Nicht von Dvořák, aber trotzdem schön: Die Neue Welt

Wirklich entzückend ist es, das kleine bezaubernde Sträßchen im Burgbezirk mit dem Namen Neue Welt (Nový Svět). Erblickt man die Gasse, erklingt wie von selbst im Kopfe Antonín Dvořáks Meistersymphonie Aus der Neuen Welt (Z nového světa). Nur: Diese Gasse hat nichts, aber auch wirklich nichts mit Dvořák 1893 in New York uraufgeführtem Werk zu tun.

Denn mit der Besiedlung dieses Areals hatte man schon um 1360 begonnen. Von einer Neuen Welt sprach man deshalb, nicht weil man an das noch unentdeckte Amerika dachte, sondern weil es sich damals noch um eine neue Ansiedlung außerhalb des damaligen Burgbezirks handelte. Hier wohnten zunächst niedere Bedienstete der nahegelegenen Burg.

Immer wieder musste die mittelalterliche Bausubstanz größere Schäden hinnehmen. Nach 1420 kam es zu Zerstörungen im Verlaufe der Hussitenkriege und auch das große Feuer von 1541 (siehe auch Beitrag hier) richtete große Schäden an. Deshalb sind viele der malerischen Häuser, die heute das Herz jeden Besuchers entzücken, nicht die originalen Gebäude am Orte. Viele von ihnen sind selbst für den Laien erkennbar Häuser aus der Barockzeit des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Damals war das ursprüngliche Armenviertel eine zeitlang auch bei vermögenderen und bessergestellten Persönlichkeiten en vogue. Dass der Hofastronom Tycho Brahe hier zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebte, wurde in diesem Blog bereits hier erwähnt.

Ob original mittelalterlich oder barock – das ist letztlich egal. Es ändert nichts am Gesamteindruck, der einfach entzückend ist. Die Tatsache, dass der Ortsteil bald wieder verkam und zum Armenviertel wurde, hat später jegliche Modernisierung verhindert. Was für die Bewohner damals schlecht gewesen sein mag, erfreut uns heute. Kein Stahl und Beton trübt die Stimmung. An Tagen außerhalb der Urlaubssaison, an denen weniger Menschen hier sind, fühlt man sich wie bei einer Zeitreise. Geht man bei Abenddämmerung durch die Gasse, blendet einen kein Neonlicht, sondern es sind altmodische Laternen, die Schummrigkeit verbreiten und das ganze schon irreal romantisch erscheinen lassen.

Unter den Häusern, die den rund 250 Meter langen Weg säumen, bieten einige Unterhaltung und/oder Erfrischung. Es gibt ein berühmtes Café, die Kavárna Nový Svět, das auch unter Einheimischen beliebt ist. Es gibt ein Theater, das Divadlo Ungelt, das – wiederum erstaunlich für ein touristsich so erschlossenes Areal – hauptsächlich ein tschechisches Publikum (in Tschechisch) adressiert. Dazu gehört ein Restaurant mit Biergarten (Restaurant Nový svět), das erst wie ein normales Touristenlokal aussieht, aber erstaunlich originelle Gerichte bietet. Der abgebildete Nachtisch ist Vanilleeis mit Roter Beete und Pesto. Das las sich auf der Speisekarte so verrückt, das wir es sofort probieren mussten. Es entpuppte sich als wahrer Avantgardegenuss, der wirklich gut die Gaumen kitzelte.

Eine Besonderheit ist ganz am Ende der Straße das Hotel U Raka. Es handelt sich bei dem kleinen Hotel um das einzige noch erhaltene Holzblockhaus in Prag. Es wurde 1739 das erste Mal urkundlich erwähnt – damals noch kein Hotel, sondern ein Wohnhaus und zwischendurch eine Schmiede. Man muss sich vor Augen halten, dass Nový Svět fast durch seine ganze Geschichte hindurch ein Platz für Arme war und erst im 20. Jahrhundert wieder“hip“ für Künstler und Touristen wurde.

