Das Attentat als Graphic Novel an der Betonwand

Langsam fährt der leichtsinnigerweise ungepanzerte Mercedes um die enge Kurve im Stadtteil Libeň, die ihn zum abbremsen zwingt. Plötzlich taucht ein Mann vor dem Wagen auf, der eine Maschinenpistole in der Hand hält… Heute vor 80 Jahren, am 27. Mai 1942, fand das Attentat auf Reinhard Heydrich, statt den man zu Recht den „Henker von Prag“ nannte, und an dessen Folgen er vier Tage später starb.

Das Graffiti oder Wandgemälde, das hier seit dem Mai 2021 ganz in der Nähe des Ortes des Geschehens an der Betonwand hinter der Straßenbahnhaltestelle Vychovatelna prangt, erzählt die dramatische Geschichte des Attentats. Zur Vorgeschichte: Im Frühjahr 1939 hatte Nazideutschland Böhmen besetzt und dort ein nur nominell unabhängiges Staatsgebilde unter dem Namen Reichsprotektorat Böhmen und Mähren etabliert. In Wirklichkeit handelte es sich um eine brutale Ausbeutungsdiktatur, um die hoch entwickelte Industrie des Landes für die deutsche Kriegsrüstung zu nutzen. Zum deutschen Statthalter, Protektor genannt, wurde der Diplomat Konstantin von Neurath ernannt, der mit einer – natürlich nur an Nazistandards gemessenen – vergleichsweise besonnenen Machtausübung versuchte, die Tschechen zur Kooperation zu bringen. Es gelang ihm aber nicht, Protest und Widerstandsaktionen völlig zu unterbinden. Je mehr der Krieg eskalierte, umso mehr wurden Rufe laut, jetzt härter durchzuregieren. Man schickte nun mit Reinhard Heydrich, einen ranghohen und fanatischen Nazi als stellvertretenden Reichsprotektor nach Prag. Heydrich galt als Schöpfer der Nazi-Geheimpolizei und war einer der Hauptorganisatoren des Holocaust.

Unter Heydrichs Terrorregime wurde der Widerstand im Lande größtenteils zerschlagen. Widerstandsgruppen wurden zwar durch militärisch ausgebildete Exiltschechen und -slowaken verstärkt, die von der britischen Luftwaffe mit Funkgeräten und Waffen nachts per Fallschirm abgesetzt wurden, aber die alliierte Unterstützung hielt sich trotzdem in Grenzen. Sie erkannten die zu diesem Zeitpunkt zum Marionettenregime heruntergekommene nominelle Regierung des Landes unter Präsident Emil Hácha (wir berichteten hier) weiterhin völkerrechtlich an. Währeddessen bemühte sich der frühere Präsident Edvard Beneš in London um die Anerkennung einer von ihm gebildeten Exilregierung. Um das bei den widerwilligen Alliierten zu erreichen, musste ein dramatisches Signal an die Öffentlichkeit gesendet werden. Das war die Geburt der Operation Anthropoid – des Plans, Heydrich durch ein Attentat töten.

Im Stile einer spannenden Graphic Novel hat der junge Künstler Jakub Marek auf der zuvor recht unansehnlichen Betonwand hinter der Haltestelle den Ablauf des seit dem Oktober 1941 in Zusammenarbeit mit dem britischen Militärgeheimdienst in England geplanten Attentats. Im Dezember des Jahres wurden die beiden speziell ausgebildeten Soldaten Jan Kubiš und Jozef Gabčík von einem britischen Halifax-Bomber aus mit dem Fallschirm in der Nähe von Pilsen abgeworfen (Bilderreihe oberhalb). Mit sich hatten sie militärische Ausrüstung, ein Funkgerät und „sichere Adressen“ von Tschechen, die dem Widerstand angehörten.

Sie mussten sich, das sie nicht genau am vorgesehenen Zielort gelandet waren, durch die Wälder in die schleichen, um dort in einer sicheren Wohnung Unterschlupf zu finden. Witzig ist die Idee des Künstlers, dass er die gemalten Widerstandskämpfer an einer tatsächlichen Türe in der Betonwand, die er einbezogen hat, klingeln lässt, wenngleich sich dahinter realiter keine Widerstandsnest, sondern wohl eher ein Lagerraum befindet.

Nachdem die beiden Attentäter in verschiedenen Wohnungen Unterschlupf gefunden hatten, wurden Pläne für die konkrete Umsetzung des Plans geschmiedet, wobei viele zivile heimische WIderstandskämpfer mithalfen, die dabei ihr Leben riskieren sollten. Ein Teil des Ganzen war, wie man oberhalb links sieht, die geheime und minutiöse Beobachtung des Tagesablaufs von Heydrich. Wieder hat der Künstler das Ganze um eine witzige Idee bereichert, nämlich dass einer der heimlichen Beobachter sich an dem gemalten Schatten einer realen laterne anLehnt, deren realer Schatten in dem Moment, als ich das Bild photographierte, mit dem gemalten Schatten auch noch deckte. Am Ende fand man den optimalen Ort für den Anschlag. Heydrich ließ sich nämlich jeden Tag von seinem neuen, außerhalb der Stadt liegenden Landgut in Panenské Břežany, dass er einer jüdischen Industriellenfamilie gestohlen hatte (wir berichteten hier) zu seinem Hauptquartier auf der Prager Burg chauffieren. Dabei musste er jene enge Kurve passieren, die sich in der Nähe einer Erziehungsanstalt befand, nach der heute die Haltestelle benannt ist.

