausgaben seiner Werke, wenn irgendetwas nicht mehr in die aktuelle Parteilinie passte. Erst mit dem Ende des Kommunismus konnte man – eine Ironie der Geschichte! – ihn im Echttext lesen. Er blieb seither umstritten als überzeugter Stalinist einerseits und als mutiges Opfer im Widerstand gegen die Nazis andererseits. Seine unter den Kommunisten errichteten Denkmäler gibt es daher noch immer, wie dieses hier in Vršovice. (DD)

Vielseitiges Talent

Als man sie noch nicht auf Film bannen konnte, war es nicht so leicht, die Leistungen großer Schauspieler und ihr künstlerisches Erbes der Nachwelt zu vermitteln. Zu vergänglich sind das gesprochene Wort und die wirkungsvolle Geste auf der Bühne. Nimmt man allerdings die die Größe und Opulenz der Gedenkplakette am Wohn- und Sterbeort als Maßstab, dann ist auch heute noch eindeutig klar, dass Josef Jiří Kolár, der heute vor 125 Jahren (am 31. Januar 1896) starb, zu den ganz Großen seiner Zunft in Böhmen gehörte.

Die im Jahre 1912 auf Höhe des ersten Stocks des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Na Zderaze 2007/7 (Ecke Záhoranského) in der Neustadt angebrachte Gedenktafel ist jedenfalls überdurchschnittlich monumental ausgefallen. Sie ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Karel Opatrný. Über dem Portraitrelief Kolárs mit dem Hinweise, er habe hier zuletzt gelebt und sei hier gestorben, hat Opatrný noch eine kleine antikisierende Allegorie auf das Theater eingefügt – mit einer trauernden Muse über einem Putto, der eine klassische Theatermaske in der Hand hält. Als die Bronzeplakette an dem 1907 im feinsten Spätjugendstil erbauten Haus angebracht wurde, war Kolár (geb. 1812) bereits 16 Jahre tot, aber nicht vergessen.

Nun ja, der Mann hatte auch einfach was auf dem Kasten, wie man so salopp sagt. Schon als kleines Kind konnte er fließend Altgriechisch und Latein lesen und verstehen. Später kam die bühnenreife Beherrschung von Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch (für das er wohl einen besonderen Faible hatte) hinzu. Nach einem erfolgreichen Studium in Naturwissenschaften und Philologie an der Prager Karlsuniversität, kam noch Ungarisch dazu, da er 1833 als Hauslehrer einer Adelsfamilie nach Budapest ging, und dort gleich noch ein abgeschlossenes Medizinstudium dranhängte. Wie viele Intellektuelle der Zeit begann er, einem tschechischen Patriotismus zu entwickeln, weswegen er mit einem ungarischen Adligen in einen Streit über den Vergleich der ungarischen und tschechischen Sprache ein Duell ausfocht, bei dem er verletzt wurde, aber gottlob überlebte.

Ein nationalistischer Chauvinist war er aber nicht, was nicht nur seine Liebe zur internationalen Weltliteratur, sondern auch die Tatsache, dass er schon ein Jahr nach dem Duell die aufstrebende junge, aber deutschstämmige Schauspielerin Anna Manetínská ehelichte.

Ende der 1830er wieder in Prag, überzeugte ihn dort der Dramatiker Josef Kajetán Tyl (der Dichter des Textes der tschechischen Nationalhymne, worüber wir hier berichteten), ins Theatergeschäft einzusteigen. Dort überzeugte er nicht nur als Darsteller in Stücken von Goethe, Schiller und Shakespeare, sondern wurde vor allem als Übersetzer Shakespeares in Tschechische berühmt. Dem Erfolg seiner Hamlet-Übersetzung (1853) folgte das Projekt einer ersten tschechischen Gesamtausgabe des Stratforder Barden, das 1872 abgeschlossen war. Englische Literatur liebte er sowieso, was auch erklärt, warum er sich Josef Jiří Kolár nannte, obwohl er eigentlich nur Josef Kolár hieß. Er hatte einfach den Vornamen seines Idol Lord George Byron ins Tschechische übersetzt – eben Jiří! – und in seinen Namen eingefügt. Nebenbei schrieb er noch einige eigene Stücke, die meist nationalpatriotische Themen hatte, etwa Žižkova smrt von 1851 über den Tod des Hussitenfeldherren Jan Žižka. Heute meist vergessen, waren sie damals große Erfolge. Um das Bild dieses vielseitigen Talents abzurunden, sei noch erwähnt, dass er auch als Theatermanager erfolgreich war. Ab 1862 leitete er das Provisorische Theater, aus dem sich dann 1881 das heutige Nationaltheater (Národní divadlo) entwickeln sollte. Dessen Chefdramatiker wurde er dann auch sogleich. Kurzum: Kolár brauchte den Film nicht, um seinen Nachruhm zu sichern. Sein Platz in der Geschichte der Bühne ist hierzulande für immer gesichert. (DD)

Die Spende des Ritters

Er war ein Mäzen, wie es sie im wirtschaftlich aufstrebenden Prag des späten 19. Jahrhunderts häufig gab, und die viel zu dem schönen Stadtbild beitrugen, das wir heute so bewundern: Eduard Ritter von Daubek. Er spendete 1894 der Stadt Smíchov (erst seit 1922 Teil Prags) die schöne Parkanlage des Felsengarten (Sady Na Skalce).