Deshalb war das schöne Holzhaus auch von Verfall bedroht und in den 1980er Jahren arg heruntergekommen. Die Renovierung in den frühen 1990er Jahren und neuerliche Nutzung als kleines Hotel hat das Haus gerettet. „U Raka“ heißt übrigens auf Deutsch soviel wie „Zum Krebs“. Und tatsächlich ist das alte und namengebende Hausschild mit dem Abbild eines Krebses immer noch erhalten.

Auf jeden Fall hat die kleine Nový Svět trotz des Andrangs der Touristen, die sich diese selbst für die anspruchsvollen Prager Verhältnisse außerordentlich malerische Gasse nicht entgehen lassen wollen, noch viel von seiner Authenzität bewahrt. (DD)

Essen im Bürgerschwimmbad

Ein ungewöhnlich gutes Restaurant braucht auch ein ungewöhnliches Gebäude. Das haben zumindest die Betreiber des Restaurace Občanská plovárna beherzigt, das sich das historisch bedeutende Bürgerschwimmbad am Moldauufer als Standort auserkoren hat.

Das schicke und qualitativ spitzenmäßige Restaurant ist unter der Letnáhöhe gleich neben der schön jugendstiligen Čech-Brücke (Čechův most, siehe auch hier) gelegen. Das Restaurant ist nicht ganz leicht zu erreichen, aber die Mühe lohnt sich!

Bevor man mit dem guten Essen und dem guten Wein beginnt, sollte man erst einmal mit dem Gebäude anfangen. Das war nämlich das erste öffentliche Schwimmbad in Prag überhaupt. Ja, und nicht nur in Prag, denn als es 1806 von dem adligen General und Badeliebhaber Ernst von Pfuel eingerichtet wurde, musste Wien noch drei und Berlin noch acht Jahre warten, bis dort ein erstes Flussbad für die Öffentlichkeit eingerichtet wurde.

Für einige Verwirrung sorgte die Tatsache, dass das Bad primär auch vom Militär genutzt wurde, um den Rekruten das Schwimmen beizubringen, aber gleichzeitig auch einfache Bürger hier im Fluss plantschen durften. Das gab grobe Reibereien und 1840 eröffnete man direkt daneben neue zusätzliche Becken und gründete somit das erste rein zivile Bürgerschwimmbad, wie es seither hieß. Der Architekt und Bildhauer Josef Kranner errichtete dazu gleichzeitig ein klassizistisches Gebäude für die Umkleidekabinen

Das Bad gedieh prächtig und so wurde 1876 das Gebäude großzügig erweitert, um einen Restaurantbetrieb hinzuzufügen. Das Datum kann man nunmehr über dem Eingang des riesigen Gebäudes in Stuck bewundern. 1906 übernahm die Stadt Prag das Bürgerschwimmbad, um es 1924 an einen Schwimmverein zu vermieten. In den Zeiten des Kommunismus verfiel es ein wenig und der Schwimmbetrieb wurde irgendwann in den 1960er Jahren eingestellt. Dazu trug auch bei, dass Schwimmen im kalten (und nicht immer ganz sauberen) Flusswasser inzwischen etwas aus der Mode geraten war und die Menschen geheizte Hallenbäder bevorzugten.

Das Ende des Kommunismus brachte Privatisierungswirrnisse mit sich. Die Nutzung als Kasino blieb umstritten und wurde beschränkt. Und 2019 eröffnet hier neben einem Ausstellungszentrum das neue Restaurant.

Womit wir bei Thema sind: Die Küche wird von den beiden Spitzenköchen Jan Mužátko und Filip Hošek geführt, die beide in Lyon bei dem großen französischen Starkoch Paul Bocuse gelernt haben. Man bekommt ästhetisch ansprechende und raffiniert wohlschmeckende Kost geboten. Und zwar zu vergleichsweise erschwinglichem Preis. Selten habe ich so etwas schlicht daherkommendes, aber Raffiniertes gegessen, wie die oben abgebildete kalte Erbsensuppe. Und auch die Entenpastete, die meine Frau bestellte, war exzellent! Die Nachspeisen nicht zu vergessen…. Die Speisekarte ist klein, was darauf hindeutet, dass hier wirklich frisch gekocht wird.

