Durchgestylte Residenz für den Bürgermeister

Wenn man eine in Architektur und Interieur gegossene Zelebration der Unabhängigkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik bewundern will, dann sollte man versuchen, sich vom Oberbügermeister in dessen Residenz (Rezidence primátora) – etwa zu einem Festakt – einladen zu lassen.

Die Prager Stadt-Versicherungs-Gesellschaft (Pražská městská pojišťovna) , über die wir bereits hier berichteten, schenkte die in das Gebäude der Großen Stadtbibliothek (Mariánské náměstí 1/98 in Prag 1) baulich von außen kaum unterscheidbar integrierte Residenz der Moldaumetropole, um damit das 60. Jubiläum ihrer Gründung gebührend wohltätig zu feiern. In den Jahren 1925 bis 1928 (gerade zurecht, um auch noch gleich den 10. Jahrestag der Republik zu feiern) erbaute der Architekt František Roith, dem wir unter anderem auch das Gebäude der Nationalbank verdanken, die Residenz direkt unmittelbar neben dem Neuen Rathaus.

Der Bürgermeister hatte also nicht weit zu gehen, wenn er von der Residenz ins Rathaus gehen wollte. Allerdings wurden die Räumlichkeiten überhaupt nur von dem 1919 bis 1937 amtierenden Oberbürgermeister Karel Baxa tatsächlich als Residenz im Sinne von Dienstwohnung genutzt. Ansonsten nutzt der Bürgermeister das Gebäude nur dienstlich bei Festakten, Empfängen, Kulturveranstaltungen oder Konferenzen zu denen er einlädt oder deren Schirmherr er ist – wobei er dann die Gäste meist in der Großen Empfangshalle (kleines Bild oberhalb rechts) begrüßt.

Das ganze Gebäude sollte die Modernität ausstrahlen, die die Republik verkörperte. Es handelt sich folglich um eines der frühesten öffentlichen Gebäude, die im Stil des Funktionalismus gebaut wurden, wobei man diese allerdings mit einer klassizistischen Formensprache kombinierte. DIe Vorderfront wird eigentlich von dem Haupteingang zur Stadtbibliothek dominiert und man betritt die Residenz nur über einen gesonderten Eingang an der Ostseite. Ab dem ersten Stock erstrecken sich die repräsentativen Räume der Residenz über die ganze Front. Von innen wirken daurch die acht klassizistischen Statuen des Bildhauers Ladislav Kofránek, die das Portal der Bibliothek schmücken, wie ein Teil der Residenz.

Innen in der Residenz herrscht ein gediegener und auf würdige Pracht bedachter Art Dèco-Stil vor. Das ganze ist konsequent „durchgestylt“ und wirkt auch heute noch so, denn gottlob ist das komplette Original-Interieur (selbst die Vorhänge!) erhalten geblieben. Angesichts der Zeitläufe – Naziherrschaft, Kommunismus seien genannt – ist das fast schon ein Wunder. Alleine die Möbel – meist aus zu den Wandpanelen passendem Holz hergestellt – könnten eine eigene Galerie füllen.

Schon, wenn man den Eingangsbereich betritt, beeindruckt einen das Treppenhaus, das mit einem noch im Original erhaltenen Aufzug im Innenkern verbunden ist. Vor den getönten Fenstern ergibt das einen enormen visulellen Effekt. Die Liftkultur war übrigens damals anscheinend viel luxuriöser als heute. Der Lift verfügt über ein kleines, mit dicken Lederpolstern gezogenes Sitzsofa. Das bereitet auf geradezu grandiose Art auf den Rest des Gebäudes vor. Die Erwartungen, die nun gehegt sind, werden nicht enttäuscht.

Es gibt natürlich für Gäste etliche Salons – übrigens damals noch strikt nach Damen und Herren getrennt. Besondere Gäste werden zum Diner eingeladen. Dafür gibt es einen Speisesaal, dessen Möbiliär mit der oben im großen Bild abgebildeten Porzellanfigur eines weiblichen Aktes mit blauem Band geschmückt ist. Sie stammt von der in ihrer Zeit als eifrige Republikanerin und Frauenrechtlerin bekannten Bildhauerin Helena Johnová. Und hoch über der Tafel hängt das Gemälde „Überfluss“ (Hojnost) des Malers Jaroslav Malínský, das nicht nur die Gäste auf die üppigen Tafelfreuden einstimmen soll, sondern auch auf das eigentliche Streben des öffentlichen Amtes hinweisen, den Wohlstand der Menschen zu mehren.

