Talsperre, wo Kaiser Ferdinand einst die Fluten bändigte

Als der Steinmetz Zacharias de Bussi Campione im Jahre 1643 zu Ehren von Kaiser Ferdinand III. am Moldauufer die Ferdinandssäule (Ferdinandův sloup) errichtete, ahnte er nicht, dass die dereinst nicht nur malerisch an einem Felsen ihre Pracht entfalten, sondern auch einen atemberaubenden Kontrast zu einem technischen Großbauwerk bilden würde, das seine Vorstellungskraft mit Sicherheit gesprengt hätte. Die Rede ist von der Talsperre Slapy (Přehrada Slapy).

Die Staumauer befindet sich an der Grenze zwischen den Ortschaften Třebenice und Slapy gehört (daher der Name) in Mittelböhmen – rund 35 Kilometer vom Prager Zentrum entfernt. Prag bezieht von hier einen großen Teil seines Stroms. Die Talsperre wurde in den Jahren 1949 bis 1955 errichtet und 1956 feierlich eröffnet. Sie ist 67,5 Meter hoch und 260 Meter breit. Die Mauer verfügt über vier je 15 Meter breite Überlauffelder, durch die 3000 qm pro Sekunde fließen können. Das Wasserkraftwerk verfügt über drei sogenannte Kaplan-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 48 Megawatt bei 108 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Neben der Stromproduktion dient er der Trink- und Nutzwasserversorgung und der Regulierung des Hochwasser darunter, was auch die Schifffahrt dort ermöglicht.

Mit dem Thema der Schiffahrt kommen wir wieder zurück zur Ferdinandssäule. Die Moldau war früher ein ungebändigter Fluss, der für normale große Schiffe unbefahrbar war. Moldauschifffahrt, das waren in der Hauptsache Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Dort, wo heute der Stausee beginnt, war im frühen 17. Jahrhundert eine der gefährlichsten Stromschnellen. Reißende Strömungen und tückische Untiefen und Felsen führten immer wieder zu schrecklichen Unfällen, bei denen Menschen umkamen und großer wirtschaftlicher Schaden entstand. In den 1630er Jahren ordnete daher besagter Kaiser Ferdinand III. an, die Moldau im Bannkreis von Prag sicherer und teilweise schiffbar zu machen. Die Stromschnelle wurde „entschärft“ und Felsen im Wasser entfernt. Das rettete viele Menschenleben und belebte die vom Dreissigjährigen Krieg geschädigte Wirtschaft. Deshalb setzte man im nach Abschluss der Arbeiten 1643 mit der Säule ein Denkmal.

Damals befand sich oben auf der Säule neben der gemeißelten Darstellung eines symbolischen Korb mit Steinen (siehe großes Bild oben) auch ein gusseiserner Habsburger Adler mit Krone, das Werk eines Schmiedes namens Hans Kugler aus Prag. Als die Tschechoslowakei 1918 unabhängig wurde und sich vom Habsburgerreich löste, brachen nationalistische Vandalen im Eifer ihrer Begeisterung die Krone ab und warfen sie anscheinend irgendwo (unauffindbar!) in Wasser.

Die immer noch stattliche „Restsäule“ (auf der sich heute eine Metallspitze befindet, die an einen Blitzableiter erinnert) steht übrigens nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort. Sie befand sich nur wenig weit entfernt stromaufwärts ebenfalls auf einem pittorsken Felsen wie heute. Da wäre sie aber Dank des Dammes heute unter Wasser. Aus irgendwelchen Gründen waren aber die Kommunisten 1949 gnädiger gegenüber dem guten Ferdinand III. als es die Republikaner 1918 waren. Man gab sich Mühe, sie fachgerecht und an einen imposanten Ort zu versetzen.

Die Stelle, wo früher die Flößer so arg in Gefahr gerieten, ist als Svatojanské proudy (Johannisströme) bekannt. Den Namen bekam der Ort aber erst, nachdem Ferdinand ihn einigermaßen gebändigt hatte. 1722 stellte man nur wenige Meter unterhalb der Ferdinandssäule eine barocke Statue des böhmischen Heiligen Nepomuk auf, die man hier immer noch bewundern kann (bzw. eine Kopie, die man 1908 anfertigte, da das Original bei Wind und Wetter langsam aber sicher erodiert war).

Die Statue betete man wohl gerne an, denn auch ohne die Felsen und Untiefen war das Wasser im sehr engen Flusstal immer noch recht reißend. So reißend, dass sie romatisch veranlagten Musikern gerne und oft zur Inspiration diente. Der Nationalkomponist Bedřich Smetana wurde 1874 durch die Schnellen zu seinem weltberühmten Ohrwurm Die Moldau (Vltava) angeregt. Der weitaus weniger bekannte Komponist Josef Richard Rozkošný schrieb 1871 sogar eine ganze – heute kaum mehr bekannte – Oper mit dem Titel Svatojánské proudy.

Kein Wunder, dass das Areal um den Stausee schon im 19. ajhrundert zum Ausflüglerparadies für die Prager wurde, die sich gerne hierher schippern ließen, um das felsige und malerische Flussufer zu erwandern. Den Freizeitwert hat die Talsperre duchausgehoben.Der Stausee ist ganze 44 Kilometer lang und hat eine Fläche von 1392 Hektar. Restaurants und Freiluftschwimmbäder laden ein. Paddler und Segler finden hier ein wahres Paradies. Sogar etliche Ausflugsdampfer fahren hier. Desgleichen kann man auch im Fluss unterhalb sehen, so die Wasserregulierung durch den Damm den Bootsverkehr noch sicherer gemacht hat als es schon die Arbeiten unter Kaiser Ferdinand getan hatten. Ein Problem für Bootstouristen gibt es doch. Aller die kleineren Stauwerke zur Flussrgeulierung und Stromgewinnung, die sich unterhalb befinden, verfügen über Schleusen, durch die Schiffe mühelos hindurch kommen. Das ging hier nicht. Um das Problem zu lösen, wollte man in der Dammmauer ein kleine Schiffshebewerk einbauen, das Boote mit einer Wasserverdrängung von bis zu 300 Tonnen passieren lassen sollte. Die tunnelförmige Einfahrt unterhalb des Dammes kann man heute noch sehen. Weiter kam man nicht. Das Projekt blieb bis heute unvollendet.

Für kleine Bötchen gibt es jedoch eine Zuganlage, die von einem Traktor betrieben wird. Theoretisch kann man also doch noch weit über den Stausee hinaus paddeln oder rudern. Auf jeden Fall ist eine Flußreise heute erheblich sicherer als vor den Zeiten Kaiser Ferdinands, und zwar nicht nur, weil es keine wirklichen Stromschnellen mehr gibt. Auf dem touristisch erschlossenen Stausee ist man auch vor Räubern und anderen Gefahren sicher. Wie man im Bild rechts im Vordergrund sieht. patrouilliert hier auch ein Schnellboot der Wasserpolizei, wenn es die Lage erfordert. (DD)

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