Fußläufig zum Landtag

Das war das ideale Haus für den Politiker mit gehobenen Wohnansprüchen: Der Palais Auersperg (Aueršperský palác) am Wallensteinplatz (Valdštejnské náměsti 16/1) auf der Kleinseite. Es fing mit dem kaiserlichen Diplomaten Johann Markus Georg Graf von Clary und Aldringen an, der es immerhin einmal zum Botschafter im strategisch wichtigen Nachbarn Sachsen gebracht hatte, der das Grundstück 1682 kaufte.

Zu diesem Zeitpunkt standen auf dem nahe am Zentrum der Macht (die Burg) befindlichen Ort noch etliche spätmittelalterliche Häuser. Archäologische Ausgrabungen im 20. Jahrhundert haben ergeben, dass sich lange vor diesen Häusern hier sogar nebst einer kleinen Handwerkerwerkstatt auch die längst vergangene romanische Kirche des Heiligen Andreas (Kostel svatého Ondřeje) mit ihrem Kirchhof befand. Aber vermutlich wusste zu diesem Zeitpunkt der Graf nicht, dass er sich auf den Resten eines Gräberfeldes ansiedelte. Wie dem auch sei: Er ließ sich hier einen frühbarocken Palais mit zwei Stockwerken und zwei Innenhöfen bauen, an dessen Vorderfront eine Arkade entlang lief, die sich bei den anderen Häusern bis zum Kleinseitner Ring (Malostranské námĕstí) fortsetzte. Ein durchaus hochherrschaftliches Gebäude. Und das Machtzentrum der Burg hatte man fest im Blick, wie man auf dem Bild links gut erkennen kann.

Das Geschlecht Clary und Aldringen verdankte es der Tatsache, dass es sich in den Zeiten des Dreissigjährigen Krieges als standfest kaisertreu und katholisch erwiesen hatte, dass es kurz darauf in den Grafenstand erhoben wurde. Dass die Frontfassade mit einem Marienbild, über dem sich eine Krone befindet, geschmückt ist, verwundert daher nicht. Man machte klar, wo man stand.

Die Familie Clary und Aldringen führte im Laufe der Zeit immer wieder kleinere Umbauten durch, von denen die von 1751 leichte, aber nicht grundlegende Veränderungen der an sich sehr schlicht und wenig überladen gestalteten Fassade mit sich brachten. Weiterhin diensteifrig für die Monarchie tätig, wurde die Familie 1767 sogar in den Reichsfürstenstand erhoben. 1856 stießen sie den Besitz des bis dato Palais Clary-Aldringen (Clary-Aldringenský palác) genannten Gebäudes ab, was aber kein Zeichen der Verarmung war, da man unter anderem in Böhmen noch Schloss Teplitz, in Wien den Palais Clary und in Venedig den Palazzo Clary besaß.

Der neue Besitzer gehörte zum österreichisch-böhmischen Hochadel: Karl Wilhelm Fürst von Auersperg, unter anderem ein langjähriges liberales Mitglied des Böhmischen Landtags. 1867 war er sogar kurzfristig Ministerpräsident der österreichischen Reichshälfte des neu gegründeten Habsburger Doppelmonarchie. Fürst Auersperg hatte den neuen Wohnsitz vorausschauend gewählt. Denn schon 1861 wurde nur zwei Häuser weiter, gerade zum die Ecke der Böhmische Landtag im Palais Thun (Thunovský palác) untergebracht. Einen bequemeren Weg zur Ausübung des Abgeordnetenmandats konnte man gar nicht haben.

Als 1918 das Habsburgerreich endete und die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, kaufte der Staat den Palais. Weil der Palais Thun eigentlich zu klein für einen modernen Parlamentsbetrieb war, brauchte man etliche der umliegenden Gebäude, um die Verwaltung und Abgeordnetenbüros einzurichten (ein anderes Beispiel hier). In den 1930er Jahren und nach Ende der kommunistischen Tyrannei in den 1990er Jahren wurde der Palais Auersperg innen entsprechend umgebaut. (DD)

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