Sein Geschlecht, das erst 1879 in den Ritterstand erhoben wurde, besaß seit 1813 den benachbarten Park Santoška samt eines dazu passenden Landhauses als privates Anwesen. 1890 ließ er das heutige Areal des Felsengartens von dem damals international bekannten Landschaftsgärtner František Thomayer zu einer 2,2 Hektar großen Parkanlage umgestalten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte sich hier einer der vielen Weinberge der Stadt befunden; später betrieb man hier einen Steinbruch für den Quarzitabbau. Die pittoreske Felsszenerie, die dabei entstand, band Thomayer geschickt in die Gestaltung des Gartens ein, was am Ende dann dem Park seinen Namen gab. Als der Felsengarten 1894 fertiggestellt war, schenkte ihn Ritter von Daubek der Öffentlichkeit, die ihn seither gerne für die Zwecke der Naherholung nutzt.

Steil hinauf führt der Weg durch den schmalen, aber rund 300 Meter langen Park von der Straße Ostrovského unten zur Bieblova oben. Umgeben ist der Park von schönen bürgerlichen Wohnhäusern des 19. Jahrhunderts. Auf dem höchsten Punkt ließ Ritter Daubek einen zierlichen gusseisernen Pavillon aufbauen. Von hier aus kann man einen grandiosen Ausblick über Prag genießen.

Der Pavillon thront direkt über den steilen Felsenabhängen des ehemaligen Steinbruchs, vor dem sich wiederum ein Teich mit Inseln befindet. In der Felswand befindet sich auch der Eingang zu einer Grotte, die aber leider nicht für die Öffentlichkeit betretbar ist. Gerüchte besagen, dass sich unter dem Park hier auch noch einige alte Bunker befinden, aber das scheint eben doch nur ein Gerücht zu sein. Kein Gerücht, sondern Realität ist, dass tief unter dem Park und den Felsen der 2004 erbaute Mrázovka Tunnel hindurchführt, der die Last des Verkehrs von Smíchovs Innenstadt fernhält. Aber davon sieht man naturgemäß im Park nichts.

Neben dem Teich steht übrigens ein Obelisk, der dem guten Ritter von Daubek gewidmet ist (großes Bild oben), und dessen kleine Gedenktafel darauf erinnert, dass er der Stadt diesen Park gestiftet hat. Weiter unten, auf halber Höhe, steht ein anderes Denkmal, nämlich das Denkmal für die jungen Freiheitskämpfer (Pomník mladým bojovníkům za svobodu), das 1967 von der Bildhauerin Taťána Konstantinová angefertigt wurde. Er sollte den „anti-faschistischen“ Geist der Jugend wiederspiegeln, den es in kommunistischen Zeiten wachzuhalten galt. Das war damals zwar irgendwie arg systemkonform (was bei den Werken der Künsterin häufiger vorkam; siehe hier) und der Freiheitspathos hatte unter den Kommunisten gewiss etwas Verlogenes, aber auch nicht so schlimm, dass man das Denkmal nach 1989 abtragen wollte.

Um die Jahrtausendwende wurde der Park durch den Gartenarchitekten Jan Šteflíček gründlich renoviert. In dieser Zeit befand sich in der Nähe das Zentrum eines Hilfsvereins für Drogenabhängige Sananim. Dessen löbliches Anliegen führte eine zeitlang dazu, das der Park voller Drogensüchtiger war und andere Bürger ihn mieden. Inzwischen ist der Verein aber umgezogen.

Nach einer neuerlichen, von der Stadtteilregierung durchgeführten, Renovierung ist der familienfreundliche (Kinderspielplatz!) gestaltete Park ein kleines Naherholungsjuwel für die Bürger Smíchovs geworden. Das war es ja auch, was der alte Ritter gewollt hatte. (DD)

Die barocke Residenz des ersten Bürgermeisters

Etwas grau und verfallen sieht das Gebäude schon aus. Es könnte den einen oder anderen Eimer Farbe gebrauchen. Aber so passt immerhin der Name recht gut: Dům U Starých Šedivých, zu Deutsch: Das alte graue Haus. Schade, denn auch hier fand Geschichte statt.

Das langgezogene einstöckige Gebäude liegt in der Na Perštýně 309/13, Ecke Průchodní/Ecke Bartolomějská am Rande der Altstadt. Seine alte Barockpracht ist noch erahnbar. Ursprünglich handelte es sich aber nicht um einen Barockbau, denn ursprünglich standen hier vier gotische Häuser aus dem frühen 14. Jahrhundert, die anscheinend zugleich Teil der Stadtbefestigung waren, denn hier endete Prag bevor 1348 mit dem Bau der benachbarten Neustadt als Erweiterung begonnen wurde.