Dazu kommt eine feine Weinkarte mit vielen französischen, aber auch einigen ausgesuchten tschechischen Weinen. Die kann man im Sommer draußen auf der Terasse genießen. Da kann man die Schiffe auf der Moldau hin und her schippern sehen und in der Ferne die Türme der Karlsbrücke bewundern.

Und wenn es kälter wird, diniert man eben drinnen! Das Gebäude wurde schon 2004 (nach der Flut von 2002, die schwere Zerstörungen am Gebäude anrichtete) grundlegend saniert und modernisiert. Die moderne Einrichtung mit vielen klaren Flächen und viele Stahl hat den Schwimmbadcharakter des ganzen geschickt bewahrt. Auf zwei Stockwerken gibt es Sitzmöglichkeiten (das ganze könnte Großevents beherbergen) und alles glitzert und glänzt nur so. Den Köchen kann man von den meisten Plätzen bei der Arbeit zuschauen. Ein grandioser Ort! Ab und an gibt es hier auch in separaten Räumen Konzerte und Kulturveranstaltungen. Also wenn man sich so richtig Feines in ungewöhnlichem Ambiente gönnen will, ist man im Bürgerschwimmbad am rechten Ort. (DD)

Iwans Höhle in den Felsen

Es handelt sich um eine kolossale, geradezu atemberaubende Aussicht. Wenn man oben vom Gipfelkreuz hinunter auf die alte Abtei und den kleinen Wallfahrtsort schaut, dann leuchtet der Name St. Johann unter dem Felsen (Svatý Jan pod Skalou) unmittelbar ein.

Die Felsen, die die Kirche und das etwa 20 Kilometer südwestlich von Prag gelegene Dorf überragen, sind in der Tat beeindruckend. Betritt man unten die Kirche selbst, kommt der Gedanke schnell auf, dass man sie auch Johannes im, statt unter dem Felsen hätte nennen können. Das Gebäude führt nämlich tief in eine – als Kapelle verwendete – Höhle in den Felsen hinein.

Die Höhle ist nämlich der Grund, weshalb hier überhaupt eine Wallfahrtskirche erbaut wurde. In ihr soll der Heilige Iwan, ein frommer Eremit aus dem 9. Jahrhundert, dem dort Johannes der Täufer (daher der Kirchenname) erschienen war, seinem Einsiedlerdasein nachgegangen sein.

Zum ersten Male in den Chroniken erwähnt werden Kirche und gleichnamiger Ort 1037. Damals schenkte Herzog Břetislav I. von Böhmen den Besitz an die Benediktiner aus dem Kloster Ostrov. 1517 wurde das Ganze zu einer eigenständigen Abtei.

Ab dem 17. Jahrhundert erfolgte im Zuge der Gegenreformation der immer prachtvollere Ausbau des Klosters, das durch die Schönheit der Felslandschaft noch prachtvoller wirkte. 1657–1661 barockisierte der italienische Architekt Carlo Lurago die Kirche, die dann 1710 von Christoph Dientzenhofer noch einmal erweitert wurde. Das quadratische Klostergebäude selbst wurde 1726–1731 durch Kilian Ignaz Dientzenhofer errichtet.

Mit der kirchlichen Prachtentfaltung war es aber 1785 zu Ende, als Kaiser Joseph II. das Kloster im Zuge seiner Reformen enteignete und säkularisierte. Es wurde zwischendurch als Industrieanlage (Papierfabrik, Spinnerei) zweckentfrendet, dann zu Anfang des 20. Jahrhundert als Kuranlage. 1914 geriet es wieder in kirchlichen Besitz. Das blieb so bis 1949, als die Kommunisten zuerst ein Zwangsarbeitslager, dann ein Gefängnis und zuletzt eine Polizeischule daraus machten. 1994 kehrte das Gebäude in den Schoß der Kirche zurück. Dadurch wurde es, was es bis heute ist: Eine Wallfahrtskirche zu Ehren des Heiligen Iwan.

