Landgut in der Stadt

Groß-Prag, wie wir es heute kennen, entstand erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Bevölkerung wuchs, die Verstädterung nahm zu und immer mehr früher recht ländliche Gemeinden wurden eingemeindet. So auch der Stadtteil Strašnice (Prag 10) im Jahr 1922. Und deshalb findet man mitten in der heutigen Wohnstadt noch ein echtes altes Landgut, das an alte Zeiten erinnert: den Bečvář Hof (Bečvářův dvůr). Landgüter werden hier aber nicht mehr verwaltet, vielmehr findet man hier hauptsächlich recht urbane Firmenbüros.

Der Bečvář Hof liegt in der Nähes des kleinen Bahnhofs an der Starostrašnická 16/25. Seit dem späten 14. Jahrhundert hatte es hier eine kleine Festung gegeben, die zeitweise auf Gerichtsstand war. Bei der Belagerung Prags (1757) im Siebenjährigen Krieg wurde sie von den Preußen beschädigt und die Ortschaft Strašnice verwüstet. Ein neuer Eigner, Jan Tykač, beendete 1781 die Nutzung als Festung. Einer der nächsten Besitzer namens Josef Popelář baute um 1830 das Ganze endgültig zu einem Landhaus im klassizistischen Stil um – so wie wir es heute sehen können. Im Jahre 1862 erwarb Tomáš Bečvář, der größte Landbesitzer der Umgebung, dem rund die Hälfte aller Felder um Strašnice gehörten, das Gutshaus. Und nach Bečvář ist das Gebäude heute immer noch benannt.

Es handelt sich um ein einstöckiges dreiflügeliges (U-förmiges) Gebäude rund um einen zur Rückseite offenen Innenhof. Die Hauptfassade wird von einem typisch klassizistischen Risaliten dominiert. An die Flügeln kann man noch Ansätze von Stützpfeilern sehen – einer der wenigen noch sichtbaren Anhaltspunkte dafür, dass sich hier einmal ein Festungsgebäude befand. Das Areal ist teilweise noch ummauert.

Die Nachfahren von Tomáš Bečvář waren, als 1948 die Kommunisten die Macht ergriffen, wegen ihres Status als Großgrundbesitzer bei den neuen Machthabern nicht wohlgelitten. Sie wurden umgehend enteignet und einige Famiienmitglieder gingen ins Exil. Das Landgut wurde zur Staatsfarm. Das umliegende Land wurde zum Teil großflächig mit Wohnsiedlungen überbaut. Heute befindet sich das Landgut in einem eher städtischen Umfeld. Immerhin gibt es hinter dem Gebäude eine kleine Grünfläche.

Das Ende des Kommunismus kam 1989 und man hätte nun ein Happy End erwarten können. Die Restitutierung des Landguts, zu dem eine riesige Menge lukrativen städtischen Grundbesitzes gehörte, wuchs sich indes zu einem der größten Skandale unter den misslungenen Beispielen von Privatisierungen aus. Das wurde erst 2019 gerichtlich einigermaßen geregelt, nachdem der tschechische Staat umgerechnet rund 53 Millionen Euro verloren hatte. Falsche und echte Erben, nachlässige Beamte, undurchsichtige Politiker, seltsame zypriotische Firmenbeteiligungen – auf die Schnelle lässt sich das Drama hier nicht darstellen. Wer Tschechisch kann (ich kann es nur wenig), der lese hier. (DD)

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