Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

Der geköpfte Bürgermeister

Das Haus zum Schwarzen Kreuz (dům U Černého křížku) in der Martinská 419/5 ist einer jener vielen hübschen Bauten, die die Altstadt zur Altstadt machen, aber auf den ersten Blick meist nicht besonders auffallen. Das Eckhaus steht hier schon seit dem finsteren Mittelalter. Damals trug sich hier, so ist es überliefert, eine Schrecken erregende Begebenheit zu, die dem Haus aber dann doch zu trauriger Berühmtheit verhalf.

Der Historiker Václav Hájek z Libočan erwähnt sie in seiner berühmten Böhmischen Chronik von 1541: Die grausige Geschichte des Georg Schwerhammer. Es war im Jahre 1386. Schwerhammer war just zum Bürgermeister der Altstadt gewählt worden. Eines Tages verließ er der Geschäfte wegen sein Haus. Seine Frau blieb mit der neugeborenen Tochter zuhause und wollte diese baden. Beim Baden war das Kind unruhig, und weil kein Spielzeug zur Hand war, griff die Frau in die Tasche einer in der Nähe hängenden Jacke ihres Mannes. Dort fand sie das Amtsiegel des Bürgermeisters und gab es dem Kind zum Spielen. Nach dem Baden schüttete sie, wie das damals so üblich war, den Zuber aus dem Fenster aus. Sie bemerkte nicht, dass sich das Siegel im Wasser befand und mit aus dem Fenster geschüttet wurde.

Ein vorbeikommender Bürger fand das Siegel auf der Straße und brachte es ins Rathaus zum Ratsvorsitzenden Jakub Wölflin. Der zitierte Schwerhammer zu sich und fragte ihn nach dem Siegel. Ahnungslos wähnte er es bei sich zu Hause und wollte dort suchen. Aber die Ratsherren, die grinsend beobachteten, wie er suchte und suchte, wussten nun leider Bescheid und ordneten nach einer kurzen Weile die sofortige Hinrichtung wegen des sorglosen Umgangs mit heiligen Amtinsignien an. Vor seinem eigenen Haus wurde der Arme enthauptet. Am nächsten Tag wurde an der Stelle der Hinrichtung ein schwarzes Kreuz aufgestellt. Ob diese Geschichte wirklich so stattgefunden hat, ist ungewiss. Im 19. Jahrhundert war sie manchmal Gegenstand von politisierten Geschichtsdebatten, weil Schwerhammer ein deutscher Bürger der Stadt war, und man unterstellte, die schnelle und überzogene Hinrichtung sei ein Werk voreiliger tschechischer Ratsherren gewesen.

Wie dem auch sei: Das Haus, in dem er gewohnt und vor dem er den Tod gefunden haben soll, heißt immer noch nach dem schwarzen Kreuz. Ein gemaltes schwarzes Kreuz befindet sich auch auf der Wand. Schwerhammer soll auf dem im späten 18. Jahrhundert aufgelösten Kirchhof der gegenüber liegenden Kirche Sankt Martin in der Mauer (früherer Beitrag hier) begraben worden sein. Angeblich – ich konnte es bei Gottesdiensten allerdings bisher noch nicht bestätigt sehen – soll er dort ab und an noch mit dem Kopf unter dem Arm herumspuken und die Gläubigen zur mehr Ordentlichkeit im Hause gemahnen. Aber zurück zu dem, was gesichert ist: Das Haus zum Schwarzen Kreuz steht tatsächlich auf gotischen Grundmauern. Allerdings fiel der mittelalterliche Bau, in dem Schwerhammer gelebt haben mag, 1678 einem Feuer zum Opfer. Im Kern ist das heutige Erscheinungsbild daher barock. Barocken Ursprungs ist auch das in eine Kartusche gefasste Hausschild, das die Dreieinigkeit darstellt. Im Innenhof wurden wohl 1846 einige Umbauten im klassizistischen Stil durchgeführt, die man aber von außen nicht sieht. Jedenfalls dürfte Schwerhammers Geist, falls er dort noch spuken sollte, das Gebäude nicht unbedingt wiedererkennen. (DD)

Eklektik mit Hubertus

Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.

Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.

Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.

Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.

Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.

Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)

Brutalistische Urologie

Für die ständig wachsende Anzahl der Freunde der brutalistischen Architektur der 1970er Jahre hat Prag bekanntlich viel zu bieten. Dieser Gruppe von Mitmenschen, die Geschmack mit Mut kombinieren, könnte es im Falle einer Harnblasenruptur oder akuten Niereninsuffizienz viel Trost und Halt spenden, wenn sie wenigstens an diesem Sehnsuchtsort ihrer Behandlung unterzogen würden: Der Klinik für Urologie in der Ke Karlovu 459/6 in der Neustadt.

