Legendäre Herzöge – befördert!

Es besteht kein Zweifel, dass die Herrscherdynastie der Přemysliden Böhmens historische Größe im Mittelalter begründete. Ihre Ursprünge liegen aber im Dunklen. Erst mit Bořivoj I, der als erster von ihnen um das Jahr 883 getauft wurde, begegnet uns ein tatsächlich nachweisbarer Herrscher. Alle früheren gehören ins Reich der Legenden. Wer die kennenlernen will, sehe sich die lehrreiche Fassade des Hauses zu den Fünf Königen (Dům U Pěti králů) in der Vyšehradská 415/9 in der Neustadt (Prag 2) an.

Oft sieht man die lediglich legendären Herrscher nicht abgebildet. In der Regel sind nämlich auch die Legenden recht sparsam an echten Informationen und auch nicht sonderlich spannend. Keine Kämpfe mit wilden Drachen, die holde Jungfrauen bedrohen, kommen da vor. Deshalb ist die Aneinanderreihung von Bildern der Legendenherrscher auf Höhe des ersten Stocks schon etwas besonderes. Aus der Reihe dieser Herrscher ragt nur der Begründer der Dynastie, den wir oben im großen Bild sehen, heraus, was den Stoff angeht, aus dem Legenden gesponnen werden: Přemysl, genannt „der Pflüger“. Er taucht erst Jahrhunderte nach seinem Tod erstmals in der Chronik der Böhmen (Chronica Boemorum) des Cosmas aus dem frühen 12. Jahrhundert aus. Die erzählt, wie er Gründer der Dynastie wurde (dazu auch hier). Eigentlich hätte nämlich Fürstin Libuše, die Tochter des verstorbenen Herrschers Krok, regieren sollen. Das wollten die misogynen Ur-Tschechen nicht, gestateten ihr aber, dass sie den männlichen Herrscher durch die Heirat eines Mannes ihrer Wahl bestimmen könne. Diese Entscheidung überließ sie ihrem Pferd, das sie freiließ, um einen Mann für sie zu suchen. Durch gute Geister geleitet, lief das Pferd auf den ahnungslose auf dem Acker pflügenden Pflüger Přemysl zu, der dadurch zu seiner Überraschung Fürstinnenehemann und Herrscher wurde (hier übrigens passend mit Pflug dargestellt). Da er aber seine Sache gut machte, dachte danach auch niemand mehr an einen Dynastiewechsel, solange es männliche Thronfolger gab.

Der (vermutliche, denn explizit wird es in den Chroniken nicht gesagt) Sohn und Nachfolger befindet sich in der chronologischen Darstellung auf der Hausfassade direkt neben Přemysl. Es handelt sich um Nezamysl, über den man bei Cosmas wenig mehr erfährt, als dass er eben der Nachfolger war. Auch die zweite mittelalterliche Quelle, die Dalimil-Chronik aus dem 14. Jahrhundert, liefert nicht mehr Informationen.

Soll man vielleicht gar an Nezamysls Existenz zweifeln? Irgendwie ist schon der Name ein Witz. Er ist das Gegenteil des väterlichen Namens. Während „Přemysl“ soviel wie „der Nachdenkende“ bedeutet, heißt „Nezamysl“ im Tschechischen in etwa „der Nicht-Nachdenkende“. Daraus hätte man witzige Geschichten machen können – eine Gelegenheit, die die mittelalterlichen Chronisten leider nicht nutzten. So sieht man ihn denn unverspottet mit einem kleinen Hammer in der Hand (wie einst Chris Howland vor dem Öffnen des Sparschweins) stehen, den Blick dem in den Legenden viel prominenter dastehenden Vater zugewandt.

Es folgt: Nezamysls Stammhalter und Nachfolger Mnata, über den sonst nichts gesagt wird. Ihm folgt chronologisch Vojen, von dem ein wenig mehr überliefert ist, denn es wird immerhin in den Chroniken festgestellt, dass er jung und kräftig gewesen sei. Was er mit seinen Kräften so genau gemacht hat, wissen wir nicht. Auch hier wieder eine von den Chronisten verpasste Gelegenheit. Und noch etwas ist überliefert, was aber Konfusion verursachte – auch hier an der Häuserfassade.

