Studentenleben im Zuckerbäckerheim

Aus den Zeiten der beginnenden Moderne und der erwachenden Renaissance könnte dieses alte Gemäuer zu entstammen. Nur dieser seltsame fünfzackige Stern macht einen dann doch stutzig – unverkennbar ein Sowjetstern. Ja, der stalinistische Zuckerbäckerstil gehörte zu den eigenartigsten Kapiteln der Architekturgeschichte. Dass die Kommunisten als vermeintliche Speerspitze von Fortschritt und Weltrevolution ein derart rückwärtsgewandtes Kulturverständnis pflegten, mutet wie eine Groteske an.

In Prag sind die Podolí Schlafsäle (Koleje Podolí) in der Na lysině č.p. 772/12 im Stadtteil Podolí eines der erstaunlich seltenen Beispiele für waschecht stalinistische Architektur dieser Art. Ansonsten würde einem sonst nur noch das legendäre Hotel International in Prag Dejvice (wir berichteten) einfallen. Bei den Koleje Podolí handelt es um den Campus der Studentenwohnheime der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze, ČVUT), über die wir bereits hier berichteten. Im Gegensatz zum Hotel International (oder schlimmer noch: zum Kulturpalast in Warschau) leistete man sich hier aber nicht eine pompöse architektonische Machtdemonstration, die das ganze Umfeld dominiert, um den Sieg des Proletariats zu verkünden. Tatsächlich fügt sich das Ganze einigermaßen harmonisch in die wohl in der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen entstandene Wohnbesiedlung des hoch über der Moldau befindlichen Podolí ein. Und es gibt auf dieser Welt, so muss man (Stalinismus hin oder her) feststellen, sicher weniger wohnliche Studentenwohnheime.

Dieses hier wurde in den Jahren 1953/54 nach den Plänen einer Arbeitsgruppe der Fakultät für Architektur der ČVUT unter der Leitung des Architektur-Professors Otakar Schmidt erbaut. Es solle eine Art standardisierte Blaupause für Studentenwohnheime in anderen tschechoslowakischen Universitätsstädten werden. Davon wurde nur wenig realisiert – etwa in Brno beim Bau der dortigen Wohnheime für Studenten. Denn ab 1956 setzte die Entstalinisierung – das sogenannte Tauwetter – in den kommunistischen Ländern ein, die auch das Ende des Zuckerbäckerstils dort einläutete. Insofern ist das Koleje Podolí gerade im städtebaulichen Kontext von Prag etwas ganz besonderes. Deshalb wurde die ganze Anlage auch im Jahre 2019 unter Denkmalschutz gestellt. Auch wenn die Gebäude mit einer politischen Schreckenszeit verbunden werden, kann man sie als ein Kapitel der Prager Architekturgeschichte schließlich nicht verbannen.

Es handelt sich um einen großen Gebäude-Komplex mit insgesamt acht Gebäuden. Da sind zunächst einmal die sechs eigentlichen Wohnheime mit den Zimmern für Studenten. Insgesamt fast 1500 Studenten konnten hier ursprünglich nach ihrem harten Studienalltag ihr Haupt zur Ruhe betten. Heute, wo mehr Komfort in den Räumlichkeiten gefragt ist, sind es nach einer eingehenden Renovierung 1993 bis 1998 immer noch über 1000. Die in zwei Reihen stehenden Wohnheime sind innen wie außen antikisierend üppig ornamentiert, insbesondere an den Eingängen. Das auffälligste Merkmal sind die geradezu italienisch anmutenden Loggien und Arkaden, die zum Teil die Gebäude einer Reihe miteinander verbinden. Damals war noch nicht so deutlich, dass eine sozialistische Wirtschaft Raubbau am Land betreibt, sondern man verwendete (verschwendete?) noch gute und solide Materialien. In den 1960er und 1970er Jahren frönte man dann andernorts der billigen Betonplattenbauweise und konnte sich so etwas nicht mehr leisten.

Neben den sechs Wohnheimen gibt es noch ein flacheres Verwaltungs-Gebäude am Eingangstor des umzäunten Areals. Dort befindet sich auch das oben im großen Bild gezeigte Portal mit dem Sowjetstern. Von dort aus hat man auch einen schönen Ausblick auf das kolossalste gebäude des ganzen Komplexes, der immer noch zur ČVUT gehört. Die Mensa ist geradezu ein Musterbeispiel für sozialistischen Neuklassizismus. Auf den ersten Blick erinnert es fast an eine leicht modernisierte Version des Moskauer Bolschoi Theaters, das allerdings dem frühen 19. Jahrhundert seine Existenz verdankt. Die Architekten des Stalinismus orientierten sich recht genau an den klassischen Vorbildern einer Zeit, deren Kultur sie vorgeblich ablehnten.

Betrieben wird das Ganze vom Studentenwerk der ČVUT (Studentská unie ČVUT), einem studentischen Selbstverwaltungsorgan. Dass die Mensa einem klassischen Theater früherer Zeiten gleicht, ist wohl kein Zufall. Denn die Mensa ist mehr als ein Ort zur Nahrungsaufnahme für Studenten. Sie ist auch ein wenig das Kulturzentrum für die Studenten, die hier wohnen. Die Kultur wird hier von einer Studentenvereinigung in Selbstverwaltung betrieben, die sich ganz amerikanisch cool Pod-O-Lee nennt, was aber nur eine Verballhornung des tschechischen Podolí ist. Ganz offiziell heißt es sowieso Studentská unie ČVUT. Es gibt einen Musikklub, Fitnessräume (Pod-O-Gym), Bars, Saunen, eine Teestube. Selbst in einem der Wohnheime gibt es eine Bierkneipe. Draußen befinden sich Spielplätze und Sportanlagen. Abgesehen davon, das der Weg zur eigentlichen Technischen Universität in der Neustadt etwas weit ist, scheint man das Studentenleben hier doch recht gut genießen zu können. (DD)

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