Prachtgarten, schick restauriert

Niemand käme von sich aus auf die Idee, was sich hinter dem Durchgang an dem kleinen Portal des Gebäudes in der Karmelitská 373/25 auf der Kleinseite verbirgt, nämlich einer der schönsten Barockgärten der Stadt: der Vrtba Garten (Vrtbovská zahrada).

Einen ersten Eindruck bekommt man, wenn man durch das Portal in den Innenhof und dort unter einem Torbogen geht, auf dem eine große barocke Statue des antiken Gottes Atlas steht, der die Welt auf den Schultern trägt. Damit hat der Besitzer der Gartenanlage wohl ein wenig auf sich selbst anspielen lassen. Das war der Prager Burggraf Jan Josef z Vrtby, der mit der Statue uns wohl erklären wollte, wieviel Verantwortung er auf den Schultern trug, und wie bedeutend er dadurch war. Vom Innenhof gelangt man durch ein kleineres Gebäude (wo sich die Kasse befindet) in den eigentlichen Garten.

Man betritt ihn durch eine sogenannte Sala terrena, eine Art Gartensaal, der nach vorne hin zum Garten geöffnet ist, Schon der ist eine Wucht. Er ist von innen prachtvoll mit Statuen und bildlichen Darstellungen aus der antiken Mythologie ausgestaltet. Die Fresken and Wänden und Decke sind das Werk des bekannten böhmischen Barockmalers Wenzel Lorenz Reiner, der in Prag insbesondere viele bedeutende Kirchenmalereien hinterlassen hat (ein Beispiel zeigten wir u.a. hier). Wie der Garten insgesamt, ist schon die Sala terrena für sich genommen eine Besichtigung wert. Und wie die ganze Anlage, ist auch sie von dem Architekten František Maximilián Kaňka (wir erwähnten ihn u.a. bereits hier, hier und hier) entworfen und gestaltet worden.

Der Garten, den man nun vor sich ausgebreitet sieht, ist nur 3000 Quadratmeter groß, aber dennoch beeindruckend. Er ist stufenförmig an den Abhang des Petřín-Berges angelegt. Durch die Höhendimension wirkt er optisch größer und beeindruckender als es sonst der Fall wäre. Kurz: Graf Jan Josef stand ein bestens geeignetes Grundstück zur Verfügung. Das verdankte er seinem Großvater Sezima Jan z Vrtby, unter dem die Familie Vrtba 1624 den Grafenstand erlangte, und der sich darob ein schönes Stück Land auf der Kleinseite leisten konnte. Hier befand sich ein großer Weinberg. Vor dem Weinberg standen zwei große Stadthäuser, die Graf Sezima in den Jahren 1627 bis 1631 zu einem Palast im Renaissancestil zusammenlegte. Das südliche der beiden Häuser stammt aus dem Jahr 1574, was man heute noch am Grundstein (Bild oberhalb links) im Hof erkennen kann.

Als Burggraf Jan Josef den Besitz erbte, ließ er ab 1712 den Palast von Christoph Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier) zusammen mit Kaňka barockisieren. Außen waren die Veränderungen nicht sehr radikal, aber innen gab es deutliche Veränderungen. Die Zusammensetzung aus verschiedenen Häusern hatte insgesamt einen unregelmäßigen, im Kern V-förmigen Grundriss zur Folge, der das Ganze von der Starßenseite aus nicht sehr palastartig aussehen lässt. Innen gibt es zwei Höfe, von denen der eine zum Garten führt. Immer wieder gab es innen auch Umbauten und Erneuerungen nachdem die Familie Vrtba das Haus 1799 verkauft hatte, etwa 1837, als ein klassizistisches Treppenhaus eingebaut wurde. In dieser Zeit wurde der Palast übrigens in ein Mietshaus verwandelt, das danach mehrfach die Besitzer wechselte.

Doch nun zum Garten selbst. Architekt Kaňka hat hier geradezu eine bühnenhafte Choreographie von Stufen und geschwungenen Treppenaufgängen geschaffen. Trotz der barocken, und daher formalen Anlge, wirkt das Ganze schon dramatisch. Geht man nach oben, so entdeckt man immer neue Nischen, abgeschlossenen Nebengärten und kleine Ruheoasen, die auf verschiedenen Ebenen miteinander geschickt verbunden sind. Und je höher man kommt, um so mehr kann man die unterschiedlichen Sichtachsen bewundern, die Ausblicke auf Kleinseite, Altstadt und Burg ermöglichen.