Der ästhetische Reiz des Gebäudes gewinnt noch einmal durch den Kontrast zum unmittelbar benachbarten, in den Jahren 1865 bis 1875 erbauten Landes-Entbindungsheims (Zemská porodnice) mit seiner besonders schnörkeligen neogotischen Architektur. Man sieht es oben im großen Bild mit einem gotischen Backsteintor und dem Krankenhaus dahinter – getrennt nur durch eine kühn über die Straße geführte Gasleitung. Ein Anblick, der bleibende Eindrücke hinterlässt. Der nackte und rohe Beton, den man schön im Eingangsbereich (Bild links) beobachten kann, und der durch viel Stahl und Glas ergänzt wird, kommt so voll zur Geltung – Brutalismus pur!

Der Bau der Urologischen Klinik war ein wenig der Abschluss einer langen Baugeschichte, die mit dem Entbindungsheim 1865 begann. Nach und nach – und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrunderts zunehmend – entwickelte sich das ganze Areal an der Grenze der Neustadt zu Vinohrady zu einem großen Klinikareal mit vielen fachlich spezialisierten Kliniken – Allgemeine Klink, Pathologie und Physiologie, Gechlechtskrankheiten und so weiter. Und eben die Urologie. Über die Zeit entstand so ein recht wildes stilistisches Mischmasch an Baustilen von der Neogotik über die Neorenaissance und Funktionalismus bis hin eben zum Brutalismus. Im Grunde kann man hier die historische Entwicklung der Krankenhausarchitektur seit dem vorletzten Jahrhundert studieren.

Passend dazu befinden sich Teile der medizinischen Fakultät der Karlsuniversität in der Nähe und die Gerichtsmedizin. Wir befinden uns in einem der großen Kompetenzzentren für Medizin in Tschechien. Und die Urologie gehört architektonisch zu den neueren Gebäuden des ganzen Areals.

Das Gebäude entstand im Jahre 1973. Schon 1970 hatte das bekannte Architekten-Ehepaar Eva Růžičková und Vratislav Růžička (die u.a. auch durch den gemeinsamen Entwurf für den Bürokomplex Merkuria in Prag-Holešovice bekannt wurden) mit den Entwürfen für das riesige Gebäude begonnen. Bei der Realisierung des Projekts stand ihnen noch der Architektenkollege Boris Rákosník beiseite. Das Ergebnis war ein monströs großes Konstrukt aus abwechselnd horizontalen und vertikalen Quadern. Trotz der Ausmaße beeinträchtigt es nicht die schöne Skyline der Umgebung. Die Fassade hin zum alten Entbindungsheim ist etwas aufgelockerter, insbesondere durch die einem Risalit ähnliche Struktur des zentralen Treppenhauses. Man muss Brutalismus nicht mögen müssen, aber aus der Nähe wirkt das Ganze schon recht beeindruckend. (DD)

En kölsch Mädche op däm Wäch vun Prag zor Mongolei

Kölsche Mädche sin jefährlich, diese Weisheit des karnevalistischen Liedguts wird mittlerweile auch in Prag zumindest unter Przewalski-Pferden kaum mehr in Frage gestellt. Denn der Prager Zoo (unser Bericht hier) mag eines der wichtigsten Zuchtprogramme für die wilden Pferde betreiben, die Chefin der Herde, die im April 2021 im neu eröffneten großen Freigehege ausgewildert wurde, ist jedoch unumstritten Lana aus Köln.