Die gotischen Häuser vielen 1678 einem Feuer zum Opfer. Die mittelalterliche Umgebung kann man an der Westeite, der typisch engen und verwinkelten ul. Průchodní, noch erahnen. Spätestens bis 1726 ist der barocke Wiederaufbau – diesmal nur ein einziges Gebäude – nachweisbar. 1842 erwog man ganz kurz einmal den Abriss, aber schließlich führte man dann doch nur eine gründliche Renovierung mit einigen kaum merklichen klassizistischen Umbauten durch, was im Jahr darauf abgeschlossen wurde. 1863 erfolgte eine weitere Renovierung, die wenig optische Spuren hinterließ.

Erhalten hat sich die schöne barocke Kartusche mit einem Bild der Anbetung der Könige – auch dies leider inzwischen ein wenig verwaschen. Die hübschen Dachgauben – drei an der Zahl – und das Portal der Hofeinfahrt runde ndas Bild eines eigentlich recht stattlichen Hauses ab, das weitaus mehr hermachen würde, wenn man ein wenig Geld in die Renovierung steckte. Unten befindet sich heute ein Souvenirladen, eine Wechselstube und eine Kneipe, die aber wenig zur äußerlichen Attraktivität des eben immer noch recht verfallen aussehenden Gebäudes beitragen.

Denn immerhin wurde das Haus dereinst für würdig befunden, die erste Bürgermeister-Residenz dder Großmetropole Prag zu sein. Eine Plakette über dem Eingang erinnert nämlich an Jan Podlipný, ein führendes Mitglied des nationalen Turnerbunds Sokol (Falke), der als Bürgermeister des Ortes Libeň begann, aber für dessen Eingemeindung zu Prag im Jahre 1901 sorgte und durch weitere Eingemeindungen das heutige Prag schuf. Zur Belohnung bekam er später nicht nur ein Denkmal in Libeň, über das wir bereits berichteten. Nein, er wurde auch 1896 der erste Bürgermeister des neuen Prags. Und als solcher zog er hier in dieses Haus ein, denn die heutige offizielle Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora) gibt es ja erst seit 1928 (früherer Beitrag hier).

Deshalb findet sich über dem Portal eine Gedenktafel zu seinen Ehren. Sie wurde zu zu Podlipnýs 10. Todestag im Jahre 1924 angebracht und wurde von dem Architekten Alois Dryák gestaltet, der das genau gegenüberliegende kubistische Haus der Berufsgenossenschaft (Odborový dům) entworfen hatte. Der Text der dem umgebenden Barockstil feinfühlig angepassten Tafel lautet: „Hier lebte und starb am 19. März 1914 Dr. jur. Jan Podlipný, erster Vorsteher des Sokol und Bürgermeister von Prag. Gestiftet von der tschechoslowakischen Sokol-Gemeinschaft, 19. III. 1924“. (DD)

Verehrter Komponist

Karel Bendl ist heute nicht mehr sehr vielen Menschen bekannt. Aber in seiner Zeit gehörte er durchaus zu den großen Komponisten Böhmens und hatte etliche prestigereiche Positionen inne.

Zeitgenossen sahen ihn als fast ebenbürtig mit den heute ungleich bekannteren Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Und tatsächlich sprang er für die ab und an ein – er löste Smetana als Leiter der (damals sehr patriotischen) Gesangsvereinigung Hlalol ab und führte sie zu Weltruhm. Dvořák 1892 nach Amerika abreiste, wo er Inpiration für sein bekanntestes Meisterwerk, der 5. Symphonie Aus der Neuen Welt (1893) fand, da übernahm Bendl dessen Klasse für Komposition am Prager Konservatorium, eine Position. die er dann auch bis an sein Lebensende 1897 innehatte. In den Jahren 1874 bis 1875 war er zweiter Kapellmeister des Nationaltheaters (Národni divadlo), das damals noch in einem provisorischen Gebäude residierte (der heutige Bau entstand 1881).

Zahlreiche Kompositionen machte in im ganzen Lande bekannt, etwa die komische Oper Starý ženich (Der alte Bräutigam) von 1883 oder das Instrumentalstück Jihoslovanská rhapsodie (Südslawische Rhapsodie). Wie auch Smetana, versuchte Bendl auch immer wieder nationale und panslawistische Themen in seiner Musik zu verarbeiten. Smetana selbst ließ es sich übrigens nicht nehmen, 1869 die Premiere von Bendls zu Lebzeiten bekanntester Oper Léjla (zu der die berühmte Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská – früherer Beitrag hier – das Libretto beigetragen hatte) in Anerkennung seines Kollegen daselbst zu dirigieren.

Dass Bendl ein Denkmal verdient hat, steht also außer Frage. Und tatsächlich befindet sich seit 1916 ein recht stattliches Denkmal für ihn an der Ecke Pod Kaštany/Na Zátorce im Stadtteil Dejvice (Prag 6) auf einer hübschen kleinen und grünen Verkehrsinsel. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der unter anderem das große Monument des großen Nationalhistorikers František Palacký (früherer Beitrag hier) am Moldauufer erschaffen hatte – also nicht gerade ein unbekannter.

