Liebe und Wahrheit in Košíře

Heute ist der 6. Juli. Das ist der Tag der Verbrennung des Jan Hus (Den upálení mistra Jana Husa) und ein Staatsfeiertag (arbeitsfrei!) in Tschechien. Einer, bei dem man des der Frühreformators Jan Hus gedenkt, der am 6. Juli 1415 auf dem Konzil von Konstanz trotz Zusicherung freien Geleites als „Ketzer“auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Hus kämpfte gegen die weltliche Macht und den weltlichen Reichtum der Kirche und predigte in Tschechisch, damit auch das Volk ihn verstand. Damit wurde er für die Nachwelt nicht nur ein Glaubensmärtyrer, sondern auch so etwas wie ein politischer Nationalheld. So ist der heutige Feiertag (da unterscheiden die Tschechen fein) auch kein religiöser Feiertag, sondern ein Staatsfeiertag. Und fast jede politische Strömung im Lande versuchte Hus als einen der „ihren“ zu reklamieren – von der antihabsburgischen/liberalen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts (Beispiel hier) bis zu den Kommunisten (hier).

Aus der Ferne könnte man das Denkmal des Jan Hus in Košíře (Pomník Jana Husa Košíře) für ein Werk aus der Zeit der Kommunismus halten. Auf einer nüchtern gehaltenen quaderförmigen Säule erkennt man ein im realistischen, d.h. nicht-abstakten Stil gehaltenes ein Kopfportrait. Erst, wenn man näher kommt, verraten die sehr expressionistischen Gesichtszüge, die sich deutlich von dem starren und leblosen Heldenkult des sozialistischen Realismus unterscheiden, dass es sich definitiv um ein vorkommunistisches Werk der Moderne handeln muss. Und tatsächlich stammt das Kunstwerk aus den Zeiten der Ersten Republik, genauer: aus dem Jahr 1927. Die Skulptur stammt von dem bekannten Bildhauer Karel Pokorný (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier), eine Schüler von Josef Václav Myslbek, dem wir die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel (früherer Beitrag hier) auf dem Wenzelsplatz verdanken. Der steinerene Sockel wurde von dem Maler, Bühnenbildner und Architekten Alois Wachsman entworfen.

Pokorný stellte dabei Hus so dar, dass Leiden und Erschöpfung sich mit seinem Grundverständnis verbanden, dass Wahrheit und Liebe aus Gott heraus kommen. Die religiöse Botschaft, die hier unterschwellig vermittelt wird, wäre den Kommunisten später gewiss fremd gewesen, so wie Hus die (atheistischen) Kommunisten fremd gewesen wären – aber er konnte sich ja nicht mehr gegen den Missbrauch seines Namens wehren. Die Botschaft, die Hus hier bereit hält, steht in bronzenen Lettern auf dem Sockel, nämlich die Inschrift: „Pravdy každému přejte“. Das ist eine verkürzte Fassung eines Zitats aus einem Brief, den Hus am 10. August 1415 noch kurz vor seiner Hinrichtung aus dem Konstanzer Gefängnis schrieb: „Milujte se, pravdy každému přejte“ (Liebet einander, wünscht allen die Wahrheit).

Das Denkmal – eines von unzähligen im ganzen Stadtgebiet von Prag – befindet sich im Hus Garten (Husovy sady) im Stadtteil Košíře (Prag 5). Der Park ist recht klein und sicher nicht der ansehnlichste in der Stadt. Er gewinnt dadurch, dass er recht hübsch vor einem bewaldeten Hügel gelegen ist, der hinauf nach Smíchov führt. Er entstand um die Zeit, da auch das Denkmal hier aufgestellt wurde. Cineasten mögen ihn vielleicht kennen, weil er einer der Hauptdrehorte für den Kinder-Detektivfilm  Případ Lupínek (Der Fall Lupínek) von 1960 war. Heute gehört der Park aber wieder dem Namensgeber alleine, dem tschechischen Nationalmärtyrer Magister Jan Hus. (DD)