Zu dem Garten und der dazu integral gehörenden Stufen-Architektur gehören natürlich die Statuen und Skulpturen. Für die zeichnete sich einer der bedeutendsten Bildhauer des Böhmischen Barocks verantwortlich, Matthias Bernhard Braun, dem wir unter anderem die Statue der Heiligen Ludmilla auf der Karlsbrücke (unser Bericht hier) verdanken. Sie erhöhen noch einmal die Dramatik der an italienischen Beispielen sich orientierenden Gartenanlage.

Braun hat den Garten durch dekorative Elemente ergänzt, die für den Barock typisch waren, wie Vasen und Urnen. Überragt wird das jedoch durch die Statuen, die die einzelnen Stufenbalustraden schmücken. Sie stellen fasst samt und sonderrs römisch-antike Gottheiten dar. Auf dem großen Bild oben sieht man zum Beispiel Diana, die Göttin der Jagd, mit ihrem Hund. Sie schaut recht neckisch drein. Braun hat seinen antiken Götterwesen einen leicht humorigen Anstrich gegeben. Das gilt auch für den Merkur im Bild links, der einen merkwürdigen Flügelhelm mit recht schlaff wirkenden Flügeln auf dem Götterhaupte trägt.

Zu den skulpturalen Highlight gehört auch der Brunnen auf der unterstene Ebene des gartens, gleich vor der Sala terrena. Auch hier wieder ein wenig augenzwinkernde Ironie. Man sieht einen Putto, der mit einem drachenähnlichen Krokodil oder krokodilähnlichem Drachen einen Ringkampf aufführt.

Die Skulpturen und Stauen Brauns werden an einigen Gebäuden, die den Garten umrahmen, durch recht kunstvolle spätbarocke Stuckelemente ergänzt, die wohl von dem italienischen Stuckateur Tomasi Soldati erstellt wurden, über den ich allerdings sonst nicht viel erfahren konnte.

Damit kommen wir zur obersten Etage. Denn alle in die Höhe führenden Sichtachsen – und auch die Treppen – enden oben bei einer großen Aussichtsplattform. Dieses Gebäude, von dem aus man atemberaubende Aussichten genießen kann, ist besonders hübsch und opulent mit Stuck beschmückt. Auch hier dominieren klassisch-mythologische Motive. Vom Inneren des Gebäudes führt eine Treppe auf die Dachterasse – eine der schönsten Aussichtspunkte der Stadt (die an ebensolchen gewiss nicht arm ist).

Weiter unten, im „Erdgeschoss“ des Gartens gibt es auch noch einiges zu sehen. Das Gebäude auf der Rückseite beinhaltet seit einiger Zeit eine kleine, aber feine Galerie, in der in Wechsel-ausstellungen hauptsächlich moderne zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren können. Damit wird vielleicht historisch an eine Zeit angeknüpft, in der der Vrtba Palast tatsächlich ein Kunstzentrum war. Nach der Umwandlung in ein Mietshaus wurde ein kleines Atelier im klassizistischen Stil (Bild oberhalb links) angebaut. Hier wirkte in den Jahren 1886 bis 1889 der berühmet un bedeutende böhmische Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier). Voirne auf der Straßenseite erinnert eine Plakette an der Fassade daran.

Zu erwähnen ist noch das „Unterhaltungsprogramm“ der Besitzer in den Zeiten des Barocks. Damals waren Volieren (große Freiflug-Vogelhäuser) modern. Und eine ebensolche findet man ebenfalls unten im Garten an einer Gebäudewand (Bild rechts). Exotiosche Vögel zu beobachten, war etwas, dass sich nur reiche Menschen leisten konnten. Sie trug auch etwas dazu bei, den gewünschten mediterranen Flair für die ganze Anlage entstehen zzu lassen. Die Voliere ist so geräumig, dass sie nicht gegen heutige Tierschutz-Gesetze verstößt. Deshalb schwirren hier immer noch allerlei bunte Vögel umher, die auf Infotafeln beschrieben sind. Hobby-Ornithologen kommen hier also auch auf ihre Kosten.

Garten und Palast wurden von den Kommunisten nach 1948 enteignet und in einem Ausmaße vernachlässigt und unsachgemäß umgebaut, dass es einer mutwilligen Zerstörung gleichkam (und das, obwohl das Ganze formal 1958 unter Denkmalschutz gestellt wurde). Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde umgehend die Restaurierung des Garten (öffentlich) und des Palastes (immer noch Mietshaus) geplant. Die fand von 1993 bis 1998 unter der Leitung des Architekten Ivan Březina und des Gartenspezialisten Václav Weinfurter statt. Seither erstrahlt der Garten in neuem Glanze – und zwar so schick, dass der alte Burggraf seine Freude daran gehabt hätte. (DD)

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