Womit wir bei den politischen Botschaften sind, die sich überall mal mehr, aber meist etwas weniger aufdringlich (aber stets stilistisch passend) überall verstreut finden. DIe drehen sich zum einen natürlich um die Stadt Prag selbst. Das in Stein gemeißelte Wappen Prags in der Empfangshalle ist nur ein Beipiel. Es wurde in einem recht vorsichtig angedeutet modernen, aber sehr repräsentativen Stil von dem Bildhauer und Architekten Karel Štipl erschaffen,

Ebenfalls Prag zum Thema hat der opulente Wandteppich im Herrensalon. Er ist das Werk des Malers, Textildesigners und Bildhauers František Kysela. Der damals überaus berühmte Künstler hat seine allegorische Darstellung „Prag – Mutter aller Städte“ (Praha matka měst) ein wenig dem Stil frühneuzeitlicher Gobelins nachempfunden. Der Teppich wurde hier um 1930 aufgehängt.

Im Empfangsaal kommt aber auch ein „überstädtisches“ Thema zum Tragen, das dem Stadtrepräsentanten gerade bei der Eröffnung am Jahrestag der Republikgründung besonders am Hwerzen liegen musste – die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik!

Auf den Bronzegittern ,die die beiden Heizungen abdecken, sind jeweils vier kleine Statuen (ebenfalls aus Bronze) angebracht, die Bürger aus allen Schichten und Berufsgruppen fröhlich beim Erwirtschaften des gemeisamen Volkswohlstands zeigen – welch ein Fortschritt gegenüber den früheren Zeiten, als man noch vom Kaiser unterjocht wurde! Der Bauarbeiter, den wir etwas oberhalb links sehen, arbeitet jedenfalls mit Inbrunst für die Republik.

Nun ja, bei alledem muss der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft geradezu schwindlig geworden sein, wie sehr sie nun ihre Gemeinwohlorientierung über den Profit stellte, als sie die schöne Residenz des Oberbürgermeisters der Öffentlichkeit schenkte. Deswegen durfte ein wenig Schleichwerbung in eigener Sache sein. So darf auch ein Versicherungsangestellter frohgemut auftreten. Den Namen der Stadtversicherung ( městská pojišťovna) kann man als Reklamebeitrag über dem Türeingang, aus dem der hochmotivierte Mitarbeiter kommt, gut erkennen.

Nun aber zum Highlight republikanischen Freiheitspathos`, das man auf der Rückwand der Empfangshalle findet, dort wo meist das Rednerpult steht. Zentral auf einem Sockel steht die Büste des Gründungspräsidenten und der moralischen Autorität der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Büste, die wir heute sehen, wurde von dem Bildhauer Antonín Lhota erschaffen. Die ursprünglich hier platzierte Masaryk-Büste (urspr. Beutler, Nazis) war ein Werk des Medailleurs und Bildhauers Miroslav Beutler. Die wurde aber von den Nazis, die natürlich den liberalen und menschlichen Masaryk und sein Andenken nicht mochten, während der Protektoratszeit eingeschmolzen.

Übersehen haben die Nazis allerdings die beiden links und rechts darüber vor Fenstergittern positionierten bronzenen allegorischen Figurengruppen, die in zwei Bildern fast alles zusammenfassen, was man über das nationale Geschichtsverständnis der Ersten Republik wissen muss. Das Schwert für die Hinrichtung hält der Henker bereit, so sieht man es auf der ersten Gruppe. Die allegorisch dargestellte Bohemia – ihrer Krone beraubt, aber mutig gefasst – ist das kommende Opfer. Eine weibliche Trauerallegorie beweint sie und ihr Schicksal. Darunter die Lettern „1621“… Das bezieht sich auf die Hinrichtung der 27 Rädelsführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, dessen Scheitern die Unabhängigkeit und Freiheit Böhmens beseitigte und für Jahrhunderte die Habsburgerherrschaft festigte (früherer Beitrag hier). Die Bluttat leitete für alle patriotischen Tschechen die „Temno“ (Finsternis) genannte Zeit ein.