Bei Cosmas heißt es, sein Nachfolger sei Vněslav gewesen. Dalimil erzählt, dass Vojen sein Reich unter zwei Söhne aufgeteilt habe, von denen einer Vlatislav hieß. Der ist hier als Vratislav abgebildet. Den Grund, warum das hier so ist, weiß man nicht. Das macht aber nichts, weil hier die Kette sowieso abreißt. Die drei nächsten legendären Herrscher Křesomysl, Neklan und Hostivít fehlen. Die Fassade erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aber warum sieht man auf dieser Hausfassade überhaupt die alten Legendenherrscher? Deren überlieferte Taten waren ja – bis auf das Wahlverfahren per Pferd bei Přemysl – nicht gerade spektakulär. Das hat etwas mit dem barocken Haus zu tun, das hier vor diesem neueren Gebäude stand. Um dieses frühere Haus hatte sich nämlich irgendwann die Legende gebildet, dass darunter (am Fuß der alten Königsburg Vyšehrad) die fünf Herrscher begraben seien. Deshalb gab es schon auf dem barocken Vorgängerbau der legendären Herrscher Gemälde, die diese darstellten. Sie stammten von Wenzel Bernhard Ambrozy, dem Hofmaler von Kaiserin Maria Theresia, der sie um 1750 anfertigte. In dem Gebäude befand sich ein Gasthaus. Als es abgerissen wurde, um den heutigen Bau Platz zu schaffen, fand man natürlich keine früh-přemyslidischen Herrschergräber darunter.

Nun zu dem, was man heute sieht: Das neue vierstöckige Haus wurde 1906 vom Architekten Otakar Václavík im Stil der Neorenaissance erbaut, über den ich sonst nicht viel erfahren konnte. Den alten Legenden um das Haus wollte man aber Ehre erweisen und deshalb schuf der bekannte Historienmaler Láďa Novák, den viele Touristen als den Schöpfer der Wandmalereien in der berühmten Gaststätte U Fleků kennen (wir berichteten hier), neue und sehr phantasiereiche „Portraits“ der alten Herrscher. Der Name Haus zu den Fünf Königen wurde oben am Giebel angebracht. Bei dem alten Haus waren übrigens sechs Herrscher abgebildet, denn man hatte den Heiligen Wenzel (Svatý Václav) hinzugefügt, der aber nicht zu den legendären Herrschern gehörte, sondern sehr real war (und definitiv im Veitsdom begraben ist).

Ansonsten ist der Hausname historisch sowieso inkorrekt. Denn die fünf Herrscher hatten es stets nur zum Herzogentitel gebracht. Der erste Přemyslide mit einem Königstitel war Vratislav II., der erst 1085 gekrönt wurde. Das Haus müsste eigentlich also Dům U pěti vévodům (Haus zu den Fünf Herzögen) heißen. Aber die Beförderung sei den alten Herzögen posthum von Herzen gegönnt. Und bei Wenzel passiert das sowieso oft, vor allem wegen des vor allem in der angelsächsichen Welt bekannten Weihnachtsliedes Good King Wenceslas, das den Herzog als König besingt.

Ach ja, im jahre 1908 – zwei Jahre nach Einweihung des Hauses – eröffnete die Modedesignerin Hana Podolská hier ihren ersten Modesalon. 1915 zog sie allerdings näher in die Innenstadt. Dort begann sie eine Karriere, die sie für viele Menschen hier zu tschechischen Coco Chanel werden ließ. Und so erzählt dieses Haus nicht nur von Legenden, sondern ließ auch eine wahr werden. (DD)

Fundort mit Moldaublick

Hoch und steil über der Moldau ragt der Felsen empor. Schon alleine wegen der weiten Aussicht, lohnt es sich, die Řivnáč-Höhe (vrch Řivnáč) zu ersteigen, die am Flussufer zwischen den Ortschaften Roztoky und Úholičky rund 10 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist – also ein schönes Wochenendziel. Aber es handelt sich um mehr, nämlich um eine archäologische Sehenswürdigkeit ersten Ranges.

In den Jahren 1881 bis 1883 erforschte der Mediziner und Amateurarchäologe Čeněk Rýzner das Areal, das sich als eine vorgeschichtliche Siedlungs- und Festungsanlage, die Hradiště Řivnáč, erwies. Er fand Reste von Wällen, Brandbestattungsgräbern und Keramikfunden in Hülle und Fülle. Das Wort „Amateur“ bedarf im Kontext von Rýzner übrigens einer Erklärung. Eigene Lehrstühle gab es damals kaum, weshalb die meisten Archäologen irgendwie formal „Amateure“ waren. Rýzner war aber mehr als voll auf der Höhe des archäologischen Wissens seiner Zeit, ja eine Kapazität ersten Ranges. Was er hier zu Tage förderte und systematisch erforschte, war einer der bedeutendsten Fundorte der sogenannten Řivnáč-Kultur, die als der böhmische Zweig der Kugelamphoren-Kultur ungefähr zwischen 3100 und 2700 v. Chr. bestand, und die in die Endphase der Jungsteinzeit (Übergang zur Bronzezeit) eingeordnet werden muss.

