Der Weltmissionar auf der Karlsbrücke


Das ist フランシスコ・ザビエル. Den kennen wir als den Heiligen Franz Xaver. Aber er hat als Erster versucht, die Japaner zum Christentum zu bewegen. Damit ging er in die Geschichte ein und sicherte sich seinen Platz als Statue auf der Prager Karlsbrücke. Sein kirchlicher Gedenktag ist heute, am 3. Dezember.

Francisco de Jasso y Azpilicueta (so hieß er eigentlich in voller Länge) wurde 1506 in der Nähe von Pamplona in Spanien geboren und wuchs in Zeiten hinein, in der die katholische Kirche schwere Sinnkrisen durchmachte und im Protestantismus christliche Konkurrenz bekam. Zusammen mit Ignatius von Loyola gehörte er zu den Gründern des Jesuitenordens, der sich für ein kirchliches Reformprogramm zur Erneuerung und Stärkung der katholischen Kirche. Und zu diesem Reformprogramm gehörte die Mission außerhalb der alten, europäischen Welt. Und die Liste der potentiell missionierbaren Länder wurde immer größer, nachdem Kolumbus 1492 mit Amerika (das er für Indien hielt) angefangen hatte. Franz Xaver fokussierte sich sogleich auf das bevölkerungsreiche Asien. Nachdem sich 1540 die Jesuiten in Portugal etabliert hatten, machte er sich im Jahr darauf ins indische Goa auf, das damals portugiesische Kolonie war. Dort betrieb er erfolgreich Mission, nicht nur vor Ort, sondern etwa unter den Perlenfischern Südindiens, von denen er rund 30.000 bekehrt haben soll. Dasselbe machte er ab 1545 im Malaiischen Archipel. Im Jahr darauf musste er aber zurück nach Goa, weil sich die Bekehrung vieler Bewohner als zu oberflächlich erwiesen hatte. Also kriegten die noch einmal eine Vertiefungslektion.

Nächste Station: Japan. Das Land hatte man möglicherweise schon 1543 entdeckt, aber erst im Jahre 1547 erweckte das bei Franz Xaver Missionsgelüste. Er bereitete zwei Jahre lang eine Expedition vor (u.a. indem er von in Indien weilenden Japanern die Sprache fließend lernte und selbige dabei missionierte) und segelte 1549 mit Ordensbrüdern los. Er arbeitete hartnäckig und mit Erfolg. Schon bald wurde in Yamaguchi die erste Gemeinde gegründet. Weitere folgten. Er schien in den Augen vieler Japaner recht überzeugend zu sein, aber er erkannte, dass die Konversion eines Landes am besten funktionierte, wenn man den Herrscher bekehrte. 1551 zog er als armer Bettelmönch in die Hauptstadt Kyoto, um dort den Kaiser zu treffen. Der ließ ihn aber gar nicht erst vor. Nachdem er aber trotzdem bei der Bekehrung des einfachen Volkes einige Fortschritte gemacht hatte, überließ er 1552 das Land talentierten Mitarbeitern und machte sich an das ganz große Projekt: die Missionierung Chinas. Da kam er allerdings nicht weit. Der Kaiser ließ ihn gar nicht erst ins Land. Franz Xaver saß auf der vorgelagerten Insel Shangchuan Dao fest, wo ihn nach einiger Zeit ein tödliches Fieber dahinraffte.

Sein Leichnam wurde nach Goa geschafft, wo er bis heute in einem gläsernen Glasschrein in der Klosterkirche aufgebahrt ist und Wallfahrer anlockt. Nun ja, nicht vollständig, denn Teile wurden als Reliquien in der Welt verteilt – etwa der Unterarm nach Rom. Vor allem aber verteilte sich sein Ruhm gleichmäßig und auf hohem Niveau in der Welt. Schon 1619 wurde er selig- und 1622 heiliggesprochen, was relativ schnell ging. Vor allem wurde er aber zum Inbegriff des christlichen Weltmissionars schlechthin. Dazu trug auch bei, das unzählige Briefe von ihm aus seinen Missionen erhalten sind, die teilweise schon zu Lebzeiten (erstmals 1545) veröffentlicht wurden, und die ihn als einen sehr modernen Typ des Missionars präsentieren – einer, der nicht herablassend die Botschaft den „Wilden“ vermittelte, sondern sich auf die Eigenarten, Gebräuche und Vorlieben der Menschen in fernen Ländern liebevoll einließ. Seine Sprachbegabung und Bildung halfen dabei. Da macht es wenig, dass sein „größtes Werk“, die Missionierung Japans, nicht lange Bestand hatte. Unter den Tokugawa-Shogunen schloss sich Japan 1641 völlig von der Welt ab. Als unheimliche Vorankündigung hatte man schon 1614 damit begonnen, die Christen im Lande, die als Fremdländisch betrachtet wurden, gnadenlos zu verfolgen und hinzurichten. Die Missionare waren ab 1630 vertrieben. Aber ihr Mentor Franz Xaver blieb – wohl zurecht – weiterhin als der große Verbreiter des Glaubens im Gedächtnis der Weltkirche haften.


