Gassenromantik

Wer als Tourist in Prag die Romantik alter verwinkelter Gassen sucht, wird meist auf das Goldene Gässchen (Zlatá ulička) auf der Burg oder die in die nahegelegene Neue Welt (Nový Svět) verwiesen. Heimische Kenner suchen hingegen den etwas außerhalb der Burgstadt (Hradčany) gelegenen Ortsteil Střešovice in Prag 6 auf.

Die kleine Gasse Na Kocourkách hat nämlich alles, was man in Sachen romantischer Gassen suchen mag. Da merkt man es kaum, dass sie definitiv nicht auf eine so lange Geschichte zurückblicken kann, wie die zuvor genannten Gassen, die mittelalterliche Ursprünge haben. Wir befinden uns nämlich in einer alten Arbeitersiedlung aus dem frühen 19. Jahrhundert. In dieser Zeit expandierte Prag im Zuge der Industriellen Revolution und einigermaßene Lebens- und wohnqualität konnten sich die Industriearbeiter nur etwas außerhalb des Stadtzentrums leisten.

Vorher war das heute recht dicht besiedelte Střešovice recht ländlich. Wo sich heute die Gasse befindet, gab es einen Weinberg mit entsprechendem kleinen Winzerhaus. Das Haus lässt sich zumindest bis in das Jahr 1685 zurückverfolgen. Denn in diesem Jahr findet man es in einer Stadtansicht aus dem in Wien erschienenen Buch Praga caput Regni Bohemiae (Prag, die Hauptstadt Böhmens) des niederländischen Vedutenmalers und -zeichners Folpert van Ouden-Allen, der sich des Titel eines kaiserlichen Kammermalers unter Kaiser Leopold I. rühmen konnte, dargestellt. Das Winzerhaus mit dem kleinen Brunnen davor gibt es immer noch – die Weinberge nicht mehr. Bis zum Jahr 1784 stand das Weingut noch völlig alleine in der damals wohl sehr pittoresken Felslandschaft. Heute ist es in die – übrigens wegen ihrer Enge autofreie – Wohngasse integriert. Aber ein Hauch von Ländlichkeit blieb. Und so nennen die Einwohner das Areal manchmal „das kleinste Minidorf Prags“ (nejmalebnější minivesničce v Praze). Im Jahr 2004 wurde die ganze Umgebung der Na Kocourkách zur Denkmalszone erklärt.

Eine gewisse Berühmtheit erlangte die Umgebung des Gasse während der Belagerung Prags (1757) durch die Preußen im Siebenjährigen Krieg. Direkt oberhalb bauten die Preußen, die die Stadt bereits umzingelt hatten, hier ihre Artilleriebatterien auf, um die Innenstadt und die Burg zu beschießen. Das richtete in Prag viel Schaden an, aber nach einigen Tagen mussten die Preußen abziehen, da ihnen die Österreicher in der Schlacht von Kolín eine blutige Niederlage hinzugefügt hatten, die eine Verlegung der Truppen nötig machte. Die Namen der oberhalb der Gasse liegenden Sträßchen erinnern daran, etwa die U první baterie (An der Ersten Batterie), die U druhé baterie (An der Zweiten batterie) bis zur sechsten Batterie.

Erwandert man die an einem Berghang gelegene Na Kocourkách vom hübschen alten Gutshaus Kajetánka (usedlost Kajetánka) und seinem Park im Tal des Brusnice-Baches, so kommt man zunächst an der vorgelagerten kleinen Kapelle an der Pod Andělkou (kleines Bild rechts) vorbei und muss dann den etwas versteckten kleinen Einstieg in die Gasse finden, die noch richtig altmodisch mit Pflastersteinen gepflastert ist. Die in eine Grundstücksmauer eingebundene Kapelle dürfte aus der Zeit der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen stammen – ist also etwas moderneren Ursprungs.

Da es sich um keine Touristenmeile handelt, gibt es hier noch so etwas wie eine echte Nachbarschafts-Gemeinschaft. Sie sorgt immer wieder dafür, dass die Gasse auf gepflegt in Schuss ist. Um die Jahrtausendwende wurden größere Renovierungsmaßnahmen (inklusive der Errichtung von Nachahmungen der alten Gasbeleuchtung!) durchgeführt. Es ist schön, dass es so etwas noch gibt. Der minimale Nachteil, dass sich hier (weil es eben nicht Touristen anlockt) auch keine Kneipen oder Bistros befinden, um Besucher zu laben, wird gerne in Kauf genommen. Etwas unterhalb bietet ja die erwähnte Kajetánka mit ihrem Gartenrestaurant Abhilfe. (DD)

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