Hier wurde Prag vor den Preußen gerettet

Ja, wir befinden uns über 50 Kilometer östlich von Prag. Aber dieser Ort ist wichtiger als manch anderer und näher gelegene für die Stadt. Denn heute vor 265 Jahren wurde Prag genau hier das Schicksal erspart, unter die Herrschaft der Preußen zu fallen – eine Vorstellung, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. Hier fand am 18. Juni 1757 die Schlacht bei Kolín statt.

Die Schlacht war Teil des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte. Bei dem ging es zunächst hauptsächlich nicht um Prag. Großbritannien und Frankreich kämpften dabei um kolonialen Interessen in Indien und Nordamerika. Die österreichische regierende Erzherzogin Maria Theresia verband sich mit den Franzosen, weil sie sich dadurch Unterstützung versprach, die in den 1740er Jahren an Preußen verlorenen Territorien in Schlesien zruückzugewinnen. Dabei hatte sich Maria Theresia, die zugleich böhmische Königin war, zunächst verkalkuliert, denn den preußischen Truppen unter Friedrich II. gelang es schnell, tief ins böhmische Territorium einzudringen. Anfang Mai 1757 standen sie bereits vor den Toren Prags. Nach einer blutigen Schlacht (über die wir hier berichteten) gelang es ihnen, die Stadt völlig einzukreisen und und einen engen Belagerungsgürtel um die Stadt zu ziehen, die nun heftig von Artillerie beschossen wurde. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Prag aufgeben würde und in Friedrichs Hände fiele.

Aber: Es sollte nicht sein. Maria Theresia – und damit dem Haus Habsburg – war andernorts das Kriegsglück hold. Nämlich auf den Feldern vor Kolín. Um den belagerten österreichischen Truppen in Prag zu helfen, schickte Maria Theresia Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Leopold Joseph Maria Reichsgraf von und zu Daun, einem der fähigsten Strategen der Armee, zum Entsatz. Um zu kontern, zog Friedrich II. einen großen Teil seiner Belagerungstruppen ab, um Daun abzufangen. Vor Kolín trafen darob 35.000 preußische Soldaten (davon 21.000 Infanterie und 14.000 Kavallerie) auf 54.000 österreichische Soldaten (35.000 Infanterie, 19.000 Kavallerie) aufeinander. Der „Alte Fritz“ zog also bereits mit zahlenmäßig unterlegenen Truppen in die Schlacht. Zudem hatten ihn seiner Aufklärer nur mit unzureichenden Informationen versorgt. Seine Truppen ließen sich durch Scheinangriffe am Morgen zu verfrühten Angriffen verführen. Auch sonst ging taktisch bei den Preußen alles schief und am Ende gab gegen 17.30 Uhr Friedrich die Schlacht verloren. Angeblich soll Friedrich seinen fliehenden Soldaten den bekannten Spruch, „Hunde wollt ihr ewig leben?“, nachgerufen haben, aber das ist wohl nur eine erfundene Anekdote.

Am Ende lagen 13.733 preußische und 8.114 österreichische Gefallene tot auf den Feldern. Da Daun nun ungehindert losmarschieren lassen konnte, mussten nun auch die restlichen preußischen Belagerer von Prag abziehen. Die Schlacht um Prag war gewonnen – hier in Kolín. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurde die Schlacht auf beiden Seiten immer mehr zu einem Mythos. Die Gedenkkultur wuchs. Das kann man heute auf einem 15 Kilometer langen Lehrpfad bewundern, der (gut mit weiß-gelben Markierungen versehen) von der kleinen Ortschaft Nová Ves bis ins Zentrum von Kolín führt, studieren. Wie üblich bei Schlachtfeldbesichtigungen, gibt es an sich keine Spuren der Schlacht mehr zu sehen. Aber man gewinnt einen Überblick über das Terrain und kann sich nun etwas mehr vorstellen, was hier damals geschah. Es gibt nur wenige Infotafeln. Die konzentrieren sich hauptsächlich um die beiden Feldherrnhügel, die sich in Sichtweite gegenüber stehen, der österreichische nahe des Dorfes Křečhoř und der preußische auf dem vrch Bedřichov, dessen Name nichts anders als „Friedrichshöhe“ in Tschechisch bedeutet.