Sucharda war ein Meister des späten Jugendstils und in diesem Stil ist das aus Sandstein geschlagene Denkmal Bendls auch gehalten. Es handelt sich um eine Büstes des Komponisten, die auf einem unten sechseckigen, oben zylindrischen Sockel steht, der von zahlreichen Figuren umringt ist. Die Figur auf der Rückseite trägt eine Inschrift auf der Brust, die besagt, dass das Denkmal von einem Bürgerverein 1915/16 in Eigeninitiative gestiftet worden sei – ein Ausdruck der Verehrung, die man damals dem Komponisten entgegenbrachte. (DD)

Als Prag beinahe preußisch geworden wäre

Prag – man mag es sich gar nicht ausmalen! – wäre dereinst beinahe preußisch geworden. Die Stadt wurde zu einem der Brennpunkte des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte, und den vor allem Preußen unter Friedrich II. und das Habsburgerreich unter  Maria Theresia um das nördlich von Böhmen befindliche Schlesien führten.

Im Frühjahr 1757 fielen die preußischen Truppen in Böhmen ein und marschierten mit rund 64.000 Soldaten auf Prag zu – die Schlacht nahm ihren Anfang. In der Nähe von Štěrboholy begann am 6. Mai 1757 der eigentliche Angriff, der aber durch extrem sumpfiges Terrain um den Fluss Rokytka (kleines Bild oben links) ins Stocken geriet. Nachdem alleine auf preußischer Seite fünf Generäle gefallen waren, sah es fast aus, als ob die rund 60.000 österreichischen Truppen den Angriff hätten abwehren können. Doch am Nachmittag gelang den Preußen in einer zweiten Angriffswelle der Durchbruch bei Hostavice und Malešice. Die Österreicher wurden in die Stadt zurückgedrängt und der Belagerungsring um Prag schloss sich. Er wurde schließlich so eng, dass die preußische Artillerie fast nach Belieben in die Innenstadt feuern konnte. Altstadt und Burg erlitten schwere Schäden.

Die preußischen Truppen hatten den Sieg jedoch teuer bezahlen müssen und waren entscheidend geschwächt. Rund 12.500 Tote und Verwundete hatte man zu beklagen. Trotzdem wären sie wohl in der Lage gewesen, Prag nach einiger Zeit einzunehmen, was ein entsetzlicher Prestigeverlust für Maria Theresia gewesen wäre und den Krieg möglicherweise entschieden hätte. Der überraschende und überwältigende Sieg der Österreicher in der  Schlacht von Kolín am 18. Juni 1757 machte es für Friedrich II. jedoch notwendig, die Truppen abzuziehen, um seine Haut andernorts zu retten. Prag wurde nicht erobert und es blieb der Stadt das Schicksal erspart, Preußen anheimzufallen.

Die deutsche Geschichte spricht meist von der Schlacht um Prag, während die Tschechen sie die Schlacht bei Štěrboholy (Bitva u Štěrbohol) nennen. In gewisser Weise ist die deutsche Bezeichnung akurater, da Štěrboholy nicht unbedingt der wichtigste Teil des Schauplatzes war und es sich ja um eine ausgreifende Einkreisungsschlacht handelte, die sich über ein viel weiter gefasstes Areal erstreckte. Das kann man auch bei Wanderungen in der weiteren Umgebung sehen, wo Lehrtafeln an einzelne Abschnitte des Schlachtgeschehens erinnern. Links sieht man eine Tafel in der Nähe von Hloubětín (Prag 9), das ca. 4 Kilometer von Štěrboholy entfernt liegt. Die Flusslandschaft um die Tafel herum erinnert immer noch ein wenig daran, dass man sich damals durch große Sumpfgebiete kämpfen musste, die heute aber einigermaßen trockengelegt sind.

Trotzdem wurde hier in Štěrboholy, einem etwas verschlafenen nordwestlichen Vorort Prags (Prag 10), im Mai 2007 – dem 250. Jahrestag der Schlacht – in einem kleinen Park an der Straße U radiály ein Denkmal eingeweiht, das an die Ereignisse erinnert. Der Grund war wohl weniger, dass der Ort der strategisch wichtigste der Schlacht war, sondern dass er schon zuvor ein Erinnerungsort war, den die Tschechen lange lieber vergessen wollten. Auf dem kleinen Park, der sich um das Denkmal herum befindet, befand sich dereinst der Soldatenfriedhof für die gefallenen preußischen Soldaten. Die Schlacht um Prag umgab bald ein patriotischer Mythos. Der Dichter Gottfried August Bürger erwähnt sie in seinem berühmten schauerromantischen Gedicht Lenore (1778) – „Er war mit König Friedrichs Macht/Gezogen in die Prager Schlacht.“ Der Friedhof gehörte Dank eines Abkommens dem preußischen Staat und wurde stets von einem preußischen Kriegsinvaliden betreut. Zunächst wurden einige kleine Denkmäler errichtet, dann 1839 auf Geheiß Friedrich Wilhelms III. ein großes aus Marmor und Gusseisen. Andere Monumente folgten. Als 1905 die kleinen Militärfriedhöfe in Prag (beispiel hier) aufgelöst wurden, wurden auch die Überreste preußischer Soldaten der Kriege von 1813 (auf Seiten Österreichs) und 1866 (gegen Österreich) bestattet und Monumente errichtet. Der Friedhof war nun recht stattlich dimensioniert. Zu den Besuchern der Anlage, die dadurch zu einer kleinen Preußen-Wallfahrtsstätte wurde, gehörte unter anderem Paul von Hindenburg.

