Zum Nikolaustag: Der andere Nikolaus

Heute ist der 6. Dezember. Der Tag des Heiligen Nikolaus von Myra! Den kennt jeder als Patron der Schiffbrüchigen, Schnapsbrenner, Pfandleiher, glücklicher Ehen, der Wiedererlangung gestohlener Gegenstände und als Gabenbringer für Kinder . Ein anderer Heiliger Nikolaus ist hingegen unverdient vergessen. Nutzen wir also diesen Tag, um ihn vorzustellen: Den Heiligen Nikolaus von Tolentino!

Dessen Statue steht nämlich mitten auf der weltbekannten Karlsbrücke (Karlův most), die zu beiden Seiten mit einer Galerie von insgesamt 30 überlebensgroßen Heiligenstatuen gesäumt ist. In normalen Jahren kommen also Millionen von Touristen an seinem steinernen Abbild vorbei. Ist ihnen klar, dass das ein Nikolaus ist; und wenn ja, welcher? Im riesigen Heiligenpantheon der katholischen Kirche gibt es halt viele Namensdopplungen.

Ja, die „Heiligenparade“ der Karlsbrücke! Ob der Heilige Adalbert, der Heilige Augustinus, der Heilige Nepomuk (der ja hier von der Brücke geschubst wurde) und viele mehr – alle Heiligen mit Rang und Namen sind da. Dass es da der Heilige Nikolaus von Tolentino (bei dem es keinen biographischen Bezug zu Prag gibt) geschafft hat, auf die Brücke zu kommen, und der ansonsten uns heutzutage doch unendlich bekanntere Heilige Nikolaus von Myra nicht, ist natürlich schon bemerkenswert (obwohl der Fairness halber gesagt werden muss, dass in Prag zwei Barockkirchen nach dem guten Nikolaus von Myra benannt sind – hier und hier).

Vielleicht hat er das ja auch verdient, dass er in Prag aus dem Schatten des Nikolaus von Myra treten durfte, um auch einmal einen Platz an der Sonne zu bekommen. Als eine Art Schutzpatron der Veganer – das sind die, die auch ihren Hunden und Katzen das Fleisch entziehen – könnte er vielleicht sogar in diesen öko-bewegten Zeiten noch echt trendy werden. Denn die Legende besagt, dass er – der sich stets um die Kranken gekümmert hatte – dereinst selbst schwer erkrankt war. Damit er wieder genese, ordnete sein Prior an, dass er das Fleisch zweier Rebhühner essen möge. Da Nikolaus aber ein Gelübde abgelegt hatte, nie mehr Fleisch zu essen, weigerte er sich. Als er nach energischem Drängen des Vorgesetzten dann doch die Lippen an das zarte Fleisch setzte, erwachten die Vögel zu Leben und flogen davon. Wenn es denn so war, war es eindeutig ein Wunder. Und Wunder sind der erste Schritt zur Heiligsprechung. Trotzdem brauchte die Kirche von 1325 (Einleitung des Verfahrens zur Heiligsprechung) bis 1447 (endgültige Heiligsprechung) um das durchzuführen. Gerüchte besagen, dass der Schutzheilige dieses Verfahren der Heilige Bürokratius gewesen sei.

Verstehe es, wer will. Der 1255 dem Augustiner-Eremitenorden beigetretene Nikolaus, der 1270 seine Priesterweihe empfing und ab 1275 im italienischen Tolentino (daher der Name!) wirkte, tat sich jedenfalls auch sonst mit vielen guten Taten hervor. Der strenge Asket kümmerte sich aufopferungsbereit vor allem um die Armen und die Kranken im Orte. Nicht, dass das nicht honoriert wurde. Eine der Erklärungen, warum er 1708 auf der Karlsbrücke aufgestellt wurde (und nicht der andere Nikolaus), ist, dass im 17. und 18. Jahrhundert der Nikolaus aus Tolentino möglicherweise viel bekannter und populärer war, als der aus Myra. Letzterer verdankt seine heutige Popularität wahrscheinlich der Tatsache, dass man ihn fälschlich mit dem Weihnachtsmann bzw. mit seiner amerikanischen Version, dem Santa Claus verwechselt, der aber seinen Ruhm wiederum nur von dem eines wunderbegabten Rentiers namens Rudolph ableitet (Kaufempfehlungen hier und hier), das zu ehren auf der Karlsbrücke leider völlig verabsäumt wurde.

Der Heilige Tolentino-Nikolaus (von der Kleinseite aus ist er die fünfte Statue auf der rechten Seite), den wir auf der Karlsbrücke bewundern können, ist ein Werk des Bildhauers Hieronymus Kohl, der ebenfalls im Jahre 1708 auch die Statue des Heiligen Augustinus (Bild rechts) für die Karlsbrücke fertigstellte. Beide Statuen sind aus lokalem Sandstein gemeißelt.

Kohl gehörte neben Johann und Ferdinand Maximilian Brokoff zu den bekannteren Bildhauern des Barock in Prag. Von ihm stammt unter anderem auch der berühmte Bärenbrunnen (Medvědí kašna) im Park des 14. Oktober (náměstí 14. října) im Stadtteil Smíchov (Prag 5). Noch berühmter ist möglicherweise der sogar nach ihm benannte Kohlbrunnen (Kohlova kašna) hoch oben auf der Burg im zweiter Innenhof, den er im Jahre 1686 hier erbaute.

Kohl stellt den Heiligen Nikolaus von Tolentino mit seinem traditionellen Attribut dar, einer Lilie. Die Blume steht in der christlichen Ikonographie für Reinheit und Unschuld. Vor ihm kniet ein kleines Kind, das einen Brotkorb auf seinen Schultern trägt. Kohl spielte damit auf den Einsatz des Heiligen für die Armen an. In Tolentino, wo natürlich auch die Hauptkirche, die Basilica di San Nicola (mit dem Grab des 1305 Verstorbenen) nach ihm benannt ist, wird an seinem Gedenktag übrigens auch Brot gesegnet, was unter anderem gegen Gicht helfen soll. Durch Kohls Bildsprache hebt er sich klar von den Darstellungen des Nikolaus von Myra (auch in Prag, wie wir auch hier zeigten) ab. Wenn der Unterschied dem Leser nun klar ist, hat dieser Beitrag seinen Beitrag geleistet.

Ach ja: Wer den Nikolaus von Tolentino feiern will, der tue das denn doch bitte nicht am heutigen Gedenktag des Nikolaus von Myra. Der Gedenktag des „anderen Nikolaus“ ist am 10. September (sein Todestag). Nichts hindert einen daran, ihn an diesem Tag für seine guten Taten zu preisen. Nur Geschenke gibt es in der Regel dabei nicht. (DD)

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