Barocker Pfau davor, Funktionalismus dahinter

Man braucht kein Hellseher zu sein, um den Namen dieses Hauses in der Celetná 557/10 in der Altstadt zu erraten: Haus zum Weißen Pfauen (dům U Bílého páva). Das schöne, in eine Stuck-Kartusche gefasste Hausschild mit einem weißen Pfau lässt dies allzu offenkundig erscheinen.

Aber sonst ist das Haus definitiv nicht mehr, was es äußerlich zu sein vorgibt. Bis auf Stücke der schönen Fassade mit dem Pfauen stammt es nämlich aus dem Jahr 1949. Aussehen tut es aber wie ein Barockhaus.Denn als der Architekt Pavel Moravec mit seinen Planungen für den Bau des Hauses anfing, befand sich hier im wesentlichen nur noch ein Trümmerhaufen. Gerade in diesem Teil der Altstadt tobten Anfang Mai 1945 besonders heftige Kämpfe zwischen Nazitruppen und den am Ende siegreichen tschechoslowakischen Aufständischen während des Prager Aufstands (wir berichteten u.a. hier und hier).

Das alte Haus, das hier stand wurde fast völlig zerstört und musste wieder fast vollständig aufgebaut werden. Da ein Teil der Fassade erhalten geblieben war und der Rest sich rekonstruieren ließ, kann man das von der Straßenseite aus nicht erkennen. Der Denkmalschutz hätte an dieser Stelle – dort, wo die Altstadt geradezu am altstädtischsten ist – auch nichts anderes zugelassen.

Geht man durch die kleine Passade, die zu einer Stichstraße von der Celetná zur Kamzíková führt, bemerkt man, dass der Architekt Moravec eigentlich kein Spezialist für historistische Gebäude war, sondern einer der bekannten Vertreter des mordernen Funktionalismus im Prag der Vorkriegszeit (ein Beispiel dafür zeigten wir hier). Von hinten handelt es sich nämlich um ein eher unauffälliges, einfach geometrisch und schmucklos gestaltetes modernes Wohnhaus. Man kann gar nicht glauben, dass man sich wirklich noch in der Altstadt befindet. Auf in den Innenräumen findet man nur moderne Sachlichkeit.

Der heutigen Nutzung mag dies zu Gute kommen. Im Erdgeschoss und dem flachen funktionalistsichen Hinterbau befindet sich ein modernes Schokoladenmuseum mit einem dazugehörigen Schokoladenladen (der belgische Schokolade verkauft) und sich an eine touristisches Publikum wendet. Alles ist hier sehr zweckmäßig eingerichtet. In den Etagen darüber befinden sich kleinere Firmenbüros und Wohnungen.

Aber: Die überlebende Fassade weist schon zurecht darauf hin, dass sich hinter dem Haus mehr Geschichte verbirgt. In den Kellergewölben befinden sich noch Fragmente von drei Häusern, die an dieser Stelle im Mittelalter standen. Sie sind auch im Archiv der Stadt dokumentiert. Das eine Haus wird 1354 erstmals erwähnt, die beiden anderen 1363.Für eines der Letztgenanntzen wurde 1514 zum ersten Mal der Name U Bílého páva erwähnt, den später das Gesamtensemble der Häuser bekam. In der Renaissance gab es Umbauten. Zu dieser Zeit dürften die Häuser schon zu einem zusammengelegt gewesen sein. Man weiß auch, dass das Haus ab 1713 einem Maler namens Jan Ungers gehörte, und dass es zu dieser Zeit eine Bierschenke hier gab, bei der die Altstädter einkehren konnten. Dann, um 1750 wurde das Haus schließlich in jenem hochbarocken Stil umgebaut, den man heute auf der Fassade bewundern kann. Der äußere Schein ist jedenfalls wieder gewahrt. Die hübschen Stuckrocaillen und natürlich der Pfau repräsentieren ein richtiges Stück Altstadt – auch wenn sich dahinter moderne Architektur verbirgt. (DD)

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