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Um bei Rýzner zu bleiben: Er hatte schon im Jahre 1880 im nahen Únětice die Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) erstmals mit Funden belegt und erforscht – ein böhmischer Zweig der frühbronzezeitlichen Kultur. 1884 sollte er etwa in Přemyšlení weitere bedeutende Ausgrabungen zur Řivnáč-Kultur machen. Ab 1888 war er sogar Gründungspräsident der renommierten und heute immer noch bestehenden Gesellschaft der Freude der Altertumskunde (Společnost přátel starožitností). Er gehörte zu den bedeutendsten Vertretern seiner Zunft in Böhmen und kann vielleicht sogar als ihr Stammvater bezeichnet werden.

Zurück zur Řivnáč-Höhe: Nach Rýzner gab es immer wieder Ausgrabungen, die wegen der langen Siedlungsgeschichte des Orte immer wieder fündig wurden. 1924 entdeckten Archäologen sogar einen Münzfund mit Denaren aus der Zeit um 1012, was belegte, dass die Anlage im frühen Mittelalter zumindest ab und an genutzt wurde. Manche Forschung fand unter schwierigen Bedingungen statt. Während des „Reichsprotektorats“ in der Zeit des Zweiten Weltkriegs fanden Ausgrabungen unter dem Archäologen Ivan Borkovský statt, der unter dem Druck der Nazis stand, wesentliche archäologische Funde als „germanischen Ursprungs“ zu erklären. Das ahm man ihm später übel, obwohl ihm ja kaum andere Möglichkeiten geblieben waren.

Weitere Ausgrabungen legten Funde aus anderen Epochen der Vorgeschichte frei – etwa aus der Trichterbecherkultur (ca. 4200-2800 v. Chr.) und der Glockenbecherkultur (ca. 2600.2200 v- Chr.). Schaut man sich das Areal an, versteht man, warum es eines der frühesten und langlebigsten Siedlungsorte im heutigen Tschechien handelt. Das sich über 0,2 Hektar erstreckende Areal liegt 120 Meter über der Moldau und ist von drei Seiten durch steile Felsen geschützt. Daher ließ sich die schmale Zugangsseite im Süden einfach durch Wall- und Grabenanlagen verteidigen. Der Ausflug auf die Höhe lohnt sich (man kann ihn mit einer kleinen Wanderung zur nahen Slawenfestung Leyý Hradec verbinden). Für den archäologisch Interessierten gibt es eine interessante Infotafel in Tschechisch, Englisch und Deutsch (!), die den Fundort erklärt. Und man kann die Aussicht auf den schönen Fluss genießen. (DD)

Fiktive Ersatzgeschichte

Vor tausenden von Jahren opferten an diesem schaurigen Ort altslawische Druiden in nächtlichen Zeremonien Jungfrauen nach Riten, die vom Lauf der Sterne bestimmt waren, den sie mit Hilfe der heiligen Megalithblöcke genau berechnet hatten… Keine Sorge, das habe ich mir jetzt selbst ausgedacht. In Wirklichkeit gibt es das Stonehenge von Úvaly erst seit 2015.

Und zu dieser Zeit waren blutige Menschenopfer in Tschechien möglicherweise bereits illegal. Und den Gang der Gestirne kann man wohl durch diese Steine auch nicht so recht präzise bemessen. Die einzige höhere Macht, die hier eindeutig sichtbar wird, ist die Europäische Union, die aus einem ihrer Fonds diese Nachempfindung des echten Stonehenge (das sich ja in England befindet) mitfinanziert hat und auf diese Tatsache offensiv durch kleine (kultische?) Infotafeln hinweist.

Die Steine befinden sich in einem schönen und waldigen Wanderareal nahe der kleinen Stadt Úvaly, die rund 15 Kilometer östlich von der Stadtmitte Prags liegt und bei Ausflüglern sehr beliebt ist. Nun ja, eigentlich sind es Kunststeine, die nach dem Entwurf des Prager Architekturbüros MR|&|S hier aufgestellt wurden und keine echten Menhire (gemeinhin auch als Hinkelsteine bekannt). Die beiden Steinkreise, von denen man den kleineren oben im großen Bild sehen kann, und den größeren oberhalb rechts, dienen als Spielplätze für Jugendliche.