Das alles hätte die Empfindlichkeiten der Tschechen noch nicht gestört, hätten nicht die Nazis nach der Besetzung des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ 1939 den Friedhof geschichtspolitisch instrumentalisiert. Das Eingangstor des in „Standorf-Friedhof“ umbenannten Friedhofs wurde mit einem großen Hakenkreuz „verziert“. Ende des Krieges wurde die Anlage zur Begräbnisstätte für Angehörige der Waffen-SS. Das war dann doch zuviel des Schlechten. Als die Nazis 1945 vertrieben waren, wurden Friedhof und Denkmäler dem Erdboden gleichgemacht.

Als 2007 der Jahrestag kam und das neue Denkmal (ohne sichtbare Überreste des alten Friedhof drumherum) eingeweiht wurde, da war Geschichte wieder Geschichte, was ein unverkrampftes Verhältnis zu den Ereignissen erlaubte. Schließlich konnte man ja weder Maria Theresia, noch Friedrich II. (beide ja aufgeklärte Monarchen), noch die rund 25.000 Gefallenen der Schlacht für den politisch-historischen Missbrauch verantwortlich machen, den Hitler mit ihnen betrieb. Inzwischen führen Geschichtsvereine sogar Nachstellungen der Schlacht auf dem weiten Gelände auf und es gibt kleine Wanderwege mit Tafeln (eine davon direkt neben dem Denkmal, Bild oberhalb links), die über das blutige Geschehen am 6. Mai 1757 informieren.

Wie sehr sich dabei die Schöpfer des Denkmals der geschichtlichen Verantwortung bewusst waren, zeigt sich auch darin, dass hier nicht nur der preußischen Soldaten gedacht wird, die hier einst ihre letzte Ruhestätte fanden, sondern auch der österreichischen – was moderner und europäisch gedachter Denkmalskultur entspricht. „6.5.1757 – Zum Gedenken an die gefallenen österreichischen und preußischen Soldaten bei der Schlacht von Štěrboholy“, lautet die nüchterne, aber würdige Inschrift auf dem Denkmal in deutscher Übersetzung.

Die Nachfahren prominenter Gefallener nahmen den Faden auf. Und so wird, ganz gemäß Proporz, je einem preußischen und einem österreichsichen Heerführer, der hier sein Leben ließ, gedacht. 2008 wurde neben dem Hauptdenkmalstein eine Plakette zum Gedenken an den hier gefallenen preußischen Generalfeldmarschall Kurt Christoph Graf von Schwerin aufgestellt, im Jahr darauf folgte eine identisch gestaltete Plakette für den ebenfalls bei der Schlacht gefallenen österreichischen Marschall Maxmilian Baron von Brown und Graf von Mountany und Camus. Dass man beiden so gleichverteilt und vorurteilsfrei gedenkt, gibt Hoffnung für die Welt. (DD)

Ringhoffers Fabrikhalle (mit Gedenktafel)

Im 19. Jahrhundert wurde Böhmen das Kernland der Industriellen Revolution im Habsburgereich. Und Prag wurde einer der Motoren der Entwicklung. Mit kaum einem Namen verbindet man den Wirtschaftsaufschwung so sehr wie mit dem von Franz II. Ringhoffer.

Der transformierte die von seinem Großvater gegründete Kupferschmiede 1852 in eine große Maschinen- und Wagonbaufabrik um. Die Werkanlagen der Ringhoffer Werke befanden sich nun in Smíchov, wo riesige Produktionshallen entstanden. In den 1870er Jahren wurden hier bis zu 3500 Wagons pro Jahr gebaut. Über 2000 Arbeitern ermöglichte er hier den Broterwerb. 1861 wurde er gar zum Bürgermeister von Smíchov (das erst 1909 Stadtteil von Prag wurde) und 1864 in den Böhmischen Landtag gewählt. Als er 1873 starb, kam posthum noch der erbliche Adelstitel eines Freiherrn dazu.

Von dem profitierte sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer, der die Firma in dem Moment erbte, als die große Wirtschaftskrise von 1873 ausbrach. Mit einer Kombination von Einsparungen und strategischer Expansion schaffte es die Firma unter ihm, am Ende sogar größer als vorher zu werden. Und unter ihm entstand auch die einzige sichtbare Erinnerung an die Industrieanlagen, die einst in Smíchov standen. Zunächst einmal ging alles gut. Franz IV. Freiherr von Ringhoffer wandelte die Firma 1909 in eine Aktiengesellschaft um; 1935 fusionierte man mit den Tatra Autowerken und hieß nun Ringhoffer-Tatra-Werke. Aber dann beging sein Nachfolger Hans Freiherr von Ringhoffer die Schandtat, sich die von den Nazis 1939 zwangsenteignete Agrarmaschinen-Firma Bächer, die jüdischen Besitzern gehört hatte, anzueignen. Seine Verhaftung (er starb 1946 in einem sowjetischen Lager) und die Verstaatlichung der Firma waren die Folge. Unter dem Namen Tatra produzierte man in Smichov unter dem Kommunismus noch Straßenbahnen – wie etwa den oben im großen Bild gezeigten Typ Tatra T3, der ab den 1960er Jahren gebaut wurde. Nach dem Ende des Kommunismus und der Privatisierung (heute als Teil von Siemens) wurde die Produktion aus Prag wegverlegt. Die Gegend, wo die Fabrikhallen standen, verkam langsam aber sicher.

