Schlossruine tief im Gestrüpp

Wo nach Gold gegraben wird, da lauern Diebe. Deshalb hielt sich lange Zeit der Glaube, die kleine Burg oberhalb des rund 25 Kilometer südlich von Prag gelegenen Dorfes Žampach am malerischen Fluss Sázava sei zum Schutz der Goldgräber in der Umgebung gebaut worden.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Landschaft, die die Burgruine (die zum Ort Jílové u Prahy gehört) umgibt, seit dem Mittelalter das Goldbergrevier ganz Mittelböhmens war. Überall kann man beim Wandern die Eingänge uralter Stollen (kleines Bild links) sehen, von denen einige wenige sogar für das Publikum geöffnet sind. Das ging noch bis Ende der 1960er Jahre so. Dann war das Ganze endgültig nicht mehr lukrativ und wurde eingestellt. Deshalb glaubte man lange einer vermeintlich mittelalterlichen Urkunde, dass die heute Včelní Hrádek genannte Burg im Jahre 1045 zum Schutz der örtlichen Goldgräber gebaut wurde. Inzwischen hat sich das Dokument als Fälschung des 18. Jahrhunderts herausgestellt.

Erst für das Jahr 1402 ist die kleine Burg sicher dokumentiert, und zwar als im Besitz des Prager Patriziers Johánek Šimonovic z Prahy, der sie damals unter dem Namen Nussberk weiter verkaufte. Als richtige Burg hatte das Ganze nach den Hussitenkriegen im frühen 15. Jahrhundert ausgedient. Die Besitzer wechselten und die Burg wurde eigentlich nur noch als Bauerngehöft geführt. Irgendwelchen Verteidigungszecken – ob für Goldgräber oder nicht – schien sie nicht zu dienen und auch nie gedient zu haben.

Zu den etwas berühmteren Besitzern des Anwesens in der Zeit der Renaissance gehörte nach 1591 für eine kurze Zeit der als Scharlatan verschrieene englische Alchimist Edward Kelley (den erwähnten wir schon hier), der in Prag wirkte – erst im Auftrag von Kaiser Rudolph II. in Prag, später für Fürst Wilhelm von Rosenberg. Im Dreissigjährigen Krieg wurde das Gehöft sogar verlassen und erst 1695 von dem böhmischen Adligen und Prager Ratsherrn Ferdinand Ignaz Schönpflug erworben und wieder aufgebaut. Es folgte eine lange Reihe von Besitzerwechseln, die sich bis ins Jahr 1789 hinzog.

In diesem Jahr erwarb nämlich Karl Joseph Biener Ritter von Bienenberg das Anwesen. Der war ein großer Wissenschaftler und Pionier der böhmischen Archäologie und zugleich Kaiserlicher Richter und Kreishauptmann für den Bezirk. Ihm verdankt, auch wenn man es sich einem zunächst nicht erschließt, Včelní Hrádek tatsächlich seinen Namen. Das tschechische Wort „Včel“ bedeutet im Deutschen soviel wie „Bienenzucht“, was sich wiederum klar auf den Namen des Ritters von Bienenberg bezieht. Man liegt wohl nicht fehl, wenn man dahinter so etwas wie tschechischen Wortwitz vermutet. Aber der gute Ritter tat noch mehr als bloß dem Ganzen einen putzigen Namen zu geben, den es heute noch trägt.

Er baute nämlich die alte und heruntergekommene Burg zu einem kleinen und hübschen Schloss im Stil des Klassizismus um. Das, was heute noch zu sehen ist, ist im wesentlichen dieses Gebäude, während der mittelalterliche Bau von der Zeit hinweggetragen wurde, so dass nur noch einige kleine Erdwälle im Wald – und die auch nur schwach – erkennbar sind. Das Schloss machte nun nicht einmal mehr den Eindruck, zur wehrhaften Verteidigung zu dienen. Die Zeit der Burgen war vorbei.

Als Ritter von Bienenberg 1798 starb, setzten abermals zahlreiche Besitzerwechsel ein. Das Schloss kam ein wenig herunter, aber es schien noch immer recht wohnlich zu sein. 1947 übernahm schließlich die Stadt Jílové das Schloss. Wer denkt, dass öffentlicher Besitz und kompetenter Denkmalschutz Hand in Hand gehen, wurde eines besseren belehrt. Dass das im Kommunismus ab 1948 erst recht nicht klappte, erstaunt nicht. Aber als der zu Ende ging, ließ die Stadt das schöne Kulturgut abreißen, nachdem Dank der vorherigen Vernachlässigung ein Dach einstürzte.

Trauriges Ende. Aber ein wenig ist doch noch übriggeblieben von den klassizistischen Außenmauern, insbesondere denen der Wirtschaftsgebäude. Sie zu finden, ist ein kleines Abenteuer. Man muss einen unmarkierten Abstecher durch ein Feld oder einen Wald machen, der neben einem anstelle alter Burgteile sich dort befindenden Landwirtschaftshof wuchert, und sich durch das Gestrüpp schlagen. Dann findet man die Ruinen, die sicher für Kinder ein idealer Abenteuerspielplatz sind. Und das, obwohl die Geschichte der Burg gar nicht so abenteuerlich war. Denn die Goldgräber haben sich damals anscheinend selbst zu helfen gewusst, und brauchten keine schwertbewaffneten Rittersleut zu ihrem Schutz. (DD)

Ein Gedanke zu “Schlossruine tief im Gestrüpp

  1. Na, na, na: Magister Edward Kelly – wie er immer noch ehrfurchtsvoll in Prag genannt wird – und sein „sidekick“ John Dee, Astrologus von Elisabeth I (den andere für wichtiger halten) war kein Scharlatan, sondern einer der gebildetsten Gelehrten seiner Zeit. Dass Kelly (der gar nicht Kelly hieß) von dummblöden Fressprotzen im Adelsstand zum Goldmachen genötigt wurde, ist eine ganz andere Sache. Man sollte also Gerüchte nicht über die Jahrhunderte tragen, vor allem, wenn sie zweifelhaft sind. Mit freundlichen Grüßen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s