Die spielen da bei kleinen Rastaufenthalten vom Wandern tatsächlich gerne, wie wir beobachten können. Man kann hier prima Klettern üben, ohne zu tief zu fallen, wenn mal was schief geht. Das tschechische Stonehenge steht übrigens tatsächlich auf historischem Boden, wenngleich nicht in die Zeiten der Menhire und Megalithen zurückreichend. Hier stand dereinst ein befestigter Landsitz, der einem Adligen namens Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, gehörte. Der gehörte zu den Initiatoren des Zweiten Prager Fenstersturzes, der 1618 den Dreissigjährigen Krieg auslöste (wir berichteten hier). Er erlebte die Niederlage nicht mehr, aber seine Familie wurde enteignet. Von dem Gebäude sieht man aber rein gar nichts mehr. Dafür hat man hier heute mit dem neuen Stonehenge ein Stück fiktiver Ersatzgeschichte. (DD)

Keltenfestung (auch später benutzt)

Nirgendwo sonst blühte dereinst die Kultur der Kelten so sehr wie im Süden Prags. So liegt am Ostufer der Moldau gegenüber des Stadtteils Zbraslav die Keltenstadt und -festung Závist (wir berichteten bereits hier), die die größte ihrer Art in Europa war. Weniger bekannt, aber die Größe des Ganzen noch einmal unterstreichend, ist die Festungswallanlage Šance (Schanze), über deren imposante Wälle heute teilweise ein Wanderweg führt.

Sie liegt oben auf dem Berg, der sich direkt hinter (östlich) des Berges von Závist befindet. Getrennt werden die beiden Oppidae (so der Archäologen-Fachbegriff) durch das tiefe und felsig-malerische Tal des Břežanský Baches (Břežanský potok). Das Tal war offenbar eine wichtige Weg- und Handelsroute, die nun kurz vor der Mündung des Baches in die Moldau von zwei Seiten durch je eine befestigte Siedlung verteidigt werden konnte.

Die Befestigungen der Siedlung Šance wurde wohl im 1. Jahrhundert vor Christus von Kelten der Eisenzeit (Latènekultur) erbaut. Es handelte sich primär um Erdwälle, auf denen sich (nicht mehr erhaltene) Holzpalisaden befanden und die an einigen Stellen durch (sichtbare) Gräben (Bild rechts) ergänzt wurden. Besiedelt war der Berg wohl schon lange vorher. Systematische Ausgrabungen gab es noch nicht, aber diejenigen kleineren Ausgrabungen, die stattfanden, förderten Artefakte aus der Bronzezeit (ca. 600 v. Chr.) zu Tage. Der Platz lud offenbar früh zur Besiedlung ein.

Es ist zu vermuten, dass die späteren Wallanlagen von Šance und Závist gleichzeitig und zu einem gemeinsamen strategischen Zweck erbaut wurden. Rund 15 Hektar (das sind 150.000 Quadratmeter) umfasst die Gesamtanlage. Die Wälle und teilweise auch die alten Wassergräben hoch oben auf dem Berg sind über Kilometer hinweg gut erhalten und gut zu besichtigen. Die örtlichen Behörden haben einen Keltenlehrpfad (Keltská stezka) eingerichtet, der über die Festung und die Natur des Areals informieren.

Ja, und die Natur ist tatsächlich beeindrucken. Nicht zuletzt ist das Ganze daher nicht nur ein geschütztes Kulturdenkmal, sondern auch ein Naturschutzgebiet. So nahe an der Stadt kann man atemberaubende Aussichten über riesige Waldlandschaften genießen. Der Wald im Gebiet der Šance zeichnet sich durch seinen hohen Reichtum an verschiedenen Baumarten aus.

Jedenfalls lädt das Areal die Prager Stadtbewohner zu herrlichen Ausflügen ein. Man kann und sollte sich auch die Zeit nehmen, die gegenüber liegende Wallanlage von Závist zu erwandern, auch wenn man beim Aufstieg sich ganz schön abrackern muss. Wer das nicht will kann von einigen Aussichtspunken am Wall der Šance dem gegenüberliegenden Gipfel sehen, auf dem Závist liegt.

Die keltische Besiedlung endete in der Zeit des Einfalls der germanischen Markomannen in das Gebiet des heutigen Tschechiens im 1. Jahrhundert nach Christus. Die Germanen ließen das Gelände offenbar brachliegen. Aber die immer noch imposanten Wallanlagen und die bis zu drei Meter tiefen und 15 Meter breiten Gräben bildeten immer noch im Notfall eine Verteidigungsanlage, die nutzbar war. Das scheint etwa während der Hussitenkriege im Spätmittelalter nach 1420 der Fall gewesen zu sein.

Auch im Dreissigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert und während der Angriffe Friedrichs II. auf Prag (1741 und 1757) wurden die Wallanlagen immer wieder kurzfristig als Verteidigungsanlagen reaktiviert. Das letzte Mal passierte das während des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) vom 5. bis 8. Mai 1945 als tschechische Aufständische hier gegen deutsche Truppen kämpften, die sich vor der Roten Armee zurückziehen wollten – ein Kampf der in den letzten Kriegstagen noch zahlreiche Menschenleben kostete.

