Havel im Stil von Havel

Heute vor 10 Jahren starb Václav Havel. Der Schriftsteller, Dramaturg, Bürgerrechtler, Dissident und der erste frei gewählte Präsident nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei nimmt immer noch einen besonderen Platz im Herzen der Tschechen ein.

Unzählige kleine und große Gedenkorte erinnern an ihn und es gibt sogar spezielle Touren für Touristen. Ein solcher Ort ist sein Geburtshaus, ein fünfstöckiges Jugendstilwohnhaus direkt am Rašín-Ufer (genauer: Rašínovo nábřeží 2000/78) in der Neustadt – mit Blick auf Moldau und Burg, wie es dem Spross einer bekannten großbürgerlichen Familie entsprach.

Hier lebte er von seiner Geburt im Jahre 1936 bis zum Jahr 1971 als er in den Stadtteil Dejvice auf der anderen Seite des Flusses zog. Zwischen 1986 und 1993 lebte er dann zusammen mit seiner ersten Frau Olga wieder im diesem Hause – ständig observiert von der Staatssicherheit, die sich im nebenan gelegenen barocken Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) eingenistet hatte (unser Bericht hier). Die Agenten beobachteten 24 Stunden um die Uhr, wer denn so alles im Hause Havels einkehrte, der als Begründer der gegen das kommunistische Regime gerichteten Bewegung Charta 77 zu den bekanntesten Dissidenten im Lande gehörte. Erst 1993 zog er in den Präsidententrakt der Burg ein. Das hätte er womöglich schon 1989 tun können, aber er war halt kein Mann der Paläste und Staatskarossen (darüber berichteten wir hier).

Die kleine Gedenkktafel, die man am 18. Dezember 2019 in Gegenwart von Havels Bruder Ivan, anderen Verwandten und Prager politischer Prominenz einegweiht wurde, kann man glatt übersehen. Sie entspricht aber der bescheidenen und unprätenziösen Art Havels, der den heroischen Pomp anderer Gedenktafeln kaum zu schätzen wußte. Eigentlich ist neben dem Eingang des Gebäudes nur eine kleine Akrylplatte zu sehen, in die ein Papier eingegossen ist mit dem Text: „zde jsem taky žil“ – auf Deutsch: Hier habe ich auch gelebt!

Gestaltet hat das Ganze der Architekt und Designer Petr Hájek. Der Schriftzug ist in dem Schrifttyp von Havels Schreibmachine nachempfunden, mit der er seine ersten Stücke, etwa Das Gartenfest (Zahradni slavnost, 1963), geschrieben hatte. Überhaupt soll hier wohl mehr an den Schriftsteller erinnert werden, der über dem Dissidenten und Politiker oft vergessen wird. Wer meint, dass diese Tafel doch ein wenig absurd wirke mit ihrem seltsamen Text, hat recht. Havel, das sollten wir nicht vergessen, war vor allem ein Meister des absurden Theaters, das ihm am besten geeignet schien, die Absurdität des kommunistischen Regimes bloßzustellen. Man gedenkt hier also Havel im Stile von Havel. Havel hätte es gefallen. (DD)

Ein Gedanke zu “Havel im Stil von Havel

  1. Der hellenisch geschulte Dramatiker stiftet eine typisch tschechisch hintersinnige Umkehrung des heraklitschen: „Auch hier wesen Götter an.“
    Mit freundlichen Grüßen!

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