Masopust – viel Stimmung, keine Bevormundung

Der Karneval in Prag, Masopust genannt, mag (noch?) nicht so ein Großereignis sein, wie es das in Köln und dem Rheinland der Fall ist, Aber er ist anscheinend sehr krisenresitent und lässt sich nicht bevormunden oder einschüchtern. Nicht von Putin, nicht von Covid. Man sieht keine FFP2-, sondern nur richtige Masken. 2G+ ist eine Idee, auf die sowieso kein Tscheche kommt. Dafür viele ukrainische und tschechische Fahnen.

Und der Umzug (der natürlich nicht in ein Stadion verlegt oder gar abgesagt wurde) scheint über die Zeit recht ansehnlich zu wachsen, wie man hier auf den Photos sehen kann, die an diesem Samstag beim Umzug von Burgstadt (Hradčany) und Kleinseite (Malá Strana) geschossen wurden. Über den tschechischen Masopust berichteten wir unter anderem ja bereits hier und hier. Wie Karneval fast überall in Europa hat er mittelalterliche Wurzeln und leitet die kommende Fastenzeit ein. Masopust heißt auch soviel wie „Fleisch weglassen“. In den Zeiten des Kommunismus wurde der Masopust als potentiell subversives Tun arg gebeutelt, aber nach und nach kam er wieder. In den katholischeren Gegenden Tschechiens, Südmähren vor allem, ist er ein etwas tiefer verankertes Brauchtum, aber das säkularere Prag holt auf. Und zwar kräftig.

Womit wir bei dem Umzug der Burgstadt und der Kleinseite sind. Der beginnt immer am Karnevalssamstag um 13.00 Uhr hoch oben hinter der Burg vor der Biergaststätte U Černého vola (Zum Schwarzen Ochsen) in der Loretánské náměstí 107/1 (wir berichteten hier). Dort tummeln sich bereits unzählige Kostümierte, trinken gutes tschechisches Bier und hören Bands, die fröhliche tschechische Umpah-Musik hören und dazu mitsingen. Was dann kommt ist kein Karnevalszug mit großen Prachtwägen. Es ist eher ein Umzug von Kostümierten. Wobei auffällt, wie eifrig hier noch Kostüme selbstgenäht und selbstgebastelt werden.

Dazu liefern das Prager Kirmesorchester (Pražský pouťový orchestr) und der Knabenchor Bruncvík (Chlapecký sbor Bruncvík) und manch einer, der nur sein Musikinstrument mitgebracht hat, Musik zum Mitsingen. Und es fahren ein paar antike Feuerwehrfahrzeuge aus den Museumsbeständen der echten Feuerwehr mit echte Feuerwehrleuten in historischen Uniformen mit. Eins ist sogar ein Pferdefuhrwerk (Bild links). Und so geht es nach etwas einer Stunde (und kurzen anfeuernden Reden u.a. des natürlich ebenfalls kostümierten Kulturdezernenten von Prag 1 los.

Der Weg führt im Bogen hinunter die pittoreske Nerudova. Und irgendwann landet man – nach etlichen Stops, bei denen die Feuerwehrleute mit Sliwowitz den Brand in den Kehlen für Teilnehmer löschen, Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), wo schon ein riesiger Fressstand wartet, der als  Zabijačka (Schlachtfest) bezeichnet wird. Was daran erinnert, dass man als guter Katholik zumindest jetzt noch einmal zum letzten Mal ordentlich Fleisch reinstopfen darf. Selbiges kann man dann mit reichlich Bier und Sliwowitz hinunterspülen. Die Stimmung ist prima. Die Leute essen, tanzen und singen. Aber das ist nur eine längere Pause. Denn nach einer Stunde zieht weiter, wer weiterziehen will (viele bleiben auch bei den Fleischtöpfen…).