Und dann „1918“. Die Unabhängigkeit ist da. Ein mit einem Gewehr bewaffneter Legionär, der auf Seiten der Alliierten gegen Habsburg und die Mittelmächte gekämpft haben mag (früherer Beitrag hier), steht zum Schutz der Republik bereit. In der Mite ist Bohemia wiedererstanden und sie wird von einer Allegorie der Freiheit (mit phrygischer Freiheitsmütze) wieder gekrönt. Die Schmach der Geschichte ist getilgt, die Republik gegründet! Dieser an die Grenzen des Kitsches gehende Pathos geht letztlich doch unter die Haut. Möglicherweise – ich konnte es noch nicht verifizeren – sind die beiden Statuenbilder ebenfalls, wie die ursprüngliche Masaryk-Büste, ein Werk von Miroslav Beutler.

Wer von soviel Pathos geschafft ist, kann sich ein wenig Ruhe verschaffen im Wintergarten, der wunderschön hell und licht gestaltet ist. Ausgeschmückt ist er mit zwei geradezu klassisch im Stil des Art Dèco gehaltenen weiblichen Statuen bei einem plätschernden Brunnen (leider abgeschaltet, als ich zugegen war). Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Ladislav Beneš. Eine geschmackvoll eingerichtete Oase der Ruhe in einem beeindruckenden Gebäude. (DD)

ARA in Neon

Inmitten der schnörkeligen Architektur, die ihn umgibt, wirkt er auf den ersten Blick ein wenig wie ein Fremdkörper: Der Palác ARA (ARA Palast) in der Perlova 371/5. Aber auf den zweiten Blick entdeckt der Liebhaber von Art Déco-Architektur, dass die Fassade geradezu die Vollendung dieses Stils verkörpert. Entworfen und gebaut wurde das Ganze 1931 von dem Architekten Milan Babuška, der später auch das Nationale Technikmuseum (1938) Prags bauen sollte.

Der gestufte Turmaufbau, die streng funktionalistische Uhr und vor allem das gebogene Fenster ohne Stützsäulen an den Seiten repräsentierten damals die Modernität schlechthin. Gerade die gebogene Fensterstruktur war so neu, dass man Anfangs schwere Sicherheitsbedenken hatte. Nach Fertigstellung wartete man erst einmal fünf Stunden, bevor das Gebäude dann zum ersten Mal betreten wurde. Dabei war Sicherheit eigentlich ganz großgeschrieben. Der Auftraggeber, die Firma A.R. Amschelberg (daher ARA), der hier ein großes Kaufhaus einrichtete, ließ eine Sprinkleranlage zum Schutz gegen Feuer einbauen – etwas, das es zuvor in Prag noch nicht gegeben hatte.

Das siebenstöckige Gebäude wurde nach 1948 von den Kommunisten verstaatlicht und mit dem auf privatwirtschaftliche Initiative hindeutenden Namen ARA wollten sie nichts zu tun haben. Ab sofort hieß das Ganze Palác Perla nach der Straße, in der es sich befindet (Perlova). Wie im Kommunismus üblich lebte man auch hier von der Substanz, die der Kapitalismus hinterlassen hatte. 1961 brach ein Feuer aus, das zum ersten Mal die Wirksamkeit der alten ARA-Sprinkleranlage testete. Die bestand den Test mit Bravour. Nach fünf Minuten war das Feuer wieder gelöscht.

Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde das Gebäude 1992 privatisiert, renoviert und im Jahre 2018 noch einmal gründlich umgebaut. Heute beherbergt es etliche Firmenbüros und die Filiale einer Bank. Der Eingang wurde versetzt und das Innere wurde völlig entkernt, so dass nur noch die Fassade als das ursprüngliche Art Déco erkennbar ist. Obwohl es die Firma ARA nicht mehr gibt, hat man, auch um dem kommunistischen Erbe zu trotzen, das Gebäude wieder in Palác ARA umgetauft. Die alten Neon-Lettern von damals wurden wieder auf dem Turmdach angebracht (großes Bild oben) und verleihen dem Ganzen wieder eine gewisse stilistische Authenzität. (DD)

Gepflegtes Café in gepflegtem Art Déco

Es ist natürlich richtig und wichtig, dass man den Adria Palast (Palác Adria) in der Jungmannova 36/31 (Neustadt) in seiner architekturhistorischen Bdeutung als ein Meisterwerk des tschechischen Rondokubismus der 1920er Jahre würdigt. Hat man das pflichtschuldigst getan (so wie wie es bereits hier gemacht haben), kann man sich auch der darinnen angebotenen Kulinarik widmen.