Heute könnte es nirgendwo friedlicher sein. Während man bei den Archäologen, die hier in den 1970er Jahren und Anfang dieses Jahrtausend nur geringfügige Ausgrabungen unternahmen, noch ein wenig warten zu müssen scheint, bis die Erschließung im großen Stil erfolgt, hat die lokale Politik uns hier jedenfalls ein schönes Lehr- und Erholungsgebiet beschert. Es lohnt sich jedenfalls, einen kleinen Ausflug hierhin zu machen. (DD)

Wo die Tschechen christlich wurden

Ein älteres Gotteshaus als dieses wird man in Tschechien nicht finden. Die Kirche des Heiligen Klement (Kostel sv. Klimenta) gibt es seit dem Jahr 884. Da war es erst ein Jahr her, dass sich der böhmische Herzog Bořivoj I. am Hofe des großmährischen Herrschers Svatopluk I. hatte taufen lassen.

Bořivoj und vor allem seine Frau, die spätere Heilige Ludmilla, betrieben darob in ihren böhmischen Landen (die damals mehr oder weniger den heutigen Großraum Prag umfassten) eine forcierte Politik der Christianisierung. Dazu gehörte auch, dass sie auf dem Gelände ihrer Stammburg Levý Hradec nahe der Ortschaft nur wenige Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ortschaft Roztoky oben auf dem Berg eine Kirche errichteten. Nach dem Tode Bořivojs konnte auch in der Regierungszeit der seiner beiden Söhne Ludmilla offenbar über das Gefolge und große Teile des herzoglichen Besitzes verfügen. Vor allem wurde sie Vormund des Enkels, dem späteren Herzog und Heiligen Wenzel.

Das brachte sie in Konflikt mit Wenzels Mutter Drahomíra, die sich um ihren Einfluss gebracht sah, und 921 die Schwiegermutter mit einem Halstuch erwürgen ließ. Dem guten Wenzel wiederfuhr 928 oder 935 (genau weiß man das nicht) ebenfalls ein blutiges Ende zuteil als er von seinem Bruder (und Nachfolger) Boleslav ermordet wurde. Bei allen diesen innerfamiliären Mördereien unter den Přemysliden ging es nicht zuletzt darum, was für ein Christentum sich von der Kirche des Heiligen Klement aus verbreitete. Sollte man sich religiös, kirchenorganisatorisch und machtpolitisach nach Westen – zum Deutschen Reich – orientieren, wie Ludmilla und Wenzel es wollten? Oder Distanz halten, wie es Boleslav (langfristig erfolglos) versuchte?

Diese Fragen wurden allerdings schon bald nach dem Bau der Kirche andernorts entschieden, denn schon um 885 hatte Herzog Bořivoj damit begonnen, den Stammsitz von Levý Hradec auf die von ihm gegründete Prager Burg zu verlegen. Dort gab es auch eine neue Kirche, die heute nicht mehr erhaltenen Kirche der Jungfrau Maria, und bald darauf die zu einem Kloster gehörende Georgsbasilika (wo u.a. die Heilige Ludmilla beerdigt wurde). In deren Besitz fiel übrigens Levý Hradec 1233. Da war es mit der Burg aber schon vorbei, denn der deutsche Kaiser Heinrich III. zerstörte Burg und Kirche im Zuge seines Feldzugs gegen den böhmischen Herzog Břetislav I.. Während die Burg aufgegeben wurde und verfiel, wurde die Kirche immerhin wieder aufgebaut, diesmal im romanischen Stil. Im 14. Jahrhundert fügte man dem Gebäude ein Presbyterium hinzu und gotisierte es durchgängig.

Aus dieser Zeit stammen die sensationellen Fresken in der Apsis. Sie sind sowohl wegen ihres Erhaltungsstandes als auch wegen ihrer künstlerischen Gestaltung bemerkenswert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, die Passion Christi (Bild rechts) und Darstellungen der Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und Ambrosius.

Auch böhmische Heilige werden berücksichtigt. Aus einer Nische schaut uns der Heilige Adalbert (im Tschechischen Vojtěch genannt) an. Der wurde 983 unter Herzog Boleslav II. zweiter Bischof von Prag, das er zum eigentlichen Kirchenzentrum Böhmens machte. Insofern steckt eine gewisse Ironie darin, dass er hier abgebildet ist, trug er dadurch zum weiteren Niedergang der Bedeutung der ersten Kirche des Landes bei, die heute eine einfache katholische Gemeindekirche ist. Dass neben ihm auch die heilige Ludmilla in Ehren gehalten wird, versteht sich von selbst, da sie tatsächlich eng mit der Blütezeit der Kirche verbunden ist.