Es geht weiter bis man kurz vor der Karlsbrücke in Richtung  Kampa-Insel (mehr dazu hier) marschiert. Dort ist direkt neben der Brücke eine Bühne aufgebaut, wo dann (ebenfalls von kleinen Fress- und Bierständen begleitet) fetzige tschechische Karnevals- bzw. Masopustmusik gespielt wird. Wäre man im Tschechischen etwas textsicherer , sänge man auch mit. Aber auch so fühlt man sich fast wie in der alten rheinischen Heimat.

Richtig große Karnevals-Gesellschaften wie in Köln gibt es hier nicht. Der Umzug in der Burgstadt und der Kleinseite wird vom Verein der Bürger und Freunde von Kleinseite und Burgstadt (Spolek občanů a přátel Malé Strany a Hradčan) organisiert. Der Verein wurde 1989 zur Förderung und Heranbildung der lokalen Demokratie nach dem Ende des Kommunismus gegründet. Je mehr sich die Demokratie festigte, desto mehr widmete er sich auch sozialen und kulturellen Anliegen. Und so wurde 2006 von ihm der erste Masopustumzug hier im Stadtteil in dieser Weise organisiert. Der war ein durchschlagender Erfolg und seither läuft die Sache. Aber das lag auch daran, dass Masopust ja hier bereits vor 2006 verankert war und nur noch wiederbelebt werden musste.

Das gelang nach 1989 zunächst in anderen Stadtteilen schneller und umfänglicher. Lange Zeit galt das auf dem anderen Moldauufer befindliche Žižkov als DIE Masopusthochburg in Prag. Aber Burgstadt und Kleinseite holen gewaltig auf. Für einen Kölschen ist ja auch klar. Richtiger Karneval findet naturgemäß linksrheinisch… äh… linksmoldauisch statt. Also auf der Kleinseite. Außerdem liegen die eigentlichen historischen Wurzeln des Prager Masopust in Burgstadt und Kleinseite. Es war nämlich um 1500, dass hier auf Geheiß (und Kosten!) des Königs Vladislav II. (ein Monarch polnischer Herkunft) erstmals Masopust/Karneval groß gefeiert wurde. Drei Tage lang. Mit viel Gesang, Bier und Fackelzügen. Eine Mordsgaudi, die im kollektiven Gedächtnis der Prager hängen blieb.

Erstaunlich auch, wie friedlich das ganze abläuft, sondern nur einfach gute Stimmung (mit durchaus einigem Alkohol) herrscht. Trotz tausender Teilnhmer, die durch sehr enge Straßen zogen, sah man kaum mehr als eine Handvoll Polizisten. Alles regelte sich ziemlich von selbst. Die wenigen Stadtpolizisten (die sowie hier stets Freundlichkeit mit positiver Effizienz kombinieren), die man beim Endpunkt des Umzugs nahe der Bühne auf der Kampainsel sah, und die sonst nicht viel zu tun hatten, verteilten mit viel Freude Süßigkeiten für die Kinder. Kamelle! (DD)

Bedeutende Krippe mit Hund

Man ist immer wieder erstaunt, welch Reichtum an schönen Krippen sich zur Weihnachtszeit in Prags Kirchen auftut! Unter ihnen dürfte die in der Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) in der Burgstadt (Hradčany), Černínská 98/3, befindliche Krippe bei den Kapuzinern (Betlém u kapucínů) die beeindruckendste und wohl auch die kunsthistorisch bedeutsamste sein.

Man findet sie ab dem 25. Dezember bis Mitte Januar in einem Nebenraum der 1600 bis 1602 erbauten Klosterkirche des Ordens der Kapuziner (wir berichteten bereits hier). Der kleine Raum ist von allen Seiten mit teils lebensgroßen Figuren gefüllt. 48 sind es, davon 32 Menschen und 16 Tierdarstellungen. Die menschlichen Figuren sind bis zu 175cm groß. Sie stehen nicht nur unmittelbar bei der Krippe mit dem Jesuskind, sondern sind überall im Raum in Gruppen aufgestellt. Es wimmelt im ganzen Raum nur so von Hirten, Schafen und Königen.