Diese Bedeutung Franz Xavers als Weltmissionar ist auch der Kern der Darstellung des Heiligen auf der Karlsbrücke. Die stammt aus dem Jahre 1711. Gestaltet wurde sie von dem Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff, der sich 1709 mit seiner Gestaltungsidee bei der Ausschreibung für die Anfertigung der Statue gegen den Entwurf von Johann Georg Heintsch durchgesetzt hatte. Heintsch durfte den Heiligen dann 1710 zum Trost auf dem Giebel der in Sichtweite befindlichen Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir hier berichtet haben, in Stein verewigen. Siehe kleines Bild links.

Aber zurück zur Karlsbrücke: Wie in den Zeiten des Barock schon üblich, wird Franz Xaver in der Brokoffschen Fassung auf der Karlsbrücke gar nicht mehr im Kontext seiner realen Missionstätigkeit in Teilen Asiens dargestellt, sondern als Weltsymbol. Die Gestalt des Heiligen ist umgeben mit allegorisch dargestellten Bewohnern von Weltgegenden, in denen er weder je war oder je missioniert hatte. Anders gesagt: Bei den Figuren, die ihn umgeben, handelt es sich primär um Allegorien der Weltkontinente oder -kulturen. So sehr Franz Xavers Rang als Pionier der außereuropäischen Mission unumstritten ist, so sehr verfremdet diese allegorische Darstellung die Realitität und die eigentliche Qualität des Missionswerks des Heiligen. Franz Xaver hatte tiefen Respekt vor fremden Kulturen und sein Missionsansatz war nicht der einer Unterwerfung. Für seine Zeit hatter er ein sehr modernes und universalistisches Bild vom Christentum. Das Brokoffsche Denkmal repräsentiert hingegen das Verständnis von Mission als Vorstufe einer Art Kolonisierung von inferioren Kulturen. In zürnender Poste erhebt der Heilige das Kreuz über den fremden Völkern. Fast sieht es aus, als ob er mit dem Kreuz zuschlagen wolle.

Direkt um ihn herum befinden sich demütig zu ihm aufschauen Allegorien für Asien und für die Bekehrten (mit einer Bibel), die man auf dem Bild zweiten kleinen Bild oben sehen kann. Aber diese Gruppe der Adoranten mit dem Heiligen steht nochmals auf einer Steinplatte, die von etwas kleineren Personifizierungen von Kontinenten getragen wird. Die gebeugten Figuren ähneln – wohl bewußt als künstlerische Anspielung – sogenannten Atlanten, die sonst zur Stützung von Balkonen und Erkern in der Architektur verwendet werden. Besonders die Figur des Afrikaners erinnert dabei eindeutig an die eines Sklaven (Kleines Bild rechts). Vorne findet man eine mit zwei Katana-Schwertern ausgestattete Figur eines (mutmaßlichen) Japaners (Bild oberhalb links).

Immerhin war diese Sicht der Mission in Böhmen schon damals nicht unhinterfragt. Man betrachte zum Beispiel die Statue des Heilige vor dem Jesuitenkolleg in der Stadt Kutná Hora, die 1708/09 – also fast gleichzeitig – von dem Bildhauer Franz Baugut geschaffen wurde. Auch hier wird grob dem ikonographischen Kanon gefolgt, der vorsieht, dass Franz Xaver in Mantel und Chorhemd gekleidet zwischen allegorischen Darstellungen fremder Länder steht. Nur schaut der Heilige hier nicht streng auf die Menschen herab, sondern verzückt in den Himmel, göttliche Inspiration suchend. Die beiden lebensgroßen (also nicht verkeinerten) Allegorie des Orients neben dem Sockel sehen selbstbewusst aus und scheinen aufrichtig vom Glauben beseelt, was die Hand auf der Brust signalisiert. Auch scheint der Künstler die tatsächlichen Missionsgebiete des Heiligen symbolisieren (wie man sich sie halt damals so vorstellte). Sie schauen nicht servil zu dem Heiligen hoch und er nicht herablassend auf sie herab wie bei Brokoff. Sie unterwerfen sich nicht einem (heiligen) Menschen, sondern erkennen das göttliche Wirken, dass ihnen der Heilige als Mittler Gottes weitergab. Mission als Vorstufe der Unterwerfung – ein wirklicher Konsens darüber bestand in diesen Zeiten offenbar dann doch nicht. Zweifellos ist Brokoffs Statue mit seiner dramatischen Stufung eine der künstlerisch wertvollsten Barockdarstellungen des Heiligen Franz Xaver überhaupt. Dem Heiligen selbst hätte aber möglicherweise die Version von Kutná Hora besser gefallen. (DD)

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