Ort der Erinnerung

Dass die alte Synagoge von Michle (Michelská synagoga) heute keine Synagoge mehr ist, sondern eine christliche Kirche, macht sie zu einem der vielschichtigen Prager Erinnerungsorte für das Grauen der Nazizeit. Die Menschen, die hier beteten wurden ermordet und ihre Gemeinde ausgelöscht – unwiederbringlich.

Das Gebäude in der U michelského mlýna 124/27 am Ufer des kleinen Flusses Botič im Stadtteil Michle (Prag 4) ist schon sehr alt. Noch erhaltene Mauerreste, die man vor Jahren bei Renovierungsarbeiten fand, deuten darauf hin, dass hier bereits im Mittelalter ein kleiner Bauernhof oder möglicherweise ein Weingut stand. Wann es dann in eine Synagoge umgewandelt wurde, ist nicht so richtig bekannt, aber es dürfte nicht vor 1730 gewesen sein. Sicher historisch dokumentiert ist die Synagoge und das Gemeindeleben erst im 19. Jahrhundert. Sie diente den verstreuten kleinen jüdischen Gemeinden in Ortsteilen Michle, Nusle, Vršovice und Podolí als Gebetshaus.

Ende des 19. Jahrhundert wurde das Gebäude, das nacheinander im Stil der Renaissance und des Barock umgebaut worden war, noch einmal gründlich neugestaltet. Dabei knüpfte man ein wenig an das Ursprungsgebäude an und so sieht man hier heute ein schlichtes neogotisches Gebetshaus. Als 1939 die Nazis in das neue Protektorat Böhmen und Mähren einmarschierten, begann der Holocaust. Es gab danach keine jüdische Gemeinde mehr.

Die Synagoge von Michle blieb allerdings eine der wenigen in den Prager Vororten, die nicht von den Nazis zerstört wurde. Dahinter steckte keine Milde der Nazis, sondern das Ganze war ein Teil des perfiden Plans, der vor allem die jüdischen Kulturstätten in der Altstadt rettete. Die Nazis planten nämlich, in Prag ein großes Museum einer untergegangenen Rasse einzurichten, in dem sie ihre Mordtaten in kuturhistorischem Gewand für die Nachwelt zelebrieren wollten. Dazu stahlen sie u.a. überall im Land wertvolle Torah-Rollen, die sie dann in Michle deponierten. Das sicherte das Überleben der Synagoge.

Nach dem Krieg bewahrte man die Rollen, die nun in den Besitz des Jüdischen Museums im alten Prager Judenviertel übergingen, zunächst einmal weiter hier auf – nicht zuletzt in der trügerischen Hoffnung, sie zu restaurieren, zu konservieren und ggf. zurückzuerstatten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, hatten kein sonderliches Interesse an solch einer Aufarbeitung und die Rollen begannen allmählich in der von hoher Luftfeuchtigkeit geprägten Umgebung am Fluss zu verrotten. Inzwischen waren sie sowieso in den Besitz von Artia geraten, eine von den Kommunisten eingerichtete Staatsfirma für Kulturim- und export, die gerne enteignete, d.h. gestohlene Kulturgüter gegen gute Devisen an des Klassenfeind im Westen verhökerte. Glücklicherweise bekamen Mitglieder des Londoner Memorial Scrolls Trust, einer Institution, die soviel wie möglich von der früheren jüdischen Kultur im Europa retten will, von der Sache Wind. Man verhandelte mit den Kommunisten und konnte 1963 rund 1500 Torah-Rollen erwerben und nach London bringen, wo sie in der Westminster Synagoge untergebracht wurden, die dafür sogar ein Museum einrichtete. Der Trust stiftet ab und an für jüdische Gemeinden in aller Welt Torah-Rollen aus der Sammlung als Leihgaben.

Für die Synagoge in Michle war das allerdings zunächst einmal keine gute Entwicklung, denn sie stand nun nutzlos leer und verfiel langsam. Das Blatt wendete sich erst 1975. In diesem Jahr erwarb die Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) – eine 1920 gegründete reformerischen Kirche, die beanspruchte, so etwas wie eine Nationalkirche zu sein – das Gebäude. Die Kirche nahm sich in dieser Zeit vieler alter Synagogen außerhalb Prags an, für die es keine jüdische Gemeinde mehr gab (Beispiele hier und hier).

Die Übernahme durch die Hussitische Kirche ging mit einigen kleineren baulichen Veränderungen einher. Die Glasfenster erhielten christliche Motive und das Symbol des Kelches ist allgegenwärtig. Es steht bei allen reformerischen Kirchen als Symbol für den von der katholischen Kirche als ketzerisch erachteten Laienkelch. Die Hussiten ergänzten den Kelch oft gerne mit dem slawischen Patriarchenkreuz, was man im Bild rechts gut erkennen kann.

Die Erinnerung an die Synagoge und die damit verbundene jüdische Kultur hält man aber geschichtsbewusst und mit Verantwortungssinn wach. Es gibt eine kleine Infotafel. In einem kleinen Garten neben dem Gebäude wurden einige alte jüdische Grabsteine aus dem 1964/65 unter den Kommunisten zerstörten jüdischen Friedhof von Libeň (wir berichteten darüber hier), die man gerettet hatte, aufgestellt. So unscheinbar das Gebäude auf den ersten Blick auch wirken mag, es leistet seinen Beitrag zur Erinnerungskultur. Die Torah-Rollen, die hier einst gelagert waren, dienen überall in den Synagogen der Welt als Mementos an die Schrecken der Nazizeit und als Warnung, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. (DD)

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