Der Schöpfer dieses Werkes ist uns heute nicht mehr bekannt, aber es dürfte ein handwerklich begabter Mönch des Klosters im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts gewesen sein. Sein Name könnte Kašpar gelautet haben, wenn man einigen Dokumenten im Kloster glauben darf. Mehr weiß man nicht. Er kannte sich aber auf jeden Fall wohl gut mit der Kunst der neapolitanischen Krippen aus. In Neapel entstanden wohl die ersten Krippen im 13. Jahrhundert, was die Stadt zum Urzentrum der Krippenkunst macht. Und im barocken 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrundert erreichte der Krippenbau hier seinen künstlerischen Höhepunkt und begann, den Rest Europas – darunter eben auch Prag – zu beeinflussen.

Einzelne Figuren wurden schon einmal restauriert, aber dadurch wissen wir trotzdem nicht so recht, wie sie hergestellt wurden, da wohl verschiedene Techniken bei den Figuren verwendet wurden. Bei den größeren und wichtigen Figuren sind Hände und Köpfe aus polychromen Holz geschnitzt. Die Körper sind bestehen wohl in der Regel aus Holzgestellchen, die mit Papiermaché umhüllt sind. Darüber zog man Stoffkleidung (bei Menschen) oder künstliches Fell (bei Tieren). Bei etlichen „minder bedeutenden“ menschlichen Figuren scheinen aber auch Köpfe und Hände aus Papiermaché zu bestehen und nicht aus Holz. Das könnte bei den hinteren der im Bild rechts abgebildteten Hirten der Fall sein. Um die genauen Techniken zu erfahren, müsste man sämtliche Figuren komplett restaurieren, wozu aber noch kein Grund bestand.

Die Krippe ist die älteste Kirchenkrippe in Prag. Die erste Krippe, deren Existenz überliefert ist, gab es bereits 1562, aber die ist verschollen. Für den Erhalt der alten Krippen war es geradezu verheerend, dass in den 1780er Jahren Kaiser Joseph II. Krippen für unaufgeklärten Aberglauben hielt und aus den Kirchen (als öffentlicher Raum) verbannte. Die Böhmen liebten aber ihre Krippen, was dazu führte, dass im 19. Jahrhundert eine grandiose Tradition der privaten Hauskrippen entstand. Allerdings waren Kirchenkrippen auch schon bald nach Ableben Josephs II. wieder legal. Und die Klosterkrippe in der Kirche der Maria der Engelsgleichen hatte die Zeit im Keller eingemottet überlebt. Seit 1969 wird die Krippe nach Weihnachten größtenteils nicht mehr abgebaut, weil das doch sehr aufwendig wäre. Sie bleibt in dem rechts neben dem Haupteingang befindlichen kleinen Raum, der nach der Saison einfach zugeschlossen wird. Das schont auch die historisch so wertvollen und fragilen Figuren. Zur Eröffnung wird dann über dem Türchen des Raums ein großer Stern von Betlehem – jener, der die Ankunft Jesu Christi ankündigte (Bibel Matthäus 2.1; 9).