Die Infotafel am Zaun des neuen Riesengeländes informiert darüber, dass sie eine „občas náladová klisna“ (zu Deutsch: eine gelegentlich launische Stute) sei und am 21. August 2016 im Kölner Zoo geboren wurde. Aber wer sind diese Pferde, deren rheinisch-kapriziöse Anführerin sie ist? Nun, die Przewalski-Pferde gelten als die „letzten echten Wildpferde“. Die Pferderasse wurde 1881 erstmals in der Mongolei entdeckt und in der Folge immer mehr durch den Menschen dezimiert. Um 1967 starb das letzte freilebende Pferd dieser Art. Aber es gab immerhin noch einige Exemplare in europäischen Zoos. Doch auch hier gab es Probleme, da die Tiere sich in Gefangenschaft nur schlecht vermehrten. 1956 gab es nur noch 41 Pferde in menschlicher Obhut. Es sah gar nicht gut für die Przewalski-Pferde aus. Etliche Zuchtlinien endeten. nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur noch in den Zoos von München und Prag größere Bestände. Bei Zuchtlinien kamen aber in den 1960er Jahren – der Zeit des Kalten Krieges – kaum zusammen. Inzucht in den einzelnen Herden war die Folge.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Prager Zoo bereits Initiativen ergriffen, um die Przewalski-Pferde zu retten. Hier hatte man schon in den 1930er Jahren mit der Zucht begonnen (als es noch wildlebende Pferde gab). 1959 lud der Zoo erstmals zu einem Internationalen Symposion zur Rettung der wackeren Equiden ein. Dort wurde beschlossen, dass der Prager Zoo das Weltzuchtbuch führen und damit Koordination der Zuchtmaßnahmen übernehmen solle. Was man auch brav tat. Und so erreichte die Weltpopulation in Zoos 1983 erstmals die Marke 500 und im Jahre 1990 waren es bereits 1000. Schön und gut, aber es war egal, wieviele es waren, solange das Leben der Tiere nur hinter Zoogittern verlief. Ein Wildpferd muss wild und frei leben dürfen! Auch internationale Initiative wurde darob das 1975 gegründete Große Gobi-B-Schutzgebiet in der Heimat der Przewalskis 1992 zu einem Auswilderungsgebiet unter strengem Schutz erklärt. Schon 1988 hatte man bereits Pferde von Prag in dieses Gebiet organisiert. Seither hat sich das Zusammenspiel von internationalen Naturschutzorganisation und der Tschechischen Luftwaffe (die die Transportmaschinen stellt) hervorragend entwickelt.

Zwischen 2011 und 2019 wurden alleine 34 Pferde aus dem Prager Zoo in die Mongolei geflogen. Das führte nach einiger Zeit zu einer markanten Vermehrung wildlebender Przewalskis in Gobi-B. 2020 waren es erstmals über 300 Exemplare. In dieser Zeit gab es bereits andere Schutzparks in der Monoglei mit ebenfalls hunderten Pferden. Im Nationalpark Chustain Nuruu waren es 2020 sogar 380. . Aber an das Auswildern muss man sich als Pferd auch gewöhnen. Erst lebt man in einem Zoo unter liebevoller Fürsorge und wird im Trog gefüttert und von den Wärtern gestriegelt und dann befindet man sich nach langem Flug auf einmal in einer semi-ariden Landschaft, wo man sich sein Fressen selbst zu suchen hat. Darauf sollte man vorbereitet werden. Das tat man so gut es die Fazilitäten des Zoos erlaubten. Das war, so sah man irgendwann ein, nicht genug.

Es musste ein größeres Stück Land her, in dem sich die Pferde so naturnah und frei, wie es in Prag nur möglich ist, ausleben können. 2011 begann man mit ersten Planungen und 2019 fing man an, im Südwesten Prags bei Dívčí hrady (Prag 5), rund acht Kilometer Luftlinie südlich des Zoos und hoch über dem Naturschutzgebiet des Prokoptals (Prokopské údolí) und neben dem denkmalgeschützten Areal der altslawischen Wallburg von Děvín (hrad Děvín) – über die wir bereits hier berichteten – ein großes Freigehege einzurichten. Das hat etwas über 500×500 Meter Ausmaße. Im Bild rechts sieht man den durch Zaun separierten Stall, der aber nur genutzt wird, wenn Fohlen geboren werden oder es einen Notfall gibt. Ansonsten hat man sich als Pferd draußen auszutoben. Das ist ja der Zweck der Sache.

Das ganze Areal umgibt ein riesiger, hoher und unüberwindbarer (für Mensch und Tier) Zaun. Einige Meter hinter dem Zaun ist n ein kleiner Drahtzaun, der dafür sorgt, dass der Abstand von Mensch und Pferd genügend weit ist, und dass niemand auch nur auf die Idee kommen kann, die Pferde zu füttern – was auch streng verboten ist. Das Areal ist so groß, dass man schon manchmal ein Stück drumherum spazieren kann, ohne auch nur ein einziges Pferd zu sehen. Ein wenig helfen einem die drei hölzernen Beobachtungsplattformen, von denen man im Bild links eine in der Ferne sieht, zusammen mit ebenfalls weit entfernten Przewalskis. Seit der Eröffnung des Großgeheges im April strömen die Besucher aus der Stadt nur so hierhin, um die Tiere zu bestaunen.

Zunächst waren es nur eine handvoll Stuten, die hier freigelassen wurden. Nach und nach sollen auch Hengste kommen, sodass hier nicht nur ausgewildert, sondern auch gezüchtet wird. Die Fohlen werden dann unter naturnäheren und realistischeren Bedingungen geboren und aufwachsen als es im Zoo selbst der Fall gewesen wäre.

