Patriotische Schriftsteller und der Großvater des Präsidenten

Ende des 19. Jahrhunderts war es im tschechischen Bürgertum Böhmens en vogue, Hausfassaden mit patriotischen historischen Motiven zu dekorieren, die ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem österreichischen Habsburgertum zur Schau stellten. Selbst in diesem Kontext ist das vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Na Zderaze 1947/3 herausragend.

Es fängt schon mit der Wenzelskrone, dem wichtigsten Stück der böhmischen Kronjuwelen im Veitsdom, die gleich zweimal an den Erkern auf Höhe des ersten Stocks über einer Stuckkartusche prangt (großes Bild oben). So wie sie hier dargestellt wird, wurde sie vom Nationalheiligen Wenzel nie getragen. Vielmehr entstand sie in dieser Form als phantasiereiche Nachempfindung in der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Ihre patriotische Symbolkraft schmälerte das nicht. In der Kartusche befinden sich die Wappen der drei Länder der böhmischen Krome – der zweischwänzige Löwe Böhmens (wir berichteten hier), der rot-weiß karierte mährische und der mit Silbermond versehene schlesische Adler. Über den Fenstern neben den Erkern befinden sich nochmals Nachbildungen der gesamten Kronjuwelen (Krone, Schwert und Szepter auf einem Kissen umrahmt von einem Lorbeerkranz; Bild oberhalb links).

Und als ob es nicht genug wäre, finden sich ebenfalls auf Höhe des ersten Stocks die Büsten zweier Schriftsteller, die so direkt nichts miteinander zu tun haben, aber beide für tschechisch-nationalistische Ideen standen. Karel Havlíček Borovský (Bild rechts; wir berichteten u.a. hier) ist von beiden in Tschechien zweifellos der bekanntere. Der von den habsburgischen Behörden mehrfach ins Exil verbannte Schriftsteller war Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag. Er profilierte sich als Begründer des modernen Journalismus in Böhmen, eckte mit satirischen Schriften bei der Obrigkeit an und galt bis zu seinem frühen Tode 1856 als der Wortführer des radikalen demokratischen Nationalismus der Tschechen.

Der Dichter Josef Václav Sládek gehörte der folgenden Generation an, die keine Revolution mehr betrieb, aber einem tschechischen Kulturnationalismus frönte, der den Tschechen einen besseren Platz innerhalb des Gefüges des Habsburgerreichs sichern sollte. Sládek hatte sich 1868 bis 1870 einige Zeit als Lehrer und Eisenbahn- und Landarbeiter in Amerika verdingt und schrieb nach seiner Rückkehr einige Stücke und zahlreiche Gedichte, die meist das ländliche Tschechentum verherrlichten, aber ab und an auch eine direkte politische und sozialkritische Botschaft vermittelten, wie etwa die 1892 erschienenen, sehr populären České písně (Tschechische Lieder). Im Gegensatz zu dem ständig verfolgten Karel Havlíček Borovský konnte Sádek jedoch dabei ganz friedlich seinem Beruf als Englischlehrer ander Handelsschule nachgehen.

Das neobarocke Haus, an dem sich beide Büsten befinden, wurde übrigens 1897 nach Plänen des Architekten Václav Vítězslav Chytrý auf Geheiß des recht vielseitigen Bauunternehmers, Industriellen, Okkultisten (der unter em Pseudonym Atom spiritistische Bücher verfasste) und Kulturmäzens Vácslav Havel gebaut. Der Nachname kommt einem ja irgendwie recht bekannt vor, oder? Und richtig: Es handelt sich tatsächlich um den Großvater des späteren Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel! An dem Zderaz genannten Ortsteil der Prager Neustadt, wo sich das Gebäude befindet, war dereinst das Gelände einer kleinen Burg aus der Zeit König Wenzels IV. im 14. Jahrhundert, deren letzte Reste 1892 bei der Erneuerung des Stadtteils entgültig verschwanden, nachdem sie schon Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch als eine Ruine beschrieben worden war.

Auf Höhe des Erdgeschosses befindet sich neben dem Eingang eine bronzene, mit dem tschechoslowakischen Staatswappen geschmückte Gedenkplakette. Sie gedenkt des Publizisten und Journalisten Václav Vích, der zusammen mit seiner Frau Josefa aktiv am Widerstand gegen die Nazis teilnahm und, genau wie sie, einige Monate nach seiner Verhaftung im September 1942 in Berlin-Plötzensee in den sogenannten Blutnächten hingerichtet wurde. Das Schicksal der beiden wurde von später Zdeňka Víchová in dem Buch Za světlem svobody (Zum Licht der Freiheit) verewigt. (DD)

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