In dem ursprünglich als Zentrale eines Versicherungskonzerns
1923 und 1924 von den Architekten Josef Zasche und Pavel Janák erbauten Gebäude befand sich schon in den späten 1920er Jahren ein Kaffeehaus, das Café Reunion hieß. Dessen Name spielte natürlich auf den Namen der italienischen Versicherungsgesellschaft „Riunione Adriatica di Sicurtà“ an, für die der Bürokomplex gebaut worden war.

Da es im zweiten Stock des Gebäudes gelegen ist, hat man das Privileg, ein beeindruckendes Treppenhaus hinaufzusteigen, das schon ganz der Eleganz der 1920er Jahre entspricht (Bild rechts). Oben ist es auch noch mit einem Terrassenbalkon ausgestattet, der im Sommer den Gästen einen schönen Ausblick auf den Jungmannplatz mit seinem Jungmann-Denkmal bietet, was das Reunion damals zum Avantgarde- und Luxuscafé schlechthin machte. Es war der Ort, wo man Kaffee und Kuchen in schicker Modernität und ab und an gepflegte Konzerte genießen konnte (weswegen es auch bisweilen „Konzertcafé“ genannt wurde).

Die harten Zeiten von Nazibesetzung und nachfolgendem Kommunismus setzten dem Etablissement zu, so dass es nach der Samtenen Revolution von 1989 eine zeitang geschlossen war. 2007 erstand es in sorgfältig renovierter und restaurierter Form wieder auf – diesmal aber unter dem Namen Café Adria (Kavárna Adria), denn die ursprünglich für das Café Reunion namensgebende Versicherung residiert dort schon lange nicht mehr und da schien Adria der eindeutig bessere Name.

Der Reiz des Cafés mit seinen rund 300 Sitzplätzen ist es, dass die originale Einrichtung im Stil des Art Déco erhalten geblieben ist. Man unternimmt bei einem Besuch eine regelrechte Zeitreise in die „Roaring Twenties“. Wandvertäfelung, Spiegel, Lampen – alles ist stilecht. Einzig das unweit gelegene Cafe Slavia (früherer Beitrag hier) bietet eine ähnliche Atmosphäre.

Das Essen passt dazu. Das Adria ist kein Touristencafé; hier trifft man auch Tschechen. Zu der gepflegten Stimmung gibt es auch die passend gepflegte Cuisine, die teils international, teils tschechisch (aber in leicht bekömmlicher Form) gehalten ist, aber vor allem ein Kuchenbuffet. Das ist klein, aber fein und lässt noch einmal eine gediegene Kaffeehausatmosphäre im Stile der Ersten Repubik entstehen, wie das große Bild oben anschaulich bestätigt. (DD)

Bezahlen auf dem Viehmarkt

In der frühen Neuzeit war es gerade in Prag üblich, künstlerisch gestaltete Hausschilder am Haus anzubringen, um zu zeigen, welchem Gewerbe drinnen oder davor nachgegangen wurde (frühere Beispiel hier und hier). Ein interessantes Beispiel für die Fortsetzung dieses Brauches in der Moderne lieferte 1911 der berühmte Bildhauer Jaroslav Horejc. Der gilt als der große Meister des Art Déco des Landes. Bei dem hier gezeigten Hausschild handelt es sich jedoch um ein Frühwerk, dass noch ganz dem symbolistisch angehauchten Jugendstil seines Vorbilds, dem Wiener Bildhauer Franz Metzner verpflichtet war.

