Die einzige Norbertkirche Tschechiens

Kaum eine Kirche úberragt die Umgebung so sehr wie die St. Norbert Kirche (Kostel sv. Norberta) in Střešovice (Prag 6). Die nach einem Schutzpatron des Bieres benannte Kirche liegt auf einem Berg gegenüber der Prager Burg, der im Süden vom Tal des Baches Brusnice und im Norden vom Šárecký potok (Šárka-Bach) und dem Šárka-Tal umgeben ist. Das Gebäude ist zur weithin sichtbaren Landmarke geworden.

Erbaut wurde die an der Ecke Norbertov/Sibelova gelegene Kirche in den Jahren 1889 bis 1891 von dem Bauunternehmer Jaroslav Kuchta nach Entwürfen des Architekten František Rožánek. Es handelt sich um eine dreischiffige Kirche im Stil der Neoromanik. In den Bau wurden neben der Apsis eine Trauerkapelle und Leichenhalle integriert. Die idyllische ummauerte Parkanlage, die die Kirche umgibt, war urspünglich für kurze Zeit ein Kirchhof. Kirche und (damals noch) Friedhof waren für die katholische Gemeinde von Střešovice gedacht, eine damals noch außerhalb Prags gelegene Ortschaft, die erst 1922 eingemeindet wurde. Střešovice hatte im 19. Jahrhundert eine solche Bevölkerungsentwicklung durchlebt, dass der Bau einer großen Kirche unabdinglich wurde. Vorher gab es hier nur eine Gehöfte und kleinere Weinberge. Dass man in einer Zeit, da Neogotik (in Erinnerungs an Böhmens Größe unter Karl IV.) in Mode war, stilistisch eine Nachempfindung der Romanik für die Gestaltung des Gotteshauses wählte, mag etwas mit dem berühmten Namensgeber der Kirche zu tun haben, der zur Glaubenstradition und Geschichte des Ortes wie angegossen passt.

Denn dass sie dem Heiligen Norbert gewidmet wurde, war wohl kein Zufall. Der aus dem rheinischen Xanten stammende Heilige war nämlich der Gründer des Ordens der Prämonstratenser, der 1143 das auf der Anhöhe gegenüber liegende Kloster Strahov gegründet hatte – ein Meilenstein in der böhmischen Kulturgeschichte. Und Střešovice war ursprünglich ein Teil des Klosterbesitzes und noch der Bau der neuen Kirche 1889/91 wurde vom Abt des Klosters, Zikmund Antonín Starý, initiiert. Das verband den Ort mit dem Heiligen, dessen Reliquien im Kloster aufbewahrt sind. Dorthin waren sie aus Magdeburg überführt worden, wo der heilige 1134 gestorben war. Es waren die Wirren des Dreissigjährigen Krieges in Magdeburg, die die Umbettung 1627 ratsam erscheinen ließen. Das wiederum ermöglichte es, dass bei der Einweihung der Kirche in Střešovice problemlos einige Kleinteile der Reliquien des Klosters für den Altar der Kirche transferieren konnte – was der Kirche zu einem wahren Norbert-Heiligtum schlechthin machte. Darin hat sie sowieso ein Monopol, denn obwohl der gute Norbert der Schutzheilige des Biers und der Braukunst ist und sogar eine tschechische Biersorte nach ihm benannt ist, gibt es seltsamerweise im ganzen Land keine andere Kirche, die nach ihm benannt ist. Es gibt nur eine handvoll kleiner Kapellen, wie etwa diese in Strakonice. Verstehe einer die Tschechen…!

Zwei der drei Glocken, die der Glockengießer Arnošt Diepold gegossen hatte, wurden 1916 für die Produktion von Waffen im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Und den neuen Glocken, die man nach dem Krieg goss, widerfuhr dasselbe Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Den heutigen Glocken bleibt dieses Schicksal hoffentlich erspart. Die wurden eigentlich 1611 für die St. Georgskirche im mittelböhmischen Jevany gegossen und wurden 2001 hier installiert; 2006 folgte eine zusätzliche neue Glocke, die in Passau gegossen wurde. Betritt man das ummauerte Areal der Kirche und geht den Weg zum Portal entlang, fallen rechts und links zunächst einmal die schöne Statue der Madonna aus dem Jahr 1872 und rechts das steinerne Kreuz mit einem bronzenen Jesus aus dem Jahr 1894 mit einer Gedenkinschrift auf dem Sockel auf.

Innen ist die Kirche nur während der Gottesdienste zu besichtigen, aber man kann durch ein Gitterfenster im Eingangsbereich hineinschauen (siehe links). Es ist recht neu. Auffallend ist das große Altarkreuz. Zwischen 1950 und 2003 stand an seiner Stelle ein Altar, den man aus dem Strahovkloster (das die Kommunisten aufgelöst hatten) entnommen hatte, der aber nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei wieder zurückging. Danach wurde eine neue Lösung gefunden. Ein Besuch der recht stattlichen Kirche (unter den neoromanischen Kirchen Prags dürfte nur die Kirche der Heiligen Kyrill und Method, über die wir hier berichten, im Stadtteil Karlín größer sein) sei empfohlen, schon alleine, weil die noch recht dörfliche Umgebung einen besonderen Reiz hat. Und weil man man kaum einen besseren Ort findet, um den Heiligen Norbert zu feiern, dem sonst hierzulande sonst keine Kirche zuteil wurde. (DD)

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