Moderne Schuhe, modernes Gebäude

Dass man auf den ersten Blick denkt, das sei lediglich ein relativ kommunes Gebäude aus den 1970er oder 1980er Jahren, bestätigt nur, dass es sich um ein echtes Stück Avantgarde-Architektur handelt. Denn das große Schuhgeschäft von Baťa (Obchodní dům Baťa) wurde bereits in den Jahren 1928/29 erbaut.

Heute kommt es einem angesichts der nüchternen funktionalistischen Architektur etwas fehlplatziert vor, aber damals nannte man das Gebäude sogar liebevoll Baťův palác – auf Deutsch: Baťa Palast. Neben dem Autobauer Škoda dürfte die Schuhfirma Baťa wohl weltweit die bekannteste Industriemarke der Tschechoslowakei bzw. Tschechiens sein. Die 1894 von Tomáš Baťa in der mährischen Stadt Zlín (damals noch Österreich-Ungarn) gegründete Firma weitete 1909 das Geschäft international aus. Die Idee, die ausländischen Filialen autonom zu organisieren, half dem Großunternehmen, den Ersten Weltkrieg (in dem man durch Militärstiefel viel Geld verdiente) und auch die Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg zu überstehen.

Unter dem Kommunismus wurde Baťa sogar in Svit umbenannt, genau wie die Stadt Zlín nach dem Statthalter Stalins Klement Gottwald in Gottwaldov umgetauft wurde. Außerhalb der Tschechoslowakei existierte die Firma aber weiter und wurde unter ihrem Originalnamen von aus Kanada gesteuert. Sie war weiterhin als die Marke bekannt und beliebt, die zu den ersten gehörte, die erschwingliche Qualitätsschuhe für die Massen produziert, und blieb wohl deshalb ein international erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen, das aber in der Wahrnehmung vieler Kunden immer noch als tschechoslowakisches Produkt war.

Ein Teil des tschechechoslowakischen Besitzes wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 restituiert und seither gibt es auch wieder das Familienunternehmen Baťa mit Hauptsitz im heimischen Zlín – wenngleich nicht mehr als Produzent, sondern als Vertrieb. Insgesamt gibt es aber 40 Produktionsstätten der Firma in 26 Ländern (nur eben nicht Tschechien, das kein Billiglohnland mehr ist). Dazu gehören 4600 Läden und 30.000 Mitarbeiter – ein tschechischer Weltkonzern!

In seiner tschechoslowakischen Blütezeit zwischen den Weltkriegen sah sich die Firma als Motor des Fortschritts. Der schicke Schuh in Industrieproduktion war eine soziale Tat, die mit Henry Fords Popularisierung des Autos für die Massen vergleichbar war. Dazu führte der Betrieb viele soziale Leistungen ein und die Arbeitsplätze waren auch in der Zeit der Wirtschaftskrise 1929, in der die Firma sogar wuchs, sicher. Dazu passte auch, dass repräsentative Bauten der Firma, die man in den Zeiten der Ersten Republik errichtete, ultra-modern und fortschrittlich gestaltet sein mussten – eine Frage des Images! Das strikt funktionalistische Hauptgebäude in Zlín, das Baťa-Hochhaus, das von 1936 bis 1938 von dem Architekten Vladimír Karfík gebaut wurde, ist das Primärbeispiel. Dank der Sozialwerke, der Arbeiterwohnungen und vielem anderen gestaltete Bat’a am Ende Zlín zur „ersten amerikanischen Stadt“ im Lande um, wie man stolz verkündte.

Und genauso modern sollte auch die wichtigste Verkaufsfiliale in der Hauptstadt der jungen Republik sein. Am unteren Teil des Wenzelsplatzes (Václavské nám. 774/6), der seit der Jahrhundertwende einen ungeheueren Modernisierungsprozess durchlief, entstand schon in den Jahren 1928/29 das von dem Architekten Ludvík Kysela entworfene siebenstöckige Großkaufhaus für Schuhe – ein Gebäude, das es in dieser Art zuvor im ganzen Lande noch nicht gegeben hatte, ja man rühmte es als eines der fortschrittlichsten Kaufhäuser in ganz Europa überhaupt.

Für das neue Gebäude wurde ein dreistöckiges klassizistisches Haus aus den 1830er Jahren abgerissen, in dem sich zunächst ein bekanntes Café („Boulevard“) befand, dem 1919 für eine Weile eine Kosmetikfirma folgte – bis dann die Firma Bat’a das Grundstück kaufte.

Kysela war in 1920ern viel damit beschäftigt, den Prachtboulevards der Umgebung einen modernistischen Anstrich zu geben. Zu seinen anderen Werken hier gehört unter anderen das 1929 fertiggestellte Dětský dům (Kinderhaus; ursprünglich ein Versicherungsgebäude) in der nahen Na Příkopě 583/15. Und dann ist das das unmittelbare Nachbargebäude, das Warenhaus des Schweizer Chocolatiers Lindt (Obchodní dům Lindt), das er schon 1927 fertiggestellt hatte. Das Bat’a-Haus wurde der Fassadenstruktur das Lindt-Hauses intelligent angepasst, was sich vor allem an den beiden obersten Stockwerken zeigt, die fast terrassenförmig nach hinten zurückversetzt wurden. So entsteht eine gewissen bauliche Harmonie in Vielfalt.

Das lockert die schon so streng wirkende riesige Stahl- und Glasfläche des Gebäudes geschickt auf. Durch die durchlaufende Glasfassade sieht man nur freischwebende Deckenstrukturen – eine Bautechnik, die zuvor nicht umsetzbar gewesen wäre. Auch innen kam man mit vergleichsweise wenig Stützpfeilern aus, was die werbewirkasame Sicht auf die Verkaufsflächen begünstigte. Das Stahlskelett macht es möglich. Der Funkionalismus in Kyselas Zeiten verdankte seine Entstehung neben ästhetischen Erwägungen auch den neuen technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen. Drinnen war das Gebäude hypermodern eingerichtet, mit Rolltreppen und Aufzügen.

In den Zeiten des Kommunismus, als es Bat’a im Lande nicht mehr wirklich gab, erging es auch dem einst als Prunkstück des unteren Teils des Wenzelsplatzes gefeierten Bauwerks nicht gut. Im Erdgeschoss wurde 1978 auf der Seite zum Lindt-Haus ein Eingang der gerade eröffneten Metro Station Mustek durchgebrochen – und das, obwohl das Gebäude noch 1971 zum Baudenkmal erklärt worden war. Als der kommunistische Spuk vorbei war, begann man aber umgehend mit einer sorgfältigen Renovierung des nunmehr wieder dem Bat’a-Konzern gehörenden Gebäudes. Schon prangte wieder das originale 1920er-Jahre-Logo auf dem Dach und den Eingang (bzw. den Aufzug der Metro) verlegte man vor den „Palast“. So kann man heute wieder ein historisches Gebäude – links sieht man die Rückseite zum Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) – in fast originalem Zustand sehen, das überhaupt nicht „historisch“ aussieht, sondern so, als ob es ganz und gar neu sei. Das Bat’a Haus ist irgendwie jung geblieben. (DD)

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