Vom Wal verschluckt in Mnichovice

Es geht das Gerücht umher, dass hier auf der Kanzel predigende Priester einfach spurlos verschwunden seien. Wie vom Walfisch verschluckt. Scherz beiseite: Nur 27 Kilometer vom Prager Stadtzentrum entfernt liegt am passend so genannten Flüsschen Mnichovka die kleine Ortschaft Mnichovice u Říčan. Das ist ein kleiner Ort mit einer beeindruckenden Barockkirche, der Kirche Mariä Geburt (Kostel Narození Panny Marie). Und drinnen findet man die ebenso beeindruckende Kanzel mit einem recht pittoresken Wal.

Wir dürfen annehmen, dass der Schnitzer und Bildhauer Lazar Widmann niemals einen echten Wal in der Moldau oder sonstwo hat schwimmen gesehen, als er um 1754 uns die alttestamentarische Geschichte des Propheten Jona (Bibel: Jona 2,1-11) in vergoldetem Stuck erzählen wollte. Dabei geht es um Jonas Weigerung, bei einer Reise einen göttlichen Auftrag auszuführen, was Gott damit bestraft, dass Jona von einem Wal verschluckt wird, was – wie mir ein Walkenner versicherte – anatomisch in der Regel nicht möglich ist. Drei Tage schmachtete Jona im Walbauch, bevor Gott in erlöst und vom Wal ausspucken lässt. Um die Dramatik der Szene zu erhöhen, hat Widmann dem Wal ein eher drachenähnliches Äußeres gegeben. Er ist schuppig, während echte Wale eine glatte Haut haben, kann sich schlängeln und verfügt über stichelige Flossen. Geschickt stülpt er sein scharf bezahntes Maul so über die Kanzel, dass die Besucher von Gottesdiensten Angst um ihren Priester haben müssen, wenn sich er es wagt, dort drinnen zu predigen. Unterhalb kann man dann Jona beobachten, wie er kopfüber aus dem Wal purzelt. Eine sehr originelle Darstellung!

Und nun aber auch ein paar Worte zur Kirche selbst.Ursprünglich stand hier eine romanische Kirche, die im Jahre 1134 von den Mönchen des nahen Klosters Sázava erbaut wurde, und die sogar in der berühmten böhmischen Chronik des Kosmas aus dem 12. Jahrhundert Erwähnung fand. Um 1330 war Mnichovice größer und die Kirche zu klein geworden. Eine neue gotische Kirche wurde gebaut. Die überlebte mehr oder minder unverändert bis zum 23. August 1746, als ein großes Feuer Teile der Stadt und die Kirche zerstörte. Man begann sogleich mit dem Wiederaufbau im Barockstil und schon 1754 konnte der Stellvertetende Bischof von Prag, Antonín Jan Václav Vokoun, die neue Kirche einweihen. Im wesentlichen hat die Kirche seither die Gestalt, die wir heute kennen. Über den Architekten des imposanten Bauwerks, mit seinen schönen, von großen Voluten verzierten Giebeln, konnte ich nichts herausfinden.

Auf jeden Fall dürften die Kosten das überstiegen haben, was sich die die Dörfler von Mnichovice damals leisten konnten, aber bei so etwas gab es ja sowieso meist adlige Spender. In diesem Fall war es Johann Joseph Fürst von Khevenhüller-Metsch, ein enger Vertrauter von Kaiserin Maria Theresia und Wahlgesandter des Kurfürstentums Böhmen bei der Kaiserwahl. Der Mann war mächtig, reich und auch großzügig. Und deshalb brachte man damals auch – in Dankbarkeit und rotem Stein gemeißelt – das Wappen der Familie Khevenhüller-Metsch über dem Eingang der Kirche. Leider ist es aufgrund der Zeitläufe seither so verwaschen, dass man das Motiv der Eichel und Eichenblätter nicht mehr so recht erkennen kann.

Das Innere korrespondiert fast durchgängig und sehr harmonisch mit dem barocken Äußeren. Nicht nur die Kanzel mit Jona und dem Wal – das mit Sicherheit interessanteste Kuriosum unter en Kustwerken der Kirche -, sondern die gesamte skulpturale Ausstattung ist künstlerisch auf einem sehr hohem Niveau. Neben einigen Engelsdarstellungen, einer Pieta, einer Statue des Heiligen Antonius von Padua ist es vor allem die Darstellung der Taufe Jesu Christus durch Johannes den Täufer (Bibel: Markus 1,9–11) mit dem Heiligen Geist, der als von Sonnenstrahlen umgebene Taube herabkommt, die eine besonders intensive Bildwirkung ausstrahlt (siehe Bild rechts).

Daneben gibt es noch einige kleinere barocke Heiligengemälde (etwas des Heiligen Nepomuk und des Heiligen Franz Xaver). Aber darüber darf man natürlich nicht den großen Hauptaltar in der Apsis der Kirchevergessen – auch ein Werk des Barock, allerdings mit einem Altargemälde aus dem Jahre 1838 versehen. Das Gemälde mit der Darstellung der Geburt der Jungfrau Maria (das namensgebende Motiv der Kirche) stammt vom Prager Maler Václav Ignác Markovský, dessen Spezialität normalerweise patriotische Historienbilder waren. Markovský war übrigens Schüler des ungleich bekannteren Joseph Bergler, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste in Prag.

Bei dem Feuer von 1746 brannte übrigens auch das gotische Pfarrhaus hinter der Kirche ab. Aber auch das wurde natürlich wieder (und zwar selbstredend im Barockstil) aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde es wohl klassizistisch überarbeitet. Aber so vorsichtig, dass das Pfarrhaus immer noch harmonisch zur Kirche passt. Darüber hinaus muss der Haupt- und Kirchplatz im Zentrum Mnichovices, über dem das Ganze thront, früher die Grandiosität des Ganzen ästhetisch unterstrichen haben.

Leider haben die Stadtplaner der 1970er Jahre vieles von den alten Häuseresembles abreißen lassen, um sie durch recht eintönige sozialistische Einheitsarchitektur zu ersetzen. Das mindert den (trotzdem immer noch recht stattlichen) Gesamteindruck der Kirche im Stadtbild ein wenig. Einen Ausflug am Wochenende ist Mnichovice trotzdem und allemal wert, denn die Umgebung ist sehr schön und lädt zu angenehmen Wanderungen ein. Und dabei sollte man es nicht verabsäumen, die Kirche im Dorfe zu besuchen, wo der Wal gerade den Jona ausspuckt. (DD)

2 Gedanken zu “Vom Wal verschluckt in Mnichovice

  1. https://www.talmud.de/tlmd/tanach/jona-das-buch-jona/

    „Und mir sollte nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in welcher mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen [zu unterscheiden] zwischen rechts und links, dazu vieles Vieh?“

    – das Buch Jona scheint wieder brandaktuell (obwohl wir die 12 Myriarden noch nicht erreicht haben) – bei soviel liberaler Wahl-Kompetenz können wir nur hoffen, dass ein Finanzminister mit mildem Namen Europa vor dem Absaufen in der Schuld-Sündflut und anschließender Gelddigitalisierung (Versklavung) rettet. „Der letzte seiner Art“, wie die Weltwoche ihn auf dem Cover hat.

    Mit freundlichen Grüßen!

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