Und auf beiden Feldherrnhügeln findet man große Denkmäler, die den jeweiligen Protagonisten gewidmet sind. Das Denkmal auf dem vrch Bedřichov wurde 1841 auf Initiative eines in Nová Ves ansässigen Gutsbeistzers namens Václav Veith erbaut und sollte anlässlich eines gemeinsamen preußisch-österreichischen Manövers eingeweiht werden. Es handelt sich um einen hohen, aus grobem Stein gemauerten Obelisk an der Stelle, wo Friedrich seiner Niederlage zugeschaut hatte. Zur Ausschmückung hatte der bekannte bayerische Bildhauer Ludwig Michael Schwanthaler schon einige Reliefs angefertigt, die Preußens Niederlage darstellten. Offiziöse Stellen überzeugten Veith aber, dass man das aus Rücksicht gegenüber den nunmehr befreundeten preußischen Manövergästen besser nicht tun sollte. Und so blieb das Denkmal schlicht und ungeschmückt.

Das änderte sich – wenngleich nicht so, wie es ursprünglich gedacht war – im Jahre 1866. Da war wieder einmal Krieg zwischen Österreich und Preußen und die Preußen siegten auf der ganzen Linie. Etliche der siegreichen preußischen Offiziere machten nun eine kleine Bummeltour zum einstigen Ort der Niederlage und hackten die Namen der gerade absolvierten Schlachtfelder ein, auf denen sie gesiegt hatten, allen voran das in Königgrätz. Als der Frieden da und die Preußen wieder weg waren, reparierte man das natürlich nach einiger Zeit hier im österreichischen Böhmen. 1889 wurde eine Tafel in Deutsch und Tschechisch angebracht mit dem Text: „Zur Erinnerung an den Sieg über die Preußen im Siebenjährigen Krieg am 18. Juni 1757“. Die verschwand aber irgendwann auf unbekannte Weise. Erst 2005 wurde eine Bronzetafel mit einem Portraitrelief Friedrichs II. angebracht, ein Werk des Bildhauers Miloslav Smrkovský. In Deutsch, Tschechisch und Engisch wird daran erinnert, dass hier der Kommandostand des Königs während der Schlacht war.

Seit 1965 ist das Denkmal unter der Nummer 34469/2-879 als staatliches geschütztes Denkmal registriert. Und im Jahr 2018 hat man neben dem Denkmal auf dem Hügel, der immer mehr Touristenmagnet wurde, einen 14 Meter hohen stählernen Aussichtsturm (Bild rechts) aufgestellt. Von oben aus wirkt das Denkmal schon recht klein. Und außerdem kann man von hier das gesamte Schlachtfeld überschauen, das sich über ein sehr großes Areal erstreckte. Mit der Friedrichshöhe hat man im Prinzip den höchsten Punkt des Schlachtwanderwegs erreicht (vor allem, wenn man auch noch den Aussichtsturm hinaufgestiegen ist). Von hier aus kann man nun (ein Stück lang leider an einem recht verkehrsintensiven Straßenrand entlang) zur anderen, der österreichischen Seite wechseln.

Wie zu erwarten, ist das Denkmal auf dem ehemaligen österreichischen Feldherrnhügel mit einem kakanischen Heimvorteil versehen und somit erheblich größer und prachtvoller als das auf der Friedrichhöhe. Geradezu protzig, könnte man sagen. Es wurde allerdings später, im Jahre 1898, errichtet. Gestaltet wurde es von Václav Weinzettel, der günstigerweise zugleich ausgebildeter Architekt und Fachmann für Steinbearbeitung war. Unterstützt wurde er von dem Bildhauer Mořic Černil, der für die skulpturalen Elemente, insbesondere die Bronzetafeln, zuständig war. Der war ein damals sehr bekannter Vertreter des Klassizismus, dem wir u.a. das Denkmal für Bedřich Smetana in Hořice verdanken. Schon von weitem ist hier bei Kolín der Habsburgische Doppeladler zu bewundern, den er für das Denkmal schuf (Bild links).

Mit 15 Metern ist der Pylon des Denkmals auch deutlich höher als der 12 Meter hohe Obelisk für Friedrich II.. Das war für den Förderverein, der das Denkmal bauen ließ (unter der Schirmherrschaft von Kaiser Franz Joseph, zu dessen 50. Regierungsjubiläum es dann eingeweiht wurde!) natürlich eine Ehrensache. Zudem ist es auf einer Höhe auf freiem Feld platziert, sodass man von weitem schon erkennen kann, während das den Preußen zugewiesene Denkmal ein wenig zwischen Bäumen versteckt ist. Und das Denkmal ist selbstredend reicher skulptural ausgestattet als das vom „alten Fritz“ – ebenfalls Ehrensache. Dazu gehören natürlich klassische Siegesallegorien, wie etwa die Trophäen, die man auf der Bronzetafel oben sehen kann.

