Kinderhaus – dem Namen nach

Es war ursprünglich nicht als Spielzeugladen konzipiert und inzwischen ist auch keiner mehr drinnen. Trotzdem hat sich der Name Dětský dům (Kinderhaus) irgendwie gehalten. Daran, dass es sich um eines der bedeutenden Bauwerke des Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt, ändert das aber sowieso nichts.

Nahe des Wenzelsplatzes in der schicken Einkaufstraße Na Příkopě 583/15 steht das in den Jahren 1925 bis 1929 von dem renommierten Architekten Ludvík Kysela erbaute fünfstöckige Haus – eines von mehreren Projekten, die der Architekt in der näheren Umgebung realisierte (wie z.B. das Baťa-Haus am Wenzelsplatz). Besonders dem Erdgeschoss und dem ersten Stock sieht man an, wie sehr Kysela damals modernen amerikanischen Beispielen nacheiferte, die man zuvor nur von New York kannte.

Ursprünglich hieß das Gebäude Palác vzájemné pojišťovny Praha (Palast des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit). So eine Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ( vzájemná pojišťovna) ist eine Art genossenschaftliches Unternehmen, bei dem die investierenden Inhaber zugleich Versicherungsnehmer sind. Neben dem Versicherungsverein, der dem Haus bzw. Palast, wie man ihn „bescheiden“ nannte, den Namen gab, residierten hier noch einige andere Geschäfte und ein Café. Es gliederte sich dadurch ums besser in die umgebende Einkaufsmeile ein.

Die modernen Schiebefenster, die abgerundeten Scheiben an den Ecken und Eingängen (eine technische Neuerung!) und die metallisch gleißenden Geländer und Verkleidungen strahlten ein in Prag zuvor so kaum je gesehene Modernität aus. 1950 zog der Versicherungsverein aus und ein großes Kinderspielwarenhaus ein. Damit änderte sich der Namen in „Kinderhaus“.

Gleichzeitig gab es vor allem im Inneren etliche Umbauten zur Anpassung an den neuen Zweck, die stilistisch passend und einfühlsam durch den Architekten František Cubr ausgeführt wurden, der später durch das von ihm entworfene Tschechoslowakische Pavillon bei der Weltausstellung (Expo) in Brüssel 1958 Berühmtheit erlangen sollte. Das Kaufhaus wurde im Mai 1950 eröffnet.

Nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 geriet das Geschäft in eine wirtschaftliche Schieflage. Nach 2000 stand das Haus sogar eine Weile leer. Seit einiger Zeit ist es in Besitz eines Schweizer Immobilieninvestors, der es anscheinendend recht gut in Schuss hält. Im Erdgschoss befinden sich einige Modegeschäfte, in den Stockwerken darüber zahlreiche Kanzleien und Büros. Und kein Spielwarengeschäft für Kinder… Aber den Namen hat man dennoch nicht wieder geändert, weil er sich inzwischen einfach zu sehr eingebürgert hat. (DD)

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