Die Krippe wurde immer wieder einmal ergänzt und überarbeitet. 1830 entstand zum Beispiel das Hintergrundbild. Das wachsene Jesuskind in der Krippe stammt aus dem Jahr 1951, weil das Original – wahrscheinlich auch aus Wachs, weil das im Barock so üblich war – verschollen gegangen war. Der Aufbnau der Szenierie, so wie wir sie heute zur Weihnachtszeit sehen können wurde 1965 bis 1967 von dem akademischen Bildhauer und Restaurator Karel Stádník entworfen. Er sorgte dafür, dass der Raum entsprechend umgebaut wurde. Er achtete darauf, dass das Ganze sehr authentisch barock wurde, baute aber einige neue Elemente – etwa einen sprudelnden Wasserquell und Lichteffekte – ein. Mobil ist in der nun so festgelegten Szenerie nur noch das Jesuskind, dass erst bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten vom Hauptaltar zur Krippe getragen wird. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass meine Lieblingsfigur der zweifarbige Hund ist, der die Schafe sorgfältig und treu bewacht, während die Hirten das Jesuskind anbeten. (DD)

Wenzel und mehr

Heute ist der Tag des Heiligen Wenzel, den die säkularen Tschechen irgendwie in den Tag der Tschechischen Staatlichkeit umgetauft und zum Feiertag erklärt haben. Nun gut, der Heilige Wenzel (Václav) mag zu den Begründern des böhmischen Staates gehören, aber primär geht es um den Jahrestag seiner Ermordung am 28. September 935 (oder 929; genau weiß man es wohl nicht).

Für die Tschechen wurde er nach seiner Ermordung zum Nationalmythos, der vor allem im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert auch private Häuser als Ausdruck patriotischer Gesinnung zierte (etwa hier). Zum heutigen Tag sei dieses hübsche Beispiel vorgestellt. Die farbenfrohe Jugendstilmalerei befindet auf der Fassade des dreistöckigen Wohnhauses in der Sezimova 402/11 im Stadtteil Nusle (Prag 4). Der Heilige reitet mit seinen typischen Attributen (Fahne, Wappen mit Adler) hoch oben unter dem Dach auf den Zuschauer zu. Das ist schon dramatisch gestaltet. Umrahmt ist er dabei übrigens von den Wappen der Landesteile Böhmen (zweischwänziger weißer Löwe), Mähren (rot-weiß karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond).

Das Haus wurde 1905 von dem Architekten Antonín Fric im Stil der böhmischen Renaissance erbaut. Fric war in dem damals stark wachsenden Stadtteil Nusle ein für das neue Stadtbild besonders definierender Architekt und Baumeister. Beispiele finden sich hier und hier).

Und auf der Fassade ist noch mehr los. Unter dem Heiligen Wenzel befindet sich noch eine Statue der Mutter Gottes in einer Muschelnische. Darüber steht ein gemalter Engel, der ein Tuch mit der stilisierten Inschrift „Maria“ in den Händen hält. Alles in allem ein Gebäude, das dem Auge viel bietet. (DD)

Heiliger mit zahmen Löwen

Heute, am 15. Juni, ist der Gedenktag für den Heiligen Veit (auch: Vitus). Der spielt in den religiösen Traditionen slawischer Länder eine bsesondere Rolle. Sein Name erinnert vage an den vorchristlichen Slawengott Svantevit, weshalb er sich bei der Missionierung leichter vermitteln und für den sanften Übergang zur neuen, christlichen Religion einsetzen ließ. Nicht umsonst ist Prags größte Kirche der Veitsdom auf der Burg. Und dann ist da noch seine Statue auf der Karlsbrücke – eine der berühmten Heiligengalerie dort mit 30 Statuen insgesamt!

Der Heiligenlegende nach war Veit besonders hart im Nehmen, wenn es um Glaubensfestigkeit ging. Von seiner Amme, der Heiligen Crescentia, und seinem Lehrer, dem Heiligen Modestus, wurde der Sohn eines römischen Senators zum Christentum bekehrt und entwickelte schon als Kind die Fähigkeit, Wunder zu begehen. Man versuchte es mit Zuckerbrot, aber öfters noch mit Peitsche, um ihn davon wieder abzubringen. Sein Vater schlug ihn zuerst, was nichts bewirkte. Dann das Zuckerbrot: Der Vater sperrte ihn mit feschen Tänzerinnen in einen Raum, um ihn verführen zu lassen. Als der Vater durchs Schlüsselloch schaute, um den Stand der Dinge zu erfahren, sah er noch, wie Sohn Veit von himmlischen Engeln umgeben war. Dann erblindete er. Der Sohn heilte ihn zwar wundersam, aber der Vater trachtete ihm nun nach dem Leben. Veit floh mit Amme und Lehrer, wobei ihn – oh Wunder – ein Adler ernährte. Unter den Christenverfolgungen des Kaisers Diokletian geriet er an einen Richter, der eine Auspeitschung anordnete, aber den Schergen verdorrten die Arme. Veit heilte sie wundersam. In Sicherheit war er damit aber nicht.

