Bedeutende Krippe mit Hund

Man ist immer wieder erstaunt, welch Reichtum an schönen Krippen sich zur Weihnachtszeit in Prags Kirchen auftut! Unter ihnen dürfte die in der Kirche der Maria der Engelsgleichen (Kostel Panny Marie Andělské) in der Burgstadt (Hradčany), Černínská 98/3, befindliche Krippe bei den Kapuzinern (Betlém u kapucínů) die beeindruckendste und wohl auch die kunsthistorisch bedeutsamste sein.

Man findet sie ab dem 25. Dezember bis Mitte Januar in einem Nebenraum der 1600 bis 1602 erbauten Klosterkirche des Ordens der Kapuziner (wir berichteten bereits hier). Der kleine Raum ist von allen Seiten mit teils lebensgroßen Figuren gefüllt. 48 sind es, davon 32 Menschen und 16 Tierdarstellungen. Die menschlichen Figuren sind bis zu 175cm groß. Sie stehen nicht nur unmittelbar bei der Krippe mit dem Jesuskind, sondern sind überall im Raum in Gruppen aufgestellt. Es wimmelt im ganzen Raum nur so von Hirten, Schafen und Königen.

Der Schöpfer dieses Werkes ist uns heute nicht mehr bekannt, aber es dürfte ein handwerklich begabter Mönch des Klosters im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts gewesen sein. Sein Name könnte Kašpar gelautet haben, wenn man einigen Dokumenten im Kloster glauben darf. Mehr weiß man nicht. Er kannte sich aber auf jeden Fall wohl gut mit der Kunst der neapolitanischen Krippen aus. In Neapel entstanden wohl die ersten Krippen im 13. Jahrhundert, was die Stadt zum Urzentrum der Krippenkunst macht. Und im barocken 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrundert erreichte der Krippenbau hier seinen künstlerischen Höhepunkt und begann, den Rest Europas – darunter eben auch Prag – zu beeinflussen.

Einzelne Figuren wurden schon einmal restauriert, aber dadurch wissen wir trotzdem nicht so recht, wie sie hergestellt wurden, da wohl verschiedene Techniken bei den Figuren verwendet wurden. Bei den größeren und wichtigen Figuren sind Hände und Köpfe aus polychromen Holz geschnitzt. Die Körper sind bestehen wohl in der Regel aus Holzgestellchen, die mit Papiermaché umhüllt sind. Darüber zog man Stoffkleidung (bei Menschen) oder künstliches Fell (bei Tieren). Bei etlichen „minder bedeutenden“ menschlichen Figuren scheinen aber auch Köpfe und Hände aus Papiermaché zu bestehen und nicht aus Holz. Das könnte bei den hinteren der im Bild rechts abgebildteten Hirten der Fall sein. Um die genauen Techniken zu erfahren, müsste man sämtliche Figuren komplett restaurieren, wozu aber noch kein Grund bestand.

Die Krippe ist die älteste Kirchenkrippe in Prag. Die erste Krippe, deren Existenz überliefert ist, gab es bereits 1562, aber die ist verschollen. Für den Erhalt der alten Krippen war es geradezu verheerend, dass in den 1780er Jahren Kaiser Joseph II. Krippen für unaufgeklärten Aberglauben hielt und aus den Kirchen (als öffentlicher Raum) verbannte. Die Böhmen liebten aber ihre Krippen, was dazu führte, dass im 19. Jahrhundert eine grandiose Tradition der privaten Hauskrippen entstand. Allerdings waren Kirchenkrippen auch schon bald nach Ableben Josephs II. wieder legal. Und die Klosterkrippe in der Kirche der Maria der Engelsgleichen hatte die Zeit im Keller eingemottet überlebt. Seit 1969 wird die Krippe nach Weihnachten größtenteils nicht mehr abgebaut, weil das doch sehr aufwendig wäre. Sie bleibt in dem rechts neben dem Haupteingang befindlichen kleinen Raum, der nach der Saison einfach zugeschlossen wird. Das schont auch die historisch so wertvollen und fragilen Figuren. Zur Eröffnung wird dann über dem Türchen des Raums ein großer Stern von Betlehem – jener, der die Ankunft Jesu Christi ankündigte (Bibel Matthäus 2.1; 9).

