Schlachtgetümmel, fürchterlich

Das Schlachtgetümmel ist fürchterlich… Und auf dieser Fassade gleich dreimal! Wer denkt, der militärscheue brave Soldat Schwejk sei tatsächlich der typische Tscheche, der wird immer wieder erstaunt sein, wie gerne und stolz die Tschechen ihr Militär und seine Geschichte feiern. Man sollte keinen Klischees aufsitzen.

Wir befinden uns vor dem Haus in der Ječná 508/10. Das hat in den Jahren 1905/06 der Architekt Jan Voráček erbaut, der auch das gegenüber liegende Haus Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), über das wir bereits berichtet haben, entworfen hatte. Es handelt sich um ein vierstöckiges Miets- und Wohnhaus, das in einem opulenten floralen Jugendstil mit historischen Elementen ausgestaltet ist. Beeindruckend ist nicht zuletzt die im Stil der böhmischen Renaissance gehaltene Giebelkonstruktion.

Dort dominieren auch florale Malereien mit ornamentalem Charakter. Über dem zweiten Stock befindet sich jedoch die eigentliche Attraktion, nämlich drei große Fresken, die kriegerische Heldentaten aus der tschechischen Geschichte darstellen. Nicht nur das Thema, sondern auch der historisierende Stil, der der böhmischen Frührenaissance nachempfunden ist, passen zu dem ansteigenden Nationalbewusstsein, dass in dieser Zeit von den Tschechen im Habsburgerreich gerne auch auf Fassaden zur Schau getragen wurde. Diese Art von Neorenaissancestil wurde in Böhmen zur Zeit des Baus vor allem von den Historienmalern Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) und Adolf Liebscher (hier und hier) repräsentiert. Liebscher hat einige Gebäude in der Nähe gestaltet. Ob er für die Fresken hier in der Ječná verantwortlich war, lässt sich aber nicht belegen.

Die Schlachtgetümmel sind von links nach rechts chronologisch geordnet. Es beginnt mit der Zeit der frühen slawischen Geschichte – eine Zeit, von der nur Legenden überliefert sind. Links sieht man frühe Slawen im Kampf gegen die Feinde. Solche Schlachtlegenden fand man damals in der vermeintlich mittelalterlichen Königinhofer Handschrift, wo die Sagenhelden Záboj and Slavoj, gegen böse Germanen Siege grandiose errungen. Das passte ins nationalistische Weltbild der Zeit – auch wenn sich leider die Handschriften als neuzeitliche Fälschungen erwiesen (wir berichteten hier). Der Tscheche von damals fühlte sich aber von solchen Bildern in seinem anti-habsburgischen (und somit leicht anti-deutschen) Nationalismus bestätigt.

Das zentrale Bild zeigt ein Schlachtgetümmel aus den Hussitenkriegen nach 1420, in denen die Böhmen tapfer und mit tatsächlich großem militärischen Geschick (die Hussiten waren zumindest keine Schwejks!) sich gegen fremde Kreuzritter verteidigten und so ihre Glaubensfreiheit bewahrten. Ja, und die Szene im großen Bild oben zeigt uns die Schlacht am Weißen Berg von 1620, in der sich die Böhmen ein letztes Mal – doch erfolglos – gegen die Habsburgerherrschaft wehrten. Aber der tapfere Versuch zählte und das Bild erinnerte immerhin daran, dass man den Habsburgern mal wieder den Verlust der eigenen Freiheit vorwerfen konnte. (DD)

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