Legendäre Herzöge – befördert!

Es besteht kein Zweifel, dass die Herrscherdynastie der Přemysliden Böhmens historische Größe im Mittelalter begründete. Ihre Ursprünge liegen aber im Dunklen. Erst mit Bořivoj I, der als erster von ihnen um das Jahr 883 getauft wurde, begegnet uns ein tatsächlich nachweisbarer Herrscher. Alle früheren gehören ins Reich der Legenden. Wer die kennenlernen will, sehe sich die lehrreiche Fassade des Hauses zu den Fünf Königen (Dům U Pěti králů) in der Vyšehradská 415/9 in der Neustadt (Prag 2) an.

Oft sieht man die lediglich legendären Herrscher nicht abgebildet. In der Regel sind nämlich auch die Legenden recht sparsam an echten Informationen und auch nicht sonderlich spannend. Keine Kämpfe mit wilden Drachen, die holde Jungfrauen bedrohen, kommen da vor. Deshalb ist die Aneinanderreihung von Bildern der Legendenherrscher auf Höhe des ersten Stocks schon etwas besonderes. Aus der Reihe dieser Herrscher ragt nur der Begründer der Dynastie, den wir oben im großen Bild sehen, heraus, was den Stoff angeht, aus dem Legenden gesponnen werden: Přemysl, genannt „der Pflüger“. Er taucht erst Jahrhunderte nach seinem Tod erstmals in der Chronik der Böhmen (Chronica Boemorum) des Cosmas aus dem frühen 12. Jahrhundert aus. Die erzählt, wie er Gründer der Dynastie wurde (dazu auch hier). Eigentlich hätte nämlich Fürstin Libuše, die Tochter des verstorbenen Herrschers Krok, regieren sollen. Das wollten die misogynen Ur-Tschechen nicht, gestateten ihr aber, dass sie den männlichen Herrscher durch die Heirat eines Mannes ihrer Wahl bestimmen könne. Diese Entscheidung überließ sie ihrem Pferd, das sie freiließ, um einen Mann für sie zu suchen. Durch gute Geister geleitet, lief das Pferd auf den ahnungslose auf dem Acker pflügenden Pflüger Přemysl zu, der dadurch zu seiner Überraschung Fürstinnenehemann und Herrscher wurde (hier übrigens passend mit Pflug dargestellt). Da er aber seine Sache gut machte, dachte danach auch niemand mehr an einen Dynastiewechsel, solange es männliche Thronfolger gab.

Der (vermutliche, denn explizit wird es in den Chroniken nicht gesagt) Sohn und Nachfolger befindet sich in der chronologischen Darstellung auf der Hausfassade direkt neben Přemysl. Es handelt sich um Nezamysl, über den man bei Cosmas wenig mehr erfährt, als dass er eben der Nachfolger war. Auch die zweite mittelalterliche Quelle, die Dalimil-Chronik aus dem 14. Jahrhundert, liefert nicht mehr Informationen.

Soll man vielleicht gar an Nezamysls Existenz zweifeln? Irgendwie ist schon der Name ein Witz. Er ist das Gegenteil des väterlichen Namens. Während „Přemysl“ soviel wie „der Nachdenkende“ bedeutet, heißt „Nezamysl“ im Tschechischen in etwa „der Nicht-Nachdenkende“. Daraus hätte man witzige Geschichten machen können – eine Gelegenheit, die die mittelalterlichen Chronisten leider nicht nutzten. So sieht man ihn denn unverspottet mit einem kleinen Hammer in der Hand (wie einst Chris Howland vor dem Öffnen des Sparschweins) stehen, den Blick dem in den Legenden viel prominenter dastehenden Vater zugewandt.