Die Krippe wurde immer wieder einmal ergänzt und überarbeitet. 1830 entstand zum Beispiel das Hintergrundbild. Das wachsene Jesuskind in der Krippe stammt aus dem Jahr 1951, weil das Original – wahrscheinlich auch aus Wachs, weil das im Barock so üblich war – verschollen gegangen war. Der Aufbnau der Szenierie, so wie wir sie heute zur Weihnachtszeit sehen können wurde 1965 bis 1967 von dem akademischen Bildhauer und Restaurator Karel Stádník entworfen. Er sorgte dafür, dass der Raum entsprechend umgebaut wurde. Er achtete darauf, dass das Ganze sehr authentisch barock wurde, baute aber einige neue Elemente – etwa einen sprudelnden Wasserquell und Lichteffekte – ein. Mobil ist in der nun so festgelegten Szenerie nur noch das Jesuskind, dass erst bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten vom Hauptaltar zur Krippe getragen wird. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass meine Lieblingsfigur der zweifarbige Hund ist, der die Schafe sorgfältig und treu bewacht, während die Hirten das Jesuskind anbeten. (DD)

Wenzel und mehr

Heute ist der Tag des Heiligen Wenzel, den die säkularen Tschechen irgendwie in den Tag der Tschechischen Staatlichkeit umgetauft und zum Feiertag erklärt haben. Nun gut, der Heilige Wenzel (Václav) mag zu den Begründern des böhmischen Staates gehören, aber primär geht es um den Jahrestag seiner Ermordung am 28. September 935 (oder 929; genau weiß man es wohl nicht).

Für die Tschechen wurde er nach seiner Ermordung zum Nationalmythos, der vor allem im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert auch private Häuser als Ausdruck patriotischer Gesinnung zierte (etwa hier). Zum heutigen Tag sei dieses hübsche Beispiel vorgestellt. Die farbenfrohe Jugendstilmalerei befindet auf der Fassade des dreistöckigen Wohnhauses in der Sezimova 402/11 im Stadtteil Nusle (Prag 4). Der Heilige reitet mit seinen typischen Attributen (Fahne, Wappen mit Adler) hoch oben unter dem Dach auf den Zuschauer zu. Das ist schon dramatisch gestaltet. Umrahmt ist er dabei übrigens von den Wappen der Landesteile Böhmen (zweischwänziger weißer Löwe), Mähren (rot-weiß karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond).

Das Haus wurde 1905 von dem Architekten Antonín Fric im Stil der böhmischen Renaissance erbaut. Fric war in dem damals stark wachsenden Stadtteil Nusle ein für das neue Stadtbild besonders definierender Architekt und Baumeister. Beispiele finden sich hier und hier).

Und auf der Fassade ist noch mehr los. Unter dem Heiligen Wenzel befindet sich noch eine Statue der Mutter Gottes in einer Muschelnische. Darüber steht ein gemalter Engel, der ein Tuch mit der stilisierten Inschrift „Maria“ in den Händen hält. Alles in allem ein Gebäude, das dem Auge viel bietet. (DD)

Heiliger mit zahmen Löwen

Heute, am 15. Juni, ist der Gedenktag für den Heiligen Veit (auch: Vitus). Der spielt in den religiösen Traditionen slawischer Länder eine bsesondere Rolle. Sein Name erinnert vage an den vorchristlichen Slawengott Svantevit, weshalb er sich bei der Missionierung leichter vermitteln und für den sanften Übergang zur neuen, christlichen Religion einsetzen ließ. Nicht umsonst ist Prags größte Kirche der Veitsdom auf der Burg. Und dann ist da noch seine Statue auf der Karlsbrücke – eine der berühmten Heiligengalerie dort mit 30 Statuen insgesamt!

Der Heiligenlegende nach war Veit besonders hart im Nehmen, wenn es um Glaubensfestigkeit ging. Von seiner Amme, der Heiligen Crescentia, und seinem Lehrer, dem Heiligen Modestus, wurde der Sohn eines römischen Senators zum Christentum bekehrt und entwickelte schon als Kind die Fähigkeit, Wunder zu begehen. Man versuchte es mit Zuckerbrot, aber öfters noch mit Peitsche, um ihn davon wieder abzubringen. Sein Vater schlug ihn zuerst, was nichts bewirkte. Dann das Zuckerbrot: Der Vater sperrte ihn mit feschen Tänzerinnen in einen Raum, um ihn verführen zu lassen. Als der Vater durchs Schlüsselloch schaute, um den Stand der Dinge zu erfahren, sah er noch, wie Sohn Veit von himmlischen Engeln umgeben war. Dann erblindete er. Der Sohn heilte ihn zwar wundersam, aber der Vater trachtete ihm nun nach dem Leben. Veit floh mit Amme und Lehrer, wobei ihn – oh Wunder – ein Adler ernährte. Unter den Christenverfolgungen des Kaisers Diokletian geriet er an einen Richter, der eine Auspeitschung anordnete, aber den Schergen verdorrten die Arme. Veit heilte sie wundersam. In Sicherheit war er damit aber nicht.

