Synomym für Luxus

Als es 1956 eröffnet wurde, galt es als das „Synomym für Luxus“ – was per se eine Seltenheit in den Zeiten des Kommunismus war. Und das Dům Módy (Haus der Mode) an der östlichen Hälfte des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí 804/58) ist seither geblieben, was es war: Der Ort, wo man wertvolles Textil einkaufen kann.

Der Architekt Josef Hrubý hatte Glück gehabt. Ein Jahr vor dem Beginn der Planungen war Stalin gestorben. Das politische Tauwetter setzte allmählich ein. Kleine Freiräume im Bereich des Künstlerischen taten sich auf und niemand wurde mehr gezwungen, im realsozialistischen Zuckerbäckerstil (ein Beispiel dafür findet sich in Prag hier) zu bauen. Und so konnte Hrubý bei seinen Plänen wieder an der avantgardistischen Funktionalismus der Ersten Republik anknüpfen. So steht nun neben dem Pomp des alten Wenzelsdenkmals ein modernes Gebäude, dessen Fassade mit Panelen aus heimischem gelbem Granit und graubraunem Travertin klar strukturiert wird.

Drinnen gab es Technik vom Feinsten. Ein zentrales Ventilationssystem sorgte für gute Belüftung, eine automatische Feueralarmanlage und drei Hochgeschwindigkeits-Aufzüge für den Transport der Kunden zu den einzelnen Etagen. Dazu gab es noch ein Café. Ganz oben auf dem Dach wurde eine Dachterrasse eingerichtet, auf der bis heute Modeschauen veranstaltet werden. Vor allem, wenn man daran denkt, dass das Modehaus in kommunistsichen Zeiten entstanden ist, wirkt es auch heute noch ausgesprochen mondän.

Nun ja, ein wenig Realsozialismus musste man 1956 natürlich schon vorgeben. Dazu brachte man über dem Eckeingang ein Relief des Bildhauers Vladimír Janoušek an. Der dürfte möglicherweise darunter geltten haben, dass er das so machen musste. Janoušek war nämlich ein moderner Avantgardist und beeinflusst von Henry Moore. Er liebte die abstrakte Kunst definitiv mehr als den Brutalklassizismus des Stalinismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 galt er sogar als verfemter Künstler, der nicht mehr öffentlich ausstellen durfte.

Aber bei diesem Relief wird das glückliche Leben der (Textil-) Arbeiterklasse in naturalistischer Weise idealisiert, wie das damals halt so üblich sein musste. Trotzdem ist das Ganze irgendwie putziger (vielleicht sogar ironischer) als das sonst bei diesem Genre der Fall ist. Der Schäfer, der das blökende Schaf in den Armen trägt, konstrastiert in seiner Pastoralität mit einer modernen Textilverarbeitungsmaschine. Die wird wiederum von einer Frau mit Schutzbrille bedient. Die für „Realsoz“ so typische Verbindung von ideologischem Modernismus und reaktionärer Ästhetik wirkt hier so seltsam wie sie ja eigentlich auch grundsätzlich ist.

2019 wurde das Gebäude innen modernisiert. Wie es sich für ein Modehaus gehört, bleibt man modern. Der Kommunismus, unter dem es entstanden war, ist inzwischen passé. Und zur neuen, kapitalistischen Welt passt das Modehaus heute auch wesentlich besser. (DD)

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