Denn jetzt kommen wir zu der Szene, die man auf der Karlsbrücke sehen kann. Kaiser Diokletian hatte von dem Wunderknaben gehört und ließ ihn zu sich bringen, damit er seinen vom Wahn umfechelten Sohn heilen und anschließend dem Christentum abschwören möge. Ersteres tat er qua Wunder, zweiteres kam aber nicht in Frage. Folglich wurde Veit von dem bösen Kaiser (der seither zu Recht einen schweren Stand in der christlichen Geschichtsschreibung hat) den Löwen vorgeworfen. Die Statue, die der Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff im Jahre 1714 anfertigte, zeigt auf eine fast schon putzige Weise, wie dieser heimtückische Plan schief ging. Schnurrend wie kleine Kätzchen liegen die Löwen – durch Gottes Intervention zahm geworden – dem Veit zu Füßen, ja einer ist sogar dabei selbige zu lecken.

Ein anderer Löwe hat so wenig Lust, den künftigen Heiligen zu fressen, dass er nicht einmal aus seiner Höhle herauskommt. Man kann sich vorstellen, dass Diokletian sauer war, und er versuchte es mit Folterung durch Eisenhaken, durch Erdrücken mit schweren Eisenplatten und am Schluss zusammen mit Crescentia und Modestus in siedendem Öl. Aus letzterem wurden die drei von Engeln gerettet, die sie nach Lukanien brachten, wo sie friedlich entschlummerten. Adler bewachten die Leichname bis eine von Nächstenliebe Beseelte sie beerdigen ließ.

Der Heiligenstatus war nach soviel Verführung und Qualen hart verdient, zumal vieles davon mit eindeutigen Wundern verbunden war (was die Heiligsprechung generell befördert). Er ist unter anderem Patron der Stummen und Tauben, der Landsknechte und Küfer, der Kupferschmiede und der Winzer, der Tänzer und der Apotheker und hilft unter anderem gegen leidige Fährnisse wie Schlangenbisse, Hysterie, Epilepsie (daher im Volksmund auch „Veitstanz“ genannt) oder Bettnässen. Und seine Statue steht nun auf der Karlsbrücke, wo er auch Schutzheiliger des Altstädter Brückenturms ist (obwohl er wesentlich näher am Kleinseitner Brückenturm steht). Außerhalb Prags ist er für die Tschechen auch der Schutzheilige der Pilzsammler, aus Gründen, die sich mir noch nicht so recht erschlossen haben. Auf jeden Fall ist eines ganz klar, nämlich dass er ein recht vielbeschäftigter Patron ist.

Wie dem auch sei: Er hat auf der Karlsbrücke seinen passenden Platz gefunden und eines der am schönsten gestalteten Barockdenkmäler dort bekommen. Und hoch über der Brücke thront der nach ihm benannte Veitsdom in Sichtweite (Bild links).