Denn jetzt kommen wir zu der Szene, die man auf der Karlsbrücke sehen kann. Kaiser Diokletian hatte von dem Wunderknaben gehört und ließ ihn zu sich bringen, damit er seinen vom Wahn umfechelten Sohn heilen und anschließend dem Christentum abschwören möge. Ersteres tat er qua Wunder, zweiteres kam aber nicht in Frage. Folglich wurde Veit von dem bösen Kaiser (der seither zu Recht einen schweren Stand in der christlichen Geschichtsschreibung hat) den Löwen vorgeworfen. Die Statue, die der Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff im Jahre 1714 anfertigte, zeigt auf eine fast schon putzige Weise, wie dieser heimtückische Plan schief ging. Schnurrend wie kleine Kätzchen liegen die Löwen – durch Gottes Intervention zahm geworden – dem Veit zu Füßen, ja einer ist sogar dabei selbige zu lecken.

Ein anderer Löwe hat so wenig Lust, den künftigen Heiligen zu fressen, dass er nicht einmal aus seiner Höhle herauskommt. Man kann sich vorstellen, dass Diokletian sauer war, und er versuchte es mit Folterung durch Eisenhaken, durch Erdrücken mit schweren Eisenplatten und am Schluss zusammen mit Crescentia und Modestus in siedendem Öl. Aus letzterem wurden die drei von Engeln gerettet, die sie nach Lukanien brachten, wo sie friedlich entschlummerten. Adler bewachten die Leichname bis eine von Nächstenliebe Beseelte sie beerdigen ließ.

Der Heiligenstatus war nach soviel Verführung und Qualen hart verdient, zumal vieles davon mit eindeutigen Wundern verbunden war (was die Heiligsprechung generell befördert). Er ist unter anderem Patron der Stummen und Tauben, der Landsknechte und Küfer, der Kupferschmiede und der Winzer, der Tänzer und der Apotheker und hilft unter anderem gegen leidige Fährnisse wie Schlangenbisse, Hysterie, Epilepsie (daher im Volksmund auch „Veitstanz“ genannt) oder Bettnässen. Und seine Statue steht nun auf der Karlsbrücke, wo er auch Schutzheiliger des Altstädter Brückenturms ist (obwohl er wesentlich näher am Kleinseitner Brückenturm steht). Außerhalb Prags ist er für die Tschechen auch der Schutzheilige der Pilzsammler, aus Gründen, die sich mir noch nicht so recht erschlossen haben. Auf jeden Fall ist eines ganz klar, nämlich dass er ein recht vielbeschäftigter Patron ist.

Wie dem auch sei: Er hat auf der Karlsbrücke seinen passenden Platz gefunden und eines der am schönsten gestalteten Barockdenkmäler dort bekommen. Und hoch über der Brücke thront der nach ihm benannte Veitsdom in Sichtweite (Bild links).

Und der große Veitsdom ist auch jener Ort, wo Kaiser  Karl IV., der ein begeisterter Sammler von Heiligenüberbleibseln war, das Haupt des Heiligen 1355 (das er sich von einem Kloster im italienischen Pavia erbeten hatte) als Reliquie bestatten ließ. Aber nur das Haupt, da die meisten übrigen Teile weiterhin in Deutschland in der Abtei Corvey blieben – bis im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs 1634 so viele davon geraubt wurden, dass sich heute dort nur noch ein Schulterbein befindet. (DD)

Buks Krippe in der Ludmilla Kirche

Zu sehen ist hier die hübsche Krippe in der Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily) im Stadtteil Vinohrady, wo wir wohnen. Die Kirche wurde in den Jahren 1888-92 im neogotischen Stil erbaut (früherer Beitrag dazu hier).