Die Horejcsche Sandsteinrelief knüpft natürlich an die Geschichte des Hauses in der Ječná 550/1/Ecke Karlsplatz in der Neustadt an und wird dadurch erst verständlich. Der Karlsplatz war seit dem 14. Jahrhundert der Viehmarkt der Stadt gewesen und das Haus, das vorher an der Stelle des heutigen stand, erfüllte dort eine wichtige Funktion. Hier wurden die Rechnungen beim Viehverkauf beglichen und zu diesem Zweck stand vor dem Haus bis zum 19. Jahrhundert noch ein großer steinerner Tisch, auf dem das Geld für die Ware herübergeschoben wurde. Deshalb hieß das ursprünglich wohl einmal gotische, aber später immer wieder umgebaute Haus auch dům U Kamenného stolu – Haus beim Steinernen Tisch.

Das heutige große Wohnhaus selbst wurde 1911 von den Architekten Theodor Petřík und Karel Roštík erbaut. Es handelt sich um ein typisches Beispiel für den späten Jugendstil, der in seiner geometrischen Formstrenge schon fast in Art Déco oder Kubismus übergeht.

Das Relief, das Horejc für die Häuserecke anfertigte, zeigt eine lebendige, wenngleich auf den ersten Blick nicht verständliche Darstellung des Treibens am steinernen Zahltisch des Viehmarktes. Der Mann in der Mitte überwacht das Ganze mit Strenge, während um ihn herum ein Gewimmel herrscht – unter anderem spielt ein Kind auf dem Tisch. Der symbolistische Stil mutet sehr archaisch an. Das passt, denn immerhin soll das Ganze ja im Mittelalter passieren.

Und das Relief ist eine Mahnung, dass man beim Spazieren durch Prag immer die Augen für die kleinen Details offenhalten sollte. Dann entgeht einem auch nicht dieses recht bedeutende Kunstwerk am unerwarteten Ort. (DD)

Spitzenrestaurant in überbordendem Art déco

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Es gibt sicher noch andere Orte in Prag, in denen man sehr gut essen kann. Aber in keinem anderen dürfte man es auch noch in so prachtvoller Umgebung tun. Das Café Imperial (Adresse: Na poříčí 1072/15) hat seinen Weltruhm satt verdient.

IMG_6821Zunächst einmal zum Essen und Trinken: Die Speisekarte ist nicht sehr umfänglich, was in diesem Fall darauf hindeutet, dass hier Frische und zeitnahe Zubereitung vor Massenabfertigung gesetzt werden. Kein Wunder, denn der Chef der Küche ist einer der bekanntesten Fernsehköche Tschechiens, Zdenek Pohlreich. Es gibt neben internationaler Haute Cuisine auch moderne und leichte Varianten traditioneller tschechischer Gerichte.

Die Auswahl der Weine besticht, insbesondere was das Angebot tschechischer Weine angeht, die man in dieser Qualität nicht überall findet. IMG_6819Wem Wein nicht mundet, der ist mit dem hausgebrauten Dunkelbier ebenfalls nicht schlecht beraten

Aber selbst wenn die Kulinarik weniger gut ausfiele, der Besuch lohnte sich noch immer – und zwar alleine wegen der umwerfenden Innenausstattung des Restaurants. Das Gebäude wurde 1914 von dem Architekten Jaroslav Benedikt erbaut. Es ist aber weniger die Architektur selbst als das Interieur, das das Imperial so berühmt gemacht hat. Man kann hier von einem Restaurant als Gesamtkunstwerk sprechen. Dies verdankt man den Keramikfließen und Skulpturen der Künstler Jan Beneš und Josef Drahoňovský. IMG_6826Beide schufen ein opulentes und in sich kohärentes Meisterwerk überbordenden Art Decos mit vielen antikisierenden Elementen. Der Eingangsbereich des dazu gehörenden Hotels ist ganz im Stile des löwen-bestückten babylonischen Ischtar-Tors (heute Pergamonmuseum, Berlin) gehalten. Aber das geübte Auge wird in den verschiedenen Räumen noch viel mehr mehr oder weniger versteckte Anspielungen an antike Kunst finden.