In den Jahren 1999-2001 begann das Areal wieder aufzublühen, weil es zum Einkaufzentrum wurde. Die Shopping Mall Nový Smíchov (mit 4D-Kino und allem Drum und Dran) gehört zu den größten in ganz Tschechien. Fast alle Werkgebäude wurden dafür abgerissen. Immerhin ließ man ein Gebäude stehen und integrierte es in den neuen Shopping-Komplex als Modegeschäft. Es macht sich dabei ganz schmuck.

Diese überlebende Halle entstand um 1906, als Franz III. Freiherr von Ringhoffer noch die Firma führte. Man erkennt genau, dass damals der Jugendstil dominierender Modetrend in der Architektur war. Möglicherweise wurde das Gebäude sogar von einem der ganz großen unter den Prager Architekten dieses Stils mit entworfen, nämlich Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten). Gesichert ist das aber nicht, aber Polívka war so etwas wie der Leib-und-Magen-Architekt der Ringhoffers, der auch den privaten Familiensitz in Prag gestaltet hatte. An vielen Plänen für Fabrikhallen war er zumindest beteiligt. Das Gebäude ist nur noch von außen so erhalten, wie es 1906 aussah. Innen wurde es entkernt, um dem Bedarf des Ladengeschäfts zu entsprechen, der nun einmal keine Eisenbahnen mehr baut. Immerhin hat sich der Innenarchitekt bemüht, ein wenig Industriehallenathmosphäre aufkommen zu lassen.

Und der Rat des Stadtteils von Smíchov hat die Gelegenheit,die dieses Gebäude bietet, immerhin genutzt, um den Firmengründer Franz II. Ringhofer zu ehren. Seit dem Mai 2018 befindet sich nämlich auf der Fassade der Halle eine Gedenktafel, die feierlich vom Stadtteil-Bürgermeister eingeweiht wurde.

Deren Text fasst (hier in Übersetzung) zusammen, warum man den großen Unternehmer heute noch als einen Gründervater der Prosperität Prags im allgemeinen und Smíchovs im speziellen feiert: „Franz II. Ringhoffer, 18.4.1817 -23.3.1873 Bürgermeister von Smíchov (1861-1865) und Mitglied des Tschechischen Landrates. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gründete und erbaute er an diesem Ort ein weltbekanntes Fabrikgelände für die Herstellung von Eisenbahnwagons.“

Der Künstler, der die Tafel entworfen hat, ist der Maler und Bildhauer Jakub Grec. Das Design lässt die Technik, deren Pionier Ringhoffer war, wieder optisch aufleben, sieht das Ganze doch aus wie eine Werkbeschriftung aus dem 19. Jahrhundert, die sich zwischen zwei Eisenbahnpuffern befindet. (DD)

Nationaldichter in Jugendstil

Zumindest in Tschechien kennt man ihn als den Dichter, dessen 1884 uraufgeführtes Stück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstein) im Jahre 1974 die Grundlage für ein ungeheuer populäres gleichnamiges (Kino-) Musical unter der Regie von Zdeněk Podskalský lieferte.

Aber Jaroslav Vrchlický war mehr. Der tschechische Übersetzer von Goethe, Dante und Poe, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß, schuf sich einen Ruhm unter Zeitgenossen durch nationalpatriotische Dichtungen, etwa die sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886). Für Antonín Dvořák schrieb er unter anderem das Libretto zu dessen Oratorium über die böhmische Nationalheilige Ludmilla (Svatá Ludmila, 1886). An der Karlsuniversität lehrte er Philosophie. Sein patriotisches Engagement für Böhmen und die Rechte des Tschechen in Kakanien brachte ihm schließlich 1901 die Mitgliedschaft im Österreichischen Herrenhaus ein, was so etwas wie das Oberhaus im österreichischen Teil des Habsburgerreiches war.

Grund genug, ihn als Nationaldichter zu ehren. Das tat man zum Beispiel mit dem 1956 errichteten Denkmal auf der halben Höhe des Petřín-Berges; aber natürlich auch an jenem Haus, in dem er bis zu seinem Tode 1910 die letzten 12 Jahre seines Lebens mit schöner Aussicht auf Moldau und Burg verbrachte. Dort wurde 1929 auf Höhes des ersten Stocks des vierstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží 1897/72 (Rašín Ufer) eine bronzene Gedenkplakette mit Portraitrelief angebracht. Die Plakette wurde bereits 1911 von dem Bildhauer Ladislav Šaloun, einem der bedeutendsten Vertreter des Prager Jugendstils, dem wir unter anderem das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier) verdanken, erschaffen. Die in einem sehr naturalistischen Jugendstil angefertigte Plakette ist jedenfalls schon für sich genommen ein kleines Kunstwerk. (DD)

Das Leiden der First Lady

Heute vor 170 Jahren, am 20. November 1850, wurde sie geboren. Man sieht es ihr an, wieviel sie an diesem Ort durchmachen musste. Ihre Gedenkbüste zeigt sie als eine leidende Frau: Charlotte Garrigue Masaryková, die als erste „First Lady“ der 1918 ausgerufenen Ersten Tschechoslowakischen Republik bekannt wurde.

