Fundort mit Moldaublick

Hoch und steil über der Moldau ragt der Felsen empor. Schon alleine wegen der weiten Aussicht, lohnt es sich, die Řivnáč-Höhe (vrch Řivnáč) zu ersteigen, die am Flussufer zwischen den Ortschaften Roztoky und Úholičky rund 10 Kilometer nördlich von Prag gelegen ist – also ein schönes Wochenendziel. Aber es handelt sich um mehr, nämlich um eine archäologische Sehenswürdigkeit ersten Ranges.

In den Jahren 1881 bis 1883 erforschte der Mediziner und Amateurarchäologe Čeněk Rýzner das Areal, das sich als eine vorgeschichtliche Siedlungs- und Festungsanlage, die Hradiště Řivnáč, erwies. Er fand Reste von Wällen, Brandbestattungsgräbern und Keramikfunden in Hülle und Fülle. Das Wort „Amateur“ bedarf im Kontext von Rýzner übrigens einer Erklärung. Eigene Lehrstühle gab es damals kaum, weshalb die meisten Archäologen irgendwie formal „Amateure“ waren. Rýzner war aber mehr als voll auf der Höhe des archäologischen Wissens seiner Zeit, ja eine Kapazität ersten Ranges. Was er hier zu Tage förderte und systematisch erforschte, war einer der bedeutendsten Fundorte der sogenannten Řivnáč-Kultur, die als der böhmische Zweig der Kugelamphoren-Kultur ungefähr zwischen 3100 und 2700 v. Chr. bestand, und die in die Endphase der Jungsteinzeit (Übergang zur Bronzezeit) eingeordnet werden muss.

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Um bei Rýzner zu bleiben: Er hatte schon im Jahre 1880 im nahen Únětice die Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) erstmals mit Funden belegt und erforscht – ein böhmischer Zweig der frühbronzezeitlichen Kultur. 1884 sollte er etwa in Přemyšlení weitere bedeutende Ausgrabungen zur Řivnáč-Kultur machen. Ab 1888 war er sogar Gründungspräsident der renommierten und heute immer noch bestehenden Gesellschaft der Freude der Altertumskunde (Společnost přátel starožitností). Er gehörte zu den bedeutendsten Vertretern seiner Zunft in Böhmen und kann vielleicht sogar als ihr Stammvater bezeichnet werden.

Zurück zur Řivnáč-Höhe: Nach Rýzner gab es immer wieder Ausgrabungen, die wegen der langen Siedlungsgeschichte des Orte immer wieder fündig wurden. 1924 entdeckten Archäologen sogar einen Münzfund mit Denaren aus der Zeit um 1012, was belegte, dass die Anlage im frühen Mittelalter zumindest ab und an genutzt wurde. Manche Forschung fand unter schwierigen Bedingungen statt. Während des „Reichsprotektorats“ in der Zeit des Zweiten Weltkriegs fanden Ausgrabungen unter dem Archäologen Ivan Borkovský statt, der unter dem Druck der Nazis stand, wesentliche archäologische Funde als „germanischen Ursprungs“ zu erklären. Das ahm man ihm später übel, obwohl ihm ja kaum andere Möglichkeiten geblieben waren.

Weitere Ausgrabungen legten Funde aus anderen Epochen der Vorgeschichte frei – etwa aus der Trichterbecherkultur (ca. 4200-2800 v. Chr.) und der Glockenbecherkultur (ca. 2600.2200 v- Chr.). Schaut man sich das Areal an, versteht man, warum es eines der frühesten und langlebigsten Siedlungsorte im heutigen Tschechien handelt. Das sich über 0,2 Hektar erstreckende Areal liegt 120 Meter über der Moldau und ist von drei Seiten durch steile Felsen geschützt. Daher ließ sich die schmale Zugangsseite im Süden einfach durch Wall- und Grabenanlagen verteidigen. Der Ausflug auf die Höhe lohnt sich (man kann ihn mit einer kleinen Wanderung zur nahen Slawenfestung Leyý Hradec verbinden). Für den archäologisch Interessierten gibt es eine interessante Infotafel in Tschechisch, Englisch und Deutsch (!), die den Fundort erklärt. Und man kann die Aussicht auf den schönen Fluss genießen. (DD)

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