In dem Maße, wie man in den Habsburgerzeiten den Sieg von Kolín in Ehren hielt, fiel das Denkmal wiederum stark in Ungnade, als 1918 das Reich fiel und die Erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde. Tschechische Nationalisten fanden, dass in Kolín arme tschechische Soldaten sich für die verhassten Österreicher hätten opfern müssen, wie ein Aufruf 1925 verdeutlichte, der den Abriss forderte: „So oft starben Tschechen für fremde Interessen! Verstehen wir die Größe der Tage, in denen wir leben?“ Die Debatte, an der sich auch Bildhauer Weinzettl (ein Tscheche, der natürlich für den Erhalt kämpfte) beteiligte, muss wohl heftig gewesen sein. Eine zeitlang war sogar der Doppeladler demontiert, wurde aber später wieder aufgesetzt. Am Ende aber bewahrten die Kolíner Stadtväter kühlen Kopf und so steht das Denkmal noch heute – allerdings mit einigen Beschädigungen, die nationalistische Aktivisten oder auch nur Randalierer hinterließen. Die Reiterfigur des österreichischen Armeeführers Graf von Daun auf dem großen Schlachtenrelief auf der Vorderseite des Denkmals wurde bedauerlicherweise enthauptet. Das ist unschön!

Die Besucher heute, denen die nationalistische Wut der vergangenen Zeit immer ferner zu liegen scheint, wissen sicher zu schätzen, dass man dieses pompöse Kunstwerk erhalten hat. Sie können heute vom österreichischen Denkmal aus über die Weiten des ehemaligen Schlachtfelds hinüber zu Friedrich Feldherrenhügel schauen, wie man es auf dem Bild rechts erkennen kann. Bis auf den Kopf des berittenen Grafen fehlt nur wenig. Da die Nazis (Graf Daun und der alte Fritz wären möglicherweise gleichermaßen befremdet gewesen) die Schlacht irgendwie in ihre Geschichtsmythologie eingebaut hatten, wurde die Bronzetafeln 1941 auch von dem Gebot ausgenommen, als Altmetall für die Rüstungsindustrie demontiert zu werden.

Unter den Kommunisten nach 1948 beachteten man das Denkmal nur wenig und ließ es ungepflegt verfallen. Erst nachdem Ende der 1960er Jahre ein Adlerflügel abgefallen war, führte man eine 1970 abgeschlossene Renovierung durch. 2009 gab es eine neuerliche Renovierung, denn leider gibt es immer noch Vandalen, die sich Teile der Bronzen einstecken. Die Denkmalskultur hat sich seither gewandelt. Anti-Habsburg-Nationalismus und Glorifizierung von Kriegserfolgen stehen hintan. Man gedenkt primär der Opfer. 2010 wurde genau das getan, als man eine steinerne Gedenkplatte neben dem Denkmal für die Österreicher platzierte, die in Deutsch und Tschechisch schlicht „den unbekannten in der Schlacht bei Kolín gefallenen Soldaten“ gedenkt (Bild links). Es soll daran erinnern, dass hier an dieser Stelle noch unzählige Gebeine von Soldaten der preußischen und der österreichischen Armee von 1757 in einem Massengrab unter der Erde liegen.

Eine kleine Fußnote verdient übrigens auch die Tatsache, dass das Areal um das Denkmal nicht nur deshalb historisch geweihter Boden ist, weil hier Daun während der Schlacht bei Kolín seinen Feldherrenhügel hatte. Nähert man sich von unten, sieht man, dass das Denkmal auf der Erdaufschüttung einer frühmittelalterlichen Burgwallanlage, der sogenannten hradiště Křečhoř, steht. Die kann man (Bild links) immer noch gut erkennen. Sie ist noch nicht sehr intensiv erforscht, sodass man allenfalls spekulieren kann, was für ein Stück Geschichte sich hier abspielte. Sicher sind wir jedenfalls, dass an diesem Ort 1757 Prag vor den Preußen gerettet wurde. (DD)

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