Romanisches Juwel in Podolí

Sie ist ein Stück Mittelalter in einem ansonsten baulich stark vom 20. Jahrhundert geprägten Umfeld: Die kleine Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) im Stadtteil Podolí (Prag 4), die an der Moldau unter den Felsen von Braník und des Vyšehrad gelegen ist.

Die heutige katholische Gemeindekirche stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und wurde im Jahre 1222 erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehörte damals wohl zum (königlichen) Kapitel des Vyšehrad. Pfarrkirche für Podolí wurde sie erst 1856. Als kleine Ruheoase abseits der Touristenströme entpuppt sie sich bei näherem Hinsehen als ein kleines Juwel früher mittelalterlicher Sakralarchitektur, das auch von den künstlerischen Entwicklungsstufen, die in den Jahrhunderten danach kamen, nicht unberührt blieb, und von ihnen bereichert wurde.

Das fing im 14. Jahrhundert mit einer leichten Gotisierung der spätromanischen Kirche an. Im 17. Jahrhundert – es war die Zeit des Barocks – gab es mehr Neuerungen , etwa der Hauptaltar mit einem Altarbild des Erzengels Michael, dem Namensgeber der Kirche. Draußen im Kirchhof wurde ein Glockenturm aufgebaut, dessen oberer Teil als Holz mit Schindeldach ist. Drinnen hängt eine ältere Glocke aus dem Jahr 1482, die 1993 um zwei zusätzliche neue aus dem Hause der bekannten Glockengießerwerkstatt Tomášková-Dytrychová (siehe auch hier) ergänzt wurde

Im 19. Jahrhundert gab es noch einmal etliche Veränderungen. Der Kirchhof wurde 1885 geschlossen und ein neuer Friedhof etwas oberhalb der Kirche eingerichtet. Man findet aber noch viele erhaltene Grabsteine, sodass diese Kirche authentischer wirkt als viele andere Gemeindekirchen, deren Friedhöfe schon in den 1780er Jahren (aufgrund einer Verordnung Kaiser Josephs II.) aufgelöst wurden. 1887 führte man Umbauarbeiten durch, die auf eine Re-Romanisierung abzielten. Das heutige, im Kern neo-romanische Erscheinungsbild geht auf diesen Umbau zurück. Dazu gehört auf das Mosaik des Malers und Restaurators Bohumil Jaroš über dem westlichen Eingang, das den Erzengel Michael darstellt.

In den Zeiten des Kommunismus fiel sie der allgemein üblichen Vernachlässigung anheim, bis sich zu Ende das Blatt wendete. 1980 wurde Jan Rosůlek Pfarrer der Gemeinde. der war ausgebildeter Architekt und Verfechter des modernen Avantgardismus. Er hatte schon in der Ersten Republik der Gruppe Devětsil angehört, einer Architekten- und Künstlervereinigung, die sich einem progressiven Kunstverständnis verschrieben hatte. Rosůlek, ein Bruder der Schauspielerin Marie Rosůlková, hatte sich 1947 zum Priester weihen lassen (nachdem er eine zeitlang der Religion abgeschworen hatte). Danach war er zahlreichen Drangsalierungen und Berufsbeschränkungen durch die Kommunisten ausgesetzt, bevor er 1980 immerhin die kleine Pfarre in Podolí übernehmen durfte. Er nutze die Gelegenheit, die Kirche mit ein wenig moderner Avantgarde anzureichern. Dabei sind insbesondere die 1988 eingesetzten Buntglasfenster nach Entwürfen des Malers Antonín Klouda zu erwähnen. Die Glasmosaike – oberhalb links ein Ausschnitt eines Bildes des Gekreuzigten – verliehen dem Kirchenraum einige kräftige neue Farbtupfer.

Die Kirche als solche besteht aus einem schlichten, geradezu archaisch wirkenden einschiffigen Bau. Wenn es von der östlich vorbeigehenden Straße Pod Vyšehradem so aussieht, als ob sie zwei Schiffe hätte, dann liegt das nur daran, dass die Fassade eines Anbaus dem östlichen Abschluss des Schiffes mit dem Altarraum gleicht.

Das ist eines von vielen Dingen, die die äußere Gestaltung der Erzengel-Michaels-Kirche ausgesprochen abwechslungsreich erscheinen lassen. (DD)

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