Die überwältigt nicht nur von außen, weil sie auf zwei Seiten von hohen und malerischen Felsen umgeben ist, sondern auch von innen. Im Hauptschiff kann man feinsten Barock bewundern, wobei neben 1695 entstandenen dem riesigen Altarbild über die Begegnung des Heiligen Iwan mit Johannes dem Täufer des Malers Johann Georg Heinsch vor allem die von Waldgetier umgebende Holzskulptur des Heiligen auf einem Podest mitten im Raum auffällt.

Aber die Hauptattraktion ist jedoch zweifellos die Höhlenlandschaft, die man betritt, nachdem man das Hauptschiff durchquert hat. Hier ist auch das (später in Barock gestaltete) Grab des Heiligen zu finden – obwohl sich Wissenschaftler nicht so recht sicher sind, ob er dort überhaupt liegt. Nach draußen fließt eine Quelle, aus der er getrunken haben soll, weshalb sich unzählige Pilger dort in Flaschen einen Vorrat für alle Fälle anlegen und mit nach Hause nehmen.

Das Dorf mit der Kirche liegt inmitten eines Naturschutzgebiets, das sich für herrliche Wanderungen eignet. Nur rund 20 Kilometer südöstlich des Prager Stadtzentrums gelegen, ist es ein überaus beliebter Ort für Wochenendausflüge. An einem sonnigen Sonntag kann es manchmal nur so von Touristen wimmeln. Aber auch das sollte einen nicht vom Besuch dieses wundervollen Ortes abhalten. (DD)

Die Berounka: Wandern von Srbsko nach Karlstejn

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Die idyllische Berounka bietet Gelegenheiten en masse für schöne Wochenendausflüge IMG_3788in die Umgebung von Prag (siehe auch hier und hier). Von Pilsen her aus dem Westen kommend, erstreckt sich ihr Lauf über fast 139 Kilometer, von insbesondere die letzten Dutzende von Kilometern vor ihrer Einmündung in die Moldau südlich von Prag Dank der Karstlandschaft (links) von atemberaubender landschaftlicher Schönheit ist. Zuletzt hatten wir die schöne Strecke entlang des Flusses von Beroun nach Srbsko (vorbei am „Matterhorn“). Man kann die Strecke auch um kaum etwas mehr als 1 1/2 Stunden verlängern, um bis nach Karlsteijn  zu gelangen, wo seit dem 14. Jahrhundert hoch über dem Ort die berühmteste königliche Burg des Landes thront (Beitrag hier).

IMG_3784Man verlässt das (leicht mit der Regionalbahn erreichbare) schöne Örtchen Srbsko (Bild links) und wandert am rechten Ufer entlang. Dort wird der bisher breit ausgebaute Wanderweg nach einer Weile zu einem eher kleinen Trampelpfad. Anscheinend nehmen die meisten Radfahrer und Wanderern von hier ab den asphaltierten und auch von Autos frequentierten Weg auf der anderen Uferseite. Das hat den Vorteil, dass man hier nun einen sehr einsamen und stillen Weg fast ungestört entlanggehen kann – vorbei an einer von den typischen kantigen IMG_3787Felsformationen des Böhmischen Krsts unterbrochenen Auen- und Felslandschaft.

Auch die Fauna scheint die Ruhe zu genießen. Mehrfach konnten wir auf dem Flussabschnitt Reiher (Bild links) beobachten, die ungestört im Wasser standen und wohl auf Fischbeute warteten. Nicht umsonst gehört auch dieser Teil des Flusses schon seit langem zu dem großen Naturschutzgebiet des Böhmischen Karst.

Vorbei an schönen Felsen schlängelt sich der Fluss zwei langezogene Kurven hin nach Karlstejn, dessen im Mittelalter angelegte Weinberge man schon von weitem sieht. Zwischendurch sieht man Rest von alten Brücken und IMG_3783durch das Tal schlängelt sich die Eisenbahnlinie, die nach (oder von) Prag führt. Der Fluß ist in der Regel seicht, der Weg eben und für unsere Lady Edith boten sich immer wieder Gelegenheiten, ein kleines Bad zu nehmen. Ein sehr erfrischender Spaziergang!

