Der Büropalast von Škoda

Škoda ist wahrscheinlich der weltweit bekannteste Industriekonzern Tschechiens und vor allem als Automobilhersteller bekannt. Dabei ist die Produktpalette viel breiter. Tatsächlich begann die von Emil von Škoda 1859 geründete Firma als Maschinenbauer. Autos kamen erst ins Spiel als Škoda 1925 die 1895 gegründete Firma Laurin & Klement aufkaufte, die schon 1905 erstmals ein Auto auf den Markt gebracht hatte, aber nun wirtschaftlich schwächelte.

Überhaupt waren die 1920er Jahre eine solche Blütezeit, dass sich der in Plzeň residierende Maschinenkonzern mit seiner Autofabrik in Mladá Boleslav ein großes Firmengebäude in der Hauptstadt Prag leisten konnte, das nicht ohne Grund Palast der Škoda-Werke (palác Škodových závodů) genannt wurde. Jedenfalls ist das Gebäude in der Charvátova 35/4 (Ecke Jungmannova) in der Neustadt geradezu protzig groß geraten. Er wurde auf rund 5000 Quadratmeter Grundfläche gebaut und bietet mit seinen 7 Stockwerken (mit zweistöckiger Mansarde für die Vorstandsetagen) rund 28.000 Quadratmeter Nutzfläche. Es gibt sieben Treppenhäuser und 14 Aufzüge.

Erbaut wurde der Palast (ein Bürokomplex mit Verkaufsräumen) in den Jahren 1925/26 von dem berühmten kubistischen Architekten Pavel Janák (siehe frühere Beiträge hier und hier), der es 1937 im gleichen Stil noch einmal erweiterte. Es handelt sich um ein typisches Werk des Spätkubismus, der den modernistischen Anspruch des Kubismus, durch reine geometrische Formen alle klassisch-traditionellen Ansätze in der Architektur aufzulösen, etwas relativiert. Die Fassaden sind durch Pilaster in einem klassizistischen „Rhythmus“ strukturiert, die vage an dorische Säulen erinnern (ohne ebensolche zu sein). Dieser klassizistische Rückgriff kontrastiert wiederum mit den modernen halbrunden Fensterstrukturen an der Westseite und natürlich mit der Stahlbetonkonstruktion des gesamten Gebäudes.

Janák ging hier also nicht ganz so weit wie in seinem direkt benachbarten Adria Palast (früherer Beitrag hier), der eine ganze eigene und nur in Tschechien existierende Sonderform des Kubismus repräsentiert, den Rondokubismus (ein anderes Beispiel hier), der mit kubistischen Elementen auf eine völlige Nachempfindung traditioneller Stile (im Falle des Adria Palasts die Architektur venezianischer Renaisancepaläste) abzielte. Der Škoda-Palast ist aber noch viel klarer als rein kubistisches Werk erkennbar.

Das Erdgeschoss, wo sich früher auf der Seite der Jungmannova die Schauräume für die Automobile befanden, kontrastiert mit seiner rötlichen Steinverkleidung der grauen Verputzung der restlichen Fassade. Erst dadurch gewinnt das im Kern auch ganz bewusst ein wenig an die Industriearchitektur der Zeit angelehnte Gebäude seine ästhetische Dramatik. Dieser Effekt wird durch die wuchtigen Eingänge mit ihren Portalen (von denen wiederum das an der Jungmannova das imposanteste ist) noch einmal verstärkt. Man sieht es im Bild oberhalb rechts).

Dieser Eindruck verstärkt sich noch einmal, wenn man durch das Portal geht. Hier wird der kubistische Geometrismus noch einmal in Reinkultur sichtbar. Allerdings bemerkt man bei der Aufschrift über dem Portal, dass man heute nicht mehr eine Zentrale der Firma Škoda betritt. Zwischen 1994 und 2004 residierte hier der Energiekonzern ČEZ (České energetické závody/Tschechische Energetische Werke). Seither hat die Eignergesellschaft die Stadtverwaltung der Stadt Prag eingemietet, die hier u.a. ihre Abteilungen für Kultur, Umwelt und Verkehr betreibt. Überhaupt ist das Gebäude immer noch vorzüglich für große administrative Einheiten nutzbar.

Auch die Nebeneingänge (Beispiel Bild rechts) spiegeln – in kleinerem Umfang – dieses kubistische Grundidee wieder.

Sollte die Stadt ein Interesse daran haben, dieses beeindruckende Gebäude noch schöner in seinem alten Glanze zu präsentieren, könnte sie bei der Dekoration oben auf dem Dach über dem Mittelrisaliten anfangen. Dort gab es anfänglich eine große Skulptur des kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund mit zwei Statuen, die das Logo von Škoda (ein Pfeil mit Adlerflügel) umrahmten. Sie wurde leider bei Renovierungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Versehen verschrottet. Die Pläne des Künstlers existieren noch, so dass eine Wiederherstellung jederzeit möglich wäre. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s