Dass sie das dereinst werden würde, war keineswegs vorgezeichnet, als sie in jenes Haus in der Mickiewiczova 239/13 (Prag 6) einzog, an dessen Fassade auf dem ersten Stock sich nun die Büste befindet. Die Büste ist das Werk des Bildhauers Vojtěch Sucharda, dem Bruder des etwas bekannteren Bildhauers Stanislav Sucharda, dem wir unter anderem das große Prager Denkmal des Nationalhistorikers František Palacký verdanken.

Charlotte Garrigue war eine emanzipierte Amerikanerin aus gutem New Yorker Hause. Die begabte Musikerin ging 1874 nach Leipzig, um dort am Konservatorium zu studieren. Dabei lernte sie den böhmischen Philosophen und Politiker Tomáš Masaryk kennen und lieben. Die beiden heirateten 1878 in Brooklyn. Wieder im damals noch habsburgischen Böhmen, engagierte sie sich an der Seite ihres Mannes in der Partei der Realisten, eine gemäßigt nationalische tschechische Refompartei mit liberalem Einschlag. Sie arbeitete nicht nur eifrig an seiner Kultur- und Politikzeitschrift Naše doba (Unsere Zeit) mit, sondern schuf sich einen eigenen Namen als Vorkämpferin für Frauenrechte. Der Respekt, den Masaryk für seine Frau empfand, zeigte sich auch daran, dass er ihren Familiennamen zu seinem Zweitnachnamen machte. Er nannte sich nun Tomáš Garrigue Masaryk, meist liebevoll abgekürzt als TGM.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begannen die österreichischen Behörden damit, nationalistische Bewegungen im Reich zu unterdrücken, wozu auch gemäßigte Gruppen, die eigentlich loyal waren, gehörten. Masaryk musste 1915 Hals über Kopf ins westliche Ausland fliehen, wo er vor allem in den USA (nunmehr politisch radikalisiert) für die Unabhängigkeit des Landes warb. Seine Frau blieb in Prag in jenem Haus in der heutigen Mickiewiczova zurück, an dem sich die Büste befindet. Hier wurde sie von den Behörden drangsaliert und schikaniert, die in ihr eine potentielle Verräterin sahen. Nur durch die heimliche Unterstützung politischer Freunde ihres Mannes konnte sie mit ihren fünf Kindern wirtschaftlich überleben.

Dann kam ein persönlicher Schlag, als einer ihrer Söhne, Herbert Masaryk, plötzlich verstarb. Bald darauf wurde Tochter Alice aus politischen Gründen eine zeitlang ins Gefängnis gesteckt. Und eben an diese Leiden erinnert Suchardas Büste und die Inschrift, die übersetzt lautet: „Hier lebte und litt Ch. Garrigue Masaryková. Eine Amerikanerin von Geburt, eine Tschechin im Geiste, eine engagierte Mitarbeiterin unseres Befreiers. 1914-1918.“ Die Leiden hatten erst ein Ende, als 1918 die Tschechoslowakei unabhängig und ihr zurückgekehrter Mann der erste Präsident und sie die erste First Lady wurden. Einge Zeit später wechselten sie den Wohnsitz in den neuen Präsidentenpalast in der Burg. Auch hier engagierte sie sich weiter, vor allem in Sachen Frauenrechte. Sie starb schon 1923 – nicht zuletzt an den Spätfolgen der schrecklichen Zeit, die sie in diesem Haus erlebt hatte. Den Tod ihres ersten Sohnes Jan im Jahr 1948, der später Außenminister wurde und wohl einem Mordkomplott der Kommunisten anheimfiel, musste sie nicht mehr erleben.

Das Haus, an dem bald nach Charlotte Garrigue Masarykovás Tod ihre Büste angebracht wurde, ist übrigens für sich genommen schon interessant. Es war damals frisch gebaut worden. In den Jahren baute der Meisterarchitekt Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichtet haben) für private Auftraggeber zwei Doppelhaushälften für Familien. Kotěra war einer der Pioniere der modernen Architektur in Böhmen, der die Konventionen des Historismus und des Jugendstils überwand. Als das Ehepaar Garrigue Masaryk hier kurz darauf einzog, mussten neue Stabilisierungsstützen in das Gebäude eingezogen werden. Der Philosophieprofessor und seine Frau hatten eine so große Privatbibliothek, dass das Gewicht der Bücher sonst die Statik des Hauses gefährdet hätte. (DD)

Studentenmord

Am heutigen Tag begeht man hier in Tschechien den Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (Den boje za svobodu a demokracii), der im Jahre 2000 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Mit dem 17. November verbindet man in der Regel den Beginn der Samtenen Revolution von 1989, die die Schreckensherrschaft des Kommunismus beendete. Zweifellos ein Grund zum feiern!