Am Ende kommt man in Karlstejn an, wo man entweder die Chance nutzt, die Burg und das kleine Dorf darunter zu besichtigen (oder dort einzukehren) oder vom kleinen Bahnhof aus wieder nach Prag zurückzukehren. (DD)

Zeitreise durch das Altstädter Rathaus

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Jeder Besucher in Prag hat es schon einmal gesehen, denn es steht mittendrin in der Touristenmeile: Das Altstädter Rathaus. Stündlich versammeln sich vor dem Gebäude am Altstädter Ring hunderte Menschen, um etwa die berühmte Astronomische Uhr (wir berichteten hier) zu bestaunen. Und hineingehen können die Touristen auch, denn im Rathaus werden schon lange (genauer: seit 1945) keine regulären Ratssitzungen (Ausnahmen sind IMG_5483besondere Festanlässe) mehr durchgeführt. Gegen Eintritt kann man also nun Turm, Kapelle und alte Ratssäle besichtigen.

Das Rathaus ist den Besuch wert und erlaubt so etwas wie eine historische Zeitreise durch die Geschichte der Stadt. Der damalige böhmische König, Johann von Luxemburg, gestand im Jahre 1338 den Bürgern der Altstadt den Bau eines eigenen Rathauses zu. Das finanzierten die Bürger mit einer Weinsteuer. Die Stadt wuchs in dieser Zeit und mit ihr das Rathaus, das um 1360 einen Anbau mit großem Ratssaal und 1364 den fast 70 Meter hohen Turm bekam, der das Gebäude heute noch äußerlich prägt. Und 1381 wurde die Kapelle (deren Erker man von draußen gut sehen kann) geweiht, die das Werk von keinem Geringeren als dem IMG_5489großen gotischen Baumeister Peter Parler ist, dem Erbauer des Prager Veitsdoms und des Kölner Doms. Und die oben erwähnte Uhr wurde 1458 hinzugefügt.

Früher bestand das heutige Prag aus mehreren verschiedenen Städten, weshalb zum Beispiel die Neustadt ihr eigenes gotisches Rathaus hatte (siehe früheren Beitrag hier). 1784 wurden Städte zu einer einzigen Stadt Prag zusammengelegt und das Altstädter Rathaus war seither eigentlich nicht mehr das Altstädter Rathaus, sondern das Prager Rathaus.

Mit dem Bevölkerungswachstum und der Industrialisierung wurden die Verwaltungsaufgaben für die Stadt immer komplexer. In den Jahren 1838 bis 1848 ließ IMG_5490man durch die Architekten Peter Nobile und Paul Sprenger einen recht großen Anbau im passend neogotischen Stil erbauen, der allerdings bei Kämpfen 1945 schwer beschädigt und anschließend abgerissen wurde. Seither ähnelt das äußere Gesamtbild des Gebäude wieder dem, das es im Mittelalter hatte. Die Ratsherren tagen deshalb heute im Neuen Rathaus, das gar nicht so weit entfernt Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden war.

Drinnen kann man heute, wie gesagt, durch die Stilgeschichte der Jahrhunderte resien. Im Keller gibt es noch Reste eines romanischen Vorgängerbaus, aber vor allem bestimmt die Gotik Peter Parlers hauptsächlich den Bau. So zeigt die Kapelle (Kapelle der Heiligen Maria) einen Altar im IMG_5492feinsten Stile des 14. Jahrhunderts, und wendet man dann den Blick nach oben,  sieht man ein mit wunderschönen Fresken versehenes gotisches Rippengewölbe an der Decke. In einer Seitennische der Kapelle kann man übrigens in das Innenleben der Astronomischen Uhr schauen mit seinen mechanisch einherwandelnden Heiligenfiguren (Bild rechts). Das alleine macht den Besuch schon wert!

Im alten Ratssaal wiederum dominiert der Barock, gut sichtbar bei dem riesigen und prachtvollen Ofen. Und im 19. Jahrhundert schlug der Historismus zu. Schon im Eingangsbereich sieht man Mosaike an der Wand mit Szenen aus der Prager Stadtgeschichte. Sie stammen aus dem Jahre 1904 und sind AltRathaus1das Werk des berühmten Historienmalers Mikoláš Aleš (früherer Beitrag hier). Eines davon zeigt mit typisch historistischem Pathos, wie die Sagengestalt der Fürstin Libuše (früherer Beitrag hier), ein großer tschechischer Nationalmythos, gerade die große Zukunft der Stadt Prag weissagt. Sehr schön!