1684 wurde die Kirche umfassend vergrößert. Ein barockes Schiff wurde angebaut, was wohl einige Fresken zerstörte. Dabei wurde auch der Glockenturm errichtet. Von außen sieht man nun eine für viele Kirchen im Lande typische Mischung von Gotik und Barock am Werke. Wenn man es nicht wüsste, könnte man auf den ersten Blick so nicht erkennen, wie alt die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber auf den zweiten Blick! Dazu bedurfte es der Ausgrabungen, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter der Kirche vorgenommen wurden. Die förderten die Grundmauern einer Rotunde mit kleiner Apsis zu Tage, die lange Zeit vor dem heute sonst sichtbaren Kirchengebäude gebaut worden sein muss. Das Ganze kann man heute bei einer Führung durch einen kleinen Treppeneinstieg im Inneren der heutigen Kirche besichtigen.

Man kann sogar durch ein Gitter einen kleinen Eindruck vom Innenraum dieser uralten Kirchenrotunde gewinnen (Bild rechts). Die Kirche aus der Frühzeit des hiesigen Christentums war damals wohl recht klein. Zunächst glaubte man, dass es sich tatsächlich um jenen Bau von Herzog Bořivoj und seiner Ludmilla handelte, in dem das Christem in Böhmen begann. Neuere Forschungen des Archäologen und Mediävisten Petr Sommer haben jedoch ergeben, dass die Mauern wohl auf die Zeit um das Jahr 1000 zu datieren sind. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Urkirche in Wirklichkeit nur ein kleiner Holzbau war, der die Zeitläufe nicht lange überstanden hat.Nichts ist von ihm geblieben.

Wieder aus dem Keller mit den alten Grundmauern aufgestiegen, kann man noch einige schöne Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert bewundern. Hier posiert Lady Edith (der Kirchenführer hatte erlaubt, dasss sie in die Kirche durfte, weil es draußen furchtbar regnete – so sind die Tschechen, wen es um Hunde geht!) vor dem Grabdenkmal von David Boryně ze Lhoty, einem Adligen, der 1565 unterhalb im Moldautal das Schloss Roztoky erworben hatte, das er danach im Renaissancestil umbaute. Die Nachfahren verloren das Schloss nach dem gescheiterten Ständeaufstand von 1618 als die siegreiche Habsburger Seite das Anwesen konfiszierte. David Boryně ze Lhoty, der das gottlob nicht mehr erleben musste, ließ sich bezeichnenderweise nicht unten im Tal beerdigen, sondern in der Klementkirche – ein Zeichen, welch eine Symbolkraft hinter dem Gebäude immer noch steckte.

Und draußen kann man noch ein wenig die alte Burganlage erkennen, zu der die Kirche gehörte. Es hanelt sich um eine Anlage aus dem 9. Jahrhundert. Bořivoj war der erste böhmische Herrscher, dessen Existenz wirklich erwiesen ist. Bei Burgen aus dieser Vorzeit gab es keine Zinnen, Steinmauern und Burgfriede. Meist wurde ein großes Areal mit einem Erdwall umgeben, auf den dann Pallisaden aus Holz gesetzt wurden. Und so sieht man von der Burg Levý Hradec eigentlich heute nur die recht großen Erdwälle.

Die kann man umwandern. Im ganzen Areal ist ein Lehrpfad mit Tafeln errichtet, die über archäologische und historische Details von Burg und Kirche informieren. Die Kirche kann man normalerweise nur von außen besichtigen, außer an Wochenenden. Dann steht ein Führer bereit, der einem die Kulturschätze der doch recht kunstvollen Kirche erklärt. Sollte er nicht unmittelbar auffindbar sein, sollte man in die nahegelegene Medová Kavárna (Honig Café) gehen, und zwar aus zwei Gründen: (a) weil dort ausgezeichneten Kuchen und Kaffee gibt und (b) weil die beim Guide anrufen, der dann auch sofort kommt. Die Hilfsbereitschaft (auch auf Englisch) kennt keine Grenzen. (DD)

Vom Wildschweinjäger zum Asteroiden

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert liebten es die Tschechen, ihre Wohnbauten mit nationalgeschichtlichem Pomp auszustatten. Damit unterstrich man seine vom österreichischen Habsburgertum abgesetzte patriotische Gesinnung.

Ein besonders schönes Beispiel für in Stuck gegossene Nationalmythologie befindet sich auf dem Giebel des U Bivoje genannten vierstöckigen Mietshauses. Dort oben sieht man ihn ankommen, den wackeren Helden Bivoj – ein erjagtes Wildschwein auf dem Rücken tragend. Muskulöse slawische Krieger, wie frisch dem Bodybuilding-Studio entsprungen, begleiten ihn.