Und in nicht allzu langer Zeit wird es für viele der Pferde hier oben heißen, Abschied vom schönen Prag zu nehmen. Dann geht es in die Mongolei, wo schon viele andere Przewalski-Pferde warten. Lana, die Chefin der Herde, wird dann in der Ferne führungsstark den rheinischen Frohsinn unter den Equiden verbreiten. Am kölschen Wesen kann die Welt ja nur genesen! (DD)

PS: Für Nicht-Kölner: Der Titel dieses Beitrags lautet auf Hochdeutsch „Ein kölnisches Mädchen auf dem Weg von Prag zur Mongolei“.

Treff mit Brunnen

So richtig entspannt und geradezu mediterran ist die Stimmung auf diesem Platz an einem schönen Sommertag. Mit seinen Restaurants, Bistros, den prächtigen Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert und vor allem seinem witzigen Brunnen. der in die Mitte des Kreisverkehrs auf dem Platz gebaut wurde, machen ihn zu einem kleinen urbanen Juwel.

Am Abend als wir gerade 2016 nach Vinohrady umgezogen waren, gingen wir die Americká, wo wir seither wohnen, ein wenig hinauf, um ein Restaurant zu suchen. Schon nach wenigen Metern stießen wir auf den kleinen Platz, wo sich Americká und Záhřebská treffen. Hätten wir uns nicht schon vorher in Prag verliebt, hätten wir es hier getan. Damals war der Kreisverkehr noch Kreisverkehr. Seit dem Sommer 2020 ist er nur noch teilweise befahrbar, was mehr Platz um den Brunnen für die Außengastronomie einiger Restaurants schuf.

Die gastronomische Szenerie ist vielfältig. Es seien hier nur die auf Rum spezialisierte Bar, die hunderte von Sorten aus aller Herren Ländern offeriert, oder ein Italiener der gehobenen Art erwähnt. Drinnen ist es immer gemütlich, aber draußen ist es im Sommer am schönsten. Wege ndes Brunnens. Der wurde hier am 30. August 2020 eingeweiht und ist das Werk des Bildhauers und Restaurators Miroslav Beščec, der u.a. durch die Gestaltung des Kreuzwegs im Stadtteil Modřany bekannt wurde. Der Brunnen besteht aus einem granitenen Steinring bzw. -becken, in den sonderliche Tieren, die der Phantasie entsprungen sind, Wasser hineinspeien. Einige Tiere stehen im Brunnen oder am Brunnenrand, aber ein drachenähnliches Wesen steht weiter abseits, um über eine lange Distanz mit seinem Wasserstrahl das Becken zu treffen.

Die Verkehrsberuhigung von 2020 hat die schon vorher sichtbare Tendenz verstärkt, dass der Platz selbst eine erweiterete Gastronomie- und Spaßzone wird. Schon früher haben Leute, die in der Außengastronomie einer Restaurants oder Bars saßen, ihren Stuhl einfach in die Platzmitte getragen, um dort nahe beim Brunnen im Schatten von Bäumen ihren Drink zu sich zu nehmen. Die Gäste mehrerer Etablissements vermischen saich dabei. Gerade für junge Leute ist das Ganze zu einer Art Treff geworden. Durch die Veränderung der Verkehrsführung vermischt sich dies mit dem tatsächlichen Bereich der Gastronomie. (DD)

Palais der Verschwörer

Es ist der 22. Mai 1618 – heute vor 403 Jahren. Für den nächsten nächsten Tag ist ein Treffen der böhmischen Stände mit Vertretern von König Ferdinand II. anberaumt. Der steht im Verdacht, die Ständefreiheiten und die verbriefte religiöse Toleranz in Böhmen beiseite schaffen zu wollen. Seine bisherigen Taten lassen diesen Verdacht zur Gewissheit werden. In seinem österreichischen Herrschaftsbereich hatte er den Protestantismus bereits rücksichtslos unterdrückt. Die größtenteils protestantischen Teilnehmer des Treffens sehen an diesem Abend nur eine Lösung: Revolution!

Und so nahmen vom schönen Smiřický Palais (palác Smiřických) an der nördlichen Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 6/18) die Ereignisse ihren Lauf. Am nächsten Tag, dem 23. Mai 1618, wurden die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius von den revolutionären Ständevertretern aus einem Fenster der Burg hinausgeworfen. Es war der Zweite Prager Fenstersturz (wir berichteten hier) mit dem der Böhmische Aufstand und damit der Dreissigjährige Krieg begannen.

Dass der Plan für den Aufstand im Palais Smiřický entstand, war natürlich kein Zufall, sondern hatte etwas mit dem Besitzer zu tun. Im Mittelalter hatten an dieser Stelle fünf gotische Häuser gestanden, die dem großen Feuer von 1541 zum Opfer fielen. 1573 wurde das ganze Areal von einem Mitglied der Familie Smiřický ze Smiřic gekauft, der hier einen Renaissance-Palast als Prager Familiensitz baute. Die Familie war ungeheuer reich und für ihren rebellischen Geist bekannt. Einer der Vorfahren hatte schon zu den führenden böhmischen Adligen gehört, die 1415 gegen die Verbrennung des Frühreformators Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz protestiert hatten.