Und der große Veitsdom ist auch jener Ort, wo Kaiser  Karl IV., der ein begeisterter Sammler von Heiligenüberbleibseln war, das Haupt des Heiligen 1355 (das er sich von einem Kloster im italienischen Pavia erbeten hatte) als Reliquie bestatten ließ. Aber nur das Haupt, da die meisten übrigen Teile weiterhin in Deutschland in der Abtei Corvey blieben – bis im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs 1634 so viele davon geraubt wurden, dass sich heute dort nur noch ein Schulterbein befindet. (DD)

Buks Krippe in der Ludmilla Kirche

Zu sehen ist hier die hübsche Krippe in der Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) im Stadtteil Vinohrady, wo wir wohnen. Die Kirche wurde in den Jahren 1888-92 im neogotischen Stil erbaut (früherer Beitrag dazu hier).

In den ersten Jahren ihres Daseins hatte die Kirche noch keine Krippe – obwohl sich das ja eigentlich so gehört (Beitrag hier). Die wird erst seit 1913 kurz vor Weihnachten in der Seitenkapelle direkt links neben dem Haupteingang aufgestellt. Anscheinend wurde die Krippe in diesem Jahr von dem Holzschnitzer und Bildhauer František Vratislav Buk angefertigt. Buk war damals bekannt für seine schönen und großen Krippen, etwa der Krippe in der Kirche St. Ägidius (Kostel sv. Jiljí) in der Altstadt (wir berichteten hier). Und die Krippe in der Kirche der heiligen Ludmilla gilt als eines seiner Meisterwerke.

Eine kleine Nebenfigur wurde wohl noch 1924 hinzugefügt. In den Jahren 1974-84 wurde die Kirche geschlossen, weil die Bauarbeiten an der Metro zu dieser Zeit zu einem akuten Einsturzrisiko geführt hatten. Während dieser Zeit wurde die Krippe unsachgerecht eingemottet. Einige der Originalfiguren sollen sogar verschwunden sein. So stellte man es fest als man den Bestand mit der Beschreibung in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1934, die ein Inventar enthielt, verglich. Unmittelbar nach Wiedereröffnung der Kirche restaurierte man das, was man noch hatte, sorgfältig. Und das Resultat kann sich immer noch sehen lassen!

Jedenfalls tummelt sich um die Krippe Alles, was dahin gehört – und noch mehr: Die Heilige Familie, die drei Könige, die Hirten. Und darüber schwebt der Verkündigungsengel. Aber natürlich gibt es auch unzählige Schafe, ein Kamel, ein Pferd und sogar einen Elefanten. Die sprichwörtlichen Ochs und Esel hinter der Krippe fehlen selbstredend auch nicht.

Daneben strömen auch zeitgenössische Figuren zum frisch geborenen Jesuskind – ein Bauer und eine Bäuerin, ein Dudelsackspieler, ein Wildhüter und sogar drei der Spender der Krippe sollen hier verewigt sein. Nicht fehlen darf auch ein Junge, der einen großen Fisch in den Armen trägt – schließlich ist der Weihnachtskarpfen ein wichtiger Bestandteil jeder tschechischen Weihnacht.

Die Krippe ist vor einer malerischen Felsenlandschaft dargestellt, auf der die Stadt Bethlehem unter dem Weihnachtsstern liegt. Das ganze Ensemble aus zierlich polychrom bemalten Holzfiguren zieht in den letzten Tagen vor Weihnachten viele begeisterte Zuschauer an. Zurecht, wie wir finden. (DD)

PS: Die Photos wurden 2019 gemacht, als Kirchen noch nicht wegen Covid zwangsgeschlossen waren.

Frohes Weihnachtsfest!

Weihnachtskrippe vor dem Veitsdom in Prag. Entworfen von der bekannten Kinderbuchillustratorin Emma Srncová, 2019/Nativity scene in front of St. Vitus Cathedral in Prague. Designed by the well-known illustrator of children’s books, Emma Srncová in 2019/ Betlém před katedrálou sv. Víta v Praze. Navrhla známá ilustrátorka dětských knih Emma Srncová v roce 2019/ プラハの聖ヴィート大聖堂の前のキリスト降誕のシーン。 子供向けの本のなイラストレーター、エマ・スルコヴァーによって設計された2019