Holde Damen warten am nahen Tor, von denen eine Kazi heißt und sich in Bivoj umgehend verliebt. Kazi ist eine Schwester von Libuše, der legendären Begründerin des böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden (siehe auch hier). Schließlich hatte der Eber, den Bivoj erlegte, bereits die ganze Umgebung von Kavčí hory im Süden von Prag verwüstet und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Kein Jäger hatte ihn töten können – nur eben der wackere und starke Bivoj. Gleich wird Kazi den toten Eber zu Füßen gelegt bekommen. Und dahinschmelzen….!

Die schöne Sage von Bivoj und Kazi aus der Frühgeschichte Böhmens entstammt der Dalimil Chronik aus dem 14. Jahrhundert, die übrigens die älteste überlieferte Chronik in tschechischer Sprache ist. Und Bivoj wurde, so heißt es in ieser Chronik, reich belohnt durch die Liebe von Kazi. Der gemeinsame Sohn Rodislav sollte zu Ehren der Heldentat einen Eberkopf im Wappen führen dürfen. Und noch 1980 nannte man einen Asteroiden (Nummer 5797) nach Bivoj. Die Unsterblichkeit war gesichert.

Das große Jugendstil-Wohnhaus, an dessen Giebel sich das sehr opulente Stuckrelief befindet, wurde in den Jahren 1909/10 von dem Architekten Václav Řezníček erbaut, der in Prag zahlreiche Jugendstilhäuser erbaut hat. Es steht am Rande des Ostrčil Platzes (Ostrčilovo náměstí 518/1), der 1952 nach dem Komponisten Otakar Ostrčil benannt wurde. Im Erdgeschoss befindet sich heute übrigens eine Filiale der Stadtbücherei.

Der Künstler, der das Stuckrelief gestaltet hat, schuf damit eine besonders dynamisch aufgebaute Szenerie, die unter den vielen schönen Fassaden mit altböhmischen Legenden und Sagen-Motiven, die es in Prag zu sehen gibt, (früheres Beispiel hier). Hier wurde der besondere Effekt auch dadurch erreicht, dass der wackere Bivoj sich unter des Last des gewaltigen Ebers, den er erledigt hat, nach vorne beugt und dreidimensional aus dem Relief ragt. So wird Bivoj der optische Mittelpunkt der Darstellung.

Darüber sollte man nicht – aller Überwältigung zum Trotz – übersehen, dass das Haus auch noch außer dem Giebel und seinem Legendenbild viel zu bieten hat. Die beiden Erkertürme an den Ecken verleihen ihm einen burgähnlichen Charakter, der die archaische Szene aus der frühen Slawenzeit unterstreicht. Überall befinden sich Stuckornamente in feinstem Jugendstil, wie etwa die oberhalb rechts abgebildete Maskaron. Da das Haus direkt bei den schönen Wiesen im Tal des Botič liegt, lohnt sich ein kleiner Spaziergang dahin auf jeden Fall. (DD)

Kleines Dorf mit viel Geschichte

Dass man in der Nähe des Flusslaufs der Berounka rund 20 Kilometer südwestlich von Prag schöne Ausflüge durch die Natur machen kann, wurde an dieser schon öfters bemerkt (etwa hier). Zu erwähnen sind dabei aber auch die hübschen alten Dörfer, durch die man dabei wandern kann. Die winzige, aber um so malerische Ortschaft Koda mit ihren idyllischen Teichen ist eines von vielen Beispielen.

Das Dorf liegt inmitten des Nationalen Naturschutzgebiets von Koda (Národní přírodní rezervace Koda), das nach dem Ort benannt ist. Wir befinden uns hier in einem der artenreichsten und schönsten Teile des Böhmischen Karsts ( Český kras). Und es handelt sich um ein sehr kleines Dorf mit dennoch erstaunlich viel Geschichte.

Die Ortschaft selbst – ursprünglich wohl ein Holzfällerdorf – wurde 1429 erstmals erwähnt. Der Name ist möglicherweise keltischen Ursprungs. Aber die Siedlungsgeschichte ist viel älter als es mittelalterliche Chroniken erahnen lassen. Oberhalb des Dörfchens kann man heute etwas abseits des großen (blau markierten) Wanderweges die Höhle von Koda (Kodská jeskyně) finden.

Die kann man einfach so betreten. Es wurde dafür gesorgt, dass der hintere Teil, der mehrere hunderte Meter weit reicht, nicht mehr durch einen sehr engen Durchschlupf erreichbar ist. So wird Schaden abgewendet und es ist der Sicherheit der Wanderer gedient. Der nunmehr als einziges sichtbare Eingangsbereich mit seinen glatten und geraden Wänden vermittelt aber ein Verständnis dafür, warum das hier so ein beliebter Siedlungsort war. Die an einem steilen Abhang im Walde befindliche Höhle wirkt fast wie ein gemauertes Gebäude.

