Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

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