Und wer eine schöne Aussicht zu schätzen weiß, kann auch den Turm besteigen (oder den modernen Aufzug benutzen). Dort oben liegt einem die Schönheit Prags vor den Füßen! (DD)

Von Groß-Amerika nach Mexiko

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Gleich hinter der Burg Karlstejn liegt Amerika. Und von dort sind es nur wenige Schritte nach Mexiko. Glauben Sie nicht? Dann sollten sie tausenden von tschechischen Ausflüglern und Wanderern an einem schönen Wochenende zu Mexikoeinem beliebten Ausflugsziel folgen. Gemeint sind die inzwischen aufgelassenen Kalksteinbrüche Velká Amerika (Groß-Amerika), Malá Amerika (Klein-Amerika) und Mexiko im Böhmischen Karst, die tiefe Einblicke und wundervolle Fotomotive bieten.  Der größte Steinbruch ist knapp 800m lang, 150 m breit und um die 70 m tief. Dabei geht es steil nach unten. Eine Brücke überquert malerisch einen  klaren, smaragdfarbenen Grundwassersee am Fuße der schroffen Abhänge. Diese malerische Kulisse immer wieder gerne als Drehort für viele Western und andere Filme genutzt. Unter anderem die berühmte tschechische IMG_4828Westernparodie Limonádový Joe (1964) wurde hier gedreht. Aber auch Mario Adorf durfte im tschechischen Grand Canyon herumballern (Die Goldsucher von Arkansas, 1964). Und kein Geringerer als Vin Diesel drehte hier 2008 Babylon A.D..

Die Gemarkung hieß übrigens schon vor den Filmen Amerika.  Wegen der Art des Abbruchs der Steine oder nach einem Gehöft, das erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnt wurde ist unklar. Beide Erklärungen finden sich auf der offiziellen Seite der touristischen Region Karlstejn.

Aber um die Steinbrüche, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis ca. 1960 betrieben wurden, ranken sich nicht nur schauerliche Legenden , wie z.B. die von einem spukenden SS-Offizier namens Hans Hagen, sondern sie sind auch Zeugnis  trauriger jüngerer  Geschichte. In den 50er Jahren z.B. IMG_4800wurden im tiefsten Steinbruch, genannt Mexiko, politische Gefangene ausgebeutet. Ein Denkmal erinnert daran.

Die Steinbrüche sind durch unterirdische Tunnel miteinander verbunden. Die Seen und Tunnel  von Velká Amerika sind auf legalem Wege nicht zugänglich. Es gibt  allerdings die Möglichkeit andere Tunnel und Steinbrüche im Rahmen einer geführten Tour zu besichtigen, aber ausdrücklich nicht Velká Amerika, jedoch  z.B. Malá Amerika.  Überall warnen Schilder vor dem Abstieg und weisen darauf hin, dass das Baden und IMG_4821überhaupt Betreten der Anlage strengstens verboten sei. Aber um die Steinbrüche herum ist ein, auf einer Seite sogar gut gelb markierter Wanderweg mit Schautafeln  angelegt, von dem selbst Wanderer, die unter Höhenangst leiden, immer wieder wundervolle Ausblicke genießen können – sogar auf Burg Karlstejn (Bild rechts). Sie sollten allerdings nicht unter Agoraphobie leiden. An schönen Sonntagen kann es sein, dass man in den Massen von Ausflüglern schon mal den Anschluss an die eigene Gruppe verliert. Dann ist es auch schwer, auf den beiden (zu) kleinen Parkplätzen vor dem Dorf Mořina einen Platz zu kommen. Mit dem öffentlichen Nahverkehr kommt man von Prag  entweder mit dem nur selten fahrenden Bus nach Mořina oder mit dem Zug von Karlstejin aus gewandert. (LSD)

 