Es folgt: Nezamysls Stammhalter und Nachfolger Mnata, über den sonst nichts gesagt wird. Ihm folgt chronologisch Vojen, von dem ein wenig mehr überliefert ist, denn es wird immerhin in den Chroniken festgestellt, dass er jung und kräftig gewesen sei. Was er mit seinen Kräften so genau gemacht hat, wissen wir nicht. Auch hier wieder eine von den Chronisten verpasste Gelegenheit. Und noch etwas ist überliefert, was aber Konfusion verursachte – auch hier an der Häuserfassade.

Bei Cosmas heißt es, sein Nachfolger sei Vněslav gewesen. Dalimil erzählt, dass Vojen sein Reich unter zwei Söhne aufgeteilt habe, von denen einer Vlatislav hieß. Der ist hier als Vratislav abgebildet. Den Grund, warum das hier so ist, weiß man nicht. Das macht aber nichts, weil hier die Kette sowieso abreißt. Die drei nächsten legendären Herrscher Křesomysl, Neklan und Hostivít fehlen. Die Fassade erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aber warum sieht man auf dieser Hausfassade überhaupt die alten Legendenherrscher? Deren überlieferte Taten waren ja – bis auf das Wahlverfahren per Pferd bei Přemysl – nicht gerade spektakulär. Das hat etwas mit dem barocken Haus zu tun, das hier vor diesem neueren Gebäude stand. Um dieses frühere Haus hatte sich nämlich irgendwann die Legende gebildet, dass darunter (am Fuß der alten Königsburg Vyšehrad) die fünf Herrscher begraben seien. Deshalb gab es schon auf dem barocken Vorgängerbau der legendären Herrscher Gemälde, die diese darstellten. Sie stammten von Wenzel Bernhard Ambrozy, dem Hofmaler von Kaiserin Maria Theresia, der sie um 1750 anfertigte. In dem Gebäude befand sich ein Gasthaus. Als es abgerissen wurde, um den heutigen Bau Platz zu schaffen, fand man natürlich keine früh-přemyslidischen Herrschergräber darunter.

Nun zu dem, was man heute sieht: Das neue vierstöckige Haus wurde 1906 vom Architekten Otakar Václavík im Stil der Neorenaissance erbaut, über den ich sonst nicht viel erfahren konnte. Den alten Legenden um das Haus wollte man aber Ehre erweisen und deshalb schuf der bekannte Historienmaler Láďa Novák, den viele Touristen als den Schöpfer der Wandmalereien in der berühmten Gaststätte U Fleků kennen (wir berichteten hier), neue und sehr phantasiereiche „Portraits“ der alten Herrscher. Der Name Haus zu den Fünf Königen wurde oben am Giebel angebracht. Bei dem alten Haus waren übrigens sechs Herrscher abgebildet, denn man hatte den Heiligen Wenzel (Svatý Václav) hinzugefügt, der aber nicht zu den legendären Herrschern gehörte, sondern sehr real war (und definitiv im Veitsdom begraben ist).

Ansonsten ist der Hausname historisch sowieso inkorrekt. Denn die fünf Herrscher hatten es stets nur zum Herzogentitel gebracht. Der erste Přemyslide mit einem Königstitel war Vratislav II., der erst 1085 gekrönt wurde. Das Haus müsste eigentlich also Dům U pěti vévodům (Haus zu den Fünf Herzögen) heißen. Aber die Beförderung sei den alten Herzögen posthum von Herzen gegönnt. Und bei Wenzel passiert das sowieso oft, vor allem wegen des vor allem in der angelsächsichen Welt bekannten Weihnachtsliedes Good King Wenceslas, das den Herzog als König besingt.

Ach ja, im jahre 1908 – zwei Jahre nach Einweihung des Hauses – eröffnete die Modedesignerin Hana Podolská hier ihren ersten Modesalon. 1915 zog sie allerdings näher in die Innenstadt. Dort begann sie eine Karriere, die sie für viele Menschen hier zu tschechischen Coco Chanel werden ließ. Und so erzählt dieses Haus nicht nur von Legenden, sondern ließ auch eine wahr werden. (DD)

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