Zikmund II. Smiřický ze Smiřic, ein Königlicher Rat unter dem religiös toleranten Rudolf II., baute den Palast im Jahre 1612 im barocken Stil um und ließ die für das Gebäude so charakteristischen oktagonalen Ecktürme anfügen. Und es war wiederum sein Sohn Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, der hier zu dem Verschwörertreffen der Ständevertreter eingeladen hatte. Er gehörte zu den zentralen Persönlichkeiten des Aufstands. Er war nicht nur am Fenstersturz beteiligt, sondern wurde auch Teil der Direktionsregierung, die nach der Absetzung König Ferdinands über die weitere Strategie und die Verfassung beschließen wollte. Er war sogar als neuer und gewählter König im Gespräch, aber am Ende entschied man sich für Friedrich von der Pfalz. Das war möglicherweise ein Fehlentscheidung, denn Friedrich war unerfahren und leichtsinnig. Unter ihm verloren die Aufständischen die Schlacht am Weißen Berg im November 1620. Weil er nur einen Winter regierte, verspottete man Friedrich nunmehr als den „Winterkönig“.

Der Historiker Golo Mann sollte später schreiben, „wenn überhaupt einer die böhmische Rebellion hätte zum Sieg führen können, so wäre es Albrecht Jan Smiřický gewesen.“ Aber es sollte nicht so sein. Albrecht Jan Smiřický ze Smiřic erlebte weder den Kampfbeginn, noch die Schmach der Niederlage, denn er war im November 1618 an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er noch aus eigenen Mitteln ein Regiment mit über 1000 Mann für den anstehenden Kampf aufgestellt hatte. Seine beiden Schwestern stritten sich um das Erbe, was aber im Grunde sinnlos war, denn nach der Niederlage beschlagnahmte der Kaiser den Besitz aller Aufständischen. Der Smiřický’sche Besitz fiel an den erfolgreichsten und berühmtesten General der kaiserlich-katholischen Seite, Albrecht von Wallenstein (den kennt man ja von Schiller). Nach dessen Ermordung wechselte der Palais an der Kleinseite mehrfach den Eigentümer.

1763 wurde das Schloss von Jan Pavel Montág erworben, weshalb der Palast auch manchmal dům U Montágů, d.h. Haus beim Montág genannt wird. Der neue Besitzer ließ das Gebäude in den Jahren 1764/65 nach einem Entwurf von Josef Jäger, der auch den nahegelegenen Palais Grömling erbaut hatte, umbauen und vor allem vergrößern. Insbesondere wurde ein zusätzliche Stockwerk eingezogen, sodass es endgültig die äußerliche Gestalt bekam, die wir heute beim Vorbeigehen bewundern können. 1895 erwarb der Böhmische Landtag das Gebäude, wo es das eigentliche Landtagsgebäude im nahegelegenen früheren Palais Thun räumlich ergänzte. Und so blieb es bis heute. Das tschechische Abgeordnetenhaus (der Nachfolger des Landtags) tagt immer noch im Palais Thun und im Palais Smiřický befinden sich zusätzliche Büros, unter anderem die des Informationszentrums des Parlaments. Um die Sache für einen modernen Parlamentsbetrieb tauglich zu machen, wurde zwischen 1993 und 1966 noch einmal ordentlich renoviert. Daran, dass hier einmal ein Aufstand begann, der Europa erschütterte, erinnert heute nur noch eine bronzene Plakette, die an einem der Pfeiler der Arkaden angesbracht wurde. (DD)

Burg in schöner Bachlandschaft

Inmitten eines idyllischen Dörfchens am nordöstlichen Rand Prags liegt Burg Jenštejn. Der 22 Meter hohe Turm ragt hoch über den kleinen alten Häuschen des Ortes und der sie umgebenden Bach- und Teichlandschaft. Kurz: Das ideale Ziel für einen Wochenendausflug.

Das Dorf mit samt einer kleinen Wasserburg wurde Anfang des 14. Jahrhunderts durch Jenčik z Janovic (das „z“ ist im Tschechischen gleichbedeutend mit dem deutschen Wort „von“) angelegt, dem Sproß einer im 13. Jahrhundert erstmals in Chroniken erwähnten Adelsfamilie. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg datiert aus dem Jahr 1368. In diesem Jahr ging sie nämlich in den Besitz eines gewissen Pavel z Vlašim über, der sich fortan recht vornehm Paulus de Jenczenstein nannte. Er baute die Burg in der Form aus, wie wir sie heute kennen. Pavel vererbte 1379 die Burg und die Herrschaft an seinen Sohn Jan z Jenštejna (Johann von Jenstein).