1923 begannen hier mehrjährige Ausgrabungen, die bis in der 1930er Jahre andauerten und bei denen die Archäologen durch ihre Forschungen herausfanden, dass die Höhle von der Jungsteinzeit (ca 5000 v.Chr.) an über die Bronzezeit und die keltische Ära bis hin zum Mittelalter eigentlich ständig bewohnt gewesen war.

Jedenfalls war die Ausbeute der Archäologen an Keramikresten, Tierknochen (darunter Reste eines erlegten Mammuts), Werkzeugen enorm und gab viel Auskunft über einen besonders alten Siedlungsraum im alten Böhmen.

Weiter unten beim Orteingang erwartet uns eine andere und neuere geschichtliche Erinnerung – eine die uns gemahnt, dass die Tschechen im 20. Jahrhundert zwei totalitäre Schreckensregime erdulden mussten. Die kleine Gedenktafel erinnert an den örtlichen Wildhüter Bohumil Žíhla, der am 27. Mai 1945 (19 Tage nach der deutschen Kapitulation) von betrunkenen Rotarmisten getötet wurde, als er seine Familie gegen selbige verteidigen wollte. Das war ein erstes Zeichen dafür, dass der Wechsel von der Naziherrschaft zur Sowjetbesetzung für die meisten Bürger des Landes alles andere als eine echte Befreiung war. (DD)

Wandern: Von Jinonice über Butovice zur Geologická

Eine aussichtsreiche Wanderung führt auf dem mit gelben Zeichen gut markierten Weg vom modernen Prag an der Metro-Station Jinonice über eine slawische Festung ins und über das romantische Prokoptal in die Geschichte und Geologie des Prager Karsts. Mit nur einer steilen Steigung mit 75 Meter Höhenunterschied und einer Länge von 5,5 km ist der aussichtsreiche Weg auch recht angenehm zu gehen.

Es beginnt an der mit vielen Neubauten umgebenen U-Bahnstation Jinonice und führt über die Radlická schnell in den Kern des alten Dorfes Butovice, wo sich ein Abstecher zur zuletzt im Spätbarock umgebauten Friedhofskirche des Heiligen Laurentius (Kostel svatého Vavřince) mit romanischen Wurzeln aus dem 11. Jahrhundert mit altem hölzernen Glockenturm und Friedhof lohnt.

An aufgelassenen Steinbrüchen entlang, an denen Schautafeln über die geologischen Formationen, Versteinerungen und Flora informieren, steigt man gemächlich auf zur Hochebene, auf der man noch ganz schwach die Wallanlage der Festung Butovice erkennen kann (siehe früherer Beitrag hier). Zu den übrigen Seiten fällt das Gelände so steil ab, dass man sich wundert, die Geräusche einer Eisenbahn zu hören, aber sie nicht zu sehen. Erst wenn man nahe heran tritt, sieht man das Prokop– bzw. Dalejskýtal mit seinen bizarren Felsformationen und Höhleneingängen. Hier wurde schon seit der Steinzeit gesiedelt.

Eine große Lehr- und Schautafel mit der Darstellung einer glutäugigen Slawin (kleines Bild rechts) informiert über die reichen archäologischen Funde in der slawischen Akropole der Burgwallanlage und ihres bis in die Kupferzeit zurückgehenden Vorgängerbaus.

Wandert man weiter, sieht man nach Osten in einiger Entfernung die supermoderne Architektur des fernen Stadtteils Pankrác, nach Süden die gerade im entstehen begriffenen Hochäuser, die sich an die Sídliště Barrandov anschließen. Und dazwischen ist eine riesige Magerrasenwiese, die sichtbar von Schafen gepflegt wird.

Hat man den Felssporn umrundet, beginnt der steile Abstieg an einer kleinen Quelle vorbei zur Bahnunterführung ins Prokoptal. Einige hundert Meter folgt man der geteerten Straße, den Bach mal linker, mal rechter Hand. Am ehemaligen Schwimmbad Klukovice, von dem man heute nichts mehr sieht und das durch einen riesigen Spiel- und Grillplatz in der beeindruckenden Felskulisse ersetzt worden ist (großes Bild oben), verlässt man den Bach und steigt langsam an einem verlassenen Gehöft vorbei, das aber wieder instand gesetzt wird, in den Vorort Klukovice herauf. An einem Restaurant, das in einem alten Gehöft untergebracht ist, biegt man rechts ab und geht es an Villen aus den 30-er Jahren vorbei. Der Weg führt in den Wald oberhalb des Prokoptales hart an der Grenze zur Wohnbebauung entlang, die man aber erst ganz zum Ende des Weges bemerkt. Die Wanderung endet an der modernen, architektonisch interessanten in Gelb gehaltenen Straßenbahnhaltestelle Geologická. (LSD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)