Rilke: Umstritten, doch geehrt

Unter den deutschsprachigen Schriftstellern und Dichtern, die in Prag wirkten, gehört neben Franz Kafka sicherlich Rainer Maria Rilke zu den bedeutendsten. Mit seinen Neuen Gedichten (1907/08), den Duineser Elegien (1922) und zahlreichen andere Werken schuf er eine neue, impressionistische Dichtung, die weit über den engen Bereich der Lyrik das Kulturleben des 20. Jahrhunderts inspirierte, etwa in der Musik (Leonard Bernstein, Paul Hindemith u.v.a. )

Seit dem Juni 2015 gibt es in Prag ein Denkmal für den Dichter, und zwar auf dem Řezáčovo náměstí (Řezáč Platz) im Stadtteil Holešovice. Treibende Kraft war dabei die Europäische R.M. Rilke Stiftung (die ihren Sitz in Tschechien hat) und die dafür den Bildhauer Stanislav Kolíbal gewann. Es handelt sich um einen schlichten mannshohen Steinquader, der mit einem Portrait und Inschriften versehen ist. Es ist kein Zufall, dass dieses Rilke-Denkmal dem ebenfalls quaderförmigen Rilke-Denkmal in Berlin-Wilmersdorf von 2007 zumindest recht vage ähnelt. Das wurde nämlich auch von der Rilke-Stiftung gespendet. Realisiert hat es der tschechische Bildhauer und Architekt Miroslav Vochta.

Aber zurück zum Prager Denkmal: Auf der östlichen dem Platz zugewandten Seite des Quaders findet man ein in rot gehaltenes Bildportrait Rilkes nebst einer kurzen Vita des Dichters in Deutsch und Tschechisch (siehe großes Bild oben). Auf den drei anderen Seiten finden sich aufgeteilt die Schlusszeilen des letzten Verses aus der Neunte Elegie der Duineser Elgien – ebenfalls in Deutsch und Tschechisch:

„Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
werden weniger….. Überzähliges Dasein
entspringt mir im Herzen.“

Ursprünglich war als wesentlich prominenterer Standort für das Prager Rilke-Denkmal ein Platz auf dem nahen Letná Park (Letenské sady) vorgesehen, wogegen sich aber etliche national-empörte Anwohner wehrten, weil Rilke ja kein tschechischer, sondern ein deutsch-sprachiger Dichter gewesen sei. Dass Rilke bis zu seinem Tod in einem Schweizer Sanatorium 1926 loyaler tschechoslowakischer Bürger gewesen war, zählte wohl anscheinend nicht. Auch in diesem Land gibt es immer noch viele historische Geisterdebatten.

Am anscheinend liberaleren Řezáčovo náměstí (die Erklärung dafür findet sich hier) fand man einen neuen Standort, wobei man allerdings mit der Idee scheiterte, den Platz gleich auch in Rilke-Platz umzubenennen. Die Ressentiments, die noch aus der Zwischenkriegszeit zu stammen scheinen, waren so stark, dass man vergaß, dass man schon lange mit dem heutigen Namen des Platzes unzufrieden ist, und dass es etliche Anläufe im Stadttrat gab, ihn umzubenennen, wozu die Aufstellung des Rilke-Monuments in der Tat eine gute Gelegenheit gewesen wäre.

Denn der heutige Namensgeber Václav Řezáč war ein kommunistischer Schrifsteller und Journalist, der zunächst im der Partei nahestehenden Syndikat Tschechischer Schriftsteller (Syndikát českých spisovatelů) „Abweichler“ von der stalinistischen reinen Lehre denunzierte und später – nach der Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948 – den Ausschluss von Nicht-Kommunisten aus den großen, nunmehr gleichgeschalteten Schriftstellerverbänden betrieben hatte. Nicht gerade ein echter Sympathieträger. Er ist am Ende mehr wegen seiner Beteiligung an „Säuberungen“ im Gedächtnis haften geblieben als wegen seiner schriftstellerischen Qualitäten. Obwohl er wohl in den 1920 Jahren kurz für Mussolini schwärmte (was man nicht verschweigen darf), scheint der im Kern unpolitische Rilke doch ein ganzes Stück weniger bedenklich zu sein. Und literarisch bedeutsamer sowieso.

Wer jetzt darob Kulturpessimist wird und meint, die Tschechen wären nicht in der Lage, ihre großen deutschsprachigen Dichter zu preisen, der kann sich vor der Fassade des Gebäudes in der Na Příkopě 856/16 (Neustadt) wieder beruhigen und eines besseren belehren lassen. Dort hängt nämlich schon seit 2011 eine Denkmalstafel mit einer Büste des Dichters – geschaffen von der Bildhauerin Vlasta Prachatická. In dem Gebäude befand sich die vom Orden der Piaristen betriebene Volksschule in der Neustadt, die zur  Kirche zum Heiligen Kreuz (Kostel Svatého Kříže) gehörte (wir berichteten), die Rilke ab 1881 bis 1886 besuchte.

Überhaupt: Die deutschsprachige Vergangenheit wird in letzter Zeit mit doch immer mehr gewürdigt und der Widerstand allmählich schwindet dahin. Vor 20 Jahren wären eine solche Ehrungen für Rilke völlig undenkbar gewesen. Das ist – trotz allen Murrens – nicht mehr so. Die Diskussion wird entspannter. Die Zeit heilt die Narben. Langsam, aber sicher. (DD)

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