Der war der wohl bedeutendste Besitzer der Burg. Zunächst Bischof von Meißen, brachte er es 1379 zum Amt des Kanzlers von König Wenzel IV.. Da er gleichzeit Bischof von Prag wurde, geriet er als eifriger Kirchenreformer in die religiösen/politischen Streitereien, die später zu den Hussitenkriegen führen sollten. In vielen Schriften prangerte er die damalige Verweltlichung der Kirche an.. Er war vielleicht ein wenig radikal. 1384 verlor er daher das Amt des Kanzlers. Fortan kämpfte er gleichermaßen für die Rechte der Kirche gegenüber dem König. Als der König seinen Generalvikar, den späteren Märtyrerheiligen Nepomuk, hinrichten ließ floh er nach Rom. 1396 – vier Jahre vor seinem Tod – musste er auch den Bischofstitel aufgeben.

Nachdem Burg und Dorf im 15. Jahrhundert noch mehrmals den Besitzer wechselten, wurde im Jahr 1560 ein gewisser Jan Dobřichovský z Dobřichova letzte Besitzer der Herrschaft von Jenštejn. Nach seinem Tode im Jahr 1583 fiel sie an die königliche Finanzverwaltung Böhmens und wurde zwei Jahre später in die Herrschaft  Brandýs. Dadurch verlor die Burg an Bedeutung. Chroniken erwähnen, dass sie 1597 schon leer und recht verfallen war. 1640 verwüsteten im Zuge des Dreissigjährigen Krieges Burg und Dorf. Das Dorf wurde wieder aufgebaut; die Burg blieb die pittoreske Ruine, die wir heute sehen.

Im 20. Jahrhundert nahm man sich ihrer wieder gnädig an. Renovierungen stabiliserten das Gebäude – allen voran eine Restaurierung im Jahre 1977, die dazu führte, dass die Burg wieder öffentlich zugänglich wurde. Seither ist sie ein beliebtes Ziel für Wanderer und Radfahrer, die die Burg und die umliegende Landschaft bewundern wollen. Die Burg und das Dorf liegen in einem waldigen Gebiet um den Vinoř-Bach (Vinořský potok), der sich von hier aus Prag kommend Richtung Elbe bewegt und von vielen kleinen Teichen gesäumt ist, wie man auch dem großen Bild oben sehen kann. (DD)

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Unendlich viel Technik

Ehrlich gesagt, man weiß gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll, wenn man über das Technische Nationalmuseum (Národní technické muzeum) in der Kostelní 1320/42 in Holešovice (Prag 7) schreibt. Auf jeden Fall sollte man sich beim Besuch viel, viel Zeit nehmen. Da gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Und eins ist aufregender als das andere.

Fangen wir doch einfach mit der Geschichte des Museums an. Vielleicht mit der Prager Landes-Jubiläumsausstellung von 1891. Vieles, was damals bei dieser großen Industriemesse hätte nur kurzfristig ausgestellt werden sollen, blieb Prag dauerhaft erhalten – der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg, die Standseilbahn, das Spiegelkabinett, der Hanavský Pavilon und etliches mehr. Das war so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris, der ja auch nach der Weltausstellung von 1889 hätte abgerissen werden sollen, aber bis heute als Wahrzeichen der Stadt erhalten ist. Niemand möchte ihn mehr missen. Und auf der Prager Jubiläumsausstellung von 1891 gab es schließlich auch eine Technik- und Industrieschau von riesigen Ausmaßen, die man nicht einfach wie Abfall nur entsorgen wollte. Im Jahre 1908 nutzte man die Gelegenheit und gründete deshalb einen Verein zur Förderung eines Technischen Museums.

Mit kundiger Hilfe der Technischen Universität (wir berichteten hier) wurden bereits bestehende kleine Sammlungen mit den Restbeständen der Ausstellung zusammengestellt und schon im Jahre 1910 zunächst im Palais Schwarzenberg in der Burgstadt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war aber auf die Dauer zu klein. Und der rasende technische Fortschritt, zu dem nicht zuletzt tschechische Erfinder wie der „tschechische Edison“ František Křižík beitrugen, ließ erahnen, dass der Platzmangel in Zukunft eher schmerzlicher werden würde. 1921 begann man mit einer Gekdsammlung für ein neues Gebäude, für das der Stadtrat ein großes Grundstück auf der Letnáhöhe bereitstellte. 1935 gewann der Architekt Milan Babuška, der uns auch den Palác ARA bescherte, einen Architekturwettbewerb und 1938 begann man mit den Bauarbeiten für das riesige Gebäude, die 1941 abgeschlossen waren.