Zur Geschichte: Das Imperial, das in der Zwischenkriegszeit IMG_6823seine Blüte erlebte (Tomáš Garrigue Masaryk, Franz Kafka und Leoš Janáček  waren Stammgäste), wurde nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 verstaatlicht. Das Hotel wurde vom gleichgeschalteten tschechoslowakischen Gewerkschaftsverband in Beschlag genommen und blieb für normale Gäste geschlossen. Das zeigte zwar wieder einmal, dass – ganz im Orwellschen Sinne –  im Kommunismus alle Menschen gleich, IMG_6828einige jedoch erheblich gleicher waren, hatte aber einen Vorteil: Der schöne Bau wurde nicht zerstört, weil er den Herrschenden nutzte. So überlebte er auch die dunkelsten Zeiten des Landes einigermaßen intakt. Immerhin …

Die Samtene Revolution beendete gottlob den kommunistischen Spuk 1989 und seitdem ist das Imperial wieder ein öffentlich zugängliches Restaurant und Hotel. Zwischen 2005 und 2007 wurde es noch einmal gründlich renoviert und erstrahlt seither in vollem Glanze! (DD)

Die Kirche des modernen Prags

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Sie gehört zu den beeindruckendsten Sakralbauten der Moderne in Prag: Die Herz-Jesu-Kirche (genauer: Kirche des heiligsten Herzens des Herrn; auf Tschechisch: Kostel Nejsvětějšího Srdce Páně) auf dem Georg-von-Podiebrad-Platz (Náměstí Jiřího z Poděbrad). Erbaut wurde sie von dem berühmten slowenischen Architekten Jože Plečnik in den Jahren 1928 bis 1932.

Plečnik wurde in hohem Maße IMG_5286vom Präsidenten der Ersten Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, geschätzt, der in ihm den idealen künstlerischen Repräsentanten einer neuen avantgardistischen und modernen Tschechoslowakei sah und sich seine Amtsräume auf der Burg von ihm ausgestalten ließ. Kaum ein Gebäude in Prag repräsentiert so deutlich diesen Anspruch, das moderne Prag zu repräsentieren, wie die Herz-Jesu-Kirche im Stadtteil Vinohrady.

Steht man vor der sehr effektvoll in der Mitte des Platzes errichteten Kirche, kann man nicht unbeeindruckt sein. Dafür sorgen schon die Ausmaße: 42 Meter Turmhöhe. Die durchsichtige Turmuhr hat einen Durchmesser von 7,6 Metern. Mehr noch ist es aber die kühne Formgebung, die besticht. In geschickter Kombination von Art Déco und altägyptischen Stilelementen hat sich der Architekt von der Arche Noah inspirieren lassen. Tatsächlich wirkt der Rumpf wie ein monumentales Schiff. Der Turm IMG_2582unterstreicht diese Monumentalität nicht nur durch seine Höhe, sondern vor allem dadurch, dass er wie eine Querwand über dem Schiff steht – gleichsam wie ein Segel.

Auch der Innenraum sprengt – ohne dabei ungebührlich revolutionär anzumuten – die Konventionen des bisherigen Kirchenbaus. Es gibt keine hohen Fenster wie etwa in gotischen Kathedralen, sondern es laufen kleine Fenster oben unter der Decke um den rechteckigen Raum. Sie nehmen mit der Ungleichmäßigkeit, mit der sie den Raum IMG_2581beleuchten, dem Inneren die Strenge. Der eiegntlich sehr übersichtliche Raum wirkt (bis sich die Augen daran gewöhnt haben) rätselhaft unübersichtlich und mysteriös. Die schummerige Atmosphäre, die dadurch entsteht, trägt zum Raumerlebnis bei.

Die sparsam, aber effektvoll eingesetzten Dekorationen bzw. Skulpturen steigert den Effekt. Das spärliche Licht spiegelt sich auf vielfältige Weise in den Vergoldungen. Am hellsten ausgeleuchtet ist die große Altarwand, die – ungewöhnlich für eine katholische Kirche – ohne Kanzel auskommt.

Bildhauerwerke stammen alle von Damjan Pešan, der ein guter Freund von Plečnik war, der auch dafür sorgte, dass sich die Innenausgestaltungen sich nahtlos in die Gesamtkonzeption einfügten.

