Masopust – viel Stimmung, keine Bevormundung

Der Karneval in Prag, Masopust genannt, mag (noch?) nicht so ein Großereignis sein, wie es das in Köln und dem Rheinland der Fall ist, Aber er ist anscheinend sehr krisenresitent und lässt sich nicht bevormunden oder einschüchtern. Nicht von Putin, nicht von Covid. Man sieht keine FFP2-, sondern nur richtige Masken. 2G+ ist eine Idee, auf die sowieso kein Tscheche kommt. Dafür viele ukrainische und tschechische Fahnen.

Und der Umzug (der natürlich nicht in ein Stadion verlegt oder gar abgesagt wurde) scheint über die Zeit recht ansehnlich zu wachsen, wie man hier auf den Photos sehen kann, die an diesem Samstag beim Umzug von Burgstadt (Hradčany) und Kleinseite (Malá Strana) geschossen wurden. Über den tschechischen Masopust berichteten wir unter anderem ja bereits hier und hier. Wie Karneval fast überall in Europa hat er mittelalterliche Wurzeln und leitet die kommende Fastenzeit ein. Masopust heißt auch soviel wie „Fleisch weglassen“. In den Zeiten des Kommunismus wurde der Masopust als potentiell subversives Tun arg gebeutelt, aber nach und nach kam er wieder. In den katholischeren Gegenden Tschechiens, Südmähren vor allem, ist er ein etwas tiefer verankertes Brauchtum, aber das säkularere Prag holt auf. Und zwar kräftig.

Womit wir bei dem Umzug der Burgstadt und der Kleinseite sind. Der beginnt immer am Karnevalssamstag um 13.00 Uhr hoch oben hinter der Burg vor der Biergaststätte U Černého vola (Zum Schwarzen Ochsen) in der Loretánské náměstí 107/1 (wir berichteten hier). Dort tummeln sich bereits unzählige Kostümierte, trinken gutes tschechisches Bier und hören Bands, die fröhliche tschechische Umpah-Musik hören und dazu mitsingen. Was dann kommt ist kein Karnevalszug mit großen Prachtwägen. Es ist eher ein Umzug von Kostümierten. Wobei auffällt, wie eifrig hier noch Kostüme selbstgenäht und selbstgebastelt werden.

Dazu liefern das Prager Kirmesorchester (Pražský pouťový orchestr) und der Knabenchor Bruncvík (Chlapecký sbor Bruncvík) und manch einer, der nur sein Musikinstrument mitgebracht hat, Musik zum Mitsingen. Und es fahren ein paar antike Feuerwehrfahrzeuge aus den Museumsbeständen der echten Feuerwehr mit echte Feuerwehrleuten in historischen Uniformen mit. Eins ist sogar ein Pferdefuhrwerk (Bild links). Und so geht es nach etwas einer Stunde (und kurzen anfeuernden Reden u.a. des natürlich ebenfalls kostümierten Kulturdezernenten von Prag 1 los.

Der Weg führt im Bogen hinunter die pittoreske Nerudova. Und irgendwann landet man – nach etlichen Stops, bei denen die Feuerwehrleute mit Sliwowitz den Brand in den Kehlen für Teilnehmer löschen, Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), wo schon ein riesiger Fressstand wartet, der als  Zabijačka (Schlachtfest) bezeichnet wird. Was daran erinnert, dass man als guter Katholik zumindest jetzt noch einmal zum letzten Mal ordentlich Fleisch reinstopfen darf. Selbiges kann man dann mit reichlich Bier und Sliwowitz hinunterspülen. Die Stimmung ist prima. Die Leute essen, tanzen und singen. Aber das ist nur eine längere Pause. Denn nach einer Stunde zieht weiter, wer weiterziehen will (viele bleiben auch bei den Fleischtöpfen…).

Es geht weiter bis man kurz vor der Karlsbrücke in Richtung  Kampa-Insel (mehr dazu hier) marschiert. Dort ist direkt neben der Brücke eine Bühne aufgebaut, wo dann (ebenfalls von kleinen Fress- und Bierständen begleitet) fetzige tschechische Karnevals- bzw. Masopustmusik gespielt wird. Wäre man im Tschechischen etwas textsicherer , sänge man auch mit. Aber auch so fühlt man sich fast wie in der alten rheinischen Heimat.

Richtig große Karnevals-Gesellschaften wie in Köln gibt es hier nicht. Der Umzug in der Burgstadt und der Kleinseite wird vom Verein der Bürger und Freunde von Kleinseite und Burgstadt (Spolek občanů a přátel Malé Strany a Hradčan) organisiert. Der Verein wurde 1989 zur Förderung und Heranbildung der lokalen Demokratie nach dem Ende des Kommunismus gegründet. Je mehr sich die Demokratie festigte, desto mehr widmete er sich auch sozialen und kulturellen Anliegen. Und so wurde 2006 von ihm der erste Masopustumzug hier im Stadtteil in dieser Weise organisiert. Der war ein durchschlagender Erfolg und seither läuft die Sache. Aber das lag auch daran, dass Masopust ja hier bereits vor 2006 verankert war und nur noch wiederbelebt werden musste.

Das gelang nach 1989 zunächst in anderen Stadtteilen schneller und umfänglicher. Lange Zeit galt das auf dem anderen Moldauufer befindliche Žižkov als DIE Masopusthochburg in Prag. Aber Burgstadt und Kleinseite holen gewaltig auf. Für einen Kölschen ist ja auch klar. Richtiger Karneval findet naturgemäß linksrheinisch… äh… linksmoldauisch statt. Also auf der Kleinseite. Außerdem liegen die eigentlichen historischen Wurzeln des Prager Masopust in Burgstadt und Kleinseite. Es war nämlich um 1500, dass hier auf Geheiß (und Kosten!) des Königs Vladislav II. (ein Monarch polnischer Herkunft) erstmals Masopust/Karneval groß gefeiert wurde. Drei Tage lang. Mit viel Gesang, Bier und Fackelzügen. Eine Mordsgaudi, die im kollektiven Gedächtnis der Prager hängen blieb.

Erstaunlich auch, wie friedlich das ganze abläuft, sondern nur einfach gute Stimmung (mit durchaus einigem Alkohol) herrscht. Trotz tausender Teilnhmer, die durch sehr enge Straßen zogen, sah man kaum mehr als eine Handvoll Polizisten. Alles regelte sich ziemlich von selbst. Die wenigen Stadtpolizisten (die sowie hier stets Freundlichkeit mit positiver Effizienz kombinieren), die man beim Endpunkt des Umzugs nahe der Bühne auf der Kampainsel sah, und die sonst nicht viel zu tun hatten, verteilten mit viel Freude Süßigkeiten für die Kinder. Kamelle! (DD)

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