Die Demonstranten von 1989 knüpften dabei aber zunächst an ein anderes Kapitel der Geschichte des Landes an, dem heute ebenfalls gedacht wird. 50 Jahre zuvor waren in Prag die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen worden. Das sich antifaschistisch gebärdende kommunistische Regime konnte 1989 gegen eine nominell antifaschistische Demonstration, die an dieses Ereignis erinnerte, wenig einwenden, es war aber vorhersehbar, das sich die Freiheitsbotschaft gegen das totalitäre System der Nazis von 1939 sich bald auch gegen das totalitäre System der Kommunisten richten würde.

Im Februar 1939 hatte Hitler die Resttschechei zerschlagen und deutsche Truppen besetzten daraufhin auch Prag. Formell blieb das Land (ohne die Slowakei, die von Hitlers Gnaden selbständig erklärt worden war) uabhängig. Tatsächlich stand das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren aber völlig unter Hitlers Kontrolle.

Die Tschechen wollten sich das nicht gefallen lassen. Immer wieder erhoben sich Proteste, vor allem seitens der Studentenschaft. Am 28. Oktober, dem 21. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, fanden große Protestmärsche statt, die von Arbeiterstreiks begleitet waren. Die von den deutschen Machthabern zur Niederschlagung der Demonstrationen aufgeforderte tschechische Polizei griff gar nicht oder nur halbherzig ein. Die Nazis setzten daher von nun an deutsche Polizisten ein, die hunderte von Menschen verhafteten und ohne Gnade das Feuer eröffneten.

Auf der Höhe der Žitná 569/24 (im heutigen Prag 2) wurden der Medizinstudent Jan Opletal und der Arbeiter und Sokol-Aktvist Václav Sedláček von Kugeln getroffen. Sedláček starb noch am selben Abend. Opletal starb am 11. November an den Folgen des Bauchschusses. Seine Aufbahrung an der Universität wurde zu einer politischen Demonstration, an der über 3000 Menschen teilnahmen. Als der Sarg am 15. November zum Bahnhof gebracht wurde, um den Toten zur Beerdigung in seine mährische Heimatstadt Náklo zu überführen, schwoll der Protest noch einmal an. Diesmal versammelten sich über hunderttausend Menschen. Als die Teilnehmer anfingen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen, zerschlug die Polizei den Protest, der dann in verschiedenen Stadtteilen wieder aufflammte.

Die Nazis entschieden sich nun zu noch härterem Durchgreifen. Am 17. November – jenem Tag, an den dann die Demonstranten von 1989 erinnern wollten – setzte die sogenannte Sonderaktion Prag ein. Die Nazis schlossen an diesem Tag alle tschechischen Universitäten, verschleppten rund 1200 Studenten ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager und erschossen neun der Studentenführer, die die Demonstrationen organisiert hatten – eine gnadenlose Mordaktion.

Noch im Herbst 1989 – kurz vor den Demonstrationen der Samtenen Revolution – brachte man an einer Gartenwand in der Žitná , dort wo Opletal und Sedláček erschossen worden waren, eine Gedenktafel mit einer abstrakt-geometrischen Skulptur aus Granit und Marmor an. Neben dem Datum der tödlichen Schüsse und den Namen der beiden Freiheitshelden befindet sich darauf der Spruch des römischen Dichters Horaz aus seinen Oden: Non omnis moriar (Ich werde nicht ganz sterben). An jeden Jahrestag wird der Erinnerungsort mit Blumen und Kränzen überschüttet.

Das gilt auch die kleine einfache Gedenkplakette, die man gar nicht weit davon entfernt findet. Auch sie ist an Nationalfeiertagen – insbesondere dem 17. November – mit Blumen und Kränzen in den tschechischen Landesfarben rot-weiß-blau förmlich überschüttet. Opletal genießt so etwas wie einen studentischen Nationalheldenstatus im Lande – übertroffen allenfalls von Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich 1969 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in Protest selbst verbrannt hatte und damit ein Signal gegen die Unterdrückung setzte.

Die Plakette befindet sich an einem großen Mietshaus in der Jenštejnská 1966/1 (Prager Neustadt), wo Jan Opletal seit der Aufnahme seines Medizinstudiums im Jahre 1939 gelebt hatte und erinnert an diesen Umstand. Ein Kuriosum ist dabei das Geburtsdatum, das als Geburtsdatum der 31. Dezember 1915 angegeben ist, während Opletal in Wirklichkeit am 1. Januar 1915 geboren wurde. Die Eltern hatten damals bei der Universitätseinschreibung den 31. Dezember 1914 angegeben, damit er früher als erlaubt immatrikulieren konnte. Die Schöpfer der Gedenkplakette waren darob wohl so verwirrt, dass sie noch ein drittes Geburtsdatum erfanden.

Ach ja, während in Tschechien selbst der 17. November primär mit dem Beginn der Samtenen Revolution von 1989 verbunden wird, verbindet ihn die internationale Gedenkkultur tatsächlich eher mit den Ereignissen von 1939. Weil die Organisatoren der damaligen Proteste gegen die Naziherrschaft nicht nur, aber hauptsächlich Studenten waren, rief das International Students‘ Council in London 1941 diesen Tag erstmals zum Gedenktag aus. Heute ist der Weltstudententag ein internationaler Feiertag. (DD)