Der politische Anspruch, ein passendes archetektonisches Statement der Ersten Republik zu sein, kommt auch nicht zu kurz. Nicht nur die Modernität der Architektur, sondern die Auswahl der Heiligen, die neben dem Altar wie schwebend angebracht sind, bringt das zum Ausdruck. Es sind dies vor allem böhmische „Nationalheilige“ wie Nepomuk, Wenzel, Prokopios oder Ludmilla. Wer eine Kirchentour durch Prag unternehmen will, sollte die Herz-Jesu-Kirche in Vinohrady dabei auf keinen Fall auslassen. (DD)

Arbeit in Art Déco

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Seit Jahresbeginn arbeite ich in einem neuen Büro. Die Friedrich-Naumann-Stiftung ist in die Jugoslávská 29 umgezogen. Das von außen eher unscheinbare Bürohaus (kleines Bild links) am  Náměstí Míru entpuppt sich von innen als ein Juwel des Art Déco. img_1639

Besonders das Treppenhaus beeindruckt durch seine für diese Stilrichtung typischen klaren und schwungvollen Linien. Diese schlägt sich auch in unzähligen Details des Baus – bis hin zu den Art-Déco-Türklinken – nieder, der sich über die Zeitläufe gut erhalten hat bzw. hervorragend restauriert wurde.

Das Valdek-Haus genannte Gebäude wurde 1928/29 von dem Architekten Bohumil Belada (1874-1964) erbaut, der schon 1926 durch seine ersten, visionären  Entwürfe zur Prager Metro Berühmtheit erlangt hatte. Deren Gestaltung wurde zwar am Ende nicht realisiert, was nichts mit irgendwelchen Qualitätsmängeln zu tun hatte, sondern mit den Bauverzögerungen, die sich bis in die 1960er Jahre hinzogen. Da war Art Déco schlichtweg nicht mehr in Mode. Immerhin: Das Liniennetz basiert in seiner heutigen Form auf seinen Plänen. Die Metro dankte es ihm mit einer Gedenktafel an der Station „Muzeum“.img_1630

Es handelt sich beim Valdek-Haus um eine nach damaligen Maßstäben hochmoderne Stahlkonstruktion, die mit Ziegeln ausgefüllt ist. Seine Begeisterung für die moderne Hochhausarchitektur hatte Belada 1904 auf einer Studienreise in die USA erworben. Ursprünglich befanden sich im Valdek-Haus übrigens ein im gleichen Art-Déco-Stil gestaltetes Kino und ein Tanzcafé, wovon aber mittlerweile nichts mehr zu sehen ist.

Der Grund: 1993/95 wurde das Erdgeschoss umgebaut, um eine Bank zu beherbergen. Heute steht das ganze Haus gottlob unter Denkmalschutz. (DD)

Der Geist des Absinths

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Am Ufer der Moldau, direkt gegenüber des Nationaltheaters liegt ein Café, dass immer noch vom Flair des echten Künstlertreffs umgeben ist: Die 1884 gegründete Kavárna Slavia. Die Kuchen-, Speise- und Getränkeauswahl ist solide gut (in Prag gibt es in dieser Hinsicht an vielen Orten Umwerfenderes), aber der eigentliche Grund für einen Besuch ist das Ambiente des Ortes. An den Wänden hängen die Bilder illustrer Kunst- und Literaturschaffender, die das Café des öfteren frequentierten. Karel Čapek, Egon Erwin Kisch, Vacáv Havel und viele andere. Das schafft schon einmal die richtige Atmosphäre.

Wer gerade aus der Oper kommt, kann hier einen Kulturabend schön ausklingen lassen. Inspirierend ist vor allem die originale und einzigartige Art-Deco-Einrichtung, die aus den 30er Jahren stammt. Die Bildergalerie gibt einen kleinen Eindruck wieder.

Was inspirierte die Künstler an diesem Ort? An einer Wand des Cafe´s hängt das berühmte Gemälde „Der Absinthtrinker“ von Viktor Oliva (unten) aus dem Jahre 1901, in dem der Künstler seine Idee dazu zum Besten gibt. Hier erscheint einem Literaten der grünliche Geist des ebenso grünlichen Schnapses, der mit seinen 70% Alkoholgehalt unfehlbar zur mentalen Inspiration verhilft. Ihm zu Ehren sollte man sich aus den Kaffeespezialitäten dann auch den „Kaffee Slavia“ genehmigen, der mit dem grünen Destillat versetzt ist.(DD)

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