50.000 Inventarstücke hat das Museum, von denen etwas über 10% ausgestellt sind. Wo fängt man da an? Am besten im großen Hauptsaal, der hinter dem Foyer liegt, und in dem alle möglichen Fortbewegungsmittel ausgestellt sind. Autos, Motorräder, Fahräder, Flugzeuge, Lokomotiven und so weiter. Die beiden Bilder ganz oben vermitteln einen Eindruck. Das schöne ist, fast alle Items haben eine echte personalisierte Geschichte. Die Spitfire, die man oben sieht, war Teil jener Flugstaffeln von tschechoslowakischen Piloten, die 1939 rechtzeitig vor den Nazis geflohen waren, und den Briten 1940/41 heldenmutig halfen, die Luftschlacht um England zu gewinnen (früherer Beitrag hier). Auch das oberhalb links abgebildetete Auto, das Modell RK/M der Firma Laurin & Klement (eine Vorgängerfirma von Škoda) von 1913, hatte einen ilustren Besitzer. Es handelte sich um Alexander Graf Kolowrat. Der war Filmpionier, aber auch begeisterter Rennfahrer, der mit dem Auto etliche europäische Rennen und Rallyes gewann. Die Presse nannte ihn deshalb meist nur „Graf Kilowatt“.

Aber auch ohne illustre Vorbesitzer faszinieren viele der Ausstellungsstücke. So etwa dieses putzig anmutende dreirädrige Motorrad der Firma De Dion Bouton aus dem Jahr 1900. Die französische Firma kennt heute fast niemand mehr, aber damals war das der größte Automobilhersteller der Welt, der zudem auch noch eine große Nummer im Eisenbahnbau war!

Aber Technik ist mehr als motorisierte Mobilität. Im vorderen Gebäudeteil befinden sich deshalb auf vier Stockwerken und etlichen Kellerräumen (die teilweise für Sonderausstellungen reserviert sind) etliche Abteilungen zu speziellen Aspekten. Sie stellen teilweise natürlich die tschechischen Leistungen der Ingenieurskunst in den Mittelpunkt, aber das, was an internationaler Technik aus allen Epochen geboten wird, reicht schon für mehr als nur einen ersten Eindruck zu gewinnen. Man findet didiaktisch wohl aufbereitete Einführungen in die wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Beispiel. In Englsich und Tschechisch! So erfährt man viel über Optik und kann danach wunderschöne Kameras aus alten Zeiten bewundern (oben links).

Spaß macht aber vor allem das Alltägliche. Das sieht man bei der Abteilung zu Haushalts- und Küchengeräten. Manches von dem, was man da an Staubsauger-, Waschmaschinen- und Rührquirlmodellen sieht, erweckt Kindheitserinnerungen (ja, das ist ein Museum für Babyboomer!). Aber manches ist schon so antik, dass es wie eine Neuentdeckung auf einen zukommt. Diese pedalgetriebene Nähmaschine mit dem stolzen Löwen, zum Beispiel, ist ein Kunstwerk, wie man es heute nicht mehr findet. Dieser Typus kam um 1870 auf den Markt und wurde von der schottischen Firma Kimball & Morton entwickelt.

Passend im Keller untergebracht findet man Räume zur Verarbeitung von Metall (insbesondere Eisen) und zum Bergbau. Hier sieht man didaktisch aufgebaute Nachempfindungen frühzeitlicher Schmelzöfen mit noch recht archaischer Technik. Schrittweise wird man von hier in die moderne Gegenwart geführt….

An dieser Stelle ist es kaum möglich, auch nur alle Abteilungen und Aspekte von Technik zu erwähnen, die man in diesen Hallen findet – geschweige denn, sie detailliert zu beschreiben. Die rechts zu sehende Abteilung zur Technik des Druckens sei erwähnt, aber auch der Raum für astronomische Instrumente. Auch Architektur und Bauwesen haben ihren Platz. Unzählige Baupläne füllen das Archiv. Einfach sich einen ganzen Tag (mindestens) frei nehmen und alles anschauen!