Kein Ort des Unfriedens mehr …

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Am 30. Juli 1419 versammelte sich vor dem Neustädter Rathaus (Novoměstská radnice) eine wütende Menschenmenge unter der Führung des Predigers Jan Želivský, um für ihre hussitischen Glaubenslehren und die Freilassung von verhafteten Mitstreitern zu demonstrieren. IMG_0800Nach einigen Handgreiflichkeiten mit den Ratsherren stürmten sie das Rathaus, warfen 10 Menschen (darunter den Bürgermeister und einige Ratsherren) aus dem Fenster. Wer unten überlebte, wurde erschlagen. Das war der erste der drei berühmten historischen Prager Fensterstürze (Nummer 3 wurde bereits hier abgehandelt). Und es war der Auftakt zu den Hussitenkriegen, die fast zwei Jahrzehnte lang Böhmen verwüsteten.

An derartigen Unfrieden erinnert der Ort heute nicht mehr. Im Gegenteil: Das Rathaus liegt am Nordrand des schönen Karlsplatzes eigentlich recht idyllisch gelegen. Immer IMG_0806noch sehenswert, findet sich auch optisch nicht mehr viel von jenem Gebäude, wo Anno 1419 die Gewalt herrschte.

Das Gebäude stammt zwar ursprünglich aus dem Jahr 1367, als die von Karl IV. gegründete Neustadt ihre Selbstverwaltungsrechte bekam, aber schon 1452 bis 1456 kam es zu größeren baulichen Veränderungen, darunter der Anbau des geradezu als Erkennungsmerkmal dienenden gotischen Turms (großes Bild oben). Nur im Säulensaal des IMG_0804Erdgeschosses (links) kann man noch in größerem den Originalzustand mit seinen gotischen Spitzbögen besichtigen. Das südliche Hauptgebäude ist, wie man an den eher antik-klassischen Bauelementen erkennen kann (rechts), eher ein Kind der Renaissance und wurde 1522 bis 1526 erbaut. Die Renaissance und nicht die Gotik, die die Hussiten kannten, dominiert auch den inneren Arkadenhof. Im Großen Saal im ersten Stock sieht man sogar noch Reste von Wandgemälden aus der Zeit Rudolfs II. im Stil des spätrenaissancen Manierismus. Es folgten in den nächsten Jahrhunderten noch kleinere Ergänzungen, die den jeweils modischen Barock oder Klassizismus widerspiegelten. Schönes Barock kann man unter IMG_0807anderem noch in der hölzernen Deckenvertäfelung im Trausaal des Erdgeschosses bewudnern.

1784 wurde die Neustadt in die Gesamtstadt Prag eingegliedert und das Rathaus hatte als Rathaus ausgedient. Es wurde ein Gerichtsgebäude mit einigen Gefängniszellen. Auf das ist vorbei. 1904/05 gab es dann eine großangelegte Renovierung, die von den Architekten Antonín Wiehl (ein Spezialist für Neorenaissance) und Kamil Hilbert (siehe auch hier) durchgeführt wurde, die aber vor allem darauf abzielte, den schönen Renaissancecharakter des Baus wieder freizulegen und zu verstärken.

Um 1976 gab es noch einmal eine vorsichtige Modernisierung, die (vor allem an IMG_0809Maßstäben kommunistischer Ästhetik gemessen!) wenig grundsätzlich veränderte und sich bisweilen sogar recht geschmackvoll kontrastierend in das Gebäude eingliederte. Diese Umbauten dienten vor allem der Absicht, das Gebäude einem neuen Zweck zuzuführen. Nicht mehr Rathaus, nicht mehr Gericht, sondern Ort für Veranstaltungen und Kultur ist die Location seither.

Das interessante und vielseitig nutzbare Gebäude ist daber meist öffentlich zugänglich. Außerhalb der Wintermonate kann man sich obendrein noch das Vergnügen gönnen, die 221 Stufen des satte 42 Meter hohen Turmes zu erklimmen, um die Aussicht über die schöne Umgebung am Kalrsplatz – und darüber hinaus! – zu genießen. Ja, es ist in der Tat kein Ort des Unfriedens mehr, das Neustädter Rathaus… (DD)