In den ersten Jahren ihres Daseins hatte die Kirche noch keine Krippe – obwohl sich das ja eigentlich so gehört (Beitrag hier). Die wird erst seit 1913 kurz vor Weihnachten in der Seitenkapelle direkt links neben dem Haupteingang aufgestellt. Anscheinend wurde die Krippe in diesem Jahr von dem Holzschnitzer und Bildhauer František Vratislav Buk angefertigt. Buk war damals bekannt für seine schönen und großen Krippen, etwa der Krippe in der Kirche St. Ägidius (Kostel sv. Jiljí) in der Altstadt (wir berichteten hier). Und die Krippe in der Kirche der heiligen Ludmilla gilt als eines seiner Meisterwerke.

Eine kleine Nebenfigur wurde wohl noch 1924 hinzugefügt. In den Jahren 1974-84 wurde die Kirche geschlossen, weil die Bauarbeiten an der Metro zu dieser Zeit zu einem akuten Einsturzrisiko geführt hatten. Während dieser Zeit wurde die Krippe unsachgerecht eingemottet. Einige der Originalfiguren sollen sogar verschwunden sein. So stellte man es fest als man den Bestand mit der Beschreibung in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1934, die ein Inventar enthielt, verglich. Unmittelbar nach Wiedereröffnung der Kirche restaurierte man das, was man noch hatte, sorgfältig. Und das Resultat kann sich immer noch sehen lassen!

Jedenfalls tummelt sich um die Krippe Alles, was dahin gehört – und noch mehr: Die Heilige Familie, die drei Könige, die Hirten. Und darüber schwebt der Verkündigungsengel. Aber natürlich gibt es auch unzählige Schafe, ein Kamel, ein Pferd und sogar einen Elefanten. Die sprichwörtlichen Ochs und Esel hinter der Krippe fehlen selbstredend auch nicht.

Daneben strömen auch zeitgenössische Figuren zum frisch geborenen Jesuskind – ein Bauer und eine Bäuerin, ein Dudelsackspieler, ein Wildhüter und sogar drei der Spender der Krippe sollen hier verewigt sein. Nicht fehlen darf auch ein Junge, der einen großen Fisch in den Armen trägt – schließlich ist der Weihnachtskarpfen ein wichtiger Bestandteil jeder tschechischen Weihnacht.

Die Krippe ist vor einer malerischen Felsenlandschaft dargestellt, auf der die Stadt Bethlehem unter dem Weihnachtsstern liegt. Das ganze Ensemble aus zierlich polychrom bemalten Holzfiguren zieht in den letzten Tagen vor Weihnachten viele begeisterte Zuschauer an. Zurecht, wie wir finden. (DD)

PS: Die Photos wurden 2019 gemacht, als Kirchen noch nicht wegen Covid zwangsgeschlossen waren.

Frohes Weihnachtsfest!

Weihnachtskrippe vor dem Veitsdom in Prag. Entworfen von der bekannten Kinderbuchillustratorin Emma Srncová, 2019/Nativity scene in front of St. Vitus Cathedral in Prague. Designed by the well-known illustrator of children’s books, Emma Srncová in 2019/ Betlém před katedrálou sv. Víta v Praze. Navrhla známá ilustrátorka dětských knih Emma Srncová v roce 2019/ プラハの聖ヴィート大聖堂の前のキリスト降誕のシーン。 子供向けの本のなイラストレーター、エマ・スルコヴァーによって設計された2019

Tracht Prügel bei Christus

Adventszeit ist Krippenzeit. Auch hier gibt es ab und an Beispiele tschechischen Humors zu sehen – nicht immer richtig fromm, aber hintergründig. So etwa diese, von der Künstlerin Jarka Horná gestaltete Krippe unter dem Titel Eine Tracht Prügel bei Christus (Výprask u Kristů), die wir letztes Jahr bei einer Krippenausstellung im Toulec Hof (Toulcův dvůr) im Stadtteil Hostivař fanden. Sie erinnert ein wenig an das Gemälde von Max Ernst, Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen aus dem Jahre 1926, nur dass hier (ganz dem tradionellen Rollenbild entsprechend) Josef die „elterliche Gewalt“ ausübt. Ob man sich im Hause Josef & Maria wirklich so über ein wenig verschüttete Milch aufregte, ist in der Bibel aber nicht überliefert. (DD)

Adventliches Dreigestirn

6. Dezember: Heute ist sein Feiertag! Und hier in Tschechien feiert man den Tag des Heiligen Nikolaus von Myra (Svatý Mikuláš z Myry) besonders heftig; jedenfalls heftiger als in Deutschland. In Prag herrscht vor allem abends fast eine Karnevalsstimmung an diesem Tag – wenngleich nicht immer so weinselig wie auf dem großen Bild hier (vor allem nicht in diesem Covid-Jahr).

