Gefallen als der Krieg eigentlich vorbei war

Er fiel am 9. Mai 1945: Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Eigentlich hatte Nazideutschland am Tag zuvor kapituliert. Auch in Prag hatte sich die Wehrmacht bereits formell den Kommandeuren des Prager Aufstands ergeben. Aber ein immer sinnloseres Weiterkämpfen führte zu immer sinnloseren Opfern – auch als eigentlich alles hätte vorbei sein sollen.

Parallel zu den tschechischen Aufständischen hatte seit dem 6. März die Prager Operation der Roten Armee eingesetzt. Als erste Truppen, des unter dem Kommando von Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Heeres, das nun in Prag eintrat, gelangten Teile der 4. Panzerarmee unter Panzergeneral Dmitri Danilowitsch Leljuschenko als erste auf das Stadtgebiet. Es heißt, der Kommandant des ersten Panzer, der über die Statdtgrenze rollte, war ebenjener Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko. Sein Panzer wurde später auf einem Denkmal postiert, das nach dem Fall des Kommunismus, den er leider hier zu etablieren half, abgerissen wurde. Gontscharenko, der 1920 in dem ukrainischen Ort Susilino geboren wurde, und seit dem März 1944 Panzerkommandant war, sollte seine Heldentat nicht lange überleben.

Teile der Heeresgruppe Mitte der Nazitruppen waren aber noch intakt. Große Teile versuchten sich aus der sowjetischen Umklammerung zu befreien, um sich zu den amerikanischen Truppen durchzuschlagen, die bereits am 6. Mai Pilsen befreit hatten, und von denen man sich eine weniger grausame Kriegsgefangenschaft erwartete. Sie ahnten nicht, dass es ein Abkommen zwischen den USA und der UdSSR gab, dass die gefangenen deutschen Soldaten in der Zone festgehalten werden sollten, in der sie sich am Tag der Kapitulation befanden. Das heißt, die Amerikaner hätten selbst Soldaten, die sich zu ihnen durchgeschlagen hätten, wieder an die Rote Armee übergeben. Die ganze Metzelei war sinnlos und die Rote Armee schaffte es nach einigen harten Kämpfen, die Wehrmachtstruppen auf ihrem Marsch nach Westen aufzuhalten. Im Verlauf dieses traurigen Nachspiels des Krieges fiel auch Gontscharenko am 9. Mai einem Treffer eines deutschen Panzerabwehrgeschosses zum Opfer.

Schon im November 1947 wurde ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht, dort im Ortsteil Klárov, diekt neben der Kleinseite, wo es hinauf zur Burgstadt geht, gegenüber dem Haus in der U Bruských kasáren 132/3: Der Text (zweisprachig in Tschechisch und Russisch) lautet: „Hier fiel am 9.V.1945 einer der Helden der Roten Armee, Iwan Grigoriewitsch Gontscharenko, Gardeleutnant der Panzerarmee von General Leljuschenko, im Alter von 25 Jahren.“ 1947, das war noch vor der Machtübernahme der Kommunisten 1948, nach der den Rotarmisten unzählige Denkmäler gesetzt wurden, während die eigenen Prager Aufständigen vergessen wurden. Damals dürfte man auch unter vielen Tschechen eine gewisse Dankbarkeit für den Soldaten empfunden haben, dessen Panzer als erster der Roten Armee in die Stadt eingerollt war, um die Nazis zu vertreiben.

Auch heute noch legen Menschen hier anscheinend nochab und an kleine Blumensträuße zum Gedenken hin, was in der Regel in Prag eher selten ist, wenn es um Rotarmisten geht. Die Prager haben da doch recht unangenehme Erinnerungen im Lauf der Gescichte gesammelt, was man auch heute noch an der sehr löblich geschlossenen Haltung zu Putins Überfall auf die Ukraine erkennt. Irgendjemand hat ein verwittertes Photo vor der Tafel aufgestellt, das Gontscharenko zusammen mit der Besatzung seines legendären Panzers zeigt. Der Moment eines Triumphs wird hier festgehalten, der für Gontscharenko allerdings nicht lange währen sollte.

Bei dem Denkmal selbst handelt es sich um eine einfach beschriftete steinerne Gedenktafel, die in einer von Betonplatten umrahmten Nische angebracht wurde. Die Nische befindet sich in einem Felsen, der durch die viel befahrene Straße U Bruských kasáren ein wenig abgeschnitten von normalem Besucherverkehr wirkt.

Die Felswand verdient vielleicht auch eine Erwähnung. Es handelt sich um keine natürliche Wand, sondern vielmehr um den senkrechten Durchstich den man für die Straße vorgenommen hatte. Die Schnittstelle legt allerdings eine interessante geologische Schichtformation frei. Und wie es der Zufall so will, befindet sich zwei Gebäude weiter der Sitz der Forschungseinrichtung für Geologische Untersuchungen (Česká geologická služba). Die Forscher dort haben es sich nehmen lassen, nur wenige Meter neben Gontscharenkos Gedenkort eine Tafel anzubringen, die über die Geologie hier zu informieren. Was man hier sieht ist nämlich die Felsformation, aus der Burgberg und Letná-Höhe (deshalb Letná Profil/Letenský Profil) bestehen. Sie hört auf den Namen Sandbium und ist etwa 458,4 bis 453 Millionen Jahre alt. Es ist schön, dass sich neuere Tafeln nicht mehr Krieg und Tod befassen müssen, sondern mit nüchterner Wissenschaft. (DD)

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