An dieser Stelle warteten nun Kubiš und Gabčík. Als das Auto (hier grau dargestellt mit Heydrichs Kopf in blutrot) um die Ecke kam, sprang Gabčík mit der Maschinenpistole vor und wollte feuern (siehe auch großes Bild ganz oben). Aber die Schusswaffe hatte Ladehemmung und funktionierte nicht. Kubiš reagierte schnell und warf eine Granate in Richtung Auto. Das wurde Heydrich zum Verhängnis. Oder anders gesagt, er wurde Opfer seiner eigenen Arroganz. Er hielt sich für eine so Furcht inspirierende Gestalt, dass er nicht glaubte, dass die von ihm zutiefst verachteten Tschewchen es wagen würden, ihn zu attackieren. Er hatte das Auto daher nicht panzern lassen wie andere Nazi-Funktionäre. Daher durchdrang die Explosionswelle von unterhalb das Bodenblech. Kleine Partikel und Stücke der Polsterung des Sitzes drangen in den Körper Heydrichs ein, der sich zunächst nicht der Schwere der Verletzungen bewusst war, und sogar aus dem Wagen sprang, um selbst mit der Pistole auf die fliehenden Attentäter zu schießen. Das sollte nicht wieder passieren, denn fortan lebten die hohen Nazis im „Reichsprotektorat“ in ständiger Furcht, wer sich heute im Technikmuseum den Mercedes von Heydrichs Nachfolger Karl Hermann Frank, sieht ein rundum gepanzertes und gesichertes Fahrzeug.

Kubiš und Gabčík konnten sich trotz Massenverhaftungen und einer hohen Belohnung für Hinweise lange der Verhaftung entziehen. Das Widerstandsnetzwerk funktionierte und deckte sie. Am Ende war es der Verrat eines anderen Fallschirmspringer-Agenten (wir berichteten hier), der sie ans Messer lieferte. Mit einigen anderen Widerstandskämpfern hatten sie sich in der Krypta der Kirche St. Kyrill und Method (heute ein Nationaldenkmal) verschanzt, als am 17. Juni 1942 Polizei und SS versuchten, die Kirche zu stürmen. Nach einem mehrstündigen Feuergefecht, bei dem die Widerstandskämpfer aus einem kleinen, bald von Einschüssen gerahmten Kellerfenster schon (Bildreihe oberhalb links) zurückschossen. Am Ende waren alle von ihnen tot. Die meisten hatten Selbstmord gemacht, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Rechts sieht man einen von ihnen, der vor den offenen Grabkammern der alten Krypta liegt.

Die Rache der Nazis – organisiert von Frank – war furchtbar. Unzählige unschuldige Bürger, aber auch echte Helfer der Widerstandskämpfer wurden verhaften, verschleppt und ermordet. Um grenzenlosen Terror zu verbreiten, ließen Franks Schergen sämtliche Männer der beiden Dörfer Lidice und Ležáky erschießen und Frauen und Kinder ins Konzentrationslager schleppen. Die brutale Tat war ein Schuss, der nach hinten losging. Wie Edvard Beneš gewollt hatte, war die Repression das Signal für ein Umdenken bei den Alliierten. Die Exilregierung wurde anerkannt und die alliierte Unterstützung für den Widerstand im „Reichsprotektorat“ massiv verstärkt. Die Tschechen wurden weniger abgeschreckt durch die Untaten, sondern sahen, dass nur Widerstand und Sabotage gegen die Nazis helfen würden.

Das sehr lehrreiche und im Sinne moderner Geschichtsdidaktik gestaltete Wandgemälde steht nicht nur für dich da. Eine Bank (Bild oberhalb links) auf dem Bahnsteig – auch eine originelle Idee! – ist zugleich Infotafel (mit QR-Code) und Sitzmöglichkeit. Die Unterführungen sind mit themenbezogenen Motiven bemalt, Schusswaffen, Pistolen, Ferngläser und so weiter. Die an sich unschöne Atmosphäre solcher Unterführungen trägt so eher zu einer spannungsgeldenen Wirkung bei.

Die Umsetzung des an sich ja unglaublich tragischen Themas mit Mitteln der Comic-Graphik war ein künstlerischer Spagat für den jungen Künstler Jakub Marek, versuchte er doch durchaus witzige Elemente einzubauen, ohne dabei die Dinge zu verharmlosen. Zurecht hatte er wohl den Wettbewerb gewonnen, den die Stadtregierung von Prag 8 ausgeschrieben hatte, um die an sich trostlose Betonwand zu gestalten. Und von der Haltestelle aus, kann man auf einer großen Säule das Denkmal für die Attentäter sehen, das die Stadt hier 2009 aufstellen ließ. Warum erst 2009? Unter den Kommunisten war das Andenken an die für eine „bürgerliche Demokratie“ kämpfenden Widerstandshelden unterdrückt wurden. Es galten nur kommunistische Kämpfer. Umso mehr hat in den letzten Jahren eine Flut von posthumen Ehrungen eingesetzt. Und das Wandgemälde von 2021 setzt diesen Trend fort, die Feiern des heutigen Tages, dem 80. Jahrestag, um ein Jahr vorwegnehmend. (DD)

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