Das mag daran liegen, dass hierzulande am Nikolaustag nicht nur der Nikolaus kommt, sondern etwas, das mit dem kölschen Dreigestirn fast vergleichbar ist. Es treten nämlich traditionsgemäß immer Mikuláš, Čert und Anděl – Nikolaus, Teufel und Engel – auf. Und es wird auch länger gefeiert als in Deutschland, denn die ersten Besuche oder Auftritte erfolgen schon am Abend des 5. Dezembers, dem am dann nächsten Tag (dem offiziellen kirchlichen Gedenktag beider Konfessionen) weitere Aktion folgt. Man findet sie in diesen Tagen allerorten – etwa als Schokoladenfiguren in jedem Supermarkt (Bild rechts).

Die Drei besuchen allerorten die Kinder (und Erwachsene ebenso), wobei der Nikolaus ein weises Buch mit sich führt, indem alle Verfehlungen der Kinder aufgeschrieben sind. Waren sie brav, kommt der Engel um verschenkt Süßwaren oder andere Kleinigkeiten, wenn nicht, kommt der Teufel zum Einsatz. Dessen Rolle ähnelt der des Knecht Ruprecht in Deutschland, der in Deutschland wegen seiner strafenden Funktion bei politisch korrekten Sauertöpfen etwas in die Kritik geraten ist oder der des niederländisch-flämischen Zwarte Piet (Schwarzer Peter), der gar völlig unter Beschuss steht.

Derartiges ficht die Tschechen nicht an und gerade der Teufel erfreut sich rundum hoher Beliebtheit, sowohl bei seinen Auftritten als auch in Form von Lebkuchengebäck (siehe das „Dreigestirn“ links, photographiert auf dem Weihnachtsmarkt am Friedensplatz in Vinohrady). Das mag so sein, weil die Bestrafung des Teufels nicht mit der Rute erfolgt, wie bei Knecht Ruprecht, sondern durch das Überreichen einer Kartoffel oder eines Stücks Kohle (statt der Süßwaren des Engels). Der Teufel rasselt darüber hinaus zwar mit einer Kette (řinčet řetězem), die so etwas wie eine Höllenandrohung sein soll, im schlimmsten Fall malt er die Kinder aber nur ein wenig mit der Kohle schwarz an, was denen aber eher Spaß zu machen scheint. Die Menge der schwarzen und zugleich frölichen Kindergesichter, die man am heutigen Tag wieder sehen wird, deutet entweder auf das limitierte Drohpotential des Teufels oder auf die Abgebrühtheit der Kinder.

Das „Dreigestirn“ auf dem Bild oben überraschte allerdings nicht die Kinder, sondern besuchte im letzten Jahr den berühmten Weinkeller in der Grébovka in Vinohrady, der am diesjährigen Nikolaustag leider geschlossen hat (Covid!). Der Teufel rasselte mit der Kette, der Nikolaus sagte ein bis zwei Worte, der Engel (männlich) verteilte Süßigkeiten vornehmlich an die Damen. Dann genehmigte man sich einige Gläschen Wein. Wie man rechts sehen kann, ist das Weintrinken mit falschem Bart nicht so einfach, aber dafür fanden sich hilfsbereite Seelen, die beim Bartlüpfen halfen.

Wie man sieht, kann man den tschechischen Nikolaus kaum mit seinem deutschen Gegenstück verwechseln. Denn der tschechische Heilige kommt nicht im roten Mantel daher und kann folglich auch nicht mit dem Weihnachtsmann (der eben zu Weihnachten kommt und auch einen roten Mantel trägt) verwechselt werden, der in Deutschland Nikolaus und das Christkind fast verdrängt hat, oder gar mit dem amerikanischen Santa Claus. Der tschechische Nikolaus tritt auf als das, was der echte Heilige Nikolaus im 3. Jahrhundert dereinst war: als Bischof! Er trägt deshalb einen Bischofstab in der Hand, eine Mitra auf dem Haupte und das dazu passende liturgische Obergewand (Kasel genannt).

Und dass der Nikolaus im Weinkeller auftaucht, ist auch nicht so ungewöhnlich. Das Nikolausfest ist hier tatsächlich ein wenig wie Karneval. Auch Erwachsene lieben es und man sieht normalerweise abends viele Jugendliche mit schwarz gerußten Gesichtern und verschiedenen Kostümen (nicht nur mit Nikolausbezug) herumlaufen und gute Stimmung verbreiten. (DD)