Darüber sollte man aber auch nicht die Architektur übersehen. Das Gebäude, das Architekt Milan Babuška (ein Spezialist für Industriebauten) entwarf, gehört zu den Meisterwerken des Funktionalismus der späten Ersten Republik und beeindruckt durch seine klare, fast klassische Fassadenstruktur. Das Ende der Republik und die Besetzung durch die Nazis führten übrigen dazu, dass das Museum zunächst nicht seiner Bestimmung zugeführt wurde. Es diente zunächst einmal als Gebäude des Postministeriums. Erst 1948 begann der reguläre Ausstellungs- und Museumsbetrieb. Innen bildet die ebenfalls sehr strenge und minimalitsiche Ausstattung eine harmonische Einheit mit der ausgestellten Technik (man siehe nur die stählerne Treppe im Bild oberhalb, die sich im Obergeschoss befindet). Auch das macht den Besuch zu einem Erlebnis. (DD)

Frischgebackener Heiliger

Heute ist der 16. Mai; der Tag des Heiligen Nepomuk. In Tschechien, aber auch in Österreich und Süddeutschland ist er als der Schutzheilige der Brücken bekannt. Den Grund dafür sieht man hier im Bilde. Am März 1393 endete das Leben des guten Nepomuk vorzeitig und gewaltsam, weil der böhmische König Wenzel IV. ihn kopfüber die Karlsbrücke hinunter in die Moldau werfen ließ.

Nepomuk, der Generalvikar des Erzbischofs von Prag, war in die Machtkämpfe zwischen Erzbistum und dem König geraten, der das Bistum zu schwächen und zu verkleinern begonnen hatte. Erst später erfand man die Geschichte, dass Nepomuk dem stets eifersüchtigen König nicht berichten wollte, was dessen Frau ihm unter dem Beichtgeheimnis anvertraut hatte. Die Legende beförderte später Nepomuk zusätzlich zum Heiligen der Brücken auch noch zum Heiligen des Beichtgeheimisses. Zum richtigen Kultheiligen der Böhmen wurde Nepomuk aber erst nach dem Dreissjährigen Krieg als die Habsburger zur Festigung ihrer Macht die Gegenreformation betrieben und einen guten lokalen Heiligen für die Böhmen brauchten, der sich nicht gegen die Dynastie wenden ließ. 1670 verfasste der jesuitische Historiker Bohuslav Balbín seine Vita und popularisierte ihn. 1721 wurde er selig- und schließlich am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen.

Der die Brücke hinunterfallende Nepomuk, den wir hier sehen, wurde im Jahr der Heiligsprechung in Sandstein gemeißelt und befindet sich im knapp nördlich von Prag gelegenen Ort Chlumín. Dort steht auf dem etwas schläfrigen, aber mit einigen Kulturschätzen gesegneten Dorfplatz vor der barocken Kirche eine große und mutmaßliche Marien- oder Pestsäule. Ob sie nämlich wirklich das Ende der letzten großen Pest in Böhmen von 1713/14 gedenken sollte, ist nämlich fraglich, da einige typische „Pestheilige“, wie etwa der Heilige Rochus, darauf fehlen. Wie dem auch sei: Die Stifterin, die in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana gedachte, mit dieser Säule ein frommes Werk zu tun.

Was den Reichtum der skulpturalen Ausstattung angeht, so muss sich die Säule in Chlumín vor keinem ihrer Gegenstücke in der Königsstadt Prag verstecken (die wir u.a. hier, hier und hier vorstellten). Mehr noch als die namensgebende Maria stellte der Bildhauer Jan Pursch, der u.a. auch den Hauptaltar der Ludmillakirche im nahen Mělník gestaltet hatte, böhmische Nationalheilige mit Märtyrerstatus in den Mittelpunkt seines Schaffens. Drei von ihnen befinden sich an prominenter Stelle am Hauptsockel: Ludmilla (kleines Bild links), Wenzel (rechts), und eben Nepomuk. Und über jeder Statue gibt es ein kleines Relief, das den Märtyrtod darstellt. Bei Ludmilla das Erwürgen mit dem Schal, bei Wenzel der Schwerthieb vor der Kirchentür und – wie wir oben sehen – beim frischgebackenen heiligen Nepomuk der Sturz von der Brücke.

Damit bastelte der Künstler an der Heiligenlegende, indem er Nepomuk in eine Reihe mit bereits eingeführten Nationalheiligen stellte. Seine Statue entspricht der sich damals entwickelnd Konvention, was die Attribute angeht – mit der einen Ausnahme, dass er keinen Heiligenschein mit Sternen trägt. Nepomuk ist nämlich der einzige Heilige außer der Jungfrau Maria, der bei der Darstellung Sterne im Heiligenschein tragen darf, wenngleich nur fünf und nicht 12 (Beispiel hier). Man erkennt ihn aber trotzdem.

Chlumín ist wohl eine wirtschaftlich etwas abgehängte Ortschaft und seine durchaus sehenswerten Kulturdenkmäler – Kirche und Schloss – machen einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Dass ihre Mariensäule mit dem Heiligen Nepumuk (und anderen) etwas wirklich besonderes ist, dessen war man sich wohl immer bewusst. Sie wurde immer gehegt und gepflegt. 1958 renovierten selbst die Kommunisten sie und 2000 wurde sie noch einmal auch neuesten Stand gebracht. Blitzblank sieht das Ganze jetzt aus. (DD)